Truth is stranger than fiction

May 23rd, 2007

Es funktioniert, weil es eine gute Geschichte ist, schrieb ich zur Frage, warum verschwörungsideologische Erzählungen und auch allgemein Erzählungen geglaubt werden. Sofern also die gewohnte sprachliche Form verwendet wird, ist der Inhalt in enormem Maße austauschbar. (Glauben machen)

Dreht man dieses Problem um, ergibt sich für die schlechten Geschichten, für die schlecht oder gar nicht komponierten, eine meist geringere Plausibilität. Das ist nicht weiter verwunderlich, da eine Fiktion bereits einmal von einem Verstand vollständig vorgekaut wurde, sozusagen eine gekochte Speise darstellt, während der Bericht auch mit nichtempirischen Beimengungen dennoch zuviel enthält, das eben nicht komponiert ist, nicht ins Schema paßt.

Der Koch, also der Autor, überzeugt sich selbst (“Once you convince yourself, the universe falls into place“) und versetzt sich so in die Lage, plausible Texte zu schreiben, Plausibles zu sagen. Wobei für ihn wie für alle unter dem Kapitalverhältnis befaßten Subjekte das Plausible vor allem das Verwertbare ist. Wie unsere Logik als “Aneignungslogik” (Alfred Sohn-Rethel) beschrieben werden kann, läßt sich auch unsere Grammatik als Aneignungsgrammatik und unsere Dramatik als Aneignungsdramatik beschreiben.

Für die Selbstüberzeugung des Autors ist dabei die spezifische Aneignung seiner eigenen Biographie von zentraler Bedeutung. Sie funktioniert als Bewerbungsschreiben, abstrakt betrachtet als öffentliche Repräsentation des bisherigen Lebens, wobei der anvisierte Posten, Job oder Status als Pointe der bisherigen Lebens-Erzählung antizipiert wird. Sich selbst und seine eigene Geschichte mit der jeweiligen Repräsentation in der Biographie und im Bewerbungsschreiben identifizieren zu können, die Erzählung also mehr oder weniger bewußt mit der Realität zu verwechseln, scheint die Hauptvoraussetzung fürs glaubwürdige und eben deshalb unwahre Schreiben und Sprechen zu sein.

Das Plausible ist das Unwahre. Oder um den für diesen Satz mißbrauchten Adorno selbst zu zitieren:

>>Das geschlossene Kunstwerk ist das bürgerliche, das mechanische gehört dem Faschismus an, das fragmentarische meint im Stande der vollkommenen Negativität die Utopie.<<

Fragmentarische Kunst, auch Erzählkunst, und fragmentarische Erkenntnis - collision of collapsing concepts – gehören zusammen. Eine multiperspektivische Annäherung an die Wahrheit über die wahrgenommenen Wahrheiten verschiedener Personen – wie es wohl nicht mehr in Adornos Sinn sein dürfte, wie es jedoch z.B. in der Blogosphäre zuletzt MomoRules, der sich im Spannungsfeld von liberalen und kommunistischen Blogs herumtreibt, immer wieder vorhatte und vorschlug:

>>Wäre ganz interessant, die von Rayson diagnostizierten und dem von ihm zitierten Björn aufgezeigten Mechanismen mal auf die Diskussion da drüben bei Lysis anzuwenden.<< ("Mehr als nur Realitätsprinzip“)

>>Das und das müßte man einfach mal systematisch vergleichen – dazu fehlt mir aktuell die Kondition.<< ("Irre ich?“)

Die praktische Erzählkritik in Gestalt zusammenprallender, widersprüchlicher Konzepte läßt sich mit etwas aufgerüstetem Cut-up in Angriff nehmen, also mit dem, was ich verschiedentlich als Text-Remichs, als Bastard Litte oder Weichkern-AufSchnitt belabelt habe, allesamt textliche Repräsentationen des alltäglichen undramatischen Multitasking.

>>…die Umgehung, der Hack, der Witz mögen wohl mir selbst etwas Bewegungsfreiheit verschaffen, aber sie kratzen nicht am Kern, an den Glaubensgewißheiten, am verinnerlichten Wert, an den Selbstverständlichkeiten, die zuverlässig verhindern, daß das Spiel funktioniert. Es scheint nötig zu sein, den Kern zu spalten, ihn in den Nußknacker einzuspannen, in der Zentrifuge rotieren zu lassen, bis er seine Energie freisetzt.

Wie nun geschieht die Aneignung? Müssen die Texte für sich selbst sprechen, indem sie entblößt dem heutigen Bescheidwissen vorgeführt werden (wie in Gremlizas Expreß)? Muß planvoll eine zweite Ebene angelegt und dem Text mittels raffinierter Montage entlockt werden (wie bei Stefan Wirner)?

Ich wählte die Methode der parallelen Rätselkumulation. Wir hören mit dem Scheiß nicht auf, bis die Scheiße aufhört. Wir Diskordier müssen auseinanderhalten und Rätsel häufen mit wachem Blick dafür, hinter welchen Sträuchern bekanntermaßen die unverbesserlich Bösen sitzen, aber offen genug sein, uns auch von hinter dem Strauch hervorspringenden Verbrechern eine Lektion erteilen zu lassen.<< (Der Club der dichten Toten)

8 Responses to “Truth is stranger than fiction”

  1. original olli Says:

    Schön viel zu lesen für den langen, langen Tag!

  2. Mack Says:

    Schreib mal wieder mehr sowas, Kulla! Subversion by version und so…

  3. nonono Says:

    Wo gibt es eigentlich was Instruktives über Sohn-Rethels Begriff der Aneignungslogik zu lesen? Ich hab das im Kontext des Gegensatzpaares Aneignungslogik – Produktionslogik auch bisher eher arbeitsfetischistisch verstanden, also, als würde der gesunde prolatarische Menschenverstand dem abstrakt-künstlichen bürgerlichen Denken gegenübergestellt werden. Oder steckt da noch mehr drin?

  4. classless Says:

    Ich empfehle “Das Geld, die bare Münze des Apriori“, weil er den Begriff dort historisch entwickelt, so daß er auch ohne die schon vorhandene Positionsnahme für die Produktionslogik funktioniert. Also, ich halte sein Modell für tauglich, wie sich die Aneignungslogik aus der Realität des Tauschs entwickelt hat, finde die Gegenüberstellung zur Produktionslogik jedoch auch recht traditionell.

    Auf jeden Fall markiert Sohn-Rethel – unabhängig von Fragen der Chronologie – den historischen Ort, an dem die Idee des Universaläquivalents und mit ihr die Vorstellung eines unteilbaren Einen sowie der abstrakt-mathematischen Logik entwickelt wurde. Damit weist er die Grundvoraussetzungen heutiger Wissenschaftlichkeit als gekoppelt an den Tausch aus und dementiert damit jegliche Rede von der Voraussetzungslosigkeit oder Selbstverständlichkeit, wie sie fürs bürgerliche Denken typisch ist.

    Ich werde genau über dieses Büchlein von Sohn-Rethel demnächst auch noch was schreiben.

  5. Benni Says:

    “Ich werde genau über dieses Büchlein von Sohn-Rethel demnächst auch noch was schreiben.”

    Gibts das inzwischen? Im Blog konnte ich nix finden. Oder ist Dir der Bockelmann dazwischengekommen?

  6. classless Says:

    Das kann man so sagen. Ich habe im Sommer sehr viel an meiner antihistorischen Erzählung über den “Dealer von Ephesos” geschrieben – die wird aber wohl noch etwas mehr Zeit und Arbeit brauchen. (Hier eine Skizze des Vorhabens)

  7. classless Kulla » Blog Archive » Ideologische Abwehr Says:

    [...] Ergänzendes Zitat zum “Plausibilitätsargument” (siehe “Truth is stranger than fiction“): [...]

  8. classless Kulla » Blog Archive » Das Plausible ist das Unwahre? Says:

    [...] zum Problem der Plausibilität, das ich anderswo schon angerissen habe. Ich vermutete, daß Fiktives oft realer erscheint als die Realität oder ihre möglichst wahrheitsgetreue Wiedergabe: “Das ist nicht weiter verwunderlich, da [...]

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