Drei doppelte Kurze: Aerosolforschung, Impfung, Arbeit

April 22nd, 2021

💦☣️ Die Gesellschaft für Aerosolforschung warb am 11. April in einem Offenen Brief an die Regierung für wirksamere Maßnahmen zum Pandemieschutz in Innenräumen und z.T. auch an Arbeitsplätzen (genannt wurden nur Büros). Im erklärten Versuch, damit Hoffnung zu machen und vor allem sportliche Betätigung zu stärken, wurde Infektion im Freien als besonders unwahrscheinlich betont, was im Kontext von Frühlingsanfang und Diskussionen um die Ausgangssperre von vielen als generelle Entwarnung verstanden wurde (“Die Luft ist rein!”). Das Ansteckungsrisiko ist zwar grundsätzlich draußen deutlich geringer als drinnen, aber das ist abhängig von der Zahl der Menschen, mit denen draußen in welchem Abstand, wie lange und wie interagiert wird – und es ist bisher nicht ganz aufgeklärt, ein grpßer Teil der Infektionswege sind nach wie vor nicht bekannt.

⚕️💉 Impfungen verringern das Ansteckungsrisiko ebenfalls drastisch, aber ebenfalls nicht auf null, auch hier ist vieles noch nicht klar, z.B. was Mutationen und die Dauer des Impfschutzes angeht. Wirksamkeit und Zuverlässigkeit von Impfungen zu bewerben, um Impfunwillige und Unentschiedene umzustimmen, ist wohl leider nötig; die Betonung des Schutzes vor weiteren Infektionen scheint jedoch teilweise als ähnliche Entwarnung wie der Brief der Aerosolforschung zu funktionieren. Unbedingt sollten sich alle impfen lassen, die können, und die Freude darüber ist mehr als verständlich, es sind jedoch erst 7 Prozent der deutschen Bevölkerung vollständig geimpft, 22 Prozent einmal (global kommen 12 Impfungen auf 100 Menschen, und die sind extrem ungleich verteilt) – es wird noch mindestens große Teile des restlichen Jahres dauern. Momentan rollt die Pandemie noch durch die Welt, also bitte, bitte weiter Abstand halten, Kontakte reduzieren usw. Wie in der “Stay at home”-Diskussion vor einem Jahr ist es bitter extra dazu sagen zu müssen, dass es darum gehen muss, dass alle tun, was sie können, dass alle im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Handlungsoptionen aufpassen und sich gegenseitig schützen, nicht darum, ohne Beachtung von Besonderheiten, Notlagen usw. Forderungen aneinander heranzutragen oder in den Tugendwettbewerb einzusteigen.

🛠️🚩 Gegenseitiger Schutz beinhaltet auch politische Aktion um die Bedingungen zu ändern, Streik um stärker in die Betriebe und Büros einzugreifen. “Es wäre ja mal schön, wenn gestreikt werden würde” oder “Generalstreik jetzt!” ist viel häufiger zu lesen und zu hören, als die Verbindung zur Organisation aller Arbeitskräfte vor Ort, in Betrieb und Küche vor der Nase, hergestellt wird: sich für die bezahlten und unbezahlten Arbeitsverhältnisse um einen herum interessieren, was Bekannte oder Unbekannte da tun, wie es ihnen damit geht und warum, wie sie organisiert sind oder nicht; sich für die örtliche Gewerkschaftssituation interessieren, nach Möglichkeit mitwirken, diejenigen unterstützen, die was tun (gerade wenn die Kräfteverhältnisse ungünstig aussehen) – wenn die reguläre Gewerkschaft wenig bewegt, dann die FAU, idealerweise beides; die Perspektive der Arbeitskräfte einnehmen, ihre Nachrichten verstärken usw. usf.

(Ihr wisst aber schon, dass diese Postings immer auch ein Trinkspiel sind, oder?)

Märzkämpfe 1921, Teil VIII (Schluss) – 1. April: Letzte Schlacht, Nachspiel, Bilanz

April 1st, 2021

Am 1. April 1921 findet die letzte Schlacht der Mitteldeutschen Märzkämpfe statt. Die Aufständischen um Max Hoelz haben sich nach ihrem Sieg über die Schupo in Gröbers drei Tage zuvor zwar durch Arbeiter aus dem Bitterfelder Revier wieder auf 500 Mann verstärkt, wollen sich zu diesem Zeitpunkt angesichts der überall zusammengebrochenen Streiks jedoch, wie im Vorjahr im Vogtland, aus dem Aufstandsgebiet zurückziehen, ihre Waffen verstecken und auf die nächste Erhebung warten.

Die Schutzpolizei kann sie allerdings in Beesenstedt bei Wettin stellen, beschießt sie mit Artillerie und reibt die Truppe mit fünf Hundertschaften komplett auf. Die Aufständischen haben 18 Tote und zahlreiche Verwundete zu beklagen, verlieren ihre ganze Ausrüstung, können zwar über die Saale flüchten, werden in den nächsten Tagen aber größtenteils aufgegriffen. Damit ist der militärische Aufstand niedergeschlagen. Im Zusammenhang mit den Märzkämpfen kommen reichsweit mehr als 300 Aufständische, Streikende, Protestierende und Unbeteiligte ums Leben, ein Großteil durch Erschießungen, 40 Tote gibt es in den Reihen der Schupo. In Mitteldeutschland standen sich insgesamt 39 Hundertschaften und etwa 4000 Arbeiter gegenüber. An den Streiks und Protesten beteiligen sich im ganzen Reich etwa 200.000.

In zwei Dutzend Städten nehmen bereits seit dem 29. März Außerordentliche Gerichte ihre Arbeit auf, deren Rechtsgrundlage im Rahmen der Kriminalisierung der Revolution schon im letzten Herbst erarbeitet wurde und in deren Zuständigkeit 91 Tatbestände überführt wurden. Während es auf Seiten der Schupo trotz eines späteren parlamentarischen Untersuchungsausschusses im Preußischen Landtag (Oberpräsident Hörsing dort über Grausamkeiten der Polizei: “bedauerlich”, aber nichts nachgewiesen) nur zu einer Veurteilung kommt, werden von den 6000 im Aufstandsbereich Gefangenen, die vielfach tagelang misshandelt und gedemütigt werden, 4000 zu einem großen Teil wegen Verstößen gegen das noch am 1. März verlängerte Entwaffnungsgesetz (siehe Teil III) in “abgekürzten” Verfahren praktisch ohne Verteidigung verurteilt, darunter Hunderte zu langen Zuchthausstrafen, so auch der am 16. April in Berlin verhaftete Max Hoelz.

Die VKPD ruft die Rote Hilfe ins Leben, die in den nächsten Monaten mehrere Millionen Mark für Gefangene, Verwundete und deren Angehörige einsammeln kann, darunter auch einige USPDler und SPDler. Am 13. April fordern ADGB und AfA die baldige Abschaffung der Außerordentlichen Gerichte. Es kommt zu weiteren Protesten gegen den anhaltenden Ausnahmezustand, die Schupo-Besatzung und die Sondergerichte. Unterdessen “säubert” die Polizei den ganzen April über Orte im Aufstandsbereich, so Bucha am 4. April, Nebra am 6. und 19. April, am 17. April Bad Bibra, am 20. April Naumburg und am 4. Mai Eckartsberga. Erst im Juli nehmen die Patrouillenfahrten ab.

Mitteldeutsche Unternehmen geben etwa eine Million Mark für eine Schupo-Dauerbesatzung von Eisleben, Hettstedt und Mansfeld. Auch in den Betrieben und Verwaltungen werden nun Tatsachen geschaffen. Es hagelt Entlassungen gegen die an Streiks und Besetzungen Beteiligten, Urlaubsansprüche werden aberkannt, der Kündigungsschutz aufgehoben, die Position der Vertrauensleute beschränkt. In der Folge werden die Löhne gedrückt, es gibt dagegen kaum noch Streiks, die Arbeitsleistung wird gesteigert. Hörsing verordnet am 8. April: “Alle Amtsvorsteher und Amtsvorsteher-Stellvertreter, welche offen zur Kommunistischen Partei sich bekannt haben, werden vorläufig ihres Dienstes enthoben.”

Paul Levi, der am 24. Februar den VKPD-Parteivorsitz geräumt hat (siehe Teil II), veröffentlicht am 12. April seine Broschüre “Unser Weg. Wider den Putschismus”. Er sieht im isolierten Kampf des März nicht nur Dummheit, sondern Verbrechen – Avantgarde allein könne nicht siegen. Die KP soll weder ihren Massencharakter durch Putschismus noch ihren revolutionären Charakter durch Aufgehen in der Tagesarbeit verlieren. Trotz prominenter Zustimmung in der Partei wird Levi am 15. April ausgeschlossen.

Statt Selbstkritik übt sich die VKPD-Führung in Selbstfeier, der März wird als reinigende Bewährung des “Stoßtrupps” gepriesen, Disziplin und Opfersinn werden betont, die Verantwortung für die Niederlage der KAPD und “lokalen Funktionären” zugeschoben. Gleichzeitig betreibt die Partei nun eine intensive Säuberung von Gegnern des Aufstands (und ihrer “Passivität”), sie wird aber auch selbst überall herausgesäubert und verliert vielerorts ihre Stellung in den Betrieben. Diese verlorene gesellschaftliche Macht wird durch immer schrillere Töne ersetzt. Der Mitgliederbestand der VKPD sinkt von 359.000 zu Beginn des Aufstandes auf 180.443 im Sommer 1921. Das Ergebnis ist gerade in Mitteldeutschland keine große Rückwanderung in die anderen Arbeiterparteien, sondern eher eine allgemeine Entpolitisierung.

Aus den Kämpfen bleiben Hunderte Illegalisierte zurück, viele schon seit dem März 1920 im Untergrund, die sich auf Diebstahl und Banküberfälle für ihren Lebensunterhalt besinnen – Karl Plättner schreibt ihnen mit “Der organisierte rote Schrecken – Kommunistische Parade-Armeen oder organisierter Bandenkampf im Bürgerkrieg” das Programm. Auch wenn in den entstehenden illegalen Gruppen nun einige Frauen mitwirken, sind sie wie die Märzkämpfe fast reine Männerveranstaltungen.

In den ersten beiden Jahren der Revolution war das Zusammengehen der SPD-Führung als Regierung mit konterrevolutionären Truppen ein Konflikt auch innerhalb der Sozialdemokratie. Nun wird sozialer Widerstand systematisch kriminalisiert und in die Ecke getrieben, Aufstandsbekämpfung ist Verbrechensbekämpfung, statt der Reichswehr macht das die Polizei – und geht dabei überwiegend gegen diejenigen vor, die im Kern immer noch das vertreten, was vorübergehend fast eine Mehrheit in der deutschen Gesellschaft hatte (und das sich nun nach all dem Morden auch nicht mehr unbedingt noch äußert). Offiziell ist auch die SPD nach wie vor für die Sozialisierung, die sie nur leider, leider nicht hat durchsetzen können.

Erst ab jetzt stehen stehen sich im hegemonialen Verständnis Rechtsstaat und Demokratie auf der einen und Parteiherrschaft und Bandenkrieg auf der anderen Seite krass gegenüber – dazwischen hatte es für einen großen Teil der Revolution die deutliche Position der Rätedemokratie gegeben, die nun zwar noch nicht vollständig zerrieben ist, aber weit davon enfernt, artikulierte Massenauffassung zu sein.

Während der März 1921 gewissermaßen zur Geburtsstunde der deutschen radikalen Linken wird, die aus den Betrieben und in die kriminalisierten Ecken verwiesen ist, schult die Polizei bis in die BRD der 50er Jahre hinein Aufstandsbekämpfung am Beispiel der Märzkämpfe.

Hinter den Schuldzuweisungen und Rechtfertigungen im Anschluss an die Ereignisse verschwand, was Prof. Dr. Patrick Wagner, Professor für Zeitgeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, als “die treibende Kraft, ohne die es nicht zu den Märzkämpfen gekommen wäre” benennt: die “militante Massenbewegung aus der regionalen Arbeiterschaft, die für eine Sozialisierung im Sinne der Aneignung der eigenen Betriebe durch die Belegschaften eintrat.”

Schupo mit Artillerie im Einsatz im Mansfelder Land Ende März 1921

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Über die Schupo und einige ihrer Verbrechen im Mitteldeutschen Aufstand berichtet Emil Julius Gumbel in “Vier Jahre politischer Mord”, Berlin 1922, Seite 67f.

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Märzkämpfe 1921, Teil I – 20. Februar: Kommunistischer Wahlerfolg in Mitteldeutschland
Märzkämpfe 1921, Teil II – 24. Februar: VKPD-Führung legt Ämter nieder
Märzkämpfe 1921, Teil III – 1. März: Kriminalisierung von Armut und Widerstand
Märzkämpfe 1921, Teil IV – 13. März: Vereitelter Anschlag auf die Siegessäule
Märzkämpfe 1921, Teil V – 19. März: Polizei marschiert in Mitteldeutschland ein
Märzkämpfe 1921, Teil VI – 23. März: Tote bei Protesten in Hamburg, Aufstand in Mitteldeutschland
Märzkämpfe 1921, Teil VII – 29. März: Leuna gestürmt, Tote auch im Ruhrgebiet, in Mannheim und Karlsruhe
Übersicht über die bisherigen Postings zur Revolution in Deutschland 1918-23

Märzkämpfe 1921, Teil VII – 29. März: Leuna gestürmt, Tote auch im Ruhrgebiet, in Mannheim und Karlsruhe

March 29th, 2021

Am 29. März 1921 stürmen 21 Hundertschaften der Schutzpolizei unter Oberst Graf Poninski unterstützt von Reichswehr-Artillerie in den Morgenstunden das nur von wenigen der verbliebenen, erheblich schlechter bewaffneten Arbeitern verteidigte Leuna-Werk. Etwa 70 Arbeiter werden getötet, Hunderte in einem Stickstoffsilo eingesperrt und misshandelt (Nahrungsentzug, Spießrutenlauf), mindestens zehn Fliehende ertrinken in der Saale. Ein Befreiungsversuch endet mit weiteren Toten. Der Polizeibericht meldet einen getöteten Schupo.

Der Kommandant von Leuna, der 24jährige Peter Utzelmann alias Kempin, wie viele andere der überwiegend jungen Bewaffneten schon an den revolutionären Kämpfen der vorangegangenen Jahre beteiligt (Kiel, Volksmarinedivision), entschied trotz der geringen eigenen zahlenmäßigen Stärke nach mehreren erfolglosen nächtlichen Vorstößen auf Merseburg (Bezirkshauptstadt und mögliche Verbindung mit dem Geiseltal und dem südlichen Aufstandsbereich) das Werk zu befestigen, zog jedoch, wie die meisten der Bewaffneten im Werk, angesichts der Polizeiübermacht bereits am 28. März zur geplanten Entlastung des Mansfelder Reviers ab. Die verbliebenen Besetzer ersuchten telefonisch bei der Polizei vergeblich um eine kampflose Übergabe des Werkes – die Schupo-Einsatzleitung wollte die “Mausefalle” zuschnappen lassen.

Ebenfalls am 28. März wurden Max Hoelz’ von Schraplau und Teutschenthal kommende Rote Armee und eine Gruppe Hallenser Arbeiter, zusammen der letzte größere Kampfverband der Aufständischen, in Ammendorf zwischen Halle und Leuna nach mehreren abgewehrten Angriffen aufgerieben, die Kämpfe hatten sich nach dem Durchmarsch der Polizeiverstärkung im Mansfelder Land (siehe Teil VI) in den östlichen Teil des Mitteldeutschen Reviers verlagert, wo auch Bitterfeld noch bis 30. März in der Hand der Aufständischen ist.

Am 29. März gelingt Versprengten der Hoelz-Truppe und einigen Bitterfelder Arbeitern ein letzter Sieg über die Regierungstruppen in Gröbers, wo sie eine mit MGs und einem Minenwerfer ausgerüstete Technische Hundertschaft in die Flucht schlagen können. Im ans Aufstandsgebiet angrenzenden Sachsen wird ab 29. März, dem ersten Arbeitstag nach Ostern, vor allem in der Umgebung von Leipzig (Borna, Meuselwitz), aber auch in Oelsnitz, Schwarzenberg und Aue gestreikt, bis die Landespolizei alle Gruben besetzt. Reichswehr beginnt das aufständische Gebiet anzuriegeln, marschiert am 30. März in Sangerhausen und Aschersleben ein.

150 der aus Leuna ausgezogenen Bewaffneten erreichen das thürinigische Wiehe und dann Bachra, wo sie in der Nacht zum 31. März von 200 Schupos angegriffen werden. In einem stundenlangen erbitterten Gefecht sterben acht Arbeiter, 16 werden schwer verwundet, 60 gefangengenommen. In Halle überfällt die Schupo am Abend des 29. März die Nachrichtenzentrale in der Reilstraße und tötet die zwei Kommunisten Schneidewind und Harzdorf, die sie eingerichtet haben. In Berlin wird am 30. März der VKPD-Funktionär Wilhelm Sült aus einer Versammlung heraus verhaftet und im Polizeipräsidium am Alexanderplatz “auf der Flucht erschossen”, also ermordet. Der Polizeipräsident erlässt ein Versammlungsverbot für die Stadt.

Im Ruhrgebiet entscheidet eine von der VKPD und der syndikalistischen FAU dominierte Schachtdelegiertenkonferenz mit Vertretern von mehr als 300 Betrieben und Bergwerken am 28. März in Essen, die Streikforderungen nach Rücknahme der Überschichten, kürzeren Arbeitszeiten, höheren Löhnen, Einstellung von Arbeitslosen und Beschlagnahme leerstehenden Wohnraums um den Abzug der Schupo aus Mitteldeutschland und die “Bewaffnung des Proletariats” zu erweitern. Unmittelbar nach der Konferenz schießt die Polizei in eine Menge, die auf dem Burgplatz demonstrieren will, und tötet 18 Arbeiter, in den Auseinandersetzungen in den Nebenstraßen werden auch drei Polizisten getötet.

Während der Streikaufruf weitgehend verhallt und nur etwa 20 Prozent der Bergleute sich beteiligen, kommt es dennoch zu Kämpfen. Bewaffnete Arbeiter besetzen am 28. März Mettmann, müssen unter hohen Verlusten drei Schupo-Hundertschaften weichen. In der Nacht zum 29. März entwaffnet auch in Gevelsberg eine KAPD-Kampfgruppe die Polizei und sperrt sie ein, requiriert Geld aus Post und Bank sowie Fahrzeuge und unterbricht den Zugverkehr. Schupos aus Barmen und Hagen schlagen die Aktion nieder, töten mehr als 30 Arbeiter.

In Moers, wo VKPD und FAU relativ stark sind, ist die Streikbeteiligung hoch und einige Zechen werden besetzt. Die VKPD-Führung besteht jedoch im Sinne ihrer Eskalationsstrategie auf der Ausrufung einer “Rheinischen Republik”, belgische Truppen räumen schließlich die besetzten Schächte. Reichspräsident Ebert (SPD) verhängt am 29. März den Ausnahmezustand über die Bezirke Düsseldorf, Arnsberg und Münster, das Ruhrecho wird verboten, die übrige kommunistische Presse unter Vorzensur gestellt.

Am 29. März finden in Karlsruhe und Mannheim VKPD-Demos gegen den Schupo-Einsatz in Mitteldeutschland statt. Die Schupo feuert in die Menge, tötet in Mannheim fünf, in Karlsruhe zwei der Demonstrierenden, es kommt zu zahlreichen Verhaftungen und Misshandlungen. Weitere Proteste und Streiks gibt es u.a. in Stuttgart, Frankfurt am Main und Hanau.

Zum Terror aus Erschießungen und Misshandlungen treten ab 29. März die seit Monaten vorbereiteten Sondergerichte hinzu, um die es im letzten Teil dieser Reihe über das Ende und direkte Nachspiel der Kämpfe gehen wird.

Oben; Panzerzug der Leuna-Arbeiter nach der Eroberung des Werkes durch die Schupo, unten: von der Schupo in Leuna erschossene Arbeiter –
Näheres zu beiden Fotos und ihrer Deutungsgeschichte erläutert Tobias Kühnel-Koschmieder vom Stadtmuseum Halle hier (ab 32:40)

Märzkämpfe 1921, Teil I – 20. Februar: Kommunistischer Wahlerfolg in Mitteldeutschland
Märzkämpfe 1921, Teil II – 24. Februar: VKPD-Führung legt Ämter nieder
Märzkämpfe 1921, Teil III – 1. März: Kriminalisierung von Armut und Widerstand
Märzkämpfe 1921, Teil IV – 13. März: Vereitelter Anschlag auf die Siegessäule
Märzkämpfe 1921, Teil V – 19. März: Polizei marschiert in Mitteldeutschland ein
Märzkämpfe 1921, Teil VI – 23. März: Tote bei Protesten in Hamburg, Aufstand in Mitteldeutschland
Übersicht über die bisherigen Postings zur Revolution in Deutschland 1918-23

Märzkämpfe 1921, Teil VI – 23. März: Tote bei Protesten in Hamburg, Aufstand in Mitteldeutschland

March 23rd, 2021

Am 23. März 1921 kommen in Hamburg bei Erwerbslosenprotesten mindestens 20 Menschen ums Leben. Die Proteste sind Teil der kommunistischen Märzaktion, die am Morgen die Besetzung der Werften Vulcan und Blohm&Voss, die Forderung nach Einstellung von Erwerbslosen und Umsetzung des “Offenen Briefs” (siehe Teil I) sowie am Nachmittag eine Kundgebung von 15-20.000 Menschen um das Heiligengeistfeld umfasst.

Die geplante Besetzung des Rathauses und Entwaffnungsaktionen gegen Polizeiwachen werden von der neuen VKPD-Parteiführung (siehe Teil II) im Sinne ihrer Provokationstaktik in letzter Minute gestoppt, obwohl gerade die Waffenfrage in Hamburg zum Kern der Mobilisierung “gegen die Rüstungen der Gegenrevolution” gehört, was nun aber zur Farce wird. Die kommunistische Abgeordnete Ketty Guttmann ruft auf der Belegschaftsversammlung bei Blohm&Voss aus: “Die ganze Welt sieht auf Hamburg! Wenn Hamburg brennt, brennt die Welt! Ihr seid die Herren der Welt, wenn ihr nur wollt… Wer die Waffen hat, hat die Macht, und wer hat die Waffen? Die Sicherheitsmannschaften! Wenn sie euch entgegentreten, nehmt ihnen die Waffen weg, dann habt ihr die Macht.”

Die Polizei errichtet Straßensperren und Stacheldrahtverhaue mit MG, patroulliert mit Panzerwagen. Ab 16 Uhr wird für Hamburg der Ausnahmezustand erklärt, es soll “rücksichtslos von der Waffe Gebrauch” gemacht werden. Sofort gibt es vier Tote am Elbtunnel, wo 2.000 Vulcan-Arbeiter durch eine Polizeisperre zur Kundgebung gelangen wollen. Die Polizei wird um die Werften zusammengezogen, diese werden mit wenig Widerstand verlassen.

Am Millerntor wird der Platz mit Maschinengewehrfeuer geräumt, es gibt 15 Tote. Aus der Menge wird vereinzelt zurückgeschossen, auch ein Polizist stirbt. Als um 17 Uhr eine Erwerbslosendemo am Heiligengeistfeld eintrifft, sich weigert zu gehen und sogar versucht, die Polizei zu entwaffnen, nimmt diese vorm Justizgebäude in zwei Schützenreihen Aufstellung und feuert in die Menge. Am Abend beginnen umfangreiche Verhaftungen, die Werftleitungen beantworten die Streiks und Besetzungen mit Aussperrung. Insgesamt sind etwa 2.000 Werftarbeiter im Ausstand, die Unruhen sind die heftigsten in Hamburg seit Ostern 1919. Obwohl es wegen der Kriminalisierung der Proteste und ihrer teils absurden Führung zu keiner Solidarisierungswelle kommt, im Gegenteil viele Arbeiter sich gegen die Kommunisten stellen, besteht die Zentrale auf “Steigerung” und will in Verkennung der Gesamtlage die Hamburger Ereignisse als zweiten Grund für den Aufruf zum reichsweiten Generalstreik nutzen.

Der wichtigste Grund bleibt jedoch die Lage in Mitteldeutschland. In der Nacht zum 23. März trieben bewaffnete Arbeiter in Eisleben die Schutzpolizei in ihre Unterkünfte zurück, nun greift die von Max Hoelz aufgestellte Kampftruppe an, stellt die Schupos am Otto-Schacht in einem Hinterhalt und kann vier von ihnen töten. Aktionsausschüsse in mehreren benachbarten Orten stellen Kampftrupps auf und schicken sie zu Hoelz, es gibt ein zeitweiliges lokales Übergewicht über die Schupo. Durch Sprengungen wird die Bergwerksbahn unterbrochen um den Einsatz von Streikbrechern zu verhindern, Schachtbesetzungen verleihen dem Streik Nachdruck. Arbeiter holen ihre versteckten Waffen und schließen sich den Kampfverbänden an. Der bewaffnete Aufstand hat begonnen.

Hoelz’ Truppe entwaffnet in Mansfeld Schupo und Landjäger, befreit Gefangene, beschlagnahmt im Landratsamt und in der Spar- und Kreditanstalt 20.000 Mark und Militärgewehre. Die eintreffende Polizeiverstärkung läuft ins Leere, trifft bei Rückkehr nach Hettstedt auf Widerstand Hunderter auf dem Marktplatz. Jetzt will Hoelz die Schupo in Eisleben aus ihren Unterkünften locken und dann vertreiben, greift zu Brandstiftung und Sachbeschädigungen. Die Schupo verschanzt sich, wird von Arbeitern eingekreist.

Die Polizei zieht nun ihre Truppen zusammen und holt zum großen Schlag aus. Der Hauptorganisator der Polizeioffensive, der Oberpräsident der preußischen Provinz Sachsen Otto Hörsing (SPD), lehnt die angebotene Vermittlung durch die Thüringer Landesregierung ab, der Belagerungszustand für den Regierungsbezirk Merseburg wird ausgerufen. Reichspräsident Ebert (auch SPD) bereitet Reichswehreinsatz vor, was Hörsing und der preußische Innenminister Severing (ebenfalls SPD) für falsch halten, weil dann ihr Kalkül, die Aufständischen zu kriminalisieren und zu isolieren (siehe Teil III), nicht mehr aufgehen würde und mit erheblich mehr Widerstand zu rechnen wäre. Am 24. März erklärt Ebert schließlich den zivilen und nicht den militärischen Ausnahmezustand für die preußische Provinz Sachsen und Groß-Hamburg, greift dazu einmal mehr auf Artikel 48 der Reichsverfassung zurück. Hörsing verbietet zudem Versammlungen und die kommunistische Presse.

Die VKPD ruft vor Ort in vergleichweise besonnenem Ton zum Generalstreik für den ganzen Bezirk auf, die Parteizentrale jedoch für ganz Deutschland, was unrealistisch ist, zumal das arbeitsfreie Ostern beginnt – sie will nun jedoch den ganz großen Aufstand lancieren. Der Streikaufruf im Bezirk ist relativ erfolgreich, erfasst ihn jedoch nicht vollständig.

Leuna stellt am 24. März bewaffnete Formationen auf. Sie bekommen Waffen aus Leipzig, sind aber insgesamt schlecht ausgerüstet, haben nur etwa 200 Gewehre und versuchen sich mit selbstgebauten Sprengkörpern zu behelfen. Sie heben Schützengräben aus, positionieren MG und stellen sogar einen eigenen Panzerzug aus einer Lokomotive und zwei Waggons her, mit Schießscharten und mehreren MGs, ummantelt mit 15 Millimeter dicken Stahlplatten. Von den 20.000 Arbeitskräften sind nur etwa 2.000 im Werk geblieben, 800 melden sich zum Kampf.

Bei Erdeborn und Stedten werden nach Eisleben marschierende Polizeitruppen gewaltsam aufgehalten. Fünf Schupo-Hundertschaften greifen das von Arbeitern besetzte Helfta an, das erst nach erbitterten Kämpfen erobert wird, 11 Arbeiter und 4 Schupos werden getötet.

Die Arbeiter müssen sich aus Eisleben in die Umgebung zurückziehen. In Hettstedt sind nun trotz Widerstand vier Polizei-Hundertschaften. Hoelz’ Truppe greift sie nachts an, sprengt Bahnhof, Bank und weitere Gebäude, zieht sich dann in ihr Hauptquartier nach Helbra zurück. Noch am 25. März behaupten sich die Arbeiter in den Kämpfen um Hettstedt, während in der Stadt 50 Verdächtige verhaftet werden.

Doch das Eintreffen weiterer Truppen mit Artillerie und Minenwerfern unter Polizeioberst Graf Poninski, der schon im Jahr zuvor an der Niederschlagung der Roten Ruhr beteiligt war, kippt das Kräfteverhältnis so deutlich, dass eine Abordnung von Arbeitern und einem Redakteur der Mansfelder Volkszeitung Polizeimajor Foltes Bedingungen akzeptiert, den Kampf einzustellen. Hörsing ist jedoch gegen die in Aussicht gestellte Straffreiheit und für “äußerste Strenge”, ebenso plädiert Severing gegen Verhandlungen und für Fortsetzung der Polizeiaktion. In zahlreichen Eingaben drängen zudem Arbeitgeberverbände, Konservative und Konterrevolutionäre auf Durchgreifen, die Presse ergeht sich in Hetze gegen “lichtscheues Gesindel” (Berliner Tageblatt) und “die unverkennbar slawischen Gesichter” der Aufständischen (Hallische Zeitung).

Hoelz’ mobile Kampfgruppe mit ihren Lastwagen und Pferdegespannen, durch einerseits Streik und andererseits beginnende Verhaftungen nunmehr auf etwa 1.500 Mann angewachsen, greift am 25. März abends erneut Hettstedt an, überrennt die Schupo, zieht dann aber nach Sangerhausen ab um sich zu sammeln und nach Halle durchzustoßen, wo schwere Waffen beschafft werden sollen. Auch in Sangerhausen und Umgebung haben sich Aktionsausschüsse gebildet und bewaffnete Trupps aufgestellt. Mit ihnen besetzt Hoelz’ Truppe am 26. März die Stadt, kann einem eintreffenden Panzerzug stundenlang Widerstand leisten, muss aber schließlich nach Schraplau abziehen.

Währenddessen trifft Poninski auf heftigen Widerstand und Folte ist zunächst außerstande zu helfen. Erst am 27. vereinigen sich die Polizeitruppen und gehen nun so vor, wie sie es im Weltkrieg und seither taten: “die Aufständischen werden eingekesselt, mit gezieltem Artilleriefeuer zusammengeschossen und dann aufgerollt” (Langer). Parallel beginnen im großen Stil Verhaftungen und Erschießungen. Doch ist der Aufstand nicht vorüber: In Querfurt ist ab 26. März Generalstreik, Arbeiterpatrouillen kontrollieren die Stadt bis 28. März. Nachdem Nebra am 23. März von der Schupo geräumt wird, ist die Umgebung bis 1. April Sammelgebiet. Das Geiseltal ist ab 24./25.März in Arbeiterhand, ein Schupovorstoß scheitert.

Am 25. März nehmen in Halle trotz Ausnahmezustand etwa 10.000 Menschen an einer Kundgebung für die Märzgefallenen teil, nach der ein großer Teil der kampfbereiten Arbeiter in Richtung Leuna abzieht und den Streik in Halle damit entscheidend schwächt. Am folgenden Tag werden Anschläge auf zwei Hallenser Zeitungen verübt, die besonders scharf gegen Streik und Aufstand Stimmung gemacht haben. Doch Terror und Bandenkampf verprellen viele, nicht zuletzt weil das SPD-Framing der “Verbrechensbekämpfung” und die Generalstabs-Anweisungen aus der VKPD-Parteizentrale zusammenwirken und die Aufständischen isolieren. In der Region teilen auch SPD, USPD und Gewerkschaften die “Befürchtungen der Arbeiterschaft gegenüber der Überschwemmung mit Polizei”, wie sie gegenüber Hörsing erklären, sanktionieren aber nach dessen Zusicherung, es werde sich auf die Verfolgung von Kriminalität beschränkt, schließlich den Polizeieinsatz.

Auch im kommunistischen Lager ist die Unterstützung mager. Guralskis Versuch auf einem überregionalen Treffen von VKPDlern und KAPDlern in Dresden den großen Aufstand zu beschließen findet wenig Widerhall. Dennoch kommt es am 26. März zum Generalstreik in Gotha, Suhl und Zella-Mehlis in Thüringen, wo auch Verhaftungen verhindert werden können. Am 25. März demonstrieren Zehntausende in Essen, es finden im Ruhrgebiet weitere Solidaritäts-Aktionen statt, und am Ostersamstag, dem 26. März, wird in zahlreichen Werken gestreikt, darunter den Metallbetrieben von Remscheid und den Zechen in Gelsenkirchen. Die blutige Eskalation steht im Ruhrgebiet, anders als in Hamburg und Mitteldeutschland, noch bevor.

Max Hoelz mit kämpfenden Arbeitern im Mansfelder Land; kommunistischer Aufruf zur Kundgebung auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg; Erklärung des Belagerungszustands in der Eisleber Zeitung.

Märzkämpfe 1921, Teil I – 20. Februar: Kommunistischer Wahlerfolg in Mitteldeutschland
Märzkämpfe 1921, Teil II – 24. Februar: VKPD-Führung legt Ämter nieder
Märzkämpfe 1921, Teil III – 1. März: Kriminalisierung von Armut und Widerstand
Märzkämpfe 1921, Teil IV – 13. März: Vereitelter Anschlag auf die Siegessäule
Märzkämpfe 1921, Teil V – 19. März: Polizei marschiert in Mitteldeutschland ein
Übersicht über die bisherigen Postings zur Revolution in Deutschland 1918-23

Märzkämpfe Teil V – 19. März: Polizei marschiert in Mitteldeutschland ein

March 19th, 2021

Am Samstag, dem 19. März 1921, marschieren mehrere Hundertschaften der Schutzpolizei mit Maschinengewehren, Panzerwagen und acht Tagen Verpflegung in die kommunistischen Hochburgen im Mansfelder Land und um Leuna ein. Schon vorm Weltkrieg sind Polizeitruppen im Oktober 1909 ins Mansfelder Revier eingerückt um Streiks und Aufruhr zu unterbinden, seit den in der Region heftigen Kämpfen im März 1920 (“Schlacht um Halle”) ist das Gebiet nicht zur Ruhe gekommen.

Um nun den Vorwand der Kriminalitätsbekämpfung (siehe Teil III) aufrechtzuerhalten sollen die Truppen das Gebiet zunächst besetzen und durch Patrouillen Präsenz zeigen um bewaffnete Arbeiter zu Angriffen zu provozieren und sie so entwaffnen zu können. Erst nach Einsetzen des erwarteten Generalstreiks zu Wochenbeginn soll in die Offensive gegangen werden. Der im westlichen Teil der Aktion (“Kohlensache”) kommandierende Polizeimajor Folte ordnet in Hettstedt die Absetzung des USPD-Bürgermeisters Rosenberg an, der dagegen protestiert, wie in Eisleben die Truppen in Schulen unterzubringen. Im östlichen Operationsgebiet (“Frühjahrsreise”) werden Schafstedt, Teutschenthal, Ammendorf und Merseburg, am 21. März Mücheln, Laucha und Nebra besetzt, am 22. schließlich Schraplau. Befehlshaber Polizeimajor Fendel-Sartorius quartiert sich im Merseburger Schloss ein. Bis zum 21. März kommt Verstärkung aus Berlin dazu, insgesamt sind mehr als 1000 Polizisten im Einsatz.

Am 18. März folgt die kommunistische Mansfelder Volkszeitung der allgemeinen Stimmung unter den Arbeitern der Region und ruft als Antwort auf den bevorstehenden Polizeieinmarsch zu Streik und Besonnenheit auf. Die Bezirksausschuss-Sitzung der VKPD in Halle beschließt nun am 19. März erst mit dem weitergefasstem Kalkül der neuen Parteiführung, Mitteldeutschland als Reserve für den großen Aufstand zurückzuhalten, gleichzeitig Terror zur “Steigerung” der revolutionären Stimmung einzusetzen, dann bricht dort wegen der Nachricht vom Einmarsch Euphorie aus und es wird mit Betriebsbesetzungen durch die Polizei gerechnet. Während die VKPD-Bezirksleitung vor “übereilten Schritten” warnt und “Eigenmächtigkeiten” der illegalen Parteiorganisation MP (Militärpolitischer Apparat) vorbeugen will, rechnet diese mit größeren Reserven an Waffen und Kampfbereitschaft in Mitteldeutschland. Die Oberkampfleitung in Leipzig (Guralski) will mit dem MP einen rein militärisch geplanten Aufstand durchführen, es bedürfe “künstlicher Mittel”. An die KPD in Chemnitz werden generalstandsmäßige Anweisungen gesendet. Auch der Abgesandte der Parteizentrale Hugo Eberlein will die MP nutzen, für fingierte Entführungen und False-flag-Anschläge.

Die SPD-Presse dreht ab 20. März voll auf und schreibt etwa in Anspielung auf die Kapp-Putschtruppen: “Wie einst die Marburger Mordjünglinge johlten: ‘Die Anatomie braucht Leichen’, so gilt jetzt bei der VKPD die Losung: ‘Moskau braucht Leichen, damit wir neuen Agitationsstoff haben.'”

Im Operationsgebiet der Polizei selbst treffen die Truppen auf Ablehnung. Geschäfte schließen oder weigern sich an die Schupos zu verkaufen, Gaststätten schenken ihnen nicht aus. Der Großteil der Bevölkerung bis hinauf zu vielen Bürgermeistern verlangt den sofortigen Abzug der Polizei. Der Kreistag des Mansfelder Gebirgskreises protestiert am 19. März gegen den Einmarsch und fordert, statt der Arbeiter die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen.

In der Samstagnacht vom 19. auf den 20. März wählt bei Eisleben eine geheime VKPD-Parteikonferenz mit 200 Funktionären, Betriebsräten und Gewerkschaftsvertretern einen Aktionsausschuss und beschließt für Montag den 21. März den Streik für den Unterbezirk. Der Aufruf wird in der Mansfelder Volkszeitung veröffentlicht, die Schupo beschlagnahmt 4200 Exemplare, der Aufruf verbreitet sich trotzdem und wird befolgt. Trotz unternehmensseitiger Drohung mit Entlassung bei mehr als 3 Tagen Beteiligung am Streik weitet sich dieser aus. Am 22. März sind zwei Drittel der Arbeitskräfte, darunter auch viele Landarbeiter, im Operationsgebiet der Polizei im Streik, das Erscheinen der MVZ wird unterbunden.

Auch Leuna streikt ab 21. März, 12000 Arbeitskräfte beteiligen sich an einer Protestversammlung, ein Aktionsausschuss wird gewählt, Forderungen werden aufgestellt: Abzug der Polizei, Entwaffnung der konterrevolutionären Truppen, Bewaffnung der Arbeiter, Streik bei Werksbesetzung. Hier ist die KAPD besonders stark, ihre Versammlung am 18. März mobilisiert schon 4-5000 Teilnehmer. Ihr bekanntester Vertreter Max Hoelz, der für den weiteren Verlauf der Ereignisse noch wichtig wird, aber erst in der Nacht vom 21. auf den 22. März aus Berlin eintrifft, hat bereits 1919 in Leuna agitiert.

Gleich am 19. ist jedoch Karl Plättner vor Ort, der andere bekannte KAPD-Kopf, dessen Leben soviel Revolutions- und Regionalgeschichte enthält, dass es hier zumindest kurz umrissen sei. Plättner wird als Jugendlicher im Eisenhüttenwerk Thale sozialistisch politisiert, im Ersten Weltkrieg als “Seele der radikalen Jugendbewegung” (Hamburger Polizeipräsident Stürken) inhaftiert, seine auf den 20. November 1918 angesetzte Hauptverhandlung fällt wegen der Revolution aus. Ende November wieder in Thale kann er nicht verhindern, dass Arbeiter ihre Waffen abgeben.

Er ist bei der Gründung der KPD zum Jahreswechsel anwesend, beteiligt sich im Januar 1919 aktionistisch und übereifrig an der Bremer Räterepublik, lebt hinterher wieder in der Illegalität, ist im März bei den Kämpfen in Berlin, danach Wanderredner in Mitteldeutschland, schreibt lyrisch-pathetische Erklärungen gegen Gewerkschaften und Parlament, für Räteherrschaft, die “sofortige Bewaffnung des Proletariats”, die Zerschlagung der “Polizei der schwarz-weiß-roten Reaktion”, für die Sozialisierung der Produktionsmittel und des Grundbesitzes, führt Mitte April nach einem Vortrag in Aschersleben einen lokalen Putschversuch an, wird im September in Halle verhaftet und kann im Dezember fliehen.

Plättner gründet 1920 die KAPD mit, viele KPDler in Magdeburg und Halle folgen ihm. Er ist innerhalb der Partei gegen syndikalistiche, nationalbolschewistische und antisowjetische Fraktionen. Die KAPD ist zwar wie die VKPD vom Polizeieinmarsch überrascht, aber besser vorbereitet, Plättner eilt sofort am 19. März von Leipzig nach Halle um eine Versammlung der KAPD zum bewaffneten Aufstand aufzurufen, ist in Hettstedt vom Tempo der Mobilisierung ernüchtert, agitiert für den Streik, Entwaffnung der Schupo und Übernahme der Betriebe, will die Schupo notfalls reizen um “den Stein ins Rollen zu bringen”.

Ein Flugblatt der KAPD und ihrer Betriebsorganisation AAU verlangt Anfang der Woche unverzüglich Generalstreik in Mitteldeutschland und die Ersetzung aller Betriebsräte durch Aktionsausschüsse. Die VKPD (Oelßner) geht auf Distanz, es gibt Stimmen für Abbruch der Aktion, die Mittel scheinen für die Ziele nicht zu genügen, doch Eberlein beharrt im Auftrag der Parteizentrale auf Fortführung, “Steigerung”. Am 21.März wird eine kommunistische Nachrichtenstelle in der Reilstraße 84 in Halle eingerichtet, die militärische Oberleitung sitzt um die Ecke in der Körnerstraße 32. Am 22. März spricht Max Hoelz vor Tausenden in Eisleben und beginnt sofort Kämpfer anzuwerben.

Trotz relativ schwacher KPD-Kundgebungen in Hamburg am 6. und 15. März sind etwa Thälmann und Urbahns für das “Offensivkonzept” der neuen Parteiführung. Die Vorbereitungen der Märzaktion beginnen im Hamburg am 19.3. nach einer Zentralausschuss-Sitzung, Hamburger Volkszeitung und Rote Fahne rufen auf, der Vorstand des Ortsvereins beschließt für den 23. März eine Kundgebung auf dem Heiligengeistfeld sowie Aktionen um für Erwerbslose Einstellung in den Werften zu erzwingen.

Arbeitslose gelten im “Offensivkonzept” als “besonders revolutionär” und werden als Provokationsmasse gesehen. Am 20.März stimmt der kommunistisch dominierte Arbeitslosenrat den Aktionen zu, ohne jedoch über den Gesamtplan im Bilde zu sein. Eine geheime VKPD-Sitzung am 21. März abends hofft auf mindestens 9000 Erwerbslose zum “Vorschieben”, Belegschaftsversammlungen auf den Werften fordern die Einstellung der Arbeitslosen. Die Gewerkschaft mauert, die SPD spottet am 19. März im Hamburger Echo, warnt am 21. und wendet sich am 22. dann offen gegen die kommunistischen Vorhaben.

Im Ruhrgebiet herrscht seit dem 11. März Empörung über die zentrale Entscheidung, statt der lange geforderten kürzeren Schichten nun mehrere Überstunden pro Woche schieben zu müssen. Die KPD in Rheinland-Westfalen hat am 21. und 22. März noch keine Ambitionen, in diesen sich noch entfaltenden Konflikt die Forderung nach Unterstützung für Mitteldeutschland hineinzutragen. Das wird sich innerhalb von wenigen Tagen ändern.


Karl Plättner wurde auch durch das Ende des Zweiten Weltkriegs befreit, nach Mauthausen, Buchenwald und Auschwitz nun aus dem KZ Ebensee im Salzkammergut. Einen guten Überblick über sein Leben gibt die Biographie “Der ruhelose Rebell” von Volker Ullrich.

Am Sonntag (21. März) wird das Denkmal für die Märzgefallenen in Schraplau nach aufwendiger Instandsetzung wieder eröffnet.


Märzkämpfe 1921, Teil I – 20. Februar, Kommunistischer Wahlerfolg in Mitteldeutschland
Märzkämpfe 1921, Teil II – 24. Februar, VKPD-Führung legt Ämter nieder
Märzkämpfe 1921, Teil III – 1. März: Kriminalisierung von Armut und Widerstand
Märzkämpfe 1921, Teil IV – 13. März, Vereitelter Anschlag auf die Siegessäule
Übersicht über die bisherigen Postings zur Revolution in Deutschland 1918-23

Märzkämpfe 1921, Teil IV – 13. März: Vereitelter Anschlag auf die Siegessäule

March 13th, 2021

Am 13. März 1921 wird im Inneren der Siegessäule in Berlin ein Pappkarton mit sechs Kilogramm Dynamit und Pitrin der Anhaltischen Sprengwerke, eingeschlagen in eine Hettstedter Zeitung, entdeckt. Auch wenn schnell Angehörige der außerparlamentarischen KPD-Abspaltung KAPD als diejenigen ausgemacht sind, die die Bombe deponierten, und sie schon wenige Tage später verhaftet werden, intensiviert der Fund die Vorbereitungen für die seit Wochen geplante Polizeiaktion, die sich gegen die VKPD-Hochburg und den Arbeiterwiderstand in Mitteldeutschland richtet und in der Woche vor den arbeitsfreien Osterfeiertagen starten soll.

Schon tags zuvor verlangt Leuna-Direktor Oster offiziell vom Merseburger Regierungspräsidenten staatlichen Schutz und warnt die BASF-Zentrale vor einer möglichen Besetzung und Stillegung der Leuna-Werke. Nun am 13. März konkretisiert der Oberpräsident der preußischen Provinz Sachsen Otto Hörsing (SPD) nach einem Treffen mit Oster in Magdeburg das Vorgehen der Staatsgewalt, zum Angriff gegen das Mansfelder Revier um Eisleben und Hettstedt unter der Bezeichnung Kohlensache kommt jetzt ein zweiter Schlag gegen Leuna und das Geiseltal, die Frühjahrsreise.

Die schwerbewaffneten Polizeitruppen werden bereitgestellt, am 14. März auf einer Konferenz in Merseburg die begleitende Öffentlichkeitskampagne endgültig beschlossen. Deren Kernstück bildet ein Aufruf Hörsings, der die angeblich eskalierende Kriminalität in der Region ins Zentrum stellt. Am 15. März wird der Aufruf an die Provinzpresse und die Landräte ausgegeben, am 16. und 17. März veröffentlichen ihn die regionale und teilweise auch die überregionale Presse.

In Hamburg verpflichten sich am 14. März KAPD und VKPD zur Bildung gemeinsamer Aktionsausschüsse für den Fall gegen Ende des Monats anvisierter revolutionärer Aktionen. Die neue VKPD-Führung, die die gewachsene Stärke der Partei für eine militante Offensive nutzen will, nähert sich vorübergehend wieder der KAPD an, die aus den Erfahrungen der zurückliegenden Jahre die Fähigkeit zum bewaffneten Kampf betont.

Gerade im März 1920 hatten der reichsweite Generalstreik und die militanten Aktionen zur Entwaffnung der konterrevolutionären Putschtruppen vielerorts zusammengewirkt, was aus Sicht der unmittelbar danach von enttäuschten KPDlern gegründeten KAPD seither durch die stärker parlamentarische Orientierung der KPD immer weniger möglich schien. Die KAPD ist entsprechend dort stark, wo die Arbeiter teilweise noch bewaffnet sind oder wo sie wieder bewaffnet kämpfen wollen. In der KAPD sammeln sich außerdem Kräfte, die gegen die sowjetische Linie von Zentralisierung und Parteiherrschaft weiter auf Räte-Selbstorganisation setzen. Dennoch ist die KAPD zusätzliches Mitglied der Kommunistischen Internationale (Komintern).

Von der öffentlichen Ankündigung des Polizei-Einmarsches werden jedoch KAPD wie VKPD überrascht und sehen sich zu überstürzten Gegenmaßnahmen gezwungen. Komintern-Gesandter Béla Kun, der seit Anfang März in Berlin für revolutionäre Aktion wirbt, ruft zur schnellstmöglichen Bewaffnung auf: „Ein jeder Arbeiter pfeift auf das Gesetz und erwirbt sich eine Waffe, wo er sie findet.“

Ausschnitt des Gemäldes “Siegesallee mit Siegessäule”, Lesser Ury 1925

Märzkämpfe 1921, Teil I – 20. Februar, Kommunistischer Wahlerfolg in Mitteldeutschland
Märzkämpfe 1921, Teil II – 24. Februar, VKPD-Führung legt Ämter nieder
Märzkämpfe 1921, Teil III – 1. März: Kriminalisierung von Armut und Widerstand
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Märzkämpfe 1921, Teil III – 1. März: Kriminalisierung von Armut und Widerstand

March 1st, 2021

Am 1. März 1921 geben die Direktionen der Leuna-Werke und des Mansfeld-Konzerns bekannt, dass die Mitnahme von Holz und Abfällen aus den Betrieben, Gruben und Baustellen ab sofort unter Strafe steht. Am selben Tag wird das auslaufende “Gesetz zur Entwaffnung der Bevölkerung” vom 7. August 1920, das vor allem Arbeiter zur Waffenabgabe bewegen sollte, praktisch aber ein Vielfaches an teils auch schweren Waffen (weitgehend straffrei) bei konterrevolutionären Verbänden erfasst, bis zum 1. Juli verlängert.

Beide Maßnahmen gehören zum Vorlauf einer seit Jahreswechsel vorbereiteten Polizeioffensive gegen Arbeiterwiderstand in Mitteldeutschland. Während erstere Maßnahme sofort Empörung und Handgreiflichkeiten bei Kontrollen an den Werkstoren und Bahnhöfen auslöst, die starke Leuna-Sektion der KAPD-Betriebsorganisation AAU gemeinsame Mitnahmen anstiftet und es zu Entlassungen kommt, hat die zweite Maßnahme keine unmittelbare Wirkung – was genau die beabsichtigte Wirkung ist. Polizeiführung und Innenministerien gehen davon aus, dass immer noch Bewaffnete ihre Waffen nicht freiwillig abgeben werden, was der Staatsgewalt die Möglichkeit gibt, sie in Kämpfe zu verwickeln und so gleichzeitig zu entwaffnen und ihren Widerstand zu brechen.

Seit Sommer 1920 versuchen die Unternehmensführungen im Mitteldeutschen Industrie- und Bergbaurevier, allen voran der Deutsche Braunkohlen-Industrie-Verein, durch Aussperrungen der wachsenden Streikbereitschaft zu begegnen, seit Ende 1920 häufen sich ihre Forderungen an Regierung und Verwaltung, mit verstärkter Polizeiaktivität und notfalls Streikverboten nachzuhelfen: am 14. Dezember 1920 verlangt das der Hallesche Bergwerkverein, am 21. Dezember der Bergbauliche Verein Bitterfeld, am 21. Januar 1921 die Landwirtschaftskammer, am 4. Februar der Oberbürgermeister von Eisleben im Sinne des Mansfeld-Konzerns und am 7. Februar das Leuna-Direktorium. Gemeinsames Ziel ist, den in der Revolution erkämpften Achtstundentag rückgängig zu machen bzw. seine Durchsetzung zu verhindern sowie betriebliche Mitbestimmung (wieder) loszuwerden. Löhne sollen trotz steigender Preise eingefroren werden, Prämiensysteme die Arbeitsintensität erhöhen.

Anfangs soll nach den Plänen des preußischen Inneministers Carl Severing und des Oberpräsidenten der preußischen Provinz Sachsen Otto Hörsing (beide SPD) die Schutzpolizei überraschend eine begrenzte Aktion in Eisleben starten und von dort aus nach und nach die Region durchkämmen. Nach dem Wahlerfolg der VKPD im Februar beschließt am 28. Februar eine Konferenz in Magdeburg stattdessen für den 19. März eine Großoffensive mit Dutzenden Hundertschaften in der gesamten Region, begleitet von Bekanntmachungen und Pressemitteilungen, die durch Verweis auf angeblich außer Kontrolle geratene Kriminalität und Zehntausende bewaffnete Kommunisten die Arbeiter vor Ort und reichsweit spalten sollen, die anvisierten Strukturen isolieren.

Real ist die Kriminalität in der Region kaum gestiegen und auf ähnlichem Niveau wie in anderen Teilen des Reiches, gemeldet und von Landjägern und Grubenpolizei verfolgt werden hauptsächlich armutstypische Bagatelldelikte wie im Falle des Mansfeld-Konzerns etwa der Diebstahl von Vorhängeschlössern, Brettern, Leisten, Hackenstielen, Schaufeln, Pinseln und ähnlichem, auch ist die Zahl der Waffen in Arbeiterhand viel geringer als behauptet – allerdings auch viel geringer als von kommunistischer Seite erhofft. Das Aufbauschen von Diebstählen um Vorwand für Repression zu schaffen, ist aus der Landwirtschaft seit 1920 gut bekannt (und ist bis heute ein Mittel für forcierte Entlassungen geblieben). Major Folte, der die Schupoaktion in Eisleben und Hettstedt leitet, gibt hinterher zu Protokoll, worauf sein Einsatz gerichtet ist: “Mir ist von der Meldestelle des Oberpräsidiums nur ein Verzeichnis von denjenigen Leuten gegeben worden, die als kommunistische Führer in Frage kamen”.

Zum Kalkül der Polizeioffensive gehört auch, die Reichswehr nicht hinzuzuziehen, einerseits um akut eine Wiederholung der revolutionären Aktionseinheit vom März 1920 zu verhindern, andererseits aber auch um perspektivisch die Aufstandsbekämpfung durch die Polizei zu etablieren und die Reichswehr für den Aufbau ihrer militärischen Schlagkraft freizumachen. Die Schutzpolizei verfügt für ihre Aufgaben laut Reichsinnenministerium pro Beamtem über eine “blanke Waffe, Pistole, Handgranate”, auf je drei Beamte über ein Gewehr, auf 20 Beamte über eine Maschinenpistole und auf je 1000 Beamte über einen Panzerwagen mit zwei schweren Maschinengewehren.

Das Bestreben der neuen VKPD-Führung im Frühjahr eine revolutionäre Offensive zu starten fällt nun mit den Plänen der Staatsgewalt für einen vernichtenden Schlag gegen die revolutionären Kräfte zusammen, und beides überschattet die wachsende Unzufriedenheit, Streik- und Protestbereitschaft über Mitteldeutschland hinaus. Während die Staatsgewalt sich von der wachsenden organisatorischen und parlamentarischen Stärke der Kommunisten zu raschem und umfassendem Vorgehen angetrieben sieht, werden diese zusätzlich von der Lage in Sowjetrussland zum Handeln gedrängt: nach heftigen Streiks und Protesten, die in die Verhängung des Ausnahmezustands über Petrograd mündeten, beginnt am 1. März 1921 der Matrosenaufstand von Kronstadt gegen die Parteiherrschaft der Bolschewiki.

Daimler DZVR 21 Schupo Sonderwagen,
die Anfang der 1920er Jahre zur Aufstandsbekämpfung eingesetzt wurden

Zitate aus/nach: Stefan Weber “Ein kommunistischer Putsch?” (Berlin 1991)


Märzkämpfe 1921, Teil I – 20. Februar, Kommunistischer Wahlerfolg in Mitteldeutschland

Märzkämpfe 1921, Teil II – 24. Februar, VKPD-Führung legt Ämter nieder

Übersicht über die bisherigen Postings zur Revolution in Deutschland 1918-23

Märzkämpfe 1921, Teil II – 24. Februar: VKPD-Parteiführung legt Ämter nieder

February 24th, 2021

Am 24. Februar 1921 legen die beiden Vorsitzenden der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands Paul Levi und Ernst Däumig, und mit ihnen drei weitere Mitglieder des Parteizentrale, Clara Zetkin, Adolph Hoffmann und Otto Brass, ihre Ämter nieder. Direkter Anlass ist eine Sitzung des Zentralausschusses der Partei, in welcher sie eine richtungsentscheidende Abstimmung verlieren. Sie wollen – anders als die von den Bolschewiki dominierte Kommunistische Internationale (Komintern) und ein Teil der VKPD – die Sozialistische Partei Italiens in der Komintern behalten und nicht stattdessen ihre kommunistische Abspaltung aufnehmen; ebenso sind sie gegen die Aufnahme der anti-parlamentarischen KPD-Abspaltung KAPD, worin sie ein ähnliches Manöver erblicken, für ein in ihren Augen abenteuerliches Vorgehen notfalls zwei der wichtigsten Massenparteien zu spalten. Außerdem soll die Komintern leicht umorganisiert werden, um ihr in Moskau sitzendes Exekutivkomittee (EKKI) stärker an die Entwicklungen vor Ort in (West-)Europa anzubinden.

Während die Positionen zur KAPD und zur Umorganisation der Komintern im Zentralausschuss “stabile Mehrheiten” finden, verliert die Parteiführung in der Abstimmung zu Italien und tritt zurück, “in der Hoffnung, schon nach kurzer Zeit wieder an die Parteispitze zurückgerufen zu werden, wenn die neue … Parteiführung ihre Unfähigkeit bewiesen und damit auch das EKKI erkannt haben würde, daß es in Deutschland auf die falschen Pferde gesetzt hatte.” (Koch-Baumgarten 46) Sie erklären, “‘daß sie nicht in der Lage seien, die Solidarität mit der in der Resolution Stoecker-Thalheimer niedergelegten Auffassung’, die das Vorgehen des EKKI in Italien billigte, ‘nach außen hin zu decken und aufrechtzuerhalten, weil sie darin eine Gefahr für die weitere Entwicklung der Kommunistischen Internationale sehen, und daß sie deshalb die praktischen Konsequenzen aus der Abstimmung zögen und ihre Ämter in der Zentrale niederlegten'” (Stalmann 2018). Der Sturz der “Leviten”, an dem vor allem EKKI-Gesandter Karl Radek gearbeitet hat, ist vollendet.

Hintergrund ist gerade der Erfolg, den die VKPD mit ihrer zunächst auch von den Bolschewiki unterstützten Einheitsfront-Politik des “Offenen Briefs” Anfang 1921 hat. (Siehe Teil I.) Diese Politik der “Aktionseinheit” mit den sozialdemokratischen Organisationen wird nun von den Bolschewiki als Weg in den “Reformismus”, “Opportunismus” und “Zentrismus” angegriffen. Via Komintern drängen sie auf revolutionäre Aktion in Europa zur Entlastung der sowjetischen innenpolitischen Lage. (Parteisekretär Sinowjew verhängt am 24. Februar wegen anhaltender Streiks und Demonstrationen den Ausnahmezustand über Petrograd). Die VKPD-“Linke”, die nun an der Parteispitze steht macht sich diese Auffassungen wie auch generell die Avantgarde-Linie (Kader- statt Massenpartei) und den “revolutionären Terrorismus” der Bolschewiki immer mehr zu eigen.

Dabei ist der “Offene Brief” und die ihn begleitenden Kampagnen so wirkungsvoll, dass am 26. Februar der ADGB einen eigenen 10-Punkte-Plan zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit vorstellt, der den Erfolg des kommunistischen Aktionsprogramms vor allem in Berlin, Leipzig, Stuttgart, Thüringen und im Ruhrgebiet untergraben soll. Dem gingen massenhaft Ausschlüsse kommunistischer Gewerkschaftsfunktionäre und die Verweigerung der Anerkennung zahlreicher kommunistischer Ortsvorsteher voraus. Der ADGB ist ebenfalls unter Druck geraten, als nach Betriebsstillegungen und anderen Maßnahmen gegen die Arbeitskräfte im Kalibergbau deren Reichskonferenz sich Ende Februar für ihre Gegenaktionen auf den Boden des “Offenen Briefs” stellt. Die VKPD erklärt, dass sie auch für den 10-Punkte-Plan des ADGB kämpfen wird, und wendet sich weiter vor allem an die Basis der Gewerkschaften.

Die neue VKPD-Parteiführung um die Vorsitzenden Heinrich Brandler und Walter Stoecker sieht in der neugewonnenen Stärke jedoch vor allem genügend Schwungmasse für eine “Offensive”, die weniger auf die Verbesserung der Lebensumstände und die Stärkung der Arbeitskräfte-Organisation als auf eine Schwächung des bürgerlichen Staats, den Sturz der Regierung um Zentrum-Kanzler Constantin Fehrenbach und eine Provokation der Polizei- und Armeetruppen sowie paramilitärischer nationalistischer Verbände zielt. Zu Streiks und Unruhen wäre es im Frühjahr 1921 wohl so oder so gekommen, wie wir im nächsten Posting über die Kriminalisierung von Armut und Sozialprotest noch mal deutlich sehen werden – für den konkreten Verlauf des kommenden Aufstands und letztlich auch für sein Scheitern sind nun jedoch an der Spitze der VKPD die Weichen gestellt.


Literatur:
– Sigrid Koch-Baumgarten: “Die Märzaktion der KPD 1921” (Köln 1987)
– Volker Stalmann: “Parteivorsitzender für drei Monate: Ernst Däumig (1866–1922) und das Rätesystem” in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2018, Seite 23-42


Märzkämpfe 1921, Teil I – 20. Februar, Kommunistischer Wahlerfolg in Mitteldeutschland

Übersicht über die bisherigen Postings zur Revolution in Deutschland 1918-23

Märzkämpfe 1921, Teil I – 20. Februar: Kommunistischer Wahlerfolg in Mitteldeutschland

February 20th, 2021

Am 20. Februar 1921 votieren 29,8 Prozent der Wahlberechtigten (197 113 Stimmen) im Wahlkreis Merseburg, der in etwa das Mitteldeutsche Industrie- und Bergbaugebiet Halle-Leuna-Mansfeld umfasst, für die Vereinigte Kommunistische Partei (VKPD), die damit stärkste Partei des Wahlkreises wird und 5 seiner 15 Abgeordneten in den Preußischen Landtag entsendet. VKPD ist die Zusatzbezeichnung der KPD seit dem Zusammenschluss mit etwa der Hälfte der USPD im Dezember 1920, der ihre Mitgliederzahl auf den höchsten Stand bis 1945 vervielfacht (mehr als 400 000), sie sofort zur zahlenmäßig größten Partei nicht nur in Mitteldeutschland, sondern auch vielerorts im Ruhrgebiet und anderen Industrieregionen werden lässt, sie zu einer der ersten kommunistischen Massenparteien außerhalb Sowjetrusslands macht und den Schwerpunkt der Kommunistischen Internationale (Komintern) weiter nach Mittel- und Westeuropa verschiebt.

Trotz ihrer prinzipiellen Einbindung in die Komintern verfolgt die Partei zu diesem Zeitpunkt eine zum Teil stark von der Avantgarde-Linie der Bolschewiki abweichende Einheitsfront-Politik, die Bündnisse und gemeinsame Aktionen mit Gewerkschaften und den anderen Arbeiterparteien, vor allem deren Basis, anstrebt um die Mehrheit der Arbeitskräfte für eine sozialistische Rätedemokratie zu gewinnen, die nicht nur ihrer Einschätzung nach im März 1920 zum Greifen nahe gewesen war.

Mit einem Offenen Brief hatte sich die Parteizentrale Anfang Januar 1921 in diesem Sinne an die Gewerkschafts-Dachverbände ADGB und AfA, die kommunistische AAU und die syndikalistische FAUD sowie an die SPD, die USPD und die KPD-Abspaltung KAPD gewendet um gemeinsame Lohnkämpfe und Forderungen (Rentenerhöhung, Beschlagnahmung leerstehender Wohnhäuser, Wiederingangsetzung stillgelegter Betriebe und Bereitstellung von Lebensmitteln und Bedarfsgegenständen durch Betriebs-, Bauern und Arbeitslosenräte, Amnestie für politische Gefangene und Aufhebung der Streikverbote, Entwaffnung konterrevolutionärer und Bildung eigener Kampfverbände) vorzuschlagen.

Im Mitteldeutschen Gebiet – seit Jahrhunderten Bergbauregion, aber erst spät industrialisiert und daher ohne die andernorts typische lange Gewerkschaftstradition, seit 1918 USPD-Hochburg – war es nach den hier besonders heftigen Kämpfen gegen Putsch- und Regierungstruppen im März 1920 trotz Belagerungszustand immer wieder zu Streiks, Sabotage und kleineren Unruhen gekommen, Waffen waren versteckt und klandestine Strukturen gebildet worden. Der vielfach gerade erst proletarisierten Landbevölkerung fehlt es an Essen und Brennholz, die Wohnverhältnisse sind katastrophal, die zahlreichen Wanderarbeitskräfte leben in Barackenlagern.

Am 3. Februar streiken die Bergleute in den Kupfergruben des Mansfeld-Konzerns gegen den Einsatz des im Januar aus ehemaligen Offizieren und Unteroffizieren gebildeten Werksicherheitsdiensts, der sie daran hindern soll, nicht mehr verwendetes Stempelholz mit nach Hause zu nehmen. Sie fordern “die Auflösung dieser Werkpolizei und dafür die Einbeziehung von Kriegs- und Arbeitsinvaliden in den Werkschutz” (Weber 1991:31). Wenige Tage später kommt es im Leuna-Werk, wo trotz 56-Stunden-Woche die Not drückt, zu einem ähnlichen Konflikt um Abfallholz, der zur Absetzung der Betriebsräte und Bildung eines kommunistischen Aktionsausschusses führt. Die Schutzpolizei (Schupo), Ersatz für die nach französischen Protesten aufgelöste paramilitärische Sicherheitspolizei (Sipo), marschiert in Naumburg und Bad Kösen ein, wo sie die “Drahtzieher” dieser Ereignisse vermutet, und verhaftet mehrere VKPD-Mitglieder.

In diesem Moment sieht es so aus, als würden sich aus den Unzufriedenheiten in Mitteldeutschland, im Ruhrgebiet (wo statt der seit 1918 geforderten 6-Stunden-Schicht immer noch Überschichten geschoben werden müssen), in Hamburg (in den Werften und unter den immer zahlreicheren Erwerbslosen) sowie aus den erwarteten Großkrisen durch die enormen alliierten Reparationsforderungen und den womöglich kriegerischen Konflikt mit Polen um Oberschlesien im Laufe des Frühjahrs neue Streiks und Kämpfe entwickeln, die wiederum zum Ausgangspunkt eines weiteren Anlaufs zur Vollendung der Revolution werden könnten.

Wieso enden die Märzkämpfe dann in einer veritablen Katastrophe nicht nur für die (V)KPD, die über die Hälfte ihrer Mitglieder sogleich wieder verliert, sondern für die Revolution insgesamt, auch über Deutschland hinaus? Schon im nächsten Posting werden wir einem entscheidenden Faktor begegnen, wenn kurz nach dem Wahlerfolg, am 24. Februar, die Parteivorsitzenden der (V)KPD ihre Ämter niederlegen.

Kartenausschnitt mit dem Regierungsbezirk Merseburg in der preußischen Provinz Sachsen und ein Wahlplakat der VKPD zur preußischen Landtagswahl am 20.Februar 1921.

Literatur:
Stefan Weber: “Ein kommunistischer Putsch? Märzaktion 1921 in Mitteldeutschland” (Dietz Berlin 1991)
Sigrid Koch-Baumgarten: “Die Märzaktion der KPD 1921” (Köln 1987)


Übersicht über die bisherigen Postings zur Revolution in Deutschland 1918-23

Märzaktion, Märzkämpfe, Mitteldeutscher Aufstand

February 8th, 2021

Bevor es hier um die Ereignisse im März 1921 gehen soll, sei mal in die Runde der Mitlesenden gefragt:

Was für Einschätzungen gibt es dazu? Ist es schlicht die aus Moskau ferngesteuerte Märzaktion der KPD? Sind es die aus der Not und Verzweiflung geborenen Märzkämpfe derjenigen, deren revolutionäre Selbstorganisation noch nicht zerschlagen war? Ist es der notwendige Mitteldeutsche Aufstand, der die Kräfteverhältnisse nach den revolutionären Frühjahren der beiden Jahre zuvor testen und herausfordern musste? War es einfach eine Katastrophe sich selbst beweisenden Abenteurertums, das die eben erst zur Massenpartei angewachsene KPD sogleich wieder dezimierte? Oder wurde hier gegen die drohende reformistische Befriedung des Klassenkampfs die Notbremse gezogen und die Option des bewaffneten Kampfes aufrechterhalten? Lag der Schwerpunkt bei den VKPD-Parteistrukturen, bei der KAPD, beim militärischen Vorgehen um Max Hoelz, bei den Streikenden im Leuna-Werk? Sehen wir hier die fortschreitende Bolschewisierung der deutschen Revolution oder weiterhin Richtungskämpfe um das Verhältnis von Räten und Partei? Welche Rolle spielt der März 1921 für die weitere Entwicklung, die “revolutionäre Realpolitik” von 1922 und den erneuten Aufstandsversuch 1923?

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Revolution vorgelesen

January 26th, 2021

Um die Wissenslücken bezüglich der Revolution vor hundert Jahren zu füllen hat die Comicautorin Paulina Stulin (“Bei mir zuhause”) aus den Postings von Fabian Lehr zum Thema (Teil I, Teil II bis V) ein Hörbuch eingelesen und als Playlist veröffentlicht. Auch wenn Lehrs Darstellung besser ist als vieles, was es dazu gibt, hier überhaupt der Versuch unternommen wird, einen Überblick über die gesamte Revolution von ihrer Vorgeschichte zumindest bis 1920 zu geben, hat sie dennoch einige Haken, die sich einerseits aus dem mutmaßlichen Kenntnisstand von 2014 und andererseits aus der Haftung an der KPD-Version (gesehen durch Trotzkis Brille) zu ergeben scheinen – einige der Besonderheiten werden so verwischt und das Gesamtbild verzerrt.

Ein Effekt von ersterem ist neben Kleinigkeiten (hier steht Scheidemann noch auf dem Balkon des Reichstags) die auch sonst fast überall anzutreffende Geringschätzung der wichtigsten Organisierenden der Revolution, also der USPD und der Revolutionären Obleute, die bei Lehr allerdings wenigstens teilweise vorkommen und auch nicht ganz so schematisch beiseitegeschrieben werden wie es in kommunistischen Darstellungen meist der Fall ist.

Viel stärker ist der Effekt von zweiterem, allgemein der Übernahme von Trotzkis Blick auf die Spartakus/KPD-Erzählung und entsprechend einer Überparallelisierung der deutschen und russischen Revolution, letztere auch schon in der Version Trotzkis bzw. der Leninbolschewiki insgesamt.

Die Provinz ist in diesem Bild weniger revolutionär (“politisch noch bei Weitem nicht so fortgeschritten … In der russischen Revolution war es nicht anders gewesen”), auch wenn wesentliche Impulse der Revolution da wie dort aus Kleinstädten und vom Lande kamen. Die revolutionäre Rätemacht wird immer wieder mit dem Bolschewismus ineinsgesetzt, auch wenn das in beiden Fällen nicht zutrifft. Statt der russischen Revolution insgesamt werden als Vorbild für die deutsche die Bolschewiki aufgerufen, wozu sie aber erst ab 1920 tatsächlich hegemonial werden. Forderungen nach Sozialisierung werden als Forderungen nach staatlicher “Kollektivierung” im sowjetischen Sinn verstanden, “Rote” werden als Kommunisten zugeordnet, so etwa die baierische Rote Armee oder die Rote Ruhrarmee, beide trotz kommunistischer Beteiligung und teilweiser Führung doch vor allem linkssozialdemokratische (und teilweise auch anarchistische) Truppen.

Die Initiative muss immer irgendwie aus der Avantgarde kommen, was so nur in wenigen Situationen stimmt. (So geht bei Lehr der Massenstreik im März 1919 in Berlin mit einem Aufruf los, der dann befolgt wird, obwohl praktisch der Streik vorm Beschluss gestartet wurde; vorher entwickelt sich das Berliner Proletariat schnell weiter, obwohl die KPD noch so klein ist…). Die Rolle der bekannteren Führungspersönlichkeiten (aus der eigenen Richtung) wird überbetont (so steht bei Lehr etwa Luxemburg “selbst an der Spitze” der Revolution), die Revolution erscheint tatsächlich so stark von ihnen bestimmt, wie es die Reaktion die ganze Zeit behauptet hat.

Während in Russland die Industriearbeitskräfte tatsächlich eine relativ kleine Minderheit bildeten, die zum großen Teil auch noch stark mit ihrer ländlichen Herkunft verbunden war, gibt es Deutschland viele Regionen mit solchen Bevölkerungsmehrheiten und erreichen ihre Klassenorganisationen schon lange vor der Revolution gigantische Ausmaße. Hier organisieren sich flächendeckend massenweise ganze Arbeiterfamilien, die in zweiter oder dritter Generation im städtischen Umfeld und im ständigen Lohnkampf leben und aus denen die Partei und die zahllosen sozialdemokratischen Vereine und sonstigen Organisationen größtenteils bestehen.

Trotz der ebenfalls wachsenden Zahl an besser bezahlten Facharbeitskräften, die zur Basis der SPD-Führung werden, ist das Bild von der deutschen Sozialdemokratie als “ihrer Natur nach kleinbürgerlich-demokratischen Partei”, die 1914 “endgültig jeden marxistischen Ballast über Bord” warf, eine starke Verzerrung, die die an anderen Stellen von Lehr durchaus unterschiedene Massenbasis mit der Parteiführung zusammenwirft, was sich durch den Gang der revolutionären Ereignisse, vor allem die immer wieder massenhafte Beteiligung der SPD-Basis an den Streiks und Verteidigungskämpfen eigentlich verbieten müsste. Diese Basis erscheint hier nur als verblendet, im Glauben an die Partei befangen, nicht als in einem Ringen um die Durchsetzung des Parteiprogramms begriffen, bei dem sie selbst zahlreiche Opfer zu beklagen hatte und bei dem eben auch die Führung der anderen Parteien jede Menge Fehler machte. Es geht hier mehr um den Nachweis, dass die SPD wegen ihrer “degenerierten Führung” insgesamt durch eine Partei mit der richtigen Führung ersetzt werden musste, die wiederum weitgehend mit der KPD identifiziert wird – es fehlt die ganze Realität, dass die Arbeitskräfte ihren Parteien in hohem Maße selbstorganisiert vorausgeeilt waren, dass sie weniger einer Führung als viel mehr der konsequenten Unterstützung ihrer Selbstorganisation bedurften und dass sie auch immer wieder in Scharen zu denen überliefen, die das am ehesten zu tun versprachen

Während also im Deutschen Reich sowohl die Industriearbeitskräfte zahlreicher und besser organisiert sind und die Führung ihrer Organisationen sich auf eine wachsende Minderheit besser bezahlter Facharbeitskräfte stützen kann, ist gleichzeitig die Masse an Kleinunternehmern, Handwerkern und Staatsangestellten erheblich größer, die für die Konterrevolution mobilisiert werden können – und schließlich für den Faschismus, welcher wegen der Größe der sozialistischen Bewegungen mehr als irgendwo sonst als Sozialismus verkleiden muss.

Während die russische Revolution 1917 von Gewalt geprägt ist (schon die gern als friedlich verklärte Februarrevolution brachte nicht nur Enteignungen mit sich, sondern auch zahllose Lynchmobs und kriminelle Straßengewalt mit Tausenden von Toten) und der extreme konterrevolutionäre Terror von 1905 in vielen Gegenden noch direkt vor Augen steht, sind die deutschen Revolutionäre ungewöhnlich friedlich und auf self-policing bedacht, gibt es bis auf wenige Ausnahmen keine Vergeltungsaktionen, beruhen vielmehr die meisten revolutionären Strategien auf der friedlichen Überrumpelung durch Massenprotest, Massenstreik und Besetzungen, im Moment der Revolution in Berlin am 9. November im Zusammenspiel mit wohlorganisierter Entwaffnung der in der Stadt stationierten Regierungstruppen. Die Strategie der Konterrevolution zielt von Anfang an darauf ab, das für sie krass ungünstige Zahlenverhältnis durch den Einsatz besonders schwerer Kriegswaffen und durch besonders brutales, abschreckendes Vorgehen auszugleichen. Noch nach bereits heftigem Terror der Konterrevolution wird sich jedoch von revolutionärer Seite auf die Einrichtung und Verteidigung von Räten und Vergesellschaftungen konzentriert, erst ab 1921 geht es systematisch in die Offensive, angespornt vom sowjetischen Vorbild – und mit wenig Erfolg.

Insgesamt erscheint in der Erzählung von der “Doppelmacht” von Räten und Parlament, wie sie von der russischen auf die deutsche Situation übertragen wird, der Rätekonstitutionalismus als Minderheitenposition, obwohl die parlamentarische Legitimation der Räte als lokaler Durchsetzungsmittel der Sozialisierung in Deutschland angesichts der Größe der Arbeitskräfte-Organisationen und der Wahlergebnisse ihrer Parteien eine naheliegende und mit nur knapp verfehlter Parlaments-Mehrheit im Januar 1919 ja auch beinahe erreichte Möglichkeit darstellte. Bei Lehr ist es eine “eigenwillige Ansicht”, die Luxemburg vorübergehend vertritt, “dass Sowjets und Parlament dauerhaft nebeneinander existieren sollten” – die Kontingenz der geschichtlichen Situation geht hier zwischen den theoretischen Kategorien (Parlament als “der logische Ausdruck und das Instrument der bürgerlichen Klassenherrschaft”, Räte als “der logische Ausdruck und das Instrument der proletarischen Revolution und des Übergangs zum Sozialismus”) verloren.

Entsprechend wird einmal mehr das falsche What-if ausgemalt, das auch für die Rezeption dieser Erzählung zentral sein dürfte: “Vom Rhein bis zum Ural hätte es also mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit einen geschlossenen kommunistischen Block gegeben, wenn Spartakus sich in Deutschland durchsetzen sollte.” Eine erfolgreiche Revolution in Deutschland hätte sich viel wahrscheinlicher auf eine Stärkung der lokalen und überregionalen Räteorganisationen konzentriert um überall vor Ort die Sozialisierung durchzuführen und die Reaktion zu entwaffnen – erst nach dem mehrfachen Scheitern wurde ab 1920 das nun aber auch nicht mehr realisierbare sowjetische Modell populärer, das sich auch in Russland erst im Verlaufe der Revolution durchgesetzt hatte (die war im Oktober 1917 mindestens schon ein halbes Jahr, im weiteren Sinne schon seit Jahrzehnten im Gange). Was global gesehen weiter geschehen wäre, wie sich ein revolutionäres Deutschland und die Sowjetunion weiter beeinflusst hätten, lässt sich dann nur noch aus dem Kaffeesatz lesen.

Fazit: Mit den Haken der KPD/Trotzki-Erzählung im Hinterkopf kann bei Lehr ein Überblick über viele Zusammenhänge des Revolutionsverlaufs und seines historischen Rahmens gewonnen werden, die Hörbuch-Version ist von Paulina Stulin zudem sehr eindringlich und der Perspektive angemessen vorgetragen. (Und von den parteiischen Darstellungen ist die der KPD als einer die meiste Zeit intensiv am Geschehen beteiligten Partei, die auf konkret bestimmbare Vorgänge und Debatten reagierte und ein ganzes Archiv an Aufzeichnungen hinterlassen hat, eine der weniger verbogenen, in der anders als fast überall sonst zumindest der größte Teil der Ereignisse vorkommt.)

GUILLOTINE IS THE EASY WAY OUT

December 28th, 2020

Chop chop, Kopf ab, runter mit der Rübe: Chop-Literatur, wann immer der Name Jeff Bezos auftaucht. Die Revolution mit der Guillotine war die bürgerliche. Chip-Chop, das Unteilbare wird zum Dividuum: Wollen wir uns mal auf Französisch unterhalten mit dem Herren Baron. Les aristocrates à la lanterne! The taking of the Bastille on July 14th had done more than intimidate the King and the Court – it had frightened the bourgeoisie, who hastened to form a National Guard, strictly excluding the poor. Chip Chop and you don’t stop: und dann?

Kopf kürzer: Als erster Mensch wurde am 25. April 1792 der Straßenräuber Nicolas Jacques Pelletier mit der neuen Guillotine öffentlich hingerichtet. Zum einen sollte die Maschine die zahlreichen Hinrichtungen rationalisieren. Kopf kürzen, bitte. Ja, hinten, im Nacken. Between June 1793 and the end of July 1794, 16,594 people were officially sentenced to death in France, including 2639 people in Paris. Ferner sollte die Hinrichtung für die Betroffenen schmerzfrei gemacht werden, denn zuvor brauchte ein Henker mit einem von Hand geführten Beil unter Umständen mehrere Schläge.

Wer wen? Of the formal death sentences passed under the Terror, only 8 percent were doled out to aristocrats and 6 percent to members of the clergy; the rest were divided between the middle class and the poor, with the vast majority of the victims coming from the lower classes. Kill, kill, kill, kill, kill the poor. Und wie? Die Folter und besonders grausame Hinrichtungsmethoden wie das Rädern sollten mit der Guillotine abgeschafft werden. Tatsächlich gibt es jedoch Berichte, nach denen bei den während der Französischen Revolution benutzten Modellen bisweilen erst nach mehreren Durchgängen der Kopf vollständig abgetrennt werden konnte – so auch bei der Hinrichtung Ludwigs XVI., angeblich aufgrund seines dicken Nackens.

Vive la Commune, holt die Guillotine! On April 6, 1871, armed participants in the revolutionary Paris Commune seized the guillotine that was stored near the prison in Paris. Vive la Commune, Tod der Guillotine! They brought it to the foot of the statue of Voltaire, where they smashed it into pieces and burned it in a bonfire, to the applause of an immense crowd. Die Szene ist mit Rotfilter eingefärbt. This was a popular action arising from the grassroots, not a spectacle coordinated by politicians. Die Würfel erloschen. At the time, the Commune controlled Paris, which was still inhabited by people of all classes; the French and Prussian armies surrounded the city and were preparing to invade it in order to impose the conservative Republican government of Adolphe Thiers. Hier kann der Rachegedanke sanktionsfrei rehabilitiert und konsequenzfrei in Destruktion übersetzt werden. In these conditions, burning the guillotine was a brave gesture repudiating the Reign of Terror.

Chop-chip, ab Kopf. For radicals, fetishizing the guillotine is just like fetishizing the state: it means celebrating an instrument of murder that will always be used chiefly against us. Den Kopf riskieren, aber die andere Wange hinhalten? Denn mit hingehalt’nen Wangen wissen die was anzufangen… Sich bewaffnen um die Waffen nicht einsetzen zu müssen. Die Frage, wer hier den (männlichen) Subjektstatus innehat, wird auf komplexe Weise verdreht. CutUptionsangst! Sind wir ohne Terror nicht wehrlos? Das Ausmaß der Gewalt bestimmt die andere Seite. Self-defense is necessary, but wherever we can, we should take the risk of leaving our adversaries alive.

Für uns dürfte die Sache damit erledigt sein. Those who don’t desire revenge because they are not compassionate enough to be outraged about injustice or because they are simply not paying attention deserve no credit for this. Where’s your anger, where’s your fucking rage?Die strukturelle Ähnlichkeit der Position des Monsters und der Stellung der Frau ist vielfach beschrieben worden. There is less virtue in apathy than in the worst excesses of vengefulness. Für ihre Selbstermächtigungen wird sie im Laufe des Films immer wieder bestraft.

Also sind wir noch nicht an den Kern der Gruppe herangekommen. Do I want to take revenge on the police officers who murder people with impunity, on the billionaires who cash in on exploitation and gentrification, on the bigots who harass and dox people? Yes, of course I do. They have killed people I knew; they are trying to destroy everything I love. When I think about the harm that they are causing, I feel ready to break their bones, to kill them with my bare hands. Am Ende bleibt die Frage, ob in Kill Bill Aggressivität eher gefeiert oder studiert wird. But that desire is distinct from my politics. I can want something without having to reverse-engineer a political justification for it. Es bleibt der jeweiligen Wahrnehmung des Zuschauenden überlassen, ob der Film als ein Denkmal für die unterdrückte Präsenz von Racheordnungen angesehen wird oder als Kritik an bestehenden Rachelogiken. I can want something and choose not to pursue it, if I want something else even more. Nun zum Objekt: I don’t judge other people for wanting revenge, especially if they have been through worse than I have. But I also don’t confuse that desire with a proposal for liberation.

Aus dem Unglück ins Glück sehen. Those who fetishize the guillotine don’t want to kill people with their bare hands; they aren’t prepared to rend anyone’s flesh with their teeth. Die Fetzen des Zerfetzten im Zerfetzten suchen und mit nicht einmal sorgfältiger Hand aufreihn, bis – siehe da! – sich das nicht einmal Unerwartete zeigt: Kopfkürzer want their revenge automated and carried out for them. In der Guillotinerie, der Halsabschneiderei, im Schneidewerk, in der Köpffabrik. Warum ist das, was gerne unerwartet sein soll hier nicht unerwartet? Kopfkürzer prefer for bloodshed to take place in an orderly manner, with all the paperwork filled out properly, according to the example set by the Jacobins and the Bolsheviks in imitation of the impersonal functioning of the capitalist state. Kopf muss kurz, wenn der Kopf kurz muss. Antwort des Lesers: “Weil ich das Zerfetzte und das Entfetzte zur gleichen Zeit sehen kann.” And one more thing: they don’t want to have to take responsibility for it. Das ist eines der Schicksale des kurzatmigen, linearen Zweidimensionalen. Kopfkürzer prefer to express their fantasy ironically, retaining plausible deniability. Beilfall! Yet anyone who has ever participated actively in social upheaval knows how narrow the line can be between fantasy and reality. Antwort des Darstellenden: “Weil ich die Bildteile des Zerfetzten als Umgekehrtes in meinem umgekehrten Magen, dem Gehirn, schon getragen habe, während ich noch im Zerfetzten nach Fetzen suchte.”

Chip-chop, Kopf ab, runter mit der Rübe: das gute Kapital lässt die aufgebrachten Arbeitskräfte dem bösen Kapital den Kopf abschlagen und übernimmt dann dessen Assets. Chip-Chop, das Unteilbare wird zum Dividuum: Fantasie der herrschenden bürgerlichen Klasse – Kopf ab, raus aus der Sache, sollen sie doch zusehen! Der abgeschlagene Kopf steckt nicht mehr in der Schlinge. Wie diese Revolution, die sie immer schon mal haben machen lassen: für moderneres Management, bessere Governance oder einfach mal für ein paar neue Gesichter. Kopf hinhalten lassen, Knochen hinhalten lassen, Wangen hinhalten lassen. Meist zur Abwehr einer richtigen Umwälzung, nach der sie alle hätten mit aufräumen müssen, sich der Verantwortung stellen, sich am Ende noch selbst ändern.

Our adversary is not a kind of human being, but the form of social relations that imposes antagonism between people as the fundamental model for politics and economics. Unsere Berechnungen hatten nämlich ergeben, daß der Gegner erst losschlagen konnte, wenn die Delegation bereits unterwegs war und von uns nicht mehr und irgendeinem Vorwand abbestellt werden konnte. Abolishing the ruling class does not mean guillotining everyone who currently owns a yacht or penthouse; it means making it impossible for anyone to systematically wield coercive power over anyone else. Das Kapitalverhältnis ist kein Mensch (und kein Drachen oder Vampir), es wurde von Menschen eingerichtet, wird von Menschen aufrechterhalten und spielt sich zwischen Menschen ab. Entfernung des Kopfes, Kopfstücks, Hauptstücks, Kapitals heißt nicht die Entfernung von lauter Köpfen, kürzende Kopfkritik, sondern Abschaffung dieses Verhältnisses zwischen Menschen. Das geht trotzdem damit los sich zusammenzutun und denen, die übers Kapital verfügen, so viel wie möglich wegzunehmen um ihnen ihre Macht über die Gesellschaft zu entreißen und die Verhältnisse anders einrichten ZU KÖNNEN.

Apokalypse, Weltuntergang, Kopf ab – the easy ways out. Die Kämpfe im Elend des allmählichen Zerfalls, das Aufräumen – the hard way. Kopf ab zum Gebet – so einfach kommen sie nicht davon! Jens Spahn in die Produktion! Kurz mal Kopf: Ich stelle mir Revolution ja positiv unter anderem ungefähr so vor: die, die bisher schlecht bezahlt oder unbezahlt die Drecksarbeit machen mussten, organisieren diese möglichst gründlich menschenfreundlich um (Arbeit komplett verschwinden zu lassen, halte ich für die irgendwie absehbare Zukunft für eine bürgerliche und männliche Chimäre), während diejenigen, die sie dazu angetrieben und ihnen die Gelder gestrichen haben, sie solange übernehmen (wenn sie dazu in der Lage sind usw.) ABER ABER ABER im Moment gibt es noch nicht einmal eine richtige Klassenorganisation, also erstmal: auf die Existenz, Lage und Rolle der Klasse hinzuweisen, der Arbeitskräfte, die alles machen und alles machen sollen, auch wenn man sie nicht lässt. Wir waren noch nie so viele! If you must count to keep the beat, then count.

Dann will ich euch mit dem Ablauf bekannt machen. Chop Chapeau, Rübe mit Name Revolution. Wollen wir mal auf Französisch an der Laterne. Die Namen gehören zu verschiedenen Phasen ihrer Existenz. The bourgeoisie hastened strictly, and you don’t stop. Sie hat so etwas gewonnen und verloren. Dann poor taking more, wollen Revolution. Sie seufzt erleichtert.

(Gemischt im Studio O2, Museumsquartier Wien, 11-28.12.2020, enthält Samples aus den Büchern “Die Insel der Roboter” von Karl-Heinz-Tuschel, “The Black Jacobins” von C.L.R. James und “Da drinnen vor dem Auge” von Dieter Roth, aus den Texten “Splattering Bride” von Julia B. Köhne und “Against The Logic of the Guillotine” von CrimethInc, aus dem Wikipedia-Eintrag “Guillotine”, aus den Songs “Kill The Poor” von den Dead Kennedys, “Der Tag des Herrn 2” von Joint Venture, “After the eulogy” von Boysetsfire und “Coded Language” von Saul Williams sowie aus einer Facebook-Diskussion.)

Alle Mixe, ein paar frühere und das Projekt: ►Artist-in-Residence @ Museumsquartier Wien

ALBERT DUB DUB.

December 16th, 2020

Benannt nach dem Großgrundbesitzer und Industriellen Albert Dub (1841 bis 1908), welcher diesen Grund zum Bau der Kirche und der Parkanlage stiftete. Stiftungsurkunde von 1887: “Zur Verschönerung von Gersthof”. THC. Die Benützung erfolgt auf eigene Gefahr. Unsere Gärten. Für den Widerstandskämpfer Kaplan DDr. Heinrich Maier gepflanzt.

Wien ist anders. Vorsicht bei Sturm! In die offene Kirche kommen .. Dub ist nicht allein .. und dann Weihnachten feiern. Hauskirche feiern. I wanna misch you a merry christmas. Wenn Sie Hilfe brauchen … Dankbar … Hoffnungsfroh … Liebevoll. Sata… Brücken bauen statt polarisieren. Im Freien sind Sitzplätze für alle zur Verfügung zu stellen. Beim Ausgang im Mittelgang stehen zwei Sammelkisten für diese Daten. Dieser Weg wird bei Schneelage nicht gesäubert. FCK NZS.

Reden wir mehr miteinander statt übereinander. Ich bin froh gerade nicht authentisch sein müssen, weil mein authentisches Ich stinkt, es hat so viele Fehler. Eigentlich Heigerlein. Jeder Weg beginnt mit einem Schritt. Mitfeiernde werden gebeten, auf aufliegenden Formularen das Datum anzugeben. Grundsatz: in möglichst großen Räumen feiern. Diese Boxen werden nach jeder Feier entleert.

Version.

Einfach, wenn du’s doppelt siehst: Benannt nach dem Dub, welcher Gärten ist. Brücken sind Sitzplätze für alle. Zur Verfügung stehen viele Fehler. Weg mit Grundsatz. In möglichst großen Boxen.

Doppelt hallt besser: Benannt diesen Großgrund zur Verschönerung auf eigene Gefahr. Wien ist nicht allein. THC FCK NZS. Mein authentisches Ich beginnt mit einem Schritt. Mitfeiernde werden auf aufliegenden Formularen in möglichst großen Räumen entleert.

Doppelt und dreifach: Ich kann diese Frau Direktor nicht ausstehen. Benannt nach Industriellen zum Bau, “zur” Benützung bauen, so viele Fehler. Sie antwortete nicht. Es ist hier kein Ort für ihr. Wenn Hilfe stinkt.

Dopplereffekt: und welcher von THC auf Sturm liebevoll wird, stinkt so Schritt auf möglichst entleert.

Doppel-Dopp-Stopp: zwei Sammelkisten NZS werden nach jeder Feier entleert, für Kaplan Heinrich Maier.

***

(Gedoppelt, filetiert und angerichtet am 16.12.2020 im Künstlerstudio O2, Museumsquartier Wien – enthält Text, den ich im Albert-Dub-Park und an der angrenzenden Pfarrkirche in Gersthof, 18. Wiener Gemeindebezirk, vorgefunden habe, darunter Schilder, Tafeln, Aushänge, Gesprächsfetzen, das Buch “Trotzkopfs Brautzeit” von Else Wildhagen sowie ca. anderthalb Zeilen, die mir dort durch den Kopf gingen. Heinrich Maier war Teil einer Gruppe, die während der Zweiten Weltkriegs Informationen an die Allierten weitergab, vor allem über die Nazi-Rüstungsindustrie, aber auch erste Nachrichten über Auschwitz.)

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WORTE ZUM SONNTAG: EKEL, GRIPPE, ALLMACHT

December 12th, 2020

VORWEIHNACHTS-GENERALSTREIK-REMIX

Wir lesen,

daß das Ding einen Heringsgeruch und einen Petroleumsgeschmack habe und dadurch imstande sei, Ekel zu erregen. Am nächsten Tag wurde Katharina durch die Grippe mit Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen niedergeworfen. Ich gehe mit traumwandlerischer Sicherheit den Weg, den mich die Vorsehung gehen heißt. Wir deutschen Hausfrauen wissen aber Bescheid und wir hoffen, daß sich diese Eigentümlichkeiten beim Kochen vollständig verlieren werden, ja, wir sind überzeugt, daß die Mineralnährhefe den Speisen einen feinen Wohlgeschmack verleiht.

Am Tag darauf erwischte es Ernst, Mizzi und Gudrun. Wenn aber diese Allmacht ein Werk segnet, so wie sie unseres gesegnet hat, dann können Menschen es auch nicht mehr zerstören. Ist das Mittachbrot vorbei, so kommt wieder die Sorge um’s Amdbrot. Franzi und Jakob waren die Einzigen in der Wohnung, die noch gesund waren.

Wenn ich auf die 5 Jahre, die hinter uns liegen, zurückblicke, dann darf ich doch sagen: das ist nicht Menschenwerk allein gewesen. Zum Amdbrot gibts heut wie immer Eintopfgericht, zur Abwechslung aber Leberwurst aus Stärkekleister und rotgefärbtem Gemüse und als Käseersatz Berliner Quark mit Paprikaersatz, auch erproben wir heute das vielgerühmte Alldarin mit Eiersatz Dottofix aus Schlemmkreide mit Backpulver und etwas Salatfix, ein köstlicher Zusatz, den ich dem Salatin wie dem Salatol vorziehe.

Besonders schlimm traf es Mizzi, sie hustete Blut und lief blau an. Wenn uns nicht die Vorsehung geleitet hätte, würde ich diese schwindelnden Wege oft nicht gefunden haben. Denn für den deutschen Familientisch ist das Beste gerade gut genug und es ist alles da, nich so wie bei arme Leute.

Im heiligen Namen Gottes, unseres himmlischen Vaters und Herrn, um des gesegneten Blutes Jesu willen, welches der Preis der menschlichen Erlösung gewesen, beschwören wir Euch, die Ihr von der göttlichen Vorsehung zur Regierung der kriegführenden Nationen bestellt seid, diesem fürchterlichen Morden, das nunmehr seit einem Jahre Europa entehrt, endlich ein Ziel zu setzen. Die Reden wurden von wilden Zwischenrufen wie “Hoch die Revolution!” und “Generalstreik” übertönt. Der Kaiser ist ein leeres Symbol, da hast du schon recht. Die schönsten Gegenden Europas, dieses Gartens der Welt, sind mit Leichen und Ruinen besät. Die Nervosität der Demonstranten wurde durch ein übermäßiges Aufgebot von Polizei und Militär verstärkt. Aber es geht um die proletarische Macht und die Organisierung als Werkzeug der proletarischen Macht.

Das wiederholen wir jetzt solange, bis es alle begriffen haben.

Die Fülle der Reichtümer, mit denen Gott der Schöpfer die Euch unterstellten Länder ausgestattet hat, erlauben Euch gewiß die Fortsetzung des Kampfes. Aber um was für einen Preis? Darauf mögen die Tausende Menschenleben antworten, die alltäglich auf den Schlachtfeldern und in den Krankenstationen erlöschen. Nach Ende der Demonstration setzte sich die Menge in großen Gruppen in Richtung der Vorstädte in Bewegung. Wen interessiert denn noch der Kaiser? Die Parteifunktionäre versuchten verzweifelt, Ausschreitungen zu verhindern, auch in der Sorge, daß ein Exzeß die anfänglichen Sympathien für die Demonstration schwinden lassen würde. Aber die Aktion ist sicher sehr populär: die Arbeit niederlegen, die Infektionsketten endlich richtig unterbrechen. Sogar die Arbeiterführer konnten die wütende Menge diesmal nicht beruhigen. Das Proletariat hasst den Kaiser.

Das wiederholen wir jetzt solange, bis es alle begriffen haben.


(Wien, Studio O2, zum Internationalen Tag der Staatsgewalt, 13.12.2020, eine Kreis-Mischung/Merry-go-round aus drei Quellen: “Die letzten Tage der Menschheit” von Karl Kraus, “Herbst 1918” von Robert Foltin und “Hitlers Wien” von Brigitte Hamann, behutsam aktualisiert)

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TOTWACH – DAS AUFGERISSENE TOTENBUCH

December 11th, 2020

Menschen sind potentiell unsterblich in den Gedächtnissen der anderen Menschen, solange die sich an sie erinnern und die Erinnerung und hinterlassenen Spuren und Aufzeichnungen weitergeben. Viele sind schon vergessen, wenn sie sterben. Most of my heroes don’t appear on no stamps. Der meisten Toten wird nicht angemessen gedacht, der meisten Toten kann ich nicht angemessen gedenken, der Hungertoten, der sterbenden Kranken, der Toten ignorierter Konflikte. When it comes to the poor, no lives matter.

Den Toten ein Gesicht geben, einen Anfang der Sichtbarkeit machen, wenn wir sie gerade als Gesellschaft umbringen. Wenn wir ihre Markierung als überflüssig, minderwertig zulassen. Sie nicht gegeneinander ausspielen: die von den zusammengespahnten Gesundheitsbudgets Umgebrachten, die von der Polizeigesellschaft Umgebrachten, die von der Männlichkeitsgesellschaft Umgebrachten, die von der Rassismusgesellschaft Umgebrachten, die immer noch vom Nationalsozialismus Umgebrachten. Das machen alles Menschen durch Menschen mit Menschen.

In dieser kommunistischen Vorstellung gibt es etwas, was über den einzelnen Menschen hinausgeht, die Gattung, die Menschheit. Das, was ich tue, geht auf den ideellen Gesamthaufen der Menschheit. Das bedeutet, dass die Toten alle noch leben, dass sie alle noch sprechen, dass sie alle noch handeln, dass Geschichte das ist, wodurch sie das tun, und dass Religion wiederum das ist, wodurch wir damit Verbindung aufzunehmen versuchen. Dann ist das hier Religion.

Den Toten ein Gesicht geben, einen Anfang der Sichtbarkeit machen, wenn wir sie gerade als Gesellschaft umbringen.

Ceremonial Burial, trying to make it appear as if the death of these people wasn’t in vain, as if they gave their lives for something good. Trying to give their death some kind of reason, some kind of meaning, some kind of purpose, even if there isn’t, even if their death just means that the others managed to kill them. Nobody actually asked them to die, they were thrown into battle, and before they knew they were dead.

In one respect this is wrong. We don’t really mourn the dead, we glorify them, we use them for our purposes, we try to make them march. Historical legitimization as a parade of zombies. These people aren’t here anymore, they are dead. The way it’s presented here it isn’t scary though. One of the main religious aspects about communism is that it’s a way to deal with death. It makes dying, or having lived for something, meaningful. You won’t be lost, you’ll still be there. Not because of spiritual reasons but because the traces you leave behind, the things you produced, the battles you fought, the stances you took.

Den Toten ein Gesicht geben, einen Anfang der Sichtbarkeit machen, wenn wir sie gerade als Gesellschaft umbringen.

Wir haben gesagt, dass sich im Astrallicht die Bilder der Menschen und Dinge erhalten. Instead of a tunnel and angels, East Indians may describe the River Ganges and a particular guru. Da sind wir aber immer noch, und der Staat ist noch da, den Arbeiter erbauen. A child having a “Near Death Experience” may “see” his or her still-living friends and teachers, or Nintendo and comic book characters, rather than God. Das Land, es lebt, es lebe hoch, weil Arbeiter sich trauen. Some near-death experiences may be a re-activation of birth memories or an actual re-experiencing of parts of the process in symbolic form. In diesem selben Lichte kann man die Gestalten jener beschwören, die nicht mehr in unserer Welt leben. Thus racing through tunnels towards the light may be a memory or symbolic re-experience of being born: a memory of “the near-birth experience.” Die Kabbalisten, die von der Geisterwelt erzählten, haben einfach das wiedergegeben, was sie bei ihren Beschwörungen sahen.

Hab keine Angst: Das sind die Geister der Toten, Manolito. My memory is a museum of dead people. Ich kenne euch nicht, wann seid ihr gestorben? Der Tod der Pioniere und der Tod der Vergessenen. Einmal im Jahr kehren die Geister der Toten zu ihren Familien zurück. Steige, Ikarus, fliege uns voraus. Und dann feiern wir mit ihnen. Viele folgten ihm, darum ist sein Tod ein Sieg. Liebe Geister, probiert doch unser Pan de Muerto! Wenn ein Mensch lange Zeit lebt, sagt die Welt, es ist Zeit. Das Universum ist Wandel, jeder Wandel ist das Ergebnis eines Aktes der Liebe, doch eine solche Deutung ist trügerisch. Alt wie ein Baum möchte ich werden.

Den Toten ein Gesicht geben, einen Anfang der Sichtbarkeit machen, wenn wir sie gerade als Gesellschaft umbringen.

Es gibt eine Romantisierung eines ehrwürdigen Todes, durch den Alte und Kranke ihren Mitmenschen nicht mehr zur Last fallen, was die Alten und Kranken oft stark internalisiert haben. Wenn eine Zelle nicht mehr gebraucht wird, stirbt sie, und zwar auf eine Art, die man nur als äußerst würdig bezeichnen kann. Sie baut alle Streben und Stützen ab, die sie zusammenhalten, und löst ihre Bestandteile in aller Stille auf – ein Vorgang, den man als programmierten Zelltod oder Apoptose bezeichnet. Jeden Tag opfern sich viele Milliarden Zellen zum Nutzen des Gesamtorganismus, und Milliarden weitere beseitigen den Abfall. Menschen sind keine Zellen, sie bestehen aus ihnen. Parallele ist nicht Identität.

Zellen können auch eines gewaltsamen Todes sterben – beispielsweise, wenn sie mit Krankheitserregern infiziert sind -, aber meist gehen sie zugrunde, weil sie den Befehl dazu erhalten. Sie töten sich sogar selbst, wenn sie nicht zum Weiterleben aufgefordert werden – wenn sie nicht irgendeine aktive Anweisung von einer anderen Zelle erhalten. Zellen brauchen viel Bestätigung. The tourists are all trying to take a picture, like thieves, then they go again. They check carefully if the machine has properly recorded it, then they go. Once they have the proof for having been here they take off. Pictures with themselves on them and the dead. Hast du mich gut drauf? Ich neben den ganzen Toten?

Den Toten ein Gesicht geben, einen Anfang der Sichtbarkeit machen, wenn wir sie gerade als Gesellschaft umbringen.

Sich im Angesicht des Todes der anderen selbst jung und frisch und gesund und nützlich und verwertbar fühlen, don’t stop me now, I’m having such a good time. Now I reach the point where I’m the desecrator. I cannot have this kind of trip here. Doch noch ein Wörtchen an dich, Tod. Du hältst dich ja vielleicht für unangreifbar, weil so viele blöderweise glauben, du wärst erst der Anfang, der Eingang zu einem besseren Ort usw. Aber ich sag dir was: Ich für meinen Teil kann dich nicht leiden, deine Fresse gefällt mir nicht. Warum sind sie alle tot, wozu soll das gut sein?

Und dein Stündchen wird schlagen, Tod. Je mehr Leute dieses Leben und diese Welt wirklich wollen und beides endlich angemessen einrichten, desto weniger werden sie sich einreden lassen, Gutes müßte knapp sein, gute Zeiten kurz und das Glück, wie Freud es ausdrückte, episodisch. Warum denn aufhören, wenn’s am schönsten ist? Warum auch nur dann aufhören, wenn es noch schön werden könnte?

Schon bis jetzt haben die Menschen dir – trotz all jener, die das Leiden verherrlichen und aufs Jenseits vertrösten, trotz jener, die die Stecker rausziehen wollen und die Öfen befeuern, trotz jener, für die Menschen zum Opfern und Verheizen da sind – beträchtliche Lebenszeit abgerungen, von der sie hoffentlich mehr darauf verwenden, dich in den letzten Winkel zu treiben und dich zu bannen. Geh sterben, Tod!

Den Toten ein Gesicht geben, einen Anfang der Sichtbarkeit machen, wenn wir sie gerade als Gesellschaft umbringen.

Vergesst die Toten nicht, kämpft für alle Lebenden!


(gemischt im Studio O2, Museumsquartier Wien, 11.12.2020 – enthält Samples aus den Büchern “Eine kurze Geschichte von fast allem” von Bill Bryson, “Ketamine” von Karl Jansen und “Dogma und Ritual der hohen Magie” von Eliphas Levi, der Ausgabe 43 des “mosaik – die unglaublichen Abenteuer von Anna, Bella & Caramella”, aus dem Film “Shaun of the dead”, aus Nachrufen auf Bekannte und Tripdikaten aus dem Treptower Park, aus einer Kurzanleitung zum Crowley Tarot sowie aus den Songs “Fight The Power” von Public Enemy, “No Lives Matter” von Body Count, “Da sind wir aber immer noch” vom Oktoberclub, “Museum of dead people” von Clastah, “Wenn ein Mensch lebt”, “Ikarus” und “Alt wie ein Baum” von den Puhdys.)

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Immaculate Conception Day – The Lunch Breaks

December 10th, 2020

(Mariä Empfängnis, Wien, 8. Dezember 2020)

Different parts of the brain excite and inhibit sexual activity in humans, normally maintaining a balance between the two tendencies. To our amazement, the activation was huge and definitely not restricted to the primary auditory area. The finding also had peculiar effect on scientific research. If the complete spinal cord injury is near the base of the spinal cord, which is just below the last rib, erection, ejaculation, and orgasm in response to physical stimulation of the penis may also be blocked, due to damage to the nerves that carry genital sensation to the spinal cord. From the remains they calculated that the tentacles were 30 feet long, the beaklike mandibles were 4 inches across, and the eye was 15 inches in diameter.

That could lead us back to the nasty conclusion that we are all different.
Whereas, breakbeats have been the missing link connecting the diasporic community to its drum woven past.
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Sexual desire, however, is often unaffected in people with spinal cord injury. There, it coexisted with Hindu and Buddhist cultures that were being diffused from India and China along the same routes. At times, the water from the siphon was as black as ink. Fairly soon after it was found to be modern-day Europeans who have the closer connection to Neanderthals – not, as it turned out, Aboriginal Australians – the image of the Neanderthal underwent a dramatic makeover.

That could lead us back to the nasty conclusion that we are all different.
Whereas the quantised drum has allowed the whirling mathematicians to calculate the ever changing distance between rock and stardom.
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Whereas, it is admitted that the Practice of Onanism in private houses, Is Engaged in on a Nightly Basis, Its Effect is Underestimated. On the contrary, an entire network of cortical regions lit up. Through them, Islam was transmitted to India, Ceylon, Malaysia, and Indonesia. An estimate of its total length was 47 feet. The latest discoveries appear to move the story back a little closer to the nineteenth-century account. I can see how it might be racialised.

That could lead us back to the nasty conclusion that we are all different.
Whereas the velocity of the spinning vinyl, cross-faded, spun backwards, and re-released at the same given moment of recorded history, yet at a different moment in time’s continuum has allowed history to catch up with the present.
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When the tide receded, it died. And then these articles are handed down from father to son. But in the twenty-first century, these same Neanderthals, the dictionary definition of simple-minded, loutish, uncivilised thugs, have become oddly rehabilitated.

That could lead us back to the nasty conclusion that we are all different.
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Renegades in this Atomic Age
to uplift the consciousness of the
entire
fucking
world.

aus diesen Quellen zum Feiertag frisch gemischt im Studio O2, Museumsquartier Wien, Teil meines Artist-in-Residence-Projekts

Toiletten

November 19th, 2020

🥂 Zum heutigen WELTTOILETTENTAG möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass Urophilie, die in den letzten Jahren zwischen “Trump’s Pee Pee Tape” und Festival-Spycam-Übergriffen mehr als ohnehin schon in Verruf geraten ist, in einvernehmlicher Form vielen Menschen sehr viel Freude und Erbauung, Erregung und Entspannung verschafft – don’t shame kink, fight rape and harassment and the whole sexist mess! ✊

🚾 Und wo ich die Aufmerksamkeit nun habe, auch auf die Arbeitsbedingungen im Toilettenbetrieb, z.B. die Kämpfe ums “Trinkgeld”.

⛽ Und die Abzocke bei Tank & Rast & Sanifair.

🚻 Und den Sexismus der Toilettenplanung, dem z.B. das Missoir einen anderen Entwurf entgegenhält.

🚨 Und die Lage der Obdachlosen: „Wo gehen wir jetzt auf die Toilette?” Auch schon vor Corona.

🚽 Und auf die etwa 2,5 Milliarden Menschen ohne richtige Toilette. Laut WHO hängen 80 Prozent der endemischen Krankheiten in Indien mit mangelnder Hygiene und verschmutztem Wasser zusammen, 800 Millionen Ind*r haben keinen Zugang zu Toiletten – Doku aus 2019 zur Welt-Toilettenlage.

🛒 Und noch einmal auf den schlichten Umstand, dass Menschen, die mehr zu Hause sind, mehr dort aufs Klo gehen und deshalb dort mehr Klopapier verbrauchen, das sie für gewöhnlich im Supermarkt kaufen.

Ich wünsche Erleichterung und erfolgreiche Kämpfe!

Neue alte Jubiläumssingle

November 6th, 2020

Zum 10. Geburtstag unseres Albums “Wir hatten doch noch was vor” gibt’s für (einander) Liebhabende von Vinyl mit schön viel Text die Songs “Identität” und “Besseres Leben” auf 7 Zoll, plus Interview und Bonusmaterial – beim Sozialistischen Plattenbau.

Revolutions-Ausstellung im Leipziger Hauptbahnhof

October 16th, 2020

Seit heute ist die Ausstellung “Alltag/Revolution. Leipzig 1918-1923” im Leipziger Hauptbahnhof eröffnet. Der Text zur Ausrufung des Freistaats und zur Revolution in Sachsen ist von mir, bei den anderen Texten war ich Korrekturfeuerwehr, auch bei den englischen Übersetzungen.

Die Ausrufung des Freistaats Sachsen im Zuge der 1918 ausbrechenden Revolution verwirklicht, was sächsische Arbeitskräfte zuvor jahrzehntelang fordern. Diese prägen in demokratischer und sozialistischer Selbstorganisation maßgeblich den Weg der deutschen Arbeiter*innenbewegung zur sozialdemokratischen Massenpartei. Seit 1917 streiken sie gegen den Krieg und bilden dazu die ersten Räte.

Von den Großstädten bis in Dutzende Kleinstädte beteiligen sie sich nun an allen Kämpfen der Revolution. Sie verteidigen die Räterepubliken gegen Regierungstruppen Anfang 1919, nehmen am Generalstreik gegen den konterrevolutionären Kapp-Putsch teil und kämpfen für die Vergesellschaftung der Großindustrie. Als die gewählte Landesregierung aus SPD und KPD durch die einmarschierende Reichswehr abgesetzt wird, beteiligen sich Arbeiter*innen am kommunistischen Aufstandsversuch im Herbst 1923.

Der Dresdener Arbeiter- und Soldatenrat übernimmt im November 1918 die Macht vom sächsischen König („Dann macht doch euern Dreck alleene!“). In seiner ersten Regierungserklärung stellt der Rat den Freistaat in den Rahmen der „Epoche des Übergangs von der kapitalistischen in die sozialistische Gesellschaftsordnung“ und einer „einheitlichen deutschen Volksrepublik“. Er verkündet die Trennung von Kirche und Staat, den Achtstundentag und verspricht die „Beseitigung jedes auf Ausbeutung beruhenden Einkommens“.

Die Ausstellung ist noch bis 8. November zu sehen, Langfassungen aller Texte finden sich auf Deutsch und Englisch unter http://www.alltagrevolution-leipzig.de/

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Neues Verschwörungs-Interview

August 27th, 2020

Ich wurde von Lea Matika mal etwas ausführlicher zu Verschwörung, Ideologie und Konkurrenz interviewt:

“Wer andere als doof überführen kann, gilt ja als schlau”

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