►Die HÜFTBEWEGUNG – Was uns zu Menschen machte

Die Monate bis zur Geburt verbringen die meisten Menschen auf einer Hüfte, dann schlüpfen sie durch sie auf die Welt und gelten als Säuglinge, bis sie laufen (sich aber noch nicht selber anziehen) können, ihre Hüfte also selbst aufrecht halten und sich damit buchstäblich über die übrigen Säugetiere erheben. Sie wiederholen die Evolution im Zeitraffer, lernen immer länger und weiter zu laufen und vor allem zu gehen, mit der Hüfte Schwung zu holen und zu zielen, damit auch immer genauer zu werfen und zu treffen, lernen allerlei Dreh- und Bohrbewegungen vor allem mit Hüfte und Händen aufeinander zu beziehen und zu übersetzen, lernen Tanzen, Kampfsport oder Materialbearbeitung mit gerichteten, getakteten und übersetzbaren Bewegungen, während ihr Gehirn, das sonst gar nicht durch den Geburtskanal passen würde, seine Größe erst noch verdoppelt und dabei auf seine Hüftbewegung und die um es herum geeicht wird, Schritt für Schritt – wie es mit der Menschheit insgesamt in den Jahrmillionen nach der Aufrichtung der Hüfte geschah.

Der Schwung, die Präzision und das daran geschulte Gehirn ließen die Spezies zur wunderbaren und verheerenden Supermacht des Planeten werden, die beispiellose Ausmaße von Gewalt und Zerstörung hervorbrachte, aber auch riesige gedankliche wie materielle Überschüsse sowie die Fähigkeit und Bereitschaft, auch diejenigen in Segnung und Fluch mit einzuschließen, deren Hüften sich nicht (mehr) bewegen können.

Herrschaft nutzte die Hüftbewegung und kontrollierte sie bis zur partiellen Ruhigstellung, “setzte sich fest”, erzeugte Stillstand und Erstarrung (alles auch Aussagen über die Hüftbewegung bzw. ihre Abwesenheit). Vom Sattel und vom Thron aus wurden Stillsitzen und Stechschritt durchgesetzt, die individuelle Macht durch die patriarchalen Sexualisierung der Hüftregion versteckt. Wann immer sich die Beherrschten und ihre Hüften auflehnten, verfielen sie in öffentliche Tänze (die kollektive Pfingstekstase der Bauernkriegszeit, der schwindelerregende Revolutionswalzer), was sich in den modernen Revolutionen und sozialen Bewegungen immer konkreter ausdrückte: von den schwingenden Hüften (Swing), den wiegenden und rollenden Becken (Rock’n’Roll, Elvis the Pelvis) über die Hüftler (Hipster) und Hüftchen (Hippies) bis zum Hüftsprung (Hip Hop).

Kulla möchte, wie schon in seinen Vorträgen zum Rausch und zur Lust, unterstützt von Bewegtbild und Ton die Evolution unserer Spezies als noch nicht restlos aufgeklärt in Erinnerung rufen, die Abhängigkeit unseres Welt- wie Selbstbilds von der herrschaftlichen Verfasstheit unserer Gesellschaften aufzeigen und dazu ermutigen, die Bewegung der Hüfte zu verfolgen, zu beobachten, wie das Gehirn diese Bewegung die ganze Zeit schrittweise vorausplant, zu steuern und auszunutzen versucht – und wie wenig selbstverständlich das alles ist.

Termine

  • 11.04.2019, Plauen, Kanapee
  • 08.06.2019, Doksy, Pfingstcamp Linksjugend Sachsen
  • 2MWW4N64EB9P