“Wer hat uns verraten?”

February 28th, 2019

Der historische Moment zwischen den Massenstreiks für Räte und Sozialisierung in den beiden wichtigsten deutschen Industriegebieten während der ersten beiden Monate des Jahres 1919 und dem verspätet einsetzenden Generalstreik in Berlin im März ist eine gute Gelegenheit, um auf die Zerrissenheit der Sozialdemokratie während der Revolution und auf einen der linken Lieblingsrefrains zu sprechen zu kommen.

Am 28. Februar 1919 erschien im SPD-Zentralorgan Vorwärts, das zu diesem Zeitpunkt schon größtenteils auf der Linie der Parteiführung Stimmung gegen Streikende machte (z.B. die überwiegend selbstorganisierten und syndikalistischen Aufständischen in Hamborn als Spartakisten bezeichnete und ihnen Gräueltaten unterstellte) und wie schon gesehen im großen Stil Werbeanzeigen für die Freikorps schaltete, ein Artikel mit dem Titel “Gewitterstimmung” auf der Titelseite (siehe Bild). Darin hieß es, direkt neben einem Bericht über den Vorschlag der Vertagung des bayerischen Landtages durch den dortigen Rätekongress mit den Stimmen “aller sozialistischer Richtungen”, also auch der SPD, dass eine “steigende Erbitterung” die Massen ergreift und “eine Hochspannung” erzeugt, “die in kurzer Zeit zur Entladung drängt”. Und zu den Ursachen: “Es ist das Recht und die Pflicht eines jeden Sozialdemokraten auszusprechen, daß der Arbeiter mit dem bisherigen Entwicklungsgang der Revolution und den gezeitigten Ergebnissen gerade in bezug auf Arbeiterfragen nicht zufrieden sein kann…”

Hier artikulierte sich der große Teil der SPD, der sich an der Revolution und auch den Massenstreiks wie im Januar in Berlin beteiligt hatte, und an den sich die Sozialisierungs-Versprechungen der Parteiführung hauptsächlich richteten. In der gleichen Ausgabe des Vorwärts wird zur Beteiligung an der Vollversammlung der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte aufgerufen, die an jenem 28. Februar begann. Dort wurde die Uneinigkeit der sozialdemokratischen Massenbewegung noch deutlicher: Während Teile des SPD-Parteiapparats versuchten, den überall im Land dringend erwarteten Generalstreik-Beschluss für Berlin per Obstruktion hinauszuzögern, bis die anderen Streiks abgeklungen bzw. auseinandergejagt waren, argumentierten andere, auch USPDler und Obleute, gegen den Streik und für einen neuen Rätekongress im April, der die Sozialisierungsforderungen zunächst legitimieren sollte. Es wurde eine Delegation zur Verhandlung mit der Ebert-Regierung nach Weimar entsandt, und der Streikbeschluss für Berlin kam tatsächlich erst am 3. März zustande, als die Regierungstruppen die Stadt bereits besetzt hatten, ein Versammlungsverbot galt und die Propaganda der SPD-Führung gegen den Streik, gerade auch im Vorwärts, bereits auf vollen Touren lief. Dennoch beteiligten sich, dazu in einem weiteren Posting dann ausführlicher, eine Million am Streik, der anfangs auch von der SPD-Basis mitgetragen wurde.

Genau das geht in der üblichen linken Haltung gegen die damalige SPD unter: Nicht nur hatten sich massenweise Parteimitglieder an der Revolution im November 1918, den Massenstreiks ab Januar 1919 und auch dem späteren Generalstreik gegen den Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920 beteiligt, ja gab es noch 1923 die Regierungsbildungsversuche der SPD zusammen mit der KPD in Sachsen und Thüringen, vielmehr waren praktisch alle revolutionären Parteien und Strömungen auf dem Boden der Sozialdemokratie und versuchten letztlich, deren noch gültiges Erfurter Parteiprogramm von 1891 (kurz: Demokratie und Sozialismus) durchzusetzen. Die USPD als mit Abstand wichtigste revolutionäre Massenorganisation der ersten beiden Revolutionsjahre (zu der auch die Obleute größtenteils zählten) war erst 1917 von SPDlern gegründet worden, die wegen ihrer Kriegsgegnerschaft vom der SPD-Führung aus der Partei gedrängt worden waren. Der Spartakusbund war zunächst eine Organisation von SPDlern, bis er sich erst zum Jahreswechsel 1918/19 in der neugegründeten KPD auflöste, die ihrerseits anfangs programmatisch weniger weit von der Sozialdemokratie entfernt war, als es in der Rückschau meist klar wird. Selbst die anarchistischen und syndikalistischen Organisationen gingen in Deutschland auf den lokalistischen Teil der sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung zurück. (Um kurz über den deutschen Tellerrand zu schauen: die Bolschewiki waren noch zum Zeitpunkt ihrer Machtübernahme Ende 1917 ein Flügel der Sozialdemokratischen Partei Russlands.) Ebert fürchtete gleich Anfang November 1918, dass die sozialdemokratischen Massen auf den Straßen die Durchsetzung des Parteiprogramms fordern würden, und auch im Vorwärts vom 28. Februar 1919 ist mehrfach die Rede vom Erfurter Programm.

Auf die Frage “Wer hat uns verraten?” kann die Antwort also schlecht die Bezichtigung der gesamten SPD oder gar der ganzen Sozialdemokratie bis zum Ende der Revolution sein. Gegen die Räte und die Sozialisierung, gegen die aufständischen selbstorganisierten Arbeitskräfte, die ihre soziale Substanz der jahrzehntelangen sozialdemokratischen Organisierung und Aufklärung verdankten, wandte sich eine Parteiführung, die ihre eigene erlangte Machtposition nicht wieder aufgeben wollte und in noch nicht überwundener und oft auch noch nicht verstandener herrschaftlicher Ideologie befangen war, oft im pseudo-marxistischen Gewand, wenn etwa Ebert (ähnlich z.B. der Menschewiki in Russland) ganz historisch-materialistisch erst meinte, die Massen seien noch nicht reif für die Republik, und dann, die Betriebe seien noch nicht reif für die Sozialisierung.

Der “Verrat”, der im Sinne der eigenen (Macht-)Interessen der Parteiführung keiner war, entsprang also der Verselbständigung der delegierten Macht, war aber kein reines Organisationsproblem, sondern lebte vom Fortwirken ideologischer Auffassungen von (männlicher) Autorität und Führung, von großen historischen Gesetzen und kindlichen unreifen Menschenmassen.

Am ehesten ließe sich also sagen: Es war eine sozialdemokratische Revolution, die versuchte, das SPD-Parteiprogramm durchzusetzen, mehr und mehr gegen die SPD-Parteiführung. Und dass wir unter Sozialdemokratie heute nicht mehr Räte und Sozialisierung verstehen, liegt vor allem daran, dass die damalige Parteiführung sich mit Terror und Täuschung durchsetzen konnte.

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Empfohlene Literatur zum Februar/März 1919 in Berlin:

  • Dietmar Lange: Massenstreik und Schießbefehl. Generalstreik und Märzkämpfe in Berlin 1919 (Münster 2012)
  • Axel Weipert: Die Zweite Revolution. Rätebewegung in Berlin 1919/20 (Berlin 2015)
  • Alle Postings zur Revolution: Revolution in Deutschland 1918-23.

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