Märzkämpfe 1921, Teil II – 24. Februar: VKPD-Parteiführung legt Ämter nieder

February 24th, 2021

Am 24. Februar 1921 legen die beiden Vorsitzenden der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands Paul Levi und Ernst Däumig, und mit ihnen drei weitere Mitglieder des Parteizentrale, Clara Zetkin, Adolph Hoffmann und Otto Brass, ihre Ämter nieder. Direkter Anlass ist eine Sitzung des Zentralausschusses der Partei, in welcher sie eine richtungsentscheidende Abstimmung verlieren. Sie wollen – anders als die von den Bolschewiki dominierte Kommunistische Internationale (Komintern) und ein Teil der VKPD – die Sozialistische Partei Italiens in der Komintern behalten und nicht stattdessen ihre kommunistische Abspaltung aufnehmen; ebenso sind sie gegen die Aufnahme der anti-parlamentarischen KPD-Abspaltung KAPD, worin sie ein ähnliches Manöver erblicken, für ein in ihren Augen abenteuerliches Vorgehen notfalls zwei der wichtigsten Massenparteien zu spalten. Außerdem soll die Komintern leicht umorganisiert werden, um ihr in Moskau sitzendes Exekutivkomittee (EKKI) stärker an die Entwicklungen vor Ort in (West-)Europa anzubinden.

Während die Positionen zur KAPD und zur Umorganisation der Komintern im Zentralausschuss “stabile Mehrheiten” finden, verliert die Parteiführung in der Abstimmung zu Italien und tritt zurück, “in der Hoffnung, schon nach kurzer Zeit wieder an die Parteispitze zurückgerufen zu werden, wenn die neue … Parteiführung ihre Unfähigkeit bewiesen und damit auch das EKKI erkannt haben würde, daß es in Deutschland auf die falschen Pferde gesetzt hatte.” (Koch-Baumgarten 46) Sie erklären, “‘daß sie nicht in der Lage seien, die Solidarität mit der in der Resolution Stoecker-Thalheimer niedergelegten Auffassung’, die das Vorgehen des EKKI in Italien billigte, ‘nach außen hin zu decken und aufrechtzuerhalten, weil sie darin eine Gefahr für die weitere Entwicklung der Kommunistischen Internationale sehen, und daß sie deshalb die praktischen Konsequenzen aus der Abstimmung zögen und ihre Ämter in der Zentrale niederlegten'” (Stalmann 2018). Der Sturz der “Leviten”, an dem vor allem EKKI-Gesandter Karl Radek gearbeitet hat, ist vollendet.

Hintergrund ist gerade der Erfolg, den die VKPD mit ihrer zunächst auch von den Bolschewiki unterstützten Einheitsfront-Politik des “Offenen Briefs” Anfang 1921 hat. (Siehe Teil I.) Diese Politik der “Aktionseinheit” mit den sozialdemokratischen Organisationen wird nun von den Bolschewiki als Weg in den “Reformismus”, “Opportunismus” und “Zentrismus” angegriffen. Via Komintern drängen sie auf revolutionäre Aktion in Europa zur Entlastung der sowjetischen innenpolitischen Lage. (Parteisekretär Sinowjew verhängt am 24. Februar wegen anhaltender Streiks und Demonstrationen den Ausnahmezustand über Petrograd). Die VKPD-“Linke”, die nun an der Parteispitze steht macht sich diese Auffassungen wie auch generell die Avantgarde-Linie (Kader- statt Massenpartei) und den “revolutionären Terrorismus” der Bolschewiki immer mehr zu eigen.

Dabei ist der “Offene Brief” und die ihn begleitenden Kampagnen so wirkungsvoll, dass am 26. Februar der ADGB einen eigenen 10-Punkte-Plan zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit vorstellt, der den Erfolg des kommunistischen Aktionsprogramms vor allem in Berlin, Leipzig, Stuttgart, Thüringen und im Ruhrgebiet untergraben soll. Dem gingen massenhaft Ausschlüsse kommunistischer Gewerkschaftsfunktionäre und die Verweigerung der Anerkennung zahlreicher kommunistischer Ortsvorsteher voraus. Der ADGB ist ebenfalls unter Druck geraten, als nach Betriebsstillegungen und anderen Maßnahmen gegen die Arbeitskräfte im Kalibergbau deren Reichskonferenz sich Ende Februar für ihre Gegenaktionen auf den Boden des “Offenen Briefs” stellt. Die VKPD erklärt, dass sie auch für den 10-Punkte-Plan des ADGB kämpfen wird, und wendet sich weiter vor allem an die Basis der Gewerkschaften.

Die neue VKPD-Parteiführung um die Vorsitzenden Heinrich Brandler und Walter Stoecker sieht in der neugewonnenen Stärke jedoch vor allem genügend Schwungmasse für eine “Offensive”, die weniger auf die Verbesserung der Lebensumstände und die Stärkung der Arbeitskräfte-Organisation als auf eine Schwächung des bürgerlichen Staats, den Sturz der Regierung um Zentrum-Kanzler Constantin Fehrenbach und eine Provokation der Polizei- und Armeetruppen sowie paramilitärischer nationalistischer Verbände zielt. Zu Streiks und Unruhen wäre es im Frühjahr 1921 wohl so oder so gekommen, wie wir im nächsten Posting über die Kriminalisierung von Armut und Sozialprotest noch mal deutlich sehen werden – für den konkreten Verlauf des kommenden Aufstands und letztlich auch für sein Scheitern sind nun jedoch an der Spitze der VKPD die Weichen gestellt.


Literatur:
– Sigrid Koch-Baumgarten: “Die Märzaktion der KPD 1921” (Köln 1987)
– Volker Stalmann: “Parteivorsitzender für drei Monate: Ernst Däumig (1866–1922) und das Rätesystem” in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2018, Seite 23-42


Märzkämpfe 1921, Teil I – 20. Februar, Kommunistischer Wahlerfolg in Mitteldeutschland

Übersicht über die bisherigen Postings zur Revolution in Deutschland 1918-23

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