3 Fragen zu Nationalismus, Deutschland und Kommunismus

July 5th, 2010

Unterm letzten Posting hat ein Kommentierender drei Fragen zum Abgleich antinationaler und antideutscher Positionen aus den 90ern mit heutigen Positionen aufgeworfen – ich stelle diese Fragen hiermit noch mal zur Diskussion, weil mich selbst interessiert, wer dazu wie steht:

>>Wird Nationalismus noch als die neben Biologismus, Rassismus und Antisemitismus wirkmächtigste Form des “notwendig falschen Bewußtseins” angesehen und entsprechend als (mit) effektivste Verhinderung zur Entwicklung eines kritischen Bewußtseins, einer rationalen Erkenntnis der eigenen Interessen bekämpft?

Ist das deutsche volksgemeinschaftliche Modell immer noch deshalb Gegenstand besonderer Kritik und Gegnerschaft, weil es in Gestalt des Nationalsozialismus das wichtigste (und bisher unübertroffene) Beispiel für das Ineinanderaufgehen von Staat, Nation, Volk und Kapital hervorbrachte, damit immer wieder Nachahmer zu einer reaktionären Revolte, einer nationalen Revolution, zu einer negativen Aufhebung anstiftet?

Stellen sich die Aussichten auf Kommunismus also immer noch deshalb so trübe dar, weil sich das deutsche Vorbild (in unterschiedlichen konkreten Formen) weltweit so großer Beliebtheit erfreut und Nationalismus (nicht nur der deutsche) nach wie vor als so selbstverständlich gilt?<<

29 Responses to “3 Fragen zu Nationalismus, Deutschland und Kommunismus”

  1. musssein Says:

    Ja

  2. posiputt Says:

    ich kann dazu keine stellung nehmen, aber ich finde besonders die zweite frage sehr aufschlussreich. ich hatte bisher tatsaechlich probleme, die deutsche sonderrolle zu begreifen.

  3. SpamHustla Says:

    Vielleicht nehmen die Antideutschen die Deutschen auch zu wichtig? Was wiederum sehr deutsch ist, imaginiert man sich Deutschland oder die deutsche Ideologie als entscheidend für die Welt und Menschheitsgeschichte.

  4. plumps Says:

    Frage 2 und der erste Teil von Frage 3 sind in der aktuellen “antinationalen Linken” (oder wie auch immer die Leute sich nennen) eigentlich ziemlich klar mit “Nein” beantwortet worden. Zumindest, wenn man das “UmsGanze”-Bündnis und seine Gruppierungen (TOP, Antifa f o.ä.) als Referenz für diese Positionen heranzieht. Dort wird sich zwar viel mit Nationalismus, Staat etc. beschäftigt, aber nicht mit jenem beschriebenen Zusammenfallen von Staat, Volksgemeinschaft und Kapital.

    [Zitat antifa f-Mitglied: "Das spielt doch heute keine Rolle mehr".]

  5. Xenu's Pasta Says:

    Zum letzten Posting gabs nen Kommentar, welcher versucht, die integrative Funktion des Fussballnationalismus darzustellen. Ich hab damit ein Problem.

    Das funktioniert doch nur dann “integrativ”, wenn die zu integrierenden Objekte (Menschen, welche als weniger integriert wahrgenommen werden) sich der kulturellen Hegemonie unterwerfen, d.h. “mitmachen”. Wie’s aussehen soll, wird von denen definiert, die sich (in dem Fall) der kulturellen Zeichen des Nationalismus reichlich bedienen.

    Und wenn einer aus Versehen oder absichtlich die kulturellen Zeichen einer konkurrierenden Nation wählt, wird mehr oder weniger aktiv die Hegemonie durchgesetzt. Aktuelles Beispiel: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,704792,00.html

  6. ml Says:

    3x ja. 2x leider.

  7. sten Says:

    das problem an diesen fragen ist doch, an wen sie sich richten: “wird, ist, stellen..” adresse unklar. wie plump schon festgestellt hat, die postantideutschen-postantifa gruppen, das um´s ganze spektrum, haben diese position aufgegeben (wenn man böse sein will, kann man vermuten, dass man sich damit den karriereweg in kulturbetrieb, wissenschaft und administration des kapitalistischen normalvollzugsdeutschland offenhält). und dass ist ja noch die organisierte politische szene, die ideengeschichtlich ein verständnis für die frühe antideutsche theoriebildung haben könnte. außerhalb dieses spektrums sind doch die reflektionen, auf denen antideutsche theoriebildung beruht, nie nachvollzogen und verstanden worden, da ist dass doch immer nur auf “man darf israel nicht kritisieren” eingedampft worden. das problem der “deutschen ideologie” und ihrer globalisierten wirkungsmächtigkeit wird doch nur noch in abgelegenen zirkeln thematisiert. ich denke/hoffe, es gibt noch ne ganze reihe leute, die auf die fragen für sich mehr oder weniger nuanciert mit “ja” antworten, aber die sind wohl in ihrer mehrheit raus aus dem linkspraktizistischen politikbetrieb.

    (

  8. armstrong Says:

    verstehe auch nicht, warum das hinfaellig geworden sein sollte… es sei denn, die leute, die neuerdings dann doch schwach geworden sind und sich dem wohlig “warmen” gefuehl des “party-patriotismus” hingegeben haben, suchten nach irgendwelchen scheingruenden dafuer, warum sie jetzt eben gerne mit einem haesslichen lumpen am arm und den farben im gesicht “schland” schreien. xenu’s pasta ist da zuzustimmen insofern als dass dieser “neue” nationalismus sich vielleicht um hautfarbe, herkunft o. ä. nicht mehr schert. solcherlei “unverlaessliche indikatoren” kann die volksgemeinschaft sich eben nicht mehr leisten. wer allerdings laut genug mitschreit, allerhand “gute werte” und “tugenden” an den tag legt, und sich rundherum deutsch geriert, der darf mittun (auch wenn seine eltern tuerkische staatsangehoerige sind oder ihre mutter dunkle haut hat). wer nicht mittut (oder mittun kann) und sich gar dem taumel verweigert, fliegt – zumindest nach dem willen des mobs – raus.

  9. Belbo Says:

    Die Notwendigkeit der antinationalen bzw. konsequent weitergedacht dann antideutschen Krtik wird doch eigentlich in den Fragen recht klar. Die Bedeutung des Nationalismus (welcher halt in Deutschland auch heute besonders völkisch und aggresiv ausgeprägt ist) kann mit sachlichem Blick auf Fussballmobs und andere schwarz-rot-goldene Stolzretter wohl kaum übersehen werden. Das heißt, wenn diese abgestritten wird und z.B. die tollen Integrationsaspekte der schaurigen Sommermärchen und die gute Stimmung bejubelt werden, ist da jemand voll auf dem Verdrängungskurs und möchte die Gesamtscheiße nicht wahr haben. (Lese mensch nur einaml die Straßen aus Zucker o.ä., müsse mensch es besser wissen.) Nur so kann ich mir erklären, wie Linksdeutsche in Eintracht mit allem und jedem fröhlich dem nationalen Taumel beiwohnen. Ist ja nur Sport… oder doch nicht? Demnach ist antideutsche Krtik unbedingt aktuell und deine Frage aus meiner Sicht zu bejahen. Jeder positive Bezug auf Deutschland gehört angegriffen, gerade weil es massig Leute hinterm Ofen hervor lockt, wenn sie sich doch endlich mal wieder richtig feiern dürfen.

  10. jo Says:

    ich hab die antifa-f so verstanden,dass aus ihrer perspektive seit 1998 mit einer rotgrünen (sich als bürgerliche antifaschisten verstehenden) regierung der vorwurf einer völkischen nation und das “zücken der ausschwitz-karte” nicht mehr funktioniere und sich somit das spezifisch deutsche nationen-modell erledigt habe – und die kritik sich somit weniger auf die deutsche sonderrolle, sondern auf einen grundsätzlich antionationalen, auch gegen republikanische nationen gerichteten, bezug richten müsse.

    das erklärt aus meiner sicht jedoch nicht, warum frage zwei mit “ja” zu beantworten wäre, denn die deutsche geschichte vor ’90 ist davon ja nicht betroffen.

  11. sten Says:

    @jo

    dass meine ich mit der unfassbaren rückverdummung des um´s ganze spektrums: natürlich ist rot-grün-98 ein wichtiges datum, aber das erledigt doch nur eine personalisierende oldschool-linke kritik an deutschland, die das problem darin sah, dass ex-marinerichter, wehrmachtsfeldwebel, ss-offiziere etc. die staatlichen und wirtschaftlichen eliten stellten.

    wie man ausgerechnet aus dem antritt einer regierung, die “wegen auschwitz!” jugoslawien bombardiert (und damit die deutsche rache an der partisanenrepublik exekutiert) ableiten kann, dass “…das “zücken der ausschwitz-karte” nicht mehr funktioniere und sich somit das spezifisch deutsche nationen-modell erledigt habe” ist mir ein rätsel (oder nicht, siehe oben). die halten die kritische parole “deutschland wieder gut gemacht” tatsächlich für eine analytische feststellung.

    meine these ist, dass derartiger humbug u.a. zustande kommt, weil der jugoslawienkrieg sehr umfassend aus dem gedächtnis der (antideutschen) linken verschwunden ist. das kann nicht nur daran liegen, dass elsässer, der einst am eifrigsten dazu publizierte durchgeknallt ist. bezeichnend war ja, dass in der ansonsten ja doch sehr jahrestagsfixierten linken letztes jahr 10 jahre bomben auf belgrad kaum eine rolle gespielt haben. rot-grün-98 wird als epochenbruch als ende deutscher vergesellschaftung gesehen, aber weder ereignisgeschichtlich noch ideologiekritisch genauer unter die lupe genommen. schon das blamiert doch die so zustande gekommen annahmen.

  12. lasterfahrerei Says:

    ich werde mal ein aufstrich namens “kommunismus” auf den markt werfen, der hat die konsistenz von götterspeise (und damit eher eine niedrige trübheit) – dann gibts zu jeder mahlzeit gute aussichten auf “kommunismus”!

  13. Aktionskletterer Says:

    @lasterfahrerei – Der ist dann wohl nicht vegetarisch oder gar vegan, wahrscheinlich nicht einmal halal, oder? Zeig doch mal Deine Zutatenliste.

    @ein Kommentierender – Was sich seit der Endzeit des vorigen Jahrhunderts geändert hat, ist dass jeder der sprachlich dazu in der Lage ist am Außenminister vorbei mit dem Rest der Welt reden kann. Erst nachdem es sich von seiner militärischen Herkunft abgenabelt hat, erfüllt das Netz damit die Funktion zu verhindern dass die deutsche Ideologie sich durchsetzt indem sie alle anderen Stimmen niederbrüllt. Trotz aller Kinderkrankheiten der Digitalisierung, wie Überwachungsstaat, Werbespam, Trollstalking, etc. hat das dazu geführt dass die deutsche Regierung inhaltlich mit dem Rücken am Haushaltsloch steht, und das ohne dass irgendein politischer Gegner sie sichtbar dazu zwingt.

    Sie kann nicht einmal die autonome Antifa für ihre brenzlige Lage, etwa beim Kundus-Angriff, verantwortlich machen, sondern es ist eher so wie wenn ein Vulkan spuckt und die Fluggäste lernen müssen die veränderte Situation nicht persönlich zu nehmen. Vor 10 Jahren etwa wollte die Regierung die NPD verbieten, heute hat sie weder das vollbracht, noch dem Rest der Welt erklären können dass sie es sich doch anders überlegt hätte, und neigt daher dazu es als eine Folge höherer Gewalt zu betrachten das Thema besser ganz zu vermeiden. Da bleibt der staatlichen Außenpolitik nur noch Katastrophentourismus. Derartige Patts machen inzwischen einen Großteil des politischen Umfelds aus.

    Für die Aussichten auf Kommunismus im Weltmaßstab ist allerdings die seelische Situation der Deutschen nicht alleinig maßgeblich, sondern da stehen nach wie vor Eigentumsfragen im Mittelpunkt. Woraus ich jedoch zu schließen hätte dass diese gegenwärtig trüber seien als der Ozean im Golf von Mexiko ist mir nicht erkenntlich.

  14. Hannes G. Says:

    Die Antideutschen der Neunziger haben den Völkischen Nationalismus kritisiert – als deutschen Sonderweg und als denjenigen, der einstmals in Auschwitz kulminiert ist.
    Nun ist der heutige Patriotismus nicht mehr so arg völkisch. D.h. ja nicht, dass er deswegen gut ist. Aber, wenn man von Auschwitz aus denkt, wirkt es bagatellisierend, wenn heutige Antideutsche sich nicht mehr die Mühe machen, die Differenz von völkischem und nicht-völkischen Nationalismus zu betonen und etwaige Entwicklungen in Deutschland wahrzunehmen.

    Am Beispiel:

    (@ Xenu’s Pasta)

    Der neumodische Patriotismus, schreibt Xenu’s Pasta, “funktioniert doch nur dann “integrativ”, wenn die zu integrierenden Objekte (Menschen, welche als weniger integriert wahrgenommen werden) sich der kulturellen Hegemonie unterwerfen”

    Aber huldigten die Deutschen mehrheitlich einem Völkischen Nationalismus, dürften sich die “zu integrierenden Objekte” (eine nette Formulierung, die auch nur Linke bringen können, wenn sie ihre Phantasie, wie die Normalen angeblich denken, freien Lauf lassen) gar nicht integrieren. Das ist der Punkt. Im Ergebnis haben wir es nicht mit einem tollen Nationalismus zu tun, aber mit keinem Völkischen. Und insofern handelt es sich um einen entscheidenden Punk – um einen, der über Menschenleben entscheidet. Denn die vielen Dutzend Opfer, die es seit der Wende durch rassistische Übergriffe gegeben hat, hatten den völkischen Nationalismus und nicht irgendeinen Nationalismus zur Grundlage.

    Wenn sich heute ein Teil der Nation vorm Fernseher darüber aufregt, dass Ozil & Co. die deutsche Nationalhymne nicht mitsingen, dann kommt dass zwar nicht meiner Position nahe, wonach man Deutschland gerne auflösen könnte, aber ich muss zumindest wahrnehmen, dass es sich von den Neunziger unterscheidet, wo – nicht mehrheitlich, aber mit lauter Stimme – eher gefordert worden wäre, dass die “Ausländer” weder in der deutschen Nationalmannschaft spielen, noch die deutsche Hymne singen dürften.

    In den Neunziger wiesen die Antideutschen, um den Unterschied zwischen westlichem Nationalismus und völkischem Nationalismus zu verdeutlichen, liebend gerne auf die Unterschiede zwischen der französischen und niederländischen Fußballnationalmannschaften auf der einen Seite und der deutschen auf der anderen Seite hin. Heute ist dieser Hinweis nicht mehr möglich.

    Anderes Beispiel:

    (@ sten)

    Die besondere völkische Politik, die die Antideutschen der deutschen Außenpolitik attestiert haben, war die Zerschlagung Jugoslawiens zugunsten einer ethnischen (völkischen) Kleinstaaterei. Diese “Zerschlagung” fing Anfang der 90er durch die Anerkennung Sloweniens durch Genscher an (wenn ich mich recht entsinne). Mitte bis Ende der 90er wurde die deutsche Außenpolitik zum Anhängsel der Außenpolitik der USA im Falle Jugoslawiens. Wie auch immer diese Außenpolitik zu bewerten ist, besonders völkisch und deutsch kann sie nicht gewesen sein, es sei denn, man suggeriert, dass sich GB, die USA und Frankrei die deutsche Agenda zueigen gemacht haben.

    Es geht nicht darum, Deutschland (“das eigene Land”) nicht mehr zu kritisieren. Sondern es geht darum, dessen Tun richtig einzuordnen. Mit anderen Worten: Wie postnazistisch oder wie normal ist die deutsche Innen- und Außenpolitik? (wobei normal nicht gleich mit gut gleichzusetzen ist)

  15. Aktionskletterer Says:

    @Hannes G. –

    die “zu integrierenden Objekte” (eine nette Formulierung, die auch nur Linke bringen können, wenn sie ihre Phantasie, wie die Normalen angeblich denken, freien Lauf lassen)

    Ach was, das kann jeder der in der Lage ist eine Eingliederungsvereinbarung zu lesen.

  16. Xenu's Pasta Says:

    @Hannes G.

    Es ist richtig, dass der jetzt zur WM besonders spürbar gewordene deutsche Nationalismus nicht mehr (so) völkisch orientiert ist. Ich glaube auch nicht, dass das jemand behauptet hätte.
    Möglicherweise schliesst Du das aus meinem “ja” auf die zweite Frage des Postings.

    Das deutsche Modell des völkischen Nationalismus wird immer Gegenstand besonderer Kritik sein, selbst wenn es in der Gesellschaft nicht mehr wiederzufinden ist (keine Sorge, da sind wir noch lange nicht)

    Die (besondere) Kritik an Deutschland rein aus einer antivölkischen Position herleiten zu wollen greift aber m.E. zu kurz. Immerhin hat sich Deutschland im 20. Jahrhundert nicht nur durch die Besinnung aufs Volk hervorgetan. Falls das nicht durchgekommen zu sein scheint: ich kritisiere durchaus den Versuch, sämtliche Kritik an Deutschland unter dem Label “antideutsch” zu fahren. Aber das macht kaum einer.

    Was die Jugoslawien-Kriege betrifft, möchte ich gelinde widersprechen: Politik unter der Prämisse Volk zu führen ist erstmal nicht sofort spezifisch deutsch. D.h. GB, USA und Frankreich dürfen durchaus eigene völkische Positionen vertreten. Unvergessen, in welcher Geschwindigkeit die Ethnie der “Kosovo-Albaner” erzeugt wurde, ebenso finde ich die Grenzführung der Staaten in dem Gebiet heutzutage weit mehr an “Völkern” orientiert als vor der Zerschlagung Jugoslawiens.

    Wie normal ist deutsche Innen- und Außenpolitik? Was ist “normal”, d.h. was ist die Norm?
    Wie normal ist es, nationale Interessen weltweit militärisch zu vertreten (und bei Abwesenheit nationaler Interessen auch das Humanismusgesülze zur Begründung der Einsätze, siehe Ruanda).
    Wie normal ist die deutsche Flüchtlingspolitik, z.B. die Residenzpflicht und das grundsätzliche Bestreben deutscher Regierungen, diese EU-weit umzusetzen?

  17. Xenu's Pasta Says:

    das sollte heissen: das Humanismusgesülze … zu unterlassen

  18. Hannes G. Says:

    @ Xenu’s Pasta

    “Normal” ist m.E., was sich (im Gegensatz zum NS) mit der kapitalistischen Produktionsweise verträgt bzw. aus dieser heraus erklärbar ist. Also auch die Dinge, die du im letzten Abschnitt aufzählst. Diese und die kap. Produktionsweise zu kritsieren, halte ich für richtig. Bloß werde ich ungehalten, wenn man für diese Kritik den Titel Antifa oder Antideutsch in Beschlag nimmt. Ich glaube fast, wir sind da einer Meinung. Bloß die Fahnenabrupfer, wie sie sich im Internet präsentieren, machen ziemlich einen auf Antifa.

    Btw.: Gestern drängte mir ein Dönerverkäufer ein Gespräch darüber auf, dass wir – wobei er auf sich zeigte und mich auch mit meinte – am Samstag wenigstens den dritten Platz holen. Ich habe mich einerseits gefreut und ihm anderseits irgendwie kurz und freundlich zu signalisieren versucht, dass ich mich mit diesen “wir” unwohl fühle. Ich hoffe, er hat es nicht persönlich genommen.

    Auf folgendem Blog diskutieren Arbeiter der Stirn rechts von der Jungen Freiheit den aktuellen Patriotismus – interessant:

    http://www.sezession.de/15807/fahnen-und-fahnenfluechtige.html

  19. carlos Says:

    Vielleicht weniger Volkszeitung lesen, Hannes! ;)

  20. Xenu's Pasta Says:

    @Hannes G.

    ich wüsste jetzt doch mal gern, was am Nationalsozialismus nicht- oder antikapitalistisch wäre.
    (Ressourcenausbeutung unter allen verfügbaren Mitteln: check, Ressourcenerschließung unter allen verfügbaren Mitteln: check, Lohnarbeit und Akkumulation: check, Verschleierung des Klassenwiderspruchs durch Verstärkung vorhandener ideologischer Ressentiments: check)

    Ich würde den Nationalsozialismus nicht aus dem Kapitalismus heraus erklären, aber für kompatibel halte ich sie allemal.

  21. julian Says:

    @xenus pasta: der kapitalismus beutet ressourcen nicht “unter [aufbringung] aller verfügbaren Mittel” aus. er hat nur ein mittel um an auszubeutende ressourcen (arbeitskräfte) zu kommen, nämlich den vertrag/tausch. (gesetzt wir reden nicht über die historische entstehung, sondern über gesellschaften, in denen die kap. produktionsweise etabliert ist, wie zum beispiel deutschland).

    das lässt dann auch deine anderen punkte (z.b. lohnarbeit in ns und kapitalismus dasselbe) fragwürdig werden.

    dein ideologiebegriff scheint außerdem eher richtung “manipulation” zu gehen. im kapitalismus wird der klassenwiderspruch primär durch diverse fetischformen (z.b. lohnfetisch) verschleiert, d.h. seine soziale formen erscheinen anders, als sie dem wesen nach sind, d.h. der kapitalismus verschleiert sich selbst. der antisemitismus ist dann doch noch ein bisschen mehr, als ein nicht erkannter klassenwiderspruch.

    übrigens würde ich den ns schon aus dem kapitalismus erklären, zwar nicht kausal, aber im sinne einer bedingung der möglichkeit, als notwendige bedingung.

    joachim bruhn sagt, der ns sei dem kapitalismus ENT-SPRUNGEN. das finde ich ganz plausibel.

  22. Hannes G. Says:

    Waren und Geld waren schon vor der kapitalistischen Epoche da, was entscheidend ist an dieser, so Marx, ist die Existenz doppelt freier Lohnarbeiter, das Privateigentum an Produktionsmitteln (auch das gab es natürlich schon vorher), die reelle Subsumtion der Arbeit unters Kapital, schließlich die Akkumulation von Kapital auf Grundlage der Ausbeutung dieser Arbeit.

    Zum NS: Zumindest in der Landwirtschaft wurde doppelt freie Lohnarbeit und Privatbesitz an Produktionsmitteln schon ab 1933 aufgehoben (zugunsten der Autarkiepolitik und der Versorgung der Wehrmacht und Bevölkerung zu Kriegszeiten).

    Ansonsten: Statt der Erhöhung des relativen Mehrwerts fand weithin eine Erhöhung des absoluten Mehrwerts statt (Lit.: Sohn-Rethel: Industrie und Nationalsozialismus). Eine Art Rückkehr zu den Anfängen der sogenannten ursprünglichen Akkumulation. Evtl. lässt das Rückschlüsse darauf zu, dass die Kapitale nicht mehr in Konkurrenz zueinander standen (denn diese bewirkt die Erhöhung des relativen Mehrwerts) und im Volksstaat vereint waren. Dass anderseits die Arbeitskräfte die Erhöhung des absoluten Mehrwerts über sich ergehen liesen (d.h. längere Arbeitszeiten) spricht ebenso für deren Integration in den Volksstaat.

    Wenn man aber von diesen eher ökonomischen Dingen wegschaut und auf das bezeichnende Merkmal des NS hin schaut: die Judenvernichtung, dann wird man am ehesten gewahr, dass etwas am NS jenseits kapitalistischer Rationalität (Vermehrung von Kapital) stand – etwas, das ihm eine wesentliche Angelegenheit war.

  23. classless Says:

    Aber der Kapitalismus steht doch nie komplett diesseits seiner eigenen Rationalität – immer bringt er falsches Bewußtsein aller Art hervor. Egal ob seine Anhänger wie auch viele seine Kritiker meinen, er würde die Menschen ausnüchtern und die Vernunft befördern, entspricht dieses Bild noch kaum der Alltagswirklichkeit aus nationalem Taumel, Rassismus, Biologismus, den sämtlich und immer stärker blühenden religiösen und esoterischen Glaubenssystemen, den ähnlich aufgeladenen “Firmenphilosophien” usw. usf.

    Daß am Nationalsozialismus etwas nicht kapitalistisch-rational war, spricht m.E. nicht gegen seine kapitalistische Verfaßtheit.

  24. Joe Says:

    Dank an Hannes G. für den Link. Die Diskussionen dort sind wirklich lesenswert. Manche Neo-Nazis haben ein feines Gespür dafür, wie sehr der Popnationalismus das in ihren Augen wahre Deutschland unterminiert.

  25. Hannes G. Says:

    @ classless

    Dass die kapitalistisch Produktionsweise gerade durch ihre Undurchschaubarkeit und Krisen Ideologie ermöglicht und teilweise fördert, die ihrerseits nicht mit kapitalistischer “Rationalität” einher geht – dito. Die Frage ist, wie sehr diese maßgeblich wird und ihrerseits die Produktionsweise affiziert. Wenn man die Ansicht teilt, dass der Judenvernichtung ab 1941/42 vieles in NS-Deutschland untergeordnet worden ist, lässt sich schwer noch von kap. Produktionsweise reden. Denn die Judenvernichtung taugte nicht zur Akkumulation von Kapital. Aber da erzähl ich dir nichts Neues. Insofern muss der Dissenz an anderer Stelle liegen.

  26. classless Says:

    Rassismus steht auch immer wieder dem wirtschaftlichen Kalkül entgegen (Ausschluß gewinnbringender Arbeitskräfte oder Konsumentengruppen), der Kapitalismus reproduziert ihn dennoch beständig.

  27. Hannes G. Says:

    Wenn man die kapitalistische Produktionsweise nicht nur für Ausbeutung verantwortlich macht, sondern für alles, was in ihm stattfindet, dann kann man ihn freilich auch für alles, was nach ihm kommt, folglich aus ihm entsprungen sein muss, verantwortlich machen: selbst für den Kommunismus – sollte dieser denn mal kommen. Deine Antwort ist mir zu einfach.

  28. Xenu's Pasta Says:

    @julian

    ich denke, ich muss meine Ausdrucksweise näher erläutern, ich finde mich nämlich missverstanden :-)
    Mit Ressourcen meinte ich Dinge, die unter Ausbeutung von Arbeitskraft in Waren verwandelt werden, Erdöl also genauso wie das, was Konsumentengruppe X 43 min nach dem Aufstehen tut.
    Keine einzelne dieser (meinetwegen sekundären) “Ressourcen” ist notwendig für kapitalistisches Wirtschaften. Jedoch ist es m.E. im real existierenden Kapitalismus übliche Praxis, Leuten etwas vor die Nase zu halten, was einen “Wert” hat.

    Wie Du drauf kommst, dass ich Ideologie zuerst als “Manipulation” verstehe, weiss ich nicht. Ich glaube nicht, dass hier irgendwer davon ausgeht, dass “DER KAPITALISMUS” Sonntag morgen, kurz nachdem er ein-zwei Ressourcen erschlossen hat, sich an seinen Manipulator setzt, aufs Datum kuckt, und den “Volk”-Knopf ein wenig nach links, und dafür den “Griechen sind faul”-Knopf ein wenig nach rechts dreht.

    Da die Leute mehrheitlich auf der Lohnarbeitsseite stehen, und möglicherweise der Lohnfetisch nicht allein ausreicht, den sozialen Frieden zu halten, weil das was individuell bei ihrem Deal Arbeit gegen Lohn rauskommt, (per Definition das kulturelle Minimum) doch nicht so ganz zufriedenstellend ist, dann ist halt der übliche Mechanismus (unter kapitalistischen Bedingungen), auf “Die Anderen” zu kucken, die für die eigene miserable Lage verantwortlich sein sollen. Und wer das ist, definiert halt das grad aktuelle Set an Klischees und Projektionen. Die wiederum werden nicht durch “Den Kapitalismus” erzeugt, sondern eben durch dessen Wirkungsweise verstärkt.

    Was folgt ist, dass Kapitalismus eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für Nationalsozialismus ist.

  29. Ohrenschmalz Says:

    Zum letzten Posting gabs nen Kommentar, welcher versucht, die integrative Funktion des Fussballnationalismus darzustellen. Ich hab damit ein Problem.

    Das funktioniert doch nur dann “integrativ”, wenn die zu integrierenden Objekte (Menschen, welche als weniger integriert wahrgenommen werden) sich der kulturellen Hegemonie unterwerfen, d.h. “mitmachen”. Wie’s aussehen soll, wird von denen definiert, die sich (in dem Fall) der kulturellen Zeichen des Nationalismus reichlich bedienen.

    @Xenus Pasta

    Mich würde mal dein Begriff von Integration und Kultur interessieren. Was ist an fußballfeiern spezeifisch deutsch. Werde ich dadurch gezwungen mit meinen Nachbarn rumzuhängen, die jeden Abend im Hinterhof grillen, muss ich bestimmte Sachen essen oder auf Rockkonzerte gehen. Was für eine kulturelle Hegemonie meinst du, wie wirkt sich das auf mich als Individuum konkret aus?

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