Erste Auftritte 2019

December 17th, 2018
  • Fr, 18.01.2019, Witten, Trotz Allem: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23”
  • Sa, 19.01.2019, Essen, Alibi: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23”
  • Di, 22.01.2019, Karl-Marx-Stadt, Odradek: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23”
  • Fr, 25.01.2019, Bremen, Infoladen/a-kino: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23”
  • Mi, 06.02.2019, Hamburg, Rote Flora: CLASTAH-Konzert (in Planung)
  • Fr, 17.05.2019, Dresden, az conni: Auflegen “Party like it’s 1999”
  • Neu geplant sind Veranstaltungen zum Ende der DDR und den Folgen (Premiere vermutlich in Görlitz), zur DDR-Kulturproduktion (zuerst vermutlich in Aachen) und zur menschlichen Hüfte (Arbeitstitel “Hüftbewegung – was uns zu Menschen machte”, erster Termin voraussichtlich im Kulturraum Kanapee in Plauen). Weitere Vorträge zur Revolution 1918-23, teilweise mit neuen Schwerpunkten auf der “zweiten Revolution” Anfang 1919 und auf neue Akteure wie Max Hoelz, sind noch ohne Termin (Leverkusen, Wuppertal, Dortmund, Plauen, Falkenstein, Augsburg, Regensburg, Landshut, Potsdam, Hamburg). Außerdem gibt’s Pläne für Veranstaltungen zur AfD (in Greiz), zu Luther (in Bad Frankenhausen, Bochum, Bielefeld), zu Antisemitismus & Kapitalismus (Leisnig) und in Potsdam Vorträge zu “Sin Patrón”, zu Elsässer und zur Religion. Außerdem eröffne ich die Veranstaltungsreihe “Die Option zu kämpfen – Pop und Politik in Theorie und Praxis” in Augsburg mit einem Vortrag basierend auf meinem testcard-Artikel “Die Option zu kämpfen. Statt Weniger oder Mehr: Pop als ­aufständische Assoziation”.

    Wer auch noch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm.

    Reichsrätekongress

    December 17th, 2018

    Vor 100 Jahren, vom 16. bis 20. Dezember 1918, tagte im heutigen Berliner Abgeordnetenhaus der Allgemeine Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte. Diesen Reichsrätekongress hatte die Oberste Heeresleitung mit ihren zusammengezogenen 16 Divisionen verhindern wollen, seinen Beschlüssen zur Vollendung der Revolution wollte Ebert (bis zum Scheitern des OHL-Putsches durch Massendesertion) zuvorkommen, indem er sich von Offizieren und Soldaten zum Reichspräsidenten machen ließ.

    Der Kongress fasste trotz seiner apparatelastigen Beteiligung Beschlüsse zur Demokratisierung des Militärs und zur unverzüglichen Sozialisierung des Bergbaus und anderer Schlüsselindustrien. Indem er sich aber auch mit überwältigender Mehrheit für baldige Wahlen zur Nationalversammlung aussprach, bereitete er seine eigene Entmachtung im Sinne der SPD-Führung vor – dabei wurde sich auch von einer parlamentarischen Ordnung die Durchsetzung der Sozialisierung erhofft und sollten die Räte weiterhin ein tragendes Element der neuen Verfassung werden.

    Die Protokolle des Kongresses liegen mittlerweile neu aufbereitet vor, das Vorwort von Ralf Hoffrogge, der sie mit herausgegeben hat, ist online verfügbar.

    Konterrevolution ohne Truppen

    December 10th, 2018

    Heute vor 100 Jahren begann die tagelange “Heimkehr der Frontsoldaten”, der mit täglichen Militärparaden unter vielen Fahnen und Marschmusik begleitete Versuch der Obersten Heeresleitung, Truppen für die gewaltsame Entmachtung der Räte vor deren Reichsrätekongress ab dem 16.12. in der Hauptstadt zusammenzuziehen.

    Ebert, der mittlerweile befürchten musste, dass nach dem gescheiterten Putsch am Nikolaustag (gerade vier Tage zuvor) einerseits mit erheblichem Widerstand zu rechnen sein würde, andererseits die OHL ihn nun nicht mehr wie geplant zum Reichspräsidenten machen würde, wirft sich in einer kriegskitschigen Rede, die den Ebert vorgelegten Entwurf des Majors Schleicher von der OHL noch verschärft, der Truppe an den Hals und bestätigt darin die Vorstellung vom “im Felde unbesiegten” deutschen Heer (“Kein Feind hat euch überwunden”).

    Doch zum Staatsstreich kommt es nicht – die Masse der Soldaten geht nach dem triumphalen Einmarsch heim und nimmt die Gewehre mit, die ganze konterrevolutionäre Armee aus 16 Divisionen löst sich bis auf 800 Mann auf.


    Bild via

    Kurze Entschwörung zu Gilets Jaunes vs. Macron

    December 10th, 2018

    Eine Erzählung geht derzeit ungefähr so: Hinter denen dort auf den Straßen Frankreichs, für die Macron die sichtbare Front der geheimen Rothschild-Globalismus-Weltordnungs-Illuminaten ist, steht natürlich der KGB. Und das stimmt auch insofern, als sicherlich der russische Geheimdienst (der mittlerweile allerdings zumindest anders heißt) und vielleicht auch andere Organisationen mehr oder weniger erfolgreich Einfluss auf die politische Lage in Frankreich, in Europa und auch anderswo zu nehmen versuchen – und aber auch insofern Macron tatsächlich das Programm des Neoliberalismus der westlichen Großmächte vertritt und es vor seiner Präsidentschaft als Investmentbanker bei Rothschild zum Partner gebracht hat. (An Rothschild ist selbtredend nicht das Problem, dass es sich um ein jüdisches Familienunternehmen handelt, sondern dass dort wie in allen Banken und Unternehmen kapitalistische Ausbeutung organisiert wird – immer so transparent oder verborgen wie nötig und möglich.)


    “Schau auf deine Rolex – es ist die Stunde der Revolte”

    Und das stimmt alles genauso, wie der englische Geheimdienst einst an der Vorbereitung der Französischen Revolution, später an der anti-napoleonischen Konterrevolution in Preußen beteiligt war, wie das Auswärtige Amt Lenins Fraktion der russischen Revolution unterstützte, Mao ohne sowjetische Unterstützung kaum an die Macht gelangt wäre und Faschismus und Militärdiktatur sich in Krisen aller Art (extra herbeigeführt und verschärft oder nicht) durchsetzen konnten – wie immer wieder einheimische wie ausländische Organisationen aller Art Destabilisierung betreiben und sie wenn möglich für sich auszunutzen versuchen, auch deutsche klandestine wie relativ offen agierende heute in verschiedensten Ländern der Welt.

    Und trotzdem wurde die Aristokratie in Frankreich durch die Revolution damals empfindlich getroffen und in der Folge schrittweise entmachtet, trotzdem haben die oft wirren und widersprüchlichen Auffassungen von Massenbewegungen immer wieder bis heute nachwirkende soziale Veränderungen durchgesetzt – und dabei nicht selten auch ihre Auffassungen geschärft.

    Denn der ganze ideologische Unrat, den auch viele der Gelbwesten heute in Gestalt des antisemitischen (“der Rothschild-Jude”), verschwörungsideologischen (Impfgegnerei, Chemtrails), sonstig nationalistischen und faschistischen Gedankenguts mitbringen, das sie in sozialen Echokammern wie Facebook-Gruppen und Stammcafés auch gut verdichtet und vermischt haben, kommt daher, dass sie weitgehend unerreicht von wirksamer Gesellschaftsanalyse und Kritik in dieser Gesellschaft leben, sich ihren Lebensunterhalt aus einer Produktionsweise bestreiten müssen, die nicht dafür gedacht ist, und im Klassenkampf die andere Seite diese ganzen ideologischen Nebelwerfer mit Freuden im Dauerbetrieb laufen lässt – bis ihr der Laden um die Ohren fliegt. Dann ist der Nationalismus plötzlich der falsche, dann sind seine inhaltlichen Spitzen kein Randproblem mehr, sondern das Charakteristikum, und es muss klargestellt werden, dass andere, äußere Mächte oder die politischen “Extreme” im Land dahinterstecken und dafür verantwortlich sind.

    Der Vorwurf, hinter allen Problemen stecken immer die anderen, die sich hinter verschlossenen Türen gegen die jeweils gute Nation (und einen selbst) verschwören, gehört zur kapitalistischen Gesellschaft dazu – da im Sinne der Konkurrenz ja auch alle versuchen sich zu verschwören, sofern sie können, und der Vorwurf daher praktisch immer auch trifft: “Würden sich doch nur alle wie wir an die Regeln halten, dann könnte der Laden so schön laufen!” Den meisten bleibt aber in Ermangelung der Mittel für einen Geheimdienst o.ä. nur die Verschwörung zur Straßenblockade, zum Streik, zur Besetzung, zum Angriff auf die Nobelviertel der Hauptstadt (die bei den derzeitigen Protesten erstmals in der Pariser Geschichte so betroffen sind) und zur Stürmung des Präsidentenpalasts.


    “Macron tritt ab – unsere Leben, nicht ihre Profite”

    Je mehr sie sich zu dem Zweck mit anderen verbinden, desto mehr können sie praktisch, zumindest für den Augenblick, die Konkurrenz zwischen sich aufheben in der Tendenz immer mehr von denen mit einschließen, von denen sie die systematischen Ausschlüsse und Abwertungen der Ideologie sonst trennen. Dann kann aus dem rohen und unvermittelten Klassenkampf das Bewusstsein der allgemeinen Verbindung entstehen und sich auch das sonst so vernebelte Bild von der herrschenden Klasse klären, so dass es immer weniger um die phantastische apokalyptische Bestrafung und Vernichtung der ideologischen Zerrspiegelbilder und immer konkreter um die ganz reale Enteignung und Entmachtung gehen kann. Das hängt letztlich davon ab, wie anhaltend und entschlossen sich diese Zusammenschlüsse zeigen und immer neue Teile der Klasse einzubeziehen vermögen – aber in der heutigen Welt zu einem Gutteil auch davon, inwiefern das kein isolierter Moment bleibt und es solidarische Zusammenschlüsse, Streiks und Aktionen in anderen Ländern gibt.

    Nikolaus 1918: Blutbad und erster Putschversuch

    December 6th, 2018

    Am Nikolaustag vor 100 Jahren tritt die Konterrevolution mit einem Massaker und einem ersten Putschversuch in Berlin sichtbar auf den Plan. Die Garde-Füsiliere der “Maikäferkaserne”, formal der SPD-geführten Stadtkommandantur unterstellt, sperrten die Ecke Chausseestraße/Invalidenstraße, um einem Spartakus-Demonstrationszug den Zugang zur Innenstadt zu verwehren, und eröffneten schließlich mit einem Maschinengewehr das Feuer auf die Menge. Die 16 dabei Erschossenen verdoppelten fast die Zahl der Todesopfer der Revolution in Berlin bis hierhin.

    Gleichzeitig versuchen Offiziere, Beamte des Auswärtigen Amtes, Geheimdienst und Studenten, in einem Putsch Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten zu machen und lassen den Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte – die formale höchste Regierungsinstanz unter Richard Müller – verhaften. Revolutionäre Matrosen und andere kommen zu Hilfe und vereiteln den Putsch. Ebert, der anders als die Putschisten in die Pläne der Obersten Heeresleitung für einen Staatsstreich gegen die Räte am 10.12. eingeweiht ist, weicht zurück. Räteführung und revolutionäre Truppen schöpfen ersten Verdacht gegen die SPD-Führung.


    DEFA-Nachempfindung

    “100 Jahre Sozialpartnerschaft!”

    November 15th, 2018

    “100 Jahre Sozialpartnerschaft!” trompetet es heute aus Anlass des Jahrestages des Stinnes-Legien-Abkommens – in diesem eigenmächtig geschlossenen Abkommen ging es darum, das Privateigentum an den Produktionsmitteln zu sichern, die von der ganzen Revolution aufgeworfene Sozialisierung zu vereiteln und im Gegenzug ein paar Zugeständnisse an die Großgewerkschaften zu machen, die gerade im Krieg noch Streikende als Terroristen diffamiert und ans Militär verpfiffen hatten.

    Zu den Akteuren: “Im Ersten Weltkrieg wurde Stinnes … zu einem der wichtigsten Kriegslieferanten für das deutsche Heer. … aggressive „Germanisierung“ der belgischen Rohstoffvorkommen. Zusammen mit anderen deutschen Industriellen wie Walther Rathenau und Carl Duisberg forderte er schließlich die deutsche Regierung auf, nicht nur Rohstoffe und Maschinen gewaltsam aus Belgien zu beschaffen, sondern auch die dringend benötigten Arbeitskräfte. Dies führte zur Deportation zehntausender belgischer Zivilisten, die zur Zwangsarbeit in Industrie und Bergbau nach Deutschland verschleppt wurden … Trotz dieser Verluste kontrollierte Stinnes in der Weimarer Republik … einen beachtlichen Teil der deutschen Wirtschaft… 1919 sicherte Stinnes der Friedensverhandlungen ablehnenden Deutschen Vaterlandspartei die Unterstützung des Kohlen-Syndikats…

    Durch den von ihm am 10. Januar 1919 auf einem Treffen der Spitzenvertreter der deutschen Wirtschaft in revolutionären Berlin vorgeschlagen und gegründeten Antibolschewistenfonds mit einem Nominalvolumen von 500 Millionen Reichsmark und einer Sofortkreditierung des Fonds in Höhe von 50 Millionen wurde die militärische Niederschlagung des ‘Spartakusaufstandes’ durch Freikorps gefördert und antibolschewistischen Propaganda, im Wesentlichen nationalistische Propaganda und Parteien finanziert.”

    Und von Gewerkschaftsseite: Legien hatte im Weltkrieg den Beschluss auf Streikverzicht unterstützt und sah den Krieg als nationale Aufgabe, für die er jedoch Gegenleistungen des Staates erwartete. Er war bereits gegen Ende des Ersten Weltkrieges führend an den Verhandlungen um die Zentralarbeitsgemeinschaft mit Vertretern der Industrie beteiligt.”

    Zum Abkommen: “Was für die Gewerkschaften als ein Vertragswerk von grundsätzlicher Bedeutung für den Wandel im Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit galt, war für die Unternehmer ein Not- und Zweckbündnis. Aus Furcht vor einer Sozialisierung ihrer Fabriken in der Novemberrevolution hatten sie, wenige Tage nach Ausbruch der Revolution (9. November), das Abkommen unterzeichnet. ‘Die Großindustriellen waren in schwerster Sorge vor einer kommenden Sozialisierung […] Sie waren zu allem bereit, wenn sie nur ihr Eigentum behielten.’”

    Am 14. November 1155 vor der christlichen Zeitrechnung soll der erste Streik der Menschheitsgeschichte stattgefunden haben – 3000 Jahre später endlich die gute deutsche Sozialpartnerschaft zwischen dem guten deutschen Kapital und den guten deutschen Gewerkschaften!

    (Ich danke der Facebookpräsenz des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, unter dessen Jubiläumsposting ich für die Diskussion das Material für diesen Beitrag gesammelt habe – sie halten den Hinweis auf ihre Verbrechensgeschichte für “Phantomschmerz” und meinen, der Klassenkampf, den sie führen, sei schon vorbei… Schaut mal rein!)

    Was bei ARTE von der Revolution übrig blieb

    November 1st, 2018

    Das Bemühen, den vergessenen Anfang der vergessenen Revolution sichtbar zu machen, ist im neuen arte-NDR-Dokudrama “1918 – Aufstand der Matrosen” zu erkennen, aber das macht’s nur noch schlimmer, das macht nur noch deutlicher, wie verbogen die Erinnerung ist, wie erfolgreich die damaligen Schutzbehauptungen und Ideologeme der Konterrevolution die Zeit überdauert haben.

    Kulisse und Kostüme sind liebevoll nachempfunden, viel auch mir unbekanntes Originalbildmaterial wird gezeigt. (Footage auf der Website zum Film.) Es gibt rote Fahnen, von Beginn an wird die “Internationale” gesungen, in der Selbstbewaffnungs-Aktion am Beginn des eigentlichen Aufstands ist der Ermächtigungsmoment für die beteiligte Frau mit der Waffe (Henriette Confurius als Helene Hartung, siehe Bild) als Gegenbild zum Geschlechterrollenverständnis schön eingefangen, ebenso mitreißend ist die folgende Gefangenenbefreiung dargestellt, der Wendepunkt des Geschehens in Kiel, und wenigstens eine Andeutung der allgemein um sich greifenden Rätedemokratie und von Noskes Freikorpsterror gibt’s am Ende in anderthalb Sätzen.

    Henriette Confurius als Helene Hartung

    Aber der historische Totalausfall beginnt damit, dass Björn Engholm als erster Interviewter spricht (in welcher Funktion eigentlich?), das Schlusswort hat und auch dazwischen unfassbar viel dünnen Quatsch erzählt. Für ihn handelt der Film vom “einzigen nicht völlig gelungenen Versuch einer halben Revolution” und er beklagt, dass das, was er da gleich zum Einstieg so runterredet, so sehr in Vergessenheit geraten ist – als langjährig führender Politiker einer deutschen Regierungspartei hätte er sicher selbst mehr dafür tun können, dass heute mehr Leute mehr darüber wissen als er.

    Er weiß zum Beispiel, dass erst alle für den Krieg waren und vom “Nationalwahn” erfasst (in der Forschung längst nicht mehr unumstritten, in dieser Totalaussage eh grober Unfug und klassenvergessen); er weiß von Schlachten, die nicht mehr zu gewinnen waren (und meint damit sicher sein der OHL überlegenes strategisches Rückschau-Wissen); und er weiß, dass nur diesem “Überdruck” die Revolte zu verdanken war, denn eine Arbeiterbewegung scheint’s bei ihm nicht in erwähnenswerter Weise zu geben.

    Irgendwann erklärt Engholm denn auch das Geschlechterverhältnis mit den mindestens bizarren Worten: “Man kann nicht sagen, dass die damalige Arbeiterschicht emanzipatorisch dachte im Hinblick auf die Rolle der Frau” – kein Wort davon, wie sehr die Frauenemanzipation aus der Lohnarbeit entsprang, kein Wort davon, wie die Bildung des “Familienernährer”-Facharbeits-Teils der Klasse um 1900 ein geschlechterpolitisches Rollback bewirkte, kein Wort vom reaktionären Frauenbild der herrschenden Klassen.

    Es ist also kein Wunder, dass es sich bei der ganzen revolutionären Stimmung für ihn um “eine für die deutsche Geschichte” (bzw. für Engholm) “völlig unverständliche revolutionäre oder zumindest stark evolutionäre Haltung” handelt. Er geht auch davon aus, dass die Matrosen, die nach dem Kieler Aufstand “überall eintrafen”, die einzigen waren, die wussten, wie ein Aufstand geht, “wie Räte organisiert werden” – weil es die nämlich vorher noch nicht gegeben hatte, nicht 1917 in Leipzig, nicht im Januar 1918 in Berlin und anderswo, und eben auch nicht zwischen dem 4. und 9. November auch in vielen Teilen des Landes ohne Mitwirkung der Matrosen.

    Engholm tischt natürlich auch die Rede von der “Dolchstoßlegende” als einer “der perfidesten Lügen der letzten anderthalb Jahrhunderte” auf (und nicht etwa der letzten 200 Jahre o.ä., weil er ja eben noch bei dem größten Unglück der deutschen Linken der letzten 150 Jahre war, nämlich dass die einen die anderen nicht für richtige Linke hielten, bloß weil sie sie haben zusammenschießen lassen) – die Oberste Heeresleitung (OHL) ging davon aus, den Krieg nach Befestigung der Stellungen während des Winters im Frühling wieder aufnehmen zu können und erhoffte sich aus dem Umstand, dass die Entente nach wie vor nirgendwo auf deutsches Territorium vorgedrungen war, günstige Waffenstillstandsbedingungen – tatsächlich war das alles nach der Revolution zunichte, das ist weder gelogen noch, wie oft behauptet, “Verschwörungstheorie”, in seinen unzutreffenden Elementen allenfalls ganz gewöhnliche Ideologie, die in der OHL selbst gelaubt wurde. Die heutige Deutung der “Dolchstoßlegende” entstammt zu großen Teilen, wie so vieles, der Position der damaligen Parteiführung von Engholms Verein, die empört (und ebenso überzeugt) von sich wies, dem deutschen Heer in den Rücken gefallen zu sein – treu habe man immer an dessen Seite gestanden, nur der Bolschewismus habe gewühlt und verführt, und dagegen sei man ja auch immer entschlossen und umsichtig vorgegangen. Tatsächlich gab es so plötzlich überall im Reich innerhalb von wenigen Tagen Räte, die die Macht übernahmen, weil vor allem die Betriebsvertrauensleute (Revolutionäre Obleute), die USPD und die Spartakus-Gruppe “gewühlt” und den Organisationsansatz des Massenstreiks vom Januar überall verbreitet hatten.

    Neben Engholm kommt merkwürdigerweise auch Sahra Wagenknecht ausführlich zu Wort (auch hier die Frage: warum sie?), sie erzählt Ähnliches zur “Dolchstoßlegende”, spricht ebenso von der reinen Kriegsmüdigkeitsrevolte, auch für sie ging es damals erstmal nicht um Sozialismus, war der Krieg verloren usw. usf. Wagenknecht glaubt, elegant ihre politischen Aussagen zur Gegenwart einzupflegen, was für mich schon sehr zurechtgebogen wirkt, aber eventuell ja funktioniert – immerhin verweist sie darauf, dass der Krieg damals auch mit einer progressiven, zivilisatorischen Mission verknüpft wurde und wir das aus der heutigen Zeit kennen.

    Befragt, ob der bewaffnete Aufstand legitim war, weicht Wagenknecht aus, meint, die Umstände waren damals ganz andere als heute, heute sei das nicht mehr nötig. Und hier kommt nun ausgerechnet vom dritten der Interviewten, der weder Sozialdemokrat noch Linker ist, sondern Konteradmiral, die Aussage, dass unter solchen Umständen der gewaltsame Umsturz angezeigt sein kann.

    Dieser Flotillenadmiral Kay-Achim Schönbach ist überhaupt die große angenehme Überraschung. Er scheint einerseits wesentlich besser über die damaligen Ereignisse informiert (die diesbezügliche Schulung scheint bei der Marine besser als bei der SPD und der Linken), spricht also viel mehr konkret zur Sache als die anderen beiden und füllt weniger auf, er ist auch der erste, der in bezug auf die Kriegsschiffe von Klassen redet, sie als Abbild des ganzen Reichs schildert und das am drastischen Unterschied in Küche und Speiseraum zwischen Offizieren und Mannschaften festmacht. Er macht hier genau die so populäre Trennung von Revolte gegen den Krieg und Klassenkampf nicht mit – der Aufstand der proletarischen Mannschaften gegen die adeligen und bürgerlichen Offiziere war eine handgreifliche Auflehnung der Ausgebeuteten.

    Die Stimme aus dem Off folgt aber der sozialdemokratischen und sonstig hegemonialen Erzählung. Zu Beginn des Krieges jubeln “die Deutschen ihrer Marine” noch begeistert zu, heißt es, “im Herbst 1918 ist klar: der Krieg ist für Deutschland verloren” und am Ende dann: “Dieselben Menschen, die vier Jahre zuvor noch dem Kaiser zugejubelt haben, erzwingen nun seine Abdankung. Alle eint die Hoffnung auf den Neuanfang im Frieden, in einer kommenden Republik.” Die doch nun schon ausgerufen ist! Und wer sind hier nun wieder alle? Bis heute kennen wir keine Klassen mehr, sondern nur noch Deutsche.

    Das Schlusswort hat noch mal Engholm: Das politische Engagement lässt heute, “wie ich finde”, zu wünschen übrig. Das haben Leute wie er gut hinbekommen!

    Luther vs. Revolution 1918: das zweite Mal als Farce

    October 30th, 2018

    Am 29. Oktober 1918 begann mit den ersten “Ausschreitungen” in Wilhelmshaven die Meuterei der Matrosen gegen die Befehlsverweigerung der Seekriegsführung, die entgegen der Friedensbemühungen der Reichsregierung nochmals zur Schlacht blies, genauer zum Flottenangriff auf die englische Kanalküste. Während sich die Meutereien zur Revolte ausweiteten, aus denen die Revolution hervorgehen sollte, wurde im ganzen Reich am 31. Oktober, als in Ungarn die Asternrevolution bereits siegreich war, das Reformationsjubiläum begangen.

    Freilich nicht so üppig wie im Jahr zuvor, als zum 400. Jahrestag des “Thesenanschlags” eine trotz des Krieges (und nicht zuletzt seinetwegen) gigantische Massenhuldigung den “deutschesten Mann, den es je gegeben”, feierte. Kirchgemeinden mussten ihre Glocken abliefern, die zu Kriegsgerät verarbeitet wurden. Wie schon zuvor, als der Stifter der deutschen Nationalkirche das in unzähligen Bauten und Kunstwerken verherrlichte Trotzmaskottchen gegen Rom, Paris und Habsburg draußen, gegen Katholiken und Sozialisten im Reich abgab, war er nun am Ende des Krieges vielleicht das wichtigste Sinnbild des Durchhaltens gegen die Welt der Feinde, die man doch selbst heraufbeschworen hatte. Für den deutschen Nationalismus gab es bis dahin wohl keine auch nur ansatzweise vergleichbar wichtige Figur, Luther war schlicht der Ahnheilige der Nation, die Familie Luther mit ihrer Rollenverteilung buchstäblich die Heilige Familie.

    Im Moment der Revolution fiel Luther seine andere, die offen konterrevolutionäre Rolle zu. Hatte er selbst die Niederschlagung der Bauernrevolution gesegnet und die möglichst mörderische Beteiligung daran als Ticket in den Himmel angepriesen, ließen die ersten lutheranischen Herrscher schließlich 1525 Müntzer und seine Leute zusammenschießen. Während des Ersten Weltkrieges war die lutheranische Konfession immer zahlreicher ins Lager der Deutschen Vaterlandspartei übergegangen, dem völkisch-nationalistischen Sammlungskern derjenigen, die schon bald Krieg gegen die Revolution führen und den Gründungsstock des Nationalsozialismus bilden sollten.

    Und als Friedrich Ebert, den Wikipedia als einen der lediglich drei konfessionslosen deutschen Regierungschefs aufführt (die DDR zählt hier selbstverständlich nicht mit), unmittelbar vorm 9. November von der Panik vor der Revolution voll erfasst wird, ruft er gegenüber Max von Baden, der ihm das Kanzleramt übertragen will, doch die ur-Luthersche Sünde der Auflehnung gegen die Obrigkeit auf: “Wenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution unvermeidlich. Ich aber will sie nicht, ja ich hasse sie wie die Sünde.”

    Am 31. Oktober, am Tag des Reformationsjubiläums, ängstigte Ebert sich vor dem “Augenblick, da die Masse, die Straße, unter dem Einfluss der Unabhängigen die Durchführung unsres Parteiprogramms von uns verlangt und eine Republik fordert.” Denn “Deutschland ist nicht reif für eine Republik”.

    In der Vergangenheit leben?

    October 24th, 2018

    Heute vor hundert Jahren gab die deutsche Seekriegsleitung mit ihrem geheimen Auslaufbefehl zur letzten Provokationsschlacht und mit der damit verbundenen Befehlsverweigerung gegenüber der schon um Frieden ersuchenden Regierung (Flottenbefehl vom 24. Oktober 1918) den Startschuss zur Befehlsverweigerung auf den losgeschickten Schiffen (ab 29.10.) und der sich daraus entwickelnden Meuterei, die sich wiederum zum Arbeiter- und Soldatenaufstand in Kiel (3.11.) und zum Beginn der Revolution im Deutschen Reich auswuchs.

    Ein guter Zeitpunkt um, kurz bevor nun fast täglich Geschehen von vor hundert Jahren zu berichten sein wird, noch mal die Frage nach dem Warum des Berichtens aufzuwerfen: Ist das nicht alles lange vorbei und gescheitert? Sind diese Bezugnahmen auf die Geschichte nicht hinderlich fürs Verändern der Gegenwart? Bleibt nicht so alles in den immergleichen alten Denkschablonen und politischen Feindstellungen stecken? Lebt, wer sich soviel mit der Geschichte beschäftigt, nicht in der Vergangenheit?

    Zunächst leben wir alle immer in der Vergangenheit, alles um uns herum ist in der Vergangenheit entstanden, dieser Satz jetzt schon in der Vergangenheit geschrieben – und diese Vergangenheit wirkt ganz praktisch nach: die Parteistiftung der einen heißt nach dem wohl wichtigsten Organisator der damaligen Konterrevolution (dem SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert), die der anderen nach einer revolutionären Sozialistin, die er – wie so viele andere – auf dem Gewissen hatte (KPD-Mitbegründerin Rosa Luxemburg); die konkrete heutige Vorstellung davon, was Sozialismus heißt, geht auf die Deutungen der damaligen Ereignisse, die russische Hegemonie nach der Niederschlagung der deutschen (und übrigen europäischen) Revolution bzw. die westlichen Reaktionen darauf zurück; die Betriebsräte, die Gewerkschaften, die Streiks, die Wahlen haben bis heute weitgehend den formalen Status, der ihnen damals nach blutigen Kämpfen zugewiesen wurde; von der in sozialdemokratische, kommunistische und anarchistische Strömungen gespaltenen Linken über die Nationalliberalen und Christlich-Konservativen bis hin zu den Nazis haben wir es heute mit politischen Lagern zu tun, die sich so damals entlang der revolutionären und konterrevolutionären Ereignisse gebildet haben; und allgemeiner: wem heute was gehört bzw. nicht, welches Kapital sich kontinuierlich durch die letzten hundert Jahre besonders durchsetzen konnte, ist ohne diese Ereignisse kaum zu verstehen.

    Und mit dieser Geschichte wird bis heute Politik gemacht, ganz konkret werden mit den hegemonialen Erzählungen bestimmte Formen von Selbstermächtigung und Selbstorganisation heruntergeschrieben und von ihrer Wiederaufnahme so abgelenkt bis abgeschreckt. Mit der Geschichtsschreibung ist es ein bisschen wie mit dem Klassenkampf insgesamt – sich nicht daran beteiligen zu wollen, heißt einfach nur, ihn der anderen Seite zu überlassen, die ihn nunmal führt. Wenn wir die falschen Erzählungen – von der prophezeiten Revolution, die nie kam, oder von den Deutschen, die ohne Bahnsteigkarte nicht mal einen Bahnhof besetzen (zur Herkunft dieses Spruchs), oder von den Arbeitern, die sich von naiven bis fiesen Extremisten blenden lassen, oder von der “Mitte”, der nunmal nichts anderes übrig blieb (und bleibt) als der taktische Pakt mit dem Faschismus – nicht aufknacken, sie nicht widerlegen, ihnen nicht unsere belegbare Geschichte entgegensetzen, bleiben sie so stehen und wirksam, stehen jedem Versuch, uns als Arbeitskräfte zur Übernahme der Produktionsmittel und der ganzen Gesellschaft zu organisieren, im Weg. Und dann wird das nie was damit, dass endlich alle kriegen, was sie brauchen.

    Mitschnitt “Revolution in Deutschland 1918-23”

    October 19th, 2018

    Nach den ersten 9 Terminen und vor den schon anberaumten nächsten 13 hier nun zur Fernbesichtigung der erste Mitschnitt des Vortrags “Revolution in Deutschland 1918-23” – von Joscha Hendricksen freundlicherweise aus der Audioaufnahme vom 12.9. bei den Falken Kassel (Danke an Maria Grüning!), den Slides und den gezeigten Clips erstelltes Video.

    Hundert Jahre Krieg verloren – und dann diese komische Revolution

    October 5th, 2018

    Vor hundert Jahren war der Krieg für das Deutsche Reich nicht mehr zu gewinnen – trotz Militärdiktatur und Repression, trotz “Burgfrieden” der Sozialdemokratie und tödlicher Streikbrecherei der Gewerkschaften, trotz mehrstufigem rollendem Giftgasbeschuss à la “Durchbruch-Müller”, trotz Sturmtruppen mit Flammenwerfern, trotz U-Boot-Krieg und Zeppelin-Bombardements, trotz des Ausscheidens des revolutionären Russland aus dem Krieg. Die letzte Offensive im Westen, die noch mal bis kurz vor Paris geführt hatte, war zurückgeworfen, die schwerbefestigten Verteidigungsanlagen wie die Hindenburg-Linie wurden von Millionen von US-Amerikanern, Australiern, Kanadiern, Briten, Franzosen und ihren Kolonialstreitkräften gestürmt. Die Front in Mazedonien brach zusammen, Bulgarien schied aus dem Krieg aus, die Palästina-Front löste sich weiter auf. Österreich-Ungarn hatte seine Kapazitäten schon weit überschritten. (Lage diese Woche vor 100 Jahren: THE GREAT WAR Week 219)


    Die Gesamtlage Ende September 1918

    In dieser Situation entschied die Oberste Heeresleitung, den Krieg von jemand anderem beenden zu lassen, damit sie ihn nicht verlieren muss, damit ihre Streitkräfte “im Felde unbesiegt” bleiben und der Kern des alten Staates überleben konnte. Aus dieser “Revolution von oben”, die zur Erfüllung der Waffenstillstandsbedingungen die Demokratie “einführen” und der neuen Regierung aus Sozialdemokraten und Bürgerlichen die Kapitulation in die Schuhe schieben wollte, ist unter dem Einfluss von Sebastian Haffners “Der Verrat” eine starke Erzählung einer im Grunde “überflüssigen Revolution” (Prof. Dr. Walter Mühlhausen, Vorstandsmitglied der Stiftung-Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte) entstanden. Die Veränderungen waren nach diesem Geschichtsbild bereits “eingeleitet”, die Revolutionäre liefen gleichermaßen in die Falle (“Dolchstoßlegende”) und stießen in ein Machtvakuum vor, wo die alte Ordnung alle Positionen schon geräumt hatte. In ihrer Naivität ließen sich einige dann zum Bolschewismus hinreißen, weshalb es leider, leider unumgänglich war, sie von den in Gründung befindlichen Nazis zusammenschießen zu lassen, aber dann war’s auch schon vorbei und Ebert endlich Reichspräsident und die deutsche Demokratie fest in der Hand von Staat und Regierung, wie es sich gehört.


    Die Weimarer Nationalversammlung, beschützt vor der Bevölkerung
    (Screenshots ab hier aus “Vom Reich zur Republik”)

    Es ist eine der Erzählungen, hinter denen die Geschichte der Massen-Selbstorganisation verschwunden ist. Um beteuern zu können, weder man selbst als SPD-Führung noch die eigene Anhängerschaft sei der Front in den Rücken gefallen, durfte deren massenhafte Mitwirkung am Januarstreik der Revolutionären Obleute ebensowenig Thema sein wie die formale Übernahme der Streikleitung durch SPD-Vorsitzenden Ebert (natürlich nur um ihn zu beenden), aber auch nicht die Wirkung der Repression danach: zahllose Beteiligte wurden an die Front zwangsversetzt, wo mit sinkenden Siegeschancen ihre Agitation immer besser verfing. Dass im November dann die Revolte an der Front begann und dann schnell in Form einer Räterevolution aufs ganze Reich übergriff, lag nicht nur an der paralysierten Machtstruktur der alten Ordnung, sondern vor allem daran, dass die organisatorische Vorarbeit von Jahrzehnten und die akute Agitation der letzten Monate ihren Moment gefunden hatten. Die andere Seite (inkl. SPD-Führung/Regierung) unternahm durchaus Versuche, das alles sofort zu stoppen und einzudämmen, wurde jedoch von den organisierten Massen überrumpelt, besonders planvoll und wohlorganisiert in Berlin.


    Hätten aus SPD-Sicht auch einfach zuhause bleiben und abwarten können:
    USPD auf der Straße

    Die Haffner-Version dominiert auch die Darstellung in der zehnteiligen BR-alpha-Serie “Vom Reich zur Republik”, deren Folgen 4 bis 6 das Revolutionsgeschehen behandeln. (Übersicht zu den Episoden.) Während hier viele der geschichtlichen Figuren den überlieferten Aufzeichnungen so minutiös nachgebildet sind, dass sich etwa bei Harry Graf Kessler oder Walther Freiherr von Lüttwitz daran erinnert werden muss, hier keine Originalaufnahmen zu schauen, sind die Arbeitskräfte und ihre Selbstorganisation so gut wie abwesend – nur die Elemente, die sich mit der Prominenz, den Salons und der Regierungsebene in Verbindung bringen lassen, kommen am Rande und stark karikiert vor. Massen sind nie selbst organisiert, laufen nur diesem oder jenem nach, jubeln da und oder dort zu. Das zeichnet sich auch in den ersten Folgen der Serie schon ab, als zwar fokussiert auf Wilhelm Liebknecht und August Bebel die Entstehung der Sozialdemokratie recht detailliert dargestellt wird, kaum aber die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung oder ihr Verhältnis zu den Parteien und Gewerkschaften konkret – auch hier bleibt’s überwiegend an den für bürgerlichen Blick funktionierenden Repräsentanten haften, der Kern, die Substanz fehlen weitgehend.


    Immerhin: Arbeiter bilden sich über Marx

    Die öffentlich-rechtliche Serie ist pünktlich zum Revolutionsjubiläum derzeit nirgendwo im Netz umsonst anzuschauen, sonst könnte das geneigte Publikum den Vergleich zwischen dieser Darstellung von vor gerade noch wenigen Jahren mit der heutigen eines der beiden Hauptautoren der Serie, Klaus Gietinger, anstellen. In seinem dieses Jahr erschienenen Buch “November 1918 − der verpasste Frühling des 20. Jahrhunderts” spielen die Obleute und die Räte, unter Verweis auf die neuere historische Forschung, bereits eine erheblich größere Rolle (auch wenn die Revolution wieder irgendwie nicht über das Jahr 1919 hinausreicht) – es wäre spannend zu sehen, wie eine Verfilmung auf dieser Grundlage nun aussehen würde.

    Auftritte ab Oktober 2018

    October 1st, 2018
  • Di, 02.10.2018, Halle, VL: Auflegen beim Soli-OpenAir “Deutschland halt’s Maul” (FB-Event)
  • Sa, 20.10.2018, Wien, EKH: Vortrag “Entschwörungstheorie” und dann Auflegen bei Panzerschokolade #19
  • Fr, 02.11.2018, Kiel, FKK: CLASTAH-Konzert und Auflegerei mit istari Lasterfahrer & me
  • Do, 15.11.2018, Dresden, az conni: Auflegen beim Jugendtanz – “Party like it’s 1999” (FB-Event)
  • Mo, 26.11.2018, Merseburg, Offener Kanal: Ideolotterie (Echt Jetzt?)
  • Di, 04.12.2018, Fulda, transfer: Vortrag “LUTHER AUF DAS MAUL schauen” (FB-Event)
  • Sa, 08.12.2018, Plauen, Schuldenberg, 17 Uhr: Vortrag “Arbeitsplätze selber schaffen – Instandbesetzte Betriebe in Argentinien, Nordhausen und hier” (FB-Event)
  • Vorträge “Revolution in Deutschland 1918-23

  • Mo, 15.10.2018, Halle, Melanchthonianum (FB-Event)
  • Mi, 17.10.2018, Aachen, AZ (FB-Event)
  • Do, 18.10.2018, Bonn, Uni (FB-Event)
  • Fr, 02.11.2018, Kiel (FB-Event)
  • So, 04.11.2018, Berlin, Olive-Kongress (FB-Event)
  • Di, 06.11.2018, Rostock, Café Median (FB-Event)
  • Mi, 07.11.2018, Leipzig, IfZ (FB-Event)
  • Do, 08.11.2018, Hannover, Pavillon (FB-Event)
  • Fr, 09.11.2018, Halberstadt, Papermoon: “9. November 1918, 1923, 1938 – Von der Niederschlagung der Revolution zum Holocaust” (FB-Event)
  • Mo, 12.11.2018, Frankfurt/Main, IG-Farben-Campus (FB-Event)
  • Di, 13.11.2018, Speyer, Hotel Löwengarten (FB-Event)
  • Mi, 14.11.2018, Dresden, Kosmotique (FB-Event)
  • Di, 20.11.2018, Görlitz, Hospi30 (FB-Event)
  • Mi, 21.11.2018, Nordhausen, Green Island (FB-Event)
  • Do, 22.11.2018, Eisenach, RosaLuxx (FB-Event)
  • Fr, 23.11.2018, Köln, Quäker Nachbarschaftsheim (FB-Event)
  • Mi, 28.11.2018, Neubrandenburg, AJZ
  • Mi, 12.12.2018, Jena, Uni
  • Weitere Vorträge zur Revolution 1918-23 sind noch ohne Termin (Chemnitz, Augsburg, Regensburg, Landshut, Potsdam, Hamburg). Außerdem gibt’s Pläne für Veranstaltungen zur AfD (in Greiz), zu Luther (in Bad Frankenhausen, Bochum, Bielefeld), zu Antisemitismus & Kapitalismus (Leisnig) und in Potsdam Vorträge zu “Sin Patrón”, zu Elsässer und zur Religion. Außerdem eröffne ich die Veranstaltungsreihe “Die Option zu kämpfen – Pop und Politik in Theorie und Praxis” in Augsburg mit einem Vortrag basierend auf meinem testcard-Artikel “Die Option zu kämpfen. Statt Weniger oder Mehr: Pop als ­aufständische Assoziation”.

    Wer auch noch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm.


    Videomitschnitt “All Cops Are Staatsgewalt”

    September 17th, 2018

    Schon bei der Premiere letzten Oktober in Braunschweig gefilmt, jetzt endlich veröffentlicht: der Mitschnitt von “All Cops Are Staatsgewalt – Die Polizei, ihre Rolle, Politik & PR”.

    Klassenkampf für Kinder

    September 6th, 2018

    Während die Abrafaxe Luther verließen, als er sich gegen Müntzer wandte, sind ihre weiblichen Counterparts Anna, Bella und Caramella im letzten Heft des Reformations-Jubiläumsjahres “Unter der Regenbogenfahne“ auf dem Schlachtberg bei Bad Frankenhausen mitten dabei und helfen den aufständischen Bauern. Außerdem wird das Bauernkriegspanorama von Werner Tübke anschaulich vorgestellt (“Die ganze Welt in einem Bild”) – echt jetzt, gebt Kindern “mosaik” zu lesen!

    (Bonusbild: Müntzers erster Auftritt in Heft 31“Was wenn es gar keine Reichen und keine Armen mehr geben würde. wenn jeder so arbeitet, wie er kann, und jeder bekommt, was er braucht?” – alle Bilder in größerer Version auf Instagram)

    Auftritte ab Juli 2018

    July 1st, 2018
  • Mo, 02.07.2018, Wien (Ö), Museumsquartier Raum D, 19 Uhr: Vortrag “Deutschland alternativlos – Fragen zu AfD, Ideologie und Klassenkampf” (FB-Event)
  • Do, 05.07.2018, Görlitz: Vortrag “Arbeitsplätze selber schaffen – Betriebsbesetzungen in Argentinien, anderswo und hier” (FB-Event)
  • So, 22.07.2018, Halle, Reil78: Ideolotterie (FB-Event)
  • Di, 31.07.2018, Wittstock, Sommercamp Linksjugend: Vortrag Revolution in Deutschland 1918-23
  • Do, 02.08.2018, Hannover, Pavillion: Vortrag “All Cops Are Staatsgewalt” (FB-Event)
  • Sa, 18.08.2018, St. Georgen, Action, Mond & Sterne: Vortrag “Am Geld kleben – Antisemitismus und Kapitalismus” (FB-Event)
  • Sa, 25.08.2018, Magdeburg, 13 Uhr: Auflegen beim CSD
  • Sa, 25.08.2018, Barleben, Sommercamp Linksjugend, 18 Uhr: Vortrag “Deutschland alternativlos” und später Auflegen (FB-Event)
  • Fr, 21.09.2018, Wien, Museumsquartier: Vortrag “Die Arbeit nicht hoch oder nieder – sondern machen, alle füreinander!” beim monochrom-Symposium “Politischer Widerstand als kulturelle Praxis” (FB-Event)
  • Di, 02.10.2018, Halle, VL: Auflegen beim Soli-OpenAir “Deutschland halt’s Maul” (FB-Event)
  • Sa, 20.10.2018, Wien, EKH: Vortrag “Entschwörungstheorie” (bei Panzerschokolade #19)
  • Do, 15.11.2018, Dresden, az conni: Auflegen “Party like it’s 1999”
  • Vorträge “Revolution in Deutschland 1918-23

  • Mo, 10.09.2018, Braunschweig, Sub (FB-Event)
  • Di, 11.09.2018, Göttingen OM10 (FB-Event)
  • Mi, 12.09.2018, Kassel, Club Commune (FB-Event)
  • Do, 13.09.2018, Marburg, Havanna 8 (FB-Event)
  • Mo, 15.10.2018, Halle, Melanchthonianum (FB-Event)
  • Mi, 17.10.2018, Aachen, AZ
  • Do, 18.10.2018, Bonn
  • Fr, 02.11.2018, Kiel
  • So, 04.11.2018, Berlin, (Olive-Kongress, in Planung)
  • Di, 06.11.2018, Rostock (in Planung)
  • Mi, 07.11.2018, Leipzig, IfZ
  • Do, 08.11.2018, Hannover, Pavillon
  • Fr, 09.11.2018, Halberstadt, Zora
  • Mo, 12.11.2018, Frankfurt/Main KoZ
  • Di, 13.11.2018, Speyer
  • Mi, 14.11.2018, Dresden, Kosmotique
  • Di, 20.11.2018, Görlitz
  • Mi, 21.11.2018, Nordhausen
  • Do, 22.11.2018, Eisenach
  • Weitere Vorträge zur Revolution 1918-23 sind noch ohne Termin (Jena, Potsdam, Hamburg). Außerdem gibt’s Pläne für Veranstaltungen zur AfD (in Greiz), zu Luther (in Bad Frankenhausen, Bochum, Bielefeld), zu Antisemitismus & Kapitalismus (Leisnig) und in Potsdam Vorträge zu “Sin Patrón”, zu Elsässer und zur Religion. Außerdem eröffne ich die Veranstaltungsreihe “Die Option zu kämpfen – Pop und Politik in Theorie und Praxis” in Augsburg mit einem Vortrag basierend auf meinem testcard-Artikel “Die Option zu kämpfen. Statt Weniger oder Mehr: Pop als ­aufständische Assoziation”.

    Wer auch noch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm.


    Der Antisemitismus der anderen

    June 23rd, 2018

    Es gibt derzeit weltweit nationalistische Mobilisierung, hauptsächlich wegen verschärfter Staatenkonkurrenz. (Dazu: Der Nationalismus der anderen.) Zu den Lieblingsthemen der ideologischen Begleitmusik von Sparpolitik und Repression gehören dabei in vielen Ländern neben Polizei, Geschlecht und Klimawandel vor allem Flüchtlinge, Muslime, Linke und DEREN Antisemitismus. Gleichzeitig versuchen sich Protagonist*n dieser Mobilisierung über dessen Skandalisierung selbst reinzuwaschen. Auch unter Linken gibt es teilweise Sympathien für diese konservativ-liberale Position.

    Dem widerspricht nun das diese Woche von der FAZ veröffentlichte Umfrageergebnis zu Antisemitismus unter Anhäng*rn im Bundestag vertretener Parteien zumindest insofern, als die Linke nicht schlimmer dasteht als der Rest (was trotzdem natürlich nicht gut ist), während die AfD, die einige schon zur “einzige[n] … antisemitismuskritische[n] … Partei” erklärt hatten, als einzige weit überdurchschnittlich viel Antisemitismus aufweist.

    Das heißt: Antisemitismus ist weiterhin zu thematisieren, zu analysieren und zu erklären, zurückzuweisen und zu bekämpfen (was ja durchaus auch passiert), aber eben überall! Ihn für pauschale Stigmatisierung ganzer politischer Richtungen oder Bevölkerungsgruppen zu missbrauchen, arbeitet hingegen nur der nationalistischen Mobilisierung zu. Die funktioniert immer dann am besten, wenn sie Keile zwischen “unilinke“, “normal-einheimische“ und “fremde“ Arbeitskräfte treiben kann, wenn die sich also über politische Differenzen, viel mehr aber über Skandalisierung und Diffamierung als Großgruppen gegeneinander stellen (lassen). Die Aufgabe muss sein, Ideologie überall zu konfrontieren ohne sich darüber als Klasse zu spalten und handlungsunfähig zu machen – oder positiv ausgedrückt: die Überwindung der Ideologie mit der Überwindung der Konkurrenz untereinander zu verbinden.

    Der Nationalismus der anderen

    June 12th, 2018

    Worum es gerade dauernd geht, woran aber auch von links weit vorbeigeredet wird: Nationalismus. – Oder: Die Macht der Ideologie, nicht als solche erkennbar zu sein, wenn sie nur von genügend vielen geteilt wird. – Und: Wie es zur politischen Lähmung der Arbeitskräfte völlig reicht, wenn sich nur genügend viele darin aufreiben und darüber spalten, welche Herrschaft das geringste Übel ist.

    Nationalismus dient als Abgrenzungswort, das außer Nazis kaum jemand auf sich bezieht. Der Verweis auf den Nationalismus der anderen macht den eigenen als solchen unsichtbar, mindestens zu etwas ganz anderem – wie das mit dem Verweis auf Ideologie, Mythos, Rausch, Gewalt und Herrschaft der anderen auch funktioniert. Mit Nationalismus kann aber auch die spezifische Form von Ideologie bezeichnet werden, die die Herausbildung, den Aufstieg und die heutige Konkurrenz der Nationalstaaten begleitet und legitimiert hat, und die neben und zusammen mit dem Geschlechter- und Rassendiskurs maßgeblich zur Spaltung der Arbeitskräfte und zur Umlenkung ihrer Unzufriedenheit beiträgt.

    Im Nationalstaat “fallen” der Staat und sein Volk – das nach innen gleiche und nach außen verschiedene Kollektiv der Tüchtigen – “zusammen”, das heißt, die Herrschaft hat es geschafft, genügend Beherrschte davon zu überzeugen, die ihre zu sein und mit ihnen eine Nation zu bilden. Der Nationalismus drückt dieses Verhältnis nur aus, ist die verstärkende Begleitmusik, die Verinnerlichungshilfe – er ist nicht die Ursache. Und entsprechend ist er in seiner Grundform nicht neu, in seinen Inhalten jedoch immer wieder neu. Nicht neu ist etwa die Herrschaftslegitimation, den Beherrschten Schutz zu bieten – immer wieder neu hingegen ist, wovor genau und wie (wobei Ziel und Mittel oft gar nicht sinnvoll zusammenhängen).

    Der gewandelte (und sich immer weiter wandelnde) Inhalt des Nationalismus, ändert nichts an seinem Zweck. Dann eben Europa statt Großdeutsches Reich. Die hiesige nationale Geschichtserzählung handelt heute nicht mehr überwiegend von Sedan, Königgrätz und Teutoburger Wald (oder von Müntzer, Stülpner, Luxemburg und Thälmann wie in der DDR), sondern geht eher so: Ja, Vergangenheit war schon voller Übel (Zersplitterung, Besatzung, Vertreibung und ja, auch wir haben Fehler gemacht), aber dann gab’s doch im Laufe der Jahrhunderte immer mehr Bestrebungen und auch friedliche Revolutionen für die BRD (Luther, Frankfurt, Weimar, 17. Juni, Mauer, Fußball-WM), die es nun glücklicherweise endlich gibt. Der hohe Organisationsgrad der Arbeitskräfte (von dem Herrschaft profitiert, solange und soweit sie’s unter Kontrolle behält) geht als “Fleiß” in die Erzählung ein und die enorme Kapitalkonzentration aus dem Krieg als “Wirtschaftswunder”. (Der Exportschlager heißt wie immer Leitkultur…)

    Herrschaft ist für sich und ihren Anhang immer die gute oder zumindest unvermeidliche, notwendige Herrschaft – und braucht immer die böse andere. Selbst ist sie das Maß (Rex, Recht, Gerechtigkeit), das sie genau an die richtige Stelle zwischen die Brutalität und Schwäche, die Tyrannei und Selbstblockade, die Sklaverei und Mangelwirtschaft der anderen historischen und gegenwärtigen Herrschaften setzt, von denen auch alle Probleme herrühren. Herrschaft sagt stets: Ich beute dich nicht aus – sowas machen nur die anderen. Und: “Ich wende keine unverhältnismäßige Gewalt ohne guten Grund an.” All das bildet die inhaltliche Grundlage der jeweiligen Form von Ideologie, mit der die Herrschaft sich rechtfertigt und die Herrschaftspersonal wie Beherrschten erlaubt, sich selbst von der Richtigkeit der Herrschaft zu überzeugen.


    Aus den Slides zur “Entschwörungstheorie”

    (Das Bürgertum ist dabei sowas wie der Islam unter den herrschenden Klassen – als letzte aufgetaucht, als das Prinzip schon in Frage stand, in ständiger Vergleichung mit den anderen, noch plumper… setzt Herrschaft und Natur gleich, um selbst als Zivilisation zu gelten – und vertröstet immer auf den ewigen Frieden dereinst, wenn die Dämonen, die es beständig selbst ausbrütet, besiegt sein werden.)

    Je nach Bedrohungslevel für die Nation durch Staatenkonkurrenz, Klassenkampf und revolutionäre Infragestellung kann sich die nationalistische Erzählung zusammen mit den realen gesellschaftlichen Verhältnissen entspannen oder – wie derzeit gerade fast überall – verschärfen. Immer mehr ideologische Inhalte der akuten Durchsetzung gegen die anderen greifen vom faschistischen Vorrat auf die Mehrheit über – und deren Grundlage in den Trennungen, die die Nation selbst vornimmt, tritt deutlicher hervor. (Bini Adamczak schreibt: “Faschistinnen prangern Kindesmissbrauch an, wenn er zufällig von Schwulen ausgeht, sie beklagen Homophobie, wo sie von Muslimen kommt, sie greifen kapitalistische Unternehmen an, wenn diese zufällig Jüdinnen gehören und sie kritisieren das Patriarchat, wenn es aus dem Ausland stammt. Kurz, sie betreiben eine Kritik der Herrschaft im Interesse der Herrschaft – ihrer Aufrechterhaltung und Ausdehnung”.)

    Aktuell sind die meisten Nationen leider nicht vom revolutionären Klassenkampf bedroht, sondern von der Verschärfung der Weltmarktkonkurrenz. Trotz erfreulicher Tendenzen, sich (wieder) mehr auf Grundlage des geteilten Interesses als Arbeitskräfte zusammenschließen und dabei möglichst viele Formen von Arbeit einzuschließen, stecken die meisten Linken zu sehr in der Ideologie, lassen sich zu bereitwillig voneinander trennen und stellen sich gegeneinander, weiten die Kritik nicht auf sich aus. Zu vielen führen Leute wie Elsässer, Maul oder Trump nicht vor Augen, was von dem, was sie selbst tun, vielleicht falsch ist und aufhören sollte, sondern an ihnen versichern sie sich gegenseitig, dass sie ganz anders sind, dass ihr Konkurrenzverhalten, ihre Distinktion, ihre Ideologie – der ganze schlecht verbrämte Nationalismus vor allem gegenüber den Lieblingsfeindnationen, aber auch im Kontext von Fußball und Kultur – ihre Berechtigung haben und durch ihr entschlossenes “Nazi”-Geschrei ja auch ganz leicht zu unterscheiden.

    Doch gerade jetzt wäre es wichtig, die Trennung inhaltlich und strukturell vorzunehmen, und nicht über die bloße Abgrenzung – gerade jetzt wäre es wichtig, die Verbindung zwischen Arbeitskämpfen und der Linken, zwischen Uni und übriger Arbeitswelt, zwischen Produktion und Reproduktion herzustellen, um die dringend nötige Gegenmacht gegen die allgemeine Entwicklung aufzubauen. Dass die Inhalte der herrschaftlichen Ideologie sich immer noch weiter ausbreiten und vertiefen, ist ein Resultat des Kräfteverhältnisses – dieses Kräfteverhältnis ist zu ändern, also der Organisationsgrad der Arbeitskräfte zu erhöhen und ihre Verbindung über die sozialen Spaltungen und nationalen Grenzen hinweg zu intensivieren.


    Pendeln je nach Bedrohungslevel durch Konkurrenz und Klassenkampf

    Framing, AfD-Stöckchen und Diskursverschiebung:

    Welche Information in welcher Verpackung verfängt, ist nicht nur eine Frage von Handwerk, Dreistigkeit und Intelligenz der Beteiligten, sondern vor allem eine der Überzeugungen. Ideologie besteht nicht in erster Linie aus Manipulation (auch wenn sie davon durchaus verstärkt und ausgerichtet werden kann). Sie lebt von geteilten Interessen und Grundannahmen über Herrschaft und Konkurrenz, von echtem Glauben an die Notwendigkeit/Unvermeidlichkeit, sich gegen andere Staaten und Gruppen durchsetzen müssen, vom Ausschluss der Möglichkeit sich als Gleiche gegen diese Staaten und Gruppen über deren Grenzen hinweg zusammen zu tun. Nationalismus ist keine Alternative, weil er in dieser oder jener Form der ideologische Hauptfilm die meiste Zeit über ist.

    Anschlag auf den Kreml, Rache für Aleppo:

    Daß Putin dahintersteckt, daß immer die anderen schuld sind, daß die Staatsgewalt am besten selbst über sich Auskunft gibt und daß sich am kapitalistischen Normalbetrieb ohne Apokalypse und Gulag nichts ändern läßt, sollen gefälligst nur Menschen verbreiten, deren Arbeitskraft dafür ausgebeutet werden kann und die es auch selber glauben, nicht Maschinen, deren Einsatz die Profitrate noch weiter senkt.


    “Wenn Nationalismus immer nur die anderen sind…”

    Handeln wollen, verstehen müssen – über Verschwörung und Nationalismus:

    Daher noch mal von vorn: Nationalismus immunisiert kapitalistische Gesellschaften gegen den Klassenkampf von unten und war historisch immer gegen die Selbstorganisation der arbeitenden Klasse und ihre Versuche gerichtet, die Produktionsmittel zu übernehmen. Dafür ist es nachrangig, ob sich der Nationalismus als links oder rechts etikettiert, beziehungsweise etikettiert wird; ob er sich überhaupt selbst als nationalistisch versteht; ob er eine bürgerliche oder proletarische Nation im Sinn hat; ob er sich auf diesen, einen anderen, einen vergangenen oder zukünftigen Staat bezieht. Ebenso, zu welchem Anteil Nationalismus aus Manipulation, Fetischdenken oder direkt aus der Konkurrenz der nicht als Klasse kämpfenden Arbeitenden untereinander, also aus der erstrebten Aufwertung der jeweils eigenen und der Abwertung der jeweils anderen Ware Arbeitskraft, erwächst. Zum Nationalismus gehört stets eine Bevölkerungspolitik, die sich in eine Geschlechterpolitik übersetzt und die auf diesem Gebiet, wie es auch in anderen Feldern geschieht, den Widerspruch zwischen demonstrativer Liberalität und immer weiter ausgebauter sozialer Kontrolle entfaltet. Auch Rassismus und Antisemitismus treten seit der kapitalistischen Moderne kaum noch anders denn als Verschärfungen des Nationalismus auf, der aus ihnen die erweiterte Legitimation seiner verehrten und geschützten, fleißigen und ehrlichen Arbeit und seines Geschäfts bezieht wie auch das Mandat zum Vorgehen gegen die als faul und kriminell konstruierten Anderen.

    Elsässer sucht Volk – was sucht ihr?:

    In diesem bedingten Lob der Nation und der Feindstellung “gegen die Diktatur des Lumpenproletariats”, gegen “Lumpenmigranten” ist Elsässer vielen Linken, besonders den sozialdemokratischen, leninistischen und antideutschen, sehr nahe, weshalb es angezeigt scheint, noch mal festzuhalten: Ohne Frage sind die bürgerlich-kapitalistischen Nationalstaaten die größeren und integrativeren Herrschaftsgebilde als die Stammes- und Fürstenherrschaft. Aber sie sind eben nur das – und sie bilden nicht mehr den größtmöglichen Rahmen gerade aus lokaler Herrschaft erwachsener Gesellschaft, sondern sie sperren die längst international verbundenen Werktätigen mit ihrem nationalen Kapital zusammen, stellen den Klassenkampf innerhalb der Nation still, verschärfen Binnenkonflikte unter den Arbeitskräften und stehen jedem Begreifen im Weg, daß die überwältigende Mehrzahl der Weltbevölkerung längst mehr als genug Lebensmittel und soziale Einrichtungen für sich schafft und dazu keiner Herrschaft und keiner Ausbeutung bedarf.

    Der nationalistische Aufmarsch:

    Was sich in Deutschland gerade politisch ausfaltet, ist lange und gründlich vorbereitet worden. Sich verschärfender Nationalismus ist keine Naturgewalt. Er entsteht aus politischen und ökonomischen Entscheidungen zur zwischen- und innerstaatlichen Konkurrenz (vor allem aus der Kombination von neoliberaler “Sparpolitik” und dem Versprechen des “geschützten” Arbeitsmarkts), und sein Erfolg hängt stark davon ab, inwieweit Widerstand gebrochen, diffamiert, vereinnahmt und verschaukelt werden kann. Was auf der anderen Seite auch heißt: wie lange es dauert, bis sich Widerstand über die eingeübten Feindschaften, Beschwichtigungen und Ausreden hinweg zur Solidarität der Klasse, zum Eingreifen in den ökonomischen und politischen Klassenkampf zusammenfindet.


    Ängste und Wahlentscheidungs-Motive

    Aus einer Facebook-Diskussion, in der mir jemand schrieb: “Ich bin wirklich gleich morgen mit dabei, den Kommunismus aufzubauen, aber erkläre mir bitte vorher, wie diese krasse Anti-Kuffar- vor allem frauenfeindliche Gewalt zu stoppen ist. (…) Die Gesellschaft, die du dir wünschst, schaffst du mit denen, die schon Zweifel an der Scharia haben, nicht mit denen, die sie verinnerlicht haben. Sei realistisch, nicht idealistisch. Nur ein Bruchteil ist für unsere Ideale zu gewinnen. Und deswegen plädiere ich eben auch für eine strikte Einwanderungspolitik.”
    Meine Antwort:

    “aber erkläre mir bitte vorher” – es gibt keinen Zauberspruch und keine magischen Mittel, keine bösen Geister und kein ewig Unveränderliches. Dein “morgen” heißt doch nie, weil du eine unerfüllbare Forderung daran knüpfst – solange es Herrschaft gibt, wird sie sich auch äußern, und solange du dich hinter (real oder vermeintich) weniger schlimmer Herrschaft vor (real oder vermeintlich) schlimmerer versteckst, wirst du beide nie los. Du möchtest, daß der Staat, der über dich verfügt, die Zusammensetzung seiner übrigen Bevölkerung so verändert, daß eine deines Erachtens genau definierbare und unabänderlich veranlagte Gruppe darin nicht mehr vorkommt – den Staat (bzw. seine Repräsentanten) interessiert dein Wunsch nur insofern, als sich damit seine Position in der Staatenkonkurrenz verbessern läßt und auch nur, soweit deine Stimme überhaupt irgendein Gewicht für ihn hat. Warum das nun eine Vorbedingung dafür sein soll, dich gegen Entsolidarisierung und Praxisenthaltung einzusetzen, ist mir nicht klar. Der Kommunismus passiert nicht einfach, er muß aus ganz realer Solidarisierung, aus Aneignungskämpfen und politischer Machtverschiebung entstehen, und all das muß gemacht werden, gerade wenn es besonders schlimm ist und gerade weil es besonders schimm ist.

    Auf allen Ebenen, mit allen Mitteln:

    Innenminister sagt “Islam gehört nicht zu Deutschland“ und “Sicherheit ist das höchste Gut einer Demokratie“; Gesundheitsminister sagt, Hartz IV sei keine Armut, Pflegekräfte könnten Arzttätigkeiten übernehmen, beim Thema Abtreibung gehe es zu wenig ums “ungeborene menschliche Leben“ und gegen die Legalisierung von Cannabis spreche, dass Jesus Wasser in Wein verwandelt habe – Deutschland beim lebhaften internationalen Wettstreit um Verschärfung des Nationalismus (zur Behauptung in der Staatenkonkurrenz, tja) ganz vorne mittendrin statt nur dabei!

    Hass allein genügt nicht mehr – zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2016:

    Kommunistisch gebildete Menschen könnten wissen, was Nationalismus ist; sie könnten erklären, wo die Ideologie herkommt: daß Nationalismus das ist, was kapitalistische Gesellschaften gegen Klassenkampf, Arbeiterrevolution und Kommunismus zusammenhält; das vom Klassenkonflikt auf die faulen, kriminellen, betrügenden und blutsaugenden Parasiten ablenkt; und das zu etwa ähnlich großen Teilen aus Manipulation, der Realität der Konkurrenz und dem Fetischdenken entsteht. Aus kommunistischer Sicht erscheint auch nicht absurd sondern folgerichtig, wenn es just hieß, in Deutschland sollen 680 000 Wohnungen abgerissen werden. Der Staat versucht weiterhin, die entschlossene Migrationsbewegung zu kontrollieren, um eine Auswahl an Arbeitskräften vornehmen zu können, und spaltet die Klasse weiter, indem er die verschiedenen Lohnniveaus gegeneinander ausspielt. Dagegen half immer nur der Zusammenschluss der Klasse: Nur wo für alle gekämpft wird, kann die Binnenkonkurrenz der Klasse teilweise aufgehoben werden. Das ist mühselig, der Weg dahin lang und der Erfolg höchst ungewiß, doch nur das könnte die Klasse gegen die Nation stellen und dem Nationalismus den Boden entziehen.


    Schere in der Einkommensverteilung, Preisentwicklung (USA)

    classless Jahresrückblick 2017:

    Weltweit verschärft sich die Konkurrenz der Staaten, und damit verschärfen sich auch ihre Ideologie (der Nationalismus) und der Klassenkampf von oben, das Zusammenspiel von neoliberaler “Sparpolitik” (Tax Cuts in den USA, Rentenreform in Argentinien, Ausweitung der Höchstarbeitszeit in Österreich usw.) mit dem Versprechen eines “geschützten” Arbeitsmarkts (rassistische und sexistische Hetze und Diskriminierung). Das Thema Klassenkampf ist dadurch insgesamt erheblich präsenter geworden, wird aber weiterhin zu oft gegen andere Kämpfe (Antifa, Feminismus, jeweils andere politische Fraktion) ausgespielt, statt als deren gemeinsame Grundlage genommen zu werden, und ist auch zu sehr davon geprägt, dass die Verschärfungen nun auch allmählich bei denen ankommen, die sie bisher ignorieren konnten, die Betroffenen im Stich ließen und sich gegen ihre Selbstorganisation stellten. So wird die Konkurrenz der Arbeitskräfte nicht überwunden oder ausgesetzt, sondern als Streit der alarmierten Einzelnen und der besseren Ersatznationen zusätzlich eskaliert.

    Das Verhältnis von parlamentarischem und ökonomischem Klassenkampf wird zu wenig hergestellt (eher von oben: Kanzler Kurzens Gegenüberstellung “Gestaltungsmöglichkeiten auf betrieblicher Ebene” vs. “übergeordnete Ebene österreichweit”); es geht zu wenig um Selbstorganisation innerhalb und außerhalb der Großgewerkschaften, es gibt zu wenig Aufmerksamkeit und Unterstützung für konkrete und potentielle kollektive Aneignungsvorgänge (Bäckerei in Hannover, Fahrradwerk in Sangerhausen, Käserei in Bad Bibra). Es wird sich zu sehr auf die verschiedenen Traditionen besonnen, die den Arbeitskräften eine Avantgarde voranstellen, eine bürgerliche Organisationsform (mitsamt ihrer Konkurrenz, Hierarchie, Abgrenzung und Rechthaberei sowie öffentlich ausgetragenen internen Konflikten, am besten auf beiden Seiten unter Berufung auf Springer-Artikel). Die Linke macht sich zu sehr zur radikalen Verlängerung der (links)liberalen Rettung des Kapitalismus, behandelt entsprechend die AfD, “Compact” und die anderen offen nationalistischen Entwicklungen zu sehr als Ursache und zu wenig als Ausdruck der sozialen und politischen Entwicklung. (Vgl. Bundestag von links nach rechts: männlicher, deutscher, akademischer; Gründe für die Wahlentscheidung; Merkels Flüchtlingspolitik; Einkommensverteilung in den USA: The Disco Years)

    Saving Facebook Spätfrühlings-Edition 2018

    June 6th, 2018

    100 gespeicherte Links zu Streit- und Forschungsthemen der letzten Wochen, mit Film und Musik.

    Anna Schott schildert ihre Erfahrungen damit, eine Vergewaltigung anzuzeigen – und ihre Entschlossenheit trotz alledem. “Das Sprechen über Leid, und das Stärke gewinnen aus dem Sprechen über Leid ist für eine Gruppe, für die „eine gewisse Härte und Kälte […] ausdrücklich geboten“ sind, Ausdruck emotionaler Manipulation”, attestiert Veronika Kracher aufrechten postantideutschen Streitern gegen falschen Feminismus. In der New York Times wird laut überlegt, dass in Zukunft Sexarbeit*r und Roboter eine sexuelle Umverteilung leisten müssen, um den Terror der “unfreiwillig Zölibatären” zu verhindern: “The Redistribution of Sex”. Aditi Natasha Kini verfolgt, wie Reddit zur Indoktrinierung junger Männer in Richtung Misogynie genutzt wird. Pakistans Parlament beschließt Gesetz zur rechtlichen Gleichstellung von Transpersonen: “The Transgender Persons (Protection of Rights) Act allows people to choose their gender and to have that identity recognized on official documents, including national IDs, passports and driver’s licenses. The bill also prohibits discrimination in schools, at work, on public modes of transit and while receiving medical care. The measure also says that transgender people cannot be deprived of the right to vote or run for office. It lays out their rights to inheritance, in accordance with their chosen gender. And it obligates the government to establish ‘Protection Centers and Safe Houses’ — along with separate prisons, jails or places of confinement. Mehlab Jameel is an activist in Lahore, Pakistan, who helped write the bill. ‘I heard about this yesterday morning and I was in a state of shock because I never thought something like this could happen within my own life in Pakistan,’ she told NPR. ‘This kind of development is not only unprecedented in Pakistani history, but it’s one of the most progressive laws in the whole world.'”


    Kate Nash: Life in Pink (Express Yourself)

    Es gibt ein aktualisiertes Lust-Angst-Modell von Sex nach Emily Nagoski: Everyone’s arousal works like this. Zum vierten Band von Michel Foucaults «Sexualität und Wahrheit», jüngst aus dem Nachlass veröffentlicht: “Gab es Sex im Paradies?” – Christentum und Bürgertum definieren den richtigen Sex. Barbara Nagel versucht, Flirten klarer von Belästigung und Übergriff zu trennen und es als Mittel der Verbindung und der Untergrabung von Autorität stark zu machen. Sex auf dem Mars könnte eine neue Spezies Mensch erzeugen – wenn er überhaupt funktionieren sollte. Das HIV-Präventionsmittel (PrEP) Truvada kostet in der 30er-Packung nicht mehr 819€ sondern nur noch 70€. Aus der Geschichte der Sexualforschung die Theorie zum Abstand zwischen Klitoris und Harnröhrenmündung: “je näher die Klitoris zu Harnröhrenmündung lag, desto häufiger erlebten die betroffenen Frauen einen Orgasmus”.


    aus der aktuellen “titanic”

    “Der Nationalismus war immer ein bürgerlich-kapitalistisches Projekt, das nur da mitunter gesellschaftliche Fortschritte brachte, wo es sich noch um die Entwicklung zu kapitalistischen Produktionsverhältnissen und der entsprechenden Produktionsweise durch Wirtschaftsprotektionismus handelte. In entwickelten kapitalistischen Ländern wird der Nationalismus zu einer Ideologie, die „Wirtschaftskriege“ und möglicherweise richtige Kriege zwischen ihnen vorbereitet.” Robert Schlosser: Wie nationalistisch ist das Kapital heute?

    “Gegen einen Kommunismus des weißen Mannes”Kofi Shakur schreibt darüber, wie die Komintern die antirassistische Politik der Kommunistischen Partei der USA beeinflusste. Der ORF wollte dieses Interview mit Bini Adamczak (leider ganz ohne Klassen und Klassenkampf) wegen Verdacht auf Interventionistische-Linke-Mitgliedschaft nicht. In Sachsen wird Jagd auf linke Politiker gemacht. Sonst viel Witze über Snowflakes. Die StuRa-Stellungnahme zur Ausladung von Thomas Maul, der ND-Bericht zur Maul-Veranstaltung im Conne Island mit Wiedergabe von Kritik, die in weiten Teilen meinem Bahamas-Posting von 2011 folgt. Eine andere Kritiklinie macht Felix Bartels auf Salonkommunisten auf: Being A Bat – Ideologiekritik und der Tritt in den Abgrund. Auch Schnittler schreibt zum aktuellen Konflikt zwischen “Rechtsantideutschen” und “Linksantideutschen”, vor allem zur vernachlässigten Klassenanalyse.


    Europe’s most fortified border is in Africa: Melilla/Marokko

    Studie findet keine Zunahme von Antisemitismus in Europa durch Flucht und Migration: “Antisemitismus ist kein allgemeines Merkmal von Muslimen” (Dazu auch: “Im Islam gibt es keinen traditionellen Antisemitismus”.) Jair Rosenberg hat versucht, den aktuellen Israel-Palästina-Konflikt jenseits der parteiischen Erzählungen aufzudröseln: 13 Inconvenient Truths About What Has Been Happening in Gaza.. Studie zu Gläubigen und Konfessionslosen findet: Christen sind skeptischer gegenüber Migranten. “Ob Katholik oder Protestant: Wenn es um Zuwanderer, den Islam und das Nationalgefühl geht, unterscheiden sich Gläubige in ihren Ansichten deutlich von Konfessionslosen.” Einem Stuttgarter Anwalt, der Flüchtlinge vertritt, schlägt derzeit eine Welle des Hasses entgegen. Zuletzt hatte er den togolesischen Asylbewerber vertreten, dessen gewaltsam verhinderte Abschiebung für Schlagzeilen gesorgt hatte.

    Ungleichland-Clip zeigt kurz die Mietentwicklung, Wohneigentumsverteilung – und dass Leipzig fast komplett Leuten von woanders gehört. (Guardian: Berlin tops the world as city with the fastest rising property prices – 20,5%) – “Ja, viele Westdeutsche haben Türken, Italienern und Ostdeutschen gleichsam unterstellt, sie hätten nie gelernt, richtig zu arbeiten. Oder die Reaktion, wenn jemand über Ungleichheit spricht. Jammer-Ossis heißt es bei den Ostdeutschen, Opferperspektive bei Migranten. Auch der Vorwurf, hier nicht richtig angekommen zu sein, ist ähnlich. Ebenso wie der, sich in der sozialen Hängematte auszuruhen und von Sozialleistungen oder dem Soli zu leben. Sogar der Vorwurf, nicht demokratiekompatibel zu sein.” Naika Foroutan: Ostdeutsche sind auch Migranten – Antwort darauf: “Heute, mehr als 28 Jahre nach dem Mauerfall, erkenne ich Ost-Leute immer noch, vielleicht mehr denn je. Es ist ein bestimmtes Sozialverhalten, eine Art, unauffällig und zugleich aufmerksam zu sein, das Geschirr zurückzustellen, sich die Hand zu geben und natürlich die gemeinsame Sprache, die mit den Jahrzehnten nicht verschwunden ist… Mein Ost-Feeling geht aber nicht so weit, dass ich den ostdeutschen Rassismus als Gegenwehr gegen das westdeutsche Establishment verteidige” Angelika Nguyen: Doppelt heimatlos“Der Osten. Diese Landschaft ohne eigene Elite, ohne eigene Publizistik, ein Landstrich im Begriff, die Spuren der eigenen Geschichte demontiert zu bekommen.” – MZ: “Wessi, geh doch rüber“.


    Fieser Ohrwurm, leicht schwindelerregendes Video (via Lena Broiler)

    Opel-Belegschaft Eisenach vertreibt Höcke. Lipton/Unilever-Belegschaft besetzt französische Teefabrik, übernimmt sie nach 1336 Tagen und singt die Internationale dazu. Boots Riley bringt Klassenkampf nach Hollywood: “Sorry to Bother You” comes out in wide release in July. The film is visually ingenious and funny, yet grounded by pointed arguments about the obstacles to black success in America, the power of strikes and the soul-draining predations of capitalism. A self-described communist since his teens, Riley has said he aims “to help build a mass movement that can use withholding of labor as a strategy for social change.”Repression gegen U-Bahn-Streik in Buenos Aires – und die Antwort: Bezahlschranken auf! – Doku über die Revolution in Bolivien 1952 heißt “Sin Patrón”. – Maja Bogojevic ist Arbeiterkind und Studentin. – Ralf Hoffrogge bei Radio Corax zur Geschichte des DGB und dem “Parlament der Arbeit”, dem DGB-Bundeskongress. – “Es gibt heute mehr Sklaven als zur Zeit des Sklavenhandels”


    Anteil der Arbeitskräfte, die im Hauptjob mehr als 60 Stunden/Woche arbeiten (OECD)

    Marx in der Teen Vogue: “Marx says we live under capitalism [but] capitalism has not always existed,” Ciccariello-Maher tells Teen Vogue. “It’s something that came into being and something that, as a result, just on a logical level, could disappear, could be overthrown, could be abolished, could be irrelevant. There’s this myth of the free market, but Marx shows very clearly that capitalism emerged through a state of violence.” (Dagegen Marx im Vorwärts: “Der Marxismus als erlösende Weltanschauung, als proletarische Revolutionslehre und Staatssozialismus ist tot, jedoch bleibt die Marxsche Erkenntnis, dass die Destruktionskräfte des reinen Kapitalismus umso verheerender sind, desto reiner die Kapitallogik herrscht, ein Leitgedanke der sozialdemokratischen Politik.” Marx in der Bild: “Marx schrieb das Kapital gar nicht selbst!”. Marx bei arte: “Nein, diese Drombuschs!”)

    Erstaunlich lustig: “Manifest der kommunistischen Partei to go (Marx und Engels in 4,5 Minuten)” – Niki Matita im Gespräch mit Thomas Herbst über sein Label Karlrecords und den aktuellen Sampler „Karl Marx’ 200th“ mit Titeln von über 30 KünstlerInnen. – David Harvey schreibt über eine Buchveröffentlichung, die “Das Kapital” u.a. mithilfe von Dantes “Inferno” betrachtet und gibt dazu einige seiner Erfahrungen aus der Marx-Vermittlung wieder. Und es gibt für die Lektürebegleitung Ed George’s Reading Marx Blog, hier zu Band zwei des “Kapital”.


    aus der aktuellen “titanic”

    Diesen Vortrag mit Prof. Dr. W. Borodziej hätte ich gern gesehen: “Der polnische Realsozialismus, oder wie die Polen sagen “Pe-eR-eL”, hatte durchaus eine polnische Note, ja einen polnischen Stil, aber auch einen polnischen Nachgeschmack. Er unterschied sich in vielen Bereichen von der DDR.” – Richard Schubert über die fünf Säulen linker Popularität: Realpolitik, Geistigkeit, ökonomische Experimente, Volkstribune, Terrorismus (Mischung aus Hauptmann von Köpenick, Robin Hood und Batman). – Dehm: “Bei den Sexarbeitern habe ich mich sofort entschuldigt, weil deren Tätigkeit allemal moralischer ist als die von prostituierten Kriegsvorbereitern.”Michael Waßmann, Linksjugend Sachsen-Anhalt: “Als könne man nicht für die älteren, weißen Herrschaften gute Pflege und ordentliche Rente fordern und gleichzeitig ein Problem damit haben, wenn nur diese Bevölkerungsgruppe Zugang zu Posten im Bundesinnenministerium hat.” – Hier will jemand Autonome komplett verwerfen: Zum Ende einer Bewegung und eines Organisationsansatzes. – Lukas Nicolaisen von der Fachstelle Naturschutz und Rechtsextremismus über nationalistische Quellen von Umweltthemen wie Überbevölkerung, Degrowth, “gebietsfremde Arten”: „Naturschutz ist nicht per se links“.


    Dieter Bohlen: Die Grundidee vom Kommunismus ist ja voll geil

    Zur Polizei-PR: “Marcus da Gloria Martins ist in München in die Kritik geraten, nachdem er als neuesten Öffentlichkeitsclou der Pressestelle der Polizei München zu einer geplanten “Großübung”, die u.a. am Hauptbahnhof zu verschiedenen Einschränkungen führen sollte, im Stile des Embedded Journalism druck- und sendefertige Berichte mit eingespielten Interviews an Redaktionen schickte – die Fragen hatten sich die auskunftgebenden Beamten praktischerweise selbst gestellt.” In Görlitz interviewt der Polizeisprecher seinen Chef einfach selbst – und die Sächsische Zeitung veröffentlicht es. Netzpolitik über die Polizei in sozialen Netzwerken: Influencer in Uniform: Wenn die Exekutive viral geht. Und hier läuft einer spektakulär vor der Polizei davon. – AfD-Poggenburg leitet Kommission gegen Linksextremismus. Identitäre betreiben eine “Hilfsorganisation” namens AHA im Libanon. Die Bundeswehr bei der rp18 – eine Chronologie. (Selbst nicht gesehen: Playlist mit allen re:publica-Veranstaltungen)

    Erster direkter Güterzug von China nach Österreich trifft ein. – Kurzabriss: The World According to Alex Jones (Infographic Explainer). – Alex Jones bricht nach Zurückweisung von Trump zusammen. – Bei “Full Frontal” mit Samantha Bee gab’s unter anderem Guerilla-Wiederaufforstung in Puerto Rico mit Amy Hoggart. – Ist Hexenmystik als emanzipatorische Praxis? – Vortrag von Marcel Stoetzler: “The theory of antisemitism in Horkheimer and Adorno’s Dialectic of Enlightenment”. – Der junge Sheldon Cooper studiert Religion. – Wie ein Horrofilm aussehen würde, wenn nur Schwarze in ihm spielen würden. – And a seriously cool illusion .


    Magnetic Games: Nice slow-motion footage of smaller magnets engulfing larger magnets.

    Warum Menschen keine dicken Augenbrauenwülste mehr haben: “Im immer haarloseren Gesicht von Homo sapiens habe es immer bessere Möglichkeiten für eine subtilere Körpersprache gegeben, um etwa Gefühle zu signalisieren. Diese Veränderungen des Gesichts hätten es auch möglich gemacht, soziale Fähigkeiten weiterzuentwickeln, die für kooperatives Verhalten in der Gruppe nötig sind und wesentliche Voraussetzung für den Erfolg des Homo sapiens waren.” – Kognitionswissenschaftlerin Lera Boroditsky: How language shapes the way we think – von Aboriginies in Australien, die Himmelsrichtungen statt links/rechts-Angaben verwenden bis zu den zahlreichen Wörtern für Blau im Russischen. – Ein Leerzeichen zwischen jedem Satz, hieß es. Das hat die Wissenschaft nun widerlegt.Why Rich Kids Are So Good at the Marshmallow Test: “Ultimately, the new study finds limited support for the idea that being able to delay gratification leads to better outcomes. Instead, it suggests that the capacity to hold out for a second marshmallow is shaped in large part by a child’s social and economic background—and, in turn, that that background, not the ability to delay gratification, is what’s behind kids’ long-term success.”

    Echtzeit-MRT-Film zeigt live die Bewegungen im Mund- und Rachenraum beim Sprechen. Animation zeigt, wie Sauerstoff in ein Vogelei kommt. Dieser Roboter kann eine Tür aufmachen und für einen anderen Roboter aufhalten.


    Lady Gaga: “Fuck, such a hangover, but those paparazzi are out there, let’s get through with it and try to make it look like art…”

    Das Gehirn setzt immer mal wieder aus, um sich selbst zu berauschen und so aufzuräumen, wenn es dazu keine Gelegenheit (Schlaf) bekommt: Wissenschaft nennt es Microsleep. – Er hier meint, auf Keta Engel zu treffen, sieht den Punkt an Psychedelika darin herauszufinden “what is real”. Interview mit Matthias Liechti vom Unispital Basel über LSD: “Innerhalb der bekannten Netzwerke nimmt die Kommunikation also ab, dafür sieht man eine erhöhte funktionelle Verbindung zwischen Zonen, die sonst kaum miteinander kommunizieren. So kommt es, dass man Töne sehen kann, Musik fühlt und alles stärker in die Gefühlswelt hineingeht. Das Gehirn wird einmal durchgeschüttelt.”

    Die Erde hat sich einen zweiten Mond eingefangen, sagt die NASA – einen Minimond namens “Asteroid 2016 HO3”. – Die detaillierteste Karte des Universums bisher. Lyta Gold fragt, What is Star Trek without the socialism?: “It suggested that in the distant future, we might look back on this era as a regrettable period where humans were childishly, tragically wrong about so much, especially capitalism and the necessity of violence. And then we’ll go on dorky space adventures.” – How Soviet Artists Imagined Communist Life in Space.


    “This mini-planet cleared dust from the floor, while its form reminded its user of the USSR’s space capabilities.”

    Dance Dance Revolution, The Insurrectionary Politics of Shaking It: “As dancers experience ecstatic and extraordinary states of mind which are anathema to routine alienated consumption, they realize, if only semi-consciously, and for brief moments, that the truly rewarding things in life are not money, shopping, or status. Perhaps in some ways, the 12,000-year-old oppressive walls of hierarchical civilization can be dismantled, and … capitalism can be cured, simply by joyful hip-shaking.”

    Lots more hip shaking: Happy International Dance Day! – Schöne Doku über DJ Marcelle van Hoof und wie sie Platten auflegt. – Achselhöhlen-Beatbox. – Indian Street Metal. – Clowncore. – Die innere Screamo Band einer Mutter. – Amalie Bruun (Myrkur) über Metal, Kunst und Drohungen. – Surfrajettes covern “Toxic” von Britney Spears.


    Ein wirkliches Hupkonzert: das Mécanophone!

    Neues vom Beziehungskarussell der Staatenkonkurrenz

    June 5th, 2018

    Nach dem Vorwurf an die USA, sich von ganz Europa trennen zu wollen (“Goodbye, Europe!”, SPIEGEL-Titel vor drei Wochen), heißt es nun aus dem Umfeld des deutschen Hofes: Schluß mit der immer auf tiefer Wertschätzung gegründeten Beziehung zu Italien, CIAO SPAGHETTIS, war schön, aber nicht erfolgreich genug mit euch – tschüß, Notverwaltung, Abriß! (Auf dem HandelsblattTitel hat sich Italien physisch schon vom Kontinent gelöst…)

    Zwischen Deutschland und Frankreich kriselt’s auch, man schaut zur Seite, berührt sich nicht mehr: “Angesichts dieses Krisenprozesses samt seiner strukturellen Überproduktionskrise und seinem Verschuldungszwang, in dem das spätkapitalistische Weltsystem versinkt, ergeben sich für Berlin nur zwei Alternativen: Zerfall der Eurozone oder eine europäische Hegemonie, die auf einem Verschuldungsprozess basieren würde, wie ihn auch die USA aufrechterhielten. Berlin entschied sich – in Einklang mit der deutschen Sparideologie – offenbar fürs Erstere.”

    Wie geht’s nun weiter? Wer kann noch mit wem? Wer trocknet die Tränen? Wer moderiert die Versöhnung, damit der deutsche Hof wieder unbefangen auf die zugehen kann, die ihm in der Vergangenheit so viel angetan haben (Griechenland, Polen, der Engländer und der RUSSE!)? Wer baut die Brücken zu den neuen Hochzeiten der Herzen und der Vernunft (Schina)? Und denkt eigentlich auch nur mal EINER EINE SEKUNDE lang an die Kinder?

    Stadtbibliothek “Heinrich Heine” Halberstadt Cut-up No.2 – B 532.1 Bewerbung/Stellensuche

    May 26th, 2018

    Sie haben nur diesen Tag zur Vorbereitung? Dann müssen Sie sich auf das Wesentliche konzentrieren. Welcher Kunde hat den höchsten Umsatz im zweiten Halbjahr gebracht? Welche beiden Kunden haben den geringsten Jahresumsatz gebracht? Welcher Kunde zeigt die schlechteste Geschäftsentwicklung und sollte daher ab sofort nur noch gegen Vorkasse beliefert werden? Ihre Aufgabe ist also, bestimmte Gesetzmäßigkeiten zu erkennen und diese gedanklich fortzusetzen.

    Sie ahnen es sicherlich schon. Der optimale Bewerber ist seelisch ausgeglichen und stabil. Der Himmel ist Ihnen nicht genug? Der optimale Bewerber hat eine einwandfreie Vergangenheit. Ungünstige Antwort auf Frage 33: “Ich lasse mir nichts gefallen.” Der optimale Bewerber stiehlt nicht, auch keine Kleinigkeiten. In dieser Übung müssen Sie Überzeugungsarbeit leisten. Mord verjährt nie. Der optimale Bewerber hat keine Schuldgefühle.

    Was ist ein Hashtag? Der optimale Bewerber ist tierlieb. Insekten haben sechs Beine, Spinnen acht. Welche neuen Speichermedien gibt es? Der optimale Bewerber ist gesund und treibt regelmäßig ein wenig Sport. Dabei handelt es sich um ungefährliche Sportarten. Ungünstige Antwort auf Frage 30: “Shoppen finde ich prima.”

    Wie nennt man einen Programmierfehler in einer Software? Der optimale Bewerber hatte eine überwiegend glückliche Kindheit und stammt aus einer Familie, die in geordneten Verhältnissen lebt. Er sagt, Klaus werde es merken. Eine Grafik hat jeweils eine kleine Abweichung, die anderen sind jeweils völlig identisch.

    Welche Wörter passen in die Textlücken? Der optimale Bewerber macht sich keine Sorgen etwa um Atomenergie und Umweltzerstörung (glaubt, dass sich alles bessern wird; das heißt nicht, dass der Bewerber vollkommen unkritisch sein soll). Homer wird manchmal als der “erste Theologe” bezeichnet, weil er die Vielzahl der von den Griechen verehrten Götter in eine systematische Ordnung gebracht hat. Dabei werden alle Elemente wie Rollenspiele, Gruppendiskussionen oder die Postkorb-Übung berücksichtigt.

    Eine schriftliche Vorbereitung ist empfehlenswert! Und dann beginnt auch schon Ihr eigentliches Testtraining!

    (Stadtbibliothek “Heinrich Heine” Halberstadt Cut-up No. 1 – E 825 Praktische Theologie, Pastoraltheologie. Zu den sieben Zentral- und Landesbibliotheken-Cut-ups – und mehr über Cut-up und Text-Remix)

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