8. Mai

May 8th, 2020

Heute hätte ich auf der Frühlingsakademie der Linksjugend Sachsen zum 8. Mai gesprochen, was bisher noch nie zustandegekommen war, obwohl es die Idee dazu spätestens seit 2011 gab, als zum dritten Mal in Folge und sogar zum zweiten Mal in derselben Nacht während linker Befreiungsfeierlichkeiten in Darmstadt, Jena und Halle teilweise handgreifliche Auseinandersetzungen um die Alliiertenfahnen ausgebrochen waren, als ich dort im Musikprogramm vertreten war.

Bis dahin hatte ich (wie mit vielem anderem auch fälschlicherweise) angenommen, der 8. Mai als Feiertag wäre unter Linken nicht erklärungsbedürftig. Nun kam die Idee auf, dann eben am 8. Mai über den 8. Mai zu sprechen statt (nur) zu feiern. Dieses Jahr hätte das endlich in Sachsen, aber auch eventuell in Halle passieren sollen, und vielleicht lässt sich das ja noch nachholen.

Ich hätte u.a. darüber sprechen wollen,

dass es bei den Feierlichkeiten letztlich um eine Nachstellung des Schreckbilds der besonders Deutschen samt Fahnen der vier apokalyptischen Reiter ging, also der konkreten Situation der “ratifizierenden Kapitulationserklärung” der Wehrmacht am 8. Mai 1945 und damit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa – in Asien ging der Krieg noch weiter und endete erst Anfang September nach dem Einmarsch von 1,5 Millionen Rotarmisten in die japanische Mandschurei und nachdem insgesamt über 70 Millionen Menschen im Zuge des Krieges ums Leben gekommen waren

dass es für den Anlass immer wichtig gewesen wäre, die Symbolik dieser Fahnen am besten gar nicht über dieses historische Datum und diese konkrete Situation hinaus in Anschlag zu bringen – es war die Sowjetunion unter der Herrschaft von Stalins Parteiführung und des NKWD, es war bereits die USA unter Truman (nicht mehr die unter Roosevelt, so vergleichsweise sozialdemokratisch/sozialistisch wie vermutlich nie vorher oder nachher), es war Großbritannien als aktive Kolonialmacht und antikommunistisches Empire mit seinem katastrophalen Wirken u.a in Griechenland und gegen die jüdische Einwanderung nach Palästina, und es war das Frankreich, das die Unruhen um seine Siegesfeier am 8. Mai 1945 in Algerien zum Anlass für eine brutale Repressionswelle nahm, der Tausende zum Opfer fielen – es hätte immer klar gesagt werden müssen, was mit diesen Fahnen an diesem Tag gemeint ist und was nicht bzw. hätte den darüber hinausgehenden Identifikationen klarer begegnet werden müssen

dass in dieser Symbolik soviel fehlt, etwa der polnische und jugoslawische Anteil an der Befreiung, die Commonwealth- und Kolonialtruppen, der ganzen Krieg in Afrika und Asien gegen die deutschen Verbündeten Italien und Japan, die zahllosen Partisanen- und Selbstbefreiungsbewegungen usw.; dass eine Fokussierung auf Staaten und Staatsoberhäupter generell die Millionen von Kämpfenden und anderweitig zum alliierten Sieg Beitragenden in den Hintergrund treten lässt sowie generell problematisch ist (siehe den Abschnitt “4. Oberhäupter und Befehlshabende abfeiern” hier)

dass in diesen vier Fahnen weder die Shoah noch die folgende Gründung Israels abgebildet ist

dass Deutschlands Streitkräfte militärisch besiegt wurden und eine Besatzung folgte, dass aber die Entnazifizierung nur partiell passierte, die sich bildenden deutschen Staaten für den jeweiligen Machtblock im “Kalten Krieg” zu wichtig waren – in einem damals skizzierten, aber nie fertig gestellten Track mit Björn Peng (“8. Mai Feier” auf “Fire” von Scooter) brachte ich es nach einer Aufzählung von Zügen der damaligen deutschen Mehrheitshaltungen auf die Formel: “Wir feiern das, weil es damals kurz zu Ende war”

dass dieser Tag und seine Geschichte in Ost und West sehr unterschiedlich aussahen, was ich mit Auszügen aus der Ausgabe von “Der schwarze Kanal” zum 8. Mai 1985 hätte illustrieren wollen

dass nicht nur an diesem Tag über die Entstehung des Nationalsozialismus aus der Konterrevolution gegen die Arbeitskräfte-Revolutionen am Ende des Ersten Weltkriegs gesprochen werden sollte

dass das Verhältnis zwischen deutschem Nationalismus und Nationalsozialismus komplexer ist, als es in den meisten Debatten heute zur Abgrenzung und wegen antifaschistischer Bündnispolitik verhandelt wird

dass für die Migrantifa heute der “Tag des Zorns” über Nazi-Angriffe und ihre Verharmlosung ist, dass sie den 8. Mai zum “offiziellen Tag gegen Antisemitismus und Rassismus” machen wollen und von der Regierung fordern, ihn offiziell als “Tag der Befreiung vom Naziregime” anzuerkennen.

dass in Berlin heute offiziell “Tag der Befreiung” ist und Kultursenator Klaus Lederer (Linke) dazu erklärt: “Wenn ich die Bilder des Kriegsendes in Berlin sehe, denke ich auch an den Vernichtungskrieg im Osten, an die Hungerblockade Leningrads, an die Massaker der Einsatzgruppen, an die Konzentrationslager. Wer die Verbrechen der Nazis mit deutschem Selbstmitleid relativieren will, hat nichts verstanden, oder will nichts verstehen.”

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