V

October 8th, 2010

Zur Abwechslung schau ich mal eine Serie, die noch läuft: “True Blood”, worin eine Gegenwart beschrieben wird, in der Vampire durch die Verfügbarkeit von vollwertigem synthetischem Blut in den Status von Bürgern aufsteigen (oder absteigen, wie es einige von ihnen sehen), eine Gegenwart voller vampirfeindlicher Christen, Rednecks und Gaia-Hippies, eine Welt mit Mänaden, Formwandlern und Nazi-Werwölfen, gebadet in Ambiente und Musik des Mississippi-Deltas.

So wie die verwickelte Emanzipationsgeschichte der Vampire als Kombination und Eskalation verschiedener Emanzipationsgeschichten funktioniert (Juden, Homosexuelle, Schwarze), wird ihr Blut (“V”) in der Serie als Kombination verschiedener Drogeneffekte dargestellt: potenzsteigernd wie Viagra, Optics und Rauscherlebnis wie bei Psychedelika, Suchteffekte und Hangover wie Speed oder Koks, eine starke Heilwirkung und als Nebeneffekt eine sexuelle und telepathische Verbindung zum Spender je nach Dosis…

Das Verhältnis zwischen Vampiren und Menschen kehrt sich um: einige der “Blutsauger” steigen auf “True Blood” (warum nicht “I can’t believe it’s not blood”?) aus der Flasche um, während nun Menschen (und Werwölfe) den Vampiren das Blut absaugen, von dem sie sich Lust, Rausch, Kraft und Gesundheit versprechen.

Vampire funktionieren – nicht nur hier – quasi als Speed-Ideal: schlaflos in der Nacht, scheuen das Tageslicht, cool und unterkühlt, bleiben jung, können sich viel schneller bewegen und haben eine irrsinnige Kontrolle über ihre Kraft.

Für mich besonders bemerkenswert ist Lafayette, die vielleicht coolste umwerfendste und großartigste Dealer-Figur aller Zeiten, hier dargestellt als einer der wenigen, der sich sinnvoll um andere sorgt und kümmert, der auch in Ausnahmesituationen weiß, was zu tun ist, und der sich nichts gefallen läßt.

Möglicherweise bastele ich mir ein T-Shirt, auf dem Lafayette zu sehen ist und der Aufdruck: “Is u feelin’ me?” Auf jeden Fall werde ich ihn zur Illustration im einleitenden Dealer-Kapitel bei “Leben im Rausch” heranziehen.

Die Symbolik der Serie findet sich nun in der Mobilisierung zur Blockade der vier Hakenkreuz-Märsche in Leipzig am 16.10. wieder, bei der ich abends mit Björn Peng und den Inglorious Bassnerds auftreten werde. Gilt unser Buffy-Track dann als reaktionär, weil er eine Vampirjägerin abfeiert? Tut es was zur Sache, daß sie anders als die (meisten) Vampirfeinde in “True Blood” sehr genau differenziert, ob die Vampire Menschen schaden oder nicht?

Sieht sich die Antifa als coole Vampirarmada, die Nazi-Werwölfe jagt und die Straßen der Stadt in Blut taucht? Und werden die Nazis dadurch daran gehindert, high auf V zu werden? Und wo steht Lafayette bei alldem?

18 Responses to “V”

  1. tee Says:

    was einige bei der mobilisierung auch stört, ist die zweifelhafte popkulturelle melange von vampiren (“vampire raus!”), dem roten oktober (kommunismus?) und dazu noch dieses “mit allen mitteln”, die da der werbung halber in stellung gebracht wird …

    jedenfalls sieht die antifa sich auf buffys seiten.

  2. hi Says:

    Einmal mehr bezeichnend fuer die progressiven Qualitaeten solcher Sendungen ist aber doch, dass in der verlinkten Szene der uebersteigert als nonheterosexuell dargestellte Koch erst dann so wirklich “cool” ist und als role model funktioniert, wenn er im naechsten Schritt sich auf die ihm entgegengebrachten Ressentiments und Anfeindungen auf die Art und Weise reagiert, wie es allgemein als besonders maskulin, heterosexuell empfunden wird, naemlich als stark, selbstbewusst, kompromisslos und sich durchsetzend mit Hilfe seiner Koerperkraft. Dies wird besonders deutlich, da er dies als besonders konsequent verkoerpert und anwendet, im Gegensatz zu seinen Kontrahenten, die es beim bloss verbalen Schlagabtausch belassen und sich in der koerperlichen Auseinandersetzung als schwach, feige und damit nicht in der Lage ihm etwas entgegenzusetzen darstellen.

    Weder ist diese Szene wohl repraesentativ fuer die Serie an sich (die ich nicht kenne), noch kann man abstreiten dass es sich um ein gaengiges Pattern handelt. Doch gerade letzteres spricht nicht fuer den Inhalt der Serie, sondern gegen die Form in der sie sich bewegt.

  3. classless Says:

    “Weder ist diese Szene wohl repraesentativ fuer die Serie an sich (die ich nicht kenne)”

    Das verstehe ich nicht.

  4. hi Says:

    Mit diesem Halbsatz wollte ich zum Ausdruck bringen, dass ich mich dabei nur auf diese Szene beziehe. Ich habe weder die Serie gesehen, noch moechte ich irgendwie davon ausgehen, dass diese Szene eine generelle Aussage ueber sie, ueber die verwendeten Motive und Mechanismen zulaesst.

  5. classless Says:

    Okay.

  6. posiputt Says:

    @hi das rechthaben ueber coolness zu vermitteln hat doch sowieso immer den haken, dass coolness sich nur scheinbar auf einem eigenen niveau befindet. und die gewalt, nu, ist vielleicht auch nur heteromackerig vereinnahmt. nach schwulen charakteren, die auf anfeindungen “angemessen” tuntig reagieren, muss mensch in den popmedien ja nun auch nicht ganz so lange suchen. sowieso finde ich das immer ganz heikel, diejenigen, die als abweichung wahrgenommen werden, ueber die offensive zurschaustellung dieser abweichung zu emanzipieren (und so die abweichung zu bestaetigen). dabei kommt eher selten was anderes als ein (mehr oder weniger akzeptierter) stereotyp raus.

    jetzt bin ich mir nicht mehr sicher, ob das sinn macht, was da oben steht. egal. keine zensur :)

  7. bigmouth Says:

    @hi:

    haben die leute bei den stonewall riots deinem empfinden nach auch auf eine “Art und Weise reagiert, wie es allgemein als besonders maskulin, heterosexuell empfunden wird”? es gibt nun mal keine reaktionen, die nicht auf so oder eine andere weise gelesen werden können, dass sie als klischeeaffirmativ erscheinen

  8. lasterfahrerei Says:

    also mir ist das das eine vampirin ist auf dem mobilisierungs plakat erst super spät aufgefallen. hab mich die ganze zeit immer gefragt warum da eine frau drauf ist die sich so über die lippen schleckt.

    das trueblood plakat kannte ich auch nicht davor. in der einen folge die ich gesehen habe wurde mehr rumgeheult als das blut floss, dachte der richtige titel müsste true tears sein. ansonsten fand ich die charactere eher ziemliche stereotypen.

  9. Required Name Says:

    Bei dem Titel dachte ich zuerst, du würdest über diese schreckliche Verschwörungsserie (die mit den Reptilien-Aliens im Menschenkostüm schreiben)…
    Zu True Blood kann ich nicht viel sagen, Sookie Stackhouse und Bill haben mich bisher davon abgehalten, weiter zu schauen…aber zum Glück gibts die Sesame Street.
    http://www.youtube.com/watch?v=6dAZ1-nF3VI

  10. classless Says:

    @ Required Name

    Yeah, mud bath!

  11. Donauwelle Says:

    Der Blutstandard ist traditionell eine morbide Angelegenheit, da hebt sich selbst die Bibel fortschrittlich davon ab, etwa mit der Aufhebung des Vergeltungswettlaufs. Falls dieses Drehbuch eine Gleichnisebene über die bloße Blutrünstigkeit hinaus hat, dann steht die üble Blutsaugerei vielleicht für den Plagiarismus, und das vermeintliche Kunstblut für den organisierten Diebstahl geistigen Eigentums durch den Überwachungsstaat. Und der bigotte Jesusschund ist die Malaria der kommerziellen Massenkultur. Oder die Autoimmunschwäche des Überwachungsstaats. Oder so. Aber das ergibt eigentlich keinen Sinn, denn all diese Themenfelder ließen sich auch weniger blutrünstig bearbeiten, Saddam hat man ja auch nicht geschächtet, wohl weil irgendwer sich vorher zumindest unbewusst darüber im Klaren war dass es dokumentiert werden würde. In der theatralischen Umsetzung hat soetwas keine erzählerische Nutzlast mehr sondern befördert lediglich eine Kultur der Blutrünstigkeit. Erst diese Woche haben mehrere Elektronikkonzerne ihr Sponsoring für eine internationale Greenwashingkampagne zurückgezogen, nachdem deren Werbevideos sich in dieser Hinsicht nicht mehr vom Material des russischen Innenministeriums unterschieden. Wenn jetzt die Antifa ankündigt gegen das Brownwashing des Rechts auf Zukunft alle Register zu ziehen, dann klingt das vor diesem Hintergrund eher nach Jim-Morrison-Bootleg als nach Hizballahtaktik. Dennoch besteht ein Sachzusammenhang zwischen einer kommerziellen Massenkultur der Blutrünstigkeit, deren szenischer Proliferation in den zivilgesellschaftlichen Diskurs, und einer persönlichen Brutalisierung der willigen Vollstrecker der Staatsgewalt. Auf Tea-Party-nahen Internetseiten ist dies bereits jetzt forensisch nachvollziehbar, hierzulande zeigt etwa der Fall Simon Engelhaupt wo die Ansatzpunkte liegen.

  12. classless Says:

    Zur Frage heterosexuell-affirmativer Darstellung: Wenn alle, die keine heterosexuellen Männer sind, nicht gewaltausübend gezeigt werden sollen, sind nur die heterosexuellen Männer dabei zu sehen. Und das reproduziert m.E. das wichtigste Klischee: daß Schwule und Frauen nicht zurückschlagen (dürfen, können, sollen, wollen…)

  13. memyselfandi Says:

    punkt 1: die serie laeuft gerade nicht mehr. vor wenigen wochen ist die dritte staffel zu ende gegangen, und arme seelen wie ich muessen jetzt ein ganzes jahr warten, bis es weitergeht (ich mag alan ball trotzdem noch, immerhin hat er alles zu twilight gesagt, was noetig war : “I don’t get a vampire story about abstinence. I’m 53. I don’t care about
    high school students. I find them irritating and uninformed.” )
    zum rest der herrlich ignoranten debatte, die ganz offensichtlich keine ahnung vom behandelten gegenstand haben will, sei noch angemerkt, das lafayette tatsaechlich einer der vielschichtigen charaktere ist, und auch noch grossartig gespielt wird. fuer eine vernuenftige debatte zur serie sei dies hier empfohlen: http://www.feministe.us/blog/archives/2010/09/14/tuesday-true-blood-roundtable-evil-is-going-on/ (vorsicht spoileralarm) von denen eben auch folgendes zitat stammt: “It’s an imperfect show, sure, but it’s great popcorn TV for absurd, horny feminists.”, wofuer die hattipprops allerdings ans medium-wenn schon nerd dann richtig blog gehen.

  14. Donauwelle Says:

    Das Archetypenumfeld einer Drehbuchskizze zu verhandeln ist allerdings die einzige Möglichkeit sich zu einem Programm zu äußern das man nicht gesehen hat (und auch gar nicht will). Aber vielleicht überfordert die Frage ob die Produzenten dieses Videos auch zu ihnen zu zählen sind ja tatsächlich dessen Fans, und dem Produzenten des Programms sind eventuelle Folgen seines Tuns gleichgültig.

    http://www.youtube.com/watch?v=tIsritzu1og (Warnung: Psycho-Terror!)

  15. Shigekuni Says:

    http://www.youtube.com/watch?v=NPjvv3qeMlo&feature=related

  16. Shigekuni Says:

    Ich finde die Serie (großartig wie sie ist) hochproblematisch, wie ich auch so ein vorgeschlagenes TShirt fände. Eins der Probleme ist, daß True Blood Emanzipationsbewegungen zitiert, aber seine Vampire tatsächlich gefährlich sind, “Tru Blood” (wie das Getränk übrigens heißt) hin oder her. Sie töten tatsächlich Menschen, sie beeinflussen und ernähren sich tatsächlich von Menschen. Das ist, als ob die “Protokolle” tatsächlich in der Schublade jeder jüdischen Familie lägen und Matzoh tatsächlich aus Christenblut gemacht würden. Noble Vampire wie Bill sind ein bißchen wie die guten Türken von Sarrazin, die trotz der häßlichen genetischen Wahrheit Ausnahmen darstellen, und nichts am Gesamtbild ändern. Das ist ein Muster, das übrigens aus wie im gerade verlinkten kurzen Feminist Frequency Video gezeigt, auch AUswirkungen auf die Darstellung von Afroamerikanern und Homosexuellen hat. Die dritte Staffel, gerade die zweite Hälfte, ändert daran zum Teil was, aber nur zum Teil.

  17. classless Says:

    Mich hat gewundert, daß es am Anfang so aussieht, als gäbe es eine große Zahl von “Mainstreamern”, als wäre es mit der Emanzipation also ernst und allgemein, und im Laufe der Serie bleibt davon fast nichts übrig – auch das ist leider viel zu klassisch die Erzählung vom unüberwindlichen bösen Wesen, von der vorgegaukelten Menschlichkeit usw.

    Dieses Posting war ja noch keine weitergehende inhaltliche Auseinandersetzung – ich wollte erstmal die Darstellung von Drogen & Dealen und die Verwendung für die Antifa-Mobilisierung herausheben.

  18. bigmouth Says:

    @Shigekuni : yep, genau das problem sehe ich bei der serie auch (ich habe erst season 1 gesehen) es erscheint vollkommen absurd, dumm bis naiv, die vampire nicht mindestens einer strikten kontrolle zu unterwerfen, weil sie offenbar unfassbar überdurchschnittlich gefährlich für menschen sind. das taugt als parallele zu anderen emanzupationsbewegungen wirklich sehr wenig

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