Berlin und seine Urbanen Penner

March 2nd, 2008

>>Für junge Kreative ist Berlin deshalb auch ein optimales Pflaster. Frei allerdings ist dann auch der weitere unternehmerische Raum – in Berlin gibt es keine Arbeit, folglich wird wenig konsumiert. Das Urbane Pennertum ist damit vorprogrammiert, denn was soll man tun, wenn man hier ein Produkt bis zu einer gewissen Vollendung entwickelt hat? An wen soll man seine erworbene Fähigkeit verkaufen, wenn niemand Geld hat? (…)

Die einzige ökonomische Option, die man in Berlin hat, ist also der Wegzug. Weg vom Versprechen dieser Stadt, Leben und Arbeit vereinen zu können. Hin zu Geld, hin zur Arbeit. Hin aber auch zu den hohen Lebenshaltungskosten der anderen Großstädte, in denen man dann wiederum nur arbeitet, um sie bezahlen zu können. Will man das? War man nicht gekommen, weil man etwas anderes wollte? Man bleibt also. (…)

Die Stadt Barcelona etwa unterstützte während des Irakkrieges ihr Image als Demonstrationszentrum von Friedensaktivitäten und gab das Drucken von Plakaten in Auftrag, auf denen „Pace“ stand. Auch Demonstranten sind Konsumenten. Ganz einfach. In Berlin dagegen hat noch keiner den Wert dieser urbanen Kultur wirklich begriffen und oft glaube ich sogar, wir wissen selber nicht so genau, was wir da fabriziert haben. Klar ist aber: Weder die kulturelle Vielfalt noch ihre Erschwinglichkeit sind in dieser Stadt einfach so entstanden. Sie werden hergestellt. (…)

Anders als in vielen anderen großen Städten werden die Leute hier von keinem unterschwelligen normativen Konsumzwang in Berufe abgedrängt, die sie nicht interessieren. Was gut ist. Nur ein Problem gibt es dabei, das eben bleibt: Diese Situation ist nicht entstanden, weil man eine Wahl gehabt hätte. Es gibt zu ihr derzeit keine Alternative.<<Mercedes Bunz: Meine Armut kotzt mich an.

(via besser scheitern)

2 Responses to “Berlin und seine Urbanen Penner”

  1. Jochen Hoff Says:

    Äh. Nein. Wenn mir der Blinde von der Abwesenheit der Farbe und der Taube mir von der Abwesenheit von Tönen berichtet, dann weiß ich dennoch, dass es die Farben und die Töne gibt. Hier wie anderswo.

    Sind wir nicht irgendwann mal aufgebrochen um unsere Welt zu bauen? Gut die Welt kriegen wir vielleicht nicht fertig, aber was ist mit unserem kleinen Paradies. Selbstbestimmte Arbeit und selbstbestimmte Produktion. Doch das gibt es. Wenn du morgen mit mir anfängst, gibt es schon wieder Zwei mehr dabei.

    Wenn sich Revolution nur auf das Aufhängen der Vorgänger beschränkt, dann ist Revolution nur etwas für Krähen.

  2. godforgivesbigots Says:

    Wanderschaft, Dorf, oder Stadt, und wenn Stadt dann die Virtuelle Hauptinsel, weil Hamburg (Kulturhauptstadt), Dresden (Opferhauptstadt), Duisburg (Pennerhauptstadt), Frankfurt (Finanzhauptstadt), Freiburg (Ökohauptstadt), München (Bierhauptstadt) sind allesamt bloß partikular.

    Vielleicht sollten sich diese Jungen Kreativen in Berlin mal mit dem Thema Fünfparteiensystem beschäftigen statt mit Pace-Fahnen. Nicht nur weil weil immer mehr Bundesländer im Fünfparteiensystem ankommen, auch wenn es tatsächlich noch bayerische Landkreise gibt wo die Lafontainepartei an der Unterstützerunterschriftenhürde scheitert, sondern in erster Linie um in der Hauptstadt selbst die Erinnerung wachzuhalten dass die gegenwärtige Bundesregierung eine Übergangsregierung ist. Als Denkanstoß vielleicht ersteinmal soviel: Der Begriff “Große Koalition” ist in Westdeutschland Mitte der 1960er Jahre in Anlehnung an die amerikanische Zivilreligion “Great Society” geprägt worden.

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