2017 – Was tun? Luther, Lenin, Weltkrieg, Revolution

January 2nd, 2017

Sich zuspitzende politische Lage und vergiftete Groß-Jubiläen, alte Feindschaften und Rivalitäten, wenig Hoffnung, viel zu verlieren – auch dieses Jahr wird es wohl viel zu erklären geben und es wird der Wiederholung von Fehlern entgegenzuwirken sein. Vor allem aber muß sich auf den möglichst breiten, möglichst egalitären Zusammenschluß besonnen werden, dem wir fast alle sozialen Errungenschaften verdanken und der bestes Gegenmittel gegen Reaktion und Ideologie wie auch einzig offenstehender Weg über die Welt der Herrschaft hinaus bleibt.

1517

Vor 500 und vor 100 Jahren fanden historische Umbrüche statt, die heute vor allem auf diejenigen bezogen werden, die sie erfolgreich für sich reklamieren konnten. Von der revolutionären Erschütterung der Feudalordnung in weiten Teilen Europas um 1500 mit dem Höhepunkt des “Bauernkriegs” bleibt Luthers Thesenanschlag zu Wittenberg. Von den damaligen Klassenspaltungen und erbitterten Kämpfen bleibt die Erinnerung an religiöse Schismen und ihre heutigen konfessionellen Entsprechungen. (Den Widerspruch Luthers zwischen Aufwiegelung und Aufstandsbekämpfung, zwischen Ermächtigung der Massen und Huldigung der Fürsten habe ich in dieser Bilderserie kurz zusammengefaßt.) Wie läßt sich nun ins Gedenkjahr intervenieren? Wie läßt sich die revolutionäre Geschichte in diesem oder vielleicht den kommenden Jahren auf den Tisch bringen? Ich werde dazu in Eisenach vortragen, stehe aber auch für die Vorbereitung anderer Aktionen und Interventionen zur Verfügung.

1917

Auch vor 100 Jahren brachen in weiten Teilen der Welt Revolutionen aus, die die herrschaftliche Ordnung zutiefst erschütterten; auch hier ist von den selbstorganisierten Massenaktionen viel weniger im öffentlichen Gedächtnis (auch im linken) als von der Siegergeschichtsschreibung der verschiedenen Strategien, diese Aufstände und Aneignungsbewegungen zu zerschlagen, zu vereinnahmen oder sich zumindest an ihre Spitze zu setzen. Von den landesweiten Enteigungen und den überall sich bildenden Räten in Rußland blieb das historische Datum der Machtübernahme der Leninschen Fraktion der Sozialdemokratie (vom März 1919 in Deutschland blieben die sozialdemokratischen und kommunistischen Vereinnahmungsgeschichten und die faschistische Propaganda). Von den erbitterten Auseinandersetzungen über den richtigen Weg zum Kommunismus und die Führung der Bewegung blieben die bis heute untereinander aufs Messer verfeindeten reformistischen, stalinistischen, maoistischen, trotzkistischen und rätekommunistischen Traditionen. Und wieder ist die Frage: Wie läßt sich die revolutionäre Geschichte, die in all diesen Erzählungen wie abseits von ihnen zu finden ist, in diesem oder in den kommenden Jahren auf den Tisch bringen? Historical reenactment der Kämpfe, Streiks und Besetzungen an jedem Ort, wo sich das organisieren läßt? Oder doch erst die Schaffung von Zusammenschlüssen, die mehr Interesse an dieser Geschichte wecken? Ich biete eine überarbeitete Neuauflage meines Vortrags zu 1917 von 2008 an, den ich damals auch teilweise verschriftlicht und in mehreren Postings verarbeitet hatte, z.B. “Lenin, 1917 und die Demokratie”. Auch in dieser Hinsicht helfe ich aber gern bei anderen Aktionen und Veröffentlichungen.


Wiederlektüre zu Rußland 1917

(Wer über die Ereignisse in Rußland 1917 auf dem Laufenden bleiben möchte, kann – ja, RT-Projekt, ich weißt – diesem Echtzeit-Twitterprojekt mit mehreren Accounts historischer Personen und zahlreichem Dokumentationsmaterial folgen.)

Weltkrieg

Nicht nur meiner (nicht ganz ernst gemeinten) Twitter-Umfrage zufolge ist Weltkrieg ein recht wahrscheinliches Szenario. Laut diverser Einschätzungen ist er längst im Gange (als Weltbürgerkrieg z.B. bei Tiqqun, als globaler War On Terror oder War On Islam z.B. bei den Neocons und Islamisten, als Putins Krieg z.B. bei amerikanischen Liberals usw.), droht aber – angesichts nationalistischer Mobilisierungen in vielen Ländern der Welt und rapide wachsender Rüstungsbudgets bei einer ebenfalls wachsenden Zahl kriegsfähiger Regionalmächte sowie angesichts von Interessenkonflikten um Absatzmärkte, Rohstoffe, Handels- und Migrationsrouten – sich weiter auszubreiten und zuzuspitzen. Ein denkbares Szenario, das sich u.a. in Trumps außenpolitischer Rhetorik und der Eskalation im Südchinesischen Meer ankündigt, wäre etwa ein kriegerisches Zusammengehen der USA, Europas und Rußlands gegen China – wie auch immer das mit den Mitteln der Gegenwart eigentlich aussähe und von welchen ideologischen Klammern (Christentum? Antikommunismus?) auch immer das dann begleitet werden mag. Wie ließe sich angesichts solcher Entwicklungen der dazugehörigen Propaganda aller beteiligten Staaten gegenüber sinnvoll skeptisch bleiben, wie dem Drang entgegenwirken, sich der moralischen Erpressung zu ergeben und diese oder jene Kriegsmaschinerie anzufeuern? Wie verhindern, zwischen rivalisierenden Nationalismen, die sich fast alle im Kampf gegen einen Faschismus sehen, aufgerieben zu werden oder nur fürs kleinste Übel die Kastanien aus dem Feuer zu holen? (Siehe: “Das schöne Gefühl, gebraucht zu werden”) Wie läßt sich darauf bestehen, daß sich die Lebensbedingungen der meisten Menschen auf der Welt in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert haben, ohne den Eindruck zu erwecken, all das sei nicht erkämpft worden, stünde nicht ständig auf dem Spiel und bedeute nicht weiterhin millionenfaches unnötiges Leiden und Sterben?


Hans Rosling zu den globalen sozialen Erungenschaften

Revolution – Umsicht & Überschwang

In selbiger Twitterumfrage belegte die sozialistische Weltrevolution (aus historischen Gründen?) den zweiten Platz. So weit weg das erscheinen mag – wie wird das denn vielleicht noch was? Was tun? Bzw.: Was machen wir hier eigentlich? Als vorläufige Antworten möchte ich meine Schlüsse aus dem zurückliegenden Jahr noch mal hoffentlich deutlicher in Form von Vorschlägen fassen.

  • dem Grundmechanismus von Herrschaft entgegenwirken: sich nicht als was Besseres vorkommen, gerade spezifisch nicht in der Weise, die für die eigene soziale Rolle und Position üblich ist
  • Ideologie ernstnehmen – weniger Schuldzuweisung und bürgerliche Partei- und Identitätspolitik, mehr systematische Kritik, dynamische Gegenidentifikation, praktisches Entgegenwirken und Assoziation um gemeinsame Interessen und Zwecke
  • Sichtbarmachung all dessen, was der ideologische Blick unsichtbar oder unkenntlich macht: die Arbeitskämpfe in aller Welt und in der Vergangenheit, die Auseinandersetzungen in der Reproduktionssphäre (auch wenn sie keinem aktuellen linksliberalen Vorhaben zuspielen), die nicht marktrelevanten und nicht herrschaftskompatiblen Bedürfnisse und Fähigkeiten
  • Kämpfe nicht gegeneinander ausspielen, sondern gerade die Verbindung herstellen: Herrschaft und Ausbeutung bauen aufeinander auf und verstärken sich, sitzen auf der Kontrolle und Ausnutzung der Fähigkeiten Rausch und Lust
  • nötige Abwehrkämpfe gegen Nazis und andere konkrete Bedrohungen ohne das liberale Aus-allen-Wolken-Gefalle führen (ist alles nicht unfaßbar, unerklärlich usw., sondern eben Konsequenz daraus, wie diese Gesellschaft bisher eingerichtet wurde), aber auch ohne diese Kolonialmacht-gegen-Bauern-Haltung (besser z.B.: Gera) und jeden gewonnenen Spielraum für Zusammenschlüsse, gegenseitige Hilfe, Erkundung von Fähigkeiten und Bedürfnissen, für individuelle Entfaltung nutzen
  • Dreh- und Angelpunkt des Kapitalismus: wem die Betriebe gehören – am meisten verdient, wer die meiste menschliche Kooperation und Selbstorganisation für sich arbeiten läßt – diese Organisation vorantreiben, Streik, Betriebe übernehmen!
  • Themen und öffentlichen Raum nicht von den Cops vorgeben und bestimmen lassen – wo immer möglich, die Polizei-PR debunken, gegen Schikanen zusammenhalten und eigene Regeln und Verkehrsformen umsichtig durchsetzen
  • Solidarität geht vor Verschlüsselung! – sichere Fernkommunikation und generell elektronische Medien sind für bestimmte Vorhaben sinnvoll, ersetzen aber nicht den Austausch und Schutz solidarischer Zusammenhänge
  • “Wo, wo soll ich hingehen?” – alles Provinz, die Innenstädte fast alle zu teuer – da wirken, wo immer es was zu bewirken gibt!
  • In diesem Sinne – anfangen, weitermachen, nicht aufhören! Kämpfen, lernen, Hinternwackeln! Und schreibt mir für Anfragen, Anmerkungen, Verabredungen.


    Am 1. Mai 2016 bei der recht
    imposanten Antifademo in Plauen.

    5 Responses to “2017 – Was tun? Luther, Lenin, Weltkrieg, Revolution”

    1. abtrünnig Says:

      Wenn diese Vorschläge das Programm einer Organisation wären (um nicht Partei zu sagen…), würde ich sofort mitmachen!

    2. classless Says:

      Diese Überlegung gibt’s mittlerweile tatsächlich – das heißt, “Arbeitskräfte” als Überschrift für eine no-bullshit-Klassenkampf-Organisation… Schwer zu sagen, wie weit das die Kapazitäten übersteigt!

    3. Faserstift Says:

      Schöner Text.

      Nur so am Rande: dieses Coverbild zu “der junge Stalin” ist doch ein Propagandabild, oder nicht?

      (https://en.wikipedia.org/wiki/Early_life_of_Joseph_Stalin für akkuratere Bilder des jungen Stalin)

      Warum wird das so oft reproduziert? Fallen wir im Jahr 201X noch sowjetischem Trickbetrug zum Opfer?

    4. classless Says:

      Naja, das ist das Bild, das der Fischer-Verlag da vor ca. 10 Jahren draufgepappt hat – etwa um seine Verhaftung 1906 sah er aber schon ungefähr so aus…

    5. classless Kulla » Blog Archive » Auftritte ab April 2017 Says:

      […] Im Laufe des Jahres soll es Veranstaltungen zu Rußland 1917 und den Folgen geben, u.a. im November in Speyer. (Siehe dazu: 2017 – Was tun? Luther, Lenin, Weltkrieg, Revolution) […]

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