Erste Auftritte 2020

January 2nd, 2020

• Do, 06.02.2020, Pirna, K2: Vortrag Revolution in Deutschland 1918-23 (FB-Event)
(CORONA) Mi, 25.03.2020, Mülheim, Makroscope: Revolution in Deutschland 1918-23 (FB-Event)
• (CORONA) Do, 26.03.2020, Plauen, Colorido: Revolution in Deutschland 1918-23
• (CORONA) Sa, 28.03.2020, Leipzig, A&V: Revolution in Deutschland 1918-23
• (CORONA) Di, 31.03.2020, Berlin, Magda19: Revolution in Deutschland 1918-23 (FB-Event)
• (CORONA) Sa, 04.04.2020, Dresden, Wettbüro: Lesung bei Releaseparty zu “Ich Liebe Musik 2” (FB-Event)
• (CORONA) Mi, 08.04.2020, Leipzig, PARTEI-Büro: Vortrag Leben im Rausch
• (CORONA) Mi, 15.04.2020, Leipzig, galerie KUB: Vortrag Systemausfall ’89/’90 – Das Ende der DDR und die Folgen
• (CORONA) Di, 21.04.2020, Duisburg, Uni: Vortrag “Entschwörungstheorie spezial: Heiße Luft – Klima & Wissenschaft”
• (CORONA) Mi, 22.04.2020, Eisenach, RosaLuxx: Vortrag über Lenin (zum 150. Geburtstag)
• (CORONA) Do, 23.04.2020, Dresden, riesa efau: Lesung “Ich Liebe Musik 2” (FB-Event)

• Fr, 08.05.2020, Oberau, Frühlingsakademie Linksjugend Sachsen: Vortrag zum 8. Mai (in Planung)
• Fr, 15.05.2020, Augsburg: Vortrag Leben im Rausch

In der Pipe sind u.a. Auftritte bei Rock am Berg in Merkers (Juni) und beim Aufstand-Festival in Oberhausen (Juli), endlich mal wieder Veranstaltungen in Cottbus und Karlsruhe, eine weitere “Ideolotterie” in Wittenberg und diverse Veranstaltungen zu den 100. Jahrestagen des Generalstreiks und der Kämpfe gegen den Kapp-Lüttwitz-Putsch und für die Sozialisierung. Wer auch was anberaumen will, findet hier mein aktuelles Programm.

(Nicht) an die eigene Nase fassen

April 3rd, 2020

Die RLS hat mich um eine Einschätzung des aktuellen Verschwörungsdiskurses gebeten, ich hab ein paar Grundzüge und Handlungsoptionen umrissen:

Revolution 1920, Teil VIII: Reichswehr-Massaker im Ruhrgebiet

April 2nd, 2020

Am 2. April 1920 ist bei Ablauf des Regierungs-Ultimatums an die Rote Ruhr der brutale Einmarsch der Reichswehr, zu großen Teilen offen antisemitische und Hakenkreuz tragende Freikorps-Einheiten, bereits im vollen Gang. Seit zwei Tagen waren die Brigaden Faupel und Epp von Norden her auf Haltern und Hamm vorgerückt und hatten Massaker verübt, die Marinebrigade Loewenfeld hatte schon vor einer Woche in Raesfeld (nördlich von Dorsten) Rotgardisten gestellt, einzeln aus den Häusern geholt, “mitten im Dorf an die Wand gestellt und erschossen”, wie Brigadeoffizier Rieve zu Protokoll gibt.

In Pelkum bei Hamm setzen am 1. April (Gründonnerstag) 1.800 Reichswehrsoldaten mit Artillerie, einem Panzerzug, zwei Panzerwagen und vier Flugzeugen etwa 500 Rotgardisten und (größtenteils weibliche) Sanitätskräfte fest, ein Großteil wird beim Versuch zu entkommen “niedergemäht”, auch fast alle, die sich ergeben, werden erstochen, erschossen, erschlagen. Oberjäger Max Zeller schreibt in einem Brief: “Pardon gibt es überhaupt nicht. Selbst die Verwundeten erschießen wir. Die Begeisterung ist großartig, fast unglaublich. Unser Bataillon hat zwei Tote; die Roten haben 200 bis 300 Tote.” Über zehn von der Reichswehr gefangene Rot-Kreuz-Schwestern schreibt er: “Mit Freude schossen wir auf diese Schandbilder; und wie diese geweint und gebeten haben.” Und: “Gegen die Franzosen waren wir im Felde viel edler.”

Reichswehr- und Polizeitruppen unter General Ernst Kabisch bereiten am 1. April mit Artilleriefeuer den Angriff auf Dinslaken vor, der nun am 2. April (Karfreitag) bei Möllen beginnt: “Hunderte Arbeiter sterben im MG-Feuer. (…) Ein Sanitäter sah, wie 30 Mann auf einem Feld zusammengetrieben und erschossen wurden. Einige konnten mitten durchs Artilleriefeuer fliehen, zahlreiche blieben liegen. 73 wurden in einem Massengrab bei Voerde verscharrt.”

Gegen 10 Uhr, zwei Stunden vor Ablauf des Ultimatums, ist Dinslaken erobert. Gietinger schreibt weiter: “Alle roten Kämpfer, derer sie habhaft werden konnten, erschossen die Regierungssoldaten oder brachten sie mit dem Gewehrkolben um. Sechs oder sieben Frauen, die in Verdacht standen, als Krankenschwestern oder Kartoffelschälerinnen gearbeitet zu haben, wurden in ein Wäldchen geführt und umgebracht. (…) Nach Hausdurchsuchungen nahm man Männer ohne Begründung mit, auf 200 Meter Wegstrecke lagen am nächsten Tag 32 Leichen. (…) Am Nachmittag warf man auf dem Friedhof 113 Leichen in ein Massengrab und schüttete Brandkalk darauf.” Die Frauen unter den gefangenen Sanitätskräften wurden “als Huren beschimpft, alle geprügelt und gedemütigt, mehrfach drohte man ihnen die Exekution an, einige mussten, obwohl Sanitäter des Roten Kreuzes bzw. Arbeiter-Samariter-Bundes, Munition aufladen, dann wurden sie ausgeraubt und danach noch fünf Tage festgehalten.”

Allein in den drei Tagen bis 2. April gibt es mindestens 600 Tote, die meisten davon nach Ende der Kämpfe. Die Regierung führt einen Terror-Krieg mit 30.000 schwerbewaffneten Soldaten gegen die eigene Bevölkerung. Dennoch fordert der Zentralrat in Essen die Rote Armee auf, die Kampfhandlungen einzustellen – zu spät platzt die Hoffnung, ein erneuter reichsweiter Generalstreik würde zu Hilfe kommen. Massenmorde und Misshandlungen werden während der Rückeroberung des Ruhrgebiets noch tagelang weitergehen.

Die Bilder zeigen beim Angriff auf Dinslaken am Karfreitag ermordete Arbeiter, rechts posieren die Mörder mit ihren Opfern am Bahndamm in Möllen

Übersichtsposting zum März/April 1920: Revolution 1920 Übersicht

Übersicht aller Postings zu Revolution und Konterrevolution vor hundert Jahren: Revolution in Deutschland 1918-23.

Revolution 1920, Teil VII: Der “Friede von Münster”

March 31st, 2020

Am 31. März 1920 verlangt die Reichsregierung von der Roten Ruhr die sofortige Kapitulation ihrer Armee, Waffenabgabe innerhalb von 48 Stunden und Auflösung ihrer Organisationsstrukturen, während die Reichswehr mit dem Einmarsch ins Ruhrgebiet beginnt. Diesem Ultimatum, das als “Friede von Münster” bekannt wurde, war bereits drei Tage zuvor ein ähnliches von General Watter vorausgegangen, woraufhin der Generalstreik im Ruhrgebiet wieder voll aufgeflammt war.

Gewerkschaften, SPD, USPD und KPD forderten eine bindende Zustimmung der Regierung zum Bielefelder Abkommen, ein Ende des Militäreinsatzes und die Abberufung Watters. Die SPD Niederrhein schrieb an die Regierung, dass sie das Ultimatum, das auch praktisch ganz unerfüllbar war, nicht anerkenne: “Die gesamte Reichswehr ist eine Gefahr für die Republik und den Sozialismus (…) Wir ersuchen deshalb dringend, sofort zu veranlassen, daß die an der Grenze des rheinisch-westfälischen Industriegebiete zusammengezogenen Reichswehrtrupen sofort in ihre Standorte beordert werden.” Der Generalstreik wird jedoch in Berlin nicht wieder aufgenommen – ein weiteres riesiges Versäumnis von KPD und USPD. Gietinger schreibt: “Allgemein herrschte in den Berliner Arbeitergremien eine Überschätzung der eigenen Macht.”

Die Regierung vereinbart nun mit dem ADGB Waffenabgabe bis 2.4., 12 Uhr, sonst Standgerichte – gegen Watter “liegt nichts vor”. Die nach Münster eingeladenen Vertreter des Essener Zentralrats werden auf der Fahrt von Militärs verhaftet, mit Erschießen bedroht und elf Stunden festgehalten.

Die Truppen, ein Großteil von ihnen gerade erst auf der Seite des Putsches, sind in Stellung gebracht, und im Ruhrgebiet, wo wegen der Abriegelung wie im April 1919 eine Hungersnot droht, ist laut Hagener Oberbürgermeister Cuno die “Arbeiterschaft überzeugt, dass der weiße Terror nach ungarischem Muster durch eine Militärdiktatur Watter beabsichtigt ist, sie ist erfüllt von verzweifelter Entschlossenheit”. Während viele zunächst bereit waren, im Vertrauen auf die Abmachungen mit der Regierung, also auf die Auflösung der Putschtruppen und Bildung demokratischer Ortswehren, die Waffen niederzulegen und den hartnäckig kämpfenden Westteil der Roten Armee vor der Festung Wesel notfalls selbst zu entwaffnen, sind sie nun wieder alarmiert.

Und während die SPD-Parteizeitung “Vorwärts” als Titelschlagzeile “Kein Einmarsch in das Ruhrgebiet!” verkündet (siehe Bild), dringt die Brigade Faupel schon jetzt am 31. März ins Ruhrgebiet ein, besetzt Haltern, erschießt dort 32 gefangene Arbeiter und nimmt weitere willkürliche Massenerschießungen von z.T. Unbeteiligten und Denunzierten vor. Die Brigade Epp rückt auf Hamm vor und erschießt in Herringen drei Männer “standrechtlich”.

Staatskommissar Carl Severing, der gerade das Ultimatum der Regierung gestellt hatte, will am gleichen Tag von den Entente-Mächten die Erlaubnis für den Einmarsch in die “neutrale Zone”. Frankreich fürchtet jedoch die Rote Ruhrarmee weniger als die Reichswehr, und es kommt schließlich tatsächlich zur Besetzung von Frankfurt, Homburg, Darmstadt und Hanau am 6.4. – dennoch findet der Einmarsch der Reichswehr statt, die Aufhebung von Versailles und auch ein neuer Krieg werden von der Regierung in Kauf genommen, um die Arbeiter von Putschtruppen niedermachen zu lassen.

Anderswo waren zwischenzeitlich am 29.3. die Toten der Schlacht um Halle von 30.000 Menschen zu Grabe getragen worden und tags zuvor hatte Max Hoelz in Plauen, mitten im nach wie vor “roten” Vogtland, vor 15.000 Menschen über die Ziele der Revolution gesprochen, die in erreichbare Nähe gerückt seien.

Was dem Ruhrgebiet in den nächsten Tagen blüht, lässt der Tagesbefehl 5 der Reichswehr-Gruppe Haas für den 1. April erahnen, der in einem ideologischen Rundumschlag die aus der Konterrevolution entstandenen Feindbilder zusammenfasst und die Arbeitermilizen zu einer osteuropäisch-bolschewistisch geführten Lumpenarmee erklärt: “Denn was steht uns gegenüber? Das sind nicht die deutschen Brüder, von denen mancher Hetzer redet, der sich selbst wohlweislich im Hintergrund hält. Uns gegenüber steht der ungeordnete Haufen jener Elemente, die nicht bodenständig sind, sondern durch die Lockungen der großstädtischen Industrie in den Ruhrbezirk gezogen sind. Einen besonders großen Anteil stellen Nichtdeutsche. Vor allem die in großer Zahl eingeströmten polnisch-russischen Massen, die nicht gelernt haben, sich der staatlichen Ordnung Deutschlands zu fügen, deren Vorteile sie oft lange genug genossen haben, die z.T. auch aus dem Osten das Gift des Bolschewismus mitgebracht haben. Die Führung haben in größerer Zahl Bolschewisten-Offiziere übernommen. So stehen wir einem Gesindel gegenüber, das aus den Unruhen vor allem persönlichen Nutzen und Bereicherung zu ziehen sucht. Der Erfolg ist für uns ja zweifellos; solche Feinde halten im Ernst nicht stand. Es ist bitter für jeden echten Soldaten und guten Deutschen, in der eigenen Heimat mit einem solchen Gegner fechten zu müssen. Aber die Rettung Deutschlands vor dem Bolschewismus, vor der schwersten Katastrophe, fordert von uns getreue Pflichterfüllung auch in diesem Kampfe.”

Dieser Pflichterfüllung werden noch einmal Hunderte zum Opfer fallen.

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Radio Corax hat die Sondersendung zur Schlacht um Halle nun aufbereitet und veröffentlicht.

Übersichtsposting zum März/April 1920: Revolution 1920 Übersicht

Übersicht aller Postings zu Revolution und Konterrevolution vor hundert Jahren: Revolution in Deutschland 1918-23.

Älterer Mann Botschaft: “Niemand will’s gewesen sein, alle sind’s!”

March 30th, 2020

Der ältere Mann und Bürger des Freistaats Sachsen hat sich wieder geschämt und musste mal was loswerden zu dem ganzen Irrsinn, der gerade läuft:

Revolution 1920, Teil VI: Das Bielefelder “Abkommen”

March 22nd, 2020

Am 23. März 1920 trafen Vertreter der Regierung und der Roten Ruhrarmee eine Vereinbarung, die als Bielefelder Abkommen bekannt wurde: Einstellung der Kampfhandlungen, die Entwaffnung, Auflösung und Bestrafung der Putschtruppen, sofortige Sozialisierung der dafür reifen Betriebe und Einrichtung demokratischer Ortswehren. “Ob es ein wirkliches Abkommen war, kann bezweifelt werden”, schreibt Klaus Gietinger, “denn die Vetreter der Roten Ruhrarmee im Westen waren draußen, die Regierungsvertreter hatten keine Vollmacht, die Reichswehrbeobachter unterschrieben es nicht und Severing [von der Regierung] wollte ja eigentlich nur die Spaltung” der östlichen und westlichen Kampfleitungen im Ruhrgebiet, die sich tatsächlich über dieses Abkommen entzweien.

Am Vortag war der Generalstreik reichsweit offiziell für beendet erklärt worden (USPD und KPD forderten die Fortsetzung), die Kämpfe außerhalb des Ruhrgebiets waren (bis auf das Vogtland) mit dem Ende der Schlacht um Halle (siehe auch) weitgehend vorüber. Dort war eine Reichswehr-Verstärkung von 1000 Mann aus Magdeburg mit Maschinengewehren, einem Geschütz und einem Panzerwagen den Arbeitern im Norden der Stadt in den Rücken gefallen, erbitterte Kämpfe brachen aus. Eine Gruppe von 20 Jungkommunisten unter Führung von Willi Zschammer, die schließlich am Galgenberg den Abzug der Arbeiterwehren deckten, wurden dabei aufgerieben, viele werden von Granaten zerfetzt, einige von Soldaten beim nachfolgenden Angriff erschossen – zehn von ihnen fallen, acht werden teilweise schwer verwundet. Noch die sich auflösenden Verbände der Arbeiter werden von der Reichswehr attackiert und erleiden hohe Verluste. Es folgen Hausdurchsuchungen, 100 Festnahmen und zahlreiche Misshandlungen in Halle, zwei Arbeiter wurden “auf der Flucht erschossen”. Die Reichswehrtruppen ziehen ab ins Ruhrgebiet, dennoch kommt es in den folgenden Tagen in der weiteren Umgebung von Halle zu weiteren Kämpfen, in Quedlinburg sterben dabei 18 Arbeiter. In Eisleben lassen die Arbeiter nach heftigen Gefechten wegen eines gefälschten Befehls vom Aktionsausschuss einen Panzerzug abziehen. Gietinger: “Es gelang den Putschisten aber nicht, Eisleben zu erobern.”

Die Rote Ruhr hatte sich stabilisiert und störte weiter den neuen Frieden zwischen Regierung und Reichswehr. Vor allem durch Vorstöße nach Norden und Westen war nun ein zusammenhängendes Gebiet zwischen Lippe und Ruhr sowie das Bergische Land unter Kontrolle der mittlerweile schätzungsweise 50.000 “Rotgardisten” – 100 in wenigen Tagen aufgestellte Kompanien, von denen 50 nach ihrem Heimatort heißen, 30 nach Kommandeuren und 13 nach Arbeiterführern wie Luxemburg, Liebknecht, Eisner, Haase, Bebel. Neben der Zentrale in Hagen (USPD, SPD, DDP) und dem parteiübergreifenden Aktionsausschuss in Essen bildet sich Im Westen des Ruhrgebiets (Mülheim, Duisburg, Hamborn) eine dritte, syndikalistisch und linkskommunistisch orientierte Kampfleitung, die im Bielefelder Abkommen (zurecht) eine Falle sieht und die, anders als Hagen und Essen in Vertrauen auf die Vereinbarung, den Kampf nicht einstellen will.

Im westlichen Ruhrgebiet war bereits Anfang 1919 die Forderung nach “Sozialisierung von unten” besonders laut gewesen, also nach direkter Vergesellschaftung vor allem der Bergwerke durch die Belegschaften, und auch jetzt werden wirtschaftliche Betriebsräte eingerichtet, die allgemein Löhne erhöhen, den Lohn der Frauen auf drei Viertel der Männer anheben. Gietinger schreibt zu deren Lage: “Frauen mussten ihren Arbeitsplatz ‘heimkehrenden’ Männern überlassen. Amelie Schaumann war die einzige Frau, die bei den Räten etwas zu sagen hatte. Von Emanzipation sprach kaum noch jemand. Nun, die Räte im Pott hatten auch nur 14 Tage Zeit, ein anderes Leben zu leben und sicherlich wäre andernfalls die Basis- und Rätedemokratie weiter fortgeschritten und es wäre auch zu Vergesellschaftungen von unten und zu mehr Beteiligung von Frauen gekommen.” In der Roten Ruhrarmee sind Frauen, anders als teilweise noch 1919, nicht als Kämpferinnen, sondern nur als Krankenschwestern im Einsatz (es melden sich so viele, dass ein großer Teil abgewiesen wird) – die Phantasie der Freikorps malt sich dennoch “bewaffnete rote Huren” aus, entsprechende Gräuel werden später folgen.

Während die Regierung ihre Truppen, die zum Großteil gerade erst auf der Seite des Putsches gestanden hatten, um das Ruhrgebiet zusammenzieht und die Auswirkungen von Bielefeld abgewartet werden, erklärt Innenminister Koch-Weser zur Vereinfachung des Feindbildes die gesamte Rote Ruhr zu “Kommunisten” und Ebert denkt laut nach: “Man muss keine Nahrungsmittel und kein Papiergeld schicken”, Schuchtmann (auch SPD) sagt es deutlicher: “Aushungern”. Das war bereits Ende April 1919 neben der brutalen Besatzung das Hauptmittel der Regierung und des Militärs gewesen, um den Generalstreik im Ruhrgebiet zu beenden.

General Watter, der von Münster seine Truppen aufmarschieren lässt, gibt am 22.3. einen Geheimbefehl heraus: “In jedem Bewaffneten ist der Feind zu sehen. Unbewaffnete Massen haben ebenfalls auf der Straße nichts zu suchen. Sie müssen durch Feuer zersprengt werden.” Tags zuvor war die Marinebrigade Ehrhardt aus Berlin abgezogen und hatte am Brandenburger Tor noch mal in die Menge geschossen (siehe Bild zum Posting). Am gleichen Tag wurde auch anderswo in Berlin in Menschenmengen gefeuert, und es kam zu Kämpfen in Adlershof, bei denen 7 Arbeiter, aber auch 24 von der Reichswehr, überwiegend Studenten, starben – 9 Arbeiter werden hinterher an die Wand gestellt. Es wird oft vergessen, schreibt Gietinger, dass auch in Berlin “200 Menschen als Folge des Putsches” starben.

Zu Halle: Das Lied “Schlacht am Galgenberg”, gedichtet von Manfred Bieler und vertont vom Oktoberklub (DDR).

Übersichtsposting zum März/April 1920: Revolution 1920 Übersicht

Übersicht aller Postings zu Revolution und Konterrevolution vor hundert Jahren: Revolution in Deutschland 1918-23.

Revolution 1920, Teil V: Keine Arbeiterregierung, aber Rote Ruhr

March 20th, 2020

Am 20. März 1920 kehrt die Regierung Ebert aus Stuttgart nach Berlin zurück, bläst den Streik ab, ignoriert alle Pläne einer Arbeiterregierung und erfüllt außer der Auswechslung Noskes praktisch keine Forderung der Gewerkschaften. Gleichzeitig wird um Halle erbittert gekämpft und die Rote Ruhrarmee erobert innerhalb von Tagen das gesamte Ruhrgebiet.

Ausschnitt einer Karte zum Vorrücken der Roten Ruhrarmee zu sehen (ganz: http://bit.do/KarteRuhraufstand) ,
daneben der Verweis auf Radio Corax, das heute die geplante Veranstaltung zur “Schlacht um Halle” (https://www.facebook.com/events/130352611612763/) als Sondersendung im Mittagsmagazin bestreitet.

Die Vereinbarung der Regierung mit den Gewerkschaften beinhaltet nicht nur keine Arbeiterregierung, sondern auch keine sofortige Sozialisierung (nur wie vorher irgendwann Sozialisierungskommission) und auch keine Enteignung putschfreundlicher Grundbesitzer. Das ist für USPD und KPD , aber auch für viele SPDler (besonders im Ruhrgebiet) nicht akzeptabel, der Streik wird vielerorts fortgesetzt. Außer Reichswehrminister Noske muss auch Vizekanzler Schiffer nun gehen; schon für den Sommer werden, wie von den Putschisten gefordert, Neuwahlen angekündigt.

Nachdem die Reichswehr in den Tagen zuvor fast überall im Reich Truppen freisetzen konnte, sammelt sie diese nun zum Angriff aufs Ruhrgebiet. In vielen Städten hatten Führer der SPD, aber auch der USPD und KPD teilweise eigenmächtig nach Putschende entschieden, die Waffen niederzulegen und die Reichswehr abziehen zu lassen, so Lipinski (USPD) schon am 17. März in Leipzig, was aber den weiter kämpfenden Arbeitern erst zwei Tage später bekannt gemacht wird, als der zwischenzeitlich aufgehobene verschärfte Ausnahmezustand schon wieder ausgerufen ist. Die Siege verwandeln sich so durch Kapitulation der Führungen ohne Not in Niederlagen, die so hart erkämpfte Durchsetzungsgewalt für die Forderungen nach Auflösung der Reichswehr und nach Sozialisierung wird sinnlos aufgegeben, bevor sie durchgesetzt sind.

Außerhalb des Ruhrgebiets gibt es nach wie vor bewaffneten Widerstand, so im Vogtland und vor allem im Mitteldeutschen Industriegebiet, wo nun um Halle eine Schlacht entbrennt. Schon seit dem 15. waren am Stadtrand Tausende bewaffnete Arbeiter zusammengeströmt, die im Laufe der Woche nach Trotha, Kröllwitz, Glaucha und am Galgenberg vorstoßen können. Ab dem 19. März wird auch in der Innenstadt gekämpft, Barrikaden werden gebaut. Da die Reichswehr schwere Waffen wie Minenwerfer einsetzt, kommen auch Unbeteiligte ums Leben. Es gibt 27 Tote auf Seiten der Reichswehr, bei den Arbeitermilizen 300 – doch sie kontrollieren jetzt große Teile von Halle um Umgebung.

Der Vorstoß der Roten Ruhrarmee beendet unterdessen im Westen vorübergehend den Terror, der anderswo weitergeht oder nochmals eskaliert, wie durch in Thüringen einmarschierende Freikorps aus Marburg. Die drei Abteilungen der Roten Ruhrarmee, die jetzt von Hagen aus parteienübergreifend (USPD, KPD, SPD, DDP), bald auch von Essen aus geleitet wird und schon Zehntausende Kämpfer umfasst, überwiegend Bergleute und Arbeiter, vereidigt auf das “Programm der revolutionären Arbeiterschaft” und den Sozialismus, kontrollieren im Süden das Bergische Land, ziehen im Norden gegen das Reichswehrzentrum Münster und führen den Hauptstoß gegen Westen.

Essen hatte auf dem Weg nach Mülheim gelegen, wo die Rote Ruhrarmee das verhasste Freikorps Schulz angreifen wollte, die 1000 Mann Sipo, Polizei und Einwohnerwehr in Essen fühlten sich sicher, wussten nicht, dass aus Dortmund und Hagen herbeigeeilte Arbeitergruppen im Osten unmittelbar vor der Stadt standen. Bei ersten Kämpfen kommt es zu Gräueltaten von Polizisten, vor der Hauptpost gibt es Schüsse der Einwohnerwehr nach Feuereinstellung der Arbeiter, Arbeiter feuern und bringen zwei der drei ersten Sipos um, die sie aus der Post holen. Am Wasserturm, später lange Zeit Schulbeispiel für angeblichen “roten Terror”, wurde erst auf Parlamentäre der Arbeiter gefeuert, dann gab es Kämpfe mit Toten, bei denen 9 der 46 Besatzungsmitglieder getötet wurden. Später wurden dann alle Toten des Gefechts zu Opfern der “Roten” erklärt.

Am 19. März ist Essen in der Hand der Arbeiter, die Reichswehr räumt ihre Truppen. Danach fallen am 20. März die meisten Städte des Ruhrgebiets an die Rote Armee. Gietinger schreibt: “Doch weder wurde geplündert, vergewaltigt und getötet, wie es die Freikorps, die Reichswehr und die Regierung dem ‘Bolschewismus’ unterstellten, noch wurde der Kommunismus eingeführt. Nicht einmal die politische Macht wurde ganz ergriffen. Man hatte das Militär geschlagen, hatte eine Arbeiterarmee und kontrollierte die Verwaltung. Mehr wollten die meisten erstmal nicht.” Bis auf die Syndikalisten fordern nur vereinzelte Stimmen eine volle Machtübernahme durch die Räte, die “Sozialisierung von unten” ist jedoch populär.

Im stark syndikalistischen Hamborn (heute Teil von Duisburg und schon 1919 ein Zentrum der Massenstreiks) erobern Arbeiter ein Geschütz, mit dem ihre Häuser beschossen worden waren, dann wird auf die in Richtung der nördlich gelegenen Festung Wesel abziehenden Freikorpstruppen “andauernd aus Häusern und Kellerluken, von Dächern und Fabriken, von Halden und Bahndämmen, ja selbst aus Kessel-und Maschinenhäusern geschossen, so daß sie in viele kleine Teile zerriss […] und häufig Fahrzeuge und Pferde ungedeckt auf der Hauptstraße stehenlassen mussten”, erinnert sich ein Soldat. Die Arbeiter erbeuten Gewehre, über 100 Minenwerfer, Flammenwerfer, Teile des Wagenparks.

Die zweite Abteilung der Roten Ruhrarmee, die sich Richtung Münster bewegt, bringt das ganze Gebiet an der Lippe unter ihre Kontrolle, Stoßtrupps kommen bis 7 Kilometer vor Münster, wo zwar ebenfalls fast die ganze Woche Generalstreik gewesen war und der Aktionsausschuss (ergebnislos) die Absetzung des Generals Watter forderte, der sich “abwartend” gegenüber den Putschisten verhielt und sie so begünstigte, doch die Stadt blieb in der Hand des Militärs, verstärkt durch Freikorps und eine akademische “Wehr”, deren drittes Bataillon vom damaligen vom Theologiestudenten Martin Niemöller geführt wird. Freiwillige für die Freikorps werden in der Stadt geworben, an die Niederschlagung der frühkommunistischen Wiedertäufer in Münster während des Bauernkriegs 1525 wird erinnert, die Sage von der Schlacht am Birkenbaum zwischen den “Völkern” des Nordens und Südens in der Gegend von Werl aufgewärmt – während ebenda tatsächlich am 20. März württembergische Truppen (und am 21. März erste bayerische) eintreffen.

***

Erich Mühsams Aneignung der Birkenbaum-Sage aus dem Juli 1915: “Glaubt nicht, die Schlacht am Birkenbaum sei nur ein Traum und eines Wahns Gebilde. Der schönste Sieg ist nicht mehr fern, da ohne Herrn Recht wird erstehn und Milde.” 

Übersichtsposting zum März/April 1920: Revolution 1920 Übersicht

Übersicht aller Postings zu Revolution und Konterrevolution vor hundert Jahren: Revolution in Deutschland 1918-23.

Revolution 1920, Teil IV: Putsch zuende, weiter Streik und Kämpfe

March 17th, 2020

Am 18. März 1920, einen Tag nach dem Abtritt erst von Kapp, dann von Lüttwitz (“Ich will dem Kampf gegen den Bolschewismus nicht im Wege stehen”) und damit dem Ende des Putsches, rufen der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB), die Arbeitsgemeinschaft freier Angestelltenverbände (AfA) und der Deutsche Beamtenbund in Berlin dazu auf, den Generalstreik bis zur Erfüllung ihrer Forderungen fortzusetzen: Rücktritt Noskes, Putschtruppen entwaffnen und auflösen, demokratische Armee schaffen, Mitwirkung der Gewerkschaften bei der Neuordnung der Verhältnisse – AfA zusätzlich: Übertragung des Sicherheitsdienstes an die organisierte Arbeitnehmerschaft. Das stimmt mit Forderungen republikanischer Offiziere vom RFDR überein.

Auch USPD und KPD wollen die Fortsetzung des Streiks, verlangen zusätzlich die Sozialisierung von Bergbau und Großindustrie, was sich auch in den Plänen des bislang eher “sozialpartnerschaftlich” orientierten Gewerkschaftsführers Legien (ADGB/SPD) findet. Der versucht, in Anerkennung der gerade offensichtlich gewordenen Mehrheiten, eine “Arbeiterregierung” aus SPD, USPD, KPD, den Gewerkschaften und Räten zu organisieren, was aber wegen der vorschnellen Ablehnung durch die USPD-Führung, die die Lage als viel zu günstig einschätzt, und schließlich wegen der Position der SPD-Regierungsvertreter gegen den Streik nicht zustande kommen wird.

Obwohl der Generalstreik vielerorts nur am Montag (15. März) voll befolgt worden war und etwa in Bayern und im Südwesten insgesamt nun vorbei ist, erreichen die Proteste und Kämpfe (fast immer einhergehend mit Streik) gerade in den industriellen Zentren, aber auch im ländlichen Mecklenburg, erst ihren Höhepunkt.

In Thüringen konzentriert sich das Kampfgeschehen um Gotha, den Gründungsort der USPD (und 1875 der direkten SPD-Vorläuferpartei SAPD). Ausgehend von Suhl und Zella-Mehlis, wo am Montag angreifende Reichswehr zur Kapitulation gebracht worden war und mehr als siebzig ihrer Soldaten einen Aufruf unterschrieben, ihre Kameraden sollen sich nicht weiter belügen lassen und die Waffen niederlegen, strömen Hunderte bewaffnete Arbeiter ins von Putschisten besetzte Gotha, erobern dort, vom Kampfstab in Petriroda koordiniert, fast alle strategischen Punkte. Putschisten locken durch Schwenken einer weißen Fahne etwa 30 Arbeiter in eine Falle, massakrieren sie mit Beilen, Spaten und Gewehrkolben, dann flüchten sie. 90 Tote der Kämpfe um Gotha werden auf Anweisung der Thüringer USPD-Regierung mit Landestrauer begraben. Die Landesregierung löst auch die Zeitfreiwilligenverbände auf und wirbt für den Eintritt in die Thüringer Volkswehrarmee unter August Creutzburg (USPD und Vorsitzender des Arbeiterrates der Waggonfabrik in Gotha), die bald 5000 Kämpfer zählt.

In Gera besetzten schon am Montag bewaffnete Arbeiter die Kaserne und alle anderen wichtigen Gebäude, nachdem die Putschisten (800 “Baltikumer”) in die Menge geschossen hatten – 14 Tote. Ein Aktionsausschuss fordert den Aufbau einer Roten Armee. Gietinger schreibt: “Die Glocken läuteten Sturm, Radfahrer jagten durch die Stadt, die Hörner der Arbeitersportler riefen die Bewaffneten zu den Sammelplätzen.” Aus Gera, Greiz, Weida, Werdau und Zeulenroda herbeigeeilte 2000 bewaffnete Arbeiter kesseln zwei aus Plauen anrückende Reichswehrbataillone ein, die kapitulieren müssen. In Weimar entwaffnen Volkswehren, nach tödlichen Schüssen der Putschisten, die Einwohnerwehren und Sipo, erzwingen am Freitag den Abzug der Reichswehr und Sipo aus der Stadt.

In Mecklenburg hatte der Generalstreik auch etwa zwei Drittel der Landarbeitskräfte erfasst. In den Städten hatten sich bereits am ersten Tag des Putsches Aktionsausschüsse gebildet, tags darauf ermordete die putschistische Reichswehrbrigade 9 unter dem Kolonialkriegsverbrecher Paul von Lettow-Vorbeck in Schwerin 14 Demonstrierende. In Rostock wurde das erste Arbeiterbataillon unter Karl Otto aufgestellt, bald waren 8000 Mann unter Waffen. Am 16. März umstellten etwa 700 Arbeiter auf dem heutigen Universitätsgelände etwa 600 in einer Kaserne verschanzte studentische Zeitfreiwillige und ein Reichswehrbataillon, das zur Unterstützung Bombenflugzeuge anfordert. Bei einem Ausbruchsversuch nun am 18. März gibt es einen Toten und mehrere Verletzte.

Das Baltikum-Freikorps Roßbach, 1000 Mann mit Artillerie, Panzerwagen, offiziell seit 28.1.1920 aufgelöst, beschießt die Stadt Waren mit Geschützen und MGs – 5 Tote. Arbeitskräfte aus Stadt und Land erheben sich, zwingen, wie in dem Dorf Gnoiden, die Großgrundbesitzer zur Herausgabe von Waffen oder heben Waffenlager der “Baltikumer” aus. Die Freikorpssoldaten gehen mit Terror vor: am 18. März werden Wilhelm Wittke und Johann Steinfurth, die als “Gutsrat” Landarbeiter organisierten, verhaftet und erschossen. Auch Franz Slomski, der in Dorf Mecklenburg den Generalstreik organisiert hatte, wird misshandelt und vor seiner Familie erschossen. Beim Angriff auf Wismar benutzen die Putschisten Geiseln als lebende Schutzschilde. Wismar, das wegen des besonders streng durchgeführten Streiks als “Hochburg der Kommunisten” gilt, wird am Freitag (19. März) erobert – 7 Tote.

Während sich in Magdeburg Arbeiter mit Soldaten verbrüdern, die Zeitfreiwilligen entwaffnen und die Offizieren verhaften, ist Halle zunächst durch 1500 Soldaten der Reichswehr und 3000 Bewaffnete der Einwohnerwehr und der Zeitfreiwilligen sowie Sipo besetzt, die Massenverhaftungen durchführen. Arbeiter des ganzen Mitteldeutschen Industriegebiets eilen in die Stadt. Ein Panzerzug und Panzerwagen, nach Eisleben zur Entwaffnung der Arbeiter geschickt, entgehen nur knapp der Einkesselung und werden nach Halle zurückgezogen. Am Freitag (19. März) kommt es zu einer regelrechten Schlacht, die Arbeiter dringen immer weiter in die Stadt vor und errichten Barrikaden.

Aus Kiel wird die Marinebrigade Loewenfeld am 18.3. vertrieben, aus Hamburg kann sich das Freikorps Sieveking mit 500 Mann nach Mecklenburg absetzen. In Harburg lässt Leutnant Berthold, Baltikumer mit Eiserner Schar aus Stade, in die Menge schießen, wird zur Kapitulation gezwungen, lässt erneut feuern, wird schließlich erschlagen. In Hannover, einer SPD-Hochburg, schießt das Freikorps Hindenburg aus Celle auf eine Demonstration vor dem Gewerkschaftshaus: elf Tote. Daraufhin kommt es zu vereinzelten Entwaffnungsaktionen, der Generalstreik wird bis Freitag fortgesetzt. Braunschweig beschäftigt Sipo, Zeifreiwillige und Einwohnerwehr mit Demonstrationen, es können keine Truppen für die Ruhr freigesetzt werden. In Kassel wird am 18. März in eine Demonstration vor dem Gebäude des Gruppenkommandos gefeuert, 17 Menschen liegen tot in ihrem Blut, 43 werden schwer verletzt. In Frankfurt/Main, wo Polizeireviere und die Sipo-Wache am Hauptbahnhof gestürmt worden waren, gelingt es nicht, die Gutleut-Kaserne im Gallus zu erobern – 14 Tote und über 150 Verletzte. In Nürnberg schießen Studenten aus Erlangen am 17. März in die Menge und verfolgen noch die Fliehenden – 23 Tote und 50 Schwerverletzte. In Hof, einer USPD-Hochburg, bewaffnen sich die Arbeiter, werden aber von Zeitfreiwilligen aus München wieder entwaffnet.

In Cottbus formierte sich als Reaktion auf ein Massaker eine 3000 Mann starke Rote Garde. Sie verwickelt die Putschisten in heftige Kämpfe, Cottbus fällt als Verkehrsknoten zwischen Berlin, Sachsen und Schlesien aus. Breslau ist ein Heerlager mit 10.000 Mann Freikorps, eine “präfaschistische Terrorherrschaft” (Gietinger): die SPD-Zeitung wird zensiert, ihre Druckmaschinen zerstört, es gibt mindestens sieben Tote bei wahllosen Schüssen in die Menge, weitere Morde, eine Verhaftungswelle gegen Arbeiter, die im Gefängnis mit Knüppeln, Handgranaten, Koppelriemen und Reitpeitschen traktiert und gefoltert werden.

Im Ruhrgebiet hatten sich bei der entstehenden Roten Ruhrarmee Kampfleitungen gebildet, Reichswehr-General Watter hatte befohlen das Bergische Land aufzugeben, sucht schließlich aber eine “Entscheidungsschlacht” bei Remscheid, das von etwa 20.000 Arbeitern gestürmt wird. Eliasberg schreibt: “In Remscheid wurde ein formidabler Gegner, keine einzelnen Kompanien oder Hundertschaften, systematisch eingekreist”. Die Putschisten fliehen nach Köln, werden dort von der englischen Besatzungsmacht interniert. Die Arbeiter haben es im Verlauf der Kämpfe mehrfach geschafft, den Gehorsam der Truppen zu brechen, sie haben schwere Waffen erbeutet und sich in die Position gebracht, insgesamt zur Offensive überzugehen und die Reichswehr aus dem ganzen Ruhrgebiet zu vertreiben. Um den 17./18. März, haben Militär und Sipo noch die Oberhand, verüben noch mehrere Massaker mit Dutzenden von Toten, doch dann erobert die Rote Ruhrarmee Wattenscheid, Gelsenkirchen und am 19. März Essen. (Dazu später noch mehr.)

Am Ende des Putsches war es den Militärs nur noch um eine Garantie der Straffreiheit gegangen, nun kommt die Regierung den Putschisten und der Reichswehr immer weiter entgegen und will sich mit ihnen gegen die Streikenden verbünden. Innenminister Koch-Weser sieht Deutschland “am Vorabend des Bolschewismus”. Vizekanzler Schiffer (DDP), der noch zehn Tage vorm Putsch in der Nationalversammlung den Einsatz von Giftgas gegen Aufständische verteidigt hatte, kündigt eine Amnestie fürs Militär, baldige Neuwahlen, Direktwahl des Reichspräsidenten und eine Regierungsumbildung an – “alles Kapp-Forderungen, die faktisch alle später umgesetzt wurden” (Gietinger).

Neuer Reichswehr-Chef wird Hans von Seeckt, der eben noch auf der Seite der Putschisten gestanden hatte. Er verhängt den verschärften Ausnahmezustand mit Standrecht für fast das gesamte Reichsgebiet. Gleich am 18. März hetzen Schiffer und Seeckt in einem gemeinsamen Aufruf im Namen der Reichsregierung Soldaten gegen die streikenden Arbeiter auf: “Der Generalstreik bricht zusammen … Lasst Euch nicht irremachen durch bolschewistische und spartakistische Lügen. Bleibt einig und stark. Macht Front gegen den alles vernichtenden Bolschewismus.”

In Berlin steht nach wie vor die Brigade Ehrhardt, die mit den Hakenkreuzen am Helm. Gietinger: “Mit Ausnahme von Potsdam war es der Konterrevolution nicht gelungen, die Umgebung Berlins unter ihre Kontrolle zu bringen. Der Machtbereich von Lüttwitz’ und Ehrhardts Truppen endete schon an der Stadtgrenze.”

Barrikade quer über die damalige Tauchaer Straße (heute: Rosa-Luxemburg-Straße) am Listplatz in LEIPZIG, die von bewaffneten Arbeitern bewacht wird.
(Quelle: https://wortblende.wordpress.com/2018/11/21/treffpunkt-listplatz/)

Übersichtsposting zum März/April 1920: Revolution 1920 Übersicht

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Revolution 1920, Teil III: Generalstreik, erste Kämpfe

March 14th, 2020

Am Montag, dem 15. März 1920, weitet sich der Generalstreik, der am Samstag als Reaktion auf den konterrevolutionären Kapp-Putsch eingesetzt hatte, auf mehr als zehn Millionen Streikende aus, es wird nun auch in Stuttgart und in Bayern gestreikt. Zusätzlich verstärkt durch die Massaker der Putschtruppen (40 Tote bei Schüssen in die Menge in Leipzig, 60 in Dresden) wachsen die Anstrengungen, diese zu ent- und sich gegen sie zu bewaffnen, als erstes in Sachsen, Thüringen und im Ruhrgebiet.

Auch wenn der Streik und die übrigen Abwehrmaßnahmen hauptsächlich von den organisierten Arbeitskräften und ihren Parteien, Gewerkschaften und Räten getragen werden, schließen sich auch linksliberale und bürgerliche Kräfte an, beteiligen sich DDP und Zentrum an einigen Aktionsausschüssen, auch an der Organisation von Gegenwehr.

Die Selbstbewaffnung der Bevölkerung bricht den Ausnahmezustand, der seit einem Jahr nur mit kurzen Unterbrechungen in weiten Teilen des Reiches bestanden hatte. In Chemnitz werden “mühelos die Zeitfreiwilligen entwaffnet, die politischen Gefangenen befreit und eine Arbeiterwehr aufgestellt” (Gietinger). In Plauen umzingeln Arbeiter Reichswehr-Lkws und beschlagnahmen die Waffen. In Leipzig kesseln Arbeiter unter andauernden Feuergefechten die Reichswehr und Zeitfreiwilligenverbände in einer Kaserne und der Universität in der Innenstadt ein. Die Arbeiter bauen Barrikaden und bewaffnen sich durch Haussuchungen bei Zeitfreiwilligen und in Studentenverbindungshäusern, zusätzlich kommen Waffen aus Halle und den Gewehrfabriken in Suhl. Selbstbewaffnung und Entwaffnung von Putscheinheiten und Einwohnerwehren gelingt u.a. in Borna, Frankenberg, Hermsdorf, Hohenstein-Ernstthal, Mügeln (der heutige Teil von Heidenau), Oschatz, Pirna, Riesa, Wurzen und Zeithain.

Nirgendwo flammt der Widerstand jedoch so heftig auf wie im Ruhrgebiet, das seit Anfang März ohnehin in einen Massenstreik gesteuert war. 1500 aus der Umgebung zusammengeströmte bewaffnete Arbeiter stürmen den Bahnhof von Wetter und besiegen dort eine Vorhut des einrückenden Freikorps Lichtschlag, das sich zum Putschisten Lüttwitz bekennt, etwa 6 Arbeiter und 10 Soldaten kommen dabei ums Leben. Gietinger schreibt: “Ein erster Sieg nach den vielen Niederlagen in der Revolution 1918/19 wirkte euphorisierend.” Und Eliasberg im “Ruhrkrieg von 1920”: “Zum ersten Male wurde eine Abteilung des Heeres von Arbeitern besiegt, die noch am Vortage weder Waffen noch eine erkennbare Organisation hatten.” Es ergab sich erstmals die “Möglichkeit des erfolgreichen Kampfes größerer Arbeiterformationen”.

In den folgenden Tagen zwingen noch größere Mengen bewaffneter Arbeiter in Kamen und Herdecke Freikorps-Verbände zur Kapitulation, bis zum Mittwoch ist auch Dortmund, wo der Streik zwischenzeitlich schon wieder eingestellt worden war, nach einem Angriff durch 12.000 Arbeiter in der Hand der sich nun herausbildenden Roten Ruhrarmee, in deren Reihen sich nicht nur Anhänger der USPD, KPD und der Syndikalisten befinden, sondern auch viele SPDler und einige Liberale und Bürgerliche. Polizei und Sicherheitswehr werden entwaffnet, die vollziehende Gewalt geht auf den Aktionsausschuss über, die Offiziere können aber fliehen.

Derweil gibt es auch im Ruhrgebiet weiter Terror von Seiten der Putschisten. In Elberfeld greift das Freikorps Hacketau eine Menge Protestierender mit Schüssen (“Straße frei!”) und schließlich mit Handgranaten an. In Hahnerberg werden Arbeiter aus Solingen von der Sicherheitspolizei mit Maschinengewehrfeuer belegt, es gibt Tote und Verwundete, die Sipo durchsucht Häuser. “Wie in Belgien”, kommentiert eine SPD-Zeitung, auf die Besatzungspraxis während des Weltkriegs anspielend. Beim Einmarsch in Heiligenhaus am Dienstag wird sofort ohne Vorwarnung geschossen, drei Tote, “darunter ein spielender Junge und eine Frau am Fenster.” In Mülheim räumt die Polizei eine Menschenmenge vor der Kaserne, während das Freikorps Schulz einen Arbeiter erschießt und Handgranaten in die Menge wirft. In Werden wird die Einwohnerwehr entwaffnet, Freikorps schießt in eine Demonstration, 4 Tote. In Oberhausen schießen Polizei und Zeitfreiwillige auf Streikende, 4 Tote. Eine Kompanie des 62. Regiments greift die Rheinischen Stahlwerke in Duisburg-Beeck an, verjagt die Arbeiter und nimmt Geiseln. Gietinger: “Der Angriff auf eine Fabrik war selbst im Ruhrkampf einmalig.”

Der Putsch selbst steht unterdessen kurz vorm Zusammenbruch. Nicht nur Generalstreik und Verweigerung der Verwaltung – auch die Reichsbank gibt Kapp kein Geld.

Die nach Stuttgart geflohene Regierung Ebert-Bauer redet sich öffentlich die Lage schön. Bauer erklärt der Presse, die Reichswehr stünde überwiegend auf dem Boden der Reichsverfassung. Innenminister Koch-Weser muss jedoch anerkennen: “Überall dort wo sich die Reichswehr als aufrührerisch erwiesen hat, ist sie von der Arbeiterschaft und den Linksstehenden niedergeschlagen und entwaffnet worden.”

Bild zeigt Angehörige der Roten Ruhrarmee in Dortmund

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Revolution 1920, Teil II: Putsch und Streikbeginn

March 13th, 2020

Als in den Morgenstunden des 13. März 1920 konterrevolutionäre Freikorps-Truppen, viele mit Hakenkreuzen an den Helmen, in der Hauptstadt einmarschieren und – gedeckt von Sicherheitspolizei und Reichswehr, angeführt von deren ranghöchstem Offizier Lüttwitz – die Regierung Ebert aus Berlin verjagen, wissen Millionen im ganzen Land sofort, was zu tun ist.

Gewarnt durch das Blutbad vorm Reichstag im Januar und die Vortags-Nachrichten vom bevorstehenden Putsch, wird die Nachricht von der reaktionären Machtergreifung fast überall im Land als Streikaufruf weitergegeben, vielerorts sofort umgesetzt. (Filmische Nachempfindung davon.) Im Laufe des Samstags bringen die Regierung Ebert und die Gewerkschaften wie auch die Arbeiterparteien Aufrufe zum Generalstreik heraus, was die Masse der Streikenden weiter vergrößert. Auch die Beamtenschaft verweigert sich. Am Montag werden etwa 10 Millionen streiken, dazu später noch mehr.

Offizielles Oberhaupt der Putschregierung ist Wolfgang Kapp, bereits im Weltkrieg Organisator der völkisch-nationalistischen “Vaterlandspartei”, nach dem Krieg dann der stärker konterrevolutionär ausgerichteten “Nationalen Vereinigung”, gleichzeitig Aufsichtsrat der Deutschen Bank, kurz: mit großen Teilen der militärischen und ökonomischen Eliten verbunden. Dennoch ist die Putschregierung von Anfang an kaum handlungsfähig – zum einsetzenden Streik kommt die Abwesenheit ihres wichtigsten organisatorischen Kopfes Pabst bis in den Nachmittag und die Flucht der vorgewarnten abgesetzten Regierung Ebert. (Zur Vorgeschichte kurz)

Die Proklamationen der Putschisten, in denen sie ihre bekannten Forderungen nach Militarisierung und Kriegswirtschaft (mit Todesstrafe für Streik) zu Gesetzen erklären wollen, erreichen kaum jemanden. Sie hatten “zwar keine Unterstützung im Volk, dafür aber regen Zuspruch beim reichsweit stationierten Militär”, schreibt Klaus Gietinger. “Die putschenden Freikorps und die dem Putsch zustimmenden oder mit ihm sympathisierenden Reichswehreinheiten, ja selbst die, die zu der aus Berlin vertriebenen Regierung noch loyal zu stehen vorgaben (obwohl sie ja gegen den Putsch nichts unternahmen), waren allesamt zu sofortigen gewalttätigen Aktionen gegen den Abwehrkampf der Arbeiter und Arbeiterinnen entschlossen. An zahlreichen Orten der Republik schossen sie ohne Vorwarnung in die demonstrierenden oder streikenden Verteidiger der demokratischen Republik.”

Gleich am ersten Tag des Putsches feuert die Marinebrigade Ehrhardt am Halleschen Tor in die Menge, drei Passanten werden getötet. Auch anderswo in der Stadt wird nach dem Prinzip “entleerter Platz” vorgegangen: am Wilhelmsplatz, am Potsdamer Platz und in Steglitz wird zum Teil mit Maschinengewehren in Menschenmengen geschossen, es gibt Dutzende Tote und Schwerverletzte.

Doch so erdrückend das Kräfteverhältnis in der Hauptstadt vor allem wegen der schweren Waffen ist und so umfassend die Mitwirkung bis Duldung des Putsches durch die Reichswehr insgesamt, formieren sich vor allem die organisierten Arbeitskräfte in den Vororten Berlins, in Sachsen und Thüringen, bald auch im Mitteldeutschen Industriegebiet, im Ruhrgebiet, in Mecklenburg umso entschlossener zur Gegenwehr. Aktionsausschüsse bilden sich, die seit Januar teilweise schon wiederbelebten Räte beginnen sich zu bewaffnen bzw. planen die Entwaffnung der Putschisten.

“Chemnitz”, schreibt Gietinger, “das keine Reichswehrgarnisonen, sondern nur ein Zeitfreiwilligen-Bataillon beherbergte, entwickelte sich zu einem Zentrum des ostdeutschen Arbeiter-Widerstands. Schon am 13. März 1920 erklärte ein Aktionsausschuss aus SPD, KPD und USPD, er habe in ‘Chemnitz und Umgegend die politische Macht und vollziehende Gewalt übernommen’. Technische Nothilfe und Bürgerrat wurden für aufgelöst erklärt, Wahlen zu Räten und Aktionsausschüssen verkündet und am 15. März durchgeführt: zehn Abgeordnete für die KPD, neun SPD und je einer USPD und DDP.”

In Leipzig finden Protestversammlungen in 18 großen Versammlungslokalen statt. Als am nächsten Tag, Sonntag den 14. März 1920, Tausende auf die Straßen Leipzigs strömen, schießt das bürgerlich-studentische Zeitfreiwilligenregiment der Reichswehr an drei Plätzen in die Menge, 40 der Demonstrierenden werden getötet, 100 verletzt.

Die Regierung Ebert auf der Flucht bestreitet unterdessen ihren Aufruf zum Generalstreik, schon gegenüber General Maercker in Dresden, der sie beinahe festsetzt, noch mal dann gegenüber Generalmajor Haas in Stuttgart, in dessen Schutz sich Ebert, Noske und die übrige “Weimarer” Regierung, bald die Nationalversammlung begeben.

Das Bild zeigt Kapp-Putschisten am Potsdamer Platz in Berlin (Quelle)

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Revolution 1920 Teil I: Ultimatum von rechts oben

March 10th, 2020

Am 10. März 1920 gipfelt der Machtkampf zwischen der rechtssozialdemokratisch-liberalen Reichsregierung, die ihre militarisierte “Volksgemeinschaft” gegen den “Bolschewismus” weiter in der Form einer Präsidialrepublik betreiben will, und ihrer völkisch-antisemitisch gesinnten Militärführung, die monarchistisch-frühfaschistisch zur offenen Kriegswirtschaft (zurück-)strebt, im mündlichen Ultimatum des Armeeführers General von Lüttwitz (in der Bildmitte) an Reichspräsident Ebert.

Lüttwitz verlangt Staatsumbau und Nichteinhaltung der Entmilitarisierungsbestimmungen des Versailler Vertrags. Ebert und Reichswehrminister Noske (im Bild rechts) sollen selbstverständlich im Amt bleiben. Die wissen, dass eine offene Militärherrschaft gegen die nach wie vor revolutionär-demokratischen Massen überall im Reich nicht durchzusetzen ist. Noske warnt vor einem drohenden Generalstreik, verspricht Lüttwitz aber eine mögliche Lockerung der Versailler Bestimmungen. Nach dieser Unterredung, schreibt Klaus Gietinger, erwarten Ebert und Noske “reichlich naiv” Lüttwitz’ Rücktritt.

Als dieser ausbleibt und Noske trotz gezielter Täuschung seitens der Militärs und trotz seiner grenzenlosen Bereitschaft, sich von ihnen täuschen zu lassen, den drohenden Putsch ahnt, beurlaubt er tags darauf Lüttwitz und erlässt Haftbefehle gegen die Mitverschwörer Pabst, Kapp, Schnitzler und Grabowsky, am 12.3. gegen Oberst Bauer. Waldemar Pabst, seit Monaten der wohl wichtigste Organisator des Putsches, zentral schon beim Aufbau von Freikorps und Reichswehr ab Anfang 1919 und bei den ersten Putschversuchen vom Sommer 1919, wird gewarnt, hält den Putsch für verfrüht, taucht ab.

Seine Abwesenheit, als es am 13. März losgeht, sorgt wesentlich für das Scheitern des Putsches. So auch die Vorwarnung an die Regierung, die noch bis abends zuvor sich hatte vom Militär täuschen lassen, die sich nun aber in letzter Sekunde absetzen kann. Der entscheidende Faktor ist jedoch die spontane massenhafte Verweigerung der Bevölkerung fast im ganzen Reich: die mit den ersten Nachrichten vom Putsch bereits einsetzende Arbeitsverweigerung von den Fabriken bis in die Büros und Amtsstuben, die Versammlung auf den Straßen und die Selbstbewaffnung zum Kampf gegen die Putschisten.

Dazu mehr im nächsten Posting.

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Revolution 1920: Übersicht

March 1st, 2020

Im März 1920 erreichte die Revolution in der Abwehr des konterrevolutionären Kapp-Lüttwitz-Putsches einen letzten Höhepunkt. Sie war danach nicht zu Ende, aber sie hatte ihre letzte realistische Chance auf einen Sieg verpasst.

Zehntausende bewaffnete Arbeitskräfte in Stadt und Land, ein Generalstreik von mehr als zehn Millionen und das lagerübergreifende Zusammenwirken in der Organisation brachten eine “Arbeiterregierung” aus SPD, USPD und KPD zusammen mit den Gewerkschaften und den vielerorts (schon nach dem Blutbad vorm Reichstag im Januar) wiederbelebten Räten in greifbare Nähe: die Sozialisierung der Großbetriebe, die Zerschlagung der Reichswehr, die Entwaffnung aller konterrevolutionären Einheiten und Schaffung einer demokratischen Milizarmee, also die Erfüllung der Forderungen der Sozialdemokratie seit Jahrzehnten, waren durchsetzbar.

Nach der Rückkehr an die Macht entschied sich jedoch folgenschwer der engste Kreis der SPD-Führung, der die Putschisten durch sein konterrevolutionäres Bündnis mit Freikorps und Reichswehr ab November 1918 überhaupt hatte so stark werden lassen, zum wiederholten Mal, diesmal aber endgültig gegen die Revolution, auch gegen einen großen Teil der eigenen Anhängerschaft, und damit für die andere Seite – also die mit den Hakenkreuzen auf den Helmen, die wieder Tausende ermordeten, verletzten und misshandelten. Von den 30.000 Soldaten, die Anfang April die Reste der Roten Ruhrarmee brutal niedermachten, welche im Glauben an eine Einstellung der Kampfhandlungen kaum noch Widerstand leistete, waren 80-90% vorher auf der Seite des Putsches gewesen.

Die Arbeiterbewegung ist ab diesem Moment tief gespalten, zunächst verliert die SPD Stimmen und Mitglieder an die USPD, die bei den Wahlen im Sommer fast genauso stark wird, in den meisten Aufstandsgebieten deutlich stärker. Im Herbst 1920 geht schließlich der größere linke Teil der USPD zur KPD, die dadurch erst zur Massenpartei wird, während der kleinere Teil sich wieder der SPD anschließt. Wie tief der Graben ist, wird beim Mitteldeutschen Aufstand im Frühjahr 1921 sichtbar, als die Versuche, doch noch Räte und Sozialisierung durchzusetzen, trotz aller Entschlossenheit an der erdrückenden staatlichen Übermacht scheitern.

Es werden Postings zum Geschehen im Einzelnen folgen – für eine Überblicksdarstellung sei auf die Neuveröffentlichung “Kapp-Putsch” von Klaus Gietinger verwiesen.

Die bisherigen Postings zu Revolution & Konterrevolution ab 1918: Revolution in Deutschland 1918-23

Hitler Begins, Teil VI: Partei-Relaunch

February 27th, 2020

Am 24. Februar 1920 benennt sich während einer öffentlichen Veranstaltung in München die trotz Schützenhilfe aus der Reichswehr immer noch winzige Deutsche Arbeiterpartei (DAP) in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) um. Um eine größere Menge ins Hofbräuhaus zu locken (wo übrigens am 13. April 1919 noch die kommunistische zweite Räterepublik ausgerufen worden war), hatte DAP-Gründer Anton Drexler den völkischen Arzt Johannes Dingfelder als Hauptredner angeworben, der zur Eröffnung unter großem Beifall sagt, “dass Gott allein unser Bundesgenosse ist”.

Postkartendarstellung des Festsaals im Hofbräuhaus (um 1900).

Danach verliest Adolf Hitler, in den vergangenen Monaten in Reichswehrkursen und als Truppenbibliothekar geschult, das hauptsächlich von Drexler verfasste Parteiprogramm. Mit Forderungen nach einem Groß-Deutschland mit Kolonien, nach Diskriminierung von Juden und nach autoritären Eingriffen in die Ökonomie wie während des Krieges verbindet es klassisch völkisch-antisemitische Ideen mit solchen der rechten Sozialdemokratie, wie sie zu dieser Zeit, unmittelbar vor dem Kapp-Putsch Mitte März, sowohl in der Militärführung wie in der Regierung, in Bürgertum und Kirche, Polizei und Hilfstruppen besonders verbreitet waren.

Damit “war freilich die Versammlung nicht vorbei, wie Hitler später in ‘Mein Kampf’ suggerierte”, schreibt Othmar Plöckinger (2013:176). “Im Gegenteil, es kam danach zu heftigen Auseinandersetzungen mit anderen Rednern. Max Sesselmann, Redakteur des Völkischen Beobachters, sprach zwar noch für die Partei, aber seine Ausführungen über das ‘Gesetz der sittlichen Ordnung’ hatten wenig mit Hitler und viel mit Dingfelder gemein.”

Ein Sprecher der Erwerbslosen will USP-Leute nicht von vornherein ausschließen, sagt, er “möchte nicht wissen, wieviel Antisemiten die hier heute schreien, morgen bei Tietz einkaufen”, erntet Beifall. Ein anderer wirft Hitler vor, nicht antisemitisch genug gesprochen zu haben, er “hätte ruhig auch mal das Wort ‘Jude’ in den Mund nehmen dürfen”, Beifall.

Schließlich warnt ein Soldat, der sich als Gegner der Versammlung vorstellt, vor der “Diktatur von rechts” und erklärt, der werde man eine “Diktatur von links” entgegensetzen. Im einsetzenden Tumult gehen Hitlers letzte Worte unter, das Ende des Abends bestimmen die Gegner: “Nach Schluss der Versammlung ließen etwa 100 U.S.P. und Kommunisten … die Räterepublik, die Internationale usw. hochleben und brachten ‘Nieder’-Rufe auf Hindenburg, Ludendorff und die Deutschnationalen aus.”

Doch diese Situation trügt. Völkisch-antisemitisch gesinnte Offiziere und ihre Mannschaften, die sich nach dem konterrevolutionären Regierungsterror des Frühjahrs 1919 in Bayern unter der Deckung des Ausnahmezustands konzentrieren, treten Anfang 1920 als Ordnungskräfte bei den ersten NSDAP-Veranstaltungen auf, beteiligen sich an antisemitischen Kundgebungen und Übergriffen, sind zunächst eine wichtige Grundlage für den de-facto Sieg des Kapp-Putsches in München, die Bildung der “Ordnungszelle Bayern” als völkischem Modellstaat, schließlich werden viele von ihnen zum Grundstock des Nationalsozialismus als Partei und Bewegung.


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13. Januar 1920: Massaker an der Rätebewegung

January 13th, 2020

Am 13. Januar 1920, heute vor 100 Jahren, eröffnete die Sicherheitspolizei vor dem Reichstag mit Maschinengewehren das Feuer auf eine unbewaffnete Menge von Protestierenden und tötete mehr als 40 von ihnen.

Anlass war die Beratung über das Betriebsrätegesetz (BRG), mit dem die Räte, wichtigstes Organ der Revolution und unerlässlich für die Durchsetzung der Sozialisierung, dauerhaft entmachtet werden sollten. Das heißt, sie sollten auf den Status rein lokaler, innerbetrieblicher, der Unternehmensleitung und den Gewerkschaften untergeordneter Mitbestimmungsorgane ohne eigene Entscheidungsbefugnis heruntergebracht werden – also dahin, wo die Betriebsräte sich auch heute noch befinden.

Vorausgegangen waren massive Lohnstreiks im Herbst und zu Jahresbeginn. Aus Angst vor einem Generalstreik hatte SPD-Minister Noske den Berliner Vollzugsrat aus Unabhängigen und Kommunisten Ende 1919 aufgelöst. Ein kombinierter Eisenbahn-, Bergbau- und Telegrafenstreik im Ruhrgebiet ab 5. Januar hatte weitreichende Wirkungen und auch politische Spitzen wie die Besetzung des Rathauses von Hamborn als Aktion für die Einführung einer Räteverfassung.

Als dann im Reichstag das BRG beschlossen werden soll, rufen die informelle Betriebsrätezentrale und vor allem wieder wie zuvor die USPD zu Protesten vor dem Reichstag auf und sind selbst von den Massen überrascht, darunter auch Kommunisten und SPD-Basis. Vermutlich weit mehr als 100.000 ziehen vor den Reichstag.

“Um die Mittagszeit stellen praktisch alle größeren Fabriken der Hauptstadt die Arbeit ein”, schreibt Axel Weipert (2015:160ff), “u.a. AEG, Siemens, Schwartzkopff, Knorr-Bremse und Daimler. Auch die Kraftwerke, Straßenbahner und Eisenbahner sowie zahlreiche kleinere Betriebe folgten dem Aufruf zur Demonstration. In geschlossenen Zügen marschierten die Arbeiter und Angestellten bei leichtem Regen von ihren Betriebsstätten in die Innenstadt. An der Spitze wurden rote Fahnen getragen und Schilder mit Aufschriften wie ‘Hoch die Räteorganisation’, ‘Ebert halte Wort’, ‘Her mit dem vollen Mitbestimmungsrecht’.”

Zuvor hatte es Aufrufe gegeben, sich nicht provozieren zu lassen: “Keine Putsche, keine Krawalle.” (Rote Fahne) Doch die Anwesenheit der Sicherheitspolizei änderte alles. Der Schutz des Reichstags bzw. dessen militärische Besetzung an diesem 13. Januar war der erste große Einsatz dieser nach März 1919 aus Frontsoldaten und Freikorps gebildeten und teilweise von Großindustrie und Banken bezahlten Spezialeinheit zur Aufstandsbekämpfung, die schon zwei Monate später am Militärputsch beteiligt sein sollte und im Herbst 1920 wegen alliierter Proteste aufgelöst wurde. Viele ihrer Offiziere finden wir später bei der SA und Gestapo.

Es kommt zu Gerangel und einzelnen Gewalthandlungen von beiden Seiten am Westportal des Reichstagsgebäudes (die Linken sprechen später von Provokateuren). Dann wird aber einseitig, ohne Warnung und ohne akute Notwehr am Südportal das Feuer mit Maschinengewehren und Karabinern eröffnet, es werden Handgranaten in die Menge geworfen, und es wird auch weiter gefeuert, als alle fliehen. Niemand schießt zurück, die Demonstration ist unbewaffnet.

Tote liegen im Tiergarten, 1 Matrose und etwa 40 Arbeiterinnen und Arbeiter, Hunderte werden schwer verletzt.

Die Regierung nutzt das Ereignis zu einer politischen und propagandistischen Großoffensive gegen links. Ebert verhängt den Ausnahmezustand über ganz Norddeutschland, es kommt zu zahlreichen Verhaftungen. Die USPD berichtet davon, wie ganze ihrer Versammlungen in LKWs abtransportiert werden. Auch Kommunisten und Anarchisten, die gar nicht beteiligt waren, sind betroffen – es wird ohne konkrete Tatvorwürfe vorgegangen, es sollen Organisationsstrukturen zerschlagen werden. Dazu gehört auch die sofort mit dem Ausnahmezustand einsetzende Vorab-Pressezensur (mit Beschlagnahmung) gegen die Zentralorgane der USPD und KPD sowie 44 weitere lokale Zeitungen vor allem in den Streikzentren Ruhrgebiet, Mitteldeutschland und Sachsen. Sie verhindert, dass andere Darstellungen als die der Regierung veröffentlicht werden können.

Und die strickt eine Verschwörungserzählung, die Reichskanzler Gustav Bauer (SPD) am nächsten Tag in der Nationalsversammlung vorträgt: Kommunisten und USPD seien schuld, ein “geheimes Treffen” in Halle und eine “geheime Organisation” hätten einen Generalstreik und die Stürmung des Reichstags vorbereitet. Beides war überhaupt nicht passiert und für dergleichen Pläne gab es keine Beweise. Anders als von der Regierung nun insinuiert, hatten sich die “Rädelsführer” (also die Organisatoren dieser legalen Demo, Neumann und Malzahn von der Betriebsrätezentrale) nicht “in Sicherheit gebracht”, sondern waren mitten in der Menge, wie auch Abgeordnete der USPD.

Die Ereignisse wurden nie juristisch aufgearbeitet: Die SPD-Führung schloss sich, trotz Protesten von ihrer Parteibasis und deren Beteiligung auch an Signalstreiks am 14. Januar, ohne weitere Diskussion Bauers Version an, was umso pikanter war, als der Polizeipräsident von Berlin Eugen Ernst 1910 als Berliner SPD-Vorsitzender von Berlin selbst zu einer Wahlkampf-Demonstration vorm Reichstag aufgerufen und nun aber zusammen mit dem preußischen Innenminister Heine den Sipo-Einsatz geleitet hatte.

Der “Vorwärts” übertraf sich propagandistisch aber einmal mehr selbst: dankbar für die Zurückhaltung der Sicherheitskräfte solle man sein, die Regierung träfe nicht die mindeste Schuld, der Sturm auf den Reichstag sei der geplante Auftakt für “Aufrichtung einer Rätediktatur” gewesen.

Die Reichswehr, obwohl selbst wahrscheinlich direkt nicht beteiligt, profitierte auf ganzer Linie: der Ausnahmezustand übertrug ihren Wehrkreiskommandos die Exekutivgewalt und erfüllte praktisch alle ihre akuten Forderungen. Generalleutnant Roderich von Schoeler hatte in seinem Schreiben zur Lageeinschätzung als Chef des Reichswehrgruppenkommandos 2 in Kassel in der Woche vorm 13. Januar vor bevorstehendem Bürgerkrieg gewarnt. Regierung, Bürgertum und Armee müssten sich vereint der “Herrschaft des Proletariats” entgegenstellen, “die Masse kann nicht regieren, sie braucht Köpfe, die das Regieren gelernt haben, oder besonders hierzu befähigt erscheinen.” Und als “Parole für 1920” gab er aus: “Vorbereitung zum Großkampf, Losschlagen mit allen Mitteln, sobald der Kampf uns aufgedrängt wird”. Für die Reichswehr wurde das Massaker zynischerweise zu einer Demonstration ihrer Nützlichkeit, gerade drei Tage nach Inkrafttreten des Versailler Vertrags, der die Mannstärke der Truppen drastisch begrenzen sollte, am 10. Januar.

Für die Rätebewegung war dieser Tag “Ausweis ihrer Stärke und Schwäche”, schreibt Weipert. Einerseits war sie immer noch in der Lage, Massen von Arbeitskräften zu Arbeitsniederlegung und Protest zu mobilisieren, andererseits schien sie der Repression praktisch nichts entgegensetzen zu können. Bis zum März sollten daraus vielerorts Schlüsse gezogen werden, die zu einer Wiederbelebung der bewaffneten Rätebewegung führten.

Direkte Hinterlassenschaft dieses Ereignisses ist die sogenannte “Bannmeile“, welche die Nationalversammlung wenige Monate später im Mai 1920 als direkte Reaktion auf den 13. Januar durch das “Gesetz über die Befriedung der Gebäude des Reichstags und der Landtage” (http://bit.do/Bannmeile) einrichtete. Wegen des Blutbads einer frühfaschistischen militärischen Polizeieinheit wurde dauerhaft das Demonstrationsrecht eingeschränkt.

***

Posting folgt weitgehend Axel Weipert “Die zweite Revolution”, Berlin 2015, S. 160-189. Daraus sind auch die Fotos von der Demonstration entnommen. Alle Postings zur Revolution vor hundert Jahren: Revolution in Deutschland 1918-23.

Reichswehr nach Connewitz?

January 5th, 2020

Auf meinen Seiten zur Revolution vor hundert Jahren soll es hauptsächlich um deren Rekonstruktion und Sichtbarmachung gehen, dazu gehört auch ihr Nachwirken und ihre Verwendung für spätere und heutige politische Positionierungen und Ideologie. (Zum Beispiel Robert Habeck.)

In den Kommentaren (vor allem auf der Facebook-Seite) finden sich laufend solche Rückbezüge, die sich manchmal diskutieren lassen, oft aber mit Beschimpfungen und Hetze einhergehen. Vor allem aber widersprechen sie sich: so bejubeln AfDler einerseits die Freikorps, die die Revolution niederschlugen, um andererseits eine Revolution “wie damals” gegen das “Merkel-Regime” herbeizusehnen – weil Merkel sich weigert, die Großbetriebe zu vergesellschaften und die faschistischen Strukturen in der Staatsgewalt zu zerschlagen? Teilweise geben sich die gleichen Leute auch noch als Monarchisten zu erkennen, was das gegenwärtig charakteristische Nebeneinander von autoritärem Nationalismus und neoliberaler Ideologie in die Geschichte hinein verlängert.

Manche SPDler wiederum rechtfertigen und leugnen den Terror der Freikorps im selben Satz, sagen im wesentlichen: die Massenmorde, die es nicht gegeben hat, waren notwendig. Und so ist der Kommentar, der hier im Bild zu sehen ist (aber anderswo getätigt wurde) in mehrerlei Hinsicht typisch: die heutige Situation (Connewitz, Schupelius) wird krumm und schief auf die damalige geschraubt, und es wird nach härterem Durchgreifen gerufen, ohne dessen Realität explizit zu machen.

Dieser heutige SPDler ruft also nach einem “Bluthund”, der sich (noch übers bestehende Maß hinaus) mit Militär und Kapital verbündet, um die Durchsetzung des eigenen Parteiprogramms zu verhindern. Er ruft nach einem, der völkisch-antisemitische Truppen auf Streikende und Protestierende loslässt und zur offiziellen Armee macht; er will noch mal einen, der als Reichswehrminister für Tausende Tote verantwortlich war.

Und dann heißt es, damit wäre ja aber der Sieg des “Bolschewismus” verhindert worden. Verhindert wurde, dass die mehrheitlich artikulierten Ziele der Revolution – Demokratisierung von Politik, Militär und Wirtschaft – durchgesetzt werden konnten. Die Organisation nach sowjetischem Vorbild erhielt in Deutschland erst durch die Erfahrung der Konterrevolution im Laufe der Zeit eine größere Anhängerschaft – auch die Radikalisierung der Revolution verlief bis 1920 eher in Richtung noch konsequenter demokratischer Räteherrschaft und direkter Vergesellschaftung von unten. Die Rechtfertigung müsste eigentlich lauten: zur Abwehr einer kaum realen Gefahr und zur Rettung unserer Posten haben wir den Nationalsozialismus mit aus der Taufe gehoben.

Vor hundert Jahren, im März 1920, streikten, demonstrierten und kämpften auch in Leipzig und Umgebung Massen bei der Abwehr des Kapp-Lüttwitz-Putsches. Ein großer Teil des Widerstands ging vom Süden der Stadt aus, wo sich u.a. mit der Leipziger Volkszeitung das Zentralorgan der USPD und mit dem Volkshaus einer der wichtigsten Versammlungsorte befanden. (Im November 1918 verstärkte sich die Revolution, als sie in Leipzig gerade ausbrach, nicht zuletzt aus Connewitz, wo besonders viele einquartierte Soldaten USPDler waren: „Am 8. November gegen 2 Uhr bewegte sich ein Zug Soldaten (400-500 Mann), mit einer roten Fahne an der Spitze, durch die Südstraße nach Connewitz. Eine Stunde später marschierte der inzwischen durch die ConnewitzerMassenquartiere auf etwa 800 Mann verstärkte Trupp mit Gewehren zurück ins Innere der Stadt.”S.163ff.)

Nachdem der Kapp-Lüttwitz-Putsch durch Generalstreik und entschlossenen Widerstand vereitelt und die rechte SPD-Führung wieder zurück an der Regierung war, sandte diese ihre Reichswehr, darunter auch Putschtruppen, gegen all jene, die den Generalstreik bis zur Erfüllung aller Forderungen, also auch Sozialisierung der Großindustrie und Entwaffnung des konterrevolutionären Militärs, fortsetzen wollten.

Am 19. März 1920 greift das studentische Zeitfreiwilligenregiment der Reichswehr das Leipziger Volkshaus an und zerstört es fast völlig.

Wer heute wegen eines brennenden Einkaufswagens, eines verletzten Polizeibeamten und eines brennenden Autos nach Noskes Terrortruppen ruft, scheint den nächsten Putsch der Staatsgewalt wohl gar nicht erwarten zu können.

Wer zum 100. Jahrestag der mehr als 100 Toten der Kämpfe in Leipzig gedenken will, kann das an der Stelle auf dem Südfriedhof machen, wo einmal das Mahnmal der Märzgefallenen stand.

classless Jahresrückblick 2019: das Rettende auch

December 30th, 2019

2019 wurde das erhoffte Streikjahr: es begann mit dem bisher größten Streik der Menschheitsgeschichte in Indien (200 Millionen streikten zwei Tage lang gegen die neoliberal-nationalistische Modi-Regierung) und endet mit dem Generalstreik in Frankreich gegen die Rentenreform (aktuell seit mehr als drei Wochen), die Schulverweigerung gegen die Klimakatastrophe wurde zur Massenbewegung und radikalisiert sich zumindest in Teilen weiter, die USA erleben einen Aufschwung an Arbeitskämpfen (u.a. Oakland Educators im Mai, United Auto Workers im September), auch in Deutschland nimmt die Streikbereitschaft zu (von Geldtransportern über Pflegekräfte, allgemein Gesundheitswesen bis zu Lebensmittelbetrieben u.v.a.).

Die Liste der Massenstreiks und Massenproteste weltweit ist lang (und viele davon sind widersprüchlich und von außen nicht ohne weiteres verständlich, Guillaume Paoli hat sich an einem Überblick versucht), sicher sticht jedoch Chile heraus, dessen Bevölkerung sich sowohl massenhaft an die Zeit und die Lieder vorm Neoliberalismus erinnert als auch mit “Y la culpa no era mía” eine neue mächtige Form des antisexistischen Straßenprotests hervorgebracht hat:

Aber die Gesamtlage ist verzweifelt und es ist überhaupt nicht abzusehen, ob sich all diese Streiks und Proteste schnell genug weiter sammeln und länderübergreifend verbinden um der nach wie vor schneller wachsenden Gefahr von Weltkrieg, Faschismus, Terror und Unbewohnbarkeit immer größerer Teile der Planetenoberfläche entgegenzuwirken.

Bei alldem, was gerade auf den Straßen in Bewegung gekommen ist und was es in vielen Ländern an neuerlichem Sozialismus-Diskurs gibt, hat sich an den Eigentums- und Herrschaftsverhältnissen doch so gut wie nichts geändert, gehen Ausplünderung und Ausbeutung weiter, wird immer noch mehr CO2 ausgestoßen, hat sich das Kapital in die direkte Regierungsgewalt zahlreicher Staaten gebracht und demontiert unter lautem nationalistischen Getöse die öffentliche Infrastruktur, die Rechte der Arbeitskräfte und staatliche ökonomische Eingriffsmöglichkeiten.

Die Fragen lauten immer deutlicher: Wie kommen die Streikenden und Protestierenden an Durchsetzungsmacht und an die Produktionsmittel? Wie kann die Dominanz bürgerlicher Politikformen und Ideologie, die Diskurshegemonie der immer neuen Shitstorms und Kampagnen gebrochen werden? Wie können die Distinktionen und Diskriminierungen, die allgemeine persönliche Dauerwerbesendung der Ab- & Selbstaufwertungen und der Privilegienwettbewerbe überwunden werden? Und wieviel Zeit haben wir dafür noch?

and now they’re trying to sell
the car to end all cars

Ich so

Hab meine Aufwiegelungs- und Aufklärungstätigkeit in diesem Sinne fortsetzen können, wieder mit mehr als 50 Vorträgen auch an mehreren neuen Orten und mit neuen Themen (“Realsozialismus-Bullshit-Bingo”, “Die Hüftbewegung” – passend zum Fund von “Udo” , “Die Option zu kämpfen”, “Systemausfall ’89/’90 – Zum Ende der DDR und den Folgen”, Entschwörungs-Spezial “Heiße Luft – Klima & Wissenschaft” – leider alles noch ohne Mitschnitt), mit “Ideolotterie”-Workshops nun auch im Westen und zuweilen verstärkt durch die famose Ilse Bindseil, mit der Sammlung von Klassenkampf-Nachrichten auf der Arbeitskräfte-Seite, mit viel Wühltätigkeit, zu seltener Auflegerei (auf dem Linksjugend-Pfingstcamp in Doksy und bei “Still not loving Rosenheim Cops” in München), den überraschend wirksamen “Älterer Mann”-Videos (zu Klimastreik und zu Extinction Rebellion) und gelegentlichen Stunts wie anläßlich des Besuchs von Jens Spahn in Leipzig (Fotoposting, Video). Der schriftliche Output konzentrierte sich auf Revolution und Konterrevolution vor 100 Jahren (Einzelslides zu den Vortragsorten, Jahresrückblick auf 1919), mehrere schon abgelieferte Texte erscheinen erst im nächsten Jahr (u.a. für monochrom die Verschriftlichung meines Vortrags “Die Arbeit nicht hoch oder nieder – sondern machen, alle füreinander!”, für Der Goldene Schuß ein Cut-up-Text über Rehabilitation, für einen Sammelband “Konzepte linker Gegenmacht” über instandbesetzte Betriebe und für den nach 20 Jahren zweiten Band von “Ich Liebe Musik” über “Weinen bis zur letzten Patrone”).

Ideolotterie in Wittenberg, die Spahn-Aktion, am Ort von Hitlers erstem Besuch bei der DAP 100 Jahre zuvor in München, Vortragsimpressionen aus Sulzbach-Rosenberg, Greiz und Eisenach

Nach 18 Jahren wieder Bürger des Freistaats Sachsen (und auf dem Boden von dessen erster Regierungserklärung) bin ich nun in Leipzig, wo es im Sommer an der Hildegardstraße einen ganz erstaunlichen Anti-Abschiebungs-Protest mit folgender Kiezdemo gegen die Staatsgewalt gab, wo André Poggenburg immer und immer wieder gegen Connewitz zu demonstrieren versucht, das dem Mythos vom “linkskriminellen Bürgerkriegsgebiet” nicht wirklich entspricht (und für mich eher lauter Gemeinsamkeiten mit Thale aufweist), obwohl sich die Polizei mit ständigen Hubschraubereinsätzen und auch sonst viel Mühe gibt und z.B. Stunden nach dem Anschlag von Halle eine antifaschistische Demonstration auseinanderknüppelte. Ich versuche an die klassenkämpferische Verbrechensgeschichte von Leipzig zu erinnern (Straßennamen, Leipzig Crime), im März sollen zu den 100. Jahrestagen der Generalstreik gegen den Kapp-Lüttwitz-Putsch und die bewaffneten Kämpfe um die Sozialisierung sichtbar gemacht werden.

“Nach Leipzig kommen alle – unsere Freunde, deren Zahl von Jahr zu Jahr wächst, und auch die anderen, die sich durchaus noch nicht über den sozialistischen deutschen Staat freuen.”
(Selbstdarstellung der DDR Ende der 60er Jahre)

einige Politmerch-Faves des Jahres vom Goldenen Schuss, der GEW, der AIDS-Hilfe in Halle und der Linksjugend

Empfehlungen des Hauses 2019

Brecht, nach Facebook umgestellt: “Der Kommunismus ist das Mittlere!”
• Piketty: “Das Kapital im 21. Jahrhundert” (Film ohne Marx)
“Die überschätzte Spezies”: Menschen über sich
Robert Habeck über Gustav Noske
• Falle grüne Revolution: “Dieser Teil der Gesamtveranstaltung ist nicht neu”

du musst nicht glauben
du wärst was Besseres
nur weil du was Besonderes bist
wie alle anderen auch

Hitler Teil V: “Lesestoff” und geförderter Aktivismus

November 12th, 2019

Am 12. November 1919 sehen wir den Gefreiten Adolf Hitler sowohl innerhalb wie außerhalb der Truppe eifrig bei der Sache. Als Bibliothekar wird er im Tagesbefehl des Schützenregiments 41 erwähnt, zu dessen Stab und Nachrichtenkompanie er Ende Oktober kommandiert worden war: “Lesestoff. Am 13. ds. vormittags 9 Uhr empfangen Kl[eine] Gesch[ütz] Batterie, Nachrichtenkomp[anie] (auch für Rgts.-Stab) Lesestoff bei Gefr. Hitler, Zimmer 564, III. Stock.” Othmar Plöckinger schreibt: “Offensichtlich betreute Hitler die Regimentsbibliothek, die zu einem guten Teil aus der Mannschaftsbücherei von Hitlers 2. Infanterieregiment bestand. Deren 373 Bücher wurden am 19. August 1919 an das Schützenregiment 41 übergeben.”

Im Bestand fanden sich nach der Reinigung der Truppe von “unzuverlässigen”, der Sympathien für Revolution, Räte, USPD usw. verdächtigen Elementen vor allem konservativ-nationalistische bis völkisch-antisemitische Bücher, Broschüren und Flugschriften, nur vereinzelt auch übrig gebliebene (rechts)sozialdemokratische Titel.

Collage zeigt links die Kaserne des Schützenregiments 41
und rechts eine Liste von Titeln in den Reichswehrbüchereien August/September 1919 (Ergebnis eines Bestandserfassungsbefehls) –
beides aus “Unter Soldaten und Agitatoren” von Othmar Plöckinger (Paderborn 2013).

Hitler wird in den folgenden Wochen mit großen Mengen dieser Literatur hantieren und dabei die verschiedenen, oft widersprüchlichen und von unterschiedlichen Interessen bestimmten Ansätze zu einer ideologischen Synthese zusammenstricken: aus dem konterrevolutionären Antibolschewismus des Staatsapparats, der Junker und der rechten Sozialdemokratie, aus der Militärhetze gegen angebliche jüdische Kriegsdrückerei und den “Dolchstoß”, aus dem bürgerlichen “Haltet den Dieb!” gegen das Kriegsgewinnlertum und Schieberei der jeweils anderen, schließlich aus der Erfahrung der beharrlichen Behauptung der rechten SPD-Führung den Sozialismus einzuführen ohne das jedoch zu tun, ja während die sozialistische Revolution abgeschlachtet wird – aus all dem fügt Hitler den “Nationalsozialismus” zusammen, in dem die Juden zum Grundübel erklärt werden und alles andere zu abgestuften Folgen, und in dem der Kampf der tüchtigen deutschen Nation, Kapital wie Arbeit, gegen die “jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung” zum “richtigen”, “wirklichen”, “deutschen” Sozialismus wird.

Am Abend des 12. November spricht Hitler dann auch noch auf einer Parteiversammlung der DAP zu seinem Lieblingsthema, dem Vergleich zwischen den Friedensverträgen von Brest-Litowsk und Versailles, wozu er auch an einem ab Januar von der Reichswehr massenhaft verbreiteten Flugblatt zu arbeiten begonnen hatte. Anwesend ist dabei auch Karl Mayr, Leiter der Reichswehr-Propagandaabteilung Ib/P, der Hitler und andere Soldaten zwei Monate zuvor als Aufbauhilfe zur DAP geschickt hatte.

Bereits am 30. Oktober hatte sich die Nachrichtenabteilung des Reichswehr-Gruppenkommandos erstmals in ihrem Lagebericht zur DAP geäußert und sich “durchaus zufrieden” (Plöckinger) gezeigt: “In München hat sich eine ‘nationale Arbeiterpartei’ gegründet, die einigen Zulauf hat; sie steht auf antisemitischem Boden und fordert Kampf gegen das ‘Leihkapital’ (im Gegensatz zum Industriekapital). Die gleiche Bewegung ist in Nürnberg festgestellt, ihr schärfster Gegner ist die U.S.P. In Nürnberg und Augsburg ist weitere Zunahme der antisemitischen Bewegung gemeldet.”

Es war Hitlers wachsende Aktivität in der DAP, die ihn für Mayr und die Reichswehr weiter interessant machte, da er als Redner in der Truppe keine große Rolle spielte – Hitler seinerseits sah sich auf das Militär angewiesen, das ihn bezahlte und mit Kontakten versorgte. Obwohl Hitler formal weiter der Bayerischen Armee angehörte, war er ab Ende Oktober 1919 also “weitgehend in das Heer der Weimarer Republik integriert”.

Plöckingers Resümee: “Übrig bleibt das Bild eines in und von militärischen Stellen gut versorgten Aktivisten, der der aufstrebenden DAP als Leihgabe zur Verfügung gestellt wurde. Dies war umso einfacher, als Hitlers Mitgliedschaft in der Partei nicht dem Parteienverbot für Reichswehrsoldaten unterlag, da er nie der Reichswehr angehörte.

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Alle Postings zu Revolution und Konterrevolution vor 100 Jahren:
Revolution in Deutschland 1918-23.

Postingsauswahl zur Entstehung des Nationalsozialismus:

Wie es anfing mit den Nazis.

Zwischenbilanz nach einem Jahr Revolution

November 5th, 2019

Im November 1919 lag der Ausbruch der Revolution ein Jahr zurück. Mit den während des Kriegs erprobten Mitteln des Massenstreiks und der Räte-Selbstorganisation hatten Millionen im ganzen Reich den Ersten Weltkrieg und die Monarchie beendet, Achtstundentag und Frauenwahlrecht durchgesetzt, an Stelle des Deutschen Kaiserreichs die Deutsche Sozialistische Republik begründet.

Während die ersten Versuche der SPD-Führung und des Militärs, die Revolution zurückzurollen, daran gescheitert waren, dass die dafür vorgesehenen Truppen nach Hause gingen oder sich der Revolution anschlossen, war ab Weihnachten 1918 mit kleineren, aber schwer bewaffneten und politisch klar reaktionären Einheiten brutal mit Kriegsmitteln gegen alle vorgegangen worden, die auf der Durchsetzung des SPD-Parteiprogramms (Demokratie und Sozialisierung) bestanden.

Trotz einer bis April andauernden reichsweiten Massenstreik-Bewegung für die Sozialisierung und entschlossener Versuche, diese von unten in den Betrieben und Bergwerken durchzusetzen, und trotz der sich radikalisierenden Organisationsformen der Revolution war die militärische Gewalt der Regierungsseite entscheidend: Tausende wurden getötet, inhaftiert, misshandelt, der militärische Ausnahmezustand wurde verfassungsmäßig festgeschrieben und bis auf weiteres fast überall dauerhaft verhängt.

Begleitet wurde das von der Regierungspropaganda, der Sozialismus sei schon da, und von der vor allem Militärpropaganda, die völkisch-antisemitisch gegen die “Roten” hetzte und zu diesem Zweck Agitatoren wie Hitler ausbildete.

Während sich die Konterrevolution im Verlaufe des Jahres 1919 nicht nur in Deutschland zum Faschismus formierte, versuchte auch die Revolution sich neu aufzustellen: die KPD schließt im Oktober 1919 auf ihrem Heidelberger Parteitag jene aus, die gegen eine Beteiligung an Parlament und Gewerkschaft sind und die wie die international organisierten “Wobblies” (IWW) auf noch konsequentere Selbstorganisation der Arbeitskräfte orientieren. Damit wird im folgenden Jahr das Zusammengehen der KPD mit der linken USPD (und im März mit den Gewerkschaften bei der Abwehr des Kapp-Lüttwitz-Putsches) möglich, der Ausschluss führt aber auch zur Bildung der KAPD und ihrem engen Zusammenwirken mit den regional starken syndikalistischen Organisationen.

Die Revolution wird noch mehrmals ihr Haupt heben, wird dabei zwischen radikaler Basisorientierung und dem Vorbild der im Bürgerkrieg erfolgreicheren Bolschewiki mehrfach ihre Gestalt ändern und insgesamt verzweifelter werden. Die Konterrevolution wird sich ideologisch aufrüsten, und zehn Jahre nach der endgültigen Niederschlagung der Revolution im Herbst 1923 wird sie in offen faschistischer Form die Macht im Land übernehmen.

“Das Kapital im 21. Jahrhundert” (Film ohne Marx)

October 22nd, 2019

Kino, kleiner Saal, intime Nähe zum übrigen Publikum. Werbung für Zwingli-Film, Mario-Adorf-Film (das letzte Mal, dass Marx hier heute wenigstens irgendwie im Bild ist), Ratzinger-Film, den Leonard-Cohen-Film, den ich bis zu diesem Trailer vielleicht hätte sehen wollen, zweimal Werbung für Kino (wir sind doch schon da!), einmal Düfte, einmal Volkshochschule, noch mal Kino und einmal Eis, dessen Verzehr schlank zu machen scheint.

Dann geht’s offenbar los, aber es geht mit dem Ende der DDR los, ich denke, okay, noch ein letzter Trailer vorm Hauptfilm. Dann ist Piketty zu sehen und zu hören, er redet vom “Mauerfall”, er hat selbst den Zusammenbruch persönlich erlebt hat (street cred!), das System war völlig gescheitert, das kommunistische Versprechen hatte sich als Betrug entpuppt – was er dazu eben so erzählt, ohne einen Pups Erläuterung (und ohne Marx, klar), these truths are held to be self-evident.

Vielleicht ist Piketty halt auch in einer anderen, schnell zum ’89-Jubiläum zusammengezimmerten Doku, und die wird hier gerade versehentlich oder als Vorfilm gezeigt, kann ja sein.

Nun spricht er von seiner Angst, die Ungleichheit des 18. und 19. Jahrhunderts würde wiederkehren. Weil dann nicht nur andere vom Hungertod bedroht sind, sondern vielleicht auch richtige Menschen wie er – das sagt er nicht, aber so langsam dämmert mir, dass es vielleicht einfach nur der falsche Piketty-Film ist, der gerade läuft, schnell zu irgendeinem Festivaltermin zusammengezimmert oder um ihn anzuschmieren oder so.

Es ist wie bei dieser “Per Anhalter durch die Galaxis”-Verfilmung von 2005, bei der ich auch lange dachte, ich hätte die verkehrte Datei gezogen.

Aber nun werden lauter Expert*n aufgefahren, und obwohl die schnellen Schnitte durch größtenteils wenig originelles historisches Doku- und Spielfilmmaterial (plus auch mal Simpsons und Family Guy, huiuiui) eher nach einer dieser Internet-Kolportage-Dokus aussehen, lässt sich ahnen, dass das wohl der ernstgemeinte und mutmaßlich relativ teure Versuch des angekündigten richtigen Films ist.

Wir sind, weil Piketty vor dieser Zeit Angst hat, im 18. Jahrhundert, Aristokratie lebt von Großgrundbesitz, der Begriff “Kapital” wird kurz aus einem Wörterbuch bestimmt (es wird keine weitere Erklärung dazu geben), bald darauf werden die Begriffe “soziales” und “kulturelles Kapital” ohne jede Erläuterung eingeworfen, im weiteren ist Kapital sowieso praktisch jede Art von Vermögen. Ausbeutung kommt nicht vor – der Skandal ist, dass niemand in die Klasse der Besitzenden aufsteigen kann. Und das wiederum scheint die “extreme Ungleichheit” zu sein, die deshalb Angst macht, weil sie zu Revolutionen führen kann. Das Bürgertum kommt also einmal mehr vor allem dadurch vor, dass es nicht vorkommt.

Ab hier ist der restliche Film ein extrem oberflächlicher Ritt durch die letzten 200 Jahre Wirtschaftsgeschichte, Kolonialismus, Krieg, Mode, Weihnachten, alles ohne auch nur einen Hauch Marx, ziemlich sauber die linksliberale Sicht, in der verschiedene schlimme Auswüchse durch umsichtige Mittelklasse-Politik erfolgreich eingedämmt wurden und in der Streiks nur selten und episodisch vorkommen um die umsichtige Politik zu bewerben. Revolutionen kommen, außer der Französischen, praktisch gar nicht vor, auch die Sowjetunion bleibt seltsam abwesend. In den 1920ern wollen die Arbeiter und die Frauen für ihren Einsatz im Krieg auch mal was zurück. Die Nazis kommen an die Macht, weil die Leute so arm sind. Dabei ist Hitler in der im Hintergrund eingespielten Rede sogar damit zitiert, dass es ab nun keine Klassen mehr geben würde, aber das wird hier einfach als Beleg behandelt, fertig. Ist das jetzt wirklich der richtige Film?

Irgendwie ist über weite Strecken nur zu erahnen, um welches Land oder welche Länder es gerade geht – Piketty redet sehr deutlich von Frankreich aus, andere der Expert*n eher von Großbritannien oder von den USA, das sagen sie aber nie dazu und selten ist klar, was sie gerade noch mitmeinen oder nicht. Der größte Teil der Welt fehlt eh. Es ist auch schwer im Kopf zu behalten, wer welchen Teil dieser ganzen Allgemeinplätze gesagt hat – einzige richtige Enttäuschung dabei: Paul Mason, von dem ich schon Schlaueres gehört zu haben meine.

Erst ab den 1970ern, als eine Periode umsichtiger Mittelklasse-Politik einfach so beendet wurde, galten Arbeitskräfte als Kosten, nicht als Asset. Seither bereichern sich zwielichtige Eliten, haltet den Dieb, hier wandert’s jetzt leicht ins Antisemitische. Krisen, die ins Bild passen: Ölkrise und 2008. Ein Monopoly-Experiment, bei dem offensichtlich bevorteilte Spieler ihren Sieg dennoch ihrer eigenen Überlegenheit zuschreiben, wird als Beweis dafür genommen, dass Menschen nun mal so verdrahtet sind, nicht dafür, dass das Spiel Scheiße ist.

Es folgen Klagen darüber, dass der Kapitalismus gar nicht mehr Innovation und Wachstum schafft (hier hätten sie eigentlich Wagenknecht hinzuholen können, aber die wäre ihnen am Ende trotzdem auch noch mit Marx gekommen), sowie Klagen über die soziale Leiter, die man nicht mehr hochkommt (keine Hinweise auf die Idee, die Leiter loszuwerden). Menschen werden ersetzbar wie einst Pferde, deshalb dreht sich das Kapital nicht mehr um Arbeitskräfte – ach hätten sie doch nur mal ein paar Seiten Marx gelesen, denke ich, und dann denke ich gleich, dass es mit ein paar Seiten wohl nicht getan wäre, und dann, dass sie vielleicht sogar mal genau die Passagen zum tendenziellen Fall der Profitrate gelesen haben, die an dieser Stelle hilfreich wären, damit aber für ihre eigene Position und die ihrer Zielgruppe einfach nichts anfangen konnten, weil sie lieber Mittelklasse bleiben wollen als sich mit den Ärmeren zur Überwindung des Klassenzoos zusammenzutun.

Wenn die Mittelklasse weiter schrumpft, sagt Piketty, besteht das Risiko, dass sie dann arm wird. Das Kapital ist nichts per se Schlechtes, sagt Piketty, solange nur jeder einen Teil davon besäße (jetzt ist endlich bald der Film zu Ende!). Das Ausmaß der Konzentration des Kapitals müsste durch Besteuerung begrenzt werden, sagt Piketty, die Ungleichheit darf nicht zu groß werden (sonst Revo!).

Und als Schlusswort sagt Piketty, er ist für Kontrolle des Kapitals und für die Überwindung des Kapitalismus. Wenn die Eliten endlich vom guten Staat ordentlich besteuert werden und Leute wie er auch weiter ein bisschen mehr vom großen Kuchen abbekommen, ist der Kapitalismus praktisch schon überwunden, ganze ohne das Kapitalverhältnis überwinden oder am Ende gar “Das Kapital” noch mal lesen zu müssen.

Älterer Mann Botschaft zu Extinction Rebellion

October 9th, 2019

Ich hab mich weiter geschämt und noch so ein Video gemacht:

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