Good Gegenstandpunkt, bad Gegenstandpunkt

May 4th, 2009

Ja, es ist der “Gegenstandpunkt”, in dem es heißt, dem Papst würde “eine Versündigung am Wert ‘Holocaust’ zum Vorwurf gemacht” werden, der “Gegenstandpunkt”, der Veranstaltungen über “Israels unersättliches Existenzrecht” anberaumt, der “Gegenstandpunkt”, der von einem “Unkritisierbarkeitsgebot” gegenüber Juden spricht und der in der aktuellen Ausgabe die Stimmung gegenüber der katholischen Kirche so beschreibt: “Vielmehr hat sie ihre Unterordnung unter die Mission, dass Juden immer und überall zu achten sind, zu beweisen!”

Warum lese ich den trotzdem, außer aus Gründen des Feindstudiums? Warum habe ich solange versucht, mit seinen größtenteils zugenagelten und rechthaberischen Anhängern in der Blogosphäre zu kommunizieren?

Hauptsächlich der wirklich schlauen und treffenden Texte zur Ökonomie wegen. So findet sich auch in ebenjener aktuellen Ausgabe eine famose Erwiderung auf verbreitete linke Äußerungen zur Finanzkrise, namentlich auf Elmar Altvater, Sahra Wagenknecht und Joachim Bischoff.

Wenn Wagenknecht schreibt: “Wichtig ist nur die Aussicht, dass es immer noch einen größeren Trottel gibt, der einem das Zeug zu einem höheren Preis abkauft, als man selbst gezahlt hat”, hält der GSP dem richtig entgegen: “Jetzt, aber auch erst jetzt, steht der Käufer solcher Papiere als Trottel da.” Wenn Wagenknecht nun die “Innovation” in der Industrie lobt, erinnert der GSP sie daran, daß sie diese sonst als “Rationalisierung” kennt: “Bei der wird arbeitssparende Technik eingesetzt, nicht um den Arbeitskräften Arbeit, sondern um den Betrieben Lohn zu ersparen, und die Firma dadurch reicher zu machen, dass die Arbeitskräfte einen kleineren Teil ihres Produkts als Lohn nach Hause tragen.”

Zum Gerede vom “fiktiven Kapital” wird zunächst angemerkt, daß dabei “die Stammsumme aus einer Hochrechnung oder ‘Kapitalisierung’ erwarteter Erträge, aus welcher Quelle diese Erträge auch immer stammen mögen”, entsteht. Dann wird klargestellt: Die “‘fiktive’ Bereicherung hat über mancherlei Auf und Ab bald ein halbes Jahrhundert lang echte Reiche und echte Vermögenswerte erzeugt, mit denen sich alles machen ließ, was sich mit Geld machen lässt.”

Den genannten Linken wird attestiert, daß sie die “kritischen Attribute des Kapitals, die sie einmal gelernt haben”, nun fürs Finanzkapital “reservieren”: das “folgte einem maßlosen Wachstumswahn und Bereicherungstrieb, eignet sich die Früchte fremder Leistung ohne eigene Leistung an” und “ist rücksichtslos gegen die Leistungskraft [seiner] Quellen”. Weiter:

>>Das Realkapital, das “echte Werte” schafft, bekommt durch den Kontrast lauter positive Eigenschaften: Dass es für seinen Profit Produkte herstellt und verkauft, dass es dafür Lohnarbeiter ausnutzt, sich den materiellen Lebensprozess der Gesellschaft unterwirft und ihn vom Gelingen seiner Bereicherung abhängig macht, – das alles verkehren seine Liebhaber in einen Dienst des Realkapitals am Leben der Gesellschaft: Es erzeugt Nützliches und schafft Arbeitsplätze. Dabei irritiert es sie auch nicht, dass die liebe Realwirtschaft vom Zusammenbruch der Finanzspekulation nur deshalb betroffen ist, weil sie ihr Geschäft selbst auf Kredit gründet. (…) Im Kredit wird die Kommandomacht des Geldes über die Arbeit und andere produktive Potenzen zur Ware, die sich der kreditnehmende Kapitalist kauft.<<

Die "System- und Kapitalismuskritik" der behandelten Autoren gilt...

>>…eben nicht dem Umstand, dass es in diesem Wirtschaftssystem nicht um die möglichst aufwandsarme Herstellung der Lebensmittel für alle geht, sondern um das immer weiter fortschreitende Wachstum des Kapitals, also um die beständige Vermehrung der Verfügungsmacht der Eigentümer über die Arbeit. Diese Kritiker finden es nicht verkehrt, dass die arbeitende Menschheit der Kapitalakkumulation subsumiert wird, und daher für ihren Lebensunterhalt lange arbeiten muss und doch immer arm bleibt.<<

Das Programm dieser Linken faßt der GSP schließlich in vier Überschriften zusammen:

  • “Zuerst retten wir den Kapitalismus…”
  • “…dann sorgen wir für soziale Gerechtigkeit bei der Rettung der Banken!”
  • “Für die Zukunft nehmen wir den Kapitalisten das Spielzeug weg, mit dem sie nur Unsinn anstellen”
  • “Zuletzt verbieten wir die Krise”
  • Schließlich heißt es bezugnehmend auf die Erklärung der DKP zur Finanzkrise, in der die “Sicherung der Sparkassen, öffentlichen Banken und des Gemeinschaftswesens vor der Privatisierung” verlangt wurde:

    >>Banken in Volkes Hand! Zins- und Spekulationsgeschäfte im Interesse der Arbeiterklasse! Mein Gott, das ist Kommunismus!<<"

    16 Responses to “Good Gegenstandpunkt, bad Gegenstandpunkt”

    1. Krise und Ableitung « meta.blogsport Says:

      [...] Apropos good Gegenstandpunkt, bad Gegenstandpunkt [...]

    2. nonono Says:

      Für mich ist das auch ein Rätsel, wie dieser entfaltete marxistische Sophismus mit der schlecht verbrämten Möllemännerei zusammengeht. Zumal beim Fußvolk ersteres nie so richtig angekommen ist, zweiteres aber gut einzuschlagen scheint.

      Ist aber nicht ganz unähnlich der Mangelrezeption der Kritischen Theorie beim antideutschen Anhang und dann aber seiner Begeisterung fürs plumpe antimuslimische Ressentiment.

    3. Pent C. Klarke Says:

      Die letzte Diskussion bei Mpunkt über “Israelkritik” (http://mpunkt.blogsport.de/2009/04/21/israel3dsentwurf1/#comments) endete merkwürdigerweise damit, daß meine letzten beiden Kommentare von Mpunkt gelöscht wurden. Darin hatte ich mich zuerst gefragt, warum es GSP eigentlich immer nur um “Israel”- und nicht auch mal um “Venezuela”- oder “China”-Kritik gehe, mich dann aber dagegen entschieden, denen irgendwas unterstellen zu wollen, denn nach einiger Reflexion kam ich dann doch darauf (und sagte dies auch so), MPunkt zugute zu halten, daß er in seiner Kritik immer Werte wie Rationalität und Freiheit vertritt und im Grunde ein wahrer Humanist sei. Das Motiv der Beschäftigung des GSP mit dem Thema “Israel” sehe ich bei ihm also eher begründet durch den humanistischen Impetus, bestehende affektive “Fesselungen” aufzulösen. Es scheint aber, als ob MPunkt davon nichts hören will (angeblich vertritt er ja gar keine Werte…).

    4. Depp Says:

      Pent C. Klarke, Du hast sie doch nicht mehr alle!
      Und wo hat MPunkt schonmal Werte wie Rationalität und Freiheit verteidigt?

      Was der GegenStandpunkt vom Humanismus hält, kann sich wer will anhören.

    5. MPunkts Papagei Says:

      Fast jedes der von Pent C. Klarke benutzten Wörter und jede der von ihm aufgestellten Behauptungen wäre eigentlich gegen den Strich zu bürsten. Aber so kennt und liebt man ihn hier ja.

      Nur ein Punkt: Es gehört schon seine recht verfestigte Ignoranz und Feindseligkeit dazu, der Publizistengruppe GegenStandpunkt, die geradezu enzyclopädisch buchstäblich gegen Gott und die Welt in Schrift und Wort zu Felde geht, den für jeden, der die Truppe auch nur ab und an zur Kenntnis nimmt, offensichtlich nicht zutreffenden Vorwurf zu machen, “warum es GSP eigentlich immer nur um “Israel”- und nicht auch mal um “Venezuela”- oder “China”-Kritik” geht.

      Und nach so einer bewußten Unterstellung muß dann eben kommen, daß man natürlich keine solche vorgehabt habe. Ja, ja, dem Israel- und Werte(!!)-freund ist eben alles recht, wenn es nur den Anschein hat, irgendwie doch als Argument durchzugehen.

    6. Wendy Says:

      Zur Kritik realsozialistischer Experimente gibts vom GegenStandpunkt gleich zwei ganze Bücher. Ein bisschen Recherche im Archiv der MSZ oder des GSPs hätte auch nicht geschadet.

      Peter Decker / Karl Held
      Abweichende Meinungen zur “deutschen Frage”
      DDR kaputt
      Deutschland ganz
      Eine Abrechnung mit dem “Realen Sozialismus”
      und dem Imperialismus deutscher Nation
      München 1989
      336 Seiten € 8.–
      ISBN-13: 978-3-929211-06-1
      ISBN-10: 3-929211-06-8

      Peter Decker / Karl Held
      Abweichende Meinungen zur deutschen Einheit
      DDR kaputt – Deutschland ganz (2)
      Der Anschluß
      Eine Abrechnung mit der neuen Nation
      und ihrem Nationalismus
      München 1990
      253 Seiten € 8.–
      ISBN-13: 978-3-929211-07-8
      ISBN-10: 3-929211-07-6

    7. Leo Says:

      Ergänzend zum Hinweis des Papageien eine Information für Menschen, die nicht an dem typischen funktionellen Analphabetismus der israelsolidarischen Glaubensgemeinschaft leiden: In den 62 Heften des GegenStandpunkt mit 1162 Artikeln haben 29 = 2,5 % “Israel” zum Thema. (China: 24; Venezuela: 3)

      Dieser banale Fakt wird natürlich nichts daran ändern, dass dieser Schwachsinn so sicher wie das Amen in der Kirche auch weiterhin breitgetreten wird – es geht schließlich auch nicht um Fakten.

    8. MPunkts Papagei Says:

      Theo Wentzke hat einige Veranstaltungen zu Venezuela gemacht. Und, schon etwas länger her, auch über Kuba. z.B.: http://kk-gruppe.net/mp3/Lateinamerika_B_20070510.mp3 und
      http://www.archive.org/details/GegenStandpunkt_Theo_Wentzke_Kuba_Berlin_1997

      Wolfgang Rössler zum “Linksruck in Lateinamerika
      Die neuen sozialistischen Heilande und Venezuelas Aufstand im Hinterhof der USA” in Freiburg http://www.archive.org/download/VergangeneVortraege3/lateinamerika.freiburg.mai2007.mp3

    9. Pent C. Klarke Says:

      @ Depp: Demselben Link läßt sich aber auch entnehmen, daß Israel die Hitliste des GSP immer noch anführt! Gut, das muß ja nichts heißen…

      Und wo MPunkt schon mal Werte wie Rationalität und Freiheit verteidigt hat? Soll das’n Witz sein? Das ist echt das Problem mit euch Dogmatikern, daß ihr euch gar keinen Begriff davon macht, was das denn ist, was ihr euch da einpauken lasst. Den Wert Rationalität verteidigt MPunkt mit jeder Diskussion, die er führt, indem er auf Argumenten besteht, Gegenstandswechsel kritisiert etc. pp. Bitte einfach mal vergangene Diskussionen durchblättern! Selbstverständlich bindet er euch nirgendwo auf die Nase, daß er den Wert Rationalität verteidigt, aber das ist es letztendlich, was er tut.
      Und die Freiheit – darauf läuft doch die Kritik immer wieder an entscheidender Stelle hinaus, daß einen, z.B. den Arbeiter, niemand dazu zwingt, nach der Staatsgewalt zu rufen, Nationalist zu sein etc., daß also die Freiheit bestünde, sich auch anders zu entscheiden – für den Kommunismus z.B. Gerade hier doch immer MPunkts Kritik an den sozialpsychologischen Theorien etc., die hier irgendwelche Mechanismen der Verführung, i.S. des falschen Bewußtseins, als notwendige Tatbestände zu erklären suchen.
      Bitte einfach mal selber nachdenken!

    10. Cannabis Kommando Says:

      Wenn Die Linke angibt sie könne die bessere Schlamasselverwaltung machen als Guttenberg, dann ist das wohl eher ein Reflex darauf dass dieser völlig aberwitzige Vorstellungen von der “SED” hegt, als tatsächlichem Verständnis entsprungen worum es bei der sogenannten “Bankenrettung” geht.

      Doch auch die Gegenstandpunkt-Analyse kommt ausgehend von der von den Kapitalisten selbst eingeräumten Tatsache, dass im Epizentrum der Krise die Immobilien und deren Bewertungen stünden, nicht weiter als bis zu der Auffassung dass damit in erster Linie private “Häuslebauer” gemeint seien, das alte Aushängeschild der Banken aus der Zeit des Ölbooms. Immobilien sind aber auch Verkehrswege und Produktionsmittel, öffentliche und gewerbliche Anlagen deren Finanzierungsvolumen das der privaten Bausparer in den Schatten stellt.

      Wegen der fehlgeleiteten “Bankenrettung” werden aus den Mitteln des Konjunkturpakets Autobahnen ohne realen Bedarf in die Landschaft gebaut, und über den Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung der Frankfurter Flughafen ohne jeden Sinn und Verstand um eine vierte Landebahn erweitert. Die suboptimalen Hypotheken werden also mittels noch umfangreicherer noch suboptimalerer Hypotheken aufgefangen. Eigentlich sollte es doch nicht so schwer sein, sich endlich mal was Besseres einfallen zu lassen als immer größere Investitionsruinen.

      http://www.youtube.com/watch?v=JnX-D4kkPOQ

    11. geldgeil Says:

      “Warum lese ich den trotzdem, außer aus Gründen des Feindstudiums? Warum habe ich solange versucht, mit seinen größtenteils zugenagelten und rechthaberischen Anhängern in der Blogosphäre zu kommunizieren?

      Hauptsächlich der wirklich schlauen und treffenden Texte zur Ökonomie wegen.”

      Aus dem aktuellen Gegenstandpunkt:
      http://www.gegenstandpunkt.com/gs/09/2/gs20092097.html
      “Man sollte dieser Welt, die einem mit der Erfindung von ‚bad banks’ dermaßen klare Lektionen darüber erteilt, worauf es in ihr ankommt, einfach keine Vorwürfe machen. Besser, man nimmt nüchtern und sachlich den Inhalt der Lektion zur Kenntnis – und dann stößt man von selbst auf die Entdeckung, dass Geld, näher: Geld in seiner Bestimmung, mehr zu werden, für etwas anderes gar nicht da ist, als die Welt zu regieren.”
      schlau und treffend? Geld regiert die Welt?
      Damit lassen sich Hass auf Reichtum und Luxus, personifizierte Kapitalismuskritik und sonstige Verschwörungstheorien rechtfertigen. Ich finde dazu kannst du dich mal äußern, da du diesen Schund bewirbst.

    12. classless Says:

      Ich finde nicht alle GSP-Texte zur Ökonomie schlau und treffend, sondern nur die, die ich schlau und treffend finde. (Weniger pampig geht gerade nicht.)

    13. geldgeil Says:

      Kann ich diesem Bekenntnis entnehmen, dass du den verlinkten Artikel aus dem GSP *nicht* schlau und zutreffend findest? (Weniger insistierend geht gerade nicht.)

    14. classless Says:

      Ich müßte ihn mal in Ruhe lesen und drüber nachdenken. I see your point und vermute das Problem im Themenkreis monetäre Kommandogewalt.

      Vielleicht fasse ich meine Lektüre des GSP auch nach dieser Ausgabe noch mal zusammen.

    15. geldgeil Says:

      Ich freue mich darauf.

      PS: Damit handelt man sich leider elendig lange Diskussionen mit “Du-Weißt-Schon-Wem” ein;)

    16. Cannabis Kommando Says:

      Ein schwer verdaulicher Text über ein ebensolches Thema, der aber dennoch den wesentlichen Punkt benennt (Bad Banks = “eine nach allen Regeln der Fälschungskunst hinkonstruierte juristische Fiktion”).

      Wie es dazu kommt können allerdings die Heuschreckendarsteller selber besser erklären:

      Grund für das Entstehen der Blasen ist das Überangebot an Geld, das von den Zentralbanken zur Abwehr von Rezessionen zur Verfügung gestellt wird. Wächst eine Wirtschaft langsamer als die bereitgestellte Geldmenge, so verliert jede Geldeinheit gegenüber der realen Wirtschaft nominal an Wert. Da es aber in der realen Wirtschaft keine Nachfrage nach diesem überschüssigen Geld gibt, sind die Banken, die das Geld günstig von den Zentralbanken erhalten, gezwungen, dieses überschüssige Geld einer anderen Verwendung zuzuführen, mit der sich eine Rendite erzielen lässt, die über dem von der Zentralbank festgelegten Zins liegt.

      Durch diese Anlage kommt es auf dem ausgesuchten Investitionsfeld zu Kurssteigerungen, die andere Banken auf diese Assets aufmerksam machen. Das führt zu weiteren Kurssteigerungen, die die Nachfrage nach solchen Assets weiter anheizen. … Die entstandenen Blasen in der Vergangenheit sind mit bloßem Auge zu erkennen: Die Dot.Com-Krise von 2001 etwa oder aber eben der “sub-Prime”-Zusammenbruch seit 2007. Es scheint, als ob sich das überschüssige wertlose Scheingeld von selbst vernichtet, wenn die Blase platzt.

      Es ist also gerade umgekehrt als “man sich das denken soll”, die Krise zieht sich hin nicht weil die Banken zu wenig Geld hätten sondern weil sie zuviel haben, und das ist tatsächlich eine Entscheidung der monetären Kommandogewalt.

      Und, welche langfristigen Folgen es für die Menschheit hat dass juristische Personen jetzt auch Zombies sein dürfen obliegt der Mutmaßung.

    Leave a Reply

    2MWW4N64EB9P