In der Vergangenheit leben?

October 24th, 2018

Heute vor hundert Jahren gab die deutsche Seekriegsleitung mit ihrem geheimen Auslaufbefehl zur letzten Provokationsschlacht und mit der damit verbundenen Befehlsverweigerung gegenüber der schon um Frieden ersuchenden Regierung (Flottenbefehl vom 24. Oktober 1918) den Startschuss zur Befehlsverweigerung auf den losgeschickten Schiffen (ab 29.10.) und der sich daraus entwickelnden Meuterei, die sich wiederum zum Arbeiter- und Soldatenaufstand in Kiel (3.11.) und zum Beginn der Revolution im Deutschen Reich auswuchs.

Ein guter Zeitpunkt um, kurz bevor nun fast täglich Geschehen von vor hundert Jahren zu berichten sein wird, noch mal die Frage nach dem Warum des Berichtens aufzuwerfen: Ist das nicht alles lange vorbei und gescheitert? Sind diese Bezugnahmen auf die Geschichte nicht hinderlich fürs Verändern der Gegenwart? Bleibt nicht so alles in den immergleichen alten Denkschablonen und politischen Feindstellungen stecken? Lebt, wer sich soviel mit der Geschichte beschäftigt, nicht in der Vergangenheit?

Zunächst leben wir alle immer in der Vergangenheit, alles um uns herum ist in der Vergangenheit entstanden, dieser Satz jetzt schon in der Vergangenheit geschrieben – und diese Vergangenheit wirkt ganz praktisch nach: die Parteistiftung der einen heißt nach dem wohl wichtigsten Organisator der damaligen Konterrevolution (dem SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert), die der anderen nach einer revolutionären Sozialistin, die er – wie so viele andere – auf dem Gewissen hatte (KPD-Mitbegründerin Rosa Luxemburg); die konkrete heutige Vorstellung davon, was Sozialismus heißt, geht auf die Deutungen der damaligen Ereignisse, die russische Hegemonie nach der Niederschlagung der deutschen (und übrigen europäischen) Revolution bzw. die westlichen Reaktionen darauf zurück; die Betriebsräte, die Gewerkschaften, die Streiks, die Wahlen haben bis heute weitgehend den formalen Status, der ihnen damals nach blutigen Kämpfen zugewiesen wurde; von der in sozialdemokratische, kommunistische und anarchistische Strömungen gespaltenen Linken über die Nationalliberalen und Christlich-Konservativen bis hin zu den Nazis haben wir es heute mit politischen Lagern zu tun, die sich so damals entlang der revolutionären und konterrevolutionären Ereignisse gebildet haben; und allgemeiner: wem heute was gehört bzw. nicht, welches Kapital sich kontinuierlich durch die letzten hundert Jahre besonders durchsetzen konnte, ist ohne diese Ereignisse kaum zu verstehen.

Und mit dieser Geschichte wird bis heute Politik gemacht, ganz konkret werden mit den hegemonialen Erzählungen bestimmte Formen von Selbstermächtigung und Selbstorganisation heruntergeschrieben und von ihrer Wiederaufnahme so abgelenkt bis abgeschreckt. Mit der Geschichtsschreibung ist es ein bisschen wie mit dem Klassenkampf insgesamt – sich nicht daran beteiligen zu wollen, heißt einfach nur, ihn der anderen Seite zu überlassen, die ihn nunmal führt. Wenn wir die falschen Erzählungen – von der prophezeiten Revolution, die nie kam, oder von den Deutschen, die ohne Bahnsteigkarte nicht mal einen Bahnhof besetzen (zur Herkunft dieses Spruchs), oder von den Arbeitern, die sich von naiven bis fiesen Extremisten blenden lassen, oder von der “Mitte”, der nunmal nichts anderes übrig blieb (und bleibt) als der taktische Pakt mit dem Faschismus – nicht aufknacken, sie nicht widerlegen, ihnen nicht unsere belegbare Geschichte entgegensetzen, bleiben sie so stehen und wirksam, stehen jedem Versuch, uns als Arbeitskräfte zur Übernahme der Produktionsmittel und der ganzen Gesellschaft zu organisieren, im Weg. Und dann wird das nie was damit, dass endlich alle kriegen, was sie brauchen.

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