Anti-German Schadenfreude – Mittendrin statt auf der Flucht

June 18th, 2010

Bei den letzten internationalen Fußballspektakeln gelang es mir größtenteils, durch Flucht und Urlaub den Nächten der lebenden Idioten zu entgehen. Diesmal pressiert’s jedoch geldmäßig noch so sehr, daß ich keine Wahl hab als während der WM zu arbeiten, das heißt unter Menschen zu gehen, die vielleicht gerade noch einsehen können, daß jemand mit anderer Herkunft für ein anderes Team ist, die keinesfalls aber irgendwelches Verständnis dafür aufbringen können, wenn ich einfach nur gegen das Fahnengeschwenke, das Deutschland-Gegröle und das übergriffige Getröte bin und wie Magnus Klaue hoffe, daß das möglichst schnell vorbeigeht oder zumindest nachläßt, wenn Deutschland aus dem Turnier ausscheidet und danach idealerweise Begeisterungsmagneten wie die KDVR die Endrunde beherrschen.

Mit entsprechend transparenten Nerven nahm ich heute meinen Arbeitsplatz ein – direkt vor einer Schütte mit Fan-Megaphonen sowie Vuvuzelas und Knicklichtern in den Farben der nationalen Befreiung von Napoleon. Die meisten Kolleginnen und Kollegen erschienen in den Trikots der DFB-Männerauswahl am Ausbeutungsplatz, und nicht wenige von ihnen frickelten mehrere Stunden lang an einem komplizierten System herum, das das Spiel gegen die serbische Mannschaft auf einem in drei Metern Höhe im Markt hängenden Riesendisplay aus drei mal drei Bildschirmen zeigen sollte.

Ich wurde gequält, aufgezogen und erniedrigt, bevor das Spiel überhaupt losging. Stolz wurde mir verkündet, daß Fußball eine Religion sei und keine Ketzer dulde. Also ging ich bei Anpfiff in die Mittagspause, wo allerdings auch Fußball lief.

Als ich zurückkam, passierte kurz nacheinander dreierlei: der wohl wichtige deutsche Spieler Klose wurde strafweise vom Platz geschickt, die Serben schossen ein Tor und um mich herum verstummten alle Tröten, wurden alle Gesichter lang.

Ab diesem Moment konnte ich mich das ganze restliche Spiel daran erfreuen, wie die deutsche Mannschaft immer und immer wieder Chancen vergab, die Torlatte traf oder einen Elfmeter vergab, und wie jedesmal alle anderen im Laden kurz davor waren, völlig auszuflippen und es dann aber nicht konnten. Als praktisch Einziger bei diesem Geschehen nicht mitzumachen, sondern es nur zu beobachten, ließ die Situation surreal erscheinen und mich teilweise kurzzeitig vergessen, daß ich noch immer an einem kapitalistischen Arbeitsplatz mit allen gängigen Sanktionsandrohungen stand. In letzter Sekunde konnte ich mich dann aber doch jedesmal davon abhalten, laut “Ihr habt den Krieg verloren”, “Ten German Bombers” oder “Wo bleibt denn das 2:0?” zu singen. Und summte stattdessen nur.

So konnten die ganzen Vollidentifikations-Wir-Deutschen sich nicht freuen, weil sie ohne den Sieg über die Untermenschen aus dem jeweils anderen Land nichts zu freuen hatten, und ich konnte meine Freude ihretwegen nicht äußern. Wäre ich einer von ihnen, hätte ich wenigstens innere Vorübermärsche abnehmen können; so grinste ich einfach in mich hinein und freute mich über die Ruhe, die nur von gelegentlichen Spekulationen über die südländische Mentalitätsgenossenschaft von Schiedsrichter und gegnerischer Mannschaft unterbrochen wurden.

Als ich in der Kaffeepause mit einem Buch draußen Platz nahm, sagte der Promoter, der vor dem Laden Passanten und Kunden zur Benutzung des WM-Begeisterungszubehörs anregen sollte, zu mir, daß ich das richtig machen würde, lieber ein Buch zu lesen als dieses Scheißspiel zu schauen.

Diesmal hätte ich ihm widersprechen wollen.

Später sagte er noch mehrmals, daß er am liebsten seine Fahne verbrennen würde. Ja, das machen manche wirklich aus enttäuschtem Nationalismus…

Am Mittwoch wird der viermalige Afrikameister Ghana dann die Möglichkeit haben, das Wahnvehikel des deutschen Fahnenmobs aus der WM zu kicken. Ob die Spieler das dann jeweils verdient haben oder nicht, kann ich ehrlich gesagt einfach nicht beurteilen, weil ich von Fußball nur wenig verstehe. Aber wem geht’s bei der ganzen Sache schon um Fußball?

10 Responses to “Anti-German Schadenfreude – Mittendrin statt auf der Flucht”

  1. Danke Says:

    Danke, ging mir haargenau so!

  2. LW Says:

    http://soundcloud.com/lea-won_2010/offener-brief-an-den-teamgeist-lea-won-versus-joker ! gruß aus münchen. (hab heute mittag zum glück eh gepennt)

  3. e.r. Says:

    da hab ich ja mit meinem laden echt glück, da stand es 3:2:1 – drei mäßig “patriotische”, die auch lieber nebenbei gesoffen hätten, statt nur fußball zu gucken, man braucht ja einen anlass, zwei eher so lethargisch interessierte, die die kundenfreie zeit nutzten, um ihr studievzprofil zu pflegen und einen offen hämisch für die gegnerische manschaft seienden, mit dem man nevertheless witze reißen kann

  4. charly Says:

    Genauso gings mir auch….

  5. Peter O'tool Says:

    in Rostock gab’s ne Pro-Serbische Fanecke 🙂

    “If you hate the fuckin’ germans, clap your hands!
    If you hate the fuckin’ germans, clap your hands!
    If you hate the fuckin’ germans, clap your hands!”

  6. bongokarl Says:

    Klingt furchtbar, wie hälst du das aus an so ‘nem Arbeitsplatz?

  7. classless Says:

    Ungefähr so:

    http://www.classless.org/2009/03/27/okonomischer-gottesdienst-beichte/

  8. posiputt Says:

    echt furchtbar, wie einem das nicht einfach egal sein kann.

  9. Aktionskletterer Says:

    Eigentlich wär mir das Thema ja wurscht, aber da ist das hier:

    http://antiindustryfarm.blogsport.de/2010/06/22/angriffe-auf-besetzung-in-wietze-pm-vom-22-06-2010/

  10. e.r. Says:

    und sonntag geht es nach hause, falls die kartoffelnasen nicht wieder am vorabend einen neuen südafrikanischen pub ausgecheckt haben 🙂

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