Lenin – Sohn seiner Klasse?

April 22nd, 2020

Lenin war als Initiator der Bolschewiki-Fraktion der russischen Sozialdemokratie, als entscheidender Kopf bei deren Machtübernahme im Oktober/November 1917 und damit als Begründer der Sowjetunion einer der wichtigsten politischen Akteure des 20. Jahrhunderts, bis heute Vorbild für Parteien überall in der Welt, gleichzeitig im Kern des antikommunistischen Feindbilds, aber auch Gegenstand einer umfangreichen linken Kritik.

Aus Anlass seines heutigen 150. Geburtstags sollte ich bei den Lieben im RosaLuxx. in Eisenach sprechen. Der Umstände wegen ist der Vortrag noch nicht fertig ausgearbeitet, soll aber nachgeholt werden und trägt den Titel “Lenin – Sohn seiner Klasse?” Darin will ich Lenins Wirkung und Rolle aus seiner Stellung zu den Klassenkämpfen seiner Zeit und aus seinem eigenen Klassenhintergrund entwickeln. Es geht um theoretische wie praktische Konflikte zwischen Partei und Räten, zwischen Repräsentation und Selbstorganisation, Zentralgewalt und Volksbewaffnung, Konspiration und Massenaufklärung – mit hoffentlich erhellendem Effekt für Fragen der Gegenwart.

Was ich von den Vorüberlegungen heute bereits kurz anreißen kann, dreht sich vor allem ums Revolutionsjahr 1917 selbst. Es ist wie sonst auch hier wichtig, es sich theoretisch nicht zu einfach und praktisch nicht zu schwer zu machen. Die russische Revolution, die seit den 1890ern herangewachsen war, im Februar/März 1917 mit einem Paukenschlag die ganze Welt auf den Kopf stellte und Massenstreiks, Meutereien und Revolten gegen den Krieg und die kriegführenden Regierungen wie nichts anderes entflammte, war ein Produkt von Freiheitssehnsucht wie von Verrohung und Verbrüderung im Weltkrieg; sie war gewalttätig und gutmütig, egalitär und freiheitshungrig, entschlossen und verzagt. Das Exekutivkommittee des Petrograder Sowjets als hauptsächliches Repräsentationsorgan der Revolution war so sozialistisch und umstürzlerisch wie ängstlich, bürgerlich und dogmatisch; Lenin selbst war so verbohrt und herkunftsgemäß herrisch wie aber auch pragmatisch und im entscheidenden Moment doktrinär flexibel.

Er habe Marx schöpferisch weiterentwickelt, heißt die spätere apologetische Formel – es könnte auch gesagt werden: er war unter den sozialistischen Führungspersönlichkeiten die erste und fast einzige, die mit dem Dogma des “Stufenmodells”, der aus Marx’ Historischem Materialismus entlehnten Idee einer notwendigen bürgerlichen Phase unbestimmter Länge vor der sozialistischen Revolution, konsequent brach, im Grunde Ketzer der marxistischen Orthodoxie wurde und auch die eigene Position zumindest taktisch über den Haufen warf um die Revolution in seinem Sinne zu machen (bzw. machen zu lassen). Bis auf Trotzki, Kollontai und Suchanow werden ihm bis Oktober nur wenige der bekannten Revolutionäre darin folgen.

Noch stärker auf das Moment der Machtübernahme fokussiert: Es ist zwar müßig zu spekulieren, was hätte kommen können – es ist passiert, was passiert ist. Die Räte hätten jedoch das ganze Jahr über praktisch jederzeit (konkret bei Aufstandsausbruch im März, dann im April, Juni, Juli und September, ja noch im Oktober) im Namen der Revolution und gestützt auf die unzweideutige Zustimmung der revolutionären Massen die Macht übernehmen können, den Sozialismus, die Räterepublik und die Volksbewaffnung demokratisch durchsetzen und somit den Erfolg bzw. die Notwendigkeit einer militärischen Durchsetzung verhindern können – das haben sie aber, obwohl sie Anfang Juli auf schon groteske Weise von bewaffneten Arbeitern und Soldaten fast dazu genötigt wurden, nicht getan. Lenin hingegen hatte die Räte erst benutzen wollen, war dann ehrlich von ihnen enttäuscht und hat sie schließlich im Zuge der Begründung der Sozialistischen Räterepublik (Sowjetunion) praktisch entmachtet.

Die Parallelen und Verbindungen zur Revolution in Deutschland ab 1918 sind zahlreich (und sollen vielleicht ein andermal ausgeführt werden), die Unterschiede aber auch bedeutsam: der hierzulande viel friedlichere Aufstand, die klare Hegemonie der Arbeiter und ihrer Selbstorganisation in der Revolution, die endgültige Beendigung des Weltkriegs, schließlich der Sieg nicht der Kommunisten, sondern zunächst der rechten Sozialdemokratie, des Bürgertums und Militärs, schon bald darauf des Nationalsozialismus.

Lehren für die Gegenwart sind gar nicht so leicht zu ziehen, gerade unter den aktuell veränderten Bedingungen. Vielleicht aber ganz allgemein so: Je weniger die Selbstorganisation der Arbeitskräfte – in Stadt und Land, in Fabrik, Büro und Haushalt, über die Grenzen und sozialen Spaltungen hinweg – zur Machtausübung, d.h. vor allem zur Übernahme der Produktionsmittel und gesellschaftlichen Vermittlungsorgane, bereit und in der Lage ist, desto mehr macht sie die Machtausübung in ihrem Namen, die sich an ihrer Statt als alte/neue herrschende Klasse Produktionsmittel und Vermittlung unterwirft, möglich bzw. je nach Auffassung: notwendig.

Ich verweise für einen gut gemachten Einblick ins Russland von 1917 und Lenins Rolle darin auf diese Doku mit viel Originalaufnahmen und Zeitzeugnissen: https://www.youtube.com/watch?v=EMbqjI_66Cc
(daraus auch der Hintergund des Postingbilds)

Für den Kurt Eisner Verein – Rosa Luxemburg Stiftung Bayern stellt heute Michael Brie sein Buch über Lenin in einem Livestream ab 19 Uhr vor: https://www.facebook.com/events/944855939261945/

Und als grandioses Beispiel für eine positive Fortführung des Leninschen Impulses in die Gegenwart: die Kurzfilmreihe “Marx ha vuelto” – das Kommunistische Manifest in der Fassung der argentinischen PTS (Untertitel anklicken!) https://www.youtube.com/watch?v=eckwjxa0-w4

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