Uruguay und sein Pepe

January 13th, 2014

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Als ich nach Argentinien berichtete, was es hierzulande für einen Hype um den Präsidenten von Uruguay gibt, José „Pepe“ Mujica – der Mann, der sich nicht hat verbiegen lassen, der Dope legalisiert, sein Land öffnet und Alltagsklamotten trägt, “der bescheidenste Präsident der Welt”, “coolste Präsident der Welt” und “gemütlicher Opi” – bekam ich von einer guten Freundin aus Buenos Aires diese Antwort (meine Übersetzung):

«Ob irgendwer von diesen Leuten schon mal in Uruguay war? Ob sie wissen, daß es eins der teuersten Länder auf dem Kontinent ist? Daß die ärmeren Leute immer Matetee mit sich herumtragen, weil es eine Möglichkeit ist, sich satt zu fühlen und eine Mahlzeit auszulassen, die sie sich nicht leisten können? Daß sie ihren Kindern deshalb auch Matetee zu trinken geben?
Daß es einen schrecklichen Finanzmarkt beherbergt, der vom Staat zuverlässig bewacht wird? Daß es immer weniger Arbeiter gibt, weil immer mehr von ihnen ihre Jobs verlieren und unter die Armutsgrenze fallen? Daß es als Steuerparadies gilt und wie eine ausgelagerte argentinische Stadt funktioniert, zum einen wegen seiner Abhängigkeit und zum anderen, weil Argentinien das erste Migrationsziel für eine Million Menschen aus Uruguay ist, die in diesem unglaublich teuren Land nicht mehr leben können?
Oder daß dort Soja produziert wird und die Bauern an die Ränder von Montevideo gedrängt werden, wo sie als Extrem-Billiglöhner leben müssen?
Es ist jedenfalls genau so: Uruguay und sein Präsident müssen für die Idee herhalten, kapitalistisch zu sein und seinen Finanzmarkt zu schützen, aber dabei als rein, unverbogen und volksnah rüberzukommen, weil El Pepe in diesen Klamotten rumläuft. Ihm wird applaudiert, weil er das Heldenbild abgibt, das sie mögen.
Und er hat sich wirklich verraten: Er war mal ein Guerillero, und er glaubte an den Sozialismus. Jetzt ist er ein bürgerlicher Präsident eines kapitalistischen Landes mit sehr starken Institutionen, die es fast unmöglich machen, außerhalb des Systems zu handeln, zu leben oder zu denken.
So wie es hier eine Art von Tango für den Export gibt, zugeschnitten für europäische Konsumenten, gibt es auch Pepe, den Präsidenten für den Export, zugeschnitten für Leute in Europa. Leute, die nicht links sind, aber das Bedürfnis haben, sich dafür zu halten. Also bewundern sie irgendwie kapitalismuskritisch einen kapitalistischen Präsidenten, weil der Cannabis in staatliche Kontrolle überführt hat.
»

Als Illustration wurde mir dieses Video aus Uruguay mitgeschickt, in dem Bewohner von Gefängnissen und Slums ihre Lage als Abfall der Gesellschaft schildern, inmitten von Gewalt, die aber nur dann als solche gilt, wenn sie nicht von der Polizei ausgeht.

8 Responses to “Uruguay und sein Pepe”

  1. Matilda Says:

    “Leute, die nicht links sind, aber das Bedürfnis haben, sich dafür zu halten. Also bewundern sie irgendwie kapitalismuskritisch einen kapitalistischen Präsidenten, weil der Cannabis in staatliche Kontrolle überführt hat.”

    Gut getroffen, finde ich!

  2. name Says:

    Ho, Ho, Ho Chi Minh!

    War schonmal wer in Argentinien? Wo die Regierung einfach mal den Währungswechselkurs festschreibt und die Menschen in den Schwarzmarkt drängt? Wo die Währung einfachmal über den Zeitraum von 2 Monaten ca 30% crasht und das für die Einwohner*innen total normal ist und nichtmal ein Schulterzucken hervorruft?

  3. classless Says:

    Ich glaube nicht, daß dieser Text ein Statement für irgendeinen anderen Staat oder eine andere Regierung ist, und als allerletztes für die argentinische.

  4. Vai porra! Says:

    Und wo ist die Situation jetzt nicht so in Lateinamerika? Uruguay geht es im Vergleich und im Schnitt auch weiterhin noch relativ gut, in anderen Ländern des Cono Sur sieht es deutlich schlimmer aus, ebenfalls im benachbarten Brasilien, die zB von einem Gesundheitssystem wie in Uruguay nur träumen.

    Und welcher Präsident/in Lateinamerikas wird in Europa nicht nur oberflächlich dargestellt? Lula war auch immer die coole Sau, gerade auch in linken Medien. Welch hysterisches Klugscheißen, ohne irgendeine wirkliche Neuigkeit.

  5. Vai porra! Says:

    PS: was Gewalt und Kriminalität angeht ist Uruguay übrigens auch regelrecht gechillt für lateinamerikanische Verhältnisse, das machts natürlich nicht besser, aber lässt diesen hysterischen Ton noch lächerlicher erscheinen.

  6. classless Says:

    Es sollen Sachen nicht kritisiert werden, weil andere Sachen auch doof und schlimm sind?

  7. Mag Says:

    @ Vai porra!

    Well, I have been and I am in Argentina. And once you are here, you can find more horrible things to criticize about Argentinean government. For example: 1. Persecution to workers who strike and try to defend their jobs. 2. “Desaparecidos” in democracy (Julio López, Luciano Arruga, for example). 3. New laws with a big conection with Catholic and conservator perspective (New Civil Code). 4. Big cases of corruption that ended with people dead in fatal accidents in public transport (the case of the Sarmiento train, to say one example) or the collapse of the public health system. 5. A naturalization of the violence against women and a declared position against some women rights. A proliferate coexistence between women trafficking and some governors from inner province (the one who are really near to kirchnerismo). 6. A strong repression against aborigines in some province (Formosa, Chaco, Jujuy) that are, of course, also kirchneristas governors. 7. A constant violation to workers rights (“tercerizados” in public companies, people working illegally in the state, multiple cases of layoffs because of political reasons (persecution to people from left parties). 8. The support to agro-products with transgenic from Montsanto and Cargyll that make reach people reacher and poor people and farmer cheap labor force in the Conurbano Bonaerense.
    And I can continue with a lot more… and also I can tell you how this is working in Paraguay, in Chile, in Brasil, also in Ecuador or in Venezuela.
    On the other hand, does someone really think that losing purchasing power of salaries doesn’t make people suffer economical vulnerability? Does someone think is “normal” to people?
    I find it very offensive when someone just gives opinions about “passivity” and “inertia” and resignation in Latin American people. And, for example, in the European social science it’s pretty common to find some expression about American Southern Cone that assume here “we don’t have any democratic culture” so we adapt our daily life to government decisions without any struggle or resistances. And that’s not only prejudiced but also elitist and kind of colonialist thought. Because people here resist and fight and survive since immemorial times and have created particular ways of surviving to states and situation pretty violent and aggressive (and no, people don’t think is normal).

    But this is not a competition between Latin American countries; luckily, it’s not about “one” country or “another one”. I am not in favor of any capitalist states or any government with these characteristics.
    And on this side of the world we understood that these governments that portrait themselves as the “New Left Government” aren’t new (they have almost 10 years on the power) and aren’t left. Any of them, even the one of Pepe (although he became a saint for the European Left, not only the media).
    This is not about how not-left are the South American presidents (that they aren’t, of course), this is about how much do the “left European people” need to recreate the story of what’s going on here, and portrait it as they need. And that’s also a very strong colonialist lecture.

  8. Hierarchieallergie Says:

    Das war auch gelegentlich von lateinamerikanischen Anarchist_innen zu hören, die eine ähnliche Vorstellung von der Personalie Merkel hatten, die Frau wäre doch einmal Dissidentin gewesen, und dann diese Nelson-Mandela-Karriere, was denn davon zu halten sei?

    Da musste dann darauf hingewiesen werden dass ehemalige West-Agent_innen im Osten nach der Wiedervereinigung nicht enttarnt wurden wie die Ost-Agent_innen im Westen sondern weiterbeschäftigt, es wurde lediglich der Auslandseinsatz zum Inlandseinsatz umdeklariert.

    Die gescheiterte Demokratiewende führte bekanntlich zu einer Wiedervereinigung der Spitzel statt zu einer Abschaffung der Apparate – wenn zwei Atomkonzerne miteinander fusionieren dann kommt ein Atomkonzern dabei heraus und kein Biobauer.

    Auch falls Mujica kein Gauck sein sollte, seine Soldaten in Kinshasa lassen ihn genau blöd aussehen wie einen Hollande.

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