Wolfgang Wippermann, Agent des Guten

November 20th, 2007

Ausführlicher wird in diesem Blog in den nächsten Wochen der Zeithistoriker Wolfgang Wippermann behandelt werden, der auf dem 24C3 über Verschwörungstheorien referieren soll. Als Hobbyist, der aus privatem Interesse das gleiche Thema in den letzten Jahren im Chaos beackert hat, wundere ich mich, wer nun nicht nur hier als Fachmann gilt.

Dabei ist mein Problem selbstredend nicht, daß Wippermann Antifaschist und vermutlich Marxist ist. Ebensowenig möchte ich mich an der modischen Kritik bzw. dem modischen Beschimpfen Wippermanns beteiligen, das seit seinem Auftritt bei Johannes B. Kerners Sendung mit und dann ohne Eva “Mutterfreuden” Herman nicht mehr abreißt und sich nur selten auf die wirklich kritikwürdige “Diagnose” einer “Verschwörungspathologie” bei Frau Herman bezieht. (Muß sie deswegen jetzt zum Arzt? Bekommt sie dann Tabletten?)

Mich überrascht vielmehr, daß jemand mit einem wissenschaftlichen Anspruch und ausgewiesenem Renommée in der Zeitgeschichte bei diesem komplexen Gegenstand einen derart flachen Ansatz verfolgt. Mir wurde gerade aus dem CCC vorgeworfen, ich würde die Realität von Verschwörungen leugnen – was ich nicht tue – und eine “steinzeitmarxistische” Kritik eines “Alt-Spartakisten” betreiben. Nun wird Wippermann auf dem Kongreß die Realität der meisten Verschwörungen leugnen und eine, nun ja, recht klassische Ideologiekritik liefern.

Im Interview mit dem Deutschlandfunk bestand Wippermann darauf, daß die meisten “Verschwörungen keine sind” und daß der Begriff Verschwörung durch seine Verwendung in der Nazipropaganda abzulehnen wäre, da es sich zudem ohnehin nur um eine pejorative Bezeichnung für “Verabredungen zu Straftaten” handeln würde. Es ist Wippermann sogar von wohlmeinenden Rezensenten wie Kay Sokolowsky in der ‘konkret’ angekreidet worden, daß er es sich viel zu einfach macht, wenn er behauptet, Verschwörungen seien ein rein ideologisches Konstrukt. Wie wäre demnach Propaganda Due zu bezeichnen? Ist die klandestine Organisation von mehreren hundert Ex-Freimaurern unter der italienischen Wirtschafts- und Politikelite zur Vorbereitung eines faschistischen Putsches nichts weiter als eine “Verabredung zur Straftat”? Wie kann ein Zeithistoriker an dem Umstand vorbeigehen, daß nach wie vor die meisten Regierungswechsel durch einen Staatsstreich erfolgen, dem üblicherweise eine Verschwörung gegen die Regierung vorausgeht?

Wippermann ist der Fachmann, den der besorgte Bürger konsultiert und der ihm dann beruhigenderweise erklären kann, daß nur Spinner und Faschisten an Verschwörungen glauben, während der besorgte Bürger richtigerweise lieber dem Experten glaubt.

In seiner Kompatibilität mit der populären Vermittlung stellt Wippermann geradezu ein Beispiel dafür dar, wie Geisteswissenschaften die Autorität des Experten hervorbringen, welche dann eben auch von anderen sich angemaßt werden kann. Einen so eindimensionalen Großentwurf wie Wippermanns Konzeption, Verschwörungsdenken ginge auf den christlichen Teufelsglauben zurück und sei bis heute „unlöslich“ mit dem Wahn verbunden, „hinter allem Übel der Welt steckten als Drahtzieher die Juden”, kann geradezu als Einladung an Verschwörungsideologen bezeichnet werden, ihre ähnlich schlecht gestützte “Gegenversion” aufzubauen und in den entsprechenden Kreisen damit ebenso zum Experten aufzusteigen.

Ganz wie bei den Verschwörungsideologen, die er mit jedweden anderen Verschwörungstheoretikern zusammenwirft, fällt bei Wippermann die selektive Auswertung des Quellenmaterials auf. Nicht, daß er nicht umfangreiche Fachliteratur anführen und wälzen würde, nein – das Problem liegt darin, wie er dieses Material seiner Massendiagnose von Teufelsglauben und Judenfeindschaft einverleibt. Spekulationen über das Wirken von Geheimdiensten, nicht-öffentlichen Zirkeln, Terrorgruppen und meinetwegen Außerirdischen haben keinen notwendigen Zusammenhang mit Dämonisierung und Antisemitismus, selbst wenn sie häufig zusammen auftreten. Das ist genau der Punkt: Nur weil Wippermanns Modell viele Fälle erfaßt, kann er nicht einfach davon ausgehen, alle Verschwörungsvorstellungen gleich mit zu erschlagen und auf diese Weise die Existenz realer Verschwörungen ausschließen zu können.

Zu seinem aktuellen Buch “Agenten des Bösen” möchte ich mich erst ausführlicher äußern, wenn ich es komplett gelesen habe. Seinen Umgang mit Quellen konnte ich aber schon vor fast zehn Jahren bewundern, als er zusammen mit Jens Mecklenburg einen Kritikband zum “Schwarzbuch des Kommunismus” herausgab und dafür selbst mehrere Texte verfaßte. Es ist viel dazu gesagt worden, daß eine Kritik an Courtois gut ohne Relativierungen ausgekommen wäre wie die, den Nationalsozialismus als “Bedingungsfaktor” des Stalinschen Terrors ins Feld zu führen. Genauso überflüssig dürften jedoch auch die zahllosen Unterstellungen sein, mit denen die Autoren des Schwarzbuches bedacht werden. So wurde die Bezeichnung “Konzentrationslager” für einige der sowjetischen Lager als übler und unbegründeter Ausfall hingestellt, “obwohl sie gar nicht so genannt wurden”, doch selbst in der Fußnote, die das belegen soll, steht, daß die Bezeichnung Konzentrationslager “Mitte der 30er Jahre aufgegeben” wurde, sie also seit 1917/18 unter diesem Namen firmierten.

Wippermann spricht, als wäre Vertreter einer eingebildeten guten Mehrheit, als der er alles, was nicht seiner Konsensrealität entspricht, als reaktionär, geschichtsrevisionistisch und zuweilen auch als krank denunzieren kann. Diese Position mag für politische Agitation sehr gut funktionieren, ist aber als Ausgangspunkt für das bessere Verständnis seines derzeitigen Gegenstands, des Verschwörungsdenkens, völlig ungeeignet.

Über das Auftreten dieser Position auf dem Kongreß bin ich nicht glücklich. Auch wenn es viele leider nicht so verstanden haben, war ich in meiner Auseinandersetzung mit dem Thema nicht auf der Suche nach einem archimedischen Hebel, mit dem ich sämtliche Verschwörungstheorien auf den Misthaufen der Geschichte wippen kann. Es ging und geht mir darum, das simple Kolportieren oder eben Bashen von Verschwörungstheorien zu überwinden (wie es noch etwa nach Andreas Waldes Vortrag auf dem 17C3 so vorhersehbar wie sinnlos stattfand). Ich würde mir einbilden wollen, daß mir das zumindest in gewissem Ausmaß gelungen ist.

Insofern hoffe ich darauf, daß Wippermann nun nicht wieder dafür sorgt, daß die Debatte auf den früheren Stand zurückfällt, was hieße, daß die “Gegner” der Verschwörungstheorie sich auf zu einfache Weise bestätigt sehen und die “Anhänger” sich alle als Eva Herman fühlen können, weil sie auch von Wippermann beschimpft wurden.

(Vorab gibt es Wippermann am 4.12. in der Urania zu sehen, Thema: “Der gewöhnliche Faschismus.”)

8 Responses to “Wolfgang Wippermann, Agent des Guten”

  1. godforgivesbigots Says:

    Justus Wertmüller hat mal die Bahamas als “Abbruchunternehmner der Linken” bezeichnet*, es scheint als versteht sich Wolfgang Wippermann als etwas ähnliches.

    Jetzt hat er eine Dame angegriffen die sich als eine Art Martin Walser auf Bildzeitungsniveau selbstverwirklicht. Frau Herman ist es gelungen mit ihrer Schauspielerei Juden und Katholiken zu spalten, ich wäre vorsichtig da gleich Teufelsglauben als mögliche Erklärung dafür heranzuziehen, anscheinend war sie auch davor schon öffentlich prominent gewesen.

  2. james Says:

    ist da jemand gekränkt, dass er nicht eingeladen wurde? ;) ruhig bleiben, trotzdem hingehen und ihn aus dem publikum kritisieren.

    weisst du eigentlich, ob er dein buch zum thema gelesen hat?

  3. classless Says:

    Och, ich kritisiere ihn lieber von meinem Blog und vom Bücherstand aus. Nee, mein Buch kennt er sicherlich nicht. Ist ja auch keine wissenschaftliche Standardliteratur…

  4. Bernd Says:

    Ich frage mich, ob die Herman nicht instrumentalisiert wird, sie ist ein willkommenes Beispiel bei dem vieles zusammentrifft:
    - sie hat eine eigenwillige Meinung geäußert, die nicht in die Zeit paßt,
    - sie ist zum Abschuß freigegeben, weil sie beharrlich ihre Meinung vertritt, wie krus auch immer,
    - man kennt sie über fast jedes Blättchen und schließlich auch aus Fernsehauftritten

    und an dieser Frau läßt sich hervorragend demonstrieren, was passieren kann, wenn jemand eine rechts erscheinende ( subjektiv oder objektiv ) Aussage macht. Einen Menschen zu instrumentalisieren im Kampf gegen den Neonationalismus, ist aus meiner Sicht nicht unbedingt das richtige Mittel!

  5. Hagbard Jesus Celine Says:

    @Bernd
    Ist mit Neonationalismus die ganze schwarz-rot-goldene Besoffenheit gemeint oder ist das ein Verniedlichungsbegriff für Neonazis?

    Und: Was bedeutet krus?

  6. godforgivesbigots Says:

    Bernd – Die Positionen von Frau Hermann befinden sich gerade eben nicht in Opposition zum Zeitgeist, das ist nur ihre Lebenslüge. Das Herumopfern mit der deutschen Geschichte ist der Zeitgeist, und bei Rabenmüttern genauso beliebt wie bei Halunkenintellektuellen.

    Und wieso ist nach Wippermann der Begriff der Verschwörung pejorativ?

  7. classless Says:

    Wenn er das im Buch nicht weiter ausführt, dann ist es wirklich so flach: weil er von den Nazis zur Kennzeichnung der Juden verwendet wurde und auch sonst in der Geschichte der Delegetimierung dient.

  8. classless Kulla » Blog Archive » 24C3: Offener Brief Says:

    [...] wegen ihrer jüngsten Veröffentlichung zum Ehrenmitglied im Orden des Schierlingsbechers und zum Agenten des Guten. Ihre Einordnung einer bunten Schar von Sachverhalten und Tatbeständen unter den von Ihnen [...]

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