Archive for the 'Gegen Geschichte' Category

Gegengeschichte

Thursday, March 27th, 2008

Adamczaks Buch wird so schon formal zu einem Mahnmal, das daran erinnert, daß Aufstände gegen die Weltgeschichte – der der Frauen, der der Juden, der der Arbeiter und so fort – immer zunächst präzedenzlos sind und sich eben gegen die bisherige Geschichte durchsetzen müssen statt sie irgendwie zu „erfüllen“ oder zu „vollenden“. (…) Indem sie [...]

Geschichten erzählen

Tuesday, March 25th, 2008

>>Souverän verfügt der Erzähler über die Ereignisse, und indem er sie ausmalt in ihrer Pracht und ihrem Schrecken, distanziert er sie zugleich und macht ein Lehrstück daraus; beruhigt schlafen die Kinder ein und träumen von eigenen Heldentaten, auch wenn das, was sie hörten, voll Grauen war; es ist schließlich weit weg und lange her. Aber [...]

Durch die Geschichte gegen die Geschichte

Monday, March 17th, 2008

>>Meine Position wäre (…), daß am Begriff des Kommunismus festgehalten werden muß, aus dem paradoxen Grund, weil er historisch so aufgeladen ist. (…) Es gibt diese Geschichte von Menschen, die versucht haben, die Welt so zu verändern, daß sie herrschaftsfrei wird, und die die Herrschaft reproduziert haben. Und alle Menschen, die heute Ähnliches versuchen, stehen [...]

Bini Adamczak “Gestern morgen” (1)

Monday, January 14th, 2008

>>Nicht in absoluten Zahlen, natürlich, aber in relativen waren die Opfer des stalinistischen Terrors häufiger in dessen eigenen Reihen, umso gefährdeter, je näher am Zentrum sie waren. Die Wahrscheinlichkeit der Verhaftung stieg mit dem Eintritt in die Partei. Es waren Kommunistinnen. Wer sollte sie – als Kommunistinnen – betrauern? Wenn nicht, wer auch immer das [...]

Deutsche Scheinasylanten

Monday, January 7th, 2008

>>Zwei Agenten, Hendrik Toom und Jan van Gent, wurden beauftragt, mit Yachten auf Waal und Maas zu kreuzen, um alle Auswanderer zurückzuschicken, die ihnen vom Rhein entgegenkamen auf dem Weg nach Rotterdam und England.Vielleicht waren niemals zuvor Auswanderer, auf der Suche nach neuem Heim in fernem Land, so knapp mit Geld und dem übrigen Lebensnotwendigen [...]

Die besonders deutsche Geschichte des “Roten Oktober”

Sunday, November 11th, 2007

Zum 90. Jahrestag der bolschewistischen Machtübernahme in Rußland 1917 haben die ganz besonders Deutschen damalige und heutige Anwandlungen von Querfront und Nationalbolschewismus spontan vergessen. Im Sonderheft ihres von Gert Sudholt herausgegebenen Kiosk-U-Boots “Deutsche Geschichte” – in dem sonst vor allem alliierte Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg, Lügen über die guten Nazis und andere antideutsche Machenschaften in [...]

Die ‘junge Welt’ erzählt uns was vom Oktober

Friday, November 9th, 2007

Werner Pirker kriegt sich gleich am Anfang der Sonderbeilage nicht mehr ein: ein “Triumph der Demokratie” sei die “Große Sozialistische Oktoberrevolution” gewesen. Und alles liest sich wie im DDR-Geschichtsunterricht: Es gibt eine handlungsfähige Bourgeoisie als Gegner, die Räte scheinen mit der Bolschewistischen Partei praktisch eine Einheit gebildet zu haben, Kornilow wird immer wieder als Schreckgespenst [...]

Vorbilder unter sich

Tuesday, October 2nd, 2007

>>In Hindenburgs Vaterland, in diesem Deutschland, das mit unsterblichem Ruhm seinen Kampf fast gegen die ganze übrige Welt auskämpft, wird Makedoniens König, Asiens Eroberer, zahlreichere Freunde und Bewunderer finden als jemals zuvor.

Historizität is what you can get away with

Friday, September 21st, 2007

>>Aber sie machten geltend, dass aus dem frühen siebten Jahrhundert kein vollständiges Koranexemplar erhalten sei. Das ist richtig, aber was wäre mit Platons Schriften, was mit dem Neuen Testament oder gar dem Alten Testament, wenn deren Existenz allein durch materiell vorhandene Textzeugen aus der Zeit ihrer Entstehung beglaubigt werden könnte?

Die Illuminaten – Verbot und Radikalisierung

Tuesday, August 28th, 2007

Beginnend mit dem Jahr 1784 wurden die Illuminaten mit einer Welle von Verboten und Verfolgungskampagnen überzogen, die sich bis 1787 hinzog und schließlich auch die Werbung für den Orden separat unter Strafe stellte. Mit jeder Phase der staatlichen Angriffe schränkten sich Handlungsfähigkeit und Personal der Illuminaten weiter ein; andere Geheimgesellschaften, die mit dem Orden verbunden [...]

Karl Marx and History

Tuesday, August 21st, 2007

Über die historische Rechtsschule: >>Eine Schule, welche die Niederträchtigkeit von heute durch die Niederträchtigkeit von gestern legitimiert, eine Schule, die jeden Schrei des Leibeigenen gegen die Knute für rebellisch erklärt, sobald die Knute eine bejahrte, eine angestammte, eine historische Knute ist. (…) die historische Rechtsschule, sie hätte daher die deutsche Geschichte erfunden, wäre sie nicht [...]

Arme kleine Dresdner

Monday, August 20th, 2007

Beim Buddeln nach Spuren von angloamerikanischen Terrorfliegern: >>Kummer und Richter sind elektrisiert, bücken sich, buddeln mit den Händen. Was folgt, ist Ernüchterung. Die beiden finden nur ein handtellergroßes Stück einer alten Ofenplatte.

Archäologozentrismus

Sunday, July 22nd, 2007

Inmitten der geschätzten 200 Tacitus-Zitate und endlosen Abfeierei archäologischer “Sensationen” und “Glücksfälle” boten die gestern bei arte gezeigten zwei Teile einer Dokumentation über “Die Germanen” einen schönen unfreiwilligen Witz. In einem in die augusteische Zeit datierten “germanischen” Grab fand sich eine Frau, mit der neben verschiedenen seltsamen Gegenständen – die natürlich sofort zu Kultgegenständen erklärt [...]

Geschichten erzählen

Thursday, July 19th, 2007

>>Es ist bei der Predigt nicht anders als bei der Flüsterpost: Das dem Tradierenden Bekannte ersetzt das ihm Unbekannte, bzw. das, was sein Publikum zu hören wünscht, ersetzt das, was er lieber verschweigt.

Der Gegenstand

Tuesday, June 26th, 2007

>>Ich meine, dass alle Menschen, so viele ihrer innerhalb der Saeulen des Herakles und des Flusses Phasis wohnen, dıe Stadt Ephesos wegen der Internationalitaet ihres Verkehrs und jeglicher dort gewaehrter Unterkunft wohl kennen. Denn alle begeben sich dorthin wie in ihre Heimat, und keiner kann sich so sehr mit den Tatsachen in Widerspruch setzen, dass [...]

What’s the deal?

Saturday, June 23rd, 2007

In fuenf Stunden legt die Faehre nach Cesme ab – keine Ahnung, ob es an Bord Internet gibt. Ich werde fast zwei Tage Zeit haben, das bisher Besichtigte zu sichten – u.a. das Stadtbild von Florenz auf die Ende des 15. Jahrhunderts schon, noch oder nicht vorhandenen Elemente reduzieren, die Rolle der allgemeinen Beteiligung an [...]

Florenz und Ephesos

Wednesday, June 20th, 2007

Wie schon hier und da angedeutet, stricke ich an einer literarischen Fassung der Chronologiekritik, in der die großen Geschichtserzählungen in eine einzelne Lebensgeschichte im 15. Jahrhundert komprimiert werden. Der Erzähler bricht in den 1490ern aus dem Florenz unter Savonarola auf, nachdem Gespräche mit Platonikern, Mönchen und Rhetorikern, die er teilweise aus der gemeinsamen Jugendzeit noch [...]

Truth is stranger than fiction

Wednesday, May 23rd, 2007

Es funktioniert, weil es eine gute Geschichte ist, schrieb ich zur Frage, warum verschwörungsideologische Erzählungen und auch allgemein Erzählungen geglaubt werden. Sofern also die gewohnte sprachliche Form verwendet wird, ist der Inhalt in enormem Maße austauschbar. (Glauben machen) Dreht man dieses Problem um, ergibt sich für die schlechten Geschichten, für die schlecht oder gar nicht [...]

Terry Pratchett über Geschichtsschreibung II

Saturday, May 19th, 2007

>>Veni, vedi, vici. Ich kam, ich sah, ich siegte. Als Kommentar erschienen Mumm diese Worte viel zu glatt. So etwas fiel einem nicht auf Anhieb ein. Es klang vielmehr sorgfältig überlegt. Wahrscheinlich hatte Taktikus lange Abende in seinem Zelt in Wörterbüchern nach kurzen Ausdrücken gesucht, die mit V begannen. Mumm stellte sich vor, wie der [...]

Terry Pratchett über Geschichtsschreibung I

Saturday, May 19th, 2007

>>Die ersten Entwürfe der Statue sahen recht gut aus. Und Mumm wusste inzwischen auch, was demnächst in den Geschichtsbüchern stehen würde. Wie sich herausstellte, war es ganz einfach, Einfluss auf die Geschichte zu nehmen: Man musste nur die richtigen Worte niederschreiben. Darauf lief alles hinaus: auf Worte in Büchern.

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