Richtige Stellung (4): 9/11 & Verschwörungsideologie

August 2nd, 2011

[Sommer & auf Arbeit: Zeit für eine Postingreihe mit liegengebliebenen Korrekturen & Bemerkungen - "richtig" heißt: so seh ich's wirklich, "Stellung" heißt: Stellung im Produktionsprozeß und in den Auseinandersetzungen statt Unterstellung]

Am 11. September jähren sich die islamfaschistischen Selbstmordangriffe auf die USA zum zehnten Mal und schon jetzt laufen die Vorbereitungen für die massenmediale, staats- und verschwörungsideologische Ausbeutung dieses Datums auf vollen Touren. Auch ich wurde aus diesem Anlaß schon interviewt und habe dabei wieder bemerkt, daß es an meiner Position zu 9/11 wie auch zum Verschwörungsdenken einiges klarzustellen gibt. Das betrifft Punkte, die ich zwar bei meinen Vortragsveranstaltungen immer wieder betont habe, die mir aber von vielen weiterhin ganz offensichtlich anders zugeschrieben und unterstellt werden.

Oft wird – von Freund und Feind – zum Beispiel angenommen, ich würde pauschal gegen Verschwörungstheorien auftreten, obwohl ich ja gerade die Unterscheidung in offenes und geschlossenens (ideologisches) Verschwörungsdenken aufmache, die ergebnisoffene Beschäftigung mit realen Verschwörungen als mindestens unproblematisch, oft aber auch höchst nützlich einschätze. Dazu heißt es dann wiederum von Seiten der Ideologiekritik, daß ich damit etwaige Positionierungen gegen Verschwörungsideologen aufweichen würde, obwohl ich diese Trennung ja gerade vornehme, um die Verschwörungsideologie als geschlossenes Verschwörungsdenken mit all seinen Cui-bono-Kurzschlüssen, Vorverurteilungen und Assoziationsbeweisen als tödliche Waffe klar zu bestimmen und ihr mit Entschiedenheit entgegentreten zu können. Das könne nicht gelingen, heißt es vom GSP, weil ich nicht vom “empörten Staatsbürger” ausgehe, was ich aber umso mehr tue, je mehr ebensolche im Publikum sitzen, etwa bei der re:publica.

Am meisten werde ich aber in Sachen 9/11 vereinnahmt oder sehe mich absurder Kritik und Feindschaft gegenüber.

Nicht zu glauben, was in der Zeitung steht, halte ich grundsätzlich für einen vernünftigen Zug. Regierungen und Geheimdienste der größten Schweinereien für fähig zu halten, kann mit Blick auf die Geschichte ebenfalls nur realistisch genannt werden. Nicht also der Anfangsverdacht gegen die US-Regierung und den amerikanischen Sicherheitsapparat stellt für mich das Problem dar, sondern das (überwiegend kontrafaktische) Festhalten daran und noch viel mehr die Gründe für dieses Festhalten: hierzulande also das Bedürfnis, dem “Das hat sich der Ami selbst zuzuschreiben” mit einem “Das haben die selber gemacht” Abrundung und Spitze zu verleihen und – sich und allen anderen – klarzumachen, daß die Deutschen besser für die Welt wären. (Die – je nach Definition und Schätzung – 20 bis 50 % Antisemiten unter den Deutschen konnten zudem noch an die antisemitische Projektion der Täter anschließen, indem sie “hinter” den Anschlägen jüdische Machtzirkel und den israelischen Geheimdienst ausmachten.)

Verschwörungsideologie, also geschlossenes Verschwörungsdenken, ist ein Ausdruck gesellschaftlicher Stimmungen, zumeist von Rissen in langgehegten Weltbildern, die mit der Verschwörungserzählung gekittet werden sollen. Fast immer hängt sich die Verschwörungsideologie an bestehende Ideologien an oder wird von ihnen mehr oder weniger bewußt eingesetzt. Bei diesen Ideologien handelt es sich fast durchweg um Staats- und Massenideologien wie Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus, die in fast allen kapitalistischen Gesellschaften mehrheitswirksam sind (und sein müssen, damit der Laden läuft). Meine Pointe ist also, daß Verschwörungsideologie sich nicht klar von den Mehrheitsauffassungen der Gesellschaft trennen läßt, auf diese aufbaut und sie lediglich zuspitzt. Sie sagt also etwas über die Gesellschaft aus, die sie hervorbringt.

Das ganze Problem einfach mit dem Label “Verschwörungstheoretiker” in die Ecke zu stellen (und über dieses Label am besten gleich noch andere Auffassungen mitzuerledigen), macht das Gegenteil dieser Pointe: es tut so, als handelte es sich um ein Problem einer verrückten Minderheit, der die aufgeklärte Mehrheit beizukommen hätte. Es behauptet eine Diskurshegemonie, die es für eine ideologiekritische Position ganz bestimmt nicht gibt, und wirft sich denen an den Hals, die sich von staatlich geprüften Experten über Sicherheitslage und ideologische Verirrungen der Extremisten aufklären lassen.

Aber nicht nur dieser anti-aufklärerische Verve, mit dem immer wieder Einzelne schlicht dafür diffamiert werden, daß sie sich selbst ein Bild von der Welt zu machen versuchen, ohne dazu (herrschaftlich) befugt zu sein, und dabei (zunächst) zu verkehrten oder abweichenden Schlüssen kommen, ärgert mich und bringt mich gegen jene auf, die mich darin einzugemeinden versuchen, fast noch schlimmer ist die Enthistorisierung Amerikas, die damit häufig einhergeht.

Um mal etwas auszuholen:

Anschläge auf das Pentagon (oder auch die CIA) wären meiner Auffassung nach seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu vielen Zeitpunkten keine Verbrechen gewesen, auch den konkreten Fall des Pentagon Bombings durch den Weather Underground 1972 kann ich nicht als Verbrechen ansehen. Dieser Anschlag galt für die Öffentlichkeit damals und seither – anders als der gleichzeitig stattfindende Völkermord in Vietnam – als Terror und die Ausführenden galten als Terroristen, obwohl sie niemanden töteten, niemanden töten wollten und Angst und Schrecken nicht bei der Zivilbevölkerung sondern im Herrschaftapparat ausgelöst werden sollte.

Ein Anschlag aufs World Trade Center, während dort Tausende von Menschen arbeiten, ist hingegen in jedem Fall ein Verbrechen, und genau dieser Unterschied ist aber seither immer wieder verwischt worden – bewaffneter Widerstand wurde aus unterschiedlichster Richtung pauschal zu Terrorismus erklärt, die Legitimität von Angriffen gegen die USA enthistorisiert bestritten und realistische Darstellungen des klandestinen Wirkens von US-Geheimdiensten und anderen Institutionen als “Verschwörungstheorie” aus dem Feld des Diskutablen verbannt. Wer solcherlei betreibt, kann nicht auf meine Zustimmung rechnen.

Im Zuge dessen konnten sich auch andere Staaten diskursiv reinwaschen, Verbrechen der eigenen Sicherheitsorgane zu Erfindung, Spinnerei und Spekulation erklären und sich gegen Kritik immunisieren. Die Rede von “synthetischem Terror”, den es etwa in Gestalt der späten Roten Brigaden ja gegeben hat (hierzu viel Erhellendes von Gianfranco Sanguinetti, wird praktisch nur von Leuten wie Bröckers geführt und bei Aufgreifen des Themas landet man zügig mit ihm in einer Ecke.


Nur weil du nicht paranoid bist…

Hierzulande ist es noch mal so verdreht, daß die meisten nicht zuletzt aus antiamerikanischer Haltung heraus gern bereit sind, anderen Staaten und besonders den USA alles zuzutrauen, doch gegenüber dem deutschen Sicherheitsapparat mit besorgniserregender Naivität geschlagen sind. Es sei daran erinnert, daß Wisnewski Anfang der Neunziger nicht nur dafür kritisiert wurde, seine Thesen zur RAF zum Lyndon-LaRouche-kompatiblen Gesamtentwurf ausgebaut zu haben, sondern daß sich viele damals lautstark darüber empörten, daß hier einer der deutschen Polizei und den deutschen Diensten überhaupt solche Taten wie Unterwanderung und Fake-Anschläge zutraut.

Der Weather Underground benannte sich nach einer Zeile aus Dylans Subterranean Homesick Blues: “You don’t need a weatherman/ To know which way the wind blows.” Diese Elitestudenten hatten begriffen, daß sie die Wetterfrösche sein sollten, die anderen sagen, wie der Wind weht. Sie beschlossen, die für sie vorgesehene Rolle abzulehnen, ihre Klasse zu verraten, auch über den demokratisch akzeptablen Protest hinauszugehen und zu einem Teil des wehenden Winds zu werden. Statt des Windes that blew down hard on the Blacks, the Vietnamese, the women and all the oppressed people, entschieden sie sich to blow things up und wollten – womit sie zugegebenermaßen nur begrenzt erfolgreich waren und was möglicherweise generell ein aussichtsloses Unterfangen war – in die Nachrichten von ihren Anschlägen hinein mit begleitenden Kommuniqués Beiträge zur Selbstaufklärung derer leisten, die kaum Zugang zum entsprechenden Wissen hatten oder ideologisch zu befangen waren, um im Normalbetrieb darauf zu hören.

Ihr Klassenverrat bestand darin, das, was sie in ihrer privilegierten Position gelernt hatten, allen, aber besonders den Ausgeschlossenen (revolutionaries & freaks im Sinne ihres ersten Kommuniqués) zu verraten, und dazu auf Mittel und Formen zurückzugreifen, die sie wiederum z.T. direkt von den Ausgeschlossenen übernahmen.

Nicht mitzumachen, wie es sich ideologiekritische, antideutsche, kommunistische Kreise (oder wie auch immer sie derzeit nicht bezeichnet werden möchten) auf die Fahnen schreiben, bedeutet immer beides: der Mehrheit, auch und vor allem der linken Mehrheit in ihrer Fortschreibung und Ausübung der Volksgemeinschafts-Ideologie entgegenzutreten UND das Projekt der Selbstaufklärung der Menschheit, besonders der Ausgeschlossenen, gegen die Herrschaft und ihre Wetterfrösche durchzusetzen.

Aber um diese Frage soll es noch einmal detaillierter in der fünften (und vorerst letzten) Richtigstellung gehen, die sich mit der Bahamas befassen wird.

11 Responses to “Richtige Stellung (4): 9/11 & Verschwörungsideologie”

  1. mortale Says:

    Das nenn ich mal einen Rundumschlag!

  2. Leben und Tod Says:

    Kaum geht’s mit den Relativierungen los, schon gibt’s auch Applaus vom “Tödlichen”…

  3. mortale Says:

    @Leben und Tod

    Was denn für Relativierungen? Kulla ist einfach seine eigne Fraktion und lässt sich nicht für irgendwas einspannen. Du bist doch genau der blöde Reflex, um den’s hier geht!

  4. grand hotel absturz Says:

    “Nicht zu glauben, was in der Zeitung steht, halte ich grundsätzlich für einen vernünftigen Zug.”

    glauben sollte man bei derlei tätigkeiten sowieso nicht, aber man kann sich doch einfach mit dem inhalt auseinandersetzen anstatt z.b. wie der von dir sicherlich geschätzte woyna ‘die bandbreite’ zu behaupten, da stecke wer dahinter, der sowieso immer lügt (na wer das wohl sein könnte).

    “Meine Pointe ist also, daß Verschwörungsideologie sich nicht klar von den Mehrheitsauffassungen der Gesellschaft trennen läßt, auf diese aufbaut und sie lediglich zuspitzt.”

    ja klar, das ist ja gerade der witz, dass der verschwörungsfan (genau wie der landläufige islamgegner btw) meint, seine position wäre die minderheit, obwohl sie eher die mehrheit ist oder mindestens ein gutes drittel. ist aber auch letztlich egal, kommunisten sind zz auch eine verschwindende minderheit, trotzdem haben sie die tour der rechten nicht drauf (abgesehen von einigen verrückten a la mlpd), ständig märtyrermäßig rumzuheulen, die gemeine mehrheit würde ihnen den mund verbieten. das ist es, was mich an verschwörungsfans am meisten nervt, dieses argumentlose rumgeopfer.

    bzgl. der weathermen geb ich dir insofern recht als dass es natürlich sympathischer ist etwas in die luft zu sprengen ohne wen zu töten, aber natürlich fasst der staat angriffe auf ihn als terrorismus auf und bekämpft sie entsprechend. und 9/11 war natürlich auch ein angriff auf den staat und so gemeint, man kann doch sowieso nicht “die leute” terrorisieren ohne dass der staat das quasi persönlich nimmt, sind ja seine leute.

  5. classless Says:

    “da stecke wer dahinter, der sowieso immer lügt (na wer das wohl sein könnte).”

    Pinocchio!

  6. a Says:

    http://www.quickmeme.com/meme/C8/

  7. Qaumaneq Says:

    Nach “Geronimos” Hinrichtung darf man hierüber wohl ohne Beschönigung und falsche Bescheidenheit sprechen. Die Theorie “Das World Trade Center war ein Celler Loch” ist von der gleichen Art wie “Angela Merkel war eine Stasi-IM” – so nah dran an der Wahrheit dass genau das Gegenteil zutrifft. Die spätere Kanzlerin stand schon damals beim Gegenspieler unter Vertrag, und der 11. September war eine Racheaktion von jemandem der sich nicht von Geheimpolizei persönlich vereinnahmen lassen wollte, und da diese nicht lockerließ eben nicht mehr anders zu helfen wußte als mit der Leuchtkraft des Spektakels.

    Den archaischen Wunsch zu empfinden, diese Leute und ihre menschlichen Schutzschilde mögen sich fühlen wie Ameisen auf einem Stück Feuerholz, dazu reicht nicht der Exportartikel Antisemitismus, dazu braucht es eine persönliche Erfahrung versuchten Willensbruchs welche nach ebenbürdiger Kompensation verlangt. Es würde wohl jeder politische Aktivist der feststellen muss dass sein Leben zu einem permanenten Anwerbeversuch geworden ist welcher ihm keinerlei Seelenfrieden mehr läßt ähnlich empfinden. Dass über Kulturkreisgrenzen hinweg auf den ideologisch schwächsten Punkt des westlichen Systems gezielt wurde und nicht auf den kausalen Ursprung des Problems mag auf den ersten Blick als taktische Dummheit erscheinen, andererseits eröffnet sich aber dadurch auch die Perspektive rückwirkend den Geschädigten die CIA-Akten zugänglich zu machen, die bei einem direkten Angriff womöglich vernichtet worden wären. Das hätte ihn doch nur als zweifelhaften Sieger mit leeren Händen dastehen lassen, und dem die Rolle des schweigenden Impulsgebers vorzuziehen kann auch darauf hindeuten dass die Person begriffen hat dass sie nicht die letzte sein wird die sich gegen den Totalitarismus der Demokratie zur Wehr setzt, weil dieser eben objektiv falsch ist und nicht nur subjektiv.

  8. Medien-Krieg. Berichterstattung nach dem 11. September 2001 | Erbloggtes Says:

    [...] Weil Verschwörungstheorie inzwischen als böses Wort gilt, droht es künftig schwierig zu werden, überhaupt davon zu sprechen, dass eine Verschwörung der Ausgangspunkt eines beliebigen konkreten Falles sein könnte. Zur besseren Unterscheidung von Wahnideen und durchaus in Betracht kommendem Verschwörungsverdacht verwendet Daniel Kulla den Begriff Verschwörungsideologie,[13] wenn er eine hermetische Weltsicht meint, die gegen Beweise und Argumente immun ist. Zusätzliches Element in dieser Kategorie ist die Tradition der Ideologiekritik, also der Aufklärung falschen Bewusstseins.[14] [...]

  9. JaJaJa Says:

    Schon im ersten Satz mach Kulla klar, welcher Verschwörungsideologie er anhängt, wenn er von “islamfaschistischen Selbstmordangriffen” spricht. Seiner Verschwörungsideologie widersprechende Fakten wischt Kulla mit dem Hinweis vom Tisch, dass er ja kein Kriminologe sei (siehe vergangene 9/11-Debatten) – und dennoch meint zu wissen, was wirklich geschehen ist. Zumindest geht er von der Wirklichkeit einer “islamfaschistischen” Verschwörung aus (abgesehen von der seltenen Dämmlichkeit, die dem Begriff “Islamfaschismus” zugrunde liegt, aber da dieser von einem Bruder im Geiste in die Welt gesetzt wurde, übernimmt Kulla den gerne).

    Noch peinlicher wird es, wenn ausgerechnet er im selben Satz gegen die “Ausbeutung dieses Datums” wettert. Immerhin hat sich Kulla mit der Materie soweit beschäftigt, dass er die Tatsache nicht bestreiten kann – wie viele der antideutschen Jünger, für die das gleich alles “irgendwie antisemitisch” ist – dass es etwas wie “synthetischen Terrorismus” gibt bzw. gegeben hat. Dass auch der “islamfaschistische Terror” so einige Synthesen hinter sich hat, für diese Erkenntnis bedarf es wohl noch einer eingehenderen Beschäftigung mit der Materie.

  10. classless Says:

    Ich glaube, ich fange irgendwann an, mir selbst Kommentare zu schreiben – von den echten werden einige irgendwie immer blöder und vorhersehbarer.

  11. Qaumaneq Says:

    Was es über den Faschismus sagt dass unterschiedliche Kontinuitäten davon sich gegenseitig bis aufs Blut bekämpfen steht gleich mehrfach in der Gebrauchsanleitung.

    https://theanswerto1984.wordpress.com/

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