Erste Auftritte 2019

December 17th, 2018
  • Fr, 18.01.2019, Witten, Trotz Allem: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Sa, 19.01.2019, Essen, Alibi: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Di, 22.01.2019, Karl-Marx-Stadt, Odradek: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23”
  • Fr, 25.01.2019, Bremen, Infoladen/a-kino: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23”
  • Sa, 09.02.2019, Wittenberg, Independent: “Ideolotterie” (FB-Event), danach Auflegen (“Schöner feiern ohne Nazis 2”)
  • Fr, 17.05.2019, Dresden, az conni: Auflegen “Party like it’s 1999”
  • Neu geplant sind Veranstaltungen zum Ende der DDR und den Folgen (Premiere vermutlich in Görlitz), zur DDR-Kulturproduktion (zuerst vermutlich in Aachen) und zur menschlichen Hüfte (Arbeitstitel “Hüftbewegung – was uns zu Menschen machte”, erster Termin voraussichtlich im Kulturraum Kanapee in Plauen). Weitere Vorträge zur Revolution 1918-23, teilweise mit neuen Schwerpunkten auf der “zweiten Revolution” Anfang 1919 und auf neue Akteure wie Max Hoelz, sind noch ohne Termin (Leverkusen, Wuppertal, Dortmund, Plauen, Falkenstein, Augsburg, Regensburg, Landshut, Potsdam, Hamburg). Außerdem gibt’s Pläne für Veranstaltungen zur AfD (in Greiz), zu Luther (in Bad Frankenhausen, Bochum, Bielefeld), zu Antisemitismus & Kapitalismus (Leisnig) und in Potsdam Vorträge zu “Sin Patrón”, zu Elsässer und zur Religion. Außerdem eröffne ich die Veranstaltungsreihe “Die Option zu kämpfen – Pop und Politik in Theorie und Praxis” in Augsburg mit einem Vortrag basierend auf meinem testcard-Artikel “Die Option zu kämpfen. Statt Weniger oder Mehr: Pop als ­aufständische Assoziation”.

    Wer auch noch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm.

    Januaraufstand 1919

    January 4th, 2019

    Vor hundert Jahren begann mit dem einwöchigen Januaraufstand (4.-12.1.) die “zweite Revolution” in Deutschland, der bis in den Mai fortdauernde bewaffnete Versuch Hunderttausender in fast allen Teilen des Landes, die Rätemacht gegen die SPD-Führung zu verteidigen und die auch von dieser versprochene Sozialisierung der Großindustrie endlich durchzusetzen.

    Bis heute als “Spartakusaufstand” bezeichnet, um ihn einer kleinen radikalen Gruppe zuzuschreiben (was die gerade erst zum Jahreswechsel gegründete KPD, in der der Spartakusbund aufgegangen war, in der Rückschau gern aufgriff), war der Aufstand im Januar wie in den folgenden Monaten vor allem von der USPD (zu dieser Zeit etwa 300 000 Mitglieder), den meist auch in der USPD organisierten Betriebs-Obleuten und den vielerorts von ihnen gebildeten Rätestrukturen getragen – und er setzte just in dem Moment ein, als mit Polizeipräsident Emil Eichhorn, dessen Schutzwehr zu Weihnachten bei der Abwehr des Angriffs auf die Volksmarinedivision geholfen hatte, der letzte höhere USPD-Amtsträger in der Hauptstadt entfernt werden sollte.

    Am 4. Januar ruft die USPD für den nächsten Tag, einen Sonntag, zu Massendemonstrationen auf: „Marschiert in Massen auf! Es gilt Eure Freiheit, es gilt Eure Zukunft, es gilt das Schicksal der Revolution! Nieder mit der Gewaltherrschaft der Ebert – Scheidemann – Hirsch – und Ernst! Es lebe der revolutionäre internationale Sozialismus.“

    Am 6. Januar (Montag) setzt der Generalstreik ein, die Regierung wird für abgesetzt erklärt, Zehntausende füllen die Straßen, und es kommt auch in anderen Teilen Deutschlands zu (noch vergleichsweise kleinen) Demonstrationen und Streiks (Halle, Stuttgart, Düsseldorf), Besetzungen von Zeitungen, Rathäusern und Banken (Braunschweig, Nürnberg, Hamburg) sowie bewaffneten Auseinandersetzungen (Leipzig, Dresden, Dortmund, Stuttgart, Kassel). In den folgenden Tagen wird in Bremen die Räterepublik und im Ruhrgebiet der Generalstreik ausgerufen.

    Doch das Kräfteverhältnis in Berlin ist unklar (SPD und USPD haben hier ähnlich viele Mitglieder, am 6.1. kommt es zu Verhandlungen zwischen Ebert und USPD), die KPD ist uneins (während Liebknecht und Pieck den Aufstand mitorganisieren, ist Luxemburg zunächst skeptisch und unterstützt den Aufstand erst ab dem 7.1.), es gibt enorme Abstimmungsprobleme (die Volksmarinedivision, die die Regierung verhaften soll, erklärt sich neutral und führt den Befehl nicht aus) und eine Initiative von Berliner Großbelegschaften drängt eher auf Wiedervereinigung der sozialistischen Parteien (“Bildet eine Regierung aus allen drei revolutionären Parteien”, “Verständigt Euch, wenn nicht mit, dann gegen Eure Führer”).

    So bleibt die Machtübernahme trotz dafür mobilisierter Massen aus – und die SPD-Parteiführung lässt nun erstmals im großen Stil ihre konterrevolutionären Truppen Terror verbreiten. Am 4. Januar hatten Ebert und Noske die Freikorps in Zossen bei Berlin besichtigt. In den Erinnerungen des Namibia-Veterans, Freikorps-“Städteeroberers” und Bewachers der Weimarer Nationalversammlung General Maercker: “Als sie die Truppen von allen Seiten mit klingendem Spiel in fester, strammer Haltung heranrücken sahen, beugte sich Noske zu Ebert herab und sagte: ‘Sei nur ruhig, es wird alles wieder gut werden’, ein Zeichen, unter welchem Druck sich die Regierung damals befand.” (Maercker, Vom Kaiserheer zur Reichswehr, Leipzig 1921:64, online)

    Ab dem 9., mit voller Wucht am 11. und 12. Januar gehen die Freikorps im Auftrag der SPD-Führung mit Kriegswaffen (Panzer, Artillerie, Maschinengewehre) und Terror (Erschießungen, öffentliche Misshandlungen wie Spießrutenlauf) in der eigenen Hauptstadt gegen die eigene Bevölkerung vor. Dabei kommen mindestens 150 Menschen ums Leben.

    Auf Seiten der aufständischen Massen steht dem trotz eines allgemein recht hohen Bewaffnungsgrads weder vergleichbar schweres Gerät noch vor allem eine vergleichbare Bereitschaft zum Einsatz der Waffen gegenüber. Die Freikorps-Offiziere sind denn auch “enttäuscht über den schwachen Widerstand”, schreibt Klaus Gietinger, “nach außen aber malte man das Bild eines phantastischen militärischen ‘Spartakusaufstandes’, das sich bis heute gehalten hat.”

    Nach der Niederschlagung des Aufstands in Berlin ermorden Freikorps mit Liebknecht und Luxemburg zwei Symbolfiguren erst des Widerstands gegen den Krieg und dann der Revolution, die Demonstrationen flammen wieder auf und bis ins Frühjahr hinein kommt es vom Ruhrgebiet bis nach Schlesien zu Massenstreiks, Ausrufung von Räterepubliken und “Sozialisierung von unten” – fast überall brutal von den Freikorps-Truppen der SPD-Regierung niedergeschlagen.

    classless Ausblick auf 2019: Streik, Sozialismus, Hüfte

    January 2nd, 2019

    Das Streikjahr 2019 geht gleich heute mit dem Verdi-Geldtransporter-Streik los, zu dessen Gelingen durch Geldabheben beigetragen werden kann. Aber auch sonst steht viel an. Weitere Pflegestreiks sind angesichts noch verschärfter Lage (Personalnotstand, Kürzungen, Schließungen) wahrscheinlich – lokale Initiativen wenden sich derzeit gegen eine Krankenhaus-Schließung in Bad Frankenhausen und gegen den Personalmangel an der Charité in Berlin. Nach den Frauenstreiks der letzten Jahre (u.a. Polen, Spanien, Irland, USA, Argentinien) gibt es für dieses Jahr nun auch größere Vorbereitungen in Deutschland und der Schweiz. Auch die von Greta Thunberg insprierten Klima-Schulstreiks, die seit Dezember u.a. unter den Hashtags #schoolstrike4climate und #fridaysforfuture laufen, scheinen keine einmaligen und begrenzten Aktionen zu bleiben, sondern ab Freitag wieder in vielen Ländern weiterzugehen. In Frankreich ist überhaupt noch keine Ruhe eingekehrt, es wird zu einer Versammlung der Versammlungen, einer Kommune der Kommunen aufgerufen. In Indien wird die vom KP-nahen CITU angeführte Gewerkschaftsbewegung ihren größten Streik der Menschheitsgeschichte vom September 2016 nun am 8. und 9. Januar wohl noch überbieten – zusammen mit Bauernverbänden und allen großen Gewerkschaften (selbstredend außer der nationalistischen Bharatiya Mazdoor Sangh) sollen 180 Millionen Arbeitskräfte zwei Tage lang gegen die neoliberal-konservative Regierung Modi, die Massenarbeitslosigkeit und die Massenverarmung der Landbevölkerung in Streik treten.

    Hierzulande hat die Bahngewerkschaft EVG gerade erst gleichzeitig die enorme Wirksamkeit von Logistikstreiks wie auch die für alle überraschend hohe Streikbereitschaft demonstriert, was für Solidaritätsaktionen mit weniger streikfähigen Arbeitskräften nutzbar gemacht werden könnte. Und auch wenn es bisher zu keinen neuen Betriebsübernahmen durch Belegschaften gekommen ist, konnten durch Streiks jedoch im vergangenen Jahr Schließungen verhindert werden (Halberg Guss) oder zumindest Abfindungen, Umschulungen und Zahlung ausstehender Gelder durchgesetzt werden (Backbetriebe in Augsburg)

    Ich werde also weiter über die Klassenkämpfe und ihre Geschichte schreiben und sprechen, zur Revolution vor hundert Jahren gibt es bereits erste Vortragstermine im Ruhrgebiet, in Bremen und Sachsen, wo immer möglich weiter den damaligen Ereignissen, nun also der “zweiten Revolution” ab Januar 1919, folgend. Zum Jubiläum der Maueröffnung sowie der Gründung der DDR und der Volksrepublik China möchte ich außerdem meinen Vortrag “‘Realsozialismus’ – Kommunismus? Kapitalismus? ‘Wirkliche Bewegung’?” (die Slides von 2013) neu auflegen, um das Thema der Verwendung als aufgeladene Referenz und Debattenmunition zu entreißen. (Ganz anderer Zugang: das neue Computerspiel “Soviet Republic – Workers and Resources” – Planwirtschaft als Aufbau-Simulation.) Außerdem soll es Veranstaltungen zum Ende der DDR und den Folgen (erster Termin voraussichtlich in Görlitz) und zur Ambivalenz der DDR-Kulturproduktion (zuerst in Aachen) geben. Ein ganz neuer Vortrag wird sich um die Hüfte drehen(!), genauer um die menschliche Hüftbewegung, also um das, was uns evolutionär zu Menschen machte – Premiere ist für Plauen geplant.

    Entlang dieser Themen wird sich wohl auch das musikalische Jahr bei mir gestalten – beim Hüftschwung die Hüfte auch direkter thematisieren (ein Arbeitstitel: “The root that rocks”), für die immer noch so schwierige Verbindung zwischen Linken und Arbeitskämpfen einfache Anleitungen à la “Talking union” vertonen, die Streikparole “Die Lagerarbeiterinnen haben keine Angst” aus der Labournet-Doku “Die Angst wegschmeißen” zu einer allgemeineren Aufwiegelei ausarbeiten…

    In diesem Sinne – anfangen, weitermachen, nicht aufhören! Kämpfen, lernen, Hinternwackeln! Und schreibt mir für Anfragen, Anmerkungen, Verabredungen.

    classless Jahresrückblick 2018

    December 30th, 2018

    Ich selber so

    Nicht mal in Sachsen-Anhalt zähle ich noch zur Jugend, treibe mich dafür aber ganz schön rum – dieses Jahr wieder 47 Vorträge gehalten (davon 24 zur Revolution vor hundert Jahren, in Köln umrahmt vom fabulösen nö theater), sieben mal aufgelegt (erstmals auf einem CSD-Paradewagen und bei der Panzerschokolade in Wien), bin zweimal bei der “Ideolotterie” zu Gast gewesen (Echt Jetz?), hab bei Björn Peng auf dem “Action Mond & Sterne” die Tanzmaus gemacht, hab aber leider nur ein CLASTAH-Konzert mit dem Lasterfahrer gegeben. Einige neue Publikationskanäle haben prima funktioniert (iz3w, Lateinamerika Nachrichten, Der Goldene Schuss, Interviews in der Mitteldeutschen Zeitung und der Graswurzelrevolution), anderes nicht so (das Videoblog Kullas Ausschnitt). Kulla war zwar nicht geeignet, einer Belagerung durch ein Heer standzuhalten, konnte aber kleinen Gruppen von Angreifern mehrere Tage Widerstand leisten.”


    v.l.n.r RosaLuxx Eisenach (Foto: Kati Engel), Panzerschokolade @ EKH Wien (Zeichung: Lulu Weidl), CSD Magdeburg (Foto: Chris Scheunchen)

    Insgesamt so

    Was ich im Jahresrückblick 2017 beschrieb, hat sich weiter verschärft (Staatenkonkurrenz und die dazugehörige nationalistische Begleitmusik). Einige der besonders intensiven Klassenkampf-Schauplätze der letzten Jahre sind weiter entflammt und neue sind hinzugekommen, doch sind sie hier auch in der Nähe ganz schön weit weg (die Gilets Jaunes in Frankreich und die riesige Demo gegen 12-Stunden-Tag in Wien) bzw. in der Entfernung nahezu unsichtbar (Indiens Marsch der Hunderttausenden), hauptsächlich weil hierzulande zwar definitiv wieder mehr über Klassenkampf geredet wurde, das aber bisher weitgehend ohne erkennbare praktische Konsequenzen blieb. Arbeitskämpfe von Augsburg (Gersthofer Backbetriebe) über Aachen (Toys’R’Us), Leipzig/Saarbrücken (Halberg Guss wochenlang mit Streik-Besuch, Übernahmeforderungen und lehrreichen Entwicklungen bezüglich Solidarität und Rassismus, in Leipzig aber auch Siemens, Kirow Ardelt und Schaudt Mikrosa), Hannover (Doppelkorn Linden), Wernigerode (Hasseröder, genau das) bis sogar nach Thale (Elring Klinger) fanden außerhalb der zuständigen Gewerkschaftsbasis kaum Unterstützung und insgesamt benutzen sich weiterhin zu viele Leute gegenseitig als Ausrede. (Der dieses Jahr so viel verbogene Marx mal in seinen eigenen Worten zu Migration und Spaltung der Klasse).

    Und so blieb auch Argentinien weit weg – trotz der fünf Gelegenheiten, bei denen seit letztem Dezember mehr als eine Million Menschen vor dem dortigen Kongress protestierten, trotz des mittlerweile vierten Generalstreiks seit Macris Regierungsantritt (erinnert sich noch jemand an die anderen drei?), trotz der mächtigen neuen Frauenbewegung und ihres Beinahe-Erfolgs in Sachen Abtreibungs-Legalisierung (Interview zum schließlichen Scheitern am Senat), trotz des G20-Gipfels in Buenos Aires Ende des Jahres. Da wussten auch die deutschen Fernsehnachrichten nicht mal, dass das an der Spitze der großen Protestdemo die aufrufende Parlamentsfraktion der Linksfront FIT war, und die Inszenierung der dort Herrschenden bekam außer den hier Herrschenden hierzulande gleich so gut wie niemand mit. (In Argentinien wiederum ist Paraguay weit weg – meine liebste Magui war dazu in Argentinien und Paraguay im Fernsehen und veröffentlichte ihr erstes Buch.)

    Kullas in towns are usually built as standalone structures, while in villages they are more commonly found as a part of a larger ensemble of kullas…“

    Das soll aber nicht heißen, dass politisch nichts Erfreuliches passiert wäre. Hier nur mal einige Sachen, an denen ich teilgenommen habe bzw. die mir nahe waren: Der Thüringer Landeshaushalt verteilte ordentlich nach unten, es gab Massendemos für Klimaschutz und Flüchtlingshilfe, die Linksjugend formulierte auf ihrem Bundeskongress im April einen Leitantrag mit diesem Einstieg: »Zu lange gingen in Europa nur rechte Monster und neoliberale Untote umher. Es wird Zeit, dass endlich wieder ein Gespenst nach Europa zurückkehrt: Das Gespenst des Kommunismus.« Götz Kubitschek und seinem IfS wurde in Schnellroda charmant Besuch abgestattet, am 1. Mai der AfD ihre große Show in Querfurt vermiest. Es gab in Quedlinburg (kleinen) Protest gegen die Innenministerkonferenz im Juni und eine (erfolgreiche) Kundgebung für das Kulturzentrum Reichenstraße im August. In Berlin wurde sich mit der Gewerkschaftsbewegung bei Jasic und anderswo in China solidarisiert. Nach dem NSU-Urteil gab es eine erschütternd-bewegende Kundgebung vor der JG Stadtmitte Jena.

    Auch in der medialen Vermittlung war einiges los. Die Abrafaxe verließen Luther, als er sich mit Müntzer überwirft, bei den “mosaik”-Frauen gab’s gleich viel unmittelbarer Klassenkampf für Kinder. In South Park findet ein Streik bei amazon statt, der schließlich auf die ganze Stadt ausgreift. Zum Lieblingsformat wurde neben den für meine Recherchen sehr hilfreichen YouTube-Kanälen um “The Great War” (“Between 2 Wars”) dieses Jahr aber endgültig “Drunk History”, das nach früheren großartigen Würdigungen wie der von Sklavenbefreierin Harriet Tubman sich nun u.a. auch Nichelle Nichols widmete, die als Uhura in Star Trek die erste Schwarze im All spielte und dann ganz praktisch die erste schwarze Astronautin anwarb. (Gespielt hier übrigens von Raven Symoné, einst die Jüngste mit einem Plattenvertrag und Interpretin des ersten Radiohits, den Missy Elliot schrieb, die aber wiederum ihre eigenen Zeilen im Videoclip wegen ihrer “Figur” nicht darbieten durfte.)


    Zur Revolution in Deutschland 1918 durchaus DEFA schauen – Screenshot aus: “Trotz alledem!” (1971)

    Aber die gerade zum Jahresende noch mal vielfach herumgereichten guten Global-Nachrichten, die durchaus klar machen, wieviel wir zu verlieren haben und welches Potential die Menschheit hat, lesen sich angesichts der immer offeneren Konflikte zwischen den Großmächten und der immer deutlicheren Folgen der Klimaveränderung (Red hot planet, Noternte auf stinkenden Feldern, Wie nah 50°C sind und wie es dann aussieht, Dürre und Hitze in Europa) wie die Nachrichten von 1913: der unaufhaltsame technische Fortschritt, die allgemeine Hebung des Lebensstandards, die Überwindung der Ungerechtigkeit, die längste Friedensphase…

    Empfehlungen des Hauses 2018

  • “Der Nationalismus der anderen” – Staat, Nation, Kapital und ihre Ideologie
  • “Der Antisemitismus der anderen” – gegen Antisemitismus überall
  • “Einfach nur noch krank!” – zu Rausch und Krankheit
  • “12 Irrtümer aus 40 Jahren Kulla”
  • “Marxwirtschaft und Machtwort” – zu Marx’ Geburtstag und den Geburtstagsgrüßen
  • “Im Zug gelesen” – das Manager-Magazin: für die ganz Nötigen
  • “Was passiert in Chemnitz?”
  • “Neueste Erkenntnisse der Linke-bashenden Linken”
  • “Kurze Entschwörung zu Gilets Jaunes vs. Macron”
  • “Oder noch mal so” – alles leider gar nicht überraschend, unbegreiflich usw.
  • “Deutsche ohne Bahnsteigkarte – Warum wir vom Besten, das hier je passiert ist, viel zu wenig wissen” (Programmzeitung Radio Corax, Oktober/November 2018: “Es lebte die sozialistische Republik”, S. 2-5)
  • Einzelpostings zur Revolution vor hundert Jahren

  • “Was steht 2018 an? Mehr Jubiläen & Klassengeschichte!”
  • “Was bei ARTE von der Revolution übrig blieb” – über das NDR-arte-Dokudrama “1918 – Aufstand der Matrosen”
  • “Luther vs. Revolution 1918: das zweite Mal als Farce” – über Luthers Rolle für Nation und Konterrevolution
  • “In der Vergangenheit leben?” – über die Frage nach dem Warum der Beschäftigung mit der Geschichte
  • “Hundert Jahre Krieg verloren – und dann diese komische Revolution” – über die Lage Ende September 1918 und die Rede von der “überflüssigen Revolution”
  • “100 Jahre Sozialpartnerschaft!” – zum Jahrestag des Jahrestages Stinnes-Legien-Abkommens 15.11.1918
  • “Nikolaus 1918: Blutbad und erster Putschversuch” – zu den Ereignissen am 6.12.1918
  • “Konterrevolution ohne Truppen” – zur “Heimkehr der Frontsoldaten”, dem geplanten Putsch gegen die Räte und dessen Scheitern durch Massendesertion 10.-15.12.1918
  • “Reichsrätekongress” – zum Allgemeinen Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte 16.-20.12.1918
  • Weihnachtsgrüße aus dem Berliner Schloss – zum Angriff auf die Volksmarinedivision an Heiligabend 1918

  • aktuelle Youtube-Playlist mit meinen Vortragsmitschnitten zu Polizei, Revolution, Rausch, Lust, Ideologie, Verschwörung, Identität, Herrschaft und Klassenkampf

    Weihnachtsgrüße aus dem Berliner Schloss

    December 23rd, 2018

    Weihnachtsgrüße aus dem Berliner Schloss – von der Volksmarinedivision, die an Heiligabend 1918 von konterrevolutionären Truppen mit Granaten unter Beschuss genommen wurde. Die revolutionären Matrosen befürchteten die Auflösung ihrer Einheit, hatten auf ihrem Sold bestanden und den Stadtkommandanten Otto Wels (SPD) festgesetzt. Daraus hatte sich die Ebert-Regierung den willkommenen Vorwand verschafft, mit den verfügbaren 1200 Mann Infanterie, Maschinengewehren und vier Batterien Feldartillerie die ihres Erachtens wichtigste Truppe der Revolution in Berlin angreifen zu lassen, die zwar keinesfalls mehrheitlich zu Spartakus hielt, aber starke Loyalitäten zur USPD und zur Demokratisierung des Militärs hatte.

    Das Kommando über den Angriff hatte der Berliner Militärgouverneur Arnold Lequis, einer der beiden Urheber der Putschpläne vorm Reichsrätekongress; zum Einsatz kommt erstmals die Garde-Kavallerie-Schützendivision unter Waldemar Pabst, aus der später mehrere Freikorps hervorgehen sollten. Wenn auch die Volksmarinedivision Verluste erlitt, so waren hier die Verluste auf der anderen Seite noch erheblich höher. Und wenngleich das Schloss gestürmt wurde und die Matrosen zwischenzeitlich zur Aufgabe des Marstalls bereit waren, retteten doch die Sicherheitswehr des USPD-Polizeipräsidenten Emil Eichhorn und herbeigeströmte, teilweise bewaffnete Massen aus den Arbeitervierteln der umliegenden Berliner Stadtbezirke, darunter auch Frauen und Kinder, die Situation, indem sie die Angreifer überrumpelten und zur Aufgabe bewegten. “Ganze Gruppen begannen zu meutern und verjagten ihre Offiziere.” (Klaus Gietinger)

    Schon mittags, nach vier Stunden Kampfgeschehen, müssen Pabst und seine Leute abziehen, er bezeichnet das als den schlimmsten Moment seiner militärischen Karriere, wird aber im Januar von Noske jede Gelegenheit zu neuen Ruhmestaten bekommen – darunter die Ermordung von Luxemburg und Liebknecht. Lequis wirft vorbereitend für Kommendes in einem Interview ein anderes Thema auf: Weil nicht auf Zivilisten gefeuert werden durfte, hätte man hier gegen Frauen und Kinder verloren. Er wird dafür entlassen, sein Nachfolger Lüttwitz wird seine Worte schon bald als Leiter der Niederschlagung des Januaraufstands und der Märzkämpfe in Berlin sowie später beim Kapp-Lüttwitz-Putsch beherzigen.

    Deutlich wird hingegen, dass das nun durch die Niederlage der einzigen handlungsfähigen konterrevolutionären Einheit in Berlin entstandene Machtvakuum weder von Spartakus noch der USPD noch den Massen selbst zum allgemeinen Aufstand und zur Vollendung der Revolution genutzt wird – praktisch alle feiern nun Weihnachten und Silvester. Der Aufstand startet erst lange zwei Wochen nach dem Sieg über die GKSD und nach weiterer Zerrüttung des Verhältnisses zwischen USPD/Obleuten und der mit bis dahin in der KPD aufgegangenen Spartakusgruppe.

    Interview zu Gilets Jaunes

    December 21st, 2018

    Für die “Graswurzelrevolution” hat mich Nicolai Hagedorn zum linken deutschen Blick auf die Gilets Jaunes, zu Klassenkampf und Polizei interviewt:

    “Von Anfang an überwog der starke Drang, letztgültige Urteile zu fällen, um sich entweder angewidert abwenden oder in blinde Euphorie ausbrechen zu können. Für viele war die Widersprüchlichkeit der französischen Proteste selbst ein Problem, was für mich mit der zumindest selektiven Praxisferne zu vieler tonangebender Linker zusammenhängt. Dass sich sozusagen roher Klassenkampf, der größere Teile der Bevölkerung erfasst, auch inmitten der ganzen ideologischen Erzählungen entwickelt und nur bestenfalls durch den interessenbasierten Zusammenschluss von immer mehr Sektoren der Klasse diese Erzählungen aufklären kann, entsprach nicht den eingeübten Beurteilungsmustern.”

    „Ich bin dafür, sich in diese Mühen hineinzubegeben“ – Daniel Kulla über die gilets jaunes, revolutionäre Potenziale und die Polizei

    Reichsrätekongress

    December 17th, 2018

    Vor 100 Jahren, vom 16. bis 20. Dezember 1918, tagte im heutigen Berliner Abgeordnetenhaus der Allgemeine Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte. Diesen Reichsrätekongress hatte die Oberste Heeresleitung mit ihren zusammengezogenen 16 Divisionen verhindern wollen, seinen Beschlüssen zur Vollendung der Revolution wollte Ebert (bis zum Scheitern des OHL-Putsches durch Massendesertion) zuvorkommen, indem er sich von Offizieren und Soldaten zum Reichspräsidenten machen ließ.

    Der Kongress fasste trotz seiner apparatelastigen Beteiligung Beschlüsse zur Demokratisierung des Militärs und zur unverzüglichen Sozialisierung des Bergbaus und anderer Schlüsselindustrien. Indem er sich aber auch mit überwältigender Mehrheit für baldige Wahlen zur Nationalversammlung aussprach, bereitete er seine eigene Entmachtung im Sinne der SPD-Führung vor – dabei wurde sich auch von einer parlamentarischen Ordnung die Durchsetzung der Sozialisierung erhofft und sollten die Räte weiterhin ein tragendes Element der neuen Verfassung werden.

    Die Protokolle des Kongresses liegen mittlerweile neu aufbereitet vor, das Vorwort von Ralf Hoffrogge, der sie mit herausgegeben hat, ist online verfügbar.

    Konterrevolution ohne Truppen

    December 10th, 2018

    Heute vor 100 Jahren begann die tagelange “Heimkehr der Frontsoldaten”, der mit täglichen Militärparaden unter vielen Fahnen und Marschmusik begleitete Versuch der Obersten Heeresleitung, Truppen für die gewaltsame Entmachtung der Räte vor deren Reichsrätekongress ab dem 16.12. in der Hauptstadt zusammenzuziehen.

    Ebert, der mittlerweile befürchten musste, dass nach dem gescheiterten Putsch am Nikolaustag (gerade vier Tage zuvor) einerseits mit erheblichem Widerstand zu rechnen sein würde, andererseits die OHL ihn nun nicht mehr wie geplant zum Reichspräsidenten machen würde, wirft sich in einer kriegskitschigen Rede, die den Ebert vorgelegten Entwurf des Majors Schleicher von der OHL noch verschärft, der Truppe an den Hals und bestätigt darin die Vorstellung vom “im Felde unbesiegten” deutschen Heer (“Kein Feind hat euch überwunden”).

    Doch zum Staatsstreich kommt es nicht – die Masse der Soldaten geht nach dem triumphalen Einmarsch heim und nimmt die Gewehre mit, die ganze konterrevolutionäre Armee aus 16 Divisionen löst sich bis auf 800 Mann auf.


    Bild via

    Kurze Entschwörung zu Gilets Jaunes vs. Macron

    December 10th, 2018

    Eine Erzählung geht derzeit ungefähr so: Hinter denen dort auf den Straßen Frankreichs, für die Macron die sichtbare Front der geheimen Rothschild-Globalismus-Weltordnungs-Illuminaten ist, steht natürlich der KGB. Und das stimmt auch insofern, als sicherlich der russische Geheimdienst (der mittlerweile allerdings zumindest anders heißt) und vielleicht auch andere Organisationen mehr oder weniger erfolgreich Einfluss auf die politische Lage in Frankreich, in Europa und auch anderswo zu nehmen versuchen – und aber auch insofern Macron tatsächlich das Programm des Neoliberalismus der westlichen Großmächte vertritt und es vor seiner Präsidentschaft als Investmentbanker bei Rothschild zum Partner gebracht hat. (An Rothschild ist selbtredend nicht das Problem, dass es sich um ein jüdisches Familienunternehmen handelt, sondern dass dort wie in allen Banken und Unternehmen kapitalistische Ausbeutung organisiert wird – immer so transparent oder verborgen wie nötig und möglich.)


    “Schau auf deine Rolex – es ist die Stunde der Revolte”

    Und das stimmt alles genauso, wie der englische Geheimdienst einst an der Vorbereitung der Französischen Revolution, später an der anti-napoleonischen Konterrevolution in Preußen beteiligt war, wie das Auswärtige Amt Lenins Fraktion der russischen Revolution unterstützte, Mao ohne sowjetische Unterstützung kaum an die Macht gelangt wäre und Faschismus und Militärdiktatur sich in Krisen aller Art (extra herbeigeführt und verschärft oder nicht) durchsetzen konnten – wie immer wieder einheimische wie ausländische Organisationen aller Art Destabilisierung betreiben und sie wenn möglich für sich auszunutzen versuchen, auch deutsche klandestine wie relativ offen agierende heute in verschiedensten Ländern der Welt.

    Und trotzdem wurde die Aristokratie in Frankreich durch die Revolution damals empfindlich getroffen und in der Folge schrittweise entmachtet, trotzdem haben die oft wirren und widersprüchlichen Auffassungen von Massenbewegungen immer wieder bis heute nachwirkende soziale Veränderungen durchgesetzt – und dabei nicht selten auch ihre Auffassungen geschärft.

    Denn der ganze ideologische Unrat, den auch viele der Gelbwesten heute in Gestalt des antisemitischen (“der Rothschild-Jude”), verschwörungsideologischen (Impfgegnerei, Chemtrails), sonstig nationalistischen und faschistischen Gedankenguts mitbringen, das sie in sozialen Echokammern wie Facebook-Gruppen und Stammcafés auch gut verdichtet und vermischt haben, kommt daher, dass sie weitgehend unerreicht von wirksamer Gesellschaftsanalyse und Kritik in dieser Gesellschaft leben, sich ihren Lebensunterhalt aus einer Produktionsweise bestreiten müssen, die nicht dafür gedacht ist, und im Klassenkampf die andere Seite diese ganzen ideologischen Nebelwerfer mit Freuden im Dauerbetrieb laufen lässt – bis ihr der Laden um die Ohren fliegt. Dann ist der Nationalismus plötzlich der falsche, dann sind seine inhaltlichen Spitzen kein Randproblem mehr, sondern das Charakteristikum, und es muss klargestellt werden, dass andere, äußere Mächte oder die politischen “Extreme” im Land dahinterstecken und dafür verantwortlich sind.

    Der Vorwurf, hinter allen Problemen stecken immer die anderen, die sich hinter verschlossenen Türen gegen die jeweils gute Nation (und einen selbst) verschwören, gehört zur kapitalistischen Gesellschaft dazu – da im Sinne der Konkurrenz ja auch alle versuchen sich zu verschwören, sofern sie können, und der Vorwurf daher praktisch immer auch trifft: “Würden sich doch nur alle wie wir an die Regeln halten, dann könnte der Laden so schön laufen!” Den meisten bleibt aber in Ermangelung der Mittel für einen Geheimdienst o.ä. nur die Verschwörung zur Straßenblockade, zum Streik, zur Besetzung, zum Angriff auf die Nobelviertel der Hauptstadt (die bei den derzeitigen Protesten erstmals in der Pariser Geschichte so betroffen sind) und zur Stürmung des Präsidentenpalasts.


    “Macron tritt ab – unsere Leben, nicht ihre Profite”

    Je mehr sie sich zu dem Zweck mit anderen verbinden, desto mehr können sie praktisch, zumindest für den Augenblick, die Konkurrenz zwischen sich aufheben in der Tendenz immer mehr von denen mit einschließen, von denen sie die systematischen Ausschlüsse und Abwertungen der Ideologie sonst trennen. Dann kann aus dem rohen und unvermittelten Klassenkampf das Bewusstsein der allgemeinen Verbindung entstehen und sich auch das sonst so vernebelte Bild von der herrschenden Klasse klären, so dass es immer weniger um die phantastische apokalyptische Bestrafung und Vernichtung der ideologischen Zerrspiegelbilder und immer konkreter um die ganz reale Enteignung und Entmachtung gehen kann. Das hängt letztlich davon ab, wie anhaltend und entschlossen sich diese Zusammenschlüsse zeigen und immer neue Teile der Klasse einzubeziehen vermögen – aber in der heutigen Welt zu einem Gutteil auch davon, inwiefern das kein isolierter Moment bleibt und es solidarische Zusammenschlüsse, Streiks und Aktionen in anderen Ländern gibt.

    Nikolaus 1918: Blutbad und erster Putschversuch

    December 6th, 2018

    Am Nikolaustag vor 100 Jahren tritt die Konterrevolution mit einem Massaker und einem ersten Putschversuch in Berlin sichtbar auf den Plan. Die Garde-Füsiliere der “Maikäferkaserne”, formal der SPD-geführten Stadtkommandantur unterstellt, sperrten die Ecke Chausseestraße/Invalidenstraße, um einem Spartakus-Demonstrationszug den Zugang zur Innenstadt zu verwehren, und eröffneten schließlich mit einem Maschinengewehr das Feuer auf die Menge. Die 16 dabei Erschossenen verdoppelten fast die Zahl der Todesopfer der Revolution in Berlin bis hierhin.

    Gleichzeitig versuchen Offiziere, Beamte des Auswärtigen Amtes, Geheimdienst und Studenten, in einem Putsch Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten zu machen und lassen den Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte – die formale höchste Regierungsinstanz unter Richard Müller – verhaften. Revolutionäre Matrosen und andere kommen zu Hilfe und vereiteln den Putsch. Ebert, der anders als die Putschisten in die Pläne der Obersten Heeresleitung für einen Staatsstreich gegen die Räte am 10.12. eingeweiht ist, weicht zurück. Räteführung und revolutionäre Truppen schöpfen ersten Verdacht gegen die SPD-Führung.


    DEFA-Nachempfindung

    “100 Jahre Sozialpartnerschaft!”

    November 15th, 2018

    “100 Jahre Sozialpartnerschaft!” trompetet es heute aus Anlass des Jahrestages des Stinnes-Legien-Abkommens – in diesem eigenmächtig geschlossenen Abkommen ging es darum, das Privateigentum an den Produktionsmitteln zu sichern, die von der ganzen Revolution aufgeworfene Sozialisierung zu vereiteln und im Gegenzug ein paar Zugeständnisse an die Großgewerkschaften zu machen, die gerade im Krieg noch Streikende als Terroristen diffamiert und ans Militär verpfiffen hatten.

    Zu den Akteuren: “Im Ersten Weltkrieg wurde Stinnes … zu einem der wichtigsten Kriegslieferanten für das deutsche Heer. … aggressive „Germanisierung“ der belgischen Rohstoffvorkommen. Zusammen mit anderen deutschen Industriellen wie Walther Rathenau und Carl Duisberg forderte er schließlich die deutsche Regierung auf, nicht nur Rohstoffe und Maschinen gewaltsam aus Belgien zu beschaffen, sondern auch die dringend benötigten Arbeitskräfte. Dies führte zur Deportation zehntausender belgischer Zivilisten, die zur Zwangsarbeit in Industrie und Bergbau nach Deutschland verschleppt wurden … Trotz dieser Verluste kontrollierte Stinnes in der Weimarer Republik … einen beachtlichen Teil der deutschen Wirtschaft… 1919 sicherte Stinnes der Friedensverhandlungen ablehnenden Deutschen Vaterlandspartei die Unterstützung des Kohlen-Syndikats…

    Durch den von ihm am 10. Januar 1919 auf einem Treffen der Spitzenvertreter der deutschen Wirtschaft in revolutionären Berlin vorgeschlagen und gegründeten Antibolschewistenfonds mit einem Nominalvolumen von 500 Millionen Reichsmark und einer Sofortkreditierung des Fonds in Höhe von 50 Millionen wurde die militärische Niederschlagung des ‘Spartakusaufstandes’ durch Freikorps gefördert und antibolschewistischen Propaganda, im Wesentlichen nationalistische Propaganda und Parteien finanziert.”

    Und von Gewerkschaftsseite: Legien hatte im Weltkrieg den Beschluss auf Streikverzicht unterstützt und sah den Krieg als nationale Aufgabe, für die er jedoch Gegenleistungen des Staates erwartete. Er war bereits gegen Ende des Ersten Weltkrieges führend an den Verhandlungen um die Zentralarbeitsgemeinschaft mit Vertretern der Industrie beteiligt.”

    Zum Abkommen: “Was für die Gewerkschaften als ein Vertragswerk von grundsätzlicher Bedeutung für den Wandel im Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit galt, war für die Unternehmer ein Not- und Zweckbündnis. Aus Furcht vor einer Sozialisierung ihrer Fabriken in der Novemberrevolution hatten sie, wenige Tage nach Ausbruch der Revolution (9. November), das Abkommen unterzeichnet. ‘Die Großindustriellen waren in schwerster Sorge vor einer kommenden Sozialisierung […] Sie waren zu allem bereit, wenn sie nur ihr Eigentum behielten.’”

    Am 14. November 1155 vor der christlichen Zeitrechnung soll der erste Streik der Menschheitsgeschichte stattgefunden haben – 3000 Jahre später endlich die gute deutsche Sozialpartnerschaft zwischen dem guten deutschen Kapital und den guten deutschen Gewerkschaften!

    (Ich danke der Facebookpräsenz des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, unter dessen Jubiläumsposting ich für die Diskussion das Material für diesen Beitrag gesammelt habe – sie halten den Hinweis auf ihre Verbrechensgeschichte für “Phantomschmerz” und meinen, der Klassenkampf, den sie führen, sei schon vorbei… Schaut mal rein!)

    Was bei ARTE von der Revolution übrig blieb

    November 1st, 2018

    Das Bemühen, den vergessenen Anfang der vergessenen Revolution sichtbar zu machen, ist im neuen arte-NDR-Dokudrama “1918 – Aufstand der Matrosen” zu erkennen, aber das macht’s nur noch schlimmer, das macht nur noch deutlicher, wie verbogen die Erinnerung ist, wie erfolgreich die damaligen Schutzbehauptungen und Ideologeme der Konterrevolution die Zeit überdauert haben.

    Kulisse und Kostüme sind liebevoll nachempfunden, viel auch mir unbekanntes Originalbildmaterial wird gezeigt. (Footage auf der Website zum Film.) Es gibt rote Fahnen, von Beginn an wird die “Internationale” gesungen, in der Selbstbewaffnungs-Aktion am Beginn des eigentlichen Aufstands ist der Ermächtigungsmoment für die beteiligte Frau mit der Waffe (Henriette Confurius als Helene Hartung, siehe Bild) als Gegenbild zum Geschlechterrollenverständnis schön eingefangen, ebenso mitreißend ist die folgende Gefangenenbefreiung dargestellt, der Wendepunkt des Geschehens in Kiel, und wenigstens eine Andeutung der allgemein um sich greifenden Rätedemokratie und von Noskes Freikorpsterror gibt’s am Ende in anderthalb Sätzen.

    Henriette Confurius als Helene Hartung

    Aber der historische Totalausfall beginnt damit, dass Björn Engholm als erster Interviewter spricht (in welcher Funktion eigentlich?), das Schlusswort hat und auch dazwischen unfassbar viel dünnen Quatsch erzählt. Für ihn handelt der Film vom “einzigen nicht völlig gelungenen Versuch einer halben Revolution” und er beklagt, dass das, was er da gleich zum Einstieg so runterredet, so sehr in Vergessenheit geraten ist – als langjährig führender Politiker einer deutschen Regierungspartei hätte er sicher selbst mehr dafür tun können, dass heute mehr Leute mehr darüber wissen als er.

    Er weiß zum Beispiel, dass erst alle für den Krieg waren und vom “Nationalwahn” erfasst (in der Forschung längst nicht mehr unumstritten, in dieser Totalaussage eh grober Unfug und klassenvergessen); er weiß von Schlachten, die nicht mehr zu gewinnen waren (und meint damit sicher sein der OHL überlegenes strategisches Rückschau-Wissen); und er weiß, dass nur diesem “Überdruck” die Revolte zu verdanken war, denn eine Arbeiterbewegung scheint’s bei ihm nicht in erwähnenswerter Weise zu geben.

    Irgendwann erklärt Engholm denn auch das Geschlechterverhältnis mit den mindestens bizarren Worten: “Man kann nicht sagen, dass die damalige Arbeiterschicht emanzipatorisch dachte im Hinblick auf die Rolle der Frau” – kein Wort davon, wie sehr die Frauenemanzipation aus der Lohnarbeit entsprang, kein Wort davon, wie die Bildung des “Familienernährer”-Facharbeits-Teils der Klasse um 1900 ein geschlechterpolitisches Rollback bewirkte, kein Wort vom reaktionären Frauenbild der herrschenden Klassen.

    Es ist also kein Wunder, dass es sich bei der ganzen revolutionären Stimmung für ihn um “eine für die deutsche Geschichte” (bzw. für Engholm) “völlig unverständliche revolutionäre oder zumindest stark evolutionäre Haltung” handelt. Er geht auch davon aus, dass die Matrosen, die nach dem Kieler Aufstand “überall eintrafen”, die einzigen waren, die wussten, wie ein Aufstand geht, “wie Räte organisiert werden” – weil es die nämlich vorher noch nicht gegeben hatte, nicht 1917 in Leipzig, nicht im Januar 1918 in Berlin und anderswo, und eben auch nicht zwischen dem 4. und 9. November auch in vielen Teilen des Landes ohne Mitwirkung der Matrosen.

    Engholm tischt natürlich auch die Rede von der “Dolchstoßlegende” als einer “der perfidesten Lügen der letzten anderthalb Jahrhunderte” auf (und nicht etwa der letzten 200 Jahre o.ä., weil er ja eben noch bei dem größten Unglück der deutschen Linken der letzten 150 Jahre war, nämlich dass die einen die anderen nicht für richtige Linke hielten, bloß weil sie sie haben zusammenschießen lassen) – die Oberste Heeresleitung (OHL) ging davon aus, den Krieg nach Befestigung der Stellungen während des Winters im Frühling wieder aufnehmen zu können und erhoffte sich aus dem Umstand, dass die Entente nach wie vor nirgendwo auf deutsches Territorium vorgedrungen war, günstige Waffenstillstandsbedingungen – tatsächlich war das alles nach der Revolution zunichte, das ist weder gelogen noch, wie oft behauptet, “Verschwörungstheorie”, in seinen unzutreffenden Elementen allenfalls ganz gewöhnliche Ideologie, die in der OHL selbst gelaubt wurde. Die heutige Deutung der “Dolchstoßlegende” entstammt zu großen Teilen, wie so vieles, der Position der damaligen Parteiführung von Engholms Verein, die empört (und ebenso überzeugt) von sich wies, dem deutschen Heer in den Rücken gefallen zu sein – treu habe man immer an dessen Seite gestanden, nur der Bolschewismus habe gewühlt und verführt, und dagegen sei man ja auch immer entschlossen und umsichtig vorgegangen. Tatsächlich gab es so plötzlich überall im Reich innerhalb von wenigen Tagen Räte, die die Macht übernahmen, weil vor allem die Betriebsvertrauensleute (Revolutionäre Obleute), die USPD und die Spartakus-Gruppe “gewühlt” und den Organisationsansatz des Massenstreiks vom Januar überall verbreitet hatten.

    Neben Engholm kommt merkwürdigerweise auch Sahra Wagenknecht ausführlich zu Wort (auch hier die Frage: warum sie?), sie erzählt Ähnliches zur “Dolchstoßlegende”, spricht ebenso von der reinen Kriegsmüdigkeitsrevolte, auch für sie ging es damals erstmal nicht um Sozialismus, war der Krieg verloren usw. usf. Wagenknecht glaubt, elegant ihre politischen Aussagen zur Gegenwart einzupflegen, was für mich schon sehr zurechtgebogen wirkt, aber eventuell ja funktioniert – immerhin verweist sie darauf, dass der Krieg damals auch mit einer progressiven, zivilisatorischen Mission verknüpft wurde und wir das aus der heutigen Zeit kennen.

    Befragt, ob der bewaffnete Aufstand legitim war, weicht Wagenknecht aus, meint, die Umstände waren damals ganz andere als heute, heute sei das nicht mehr nötig. Und hier kommt nun ausgerechnet vom dritten der Interviewten, der weder Sozialdemokrat noch Linker ist, sondern Konteradmiral, die Aussage, dass unter solchen Umständen der gewaltsame Umsturz angezeigt sein kann.

    Dieser Flotillenadmiral Kay-Achim Schönbach ist überhaupt die große angenehme Überraschung. Er scheint einerseits wesentlich besser über die damaligen Ereignisse informiert (die diesbezügliche Schulung scheint bei der Marine besser als bei der SPD und der Linken), spricht also viel mehr konkret zur Sache als die anderen beiden und füllt weniger auf, er ist auch der erste, der in bezug auf die Kriegsschiffe von Klassen redet, sie als Abbild des ganzen Reichs schildert und das am drastischen Unterschied in Küche und Speiseraum zwischen Offizieren und Mannschaften festmacht. Er macht hier genau die so populäre Trennung von Revolte gegen den Krieg und Klassenkampf nicht mit – der Aufstand der proletarischen Mannschaften gegen die adeligen und bürgerlichen Offiziere war eine handgreifliche Auflehnung der Ausgebeuteten.

    Die Stimme aus dem Off folgt aber der sozialdemokratischen und sonstig hegemonialen Erzählung. Zu Beginn des Krieges jubeln “die Deutschen ihrer Marine” noch begeistert zu, heißt es, “im Herbst 1918 ist klar: der Krieg ist für Deutschland verloren” und am Ende dann: “Dieselben Menschen, die vier Jahre zuvor noch dem Kaiser zugejubelt haben, erzwingen nun seine Abdankung. Alle eint die Hoffnung auf den Neuanfang im Frieden, in einer kommenden Republik.” Die doch nun schon ausgerufen ist! Und wer sind hier nun wieder alle? Bis heute kennen wir keine Klassen mehr, sondern nur noch Deutsche.

    Das Schlusswort hat noch mal Engholm: Das politische Engagement lässt heute, “wie ich finde”, zu wünschen übrig. Das haben Leute wie er gut hinbekommen!

    Luther vs. Revolution 1918: das zweite Mal als Farce

    October 30th, 2018

    Am 29. Oktober 1918 begann mit den ersten “Ausschreitungen” in Wilhelmshaven die Meuterei der Matrosen gegen die Befehlsverweigerung der Seekriegsführung, die entgegen der Friedensbemühungen der Reichsregierung nochmals zur Schlacht blies, genauer zum Flottenangriff auf die englische Kanalküste. Während sich die Meutereien zur Revolte ausweiteten, aus denen die Revolution hervorgehen sollte, wurde im ganzen Reich am 31. Oktober, als in Ungarn die Asternrevolution bereits siegreich war, das Reformationsjubiläum begangen.

    Freilich nicht so üppig wie im Jahr zuvor, als zum 400. Jahrestag des “Thesenanschlags” eine trotz des Krieges (und nicht zuletzt seinetwegen) gigantische Massenhuldigung den “deutschesten Mann, den es je gegeben”, feierte. Kirchgemeinden mussten ihre Glocken abliefern, die zu Kriegsgerät verarbeitet wurden. Wie schon zuvor, als der Stifter der deutschen Nationalkirche das in unzähligen Bauten und Kunstwerken verherrlichte Trotzmaskottchen gegen Rom, Paris und Habsburg draußen, gegen Katholiken und Sozialisten im Reich abgab, war er nun am Ende des Krieges vielleicht das wichtigste Sinnbild des Durchhaltens gegen die Welt der Feinde, die man doch selbst heraufbeschworen hatte. Für den deutschen Nationalismus gab es bis dahin wohl keine auch nur ansatzweise vergleichbar wichtige Figur, Luther war schlicht der Ahnheilige der Nation, die Familie Luther mit ihrer Rollenverteilung buchstäblich die Heilige Familie.

    Im Moment der Revolution fiel Luther seine andere, die offen konterrevolutionäre Rolle zu. Hatte er selbst die Niederschlagung der Bauernrevolution gesegnet und die möglichst mörderische Beteiligung daran als Ticket in den Himmel angepriesen, ließen die ersten lutheranischen Herrscher schließlich 1525 Müntzer und seine Leute zusammenschießen. Während des Ersten Weltkrieges war die lutheranische Konfession immer zahlreicher ins Lager der Deutschen Vaterlandspartei übergegangen, dem völkisch-nationalistischen Sammlungskern derjenigen, die schon bald Krieg gegen die Revolution führen und den Gründungsstock des Nationalsozialismus bilden sollten.

    Und als Friedrich Ebert, den Wikipedia als einen der lediglich drei konfessionslosen deutschen Regierungschefs aufführt (die DDR zählt hier selbstverständlich nicht mit), unmittelbar vorm 9. November von der Panik vor der Revolution voll erfasst wird, ruft er gegenüber Max von Baden, der ihm das Kanzleramt übertragen will, doch die ur-Luthersche Sünde der Auflehnung gegen die Obrigkeit auf: “Wenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution unvermeidlich. Ich aber will sie nicht, ja ich hasse sie wie die Sünde.”

    Am 31. Oktober, am Tag des Reformationsjubiläums, ängstigte Ebert sich vor dem “Augenblick, da die Masse, die Straße, unter dem Einfluss der Unabhängigen die Durchführung unsres Parteiprogramms von uns verlangt und eine Republik fordert.” Denn “Deutschland ist nicht reif für eine Republik”.

    In der Vergangenheit leben?

    October 24th, 2018

    Heute vor hundert Jahren gab die deutsche Seekriegsleitung mit ihrem geheimen Auslaufbefehl zur letzten Provokationsschlacht und mit der damit verbundenen Befehlsverweigerung gegenüber der schon um Frieden ersuchenden Regierung (Flottenbefehl vom 24. Oktober 1918) den Startschuss zur Befehlsverweigerung auf den losgeschickten Schiffen (ab 29.10.) und der sich daraus entwickelnden Meuterei, die sich wiederum zum Arbeiter- und Soldatenaufstand in Kiel (3.11.) und zum Beginn der Revolution im Deutschen Reich auswuchs.

    Ein guter Zeitpunkt um, kurz bevor nun fast täglich Geschehen von vor hundert Jahren zu berichten sein wird, noch mal die Frage nach dem Warum des Berichtens aufzuwerfen: Ist das nicht alles lange vorbei und gescheitert? Sind diese Bezugnahmen auf die Geschichte nicht hinderlich fürs Verändern der Gegenwart? Bleibt nicht so alles in den immergleichen alten Denkschablonen und politischen Feindstellungen stecken? Lebt, wer sich soviel mit der Geschichte beschäftigt, nicht in der Vergangenheit?

    Zunächst leben wir alle immer in der Vergangenheit, alles um uns herum ist in der Vergangenheit entstanden, dieser Satz jetzt schon in der Vergangenheit geschrieben – und diese Vergangenheit wirkt ganz praktisch nach: die Parteistiftung der einen heißt nach dem wohl wichtigsten Organisator der damaligen Konterrevolution (dem SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert), die der anderen nach einer revolutionären Sozialistin, die er – wie so viele andere – auf dem Gewissen hatte (KPD-Mitbegründerin Rosa Luxemburg); die konkrete heutige Vorstellung davon, was Sozialismus heißt, geht auf die Deutungen der damaligen Ereignisse, die russische Hegemonie nach der Niederschlagung der deutschen (und übrigen europäischen) Revolution bzw. die westlichen Reaktionen darauf zurück; die Betriebsräte, die Gewerkschaften, die Streiks, die Wahlen haben bis heute weitgehend den formalen Status, der ihnen damals nach blutigen Kämpfen zugewiesen wurde; von der in sozialdemokratische, kommunistische und anarchistische Strömungen gespaltenen Linken über die Nationalliberalen und Christlich-Konservativen bis hin zu den Nazis haben wir es heute mit politischen Lagern zu tun, die sich so damals entlang der revolutionären und konterrevolutionären Ereignisse gebildet haben; und allgemeiner: wem heute was gehört bzw. nicht, welches Kapital sich kontinuierlich durch die letzten hundert Jahre besonders durchsetzen konnte, ist ohne diese Ereignisse kaum zu verstehen.

    Und mit dieser Geschichte wird bis heute Politik gemacht, ganz konkret werden mit den hegemonialen Erzählungen bestimmte Formen von Selbstermächtigung und Selbstorganisation heruntergeschrieben und von ihrer Wiederaufnahme so abgelenkt bis abgeschreckt. Mit der Geschichtsschreibung ist es ein bisschen wie mit dem Klassenkampf insgesamt – sich nicht daran beteiligen zu wollen, heißt einfach nur, ihn der anderen Seite zu überlassen, die ihn nunmal führt. Wenn wir die falschen Erzählungen – von der prophezeiten Revolution, die nie kam, oder von den Deutschen, die ohne Bahnsteigkarte nicht mal einen Bahnhof besetzen (zur Herkunft dieses Spruchs), oder von den Arbeitern, die sich von naiven bis fiesen Extremisten blenden lassen, oder von der “Mitte”, der nunmal nichts anderes übrig blieb (und bleibt) als der taktische Pakt mit dem Faschismus – nicht aufknacken, sie nicht widerlegen, ihnen nicht unsere belegbare Geschichte entgegensetzen, bleiben sie so stehen und wirksam, stehen jedem Versuch, uns als Arbeitskräfte zur Übernahme der Produktionsmittel und der ganzen Gesellschaft zu organisieren, im Weg. Und dann wird das nie was damit, dass endlich alle kriegen, was sie brauchen.

    Mitschnitt “Revolution in Deutschland 1918-23”

    October 19th, 2018

    Nach den ersten 9 Terminen und vor den schon anberaumten nächsten 13 hier nun zur Fernbesichtigung der erste Mitschnitt des Vortrags “Revolution in Deutschland 1918-23” – von Joscha Hendricksen freundlicherweise aus der Audioaufnahme vom 12.9. bei den Falken Kassel (Danke an Maria Grüning!), den Slides und den gezeigten Clips erstelltes Video.

    Hundert Jahre Krieg verloren – und dann diese komische Revolution

    October 5th, 2018

    Vor hundert Jahren war der Krieg für das Deutsche Reich nicht mehr zu gewinnen – trotz Militärdiktatur und Repression, trotz “Burgfrieden” der Sozialdemokratie und tödlicher Streikbrecherei der Gewerkschaften, trotz mehrstufigem rollendem Giftgasbeschuss à la “Durchbruch-Müller”, trotz Sturmtruppen mit Flammenwerfern, trotz U-Boot-Krieg und Zeppelin-Bombardements, trotz des Ausscheidens des revolutionären Russland aus dem Krieg. Die letzte Offensive im Westen, die noch mal bis kurz vor Paris geführt hatte, war zurückgeworfen, die schwerbefestigten Verteidigungsanlagen wie die Hindenburg-Linie wurden von Millionen von US-Amerikanern, Australiern, Kanadiern, Briten, Franzosen und ihren Kolonialstreitkräften gestürmt. Die Front in Mazedonien brach zusammen, Bulgarien schied aus dem Krieg aus, die Palästina-Front löste sich weiter auf. Österreich-Ungarn hatte seine Kapazitäten schon weit überschritten. (Lage diese Woche vor 100 Jahren: THE GREAT WAR Week 219)


    Die Gesamtlage Ende September 1918

    In dieser Situation entschied die Oberste Heeresleitung, den Krieg von jemand anderem beenden zu lassen, damit sie ihn nicht verlieren muss, damit ihre Streitkräfte “im Felde unbesiegt” bleiben und der Kern des alten Staates überleben konnte. Aus dieser “Revolution von oben”, die zur Erfüllung der Waffenstillstandsbedingungen die Demokratie “einführen” und der neuen Regierung aus Sozialdemokraten und Bürgerlichen die Kapitulation in die Schuhe schieben wollte, ist unter dem Einfluss von Sebastian Haffners “Der Verrat” eine starke Erzählung einer im Grunde “überflüssigen Revolution” (Prof. Dr. Walter Mühlhausen, Vorstandsmitglied der Stiftung-Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte) entstanden. Die Veränderungen waren nach diesem Geschichtsbild bereits “eingeleitet”, die Revolutionäre liefen gleichermaßen in die Falle (“Dolchstoßlegende”) und stießen in ein Machtvakuum vor, wo die alte Ordnung alle Positionen schon geräumt hatte. In ihrer Naivität ließen sich einige dann zum Bolschewismus hinreißen, weshalb es leider, leider unumgänglich war, sie von den in Gründung befindlichen Nazis zusammenschießen zu lassen, aber dann war’s auch schon vorbei und Ebert endlich Reichspräsident und die deutsche Demokratie fest in der Hand von Staat und Regierung, wie es sich gehört.


    Die Weimarer Nationalversammlung, beschützt vor der Bevölkerung
    (Screenshots ab hier aus “Vom Reich zur Republik”)

    Es ist eine der Erzählungen, hinter denen die Geschichte der Massen-Selbstorganisation verschwunden ist. Um beteuern zu können, weder man selbst als SPD-Führung noch die eigene Anhängerschaft sei der Front in den Rücken gefallen, durfte deren massenhafte Mitwirkung am Januarstreik der Revolutionären Obleute ebensowenig Thema sein wie die formale Übernahme der Streikleitung durch SPD-Vorsitzenden Ebert (natürlich nur um ihn zu beenden), aber auch nicht die Wirkung der Repression danach: zahllose Beteiligte wurden an die Front zwangsversetzt, wo mit sinkenden Siegeschancen ihre Agitation immer besser verfing. Dass im November dann die Revolte an der Front begann und dann schnell in Form einer Räterevolution aufs ganze Reich übergriff, lag nicht nur an der paralysierten Machtstruktur der alten Ordnung, sondern vor allem daran, dass die organisatorische Vorarbeit von Jahrzehnten und die akute Agitation der letzten Monate ihren Moment gefunden hatten. Die andere Seite (inkl. SPD-Führung/Regierung) unternahm durchaus Versuche, das alles sofort zu stoppen und einzudämmen, wurde jedoch von den organisierten Massen überrumpelt, besonders planvoll und wohlorganisiert in Berlin.


    Hätten aus SPD-Sicht auch einfach zuhause bleiben und abwarten können:
    USPD auf der Straße

    Die Haffner-Version dominiert auch die Darstellung in der zehnteiligen BR-alpha-Serie “Vom Reich zur Republik”, deren Folgen 4 bis 6 das Revolutionsgeschehen behandeln. (Übersicht zu den Episoden.) Während hier viele der geschichtlichen Figuren den überlieferten Aufzeichnungen so minutiös nachgebildet sind, dass sich etwa bei Harry Graf Kessler oder Walther Freiherr von Lüttwitz daran erinnert werden muss, hier keine Originalaufnahmen zu schauen, sind die Arbeitskräfte und ihre Selbstorganisation so gut wie abwesend – nur die Elemente, die sich mit der Prominenz, den Salons und der Regierungsebene in Verbindung bringen lassen, kommen am Rande und stark karikiert vor. Massen sind nie selbst organisiert, laufen nur diesem oder jenem nach, jubeln da und oder dort zu. Das zeichnet sich auch in den ersten Folgen der Serie schon ab, als zwar fokussiert auf Wilhelm Liebknecht und August Bebel die Entstehung der Sozialdemokratie recht detailliert dargestellt wird, kaum aber die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung oder ihr Verhältnis zu den Parteien und Gewerkschaften konkret – auch hier bleibt’s überwiegend an den für bürgerlichen Blick funktionierenden Repräsentanten haften, der Kern, die Substanz fehlen weitgehend.


    Immerhin: Arbeiter bilden sich über Marx

    Die öffentlich-rechtliche Serie ist pünktlich zum Revolutionsjubiläum derzeit nirgendwo im Netz umsonst anzuschauen, sonst könnte das geneigte Publikum den Vergleich zwischen dieser Darstellung von vor gerade noch wenigen Jahren mit der heutigen eines der beiden Hauptautoren der Serie, Klaus Gietinger, anstellen. In seinem dieses Jahr erschienenen Buch “November 1918 − der verpasste Frühling des 20. Jahrhunderts” spielen die Obleute und die Räte, unter Verweis auf die neuere historische Forschung, bereits eine erheblich größere Rolle (auch wenn die Revolution wieder irgendwie nicht über das Jahr 1919 hinausreicht) – es wäre spannend zu sehen, wie eine Verfilmung auf dieser Grundlage nun aussehen würde.

    Auftritte ab Oktober 2018

    October 1st, 2018
  • Di, 02.10.2018, Halle, VL: Auflegen beim Soli-OpenAir “Deutschland halt’s Maul” (FB-Event)
  • Sa, 20.10.2018, Wien, EKH: Vortrag “Entschwörungstheorie” und dann Auflegen bei Panzerschokolade #19
  • Fr, 02.11.2018, Kiel, FKK: CLASTAH-Konzert und Auflegerei mit istari Lasterfahrer & me
  • Do, 15.11.2018, Dresden, az conni: Auflegen beim Jugendtanz – “Party like it’s 1999” (FB-Event)
  • Mo, 26.11.2018, Merseburg, Offener Kanal: Ideolotterie (Echt Jetzt?)
  • Di, 04.12.2018, Fulda, transfer: Vortrag “LUTHER AUF DAS MAUL schauen” (FB-Event)
  • Sa, 08.12.2018, Plauen, Schuldenberg, 17 Uhr: Vortrag “Arbeitsplätze selber schaffen – Instandbesetzte Betriebe in Argentinien, Nordhausen und hier” (FB-Event)
  • Vorträge “Revolution in Deutschland 1918-23

  • Mo, 15.10.2018, Halle, Melanchthonianum (FB-Event)
  • Mi, 17.10.2018, Aachen, AZ (FB-Event)
  • Do, 18.10.2018, Bonn, Uni (FB-Event)
  • Fr, 02.11.2018, Kiel (FB-Event)
  • So, 04.11.2018, Berlin, Olive-Kongress (FB-Event)
  • Di, 06.11.2018, Rostock, Café Median (FB-Event)
  • Mi, 07.11.2018, Leipzig, IfZ (FB-Event)
  • Do, 08.11.2018, Hannover, Pavillon (FB-Event)
  • Fr, 09.11.2018, Halberstadt, Papermoon: “9. November 1918, 1923, 1938 – Von der Niederschlagung der Revolution zum Holocaust” (FB-Event)
  • Mo, 12.11.2018, Frankfurt/Main, IG-Farben-Campus (FB-Event)
  • Di, 13.11.2018, Speyer, Hotel Löwengarten (FB-Event)
  • Mi, 14.11.2018, Dresden, Kosmotique (FB-Event)
  • Di, 20.11.2018, Görlitz, Hospi30 (FB-Event)
  • Mi, 21.11.2018, Nordhausen, Green Island (FB-Event)
  • Do, 22.11.2018, Eisenach, RosaLuxx (FB-Event)
  • Fr, 23.11.2018, Köln, Quäker Nachbarschaftsheim (FB-Event)
  • Mi, 28.11.2018, Neubrandenburg, AJZ
  • Mi, 12.12.2018, Jena, Uni
  • Weitere Vorträge zur Revolution 1918-23 sind noch ohne Termin (Chemnitz, Augsburg, Regensburg, Landshut, Potsdam, Hamburg). Außerdem gibt’s Pläne für Veranstaltungen zur AfD (in Greiz), zu Luther (in Bad Frankenhausen, Bochum, Bielefeld), zu Antisemitismus & Kapitalismus (Leisnig) und in Potsdam Vorträge zu “Sin Patrón”, zu Elsässer und zur Religion. Außerdem eröffne ich die Veranstaltungsreihe “Die Option zu kämpfen – Pop und Politik in Theorie und Praxis” in Augsburg mit einem Vortrag basierend auf meinem testcard-Artikel “Die Option zu kämpfen. Statt Weniger oder Mehr: Pop als ­aufständische Assoziation”.

    Wer auch noch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm.


    Videomitschnitt “All Cops Are Staatsgewalt”

    September 17th, 2018

    Schon bei der Premiere letzten Oktober in Braunschweig gefilmt, jetzt endlich veröffentlicht: der Mitschnitt von “All Cops Are Staatsgewalt – Die Polizei, ihre Rolle, Politik & PR”.

    Klassenkampf für Kinder

    September 6th, 2018

    Während die Abrafaxe Luther verließen, als er sich gegen Müntzer wandte, sind ihre weiblichen Counterparts Anna, Bella und Caramella im letzten Heft des Reformations-Jubiläumsjahres “Unter der Regenbogenfahne“ auf dem Schlachtberg bei Bad Frankenhausen mitten dabei und helfen den aufständischen Bauern. Außerdem wird das Bauernkriegspanorama von Werner Tübke anschaulich vorgestellt (“Die ganze Welt in einem Bild”) – echt jetzt, gebt Kindern “mosaik” zu lesen!

    (Bonusbild: Müntzers erster Auftritt in Heft 31“Was wenn es gar keine Reichen und keine Armen mehr geben würde. wenn jeder so arbeitet, wie er kann, und jeder bekommt, was er braucht?” – alle Bilder in größerer Version auf Instagram)

    Auftritte ab Juli 2018

    July 1st, 2018
  • Mo, 02.07.2018, Wien (Ö), Museumsquartier Raum D, 19 Uhr: Vortrag “Deutschland alternativlos – Fragen zu AfD, Ideologie und Klassenkampf” (FB-Event)
  • Do, 05.07.2018, Görlitz: Vortrag “Arbeitsplätze selber schaffen – Betriebsbesetzungen in Argentinien, anderswo und hier” (FB-Event)
  • So, 22.07.2018, Halle, Reil78: Ideolotterie (FB-Event)
  • Di, 31.07.2018, Wittstock, Sommercamp Linksjugend: Vortrag Revolution in Deutschland 1918-23
  • Do, 02.08.2018, Hannover, Pavillion: Vortrag “All Cops Are Staatsgewalt” (FB-Event)
  • Sa, 18.08.2018, St. Georgen, Action, Mond & Sterne: Vortrag “Am Geld kleben – Antisemitismus und Kapitalismus” (FB-Event)
  • Sa, 25.08.2018, Magdeburg, 13 Uhr: Auflegen beim CSD
  • Sa, 25.08.2018, Barleben, Sommercamp Linksjugend, 18 Uhr: Vortrag “Deutschland alternativlos” und später Auflegen (FB-Event)
  • Fr, 21.09.2018, Wien, Museumsquartier: Vortrag “Die Arbeit nicht hoch oder nieder – sondern machen, alle füreinander!” beim monochrom-Symposium “Politischer Widerstand als kulturelle Praxis” (FB-Event)
  • Di, 02.10.2018, Halle, VL: Auflegen beim Soli-OpenAir “Deutschland halt’s Maul” (FB-Event)
  • Sa, 20.10.2018, Wien, EKH: Vortrag “Entschwörungstheorie” (bei Panzerschokolade #19)
  • Do, 15.11.2018, Dresden, az conni: Auflegen “Party like it’s 1999”
  • Vorträge “Revolution in Deutschland 1918-23

  • Mo, 10.09.2018, Braunschweig, Sub (FB-Event)
  • Di, 11.09.2018, Göttingen OM10 (FB-Event)
  • Mi, 12.09.2018, Kassel, Club Commune (FB-Event)
  • Do, 13.09.2018, Marburg, Havanna 8 (FB-Event)
  • Mo, 15.10.2018, Halle, Melanchthonianum (FB-Event)
  • Mi, 17.10.2018, Aachen, AZ
  • Do, 18.10.2018, Bonn
  • Fr, 02.11.2018, Kiel
  • So, 04.11.2018, Berlin, (Olive-Kongress, in Planung)
  • Di, 06.11.2018, Rostock (in Planung)
  • Mi, 07.11.2018, Leipzig, IfZ
  • Do, 08.11.2018, Hannover, Pavillon
  • Fr, 09.11.2018, Halberstadt, Zora
  • Mo, 12.11.2018, Frankfurt/Main KoZ
  • Di, 13.11.2018, Speyer
  • Mi, 14.11.2018, Dresden, Kosmotique
  • Di, 20.11.2018, Görlitz
  • Mi, 21.11.2018, Nordhausen
  • Do, 22.11.2018, Eisenach
  • Weitere Vorträge zur Revolution 1918-23 sind noch ohne Termin (Jena, Potsdam, Hamburg). Außerdem gibt’s Pläne für Veranstaltungen zur AfD (in Greiz), zu Luther (in Bad Frankenhausen, Bochum, Bielefeld), zu Antisemitismus & Kapitalismus (Leisnig) und in Potsdam Vorträge zu “Sin Patrón”, zu Elsässer und zur Religion. Außerdem eröffne ich die Veranstaltungsreihe “Die Option zu kämpfen – Pop und Politik in Theorie und Praxis” in Augsburg mit einem Vortrag basierend auf meinem testcard-Artikel “Die Option zu kämpfen. Statt Weniger oder Mehr: Pop als ­aufständische Assoziation”.

    Wer auch noch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm.


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