Was bei ARTE von der Revolution übrig blieb

November 1st, 2018

Das Bemühen, den vergessenen Anfang der vergessenen Revolution sichtbar zu machen, ist im neuen arte-NDR-Dokudrama “1918 – Aufstand der Matrosen” zu erkennen, aber das macht’s nur noch schlimmer, das macht nur noch deutlicher, wie verbogen die Erinnerung ist, wie erfolgreich die damaligen Schutzbehauptungen und Ideologeme der Konterrevolution die Zeit überdauert haben.

Kulisse und Kostüme sind liebevoll nachempfunden, viel auch mir unbekanntes Originalbildmaterial wird gezeigt. (Footage auf der Website zum Film.) Es gibt rote Fahnen, von Beginn an wird die “Internationale” gesungen, in der Selbstbewaffnungs-Aktion am Beginn des eigentlichen Aufstands ist der Ermächtigungsmoment für die beteiligte Frau mit der Waffe (Henriette Confurius als Helene Hartung, siehe Bild) als Gegenbild zum Geschlechterrollenverständnis schön eingefangen, ebenso mitreißend ist die folgende Gefangenenbefreiung dargestellt, der Wendepunkt des Geschehens in Kiel, und wenigstens eine Andeutung der allgemein um sich greifenden Rätedemokratie und von Noskes Freikorpsterror gibt’s am Ende in anderthalb Sätzen.

Henriette Confurius als Helene Hartung

Aber der historische Totalausfall beginnt damit, dass Björn Engholm als erster Interviewter spricht (in welcher Funktion eigentlich?), das Schlusswort hat und auch dazwischen unfassbar viel dünnen Quatsch erzählt. Für ihn handelt der Film vom “einzigen nicht völlig gelungenen Versuch einer halben Revolution” und er beklagt, dass das, was er da gleich zum Einstieg so runterredet, so sehr in Vergessenheit geraten ist – als langjährig führender Politiker einer deutschen Regierungspartei hätte er sicher selbst mehr dafür tun können, dass heute mehr Leute mehr darüber wissen als er.

Er weiß zum Beispiel, dass erst alle für den Krieg waren und vom “Nationalwahn” erfasst (in der Forschung längst nicht mehr unumstritten, in dieser Totalaussage eh grober Unfug und klassenvergessen); er weiß von Schlachten, die nicht mehr zu gewinnen waren (und meint damit sicher sein der OHL überlegenes strategisches Rückschau-Wissen); und er weiß, dass nur diesem “Überdruck” die Revolte zu verdanken war, denn eine Arbeiterbewegung scheint’s bei ihm nicht in erwähnenswerter Weise zu geben.

Irgendwann erklärt Engholm denn auch das Geschlechterverhältnis mit den mindestens bizarren Worten: “Man kann nicht sagen, dass die damalige Arbeiterschicht emanzipatorisch dachte im Hinblick auf die Rolle der Frau” – kein Wort davon, wie sehr die Frauenemanzipation aus der Lohnarbeit entsprang, kein Wort davon, wie die Bildung des “Familienernährer”-Facharbeits-Teils der Klasse um 1900 ein geschlechterpolitisches Rollback bewirkte, kein Wort vom reaktionären Frauenbild der herrschenden Klassen.

Es ist also kein Wunder, dass es sich bei der ganzen revolutionären Stimmung für ihn um “eine für die deutsche Geschichte” (bzw. für Engholm) “völlig unverständliche revolutionäre oder zumindest stark evolutionäre Haltung” handelt. Er geht auch davon aus, dass die Matrosen, die nach dem Kieler Aufstand “überall eintrafen”, die einzigen waren, die wussten, wie ein Aufstand geht, “wie Räte organisiert werden” – weil es die nämlich vorher noch nicht gegeben hatte, nicht 1917 in Leipzig, nicht im Januar 1918 in Berlin und anderswo, und eben auch nicht zwischen dem 4. und 9. November auch in vielen Teilen des Landes ohne Mitwirkung der Matrosen.

Engholm tischt natürlich auch die Rede von der “Dolchstoßlegende” als einer “der perfidesten Lügen der letzten anderthalb Jahrhunderte” auf (und nicht etwa der letzten 200 Jahre o.ä., weil er ja eben noch bei dem größten Unglück der deutschen Linken der letzten 150 Jahre war, nämlich dass die einen die anderen nicht für richtige Linke hielten, bloß weil sie sie haben zusammenschießen lassen) – die Oberste Heeresleitung (OHL) ging davon aus, den Krieg nach Befestigung der Stellungen während des Winters im Frühling wieder aufnehmen zu können und erhoffte sich aus dem Umstand, dass die Entente nach wie vor nirgendwo auf deutsches Territorium vorgedrungen war, günstige Waffenstillstandsbedingungen – tatsächlich war das alles nach der Revolution zunichte, das ist weder gelogen noch, wie oft behauptet, “Verschwörungstheorie”, in seinen unzutreffenden Elementen allenfalls ganz gewöhnliche Ideologie, die in der OHL selbst gelaubt wurde. Die heutige Deutung der “Dolchstoßlegende” entstammt zu großen Teilen, wie so vieles, der Position der damaligen Parteiführung von Engholms Verein, die empört (und ebenso überzeugt) von sich wies, dem deutschen Heer in den Rücken gefallen zu sein – treu habe man immer an dessen Seite gestanden, nur der Bolschewismus habe gewühlt und verführt, und dagegen sei man ja auch immer entschlossen und umsichtig vorgegangen. Tatsächlich gab es so plötzlich überall im Reich innerhalb von wenigen Tagen Räte, die die Macht übernahmen, weil vor allem die Betriebsvertrauensleute (Revolutionäre Obleute), die USPD und die Spartakus-Gruppe “gewühlt” und den Organisationsansatz des Massenstreiks vom Januar überall verbreitet hatten.

Neben Engholm kommt merkwürdigerweise auch Sahra Wagenknecht ausführlich zu Wort (auch hier die Frage: warum sie?), sie erzählt Ähnliches zur “Dolchstoßlegende”, spricht ebenso von der reinen Kriegsmüdigkeitsrevolte, auch für sie ging es damals erstmal nicht um Sozialismus, war der Krieg verloren usw. usf. Wagenknecht glaubt, elegant ihre politischen Aussagen zur Gegenwart einzupflegen, was für mich schon sehr zurechtgebogen wirkt, aber eventuell ja funktioniert – immerhin verweist sie darauf, dass der Krieg damals auch mit einer progressiven, zivilisatorischen Mission verknüpft wurde und wir das aus der heutigen Zeit kennen.

Befragt, ob der bewaffnete Aufstand legitim war, weicht Wagenknecht aus, meint, die Umstände waren damals ganz andere als heute, heute sei das nicht mehr nötig. Und hier kommt nun ausgerechnet vom dritten der Interviewten, der weder Sozialdemokrat noch Linker ist, sondern Konteradmiral, die Aussage, dass unter solchen Umständen der gewaltsame Umsturz angezeigt sein kann.

Dieser Flotillenadmiral Kay-Achim Schönbach ist überhaupt die große angenehme Überraschung. Er scheint einerseits wesentlich besser über die damaligen Ereignisse informiert (die diesbezügliche Schulung scheint bei der Marine besser als bei der SPD und der Linken), spricht also viel mehr konkret zur Sache als die anderen beiden und füllt weniger auf, er ist auch der erste, der in bezug auf die Kriegsschiffe von Klassen redet, sie als Abbild des ganzen Reichs schildert und das am drastischen Unterschied in Küche und Speiseraum zwischen Offizieren und Mannschaften festmacht. Er macht hier genau die so populäre Trennung von Revolte gegen den Krieg und Klassenkampf nicht mit – der Aufstand der proletarischen Mannschaften gegen die adeligen und bürgerlichen Offiziere war eine handgreifliche Auflehnung der Ausgebeuteten.

Die Stimme aus dem Off folgt aber der sozialdemokratischen und sonstig hegemonialen Erzählung. Zu Beginn des Krieges jubeln “die Deutschen ihrer Marine” noch begeistert zu, heißt es, “im Herbst 1918 ist klar: der Krieg ist für Deutschland verloren” und am Ende dann: “Dieselben Menschen, die vier Jahre zuvor noch dem Kaiser zugejubelt haben, erzwingen nun seine Abdankung. Alle eint die Hoffnung auf den Neuanfang im Frieden, in einer kommenden Republik.” Die doch nun schon ausgerufen ist! Und wer sind hier nun wieder alle? Bis heute kennen wir keine Klassen mehr, sondern nur noch Deutsche.

Das Schlusswort hat noch mal Engholm: Das politische Engagement lässt heute, “wie ich finde”, zu wünschen übrig. Das haben Leute wie er gut hinbekommen!

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