Erste Auftritte 2020

January 2nd, 2020

• Do, 06.02.2020, Pirna, K2: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
• Sa, 04.04.2020, Dresden, Wettbüro: Lesung bei Releaseparty zu “Ich Liebe Musik 2”
• Mi, 22.04.2020, Eisenach, RosaLuxx: Vortrag über Lenin (zum 150. Geburtstag)

In der Pipe sind u.a. Auftritte bei Rock am Berg in Merkers (Juni) und beim Aufstand-Festival in Oberhausen (Juli), endlich mal wieder ein Vortrag in Karlsruhe und diverse Veranstaltungen im März zu den 100. Jahrestagen des Generalstreiks und der Kämpfe gegen den Kapp-Lüttwitz-Putsch und für die Sozialisierung. Wer auch was anberaumen will, findet hier mein aktuelles Programm.

13. Januar 1920: Massaker an der Rätebewegung

January 13th, 2020

Am 13. Januar 1920, heute vor 100 Jahren, eröffnete die Sicherheitspolizei vor dem Reichstag mit Maschinengewehren das Feuer auf eine unbewaffnete Menge von Protestierenden und tötete mehr als 40 von ihnen.

Anlass war die Beratung über das Betriebsrätegesetz (BRG), mit dem die Räte, wichtigstes Organ der Revolution und unerlässlich für die Durchsetzung der Sozialisierung, dauerhaft entmachtet werden sollten. Das heißt, sie sollten auf den Status rein lokaler, innerbetrieblicher, der Unternehmensleitung und den Gewerkschaften untergeordneter Mitbestimmungsorgane ohne eigene Entscheidungsbefugnis heruntergebracht werden – also dahin, wo die Betriebsräte sich auch heute noch befinden.

Vorausgegangen waren massive Lohnstreiks im Herbst und zu Jahresbeginn. Aus Angst vor einem Generalstreik hatte SPD-Minister Noske den Berliner Vollzugsrat aus Unabhängigen und Kommunisten Ende 1919 aufgelöst. Ein kombinierter Eisenbahn-, Bergbau- und Telegrafenstreik im Ruhrgebiet ab 5. Januar hatte weitreichende Wirkungen und auch politische Spitzen wie die Besetzung des Rathauses von Hamborn als Aktion für die Einführung einer Räteverfassung.

Als dann im Reichstag das BRG beschlossen werden soll, rufen die informelle Betriebsrätezentrale und vor allem wieder wie zuvor die USPD zu Protesten vor dem Reichstag auf und sind selbst von den Massen überrascht, darunter auch Kommunisten und SPD-Basis. Vermutlich weit mehr als 100.000 ziehen vor den Reichstag.

“Um die Mittagszeit stellen praktisch alle größeren Fabriken der Hauptstadt die Arbeit ein”, schreibt Axel Weipert (2015:160ff), “u.a. AEG, Siemens, Schwartzkopff, Knorr-Bremse und Daimler. Auch die Kraftwerke, Straßenbahner und Eisenbahner sowie zahlreiche kleinere Betriebe folgten dem Aufruf zur Demonstration. In geschlossenen Zügen marschierten die Arbeiter und Angestellten bei leichtem Regen von ihren Betriebsstätten in die Innenstadt. An der Spitze wurden rote Fahnen getragen und Schilder mit Aufschriften wie ‘Hoch die Räteorganisation’, ‘Ebert halte Wort’, ‘Her mit dem vollen Mitbestimmungsrecht’.”

Zuvor hatte es Aufrufe gegeben, sich nicht provozieren zu lassen: “Keine Putsche, keine Krawalle.” (Rote Fahne) Doch die Anwesenheit der Sicherheitspolizei änderte alles. Der Schutz des Reichstags bzw. dessen militärische Besetzung an diesem 13. Januar war der erste große Einsatz dieser nach März 1919 aus Frontsoldaten und Freikorps gebildeten und teilweise von Großindustrie und Banken bezahlten Spezialeinheit zur Aufstandsbekämpfung, die schon zwei Monate später am Militärputsch beteiligt sein sollte und im Herbst 1920 wegen alliierter Proteste aufgelöst wurde. Viele ihrer Offiziere finden wir später bei der SA und Gestapo.

Es kommt zu Gerangel und einzelnen Gewalthandlungen von beiden Seiten am Westportal des Reichstagsgebäudes (die Linken sprechen später von Provokateuren). Dann wird aber einseitig, ohne Warnung und ohne akute Notwehr am Südportal das Feuer mit Maschinengewehren und Karabinern eröffnet, es werden Handgranaten in die Menge geworfen, und es wird auch weiter gefeuert, als alle fliehen. Niemand schießt zurück, die Demonstration ist unbewaffnet.

Tote liegen im Tiergarten, 1 Matrose und etwa 40 Arbeiterinnen und Arbeiter, Hunderte werden schwer verletzt.

Die Regierung nutzt das Ereignis zu einer politischen und propagandistischen Großoffensive gegen links. Ebert verhängt den Ausnahmezustand über ganz Norddeutschland, es kommt zu zahlreichen Verhaftungen. Die USPD berichtet davon, wie ganze ihrer Versammlungen in LKWs abtransportiert werden. Auch Kommunisten und Anarchisten, die gar nicht beteiligt waren, sind betroffen – es wird ohne konkrete Tatvorwürfe vorgegangen, es sollen Organisationsstrukturen zerschlagen werden. Dazu gehört auch die sofort mit dem Ausnahmezustand einsetzende Vorab-Pressezensur (mit Beschlagnahmung) gegen die Zentralorgane der USPD und KPD sowie 44 weitere lokale Zeitungen vor allem in den Streikzentren Ruhrgebiet, Mitteldeutschland und Sachsen. Sie verhindert, dass andere Darstellungen als die der Regierung veröffentlicht werden können.

Und die strickt eine Verschwörungserzählung, die Reichskanzler Gustav Bauer (SPD) am nächsten Tag in der Nationalsversammlung vorträgt: Kommunisten und USPD seien schuld, ein “geheimes Treffen” in Halle und eine “geheime Organisation” hätten einen Generalstreik und die Stürmung des Reichstags vorbereitet. Beides war überhaupt nicht passiert und für dergleichen Pläne gab es keine Beweise. Anders als von der Regierung nun insinuiert, hatten sich die “Rädelsführer” (also die Organisatoren dieser legalen Demo, Neumann und Malzahn von der Betriebsrätezentrale) nicht “in Sicherheit gebracht”, sondern waren mitten in der Menge, wie auch Abgeordnete der USPD.

Die Ereignisse wurden nie juristisch aufgearbeitet: Die SPD-Führung schloss sich, trotz Protesten von ihrer Parteibasis und deren Beteiligung auch an Signalstreiks am 14. Januar, ohne weitere Diskussion Bauers Version an, was umso pikanter war, als der Polizeipräsident von Berlin Eugen Ernst 1910 als Berliner SPD-Vorsitzender von Berlin selbst zu einer Wahlkampf-Demonstration vorm Reichstag aufgerufen und nun aber zusammen mit dem preußischen Innenminister Heine den Sipo-Einsatz geleitet hatte.

Der “Vorwärts” übertraf sich propagandistisch aber einmal mehr selbst: dankbar für die Zurückhaltung der Sicherheitskräfte solle man sein, die Regierung träfe nicht die mindeste Schuld, der Sturm auf den Reichstag sei der geplante Auftakt für “Aufrichtung einer Rätediktatur” gewesen.

Die Reichswehr, obwohl selbst wahrscheinlich direkt nicht beteiligt, profitierte auf ganzer Linie: der Ausnahmezustand übertrug ihren Wehrkreiskommandos die Exekutivgewalt und erfüllte praktisch alle ihre akuten Forderungen. Generalleutnant Roderich von Schoeler hatte in seinem Schreiben zur Lageeinschätzung als Chef des Reichswehrgruppenkommandos 2 in Kassel in der Woche vorm 13. Januar vor bevorstehendem Bürgerkrieg gewarnt. Regierung, Bürgertum und Armee müssten sich vereint der “Herrschaft des Proletariats” entgegenstellen, “die Masse kann nicht regieren, sie braucht Köpfe, die das Regieren gelernt haben, oder besonders hierzu befähigt erscheinen.” Und als “Parole für 1920” gab er aus: “Vorbereitung zum Großkampf, Losschlagen mit allen Mitteln, sobald der Kampf uns aufgedrängt wird”. Für die Reichswehr wurde das Massaker zynischerweise zu einer Demonstration ihrer Nützlichkeit, gerade drei Tage nach Inkrafttreten des Versailler Vertrags, der die Mannstärke der Truppen drastisch begrenzen sollte, am 10. Januar.

Für die Rätebewegung war dieser Tag “Ausweis ihrer Stärke und Schwäche”, schreibt Weipert. Einerseits war sie immer noch in der Lage, Massen von Arbeitskräften zu Arbeitsniederlegung und Protest zu mobilisieren, andererseits schien sie der Repression praktisch nichts entgegensetzen zu können. Bis zum März sollten daraus vielerorts Schlüsse gezogen werden, die zu einer Wiederbelebung der bewaffneten Rätebewegung führten.

Direkte Hinterlassenschaft dieses Ereignisses ist die sogenannte “Bannmeile“, welche die Nationalversammlung wenige Monate später im Mai 1920 als direkte Reaktion auf den 13. Januar durch das “Gesetz über die Befriedung der Gebäude des Reichstags und der Landtage” (http://bit.do/Bannmeile) einrichtete. Wegen des Blutbads einer frühfaschistischen militärischen Polizeieinheit wurde dauerhaft das Demonstrationsrecht eingeschränkt.

***

Posting folgt weitgehend Axel Weipert “Die zweite Revolution”, Berlin 2015, S. 160-189. Daraus sind auch die Fotos von der Demonstration entnommen. Alle Postings zur Revolution vor hundert Jahren: Revolution in Deutschland 1918-23.

Reichswehr nach Connewitz?

January 5th, 2020

Auf meinen Seiten zur Revolution vor hundert Jahren soll es hauptsächlich um deren Rekonstruktion und Sichtbarmachung gehen, dazu gehört auch ihr Nachwirken und ihre Verwendung für spätere und heutige politische Positionierungen und Ideologie. (Zum Beispiel Robert Habeck.)

In den Kommentaren (vor allem auf der Facebook-Seite) finden sich laufend solche Rückbezüge, die sich manchmal diskutieren lassen, oft aber mit Beschimpfungen und Hetze einhergehen. Vor allem aber widersprechen sie sich: so bejubeln AfDler einerseits die Freikorps, die die Revolution niederschlugen, um andererseits eine Revolution “wie damals” gegen das “Merkel-Regime” herbeizusehnen – weil Merkel sich weigert, die Großbetriebe zu vergesellschaften und die faschistischen Strukturen in der Staatsgewalt zu zerschlagen? Teilweise geben sich die gleichen Leute auch noch als Monarchisten zu erkennen, was das gegenwärtig charakteristische Nebeneinander von autoritärem Nationalismus und neoliberaler Ideologie in die Geschichte hinein verlängert.

Manche SPDler wiederum rechtfertigen und leugnen den Terror der Freikorps im selben Satz, sagen im wesentlichen: die Massenmorde, die es nicht gegeben hat, waren notwendig. Und so ist der Kommentar, der hier im Bild zu sehen ist (aber anderswo getätigt wurde) in mehrerlei Hinsicht typisch: die heutige Situation (Connewitz, Schupelius) wird krumm und schief auf die damalige geschraubt, und es wird nach härterem Durchgreifen gerufen, ohne dessen Realität explizit zu machen.

Dieser heutige SPDler ruft also nach einem “Bluthund”, der sich (noch übers bestehende Maß hinaus) mit Militär und Kapital verbündet, um die Durchsetzung des eigenen Parteiprogramms zu verhindern. Er ruft nach einem, der völkisch-antisemitische Truppen auf Streikende und Protestierende loslässt und zur offiziellen Armee macht; er will noch mal einen, der als Reichswehrminister für Tausende Tote verantwortlich war.

Und dann heißt es, damit wäre ja aber der Sieg des “Bolschewismus” verhindert worden. Verhindert wurde, dass die mehrheitlich artikulierten Ziele der Revolution – Demokratisierung von Politik, Militär und Wirtschaft – durchgesetzt werden konnten. Die Organisation nach sowjetischem Vorbild erhielt in Deutschland erst durch die Erfahrung der Konterrevolution im Laufe der Zeit eine größere Anhängerschaft – auch die Radikalisierung der Revolution verlief bis 1920 eher in Richtung noch konsequenter demokratischer Räteherrschaft und direkter Vergesellschaftung von unten. Die Rechtfertigung müsste eigentlich lauten: zur Abwehr einer kaum realen Gefahr und zur Rettung unserer Posten haben wir den Nationalsozialismus mit aus der Taufe gehoben.

Vor hundert Jahren, im März 1920, streikten, demonstrierten und kämpften auch in Leipzig und Umgebung Massen bei der Abwehr des Kapp-Lüttwitz-Putsches. Ein großer Teil des Widerstands ging vom Süden der Stadt aus, wo sich u.a. mit der Leipziger Volkszeitung das Zentralorgan der USPD und mit dem Volkshaus einer der wichtigsten Versammlungsorte befanden. (Im November 1918 verstärkte sich die Revolution, als sie in Leipzig gerade ausbrach, nicht zuletzt aus Connewitz, wo besonders viele einquartierte Soldaten USPDler waren: „Am 8. November gegen 2 Uhr bewegte sich ein Zug Soldaten (400-500 Mann), mit einer roten Fahne an der Spitze, durch die Südstraße nach Connewitz. Eine Stunde später marschierte der inzwischen durch die ConnewitzerMassenquartiere auf etwa 800 Mann verstärkte Trupp mit Gewehren zurück ins Innere der Stadt.”S.163ff.)

Nachdem der Kapp-Lüttwitz-Putsch durch Generalstreik und entschlossenen Widerstand vereitelt und die rechte SPD-Führung wieder zurück an der Regierung war, sandte diese ihre Reichswehr, darunter auch Putschtruppen, gegen all jene, die den Generalstreik bis zur Erfüllung aller Forderungen, also auch Sozialisierung der Großindustrie und Entwaffnung des konterrevolutionären Militärs, fortsetzen wollten.

Am 19. März 1920 greift das studentische Zeitfreiwilligenregiment der Reichswehr das Leipziger Volkshaus an und zerstört es fast völlig.

Wer heute wegen eines brennenden Einkaufswagens, eines verletzten Polizeibeamten und eines brennenden Autos nach Noskes Terrortruppen ruft, scheint den nächsten Putsch der Staatsgewalt wohl gar nicht erwarten zu können.

Wer zum 100. Jahrestag der mehr als 100 Toten der Kämpfe in Leipzig gedenken will, kann das an der Stelle auf dem Südfriedhof machen, wo einmal das Mahnmal der Märzgefallenen stand.

classless Jahresrückblick 2019: das Rettende auch

December 30th, 2019

2019 wurde das erhoffte Streikjahr: es begann mit dem bisher größten Streik der Menschheitsgeschichte in Indien (200 Millionen streikten zwei Tage lang gegen die neoliberal-nationalistische Modi-Regierung) und endet mit dem Generalstreik in Frankreich gegen die Rentenreform (aktuell seit mehr als drei Wochen), die Schulverweigerung gegen die Klimakatastrophe wurde zur Massenbewegung und radikalisiert sich zumindest in Teilen weiter, die USA erleben einen Aufschwung an Arbeitskämpfen (u.a. Oakland Educators im Mai, United Auto Workers im September), auch in Deutschland nimmt die Streikbereitschaft zu (von Geldtransportern über Pflegekräfte, allgemein Gesundheitswesen bis zu Lebensmittelbetrieben u.v.a.).

Die Liste der Massenstreiks und Massenproteste weltweit ist lang (und viele davon sind widersprüchlich und von außen nicht ohne weiteres verständlich, Guillaume Paoli hat sich an einem Überblick versucht), sicher sticht jedoch Chile heraus, dessen Bevölkerung sich sowohl massenhaft an die Zeit und die Lieder vorm Neoliberalismus erinnert als auch mit “Y la culpa no era mía” eine neue mächtige Form des antisexistischen Straßenprotests hervorgebracht hat:

Aber die Gesamtlage ist verzweifelt und es ist überhaupt nicht abzusehen, ob sich all diese Streiks und Proteste schnell genug weiter sammeln und länderübergreifend verbinden um der nach wie vor schneller wachsenden Gefahr von Weltkrieg, Faschismus, Terror und Unbewohnbarkeit immer größerer Teile der Planetenoberfläche entgegenzuwirken.

Bei alldem, was gerade auf den Straßen in Bewegung gekommen ist und was es in vielen Ländern an neuerlichem Sozialismus-Diskurs gibt, hat sich an den Eigentums- und Herrschaftsverhältnissen doch so gut wie nichts geändert, gehen Ausplünderung und Ausbeutung weiter, wird immer noch mehr CO2 ausgestoßen, hat sich das Kapital in die direkte Regierungsgewalt zahlreicher Staaten gebracht und demontiert unter lautem nationalistischen Getöse die öffentliche Infrastruktur, die Rechte der Arbeitskräfte und staatliche ökonomische Eingriffsmöglichkeiten.

Die Fragen lauten immer deutlicher: Wie kommen die Streikenden und Protestierenden an Durchsetzungsmacht und an die Produktionsmittel? Wie kann die Dominanz bürgerlicher Politikformen und Ideologie, die Diskurshegemonie der immer neuen Shitstorms und Kampagnen gebrochen werden? Wie können die Distinktionen und Diskriminierungen, die allgemeine persönliche Dauerwerbesendung der Ab- & Selbstaufwertungen und der Privilegienwettbewerbe überwunden werden? Und wieviel Zeit haben wir dafür noch?

and now they’re trying to sell
the car to end all cars

Ich so

Hab meine Aufwiegelungs- und Aufklärungstätigkeit in diesem Sinne fortsetzen können, wieder mit mehr als 50 Vorträgen auch an mehreren neuen Orten und mit neuen Themen (“Realsozialismus-Bullshit-Bingo”, “Die Hüftbewegung” – passend zum Fund von “Udo” , “Die Option zu kämpfen”, “Systemausfall ’89/’90 – Zum Ende der DDR und den Folgen”, Entschwörungs-Spezial “Heiße Luft – Klima & Wissenschaft” – leider alles noch ohne Mitschnitt), mit “Ideolotterie”-Workshops nun auch im Westen und zuweilen verstärkt durch die famose Ilse Bindseil, mit der Sammlung von Klassenkampf-Nachrichten auf der Arbeitskräfte-Seite, mit viel Wühltätigkeit, zu seltener Auflegerei (auf dem Linksjugend-Pfingstcamp in Doksy und bei “Still not loving Rosenheim Cops” in München), den überraschend wirksamen “Älterer Mann”-Videos (zu Klimastreik und zu Extinction Rebellion) und gelegentlichen Stunts wie anläßlich des Besuchs von Jens Spahn in Leipzig (Fotoposting, Video). Der schriftliche Output konzentrierte sich auf Revolution und Konterrevolution vor 100 Jahren (Einzelslides zu den Vortragsorten, Jahresrückblick auf 1919), mehrere schon abgelieferte Texte erscheinen erst im nächsten Jahr (u.a. für monochrom die Verschriftlichung meines Vortrags “Die Arbeit nicht hoch oder nieder – sondern machen, alle füreinander!”, für Der Goldene Schuß ein Cut-up-Text über Rehabilitation, für einen Sammelband “Konzepte linker Gegenmacht” über instandbesetzte Betriebe und für den nach 20 Jahren zweiten Band von “Ich Liebe Musik” über “Weinen bis zur letzten Patrone”).

Ideolotterie in Wittenberg, die Spahn-Aktion, am Ort von Hitlers erstem Besuch bei der DAP 100 Jahre zuvor in München, Vortragsimpressionen aus Sulzbach-Rosenberg, Greiz und Eisenach

Nach 18 Jahren wieder Bürger des Freistaats Sachsen (und auf dem Boden von dessen erster Regierungserklärung) bin ich nun in Leipzig, wo es im Sommer an der Hildegardstraße einen ganz erstaunlichen Anti-Abschiebungs-Protest mit folgender Kiezdemo gegen die Staatsgewalt gab, wo André Poggenburg immer und immer wieder gegen Connewitz zu demonstrieren versucht, das dem Mythos vom “linkskriminellen Bürgerkriegsgebiet” nicht wirklich entspricht (und für mich eher lauter Gemeinsamkeiten mit Thale aufweist), obwohl sich die Polizei mit ständigen Hubschraubereinsätzen und auch sonst viel Mühe gibt und z.B. Stunden nach dem Anschlag von Halle eine antifaschistische Demonstration auseinanderknüppelte. Ich versuche an die klassenkämpferische Verbrechensgeschichte von Leipzig zu erinnern (Straßennamen, Leipzig Crime), im März sollen zu den 100. Jahrestagen der Generalstreik gegen den Kapp-Lüttwitz-Putsch und die bewaffneten Kämpfe um die Sozialisierung sichtbar gemacht werden.

“Nach Leipzig kommen alle – unsere Freunde, deren Zahl von Jahr zu Jahr wächst, und auch die anderen, die sich durchaus noch nicht über den sozialistischen deutschen Staat freuen.”
(Selbstdarstellung der DDR Ende der 60er Jahre)

einige Politmerch-Faves des Jahres vom Goldenen Schuss, der GEW, der AIDS-Hilfe in Halle und der Linksjugend

Empfehlungen des Hauses 2019

Brecht, nach Facebook umgestellt: “Der Kommunismus ist das Mittlere!”
• Piketty: “Das Kapital im 21. Jahrhundert” (Film ohne Marx)
“Die überschätzte Spezies”: Menschen über sich
Robert Habeck über Gustav Noske
• Falle grüne Revolution: “Dieser Teil der Gesamtveranstaltung ist nicht neu”

du musst nicht glauben
du wärst was Besseres
nur weil du was Besonderes bist
wie alle anderen auch

Hitler Teil V: “Lesestoff” und geförderter Aktivismus

November 12th, 2019

Am 12. November 1919 sehen wir den Gefreiten Adolf Hitler sowohl innerhalb wie außerhalb der Truppe eifrig bei der Sache. Als Bibliothekar wird er im Tagesbefehl des Schützenregiments 41 erwähnt, zu dessen Stab und Nachrichtenkompanie er Ende Oktober kommandiert worden war: “Lesestoff. Am 13. ds. vormittags 9 Uhr empfangen Kl[eine] Gesch[ütz] Batterie, Nachrichtenkomp[anie] (auch für Rgts.-Stab) Lesestoff bei Gefr. Hitler, Zimmer 564, III. Stock.” Othmar Plöckinger schreibt: “Offensichtlich betreute Hitler die Regimentsbibliothek, die zu einem guten Teil aus der Mannschaftsbücherei von Hitlers 2. Infanterieregiment bestand. Deren 373 Bücher wurden am 19. August 1919 an das Schützenregiment 41 übergeben.”

Im Bestand fanden sich nach der Reinigung der Truppe von “unzuverlässigen”, der Sympathien für Revolution, Räte, USPD usw. verdächtigen Elementen vor allem konservativ-nationalistische bis völkisch-antisemitische Bücher, Broschüren und Flugschriften, nur vereinzelt auch übrig gebliebene (rechts)sozialdemokratische Titel.

Collage zeigt links die Kaserne des Schützenregiments 41
und rechts eine Liste von Titeln in den Reichswehrbüchereien August/September 1919 (Ergebnis eines Bestandserfassungsbefehls) –
beides aus “Unter Soldaten und Agitatoren” von Othmar Plöckinger (Paderborn 2013).

Hitler wird in den folgenden Wochen mit großen Mengen dieser Literatur hantieren und dabei die verschiedenen, oft widersprüchlichen und von unterschiedlichen Interessen bestimmten Ansätze zu einer ideologischen Synthese zusammenstricken: aus dem konterrevolutionären Antibolschewismus des Staatsapparats, der Junker und der rechten Sozialdemokratie, aus der Militärhetze gegen angebliche jüdische Kriegsdrückerei und den “Dolchstoß”, aus dem bürgerlichen “Haltet den Dieb!” gegen das Kriegsgewinnlertum und Schieberei der jeweils anderen, schließlich aus der Erfahrung der beharrlichen Behauptung der rechten SPD-Führung den Sozialismus einzuführen ohne das jedoch zu tun, ja während die sozialistische Revolution abgeschlachtet wird – aus all dem fügt Hitler den “Nationalsozialismus” zusammen, in dem die Juden zum Grundübel erklärt werden und alles andere zu abgestuften Folgen, und in dem der Kampf der tüchtigen deutschen Nation, Kapital wie Arbeit, gegen die “jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung” zum “richtigen”, “wirklichen”, “deutschen” Sozialismus wird.

Am Abend des 12. November spricht Hitler dann auch noch auf einer Parteiversammlung der DAP zu seinem Lieblingsthema, dem Vergleich zwischen den Friedensverträgen von Brest-Litowsk und Versailles, wozu er auch an einem ab Januar von der Reichswehr massenhaft verbreiteten Flugblatt zu arbeiten begonnen hatte. Anwesend ist dabei auch Karl Mayr, Leiter der Reichswehr-Propagandaabteilung Ib/P, der Hitler und andere Soldaten zwei Monate zuvor als Aufbauhilfe zur DAP geschickt hatte.

Bereits am 30. Oktober hatte sich die Nachrichtenabteilung des Reichswehr-Gruppenkommandos erstmals in ihrem Lagebericht zur DAP geäußert und sich “durchaus zufrieden” (Plöckinger) gezeigt: “In München hat sich eine ‘nationale Arbeiterpartei’ gegründet, die einigen Zulauf hat; sie steht auf antisemitischem Boden und fordert Kampf gegen das ‘Leihkapital’ (im Gegensatz zum Industriekapital). Die gleiche Bewegung ist in Nürnberg festgestellt, ihr schärfster Gegner ist die U.S.P. In Nürnberg und Augsburg ist weitere Zunahme der antisemitischen Bewegung gemeldet.”

Es war Hitlers wachsende Aktivität in der DAP, die ihn für Mayr und die Reichswehr weiter interessant machte, da er als Redner in der Truppe keine große Rolle spielte – Hitler seinerseits sah sich auf das Militär angewiesen, das ihn bezahlte und mit Kontakten versorgte. Obwohl Hitler formal weiter der Bayerischen Armee angehörte, war er ab Ende Oktober 1919 also “weitgehend in das Heer der Weimarer Republik integriert”.

Plöckingers Resümee: “Übrig bleibt das Bild eines in und von militärischen Stellen gut versorgten Aktivisten, der der aufstrebenden DAP als Leihgabe zur Verfügung gestellt wurde. Dies war umso einfacher, als Hitlers Mitgliedschaft in der Partei nicht dem Parteienverbot für Reichswehrsoldaten unterlag, da er nie der Reichswehr angehörte.

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Alle Postings zu Revolution und Konterrevolution vor 100 Jahren:
Revolution in Deutschland 1918-23.

Postingsauswahl zur Entstehung des Nationalsozialismus:

Wie es anfing mit den Nazis.

Zwischenbilanz nach einem Jahr Revolution

November 5th, 2019

Im November 1919 lag der Ausbruch der Revolution ein Jahr zurück. Mit den während des Kriegs erprobten Mitteln des Massenstreiks und der Räte-Selbstorganisation hatten Millionen im ganzen Reich den Ersten Weltkrieg und die Monarchie beendet, Achtstundentag und Frauenwahlrecht durchgesetzt, an Stelle des Deutschen Kaiserreichs die Deutsche Sozialistische Republik begründet.

Während die ersten Versuche der SPD-Führung und des Militärs, die Revolution zurückzurollen, daran gescheitert waren, dass die dafür vorgesehenen Truppen nach Hause gingen oder sich der Revolution anschlossen, war ab Weihnachten 1918 mit kleineren, aber schwer bewaffneten und politisch klar reaktionären Einheiten brutal mit Kriegsmitteln gegen alle vorgegangen worden, die auf der Durchsetzung des SPD-Parteiprogramms (Demokratie und Sozialisierung) bestanden.

Trotz einer bis April andauernden reichsweiten Massenstreik-Bewegung für die Sozialisierung und entschlossener Versuche, diese von unten in den Betrieben und Bergwerken durchzusetzen, und trotz der sich radikalisierenden Organisationsformen der Revolution war die militärische Gewalt der Regierungsseite entscheidend: Tausende wurden getötet, inhaftiert, misshandelt, der militärische Ausnahmezustand wurde verfassungsmäßig festgeschrieben und bis auf weiteres fast überall dauerhaft verhängt.

Begleitet wurde das von der Regierungspropaganda, der Sozialismus sei schon da, und von der vor allem Militärpropaganda, die völkisch-antisemitisch gegen die “Roten” hetzte und zu diesem Zweck Agitatoren wie Hitler ausbildete.

Während sich die Konterrevolution im Verlaufe des Jahres 1919 nicht nur in Deutschland zum Faschismus formierte, versuchte auch die Revolution sich neu aufzustellen: die KPD schließt im Oktober 1919 auf ihrem Heidelberger Parteitag jene aus, die gegen eine Beteiligung an Parlament und Gewerkschaft sind und die wie die international organisierten “Wobblies” (IWW) auf noch konsequentere Selbstorganisation der Arbeitskräfte orientieren. Damit wird im folgenden Jahr das Zusammengehen der KPD mit der linken USPD (und im März mit den Gewerkschaften bei der Abwehr des Kapp-Lüttwitz-Putsches) möglich, der Ausschluss führt aber auch zur Bildung der KAPD und ihrem engen Zusammenwirken mit den regional starken syndikalistischen Organisationen.

Die Revolution wird noch mehrmals ihr Haupt heben, wird dabei zwischen radikaler Basisorientierung und dem Vorbild der im Bürgerkrieg erfolgreicheren Bolschewiki mehrfach ihre Gestalt ändern und insgesamt verzweifelter werden. Die Konterrevolution wird sich ideologisch aufrüsten, und zehn Jahre nach der endgültigen Niederschlagung der Revolution im Herbst 1923 wird sie in offen faschistischer Form die Macht im Land übernehmen.

“Das Kapital im 21. Jahrhundert” (Film ohne Marx)

October 22nd, 2019

Kino, kleiner Saal, intime Nähe zum übrigen Publikum. Werbung für Zwingli-Film, Mario-Adorf-Film (das letzte Mal, dass Marx hier heute wenigstens irgendwie im Bild ist), Ratzinger-Film, den Leonard-Cohen-Film, den ich bis zu diesem Trailer vielleicht hätte sehen wollen, zweimal Werbung für Kino (wir sind doch schon da!), einmal Düfte, einmal Volkshochschule, noch mal Kino und einmal Eis, dessen Verzehr schlank zu machen scheint.

Dann geht’s offenbar los, aber es geht mit dem Ende der DDR los, ich denke, okay, noch ein letzter Trailer vorm Hauptfilm. Dann ist Piketty zu sehen und zu hören, er redet vom “Mauerfall”, er hat selbst den Zusammenbruch persönlich erlebt hat (street cred!), das System war völlig gescheitert, das kommunistische Versprechen hatte sich als Betrug entpuppt – was er dazu eben so erzählt, ohne einen Pups Erläuterung (und ohne Marx, klar), these truths are held to be self-evident.

Vielleicht ist Piketty halt auch in einer anderen, schnell zum ’89-Jubiläum zusammengezimmerten Doku, und die wird hier gerade versehentlich oder als Vorfilm gezeigt, kann ja sein.

Nun spricht er von seiner Angst, die Ungleichheit des 18. und 19. Jahrhunderts würde wiederkehren. Weil dann nicht nur andere vom Hungertod bedroht sind, sondern vielleicht auch richtige Menschen wie er – das sagt er nicht, aber so langsam dämmert mir, dass es vielleicht einfach nur der falsche Piketty-Film ist, der gerade läuft, schnell zu irgendeinem Festivaltermin zusammengezimmert oder um ihn anzuschmieren oder so.

Es ist wie bei dieser “Per Anhalter durch die Galaxis”-Verfilmung von 2005, bei der ich auch lange dachte, ich hätte die verkehrte Datei gezogen.

Aber nun werden lauter Expert*n aufgefahren, und obwohl die schnellen Schnitte durch größtenteils wenig originelles historisches Doku- und Spielfilmmaterial (plus auch mal Simpsons und Family Guy, huiuiui) eher nach einer dieser Internet-Kolportage-Dokus aussehen, lässt sich ahnen, dass das wohl der ernstgemeinte und mutmaßlich relativ teure Versuch des angekündigten richtigen Films ist.

Wir sind, weil Piketty vor dieser Zeit Angst hat, im 18. Jahrhundert, Aristokratie lebt von Großgrundbesitz, der Begriff “Kapital” wird kurz aus einem Wörterbuch bestimmt (es wird keine weitere Erklärung dazu geben), bald darauf werden die Begriffe “soziales” und “kulturelles Kapital” ohne jede Erläuterung eingeworfen, im weiteren ist Kapital sowieso praktisch jede Art von Vermögen. Ausbeutung kommt nicht vor – der Skandal ist, dass niemand in die Klasse der Besitzenden aufsteigen kann. Und das wiederum scheint die “extreme Ungleichheit” zu sein, die deshalb Angst macht, weil sie zu Revolutionen führen kann. Das Bürgertum kommt also einmal mehr vor allem dadurch vor, dass es nicht vorkommt.

Ab hier ist der restliche Film ein extrem oberflächlicher Ritt durch die letzten 200 Jahre Wirtschaftsgeschichte, Kolonialismus, Krieg, Mode, Weihnachten, alles ohne auch nur einen Hauch Marx, ziemlich sauber die linksliberale Sicht, in der verschiedene schlimme Auswüchse durch umsichtige Mittelklasse-Politik erfolgreich eingedämmt wurden und in der Streiks nur selten und episodisch vorkommen um die umsichtige Politik zu bewerben. Revolutionen kommen, außer der Französischen, praktisch gar nicht vor, auch die Sowjetunion bleibt seltsam abwesend. In den 1920ern wollen die Arbeiter und die Frauen für ihren Einsatz im Krieg auch mal was zurück. Die Nazis kommen an die Macht, weil die Leute so arm sind. Dabei ist Hitler in der im Hintergrund eingespielten Rede sogar damit zitiert, dass es ab nun keine Klassen mehr geben würde, aber das wird hier einfach als Beleg behandelt, fertig. Ist das jetzt wirklich der richtige Film?

Irgendwie ist über weite Strecken nur zu erahnen, um welches Land oder welche Länder es gerade geht – Piketty redet sehr deutlich von Frankreich aus, andere der Expert*n eher von Großbritannien oder von den USA, das sagen sie aber nie dazu und selten ist klar, was sie gerade noch mitmeinen oder nicht. Der größte Teil der Welt fehlt eh. Es ist auch schwer im Kopf zu behalten, wer welchen Teil dieser ganzen Allgemeinplätze gesagt hat – einzige richtige Enttäuschung dabei: Paul Mason, von dem ich schon Schlaueres gehört zu haben meine.

Erst ab den 1970ern, als eine Periode umsichtiger Mittelklasse-Politik einfach so beendet wurde, galten Arbeitskräfte als Kosten, nicht als Asset. Seither bereichern sich zwielichtige Eliten, haltet den Dieb, hier wandert’s jetzt leicht ins Antisemitische. Krisen, die ins Bild passen: Ölkrise und 2008. Ein Monopoly-Experiment, bei dem offensichtlich bevorteilte Spieler ihren Sieg dennoch ihrer eigenen Überlegenheit zuschreiben, wird als Beweis dafür genommen, dass Menschen nun mal so verdrahtet sind, nicht dafür, dass das Spiel Scheiße ist.

Es folgen Klagen darüber, dass der Kapitalismus gar nicht mehr Innovation und Wachstum schafft (hier hätten sie eigentlich Wagenknecht hinzuholen können, aber die wäre ihnen am Ende trotzdem auch noch mit Marx gekommen), sowie Klagen über die soziale Leiter, die man nicht mehr hochkommt (keine Hinweise auf die Idee, die Leiter loszuwerden). Menschen werden ersetzbar wie einst Pferde, deshalb dreht sich das Kapital nicht mehr um Arbeitskräfte – ach hätten sie doch nur mal ein paar Seiten Marx gelesen, denke ich, und dann denke ich gleich, dass es mit ein paar Seiten wohl nicht getan wäre, und dann, dass sie vielleicht sogar mal genau die Passagen zum tendenziellen Fall der Profitrate gelesen haben, die an dieser Stelle hilfreich wären, damit aber für ihre eigene Position und die ihrer Zielgruppe einfach nichts anfangen konnten, weil sie lieber Mittelklasse bleiben wollen als sich mit den Ärmeren zur Überwindung des Klassenzoos zusammenzutun.

Wenn die Mittelklasse weiter schrumpft, sagt Piketty, besteht das Risiko, dass sie dann arm wird. Das Kapital ist nichts per se Schlechtes, sagt Piketty, solange nur jeder einen Teil davon besäße (jetzt ist endlich bald der Film zu Ende!). Das Ausmaß der Konzentration des Kapitals müsste durch Besteuerung begrenzt werden, sagt Piketty, die Ungleichheit darf nicht zu groß werden (sonst Revo!).

Und als Schlusswort sagt Piketty, er ist für Kontrolle des Kapitals und für die Überwindung des Kapitalismus. Wenn die Eliten endlich vom guten Staat ordentlich besteuert werden und Leute wie er auch weiter ein bisschen mehr vom großen Kuchen abbekommen, ist der Kapitalismus praktisch schon überwunden, ganze ohne das Kapitalverhältnis überwinden oder am Ende gar “Das Kapital” noch mal lesen zu müssen.

Älterer Mann Botschaft zu Extinction Rebellion

October 9th, 2019

Ich hab mich weiter geschämt und noch so ein Video gemacht:

Menschen über sich

October 2nd, 2019

Großartige Bilderflut voller Wissen, dann aber olle Pointe – darauf scheint sich ARTE zu spezialisieren. Auch im Falle der Doku-Minireihe “Eine überschätzte Spezies” wird mit nie gesehenen Animationen über Universum und Evolution eine beeindruckende Menge wissenschaftlicher Erkenntnis an den Grenzen der Darstellbarkeit zusammengetragen und begreifbar verdichtet – um dann den Refrain heimzuhämmern, dass die Spezies, die all dies so weit verstehen und darstellen kann, so besonders ja doch nicht ist.

Wer tatsächlich dem klassisch-christlichen bis konservativ-faschistischen Bild anhängt und den Menschen als “Krone der Schöpfung” sieht, die sich die Erde untertan machen soll, mag hier auf zahlreiche Kränkungen stoßen, die dann wohl auch mal sein müssen. Auch bis weit über dieses Glaubensbild halten sich ja hartnäckig auch im populärwissenschaftlichen Kontext allerlei Vorstellungen über Alleinstellungsmerkmale unserer Spezies, die gar keine sind.

Hier wird nun aber das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und die in den letzten Jahrzehnten allmählich besser aufgeklärten tatsächlichen Besonderheiten unserer Abstammungslinie, die unter anderem dieses ganze Wissen über die Welt und diese Darstellung davon möglich gemacht haben, tauchen einfach nicht auf bzw. werden übergangen. Das heißt, statt (ganz kurz gefasst) Hüfte, Rausch, Lust und Kommunismus landen wir dann gleich bei Philosophie, Religion und Vernunft.

Damit bleibt das Ganze dem herrschaftlichen Diskurs verhaftet, der von diesen neueren, allmählich dämmernden Erkenntnissen gerade besonders gründlich auseinandergenommen wird (bzw. werden könnte). Die Vorstellung von der Herrschaft des Menschen über die Natur war immer auch Teil des Rechtfertigungsdiskurses für die Herrschaft über andere Menschen (und für den herrschaftlichen Umgang mit der nicht-menschlichen Natur), in dem Hüfte, Rausch, Lust und Kommunismus auch unabhängig vom jeweils aktuellen Forschungsstand ganz systematisch nicht vorkamen und vorkommen.

Diese herrschaftliche Position versucht sich mit ihrem Naturdiskurs auf die ganze Menschheit zu verallgemeinern und diese damit zu Komplizen gegenüber der übrigen Natur zu machen, so wie sie es mit dem Nationalismus gegenüber anderen Nationen bzw. gegenüber den untüchtigen, fremden anderen Menschen tut. Das endet üblicherweise in der Gegenüberstellung von herrschaftlicher Zivilisation und Wildnis/Barbarei – und das wiederum bricht die potentiell heilsame Kränkung angesichts der eigenen relativen Position im Ökosystem auf die Formel vom nur dank der Herrschaft mit Ach und Krach zivilisierten menschlichen Tier herunter, was bildet man sich denn ein?

Der dünne Lack der Zivilisation ist im letzten Jahrhundert zur Erzählung der bürgerlichen Herrschaft über sich selbst geworden, darüber, wie sie jederzeit in Faschismus umschlagen kann um sich gegen zu starke Konkurrenz oder Infragestellung vorwärtszuverteidigen. Und dazu gehören die vielen kleineren ideologischen Narrative, die erste und zweite Natur zusammenwerfen, Konkurrenz gegen Kooperation ausspielen (hier etwa die Entstehung des menschlichen Körpers aus der Kooperation und Konkurrenz unzähliger anderer Organismen bereits als Kränkung seiner Bedeutung behandeln) und Menschen eben nicht in ihrer Besonderheit ernstnehmen, sondern mit den jeweils passenden Projektionen von Raubtierrudeln usw. gleichsetzen.

Und so ermahnt sich im letzten Teil diese bürgerliche Herrschaft (über den Umweg des hier abgebildeten Wissenschaftsdiskurses) selbst, wird eine im Grunde absurde Hoffnung in die gerade als unbedeutend abqualifizierte menschliche Vernunft gesetzt, die einen davon abhalten möge, die eigenen Lebensbedingungen zu zerstören.

In gewisser Weise illustriert diese ganze Serie das durch den herrschaftlichen Blick verschärfte Dilemma, dass sich das menschliche Gehirn aus seiner Vorstellung von der Welt selbst immer herausnimmt und gleichzeitig überallhin projiziert – es kommt selbst nicht vor, überall sind aber Repräsentation von ihm. Und so geht die Miniserie an ihrem eigenen Widerspruch vorüber, dass sie selbst, mit all ihrem verdichteten Wissen und all der hochverfeinerten Darstellung, in der Rechnung über die Besonderheit nicht vorkommt – gerade so etwas wie das Material dieser Miniserie zeichnet uns als Spezies ja aus!

Der Blick an den herrschaftlichen Eitelkeiten vorbei auf unser reales Potential könnte uns klarmachen, wie wir uns gegenüber einander und dem Rest der Welt durchaus anders verhalten können – auch bei dieser Einsicht gehe ich (wie bei anderen) allerdings davon aus, dass sie sich erst im Zuge größerer Zusammenschlüsse verallgemeinern wird, wenn also dieses Potential bereits (wieder) umfangreicher zum Tragen kommt.

Collage aus vier Zoomstufen der Darstellung der menschlichen Hautoberfläche, die den Punkt mit der Kooperation und Konkurrenz unzähliger Lebewesen im und am menschlichen Körper sehr schön (naja) illustriert.

Zweierlei zu China

October 1st, 2019

Zum heutigen 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China habe ich zwei Leseempfehlungen:

– die Laudatio von Christian Y. Schmidt, die mit Schwerpunkt auf den Themen Armut, Umwelt und Frieden m. E. vieles geraderückt, was nach wie vor sehr falsch und verbogen wahrgenommen wird: “Natürlich gibt es auch Punkte, die an China zu kritisieren sind; genauso wie Menschen machen auch Staaten Fehler. Und klar ist, dass sich China weiter reformieren und öffnen muss, um den hier skizzierten Kurs erfolgreich fortzusetzen. Doch an einem Geburtstag sollte Kritik hintenanstehen. Also noch einmal: Herzlichen Glückwunsch zum Siebzigsten, Volksrepublik China.” 

– und das Buch “Maoism – A Global History” von Julia Lovell, das es bisher leider nicht auf Deutsch gibt und das aus einem eher linksliberalen Blickwinkel geschrieben ist, das in seiner Vielschichtigkeit und Deutlichkeit aber auch hierzulande noch sehr viel mehr Lücken im Verständnis schließen könnte – von der Entstehungsgeschichte in China, dem erbitterten, oft brutalen und bizarren Wettstreit der Systeme und Legenden, dem Einfluss auf andere Länder (von Malaysia, Indonesien, Vietnam und Kambodscha über die afrikanischen Projekte des “Hochmaoismus” bis zum späten Wirken etwa in Peru) und den Verlauf der globalen Auseinandersetzungen insgesamt

Allgemeine Arbeiter-Union

September 30th, 2019

Vor 100 Jahren formiert sich nicht nur die Konterrevolution zum Faschismus, auch die Revolution versucht sich neu aufzustellen.

Im September 1919 rufen die “Wobblies”, die Industrial Workers of the World, per Flugblatt zum Eintritt in ihre deutsche Sektion, die Allgemeine Arbeiter-Union, auf: “Das Weltkapital organisiert sich im kapitalistischen Völkerbund, das Weltproletariat im Verband der Industriearbeiter der Welt. (…) Die Organe der prole­tarischen Staatsgewalt sind die Räte, die Grundlage jeder Wirtschaft sind die Betriebe, in denen sich der Produktionsprozeß vollzieht. Die proletarische Klassenorganisation nimmt ihren Ausgang von der Zusammenfassung aller Kopf- und Handarbeiter in den Betrieben, in welchen sie beschäftigt sind.”

Für Karl-Heinz Roth in “Die ‘andere’ Arbeiterbewegung” war das ein wichtiges Element der Neuformierung innerhalb der Klasse nach den schweren Niederlagen in der ersten Jahreshälfte 1919, vor allem der Anstrengungen, in den USA wie in Deutschland, die Betriebsorganisationen zu “Umsturz- und Aufbau-Organisation in einem” zu machen. Er schreibt: “Hier wie dort habe die Arbeiterklasse gelernt, sich aus der engstirnigen Bindung an Arbeitsinhalte und Arbeitsoperationen zu lösen. Die deutschen Proletarier hätten bitteres Lehrgeld zahlen müssen, um zu begreifen, daß die Selbstbestimmung über die Produktion, die ohnedies nicht unmittelbar vom Betrieb her, sondern ausgehend von den großen Wirtschaftszweigen erkämpft werden müsse, nie vom bewaffneten Kampf um die politische Macht getrennt werden könne.”

Buchcover Roth "Die andere Arbeiterbewegung"

Diese Lernprozesse, auf Kampferfahrungen aufgebaut, die vor allem “die Chemiearbeiter von Leuna, die norddeutschen Hafen- und Werftarbeiter und die Bergarbeiter im Mansfeldischen und im Ruhrgebiet” gemacht hatten, bereiten wichtige Teile der kommenden Kämpfe in den Jahren 1920 und 1921 vor.

Der ganze Text des Aufrufs aus dem September 1919 findet sich hier: “Tretet ein in die ‘Allgemeine Arbeiter-Union’!” 

Älterer Mann – Botschaft an Klimastreik

September 23rd, 2019

So, jetzt reicht’s mir aber auch mal und ich hab ein Video ins Internet gestellt! Das wird man ja wohl hoffentlich noch sagen dürfen…

Wie es anfing mit den Nazis

September 16th, 2019

Übersicht der bisherigen Postings zur Entstehung des Nationalsozialismus

Egal wie oft das auch beim Thema “Anfänge des Nationalsozialismus” behauptet wird: ES ging damals 1919 nicht links und unten los, sondern es ging zuallererst gegen links und unten. (Sofern diese Begriffe überhaupt sein müssen…) Es war keine “Spielart des Sozialismus”, es ging gegen den Sozialismus, d.h. gegen das, was darunter ganz überwiegend verstanden wurde. Es ging nicht gegen das Kapital, sondern es sollte dem Kapital der Weg für möglichst rücksichtslose Durchsetzung gegen Konkurrenz und Infragestellung freigeschossen werden. Die Konterrevolution war ganz überwiegend keine “naturwüchsige”, volkstümliche Reaktion, sondern bestand vor allem aus Militär, das angeheuert, bewaffnet und gezielt auf die Streikenden und Aufständischen losgelassen wurde. Politisches Programm und Ideologie waren der Herkunft und dem Interesse nach bürgerlich und militärisch, in Resten noch monarchisch-aristokratisch, und standen den Programmen der organisierten Arbeitskräfte offen feindlich gegenüber. Um die Arbeitskräfte aber für die Nation (also das einheimische Kapital) zurückgewinnen zu können, war mehr als die jahrelange brutale Repression erforderlich, es brauchte auch die Verkleidung des Faschismus als “Nationalsozialismus” und seine Massenbasis in der übrigen Bevölkerung, bis schließlich erst im Verlaufe der 30er Jahre der Widerstand tatsächlich gebrochen werden konnte.

Hier die bisherigen Postings dazu, wie das mit den Nazis losging, Januar bis September 1919.

Anwerbung und erster Großeinsatz der Freikorps beim Januaraufstand 1919:

“Ab dem 9., mit voller Wucht am 11. und 12. Januar gehen die Freikorps im Auftrag der SPD-Führung mit Kriegswaffen (Panzer, Artillerie, Maschinengewehre) und Terror (Erschießungen, öffentliche Misshandlungen wie Spießrutenlauf) in der eigenen Hauptstadt gegen die eigene Bevölkerung vor. Dabei kommen mindestens 150 Menschen ums Leben.”

Freikorps werden zur Reichswehr:

“Am 6. März 1919 beschließt die Nationalversammlung in Weimar das “Gesetz über die Bildung einer vorläufigen Reichswehr” durch “Zusammenfassung bereits bestehender Freiwilligenverbände”. Die unterzeichnenden Ebert, Noske und der preußische Kriegsminister Walther Reinhardt (“einer der Planer der Ausrufung eines selbstständigen Oststaates, von dem aus später eine nationale Erhebung in ganz Deutschland ausgehen sollte”) machten so die Freikorps, während sie bereits in Berlin und anderen Teilen des Reiches gegen Streikende und Aufständische wüteten, zur offiziellen Armee, die “den Anordnungen der Reichsregierung Geltung verschafft und die Ruhe und Ordnung im Innern aufrechterhält.“ (Gesetzestext) Als das Gesetz am 12. März öffentlich verkündet wurde, waren dem Wirken dieser Armee bereits mehr als 1000 Menschen zum Opfer gefallen.”
(März 1919 in Berlin, Teil 2: Freikorps greifen an, Streik verschärft sich)

Einmarsch in München, Ende April/Anfang Mai 1919:

“Dann finden tagelang immer mehr und umfangreichere Erschießungen nach “spontanen Standgerichten” statt und es kommt zu regelrechten Massakern (auch an katholischen Handwerksgesellen und russischen Kriegsgefangenen), immer angefeuert durch die Presse (SPD-nahes Bamberger Volksblatt: “Der gewöhnliche Tod des Erschießens ist für die Münchner Bestien viel zu wenig…”). Bis 6. Mai gibt es mindestens 650 Tote, als besonders brutal tut sich das Bayerische Schützenkorps unter Franz Ritter von Epp hervor und schießt “alles, was nach Arbeiter aussieht und sich auf die Straßen wagt, nieder” (Schaupp). Unter den Verantwortlichen des Korps finden sich Ernst Röhm, Rudolf Heß und viele andere später wichtige Nazis. Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) dankt Oberbefehlshaber General von Oven “für die umsichtige und erfolgreiche Leitung der Operation in München”. (…)

Auch in Bayern bildet sich eine militärische Parallelregierung, die sogenannte “Ordnungszelle”, die dafür sorgen wird, dass der Versailler Vertrag nicht ratifiziert wird und sich im Schutz der weiter bestehenden paramilitärischen Verbände der Grundstock des Nationalsozialismus formieren kann, als dessen Geburtsstunde schon Zeitgenossen wie Erich Mühsam den Einmarsch der Hakenkreuz-geschmückten Truppen in München wahrnehmen.”
(Terror der SPD-Regierungstruppen vorläufig siegreich)

Antisemitismus in der Reichswehr, Sommer 1919:

“Zu dieser Zeit laufen die verschiedenen antisemitischen Hauptstoßrichtungen noch eher unverbunden nebeneinander her (ganz kurz: Militär gegen angebliche jüdische Kriegsdrückerei und “Dolchstoß”, Staatsapparat und Junker gegen Umsturz und Bolschewismus, Bürgertum gegen Kriegsgewinnlertum und Schieberei der anderen). Im Laufe der kommenden Monate entsteht aus ihnen nach und nach die große Erzählung von der “jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung” als Kern der nationalsozialistischen Weltanschauung.”

Hitler Teil I – Säuberung von der Revolution:

“Am 9. Mai 1919 wurde der Gefreite der bayerischen Armee Adolf Hitler in den Untersuchungsausschuss seines Regiments zur Säuberung von Anhängern der soeben niedergeschlagenen Räterepublik Baiern berufen.”

Hitler Teil II – Umschulung auf Konterrevolution:

“Am 10. Juli 1919 beginnt der Gefreite der bayerischen Armee Adolf Hitler seine Weiterbildung zum Reichswehr-Propagandisten. (…) Diese Kurse knüpften an den “Vaterländischen Unterricht” im Deutschen Heer ab 1917 gegen die “Friedensduselei” an, nun sollten im Sinne des Initiators Karl Mayr sogenannte “Bildungsoffiziere” zur völkischen Wappnung der Truppe gegen den Bolschewismus (also praktisch weiterhin vor allem gegen die USPD und die Räte) ausgebildet werden, um der de-facto-Militärherrschaft in weiten Teilen des Reiches einen ideologischen Unterbau zu verschaffen.”

Bamberger Verfassung vom 14. August 1919:

“Die Konterrevolution war nun kodifiziert, das legalisierte Zusammenspiel aus permanentem Ausnahmezustand, staatlicher und nichtstaatlicher Repression und Gewalt begründete die sogenannte “Ordnungszelle Bayern”, die als “politisches System der institutionalisierten Gegenrevolution” (Sebastian Zehetmair) den Rahmen für den Aufstieg der NSDAP bildete.”

Hitler Teil III – Propagandafeldversuch für die Reichswehr:

“Hitler war nun als Gefreiter im Weltkrieg, in der Räterepublik, im Untersuchungsausschuss zur konterrevolutionären Säuberung seiner Truppe, bei der Weiterbildung zum Reichswehr-Propagandisten und in seinem ersten Propaganda-Einsatz in Lechfeld gewesen und stand zwar zunächst ohne Aufgabe da, hatte sich aber weiter oben nachdrücklich empfohlen (er war nun einer von 70 Propagandisten auf Mayrs Einsatzliste), sich mit den wichtigsten Propagandaschriften der Zeit vertraut machen und wichtige Verbindungen aufbauen können”

Hitler Teil IV – Als Aufbauhelfer zur DAP

“Am 12. September 1919 lässt Karl Mayr, Leiter der Propagandaabteilung Ib/P bei der „vorläufigen Reichswehr in Bayern“, den Gefreiten Adolf Hitler und mindestens sieben weitere Soldaten eins der ersten öffentlichen Treffen der direkten NSDAP-Vorgängerorganisation Deutsche Arbeiterpartei (DAP) besuchen. (…)

Die Reichswehrführung möchte auf das politische München Einfluss nehmen und unterstützt die noch kleine DAP, die ihr zum einen mit ihrer antibolschewistischen und antisemitischen Haltung nahesteht und die sich zudem durch ihre Basis unter Arbeitskräften der Eisenbahnwerke als Brückenkopf in der “revolutionär verseuchten Arbeiterschaft” anbietet. (…)

Wenige Tage später tritt Hitler, wie andere der Anwesenden, der Partei bei. Und hier findet er, der ansonsten nach dem Fehlschlag in Lechfeld weitgehend beschäftigungslos in der Abwicklungsstelle seines Regiments festsaß, eine neue Aufgabe, die sich in seiner Tätigkeit als Truppenbibliothekar ab November 1919 konkretisieren wird: in der Zusammenschau der im Bestand der Reichswehr befindlichen völkisch-antisemitischen Literatur zur neuen Doktrin des “Nationalsozialismus”.”

Zusammenfassung (Auschwitz-Gedenktag):

“Am Ende des Ersten Weltkrieges gab es (nicht nur) in Deutschland eine Revolution, getragen von einer sozialistischen Massenbewegung, die offen gegen Antisemitismus auftrat und die selbst eins der Hauptziele der antisemitischen Propaganda war. Gegen diese Revolution (und damit auch gegen viele ihrer eigenen Parteianhänger) setzte die neue SPD-Regierung auch offen antisemitische Truppen ein, die sich während ihrer konterrevolutionären Kämpfe, in denen Tausende der Revolutionäre getötet, gefangen und misshandelt wurden, zum Nationalsozialismus formierten, der sich so schon vieler seiner Gegner entledigen, ideologisch festigen und seine Machtbasis bilden konnte.

Wie viele derer, die später am Holocaust mitwirkten und ihn vorbereiteten, war auch der Auschwitz-Lagerkommandant Rudolf Höß an der Niederschlagung von Aufständen während der Revolutionszeit beteiligt. Er kämpfte, wie u.a. auch NSDAP-Reichsleiter Martin Bormann, im Freikorps Roßbach, der 1920 unter dem Oberbefehl des Namibia-Veterans Paul-Emil von Lettow-Vorbeck zum Einsatz kam: “Die Einheit wurde gegen die in der Folge des Kapp-Putsches ausgebrochenen Unruhen, zunächst in Mecklenburg und ab April 1920 auch im Ruhrgebiet eingesetzt.”


Liste von Freikorps-Mitgliedern und was aus ihnen wurde

Hitler begins, Teil IV: als Aufbauhelfer zur D.A.P.

September 12th, 2019

Am 12. September 1919 lässt Karl Mayr, Leiter der Propagandaabteilung Ib/P bei der „vorläufigen Reichswehr in Bayern“, den Gefreiten Adolf Hitler und mindestens sieben weitere Soldaten eins der ersten öffentlichen Treffen der direkten NSDAP-Vorgängerorganisation Deutsche Arbeiterpartei (DAP) besuchen. Die Stadtkommandantur von München, die unter dem herrschenden Kriegszustand für die Genehmigung öffentlicher Veranstaltungen zuständig ist, scheint das Treffen fälschlich für eine der vielen linken Veranstaltungen zu halten, die sonst vor allem von der USP, der nach wie vor größten revolutionären Organisation in Bayern wie auch im ganzen Reich, bestritten werden.

Austragungsort ist die Gastwirtschaft Sterneckerbräu in der Münchner Altstadt (siehe Bild von 1925), ab Oktober erste Geschäftsstelle der DAP. Den Vortrag hält, in Vertretung des erkrankten baldigen Hitler-Förderers Dietrich Eckart, der Bauunternehmer Goffried Feder, den Hitler bereits bei seiner Reichswehr-Umschulung im Juli gehört haben dürfte und dessen gerade 1919 erschienenes “Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes” zu einer wichtigen Quelle für die antisemitische Hetze gegen “Großleihkapital” und “jüdische Weltverschwörung” werden soll.

Die Reichswehrführung möchte auf das politische München Einfluss nehmen und unterstützt die noch kleine DAP, die ihr zum einen mit ihrer antibolschewistischen und antisemitischen Haltung nahesteht und die sich zudem durch ihre Basis unter Arbeitskräften der Eisenbahnwerke als Brückenkopf in der “revolutionär verseuchten Arbeiterschaft” anbietet. (Zum Antisemitismus in der Reichswehr)

Hitler und die anderen Soldaten – neben Feldwebel Grillmeier, der mit Hitler an der konterrevolutionären Säuberung des 2. bayerischen Infanterieregiments gewirkt hatte, alle vorher Teil des Reichswehr-“Aufklärungskommandos” im Kriegsheimkehrerlager Lechfeld – agieren dabei nicht als V-Leute, wie später oft kolportiert. Weder schreibt auch nur einer von ihnen einen Bericht über die Veranstaltung, noch halten sie mit ihrer Anwesenheit und der Zugehörigkeit zur Armee hinterm Berg. Wenige Tage später tritt Hitler, wie andere der Anwesenden, der Partei bei.

Und hier findet er, der ansonsten nach dem Fehlschlag in Lechfeld weitgehend beschäftigungslos in der Abwicklungsstelle seines Regiments festsaß, eine neue Aufgabe, die sich in seiner Tätigkeit als Truppenbibliothekar ab November 1919 konkretisieren wird: in der Zusammenschau der im Bestand der Reichswehr befindlichen völkisch-antisemitischen Literatur zur neuen Doktrin des “Nationalsozialismus”.

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Alle Postings zu Revolution und Konterrevolution vor 100 Jahren

Auftritte ab September 2019

September 2nd, 2019

• Fr, 13.09.2019, München, Kafe Marat: Vortrag “All Cops Are Staatsgewalt”, hinterher Auflegen (Repressions-Soli “Still not loving Rosenheim Cops”, FB-Event)
• Fr, 20.09.2019, Wiesbaden, Schlachthof: Vortrag “Entschwörungstheorie” (FB-Event)
• Fr, 27.09.2019, Greiz, Siebenhitze: Vortrag “Entschwörungstheorie” (FB-Event)
• Do, 17.10.2019, Eisenach, RosaLuxx: Vortrag “Arbeitsplätze selber schaffen – Instandbesetzte Betriebe in Argentinien, Nordhausen und anderswo” (FB-Event)
• Mi, 23.10.2019, Neubrandenburg, AJZ: Vortrag “Deutschland alternativlos? Fragen zu AfD, Ideologie und Klassenkampf” (Ankündigung)
• Di, 29.10.2019, Dresden, malobeo: Vortrag “Arbeitsplätze selber schaffen – Instandbesetzte Betriebe in Argentinien, Nordhausen und anderswo” (FB-Event)
• Sa, 02.11.2019, Wien, Alte WU: Vortrag “Entschwörungstheorie” (Grund für WKR)
• Mi, 06.11.2019, Mönchengladbach, Café Clement: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
• Do, 07.11.2019, Zwickau, Alter Gasometer: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23”  (FB-Event)
• Do, 14.11.2019, Essen/Duisburg, Uni: Vortrag “Entschwörungstheorie spezial: Heiße Luft – Klima und Wissenschaft” (FB-Event)
• Fr, 15.11.2019, Essen, Alibi: Vortrag “Die Hüftbewegung – was uns zu Menschen machte” (FB-Event)
• Mo, 18.11.2019, Speyer, Eckpunkt: Vortrag “Die Hüftbewegung – was uns zu Menschen machte” (FB-Event)
• Di, 19.11.2019, Frankfurt/Main, Koz: Vortrag “Arbeitsplätze selber schaffen – Instandbesetzte Betriebe in Argentinien und anderswo” (FB-Event)
• Mi, 20.11.2019, Augsburg, Die ganze Bäckerei: Vortrag “Arbeitsplätze selber schaffen – Instandbesetzte Betriebe in Argentinien und anderswo” (FB-Event)
• Do, 21.11.2019, Bamberg, Freie Uni: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23”
• Fr, 22.11.2019, Sulzbach-Rosenberg, Capitol: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23”
• Sa, 23.11.2019, Hamburg, Ahoi: Ideolotterie (Ankündigung)
• Do, 28.11.2019, Fulda, Quersteller: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
• Fr, 29.11.2019, Berlin, Neue Nachbarschaft: “Ideolotterie” zusammen mit Ilse Bindseil (FB-Event)
• Mo, 02.12.2019, Frankfurt/Main, Evangelische Akademie: Vortrag “Entschwörungstheorie” (FB-Event)
• Do, 05.12.2019, Hamburg: Vortrag “Systemausfall ’89/’90 – das Ende der DDR und die Folgen” (FB-Event)
• Mi, 18.12.2019, Jena: Vortrag “Entschwörungstheorie”
• Do, 19.12.2019, Dresden, Hole of Fame: Vortrag “Arbeitsplätze selber schaffen – Instandbesetzte Betriebe in Argentinien, Nordhausen und anderswo”

Neu geplant sind Veranstaltungen zur DDR-Kulturproduktion (zuerst vermutlich in Aachen und Bremen). Weitere Vorträge zur Revolution 1918-23 sind noch ohne Termin (Leverkusen, Wuppertal, Falkenstein, Landshut, Potsdam, Hamburg), desgleichen mehrere Veranstaltungen zur AfD.

Wer auch noch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm.

Fridays For Future in Leipzig

August 30th, 2019

Bisher hatte ich aus der Nähe fast nur von der durchweg sehr erfreulichen Organisation und Vorbereitung von “Fridays For Future”-Demos und -Aktionen mitbekommen, heute hab ich mir erstmals eine ihrer Demos in Leipzig fast in ganzer Länge anschauen können und bin auch längere Strecken mitgelaufen – der positive Eindruck hat sich unbedingt bestätigt.

Den ersten Redebeitrag bei der Auftaktkundgebung hielt eine brasilianische Gruppe (siehe Bild), die auf die gezielte Zerstörung des Regenwaldes fürs Agrarkapital und die Bolsonaro-Vorgeschichte (der “legale Putsch” gegen Dilma Rousseff) einging; der zweite war von Leipziger Ende Gelände-Aktiven, die sich für zivilen Ungehorsam im Sinne des Brechens falscher Regeln und Gesetze aussprachen, die dadurch entstehende kollektive Selbstermächtigung betonten, das Regierungshandeln für viel zu langsam erklärten und zu mehr direkten Aktionen aufriefen.

Die Demo selbst war größtenteils sehr lebhaft und laut, viele “Ende Gelände”-Parolen gegen RWE und Kohlekonzerne wurden gerufen (außerdem häufig: “What do we want? Climate justice! When do we want it? Now!”, “Keep coal in the ground, gotta keep coal in the ground”, “We are unstoppable, another world is possible”), es wurde trotz der knallenden Sonne gehüpft, gerannt und getanzt.

Bei der Zwischenkundgebung am Augustusplatz drehte sich ein Redebeitrag darum, wie es ständig heißt, notwendige Maßnahmen wären nicht machbar und vor allem nicht bezahlbar, obwohl Privatvermögen in Milliardenhöhe angehäuft werden – auch hier ging es darum, das Notwendige notfalls selbst durchzusetzen, wenn sich in den Regierungen, auch den regionalen, nichts ändert, d.h., wenn Eigentum weiterhin die gesellschaftlichen Interessen aussticht.

Nach Stunden in Hitze und praller Sonne erreichte die Demo immer noch ausgelassen zu sehr schön ausgesuchter Musik tanzend ihren Abschlusspunkt vorm Bundesverwaltungsgericht.

Das war weder der apokalyptische Verzichtskult noch die bloß linksliberale Grünbürgerkindergrütze, die beharrlich von so vielen Leuten herbeigeschrieben werden – das waren überwiegend junge Leute, die einfach gerne sich und allen anderen den drohenden Verzicht auf die Bewohnbarkeit des Planeten ersparen würden und sich angesichts der politischen Realitäten sinnvoll radikalisieren.

Hitler, Teil III: Propaganda-Feldversuch für die Reichswehr

August 19th, 2019

Am 19. August 1919 trifft der Gefreite der bayerischen Armee Adolf Hitler als Teil einer Propaganda-Einheit der Reichswehr im Kriegsheimkehrer-Durchgangslager (Dulag) in Lechfeld bei Augsburg ein.

Nach Fehlschlag der Aufklärungskurse zuvor soll mit einer “Probedienstleistung” (Bataillons-Befehl vom 13.8.) der Versuch der propagandistischen Beeinflussung unternommen werden, “unzuverlässige” (also revolutionär beeinflusste) Truppen sollen durch völkische Ansprache wieder “zuverlässig” gemacht werden. Die offen antisemitischen Themen sollen am besten nur nebenbei auftauchen, da es seit Juni Versuche des bayerischen Innenministeriums gibt, “aufreizende Sprache gegen die jüdische Bevölkerung” zu unterbinden. (Siehe auch: Antisemitismus in der Reichswehr.) Hitler greift in diesem Sinne in die Diskussion nach Rudolf Beyschlags Vortrag “Wer trägt die Schuld am Weltkriege?” ein, spricht selbst über Versailles (“Friedensbedingungen und Wiederaufbau”) und stellt “Wirtschafts- und sozialpolitische Schlagworte” wie z.B. ‘Syndikalismus’ vor.

Statt der bayerischen Kriegsheimkehrer und Wachmannschaften wird aber nur eine Reichswehreinheit bespielt: die 6. Kompanie unter Oberleutnant Walther Bendt, vorher schon beim Einmarsch in München Anfang Mai dabei und entsprechend weitgehend auf Linie. Für diese etwa 150 Soldaten, die während der Vorträge teilweise einschliefen, sind es zu viele Propagandisten (obwohl nur 25 statt der geplanten 50), fürs ganze Lager jedoch zu wenig – sie können sich dort auch nur unbehelligt bewegen, wenn sie nicht als (besser bezahlte) Reichswehr oder Freikorps zu erkennen sind.

Das Lager gilt als “USP-verseucht”, besonders die Kriegsheimkehrer aus dem Osten sind der bolschewistischen Beeinflussung verdächtig, vor allem aber die 3000 Mann der Wacheinheiten. Soldstreiks aus finanziellen Gründen werden als Beleg für die unzuverlässige Gesinnung genommen.

Die antisemitischen Mitwirkenden des Aufklärungskommandos (unter ihnen NSDAP-Mitglied der ersten Stunde Hans Knodn, der “in allen Vorträgen eine Lücke” sah, “die nur durch eingehende Behandlung der Judenfrage ausgefüllt werden kann”), loben Hitlers “Fanatismus” und jubeln ihn sogleich “geborenen Volksredner” hoch, weil er wie erwünscht die “Judenfrage” am Rande thematisiert und in informellen Nachgesprächen vertieft, alle anderen halten ihn für kaum erwähnenswert. Für Folgeeinsätze in Kempten, die dann aber so gar nicht mehr stattfinden, wird Beyschlag und nicht Hitler vorgesehen.

Die Reichswehr setzte in der Folge kurzzeitig auf “verdeckte Vertrauensleute” zur Beeinflussung der Truppen im Lager, brach aber auch diese Versuche ab – das Dulag Lechfeld galt bis zu seiner Auflösung Anfang 1920 als zu “bolschewistisch verseucht” um dort noch weitere Truppen unterzubringen.

Hitler war nun als Gefreiter im Weltkrieg, in der Räterepublik, im Untersuchungsausschuss zur konterrevolutionären Säuberung seiner Truppe, bei der Weiterbildung zum Reichswehr-Propagandisten und in seinem ersten Propaganda-Einsatz in Lechfeld gewesen und stand zwar zunächst ohne Aufgabe da, hatte sich aber weiter oben nachdrücklich empfohlen (er war nun einer von 70 Propagandisten auf Mayrs Einsatzliste), sich mit den wichtigsten Propagandaschriften der Zeit vertraut machen und wichtige Verbindungen aufbauen können: “Denn es waren nicht in erster Linie seine Kameraden aus dem 16. Reserve Infanterie-Regiment oder dem 2. Infanterie-Regiment, sondern vor allem jene aus diesem Kommando, die, wie Hitler in ‘Mein Kampf’ schrieb, ‘später mit den Grundstock der neuen Bewegung zu bilden begannen’.” (Plöckinger 2013:139)

Wurzeln des Nationalsozialismus: 100 Jahre “Bamberger Verfassung”

August 14th, 2019

Am 14. August 1919 wurde die “Bamberger Verfassung” für den Freistaat Bayern verkündet, die gleichzeitig bürgerlich-demokratische Errungenschaften festschrieb wie auch die konstitutionelle Grundlage für die “Ordnungszelle Bayern”, den Inkubationsraum des Nationalsozialismus, bildete.

Sie war zwei Tage zuvor beschlossen worden, einen Tag nach Eberts Unterzeichnung der deutschen Reichsverfassung und folgte dieser in der Bestimmung von Grundrechten und dem Schutz des Eigentums, hob den Adelsstand auf und begrenzte die Macht der Kirche vor allem in den Schulen.

Artikel 64 erlaubte allerdings, “bei drohender Gefahr … die verfassungsmäßigen Grundrechte ganz oder teilweise außer Kraft” zu setzen. Da sowohl die Regierung als auch die Organe der Staatsgewalt die “Sicherheit des Staates” ständig und umfassend durch die Revolution bedroht sahen, hieß das praktisch, dass fast durchgängig bis Dezember 1925 in Bayern der Ausnahmezustand herrschte: Schutzhaft und Ausweisung für politische Gegner, Pressezensur, keine Versammlungsfreiheit, kein Postgeheimnis, phasenweise Streikverbot mit Androhung von Todesstrafe. Politische Sondergerichte (“Volksgerichte”) verurteilten 31000 Menschen, was sich wie die Ergänzung von Militär und Polizei durch “Einwohnerwehren” und deren Nachfolgeorganisationen als Notpolizei gegen die Revolution und die Arbeiterbewegung richtete.

Die Konterrevolution war nun kodifiziert, das legalisierte Zusammenspiel aus permanentem Ausnahmezustand, staatlicher und nichtstaatlicher Repression und Gewalt begründete die sogenannte “Ordnungszelle Bayern”, die als “politisches System der institutionalisierten Gegenrevolution” (Sebastian Zehetmair) den Rahmen für den Aufstieg der NSDAP bildete.

Antisemitismus in der Reichswehr

July 26th, 2019

“Auf allen Gebieten sehen wir nicht Fortschritte, sondern Rückschritte. Die Reaktion erhebt ihr Haupt immer kühner, die Gegenrevolution marschiert. (…) Die Offiziere wollen das Programm, die Hohenzollern zurückzurufen, durchführen. Sie werden es nicht durchführen können, weil ihnen die Kraft fehlt. Aber inzwischen verbreiten sie das Gift im Volke. Gegen die Juden wird gehetzt in einer geradezu infamen Weise. Der Ausschuß für Volksaufklärung, die deutsche Erneuerungsgemeinde, der Deutschvölkische Bund, der Reichshammerverband verbreiten in Massen Flugblätter in der Eisenbahn, auch in Kasernen. In diesen Flugblättern wird direkt aufgefordert, ‘die Juden zu vernichten, alle zu töten, die sich gegen die göttliche Ordnung erheben’. (…) Gegen Zeitungen der Arbeiter, gegen kommunistische, gegen unabhängige Druckschriften ist man schnell bei der Hand. Daß dieselbe Tatkraft aufgeboten worden ist gegen diejenigen, die eine Pogromhetze in Szene setzen wollen, davon haben wir nichts gemerkt.”

So Hugo Haase, Fraktionsvorsitzender der USPD und noch drei Jahre zuvor Teil der SPD-Parteiführung, in der (bis September noch immer in Weimar tagenden) Nationalversammlung am 26. Juli 1919 während einer Debatte zu den jüngsten antisemitischen Vorfällen in der Armee.

Anfang Juli hatten sich Reichswehrsoldaten an Ausschreitungen gegen jüdische Geschäfte in Berlin beteiligt, und die Hetze aus der Armeeführung wurde im Zuge des konterrevolutionären Ausgreifens immer deutlicher. Reichswehrminister Noske (SPD) verurteilte daraufhin zwar “jede Art von antisemitischen Treibereien in den Truppen”, verwies aber auf die Schwierigkeit ihrer Verfolgung, dass dabei “die Polizei nicht immer so funktioniert, wie das wünschenswert ist.”

Zu dieser Zeit laufen die verschiedenen antisemitischen Hauptstoßrichtungen noch eher unverbunden nebeneinander her (ganz kurz: Militär gegen angebliche jüdische Kriegsdrückerei und “Dolchstoß”, Staatsapparat und Junker gegen Umsturz und Bolschewismus, Bürgertum gegen Kriegsgewinnlertum und Schieberei der anderen). Im Laufe der kommenden Monate entsteht aus ihnen nach und nach die große Erzählung von der “jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung” als Kern der nationalsozialistischen Weltanschauung. Hitler, der als Truppenbibliothekar massenweise einschlägige Texte der unterschiedlichen Richtungen liest, wird für die ideologische Synthese zur zentralen Figur.


Hugo Haase 1919 in Weimar, via

Rede zitiert nach “Im deutschen Reich. Zeitschrift des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens”, Ausgabe September 1919, S. 374

Hitler, Teil II: Umschulung auf Konterrevolution

July 10th, 2019

Am 10. Juli 1919 beginnt der Gefreite der bayerischen Armee Adolf Hitler seine Weiterbildung zum Reichswehr-Propagandisten.

Wie bereits geschildert, hatte er vorher nach seiner – wie auch immer überzeugten oder aktiven – Teilnahme an der Räterepublik sich auf die Seite der siegreichen Regierungstruppen geschlagen und eifrig an der Säuberung seines 2. bayerischen Infanterie-Regiments von revolutionären Elementen mitgewirkt.

Da diese Tätigkeit auslief und die Untersuchungsausschüsse im Juli aufgelöst wurden, nahm Hitler nun, als Vertreter der Abwicklungsstellte seines Regiments, an einem der Lehrgänge teil, welche die Reichswehr seit April in Berlin und ab Juni in München abhielt und in denen überwiegend Offiziere, aber auch einige aus den Mannschaften zu Diskussionsrednern ausgebildet und allgemein politisch in Sinne der Reichswehr (und nicht des neuen Staates) aufgeklärt werden sollten.

Diese Kurse knüpften an den “Vaterländischen Unterricht” im Deutschen Heer ab 1917 gegen die “Friedensduselei” an, nun sollten im Sinne des Initiators Karl Mayr sogenannte “Bildungsoffiziere” zur völkischen Wappnung der Truppe gegen den Bolschewismus (also praktisch weiterhin vor allem gegen die USPD und die Räte) ausgebildet werden, um der de-facto-Militärherrschaft in weiten Teilen des Reiches einen ideologischen Unterbau zu verschaffen.


Bildmontage aus der Teilnehmermeldung und dem Programmheft des Kurses 3b, an dem Hitler teilnimmt – beides entnommen Othmar Plöckinger “Unter Soldaten und Agitatoren”, Paderborn 2013.

Den ersten Vortrag, den Hitler dort am 10. Juli 1919 hört, hält im Münchner Arbeitermuseum Karl Graf von Bothmer, bestens vernetztes Mitglied der antisemitischen Thule-Gesellschaft, über das Erfurter Programm der SPD. Ebenfalls sprach Gottfried Feder, völkischer Ökonom und ab September Mitglied der NSDAP-Vorläuferpartei DAP, der für das Ende des Klassenkampfs und die “Brechung der Zinsknechtschaft” warb.

Die bald wieder aufgegebenen Kurse, mit denen die Armeeführung dem bei neuen Lebensmittelunruhen wie in Hamburg und im Ruhrgebiet stets befürchteten Wiederaufflammen der Revolution in der Truppe entgegenzuwirken versuchte, erfüllten nicht die in sie gesetzten Erwartungen, sammelten aber Personal für die in der Folge gestarteten mobilen Aufklärungskommandos vor Ort, in denen auch Hitler ab Ende August im Kriegsheimkehrerlager Lechfeld bei Augsburg zum Einsatz kommen wird.

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