Auftritte ab Juli 2019

June 25th, 2019
  • Di, 02.07.2019, Essen: Vortrag “Entschwörungstheorie” (FB-Event)
  • Mi, 03.07.2019, Coburg, Freie Uni: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Sa, 13.7.2019, Berlin, Kulturhaus Kili: Vortrag “Die Option zu kämpfen. Statt Weniger oder Mehr: Pop als ­aufständische Assoziation” und Auflegen (1st congress for eternal space holidays)
  • Sa, 17.08.2019, Karl-Marx-Stadt, Begehungen: Vortrag “Leben im Rausch”
  • Do, 17.10.2019, Eisenach, RosaLuxx: Vortrag “Arbeitsplätze selber schaffen – Instandbesetzte Betriebe in Argentinien, Nordhausen und anderswo”
  • Neu geplant sind Veranstaltungen zum Ende der DDR und den Folgen (Premiere vermutlich in Görlitz) und zur DDR-Kulturproduktion (zuerst vermutlich in Aachen). Weitere Vorträge zur Revolution 1918-23 sind noch ohne Termin (Leverkusen, Wuppertal, Falkenstein, Landshut, Potsdam, Hamburg). Außerdem gibt’s Pläne für Veranstaltungen zur AfD (in Greiz), zu Luther (in Bad Frankenhausen, Bochum, Bielefeld), zu Antisemitismus & Kapitalismus (Leisnig) und in Potsdam Vorträge zu “Sin Patrón”, zu Elsässer und zur Religion.

    Wer auch noch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm.

    Hitler, Teil II: Umschulung auf Konterrevolution

    July 10th, 2019

    Am 10. Juli 1919 beginnt der Gefreite der bayerischen Armee Adolf Hitler seine Weiterbildung zum Reichswehr-Propagandisten.

    Wie bereits geschildert, hatte er vorher nach seiner – wie auch immer überzeugten oder aktiven – Teilnahme an der Räterepublik sich auf die Seite der siegreichen Regierungstruppen geschlagen und eifrig an der Säuberung seines 2. bayerischen Infanterie-Regiments von revolutionären Elementen mitgewirkt.

    Da diese Tätigkeit auslief und die Untersuchungsausschüsse im Juli aufgelöst wurden, nahm Hitler nun, als Vertreter der Abwicklungsstellte seines Regiments, an einem der Lehrgänge teil, welche die Reichswehr seit April in Berlin und ab Juni in München abhielt und in denen überwiegend Offiziere, aber auch einige aus den Mannschaften zu Diskussionsrednern ausgebildet und allgemein politisch in Sinne der Reichswehr (und nicht des neuen Staates) aufgeklärt werden sollten.

    Diese Kurse knüpften an den “Vaterländischen Unterricht” im Deutschen Heer ab 1917 gegen die “Friedensduselei” an, nun sollten im Sinne des Initiators Karl Mayr sogenannte “Bildungsoffiziere” zur völkischen Wappnung der Truppe gegen den Bolschewismus (also praktisch weiterhin vor allem gegen die USPD und die Räte) ausgebildet werden, um der de-facto-Militärherrschaft in weiten Teilen des Reiches einen ideologischen Unterbau zu verschaffen.


    Bildmontage aus der Teilnehmermeldung und dem Programmheft des Kurses 3b, an dem Hitler teilnimmt – beides entnommen Othmar Plöckinger “Unter Soldaten und Agitatoren”, Paderborn 2013.

    Den ersten Vortrag, den Hitler dort am 10. Juli 1919 hört, hält im Münchner Arbeitermuseum Karl Graf von Bothmer, bestens vernetztes Mitglied der antisemitischen Thule-Gesellschaft, über das Erfurter Programm der SPD. Ebenfalls sprach Gottfried Feder, völkischer Ökonom und ab September Mitglied der NSDAP-Vorläuferpartei DAP, der für das Ende des Klassenkampfs und die “Brechung der Zinsknechtschaft” warb.

    Die bald wieder aufgegebenen Kurse, mit denen die Armeeführung dem bei neuen Lebensmittelunruhen wie in Hamburg und im Ruhrgebiet stets befürchteten Wiederaufflammen der Revolution in der Truppe entgegenzuwirken versuchte, erfüllten nicht die in sie gesetzten Erwartungen, sammelten aber Personal für die in der Folge gestarteten mobilen Aufklärungskommandos vor Ort, in denen auch Hitler ab Ende August im Kriegsheimkehrerlager Lechfeld bei Augsburg zum Einsatz kommen wird.

    Schulstreik in Berlin vor 100 Jahren

    July 1st, 2019

    In der letzten Woche vor und der ersten Woche nach den Sommerferien 1919 setzten etwa 30.000 Streikende an mindestens acht der zehn Pflichtfortbildungsschulen und allen kaufmännischen Schulen in Berlin die formale Abschaffung der Prügelstrafe und des Abendunterrichts sowie die vorübergehende Anerkennung der Schülerräte als Mitbestimmungsorgane durch.

    Am 27. Juni war auf einer Versammlung im Biergarten der Bötzow-Brauerei von den anwesenden 3000 Jugendlichen, unter ihnen die Schülerräte, der Streik beschlossen worden. Während die Perspektive dabei “Neuordnung des gesamten Schulwesens auf sozialistischer Grundlage” war, d.h. moderne (polytechnische) Lehrmethoden, Lehrpläne, Lehrwerkstätten, Fachbibliotheken usw., wurde sich zunächst auf die akuteren Forderungen beschränkt, die nach Einsetzen des Streiks am 1. Juli (gleichzeitig war übrigens auch Verkehrsstreik in Berlin bis 14. Juli) bei mehreren zentralen Massenversammlungen bekräftigt wurden.

    Wie es der Schlosserlehrling und spätere kommunistische Gewerkschafter und NS-Widerstandskämpfer Anton Saefkow für die II. Fortbildungsschule in der Wassertorstraße schildert, gab es zunächst nur Klassenräte – die Obleute und Schülerräte als Vertretung für die ganze Schule bildeten sich erst während des Streiks bzw. für ihn. Es kam an allen bestreikten Schulen zu Schülerversammlungen, zu Demonstrationen (Schüler der VIII. aus der Grüntaler Straße wurden von der Polizei angegriffen und wehrten sich), zu weiteren berlinweiten Treffen und auch zu Kontakten mit Betriebsvertrauensleuten – während Lehrlinge zum Teil in die Räte der Betriebe und die Arbeitskämpfe mit einbezogen waren, blieb es insgesamt bei großer, aber praktisch folgenloser Sympathie für den Schulstreik aus den Betrieben, zumal der Berliner Vollzugsrat des Arbeiter- und Soldatenrats (vor wenigen Monaten formal noch die Regierung) selbst gerade erst am 26.6. verhaftet worden war.

    Die wichtigsten beteiligten Organisationen waren die schon an der KPD orientierte Freie Sozialistische Jugend, die den Streik vorbehaltlos unterstützte, sowie die SPD-nahe Arbeiterjugend, die zwar teilweise den Streik mit durchführte, aber jede Gelegenheit nutzte um ihn einzudämmen und vor der Erreichung der Ziele abzuwürgen, vor allem die Wiederaufnahme des Streiks nach Ferienende im August zu verhindern. Die Streikbewegung ist überregional so gut wie nicht verbunden, die FSJ-Zeitung Die junge Garde ist eins der wenigen Kommunikationsmittel über Berlin hinaus. Auch greift die Bewegung offenbar gar nicht auf die Frauen über (damals ist der Unterricht fast komplett schulisch getrennt).

    Dennoch bilden sich ähnliche Schülerrätebewegungen auch anderswo, so etwa in Leipzig (Lehrlinge im Betriebsrat, Fortbildungsschulen) oder in München (revolutionärer Schülerrat während der bayerischen Räterepublik, Räteparlament mit sechsköpfigem Exekutivorgan). Hamburger Gewerbeschüler erstreiken schon Ende 1918 Unterrichtszeitbegrenzungen, die Wiener Anfang 1920.

    Am Ende scheiterte ein mehr als nur formaler Erfolg des Schulstreiks insgesamt am Widerstand des Lehrbetriebs (bis auf wenige Ausnahmen). Die Politisierung wirkte bei vielen Beteiligten zwar nach, von der Selbstorganisation blieben jedoch nur die Klassenvertrauensleute übrig, Prügelstrafe war noch lange Praxis, gerade in den “niederen” Schulen. Aus dem letztlich weitgehenden praktischen Verpuffen selbst so großer Mobilisierungen werden ab 1920 ähnliche Konsequenzen wie in der revolutionären Bewegung im Allgemeinen gezogen. Die selbstorganisierte Rätebewegung tritt immer mehr in den Hintergrund, und auch die FSJ wird mehr und mehr zur zentralisierten KPD-Organisation.

    “Wenn wir heute die Lage in den Schulen nüchtern betrachten”, schreibt “Die junge Garde” 1921, “so müssen wir feststellen, dass keine Schülerräte mehr bestehen; wo sie existieren, haben sie den Charakter von Papiersammlern oder Tafelwischern.”

    ***

    Literatur: Axel Weipert, Die zweite Revolution, Berlin 2015, S. 256-287

    Sülzeunruhen im Hamburg

    June 27th, 2019

    Am 27. Juni 1919 marschierte die Reichswehr in Hamburg ein um die sogenannten Sülzeunruhen niederzuschlagen, die vier Tage zuvor zwischen Rathaus und Speicherstadt aus Wut über die Verwendung vergammelter Fleischreste für die Lebensmittelproduktion und über die insgesamt katastrophale Versorgungslage ausgebrochen waren, sich mittlerweile nach heftigen Straßenprotesten in größeren Teilen der Stadt und bewaffneten Auseinandersetzungen am Rathausmarkt allerdings schon wieder weitgehend beruhigt hatten. Es gelang zunächst, die einmarschierenden Truppen durch Aufklärung über die Lage wieder zum Abzug zu bewegen.

    Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) hatte jedoch – wieder quasi in Vorwegnahme von Artikel 48 der Weimarer Verfassung – zur “Wiederherstellung von Sicherheit und Ordnung” den Namibia-Veteran und schon bald Kapp-Putsch-Teilnehmer Paul von Lettow-Vorbeck als Befehlshaber von 10.000 Soldaten bestimmt, die am 1. Juli mit Panzerwagen erneut in die Stadt einrücken und Terror im Freikorps-Stil verbreiten. Ziel ist die Entwaffnung und Zerschlagung jeglichen proletarischen Widerstands und die Etablierung des Militärs als einziger bewaffneter Instanz. Waren bis dahin 15 Menschen ums Leben gekommen, steigt die Zahl der Toten nun auf 80.

    Bernd Langer schreibt: “Während das Bürgertum eher aufatmet, kommt es in den Arbeiterbezirken zum rücksichtslosen Waffengebrauch gegen angebliche Plünderer und Heckenschützen. Mit willkürlichen Verhaftungen, Brutalität und Schnelljustiz durch Kriegsgerichte soll die Arbeiterschaft eingeschüchtert werden. Allgemeines Symbol für dieses Treiben ist das Aufziehen der schwarz-weiß-roten Fahne auf Gebäuden und vor Standorten.” (Flamme der Revolution, S. 424)

    Die Unruhen und ihre Niederschlagung zeigen die instabile Friedhofsruhe im Land, die schon durch solche Elendsaufstände bedroht war, von denen sofort ein Wiederaufflammen der Räterevolution (bzw. im Selbstverständnis ihrer Gegner: des “Bolschewismus”) erwartet wurde und gegen die umgehend zu den bereits erprobten Terror-Mitteln gegriffen wurde – welche wiederum eine weitere Verschiebung des Kräfteverhältnisses zugunsten des Militärs, des Bürgertums und der nationalkonservativen bis protofaschistischen politischen Fraktionen bedeutet: “Die noch aus der Revolutionszeit stammende ‘Volkswehr’ wird in diesem Zusammenhang aufgelöst und die eher bürgerlich und republikfeindlich eingestellten Zeitfreiwilligenverbände und Einwohnerwehren werden gestärkt.” (ebd.)

    Auch im übrigen Deutschen Reich wütet unterdessen die Konterrevolution, nach wie vor gibt es Verhaftungen, Verurteilungen und Misshandungen im Gefolge der Kämpfe im Frühjahr. In Ungarn wurde noch erbittert um die Räterepublik gekämpft, in Russland und der Ukraine standen die Rote Armee der Bolschewiki und die anarchistische Machnowtschina den weißen Vorstößen unter Koltschak entgegen. In vielen anderen Ländern sind die Auseinandersetzungen zwischen Revolution und Konterrevolution sowie um die Gestalt der Revolution selbst noch in vollem Gange.

    Ebenfalls am 27. Juni wird Erich Mühsam für seinen Hochverratsprozess ins Münchner Gefängnis Stadelheim verlegt, “unter allen Gefängnissen, die ich bisher kennengelernt habe, … das übelste… der Lokus ist eine unaussprechliche Schweinerei, ein Eimer mit Deckel…”


    Foto: A. v. Zychlinski, 24.06.1919. Quelle: Museum der Arbeit / SHMH, Lizenz: CC BY-NC 3.0
    (via)

    Video vom 101. “Entschwörungstheorie”-Vortrag in Hamburg

    June 24th, 2019

    “Was ist Ideologie, warum wird sie geglaubt und erzeugt, was versprechen sich Menschen davon? Was spielt die Annahme oder Unterstellung übermächtiger Verschwörungen dabei für eine Rolle? Was ist von realen Verschwörungen zu lernen? Was kann diskursiv und praktisch politisch getan werden?”

    Video vom 101. “Entschwörungstheorie”-Vortrag “Hinter den Kulissen – immer die anderen!” am 22.4.2019 auf der MS Stubnitz in Hamburg als Vorprogramm für Björn Peng.

    Sind sie da, sind sie weg

    May 27th, 2019

    Vorwort für die nicht erschienene Neuauflage eines Bandes radikaler Dichtung.

    Ein Teil dessen, was im Rausch passiert – also immer – , besteht darin, dass das Nervensystem an die Stellen, an die nichts anderes aus den Sinneskanälen, den Signalkaskaden oder dem Gedächtnis zu passen scheint, sich selbst abbildet, das heißt in puncto Optik den Sehnerv. Nicht wissend oder ahnend, dass das passiert, halten die meisten Menschen das dann für bloßen Quatsch, für übersinnliche Hinweise aufs Transzendente oder für eine Erweiterung ihrer Wahrnehmung in “andere Dimensionen” oder – noch barer jeder physikalischen Konzeptionen – von “anderen Energien”.

    Zu früh abgebogen!, könnte da gerufen werden, wie an so vielen anderen Stellen auch. Also bleiben wir zunächst dazu verdammt, die verschiedenen Ebenen und Erscheinungsformen dieses ebengleichen Vorgangs, wo auch immer wir über sie stolpern, in unser eigenes Bewusstsein hineinzuhämmern, immer und immer wieder uns selbst klarzumachen, dass wir das alles selber machen, dass wir das alles selber sind – bis uns dereinst endlich unser Gehirn in den Kopf geht, und wir mutmaßlich im selben geschichtlichen Moment uns als Menschheit verstehen, die eben all das, was sie macht, selbst macht.

    In den Momenten der Selbsterkenntnis müssen wir also Wollknäuel ausrollen, Stolpersteine auslegen, Knoten in Taschentücher machen, unserem Bewusstsein Fallen stellen, um es hoffentlich allmählich aus dem Wahn zu befreien, es wäre einfach so da, seine Formen, seine Muster, seine Position, seine Voraussetzungen, seine Logik, seine Grammatik, nervlichen Grundlagen wären halt einfach so, und das müßte eben so sein, und fertig.

    Viele der Formen, in denen meist zu früh abgebogen wird, sehen aus, als wären sie konsequente Versuche, diese Selbsterkenntnis zur Geltung zu bringen: der Konstruktivismus, die Psychoanalyse, das Schrifttum der psycholytischen Therapie, ja selbst die Kritische Theorie. Doch irgendwo schleicht sich der Wahn immer wieder ein, und wir haben dann den allmächtigen Diskurs, die Ohnmacht gegenüber der Macht, die bestimmenden Ideen, den totalen Verblendungszusammenhang, den essentialisierten “Kritiker”, die “menschliche Natur” und diverse andere Wesenheiten und Erscheinungen, die den Durchbruch der Erkenntnis verhindern, dass alle Menschen alles, was sie machen, selbst machen, und damit sich selbst, ihr Bewusstsein, ihre soziale Realität und all die ganzen Dinge wie Waschpulver und Lenkraketen herstellen.

    Hier nun also: das Wort vorm Wort. Die Sache, die über sich selbst stolpert, die in sich selbst steckt. Der Versuch, der Form etwas abzuringen, das dem Widerspruch im Kopf entspricht. Das Gehirn als das, was nirgendwo und überall ist, das sich überallhin abbildet, aber in jedem seiner Bilder fehlt; das Papier, Tinte, Druckwerk, Sprache, Zeichen auf einmal ist, sich aber nur vage im Text erkennt. Das Verhältnis des Gehirns zu sich selbst, des Ich zum übrigen Gehirn. Der Mülleimer des präfrontalen Cortex, der ein Bewusstsein entwickelt hat und nicht mal weiß, was das ist, geschweige denn, wo oder wie es funktioniert. Vielleicht auch schon: Sprache als Code – als Anweisung an sich selbst.

    Aber das Werk muss sich bis hierhin den Vorwurf gefallen lassen: dass es sich nicht selbst als es selbst anspricht, die Klasse nicht als Klasse, das Gehirn nicht als Gehirn, die Spezies nicht als Spezies, die Materie nicht als Materie. (Noch?) kein Versuch einer Antwort, die Übersetzung der Form in sich selbst, der Sprache in sich selbst – die nicht-beantwortbare Frage als den bitterernsten Witz an der ganzen Sache (Universum) anerkennen und sogleich das Mobile in Bewegung schnipsen. (Noch?) kein Versuch einer Frage, was es denn nun mit der konkreten Arbeit, Ausbildung, Arbeitsumgebung zu tun hat (nicht nur mit dem als Alltag angespaltenen Nicht-Ausbeutungs-Zusammenhang). Don’t spread the word – cut-up & code!

    Sehen wir hier dabei zu, wie die Klasse ihrer selbst gewahr wird, feststellt, dass sie das alles immer schon selbst macht und entsprechend niemandes Kommando bedarf? Wir wollen das doch immer sehr hoffen.

    Hitler, Teil I: Säuberung von der Revolution

    May 9th, 2019

    Am 9. Mai 1919 wurde der Gefreite der bayerischen Armee Adolf Hitler in den Untersuchungsausschuss seines Regiments zur Säuberung von Anhängern der soeben niedergeschlagenen Räterepublik Baiern berufen.

    Während die Kämpfe in und um München in Kleinkrieg und Terror übergegangen waren und insgesamt etwa 1000 Menschen ums Leben kamen, anfänglich wohlwollend auf die einmarschierenden Truppen blickendes Bürgertum und Prominenz wie Thomas Mann und Rainer Maria Rilke nach ersten offensichtlich unbeteiligten Opfern zur Mäßigung riefen, ließ die Militärführung nun mehrere Tausend Verdächtige verhaften und überprüfen – Ende Mai waren ca. 1500 unter katastrophalen Bedingungen und oft unter Misshandlungen in “Schutzhaft”.

    Obwohl die mit der Ausräucherung der Revolution befasste Polizeidirektion München in ihrem Bericht selbst zu der Einschätzung kam, dass (abgesehen von der bereits erwähnten Erschießung zehn wegen konterrevolutionärer Tätigkeit und völkisch-antisemitischer Gesinnung Gefangener am 30.4. im Luitpold-Gymnasium) der “rote Terror” sowohl in Form von Morden als auch durch Plünderungen oder Vergewaltigungen ausgeblieben war bzw. vor allem in Drohungen (Geiselerschießung) bestanden hatte (“schlimmere Gewalttaten gegen Leib und Leben ereigneten sich unter der Kommunistenherrschaft zunächst nicht”), hagelt es drastische Urteile.

    Zu Hitlers eigenen politischen Auffassungen in dieser Zeit gibt es keine direkten Belege, seine bis heute erstaunlich häufig zugrundegelegte Selbstdarstellung bis zur Räterepublik ist in in vielem falsch bis zurechtgemacht (sein “Eisernes Kreuz” war Teil einer größeren Ordensverteilung in der Schlussphase des Kriegs; seine Kriegsverletzung nicht allzu schwer, aber hinreichend, um die Revolution zu verpassen und im Glauben zu verweilen, sein Regiment wäre nicht zusammengebrochen, die Front hätte sich nicht aufgelöst), seine vorher gesammelten ideologischen Fragmente (völkisch-antisemitische und christlich-soziale aus seiner Zeit in Wien, wie Brigitte Hamann dargelegt hat, preußisch-nationalistische und sozialdemokratische während seiner Militärzeit) lassen verschiedene Möglichkeiten offen. Die Spuren aus der Zeit der Räterepublik könnten später getilgt worden sein, weil sie eine zu große reale Nähe zur (Unabhängigen) Sozialdemokratie zeigten oder auch nur wegen der formalen Nähe zur Räterepublik, in deren kommunistischer Phase Hitler zum Vertrauensmann in seinem Regiment gewählt wurde – das wiederum konnte Zeichen für ein (rechts-)sozialdemokratisches Engagement sein oder auch nur die Wahl eines halbwegs soliden und dekorierten Frontsoldaten in eine Verlegenheitsposition bei für die Räterepublik letztlich unzuverlässigen Truppen. Schließlich kann auch einfach nichts zu tilgen gewesen sein, da sich Hitler aus Opportunismus größtenteils zurückhielt.

    Im Nachhinein waren seine konkreten politischen Auffassungen unwichtiger als seine Stellung, und so betritt er, nachdem er für den Verlauf der Revolution letztlich unbedeutend war, nun Anfang Mai erstmals die Bühne als gelehriger Schüler bei einer gigantischen Säuberungsaktion. Bayern steht (wie auch andere Teile des Reiches) nach dem vorläufigen Triumph der Konterrevolution unter Militärherrschaft, die SPD-Regierung Hoffmann bleibt noch bis 17. August in Bamberg, der Ausnahmezustand gilt bis 4. November, der Kriegszustand bis 1. Dezember. Das “alte Heer”, die als “revolutionär verseucht” geltende bayerische Armee, soll überprüft und aufgelöst, der “zuverlässige” Teil in die Reichswehr überführt werden. Das für Bayern zuständige Gruppenkommando 4 betreibt begleitend eine “Entbolschewisierung” der Truppe mit allen propagandistischen Mitteln, greift dabei den nach der vorläufigen Niederschlagung der Revolution in fast allen Bevölkerungsteilen (außer den revolutionär-sozialistischen Organisationen selbst) drastisch aufflammenden Antisemitismus auf, der nicht zuletzt im Offizierskorps der deutschen Armee zuvor am intensivsten ausgeprägt war.

    Hitler ist dabei zunächst nur ein eifriger Teil des Säuberungsapparats, tritt aber auch übereifrig selbst als zum Teil einziger Belastungszeuge auf und zeigt sich beeindruckt vom propagandistischen Geschick eines von ihm Beschuldigten, des radikalen Soldatenrats Georg Dufter, der noch Anfang Mai die Stimmung im Regiment erneut zugunsten der Revolution zu kippen vermochte. Hitler verbleibt zunächst in seiner Funktion, da es einen Aufnahmestopp gegen Österreicher in die Reichswehr gibt und sich die Abwicklung des “alten Heeres” noch über Monate hinzieht. Erst ab Juli wird er allmählich zum Propagandisten fortgebildet – dazu in einem späteren Posting mehr.


    Bildmontage aus dem einzigen gesicherten Foto Hitlers aus der fraglichen Zeit (im Kriegsgefangenenlager in Traunstein um den Jahreswechsel 1918/19) und der Regimentsanordnung, die Hitler in den Untersuchungsausschuss beruft – beides entnommen Othmar Plöckinger “Unter Soldaten und Agitatoren”, Paderborn 2013, dessen Darstellung dieses Posting auch weitgehend folgt.

    Terror der SPD-Regierungstruppen vorläufig siegreich

    April 29th, 2019

    Ende April/Anfang Mai 1919 muss die Räte- und Sozialisierungsbewegung unter dem Terror der Regierungstruppen im Ruhrgebiet und in Bayern vorläufig aufgeben.

    Obwohl die Zerschlagung der formalen Organisationsstrukturen den Generalstreik im Ruhrgebiet nicht zu beenden vermochte, bricht er ab 25. April unter brutaler Besatzung und vor allem durch Aushungerung der Streikenden zusammen. In Hamborn und an anderen Orten gibt es jedoch noch bis zum 30. April Auseinandersetzungen um die Sechs-Stunden-Schicht, wie der Nationalversammlung berichtet wird: “Die Belegschaft versucht mit Gewalt die Ausfahrt nach sechsstündiger Arbeitszeit zu erzwingen, es gelingt aber der Werksleitung mit Hilfe der Regierungstruppen die frühere Ausfahrt zu verhindern und die Belegschaft auf die vereinbarte 7 Stundenschicht zu bringen”.

    In Bayern ziehen die konterrevolutionären Regierungstruppen in der zweiten Hälfte des April den Ring um München zu, auch hier wird versucht, die Hochburgen der Räterepublik von der Versorgung abzuschneiden und auszuhungern. In Augsburg kommen bei Kämpfen um die Arbeiterviertel Oberhausen, Lechhausen und Pfersee zwischen dem 20. und 23. April 10 Weiße und 34 Augsburger ums Leben. In Vilsbiburg werden am 26. April die Regierungstruppen zunächst von Arbeitern entwaffnet, erst Verstärkung kann in einem Feuergefecht die Stadt unter Kontrolle der Konterrevolution bringen. Dachau wird zunächst am 15./16. April erfolgreich durch die neu aufgestellte Rote Armee verteidigt und noch bis zum Rückzug am 30. April gehalten. In Starnberg kommt es am 29. April beim Einmarsch von Württemberger Truppen zum Massaker. Auf die Nachrichten von diesen und anderen Gräueltaten hin wird – bis heute ist ungeklärt von wem – die einzige Erschießung auf Seiten der Räterepublik angeordnet. Im Luitpold-Gymnasium werden sieben gefangene Mitglieder der völkisch-rassistischen Thule-Gesellschaft und drei weitere Personen exekutiert, was von Räteführern wie Toller und Mühsam verurteilt wird, von der Konterrevolution jedoch sofort intensiv propagandistisch ausgemalt und ausgeschlachtet. U.a. das führt zur vorzeitigen Stürmung Münchens am 1. Mai durch Freikorps (GKSD, Görlitz), was wiederum zusammen mit den sich verschärfenden Differenzen vor allem zwischen USPD und KPD auf Seiten der Räterepublik insgesamt sehr unkoordinierte Kämpfe ausbrechen lässt.

    Ein Panzerzug kann am Hauptbahnhof manövrierunfähig geschossen werden, ein anderer an der Donnersbergerbrücke von bewaffneten Arbeitern aufgehalten, noch ein weiterer ist an der Hackerbrücke umkämpft – alle drei Panzerzüge müssen sich halb drei nachts nach Schleißheim zurückziehen. Die Kämpfe gehen bis zum Abend des 2. Mai weiter, vor allem in den Arbeitervierteln Giesing und Haidhausen, wo noch wochenlang eine Art Partisanenkrieg geführt wird. Reste der Roten Armee kämpfen noch kurzzeitig um Rosenheim und Kolbermoor.

    Wie zuvor an anderen Schauplätzen sind die meisten Toten erst nach Ende der Kampfhandlungen zu beklagen. Auf Verhaftungen folgen teilweise öffentliche Misshandlungen und Einzelerschießungen, u.a. im Gefängnis Stadelheim (erst auf die Beine und den Unterleib schießen, gerade bei Frauen), wo auch später während der Herrschaft des Nationalsozialismus mindestens 1000 weitere Exekutionen stattfinden. (Die dortige Ermordung Gustav Landauers hat Heribert Prantl gerade für die Süddeutsche Zeitung in Erinnerung gerufen, erwähnt aber die auftraggebende SPD-Regierung mit keinem Wort und ist sich nicht zu schade, den Anarchisten Landauer am Ende des Artikels für die Formel “Eigentum verpflichtet” vereinnahmen zu müssen.)

    Dann finden tagelang immer mehr und umfangreichere Erschießungen nach “spontanen Standgerichten” statt und es kommt zu regelrechten Massakern (auch an katholischen Handwerksgesellen und russischen Kriegsgefangenen), immer angefeuert durch die Presse (SPD-nahes Bamberger Volksblatt: “Der gewöhnliche Tod des Erschießens ist für die Münchner Bestien viel zu wenig…”). Bis 6. Mai gibt es mindestens 650 Tote, als besonders brutal tut sich das Bayerische Schützenkorps unter Franz Ritter von Epp hervor und schießt “alles, was nach Arbeiter aussieht und sich auf die Straßen wagt, nieder” (Schaupp). Unter den Verantwortlichen des Korps finden sich Ernst Röhm, Rudolf Heß und viele andere später wichtige Nazis. Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) dankt Oberbefehlshaber General von Oven “für die umsichtige und erfolgreiche Leitung der Operation in München”.

    Im Resultat dieses ganzen Terrors ist die “zweite Revolution”, die nach dem immer offeneren Rechtsschwenk der SPD-Führung Anfang 1919 doch noch die im SPD-Parteiprogramm verheißene Sozialisierung der Großbetriebe und dazu die Rätemacht durchsetzen wollte, zunächst größtenteils niedergeschlagen. Tausende sind tot, weitere Tausende sind inhaftiert, oft unter schweren Misshandlungen. Das zusammenhängende revolutionäre Gebiet von Deutschland über Österreich und Ungarn bis nach Sowjetrussland kommt, mit all seinen möglichen positiven wie negativen Auswirkungen, nicht zustande. Die SPD verliert massenweise Mitglieder, in KPD und USPD brechen scharfe Richtungskämpfe aus, weitere linke Organisationen wie die KAPD und die syndikalistische FAUD bereiten neue Kämpfe vor.

    Weite Teile des Reiches stehen unter militärischer Besatzung und Ausnahmezustand, überall sind Drahtverhaue und MGs postiert. In Berlin herrscht de facto das Militär, bis es im März 1920 selbst die Macht im Reich zu übernehmen versucht. Auch in Bayern bildet sich eine militärische Parallelregierung, die sogenannte “Ordnungszelle”, die dafür sorgen wird, dass der Versailler Vertrag nicht ratifiziert wird und sich im Schutz der weiter bestehenden paramilitärischen Verbände der Grundstock des Nationalsozialismus formieren kann, als dessen Geburtsstunde schon Zeitgenossen wie Erich Mühsam den Einmarsch der Hakenkreuz-geschmückten Truppen in München wahrnehmen. Mühsam ahnt das kommende “Blutregiment”, das sich auch gegen diejenigen Sozialdemokraten wenden wird, die diese ersten Nazis angeworben, bewaffnet, zur Reichswehr gemacht und gegen all die Kämpfer fürs SPD-Parteiprogramm losgeschickt haben.

    Ging die Revolution nun noch weiter? In den meisten Darstellungen endet sie spätestens hier, auch im auf dieser Seite hier viel referenzierten Buch von Klaus Gietinger. (Bis noch vor wenigen Jahren war sie oft nur auf den November 1918 beschränkt und ging bei Linken allenfalls bis zum Januar 1919 weiter.) Der revolutionäre Charakter der Ereignisse von 1920 (Generalstreik, Sozialisierungskämpfe, Rote Ruhrarmee), 1921 (Mitteldeutscher Aufstand), 1923 (revolutionäre Situation im Sommer und Herbst) wird ausgelassen oder heruntergespielt, die Zusammenhänge werden nicht hergestellt und häufig wird die Geschichte auch auf die Rolle der je eigenen politischen Fraktion heruntergebrochen. Karl-Heinz Roth, dessen Buch “Die andere Arbeiterbewegung” von 1973 so viel von der neueren Forschung inspiriert hat, dehnte dort die revolutionären Ereignisse zumindest bis 1921 aus.

    Hier soll das Geschehen bis 1923 weiter verfolgt werden; das Publikum möge sich selbst daraus ein Urteil bilden. In den nächsten Postings wird es u.a. um den Fall der vorläufig letzten Rätehochburg Leipzig, um die frühe Formierung des Nationalsozialismus in Bayern, um die Personalie Hitler und um die Sülzeunruhen in Hamburg gehen. Hinweise auf Materialien zum revolutionären bzw. konterrevolutionären Geschehen im weiteren Verlauf des Jahres 1919 sind jederzeit sehr willkommen!

    Zum Ende des Generalstreiks im Ruhrgebiet findet heute (29.4.) eine Diskussionsveranstaltung in Dortmund statt, bei der es vor allem um die Selbstorganisation der Streikenden gehen soll.

    Zum Verlauf der revolutionären Auseinandersetzungen um die bayerische Räterepublik hat Plenum R in Zusammenarbeit mit dem Kurt-Eisner-Verein je eine Übersichtskarte erstellt: Bayern und München.

    Mitte April 1919 in Österreich, Ungarn, Bayern und im Ruhrgebiet

    April 17th, 2019

    Am 17. April 1919 startet in Wien der erste von drei erfolglosen Versuchen, aus einer Massendemonstration heraus eine Räterepublik nach dem Vorbild Ungarns und Bayerns auszurufen und damit ein zusammenhängendes revolutionäres Gebiet von Schwaben bis in die Nähe der sich westwärts verschiebenden sowjetrussischen Grenze zu schaffen. Zu diesem Zweck hatte die neue ungarische Regierung den Emissär Ernst Bettelheim nach Wien entsandt, der die dortige KP für den Aufstand neu aufstellte. Die Demonstration wurde von der Volkswehr unter dem sozialdemokratischen Staatskanzler Renner, der eine Stürmung des Parlaments befürchtete, gewaltsam aufgelöst (6 Tote und Dutzende Verletzte), was einen tiefen Graben zwischen Sozialdemokratie und KP aufreißt.

    In Ungarn war erst am 21. März die Räterepublik ausgerufen worden, die sich wegen der spezifischen Situation des Landes nach dem Ersten Weltkrieg aus nationaler Selbstbehauptung (Vormarsch von Truppen der Nachbarstaaten und Entente weit aufs Staatsgebiet), sowjetischem Vorbild (Kollektivierung und Verstaatlichung der Wirtschaft, Entmachtung von Adel und Klerus) und auch starker sozialdemokratischer Beteiligung bildete – dazu vielleicht ein andermal noch mehr, eine neue und recht gute Zusammenfassung der Ausgangslage findet sich hier. Ab Mitte April drängen rumänische, serbische und französische Truppen immer weiter ins ungarische Kernland vor, was die Versuche, vor allem in Österreich Kämpfer anzuwerben und die Revolution auszulösen, noch intensiviert. Mit Österreich würden riesige Bestände an Waffen, Munition, Ausrüstung und Geldmitteln in die Hand der Räterepubliken fallen.

    In Bayern hatte sich die Lage durch den von der SPD geführten “Palmsonntagsputsch” gegen die am 7. April ausgerufene, zunächst überwiegend linkssozialistisch-anarchistische Räterepublik zugespitzt. Die angreifende Republikanische Schutztruppe wurde unter kommunistischer und anarchistischer Führung zurückgeschlagen. Die heftigen Kämpfe um den Münchner Hauptbahnhof fordern 17 Tote, die Räterepublik geht vom Zentralrat an den KPD-dominierten Aktionsausschuss über, der zum Zwecke des Aufbaus einer Roten Armee zum Generalstreik aufruft. Die Betriebsräte begrüßen das, sehen die Notwendigkeit, sich gegen die bewaffnete Konterrevolution schärfer aufzustellen – wie an vielen Orten treibt die eskalierende Gewalt der Regierungstruppen und die begleitende Propaganda der rechten SPD-Führung die Revolutionäre in anarchistisch-syndikalistische Radikalisierung einerseits, aber auch in die konsequenter wirkenden kommunistischen Partei- und Kaderstrukturen.

    Auch im Ruhrgebiet hatte die Beteiligung am nach wie vor laufenden Generalstreik zwar ab dem 14. April kurz nachgelassen, schon am nächsten Tag hatte der blutige Angriff des Freikorps Lichtschlag auf die Streik-Delegiertenkonferenz die Kampfbereitschaft wieder angefacht. Obwohl bei dieser und anderen Gelegenheiten Hunderte aus der Streikkoordination festgenommen wurden, blieben die Streikenden bei ihren Forderungen (Sozialisierung unter Belegschaftskontrolle, Anerkennung und Stärkung der Selbstverwaltung, Abzug der Regierungstruppen) und erklärten am 17. April: “Die Befreiung der Arbeiterklasse muß das Werk der Arbeiterklasse selbst sein.” [Bluhm, Die Massen:136]


    Bekanntmachung des provisorischen Zentralrats zum gescheiterten Putsch gegen die Räterepublik Baiern in München. (entnommen: Schaupp, Der kurze Frühling der Räterepublik, Münster 2017; der Verweis auf Serbien als Räterepublik bezieht sich auf die „Sozialistische Ungarisch-Serbische Republik Batschka und Branau/Baranya“, die auf den nördlichen Teil der zwischen Ungarn und Serbien liegenden Batschka beschränkt blieb und schließlich durch rumänische und serbische Truppen aufgelöst wurde.)

    Auftritte ab April 2019

    April 2nd, 2019
  • Do, 04.04.2019, München, Kafé Marat: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Fr, 05.04.2019, Augsburg, Die ganze Bäckerei: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Sa, 06.04.2019, Regensburg, LiZe: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • So, 07.04.2019, Würzburg, theater ensemble: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Di, 09.04.2019, Nürnberg, heizhaus: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Mi, 10.04.2019, Innsbruck, pmk: Vortrag “Die Option zu kämpfen. Statt Weniger oder Mehr: Pop als ­aufständische Assoziation” (FB-Event)
  • Do, 11.04.2019, Plauen, Kanapee: Vortrag “Die Hüftbewegung – Was uns zu Menschen machte” (FB-Event)
  • Sa, 13.04.2019, Plauen, Schuldenberg: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (25. Hausgeburtstag)
  • Di, 16.04.2019, Magdeburg, Campus-Theater: Vorstellung und Diskussion zum Film “Der Wert des Menschen”/”La loi du marché” (Ankündigung)
  • Mo, 22.04.2019, Hamburg, MS Stubnitz: Vortrag “Entschwörungstheorie” (Opener für Björn Peng)
  • Do, 09.05.2019, Berlin, Disconnect: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Fr, 10.05.2019, Berlin, Supamolly: Gastauftritt bei Kopfstand Nr. 40 (FB-Event)
  • Do, 23.05.2019, Sulzbach-Rosenberg: Vortrag “Entschwörungstheorie”
  • Sa/So, 08./09.06.2019, Doksy, Pfingstcamp Linksjugend Sachsen: Vorträge “Die Hüftbewegung – Was uns zu Menschen machte” und “Das hatten wir doch schon mal! ‘Realsozialismus’ – Kommunismus? Kapitalismus? ‘Wirkliche Bewegung?'” sowie Auflegerei
  • Di, 02.07.2019, Essen: Vortrag “Entschwörungstheorie”
  • Mi, 03.07.2019, Coburg, Freie Uni: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Fr/Sa, 12./13.7.2019, Berlin, Kulturhaus Kili: Vortrag und Auflegen (1st congress for eternal space holidays)
  • Neu geplant sind Veranstaltungen zum Ende der DDR und den Folgen (Premiere vermutlich in Görlitz) und zur DDR-Kulturproduktion (zuerst vermutlich in Aachen). Weitere Vorträge zur Revolution 1918-23, teilweise mit neuen Schwerpunkten auf der “zweiten Revolution” Anfang 1919 und auf neue Akteure wie Max Hoelz, sind noch ohne Termin (Leverkusen, Wuppertal, Falkenstein, Landshut, Potsdam, Hamburg). Außerdem gibt’s Pläne für Veranstaltungen zur AfD (in Greiz), zu Luther (in Bad Frankenhausen, Bochum, Bielefeld), zu Antisemitismus & Kapitalismus (Leisnig) und in Potsdam Vorträge zu “Sin Patrón”, zu Elsässer und zur Religion. Schließlich eröffne ich die Veranstaltungsreihe “Die Option zu kämpfen – Pop und Politik in Theorie und Praxis” in Augsburg mit einem Vortrag basierend auf meinem testcard-Artikel “Die Option zu kämpfen. Statt Weniger oder Mehr: Pop als ­aufständische Assoziation”.

    Wer auch noch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm.

    Räterepublik Bayern

    April 1st, 2019

    Während sich der Generalstreik im Ruhrgebiet vor hundert Jahren noch zur vollen Größe entfaltete, spitzte sich die Lage in Bayern weiter zu und es kam am 7. und 8. April zur Ausrufung der Räterepublik in den meisten größeren Städten.

    In Bayern hatte es wie in anderen Teilen des Reiches Anfang 1918 Massenstreiks gegeben, wie andernorts auch in hohem Maß von Frauen organisiert, und am 7. November hatten die daraus entstandenen starken Räte- und USPD-Strukturen mittels einer Massendemonstration in München die dortige Monarchie gestürzt, Kurt Eisner (USPD) wurde mit einem räte-konstitutionalistischen Programm erster Ministerpräsident des Freistaats und sorgte u.a. dafür, dass in Bayern keine Freikorps aufgestellt wurden.

    Eisners Ermordung am 21. Februar, mit der sich Anton Graf Arco-Valley trotz seiner jüdischen Vorfahren vor der Thule-Gesellschaft als Völkischer und Antisemit beweisen wollte, verschärft die Lage – es kommt sofort zu Schüssen im Landtag auf SPD-Innenminister Auer, einen erklärten Feind der Revolution. Dennoch soll der Landtag zunächst nur die Räte in der Verfassung verankern. Erst unter dem Eindruck der Ausrufung der ungarischen Räterepublik am 21. März gibt es einerseits nun auch in der SPD immer mehr Zustimmung zu einer Räterepublik in Bayern, andererseits sorgt das blutige Vorgehen der Regierungstruppen überall im Reich dafür, dass vor allem aus der sich gerade erst in Bayern organisierenden KPD die Rufe eigener militärischer Organisation lauter werden.

    Als schließlich die Räterepublik Bayern auf Beschluss “von USPD, einigen SPD-Männern, den Anarchisten und dem Bauernführer Gandorfer” (Gietinger 2018:178) ausgerufen wird, ist die KPD zunächst dagegen, sieht keine revolutionäre Situation und riecht ein SPD-Täuschungsmanöver, spricht wie später viele Darstellungen von einer “Scheinräterepublik” und einem “Literatenputsch”. Gietinger schreibt: “Sämtliche Regimenter der Garnison München erklärten sich zugehörig. Es schlossen sich an: in Oberbayern: Garmisch, Mittenwald, Bad Tölz, Miesbach, Traunstein, Burghausen, Altötting, Pasing, Freising, Dachau, Landsberg, Schongau; in Niederbayern: Landshut, Kehlheim, Straubing, Plattling, Vilshofen, Passau, Grafenau; in Schwaben: Lindau, Lindenberg, Weiler, Immenstadt, Sonthofen, Kempten, Füssen, Markt Oberdorf, Kaufbeuren, Mindelheim, Buchloe, Schwabmünchen, Memmingen, Obergünzburg, Augsburg, Donauwörth; und in der Oberpfalz und in Oberfranken: Regensburg, Burglengenfeld, Cham, Amberg, Leonberg, Marktredwitz, Kulmbach, Selb und Hof, etc. Es war also keine Spinnerei oder Farce, auch kein Schein, es waren nur eben Anarchisten und Literaten an der Spitze.” (An der Basis war die KPD auch dafür.) “Die meisten Bauern waren skeptisch bzw. dagegen, genau wie das Bürgertum, das kurzzeitig paralysiert war. Etwa die Hälfte der Bayerischen Stadtbevölkerung, praktisch alle großen Städte außer Nürnberg und sehr viele kleinere Städte, stimmten der Räterepublik zu.” Ab dem 10. April wird eine Rote Armee aufgestellt: “Das 1. Bayerische Infanterieregiment wollte das erste in der Roten Armee Bayerns sein und benannte die Marskaserne, seine Kaserne, in Kurt-Eisner-Kaserne um. Das 2. Bayerische Infanterieregiment nannte seine Kaserne jetzt Karl-Liebknecht-Kaserne.”

    Die Räterepublik ist zwischen Vertrauen auf die Selbstorganisation der Massen und Notwendigkeit der Abwehr der Konterrevolution, zwischen ihrem linkssozialdemokratisch-anarchistischen und wachsenden kommunistischen Flügel zerrissen. Es kommt in der Tat zu einem Putschversuch gegen die Räte durch die SPD-nahe Republikanische Schutztruppe am 13. April, der aber unter kommunistischer und anarchistischer Führung zurückgeschlagen werden kann. Danach wird die zweite Räterepublik, nun stark von der KPD bestimmt, ausgerufen, die Lage verschärft sich weiter. Anrückende Regierungstruppen werden in Dachau zurückgeworfen, in Augsburg aufgehalten. Als sie schließlich mit massiver Unterstützung aus Württemberg und Preußen in München einmarschieren, verüben sie wieder Massaker, setzen sich dauerhaft vor Ort fest und bilden den organisatorischen Grundstock für den Nationalsozialismus. Zu alldem in weiteren Postings mehr.

    Zur besseren Übersicht hat Plenum R in Zusammenarbeit mit dem Kurt-Eisner-Verein je eine Karte zum revolutionären Geschehen in Bayern insgesamt und in München im Speziellen erstellt.

    Der Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” geht aus Anlass der beschriebenen Jahrestage diese Woche auf Bayerntour: 4.4. München, 5.4. Augsburg, 6.4. Regensburg, 7.4. Würzburg, 9.4. Nürnberg.

    Beginn des Generalstreiks im Ruhrgebiet

    March 25th, 2019

    Vor 100 Jahren begann mit dem Angriff der Polizei auf eine Demonstration vor der Wittener Volkszeitung, bei dem durch Gewehrfeuer und Handgranaten 11 der Protestierenden getötet und zahlreiche mehr verletzt wurden, die dritte und größte der Streikwellen im Ruhrgebiet Anfang 1919, die sich bis 10. April zum Generalstreik mit 300.000 Beteiligten ausweitete.

    Dabei ging es anfangs neben Entwaffnung von Polizei und Freikorps, Ende von Willkür und Terror, vor allem um die Anerkennung der Sechs-Stunden-Schicht, die in immer mehr Bergwerken bereits seit Mitte März von den Belegschaften selbst durchgesetzt worden war. Als am 30. März der neugegründete Zentralzechenrat in Essen zum Generalstreik aufruft, soll es aber wieder “um Großes” gehen, wie es auf Plakaten hieß: um die Anerkennung der Räte, die Zurückdrängung der Staatsgewalt und um eine “richtige” Sozialisierung, also von Räten und Belegschaften durchgeführte Enteignung und Vergesellschaftung der Großindustrien.

    Die SPD-geführte Reichsregierung verhängt unmittelbar nach Ausrufung des Generalstreiks den Belagerungszustand über das gesamte Ruhrgebiet und beschließt, das ganze Streikrevier militärisch zu umstellen und auszuhungern.

    Der Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” findet diese Woche an drei damaligen Schauplätzen im Ruhrgebiet statt: am Donnerstag (28.3.) in Duisburg, am Freitag (29.3.) in Dortmund und am Samstag (30.3.) in Essen.

    März 1919 in Berlin, Teil 3: das blutige Ende

    March 9th, 2019

    Das Ende der Märzkämpfe in Berlin vor hundert Jahren kann nur als brutaler Schock und als vernichtender Schlag der Regierungstruppen gegen die Revolution beschrieben werden.

    Am 8. März war der Berliner Generalstreik (Postings zum Beginn am 3.3. und zur Eskalation ab 6.3.) unter dem militärischen Druck und der Gegenpropaganda der SPD zusammengebrochen, doch die Kämpfe in den Straßen zwischen der etwa 30000 Mann starken, mit Tanks, Flugzeugen, Geschützen, MGs, Minen- und Flammenwerfern bewaffneten Freikorps-Reichswehr und den wenigen Tausend aus allen linken Richtungen (von SPD bis Syndikalisten), die sich der Besetzung eines immer größeren Teils der Stadt und den Provokationen nur teilweise und überwiegend leicht bewaffnet, aber unterstützt von der Bevölkerung widersetzten, gingen vor allem in Friedrichshain und schließlich in Lichtenberg weiter, wo sie mehr und mehr die Form eines Massakers annahmen. Nachdem auch in anderen Teilen des Landes die größten Streiks und Aufstände vorläufig niedergeschlagen schienen, wurde an den Berliner Arbeitervierteln nun ein Exempel statuiert.

    Flankiert von Gräuelpropaganda über vermeintliche Massenmorde an Polizisten (tatsächlich waren beim Kampf ums Lichtenberger Polizeipräsidium neben zehn Aufständischen auch zwei Polizisten getötet worden) wurde nun per Befehl durch Reichswehrminister Noske (“Not kennt kein Gebot”) und zusätzliche Ausführungsverschärfungen durch Freikorpsführer Pabst für das Operationsgebiet der Regierungstruppen auch das Standrecht ausgesetzt, die in der kolonialen Aufstandsbekämpfung in Namibia und im Besatzungsterror im Ersten Weltkrieg in Belgien erprobte Vergeltungs- und Vernichtungsstrategie in der eigenen Hauptstadt angewandt. Klaus Gietinger schreibt: “Die eigene Bevölkerung wurde als Franktireurs, als Freischärler betrachtet und somit zum Abschuss freigegeben.”

    Wie das konkret aussah (Achtung, explizite Gewalt): “Ein Wachtmeister des Freikorps Lützow ließ am 12. März eine Straße sperren, und Max Marcus, ein Weltkriegsteilnehmer (23 Jahre), schoss sofort auf alles, was sich am Fenster zeigte. Die Schülerin Helen Slovek (12 Jahre) wurde tödlich getroffen, ihre Mutter schrie blutüberströmt aus dem Fenster, Marcus drohte, auch sie zu erschießen, ebenso Zeugen einer Bierkneipe, die ihn beschimpften. Kurz danach tötete Marcus auch den Fliesenleger Karl Becker (73), der über die Straße ging. Die Kugel durchschlug Beckers Körper und tötete noch eine junge Frau, Erwine Dahle, die vergebens Deckung gesucht hatte. Marcus ermordete dann auch noch den Bahnarbeiter Alfred Musick, der zuvor mit fünf anderen auf der Schillingsbrücke unter dem Kommando des Oberleutnant Wecke mittels Schüssen in die Spree befördert worden war, aber als Einziger überlebt hatte. Musick hatte sich schwerverletzt ans Ufer gerettet, war von Passanten geborgen, aber durch Denunziation von Marcus aufgestöbert und durch einen Schuss in den Hinterkopf ermordet worden.”

    Es wurden Minderjährige getötet, zahllose Unbewaffnete und auch ganz Unbeteiligte, manchmal reichten im Haus gefundene Handgranatenstiele, manchmal ein Mitgliedsbuch der USPD. Im Gasthaus Schwarzer Adler fanden Verhöre und Tötungen statt. “Im Zuge dieser Säuberungsaktionen wurden dann noch mit Artillerie, Minenwerfern und Flammenwerfern ganze Straßenzüge verwüstet.” Zum ersten Mal kommen in Berlin Menschen durch Flugzeugbeschuss ums Leben.


    Eine Augenzeugin schildert die apokalyptische Szenerie in einer Notiz vom 9. März: “Schade, daß [Berlin] nicht von Feinden besetzt ist (Amerikaner oder Franzosen).”

    Am 11. März werden verbliebene Kämpfer der Volksmarinedivision unter dem Vorwand einer Lohnauszahlung in die Französische Straße 32 gelockt, wo 31 von ihnen per Maschinengewehrfeuer ermordet werden. Oberleutnant Otto Marloh verlas den Schießbefehl in der Pabstschen Fassung “sogar wörtlich noch kurz vor der Mordtat quasi als Urteil”, Leutnant Penther bekundete später, die Erschießung “herzlich gern”, befehligt zu haben. Die verantwortlichen Offiziere Reinhard, Kessel und Marloh wurden alle später Nationalsozialisten.

    Insgesamt kommen im Zuge der Kämpfe etwa 1200 Menschen ums Leben, die bewaffnete Rätebewegung in Berlin ist dauerhaft zerschlagen, die republikanischen Truppen sind aufgerieben, die völkisch-antisemitischen Freikorps nun als reguläre Armee mit Sonderbefugnissen legitimiert – sie werden ab jetzt in ähnlicher Weise etwa zwei Monate lang durchs ganze Land ziehen. Auch wenn die Kämpfe bis in den Mai zum Teil beträchtliche Ausmaße annehmen werden (vor allem im Ruhrgebiet und in Bayern), ist die Welle der Revolution (nicht nur in Deutschland) zunächst gebrochen, die (je nach Seite) Gefahr oder Hoffnung einer “Sozialisierung von unten” zerstreut. Die SPD-Regierung hatte auch gegen nicht wenige ihrer eigenen Parteimitglieder unmissverständlich klargestellt, wo sie die Grenze ihrer Freiheit und Demokratie zog: um das Privateigentum an den Produktionsmitteln, um das radikal-nationalistische Militär und um das bürgerliche Parlament.

    Zu all dem findet am heutigen Samstag im Rathaus Lichtenberg eine Konferenz statt, u.a. mit Axel Weipert und Klaus Gietinger: “Die zweite Revolution? – Das Frühjahr 1919 in Dtl. und Europa” (FB-Event). Am Montag (11.3.) wird es ab 11 Uhr eine Kundgebung zum Gedenken an die ermordeten Matrosen geben. (FB-Event). Der Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” findet am 18.3. in Lichtenberg statt (FB-Event). Weitere Termine, vor allem im Ruhrgebiet und in Bayern, sowie die bisherigen Postings finden sich auf der Seite zum Vortrag.

    Literaturempfehlung: Schießbefehl für Lichtenberg, Begleitbroschüre zur gleichnamigen Ausstellung, Berlin 2019 – daraus auch die Abbildungen, die erschossene Aufständische an der Friedhofsmauer in der Möllendorfstraße und ein bei den Kämpfen zerstörtes Haus in Lichtenberg im März 1919 zeigen.

    Frauen in der Revolution

    March 8th, 2019

    Vor hundert Jahren wurde der Internationale Frauentag in Deutschland nicht gefeiert. Die ihn anderswo begingen, die sozialistischen Frauen, waren hier recht vollständig in die gerade krass eskalierenden Konflikte verwickelt – auch die berühmte Rede der Kommunistin Clara Zetkin, die auch den Frauentag in Deutschland zu etablieren versuchte, vorm außerordentlichen Parteitag der USPD in Berlin am 4. März 1919 (“Ich will dort kämpfen, wo das Leben ist”) dreht sich ganz um den vorläufigen Höhepunkt der revolutionären Auseinandersetzungen und gar nicht um die Frauenfrage.

    In der Rückschau auf die Entwicklung der Frauenrechte wird die Revolution selbst meist fast übersprungen (z.B. hier): der Rat der Volksbeauftragten verleiht den Frauen netterweise am 12. November 1918 das Wahlrecht, dann gibt es die Reichstagswahlen, 37 der 421 der Abgeordneten sind Frauen, und Marie Juchacz spricht als erste Frau vorm Parlament, wo sie klarstellt, dass sie wegen der Revolution dort steht, dass den Frauen das Wahlrecht zu Unrecht vorenthalten worden war und sie gar nicht dankbar zu sein haben. Sie und Rosa Luxemburg sind die beiden Frauen, die in der Revolutionserzählung vorkommen, und das war’s meistens.

    Die ersten reichsweiten Wahlen, bei denen Frauen gewählt werden konnten, waren jedoch schon die zum Reichsrätekongress Ende 1918. Zwei Frauen wurden gewählt, deren Namen heute kaum jemand kennt – Klara Nowak (SPD, Dresden), Käthe Leu (USPD, Danzig) -, und zweitere ergriff als erste Frau vor einem reichsweit gewählten demokratischen Organ das Wort. Das Berliner Tageblatt schrieb darüber: “Sie spricht mit einer bemerkenswerten Fertigkeit für den Ausbau der revolutionären Errungenschaften, der aber nur durch Einigkeit möglich sei.” (Sie starb 1933 an den Folgen eines Schocks nach der Verhaftung ihres Mannes, des Danziger Parteisekretärs Georg Leu.)

    Schon am 10. November 1918 waren bei den Berliner Rätewahlen für die Vollversammlung im Zirkus Busch Frauen wählbar – die erste deutsche Wahl mit aktivem und passivem Wahlrecht für Frauen. Am selben Tag wurde auch die erste Frau Ministerin in Deutschland – Minna Fasshauer wurde im Rat der Volkskommissare der Sozialistischen Republik Braunschweig zuständig für die Volksbildung und setzte sich in ihrer kurzen Amtszeit bis Februar 1919 für eine Säkularisierung und Entmilitarisierung der Schulen (“Kulturgeschichte statt Kriegsgeschichte”) ein. (Nächste Ministerinnen übrigens: Hilde Benjamin 1953 in der DDR Justiz, bundesweit in der BRD Elisabeth Schwarzhaupt 1961 Gesundheit). Wir werden Minna Fasshauer auf dieser Seite später noch als Mitglied sowohl der KAPD und FAUD und als militante Kämpferin gegen Kirche und bürgerliche Herrschaft begegnen. (Später war sie im antifaschistischen Widerstand und am Aufbau der KPD in der BRD beteiligt.)

    Zuvor hatte Minna Fasshauer nicht nur die Novemberrevolution in Wolfenbüttel angeführt, wie viele andere Frauen war sie bereits seit 1917 aktiv in der Streikorganisation – so etwa auch Sarah Sonja Lerch, maßgebliche Organisatorin des Januar-Massenstreiks 1918 in Bayern. Wie sie hatten Tausende Frauen vor und während der Revolution Streiks vorbereitet, während die Männer arbeiteten, oder sie an ihren eigenen Arbeitsplätzen organisiert (z.B. die 2100 Wäscherinnen in den oberschlesischen Erzgruben, die vom 1. Juli bis 7. September 1918 gegen ihren 11stündigen Arbeitstag streikten, der ihnen keine Zeit für die auch an ihnen hängende Hausarbeit ließ), waren bei den in der Not immer aufwendigeren Einkaufsgängen ohnehin ständig auf der Straße und begannen dort zahllose Protestaktionen (in Russland hatte so 1917 die Februarrevolution begonnen: in einer Brotwarteschlange), hatten in den Arbeitervierteln und -siedlungen Rückzugsräume und Verstecke organisiert, schließlich auch Unterstützungsstrukturen. Die Vorläuferorganisation der Roten Hilfe wurde im Mai 1919 als “Frauenhilfe für politische Gefangene” in Bayern zunächst als Gewerkschaftsorganisation gegründet, für die die spätere USPD-Landtagsabgeordnete Rosa Aschenbrenner (noch später KPD, KPO und wieder SPD) öffentlich warb. Cläre Casper, eine der zwei Frauen, die es bis in die Streikleitung der Revolutionären Obleute vorm 9. November schaffte, versteckte Waffen für den Aufstand in ihrer Wohnung – nach der Revolution war sie beim Arbeiterrat nur Sekretärin, wurde dafür auch geringer entlohnt.


    Sozialdemokratische Frauen ziehen während des Kriegs vor den Parteivorstand – Filmszene aus “Solange Leben in mir ist” (DEFA, 1965)

    Die Revolution blieb eine von Frauen maßgeblich vorbereitete und getragene Männerveranstaltung, die Beteiligung der Frauen bildet sich schon in den Organisationen nicht ab, erst recht nicht in der Geschichte. Die Männer traten mit der gleichen Selbstverständlichkeit für politische Gleichstellung wie für die ökonomische Ungleichbehandlung auf. Das sexistische Rollback, das der zunächst während der Industrialisierung unterschiedslosen massenhaften Beschäftigung von ungelernten Arbeitskräften, auch von Frauen und Kindern, durch die Bildung eines Stamms von besser bezahlten “Familienernährern” ab Ende des 19. Jahrhunderts entgegenwirkte, hatte sich gerade auf die besonders gut organisierten und streikfähigen Facharbeitskräfte durchgeschlagen, die nun die Räte, die Obleute und damit die Revolution dominierten. Als u.a. in der Presse der Rätebewegung nach Beginn der Revolution begonnen wurde, laut über die mangelnde Einbeziehung und Berücksichtigung der Frauen nachzudenken, war es für einen grundsätzlichen Umschwung schon zu spät und die Vorstellungen blieben auch bei der Einrichtung von Frauen-Hausarbeitsräten und kollektiver Organisation der (immer noch allein weiblich gedachten) Hausarbeit stehen. (Einen Hausfrauenrat gab es vom November 1918 bis 1920 in Jena, gegründet von der 2. Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrates Gertrud Morgner, KPD.)

    Weitergehende Kritik am Reproduktionsregime war schlicht so gut wie noch nicht formuliert. Eine ihrer wichtigsten Grundlagen war mit der Theoretikerin der “permanenten ursprünglichen Akkumulation” Rosa Luxemburg gestorben und wurde erst in den 1970ern, als der Feminismus im Westen und die realsozialistische Geschlechterpolitik im Osten die Reproduktionssphäre bereits massiv zu verändern begannen, u.a. von Silvia Federici wiederbelebt. Heute können wir sie aufgreifen und klarmachen, dass zur Organisation der Arbeitskräfte auch die Organisation der (meist unbezahlten) Reproduktionsarbeit gehört, die die für den Kapitalismus wichtigste Ware herstellt: die Arbeitskraft. Nur indem wir die Kämpfe und Streiks verbinden, die Grenzen, Diskriminierungen und Abwertungen überwinden, die Konkurrenz zwischen uns aufheben, können alle zusammenfinden, die das gleiche Interesse an der Verbesserung ihrer Lebensbedingungen teilen, und sich die Produktionsmittel gemeinsam aneignen, damit endlich alle kriegen, was sie brauchen.

    Empfohlene Literatur

    Dania Alasti: Frauen in der Novemberrevolution (Münster 2018)

    März 1919 in Berlin, Teil 2: Freikorps greifen an, Streik verschärft sich

    March 6th, 2019

    Am 6. März 1919 beschließt die Nationalversammlung in Weimar das “Gesetz über die Bildung einer vorläufigen Reichswehr” durch “Zusammenfassung bereits bestehender Freiwilligenverbände”. Die unterzeichnenden Ebert, Noske und der preußische Kriegsminister Walther Reinhardt (“einer der Planer der Ausrufung eines selbstständigen Oststaates, von dem aus später eine nationale Erhebung in ganz Deutschland ausgehen sollte”) machten so die Freikorps, während sie bereits in Berlin und anderen Teilen des Reiches gegen Streikende und Aufständische wüteten, zur offiziellen Armee, die “den Anordnungen der Reichsregierung Geltung verschafft und die Ruhe und Ordnung im Innern aufrechterhält.“ (Gesetzestext) Als das Gesetz am 12. März öffentlich verkündet wurde, waren dem Wirken dieser Armee bereits mehr als 1000 Menschen zum Opfer gefallen.

    Als direkte Reaktion auf das Vorgehen der Freikorps, besonders ihre tödlichen Schüsse in Menschenmengen und ihre immer weiter eskalierenden Gefechte mit der Volksmarinedivision und der Republikanischen Soldatenwehr um das Polizeipräsidium am Alexanderplatz, wurde der Streik, wieder auf Druck der Basis, zunächst verschärft und damit ausgeweitet. Auch die Stromversorgung wurde am Abend des 6. lahmgelegt und damit eine weitere Welle von Betrieben in den Streik einbezogen. Zudem trat auch Potsdam (mitsamt Nowawes) in den Generalstreik, seit dem 5. herrschte praktisch Generalstreik in Oberschlesien – unterdessen liefen immer noch Streik und Auseinandersetzungen in Mitteldeutschland, aber auch in Stuttgart, Heilbronn, Bremen, Plauen und um die Räterepublik Kurpfalz in Mannheim.

    Die Ausweitung des Berliner Streiks gibt den SPD-Vertretern in der Streikleitung, die sich von vornherein nur von ihrer entschlossenen Basis hatten in den Streik treiben lassen, die Gelegenheit auszuscheren und auf die Linie der SPD-Regierung einzuschwenken. Nun tönten fast alle Verlautbarungen der SPD gleich: Das geht zu weit, der Streik “führt zum völligen Zusammenbruch unseres Wirtschaftslebens” und zur “Herrschaft des lichtscheuen Janhagels” (Vorwärts), und überhaupt sei doch für alles schon gesorgt – “die Sozialisierung marschiert”, war auf überall verklebten Plakaten zu lesen, die Fortsetzung von Teilen der staatlichen Regulierungspolitik aus dem Krieg und die “Einigungen” zwischen Großunternehmen und Gewerkschaftsführung (“Stinnes-Legien-Abkommen”, “Reichskohlenrat”) wurden als Sozialismus verkauft.


    Plakate der Regierung, die den Sozialismus verkünden, davor Truppen der Regierung, die zur Niederschlagung der sozialistischen Bewegung am Spittelmarkt im Zentrum Berlins im Einsatz sind – wenn in einem Bild zu zeigen wäre, wie es zum Nationalsozialismus kam, es wäre sicher dieses. (Entnommen dem Band “Es lebe das Neue! Berlin in der Revolution 1918/19”, Berlin 2019)

    In vielen Darstellungen heißt es, Plünderungen und Überfälle hätten Noske und seinen Truppen den Vorwand geliefert – praktisch gingen die Regierungstruppen weitgehend nach Plan vor und erfanden sich ihre Legitimation notfalls selbst. Dass sich besonders in den Arbeitervierteln dagegen gewehrt und dazu bewaffnet wurde (u.a. aus mindestens 30 Polizeiwachen), war der verzweifelte Versuch der Verteidigung gegen eine Weltkriegsarmee, die mit klarem Auftrag mordend durch die Stadt zog. Wie auch das Streikgeschehen waren die Kämpfe kaum von der Führung der Parteien und Organisationen bestimmt, keineswegs gab es, wie später behauptet, einen zentralen Aufstandsplan – auch die KPD, seit Januar verboten, setzte auf “Presse, Rede, Versammlungen, Demonstrationen, Streik, Generalstreik” als Mittel, “nicht aber ein Mittel ist der Schießprügel” (Rote Fahne vom 3.3., letzte Ausgabe vor der Zerstörung ihrer Druckerei durch die Freikorps – sie war gerade erst seit 28.2. wieder erschienen).

    Die Arbeitskräfte hatten auf den Streik gedrängt, ihn von selbst begonnen (siehe Posting über den Beginn des Generalstreiks), dann auf seiner Ausweitung bestanden, sich gegen die Freikorps bewaffnet und an der Seite der republikanischen Truppen den Kampf aufgenommen. Die Führungen sowohl von SPD als auch von USPD und KPD waren aus verschiedenen Gründen dieser Entwicklung eher hinterhergelaufen, und als nun die SPD-Räte die erste Gelegenheit nutzten, um sich aus der Streikleitung zurückzuziehen, und keine neue gemeinsame Streikleitung von USPD und KPD zustandekam (wofür sich beide Seiten hinterher gegenseitig die Schuld gaben), begann der Streik gerade im Moment seiner größten Mobilisierung und in einer reichsweit kritischen Situation unter der eskalierenden militärischen Bedrohung zusammenzubrechen.

    Den Regierungstruppen gelang es unter Einsatz von Minenwerfern und Fliegerbomben, die Aufständischen, mittlerweile größtenteils während der Kämpfe hinzugeströmte Arbeitskräfte, vom Alexanderplatz in Richtung Prenzlauer Allee, Neukölln und den größten Verband auf die Große Frankfurter Straße (die heutige Karl-Marx-Allee) abzudrängen.

    Im Verlaufe der nächsten Tage verlagerten sich die Kämpfe immer weiter nach Friedrichshain und schließlich nach Lichtenberg. Dort wurde aus den “Märzkämpfen” durch einen neuen Befehl Noskes ein Massaker. Dazu mehr im nächsten Posting.

    Alle Postings zur Revolution: Revolution in Deutschland 1918-23.

    März 1919 in Berlin, Teil 1: Basis erzwingt Generalstreik

    March 3rd, 2019

    Am 3. März 1919 beginnt in Berlin der Generalstreik. Getragen von den Räten, Gewerkschaften und der Angestelltenvereinigung sowie der Basis aller linken Parteien werden etwa eine Million Arbeitskräfte in den Streik treten. Hauptforderungen: Demokratisierung des Militärs, Beendigung von Repression und Terror, vor allem aber Anerkennung und verfassungsmäßige Einbindung der Räte, welche wiederum als Hauptmittel zur Durchsetzung der “Sozialisierung”, also der Vergesellschaftung der Bergwerke und großen Industriebetriebe, angesehen werden. Es ist ein politischer Streik, es gibt keine Aussicht auf Streikgeld, die Forderungen erscheinen den Streikenden als wichtig genug. Es ist nach dem November der bis hierhin entscheidende Moment der Revolution, der Versuch, ihre sozialen Hauptforderungen endlich durchzusetzen.

    Wie in den Streiks im Ruhrgebiet, in Oberschlesien und Mitteldeutschland geht die Initiative von unten aus, kommt aus den Betrieben und von der Basis der Organisationen. Die Belegschaft der AEG in Hennigsdorf drängt etwa schon seit Ende Januar auf den Streik. Eine Delegation aus dem Betrieb schildert: “Unsere Arbeiterschaft ist nicht mehr zu halten.” Ende Februar bekräftigen sie parteiübergreifend die Forderung nach einem Generalstreik: “Es heißt sonst, wir können uns über die Köpfe der Führer hinweg einigen, so können wir uns auch über die Köpfe des Vollzugsrates hinweg verbrüdern”.


    Schwartzkopff-Belegschaft demonstriert im Januar 1919

    Anders als im Mitteldeutschen Streik ist die Führung im Ruhrgebiet und auch nun in Berlin nämlich uneins. Während in Halle und Leipzig, in Sachsen und Thüringen insgesamt die USPD stark genug ist um einen verbindlichen Generalstreik zu organisieren, muss anderswo die (wie schon geschildert) tief gespaltene SPD mit einbezogen werden, was sich wiederum auch auf die Haltung der USPD mit auswirkt. Deren Führung und damit die Streikleitung ist eigentlich nicht für den Streik, will zunächst einen neuen Reichsrätekongress organisieren. Richard Müller, direkt nach der Revolution im November als Vorsitzender des Vollzugsrates der Räte formal das Staatsoberhaupt der Deutschen Sozialistischen Republik (der kurze geschichtliche Moment zwischen 1871 und 1943/45, als das Land nicht das Deutsche Reich war), ist nun immer noch als Vorsitzender des Vollzugsrates auch Führer der Streikleitung – und gegen den Streik, den er dennoch organisiert.

    Die Basis hat die Entscheidung ohnehin vorweggenommen. Nicht nur haben sich bereits zahllose Belegschaften in Berlin und seinen Vorstädten Ende Februar für eine Entwaffnung der Freikorps, ein Ende der politischen Morde, die Stärkung der Räte und die Sozialisierung ausgesprochen und zu diesem Zweck immer lauter nach einem Streik im Zusammenwirken mit den bereits laufenden Streiks im Rest des Landes gerufen. Auch am Morgen des 3. März treten bereits Dutzende Betriebe, darunter einige der größten Berlins, in den Streik, bevor die Räte-Vollversammlung darüber abstimmt. Dort ist die USPD seit den Neuwahlen am 28. Februar die stärkste Partei, hat zusammen mit der KPD eine klare Mehrheit, und das Votum für den Streikbeschluss ist deutlich. (Über das Abstimmungsverhalten der SPD gibt es widersprüchliche Angaben: USPD-nahe Quellen sprechen von ihrer überwiegenden Zustimmung, der Vorwärts von überwiegender Enthaltung.)


    DEFA-Nachempfindung des Generalstreiks 1920

    Während am Montag teilweise noch der Rätebeschluss abgewartet wird, setzt im Laufe des Dienstags (4. März) der Streik mit voller Wucht ein, auch der Straßenbahnverkehr kommt zum Erliegen. Was zusammen mit den übrigen Streiks im Land als vorläufiger Höhepunkt der Mobilisierung der Arbeitskräfte und als deutliches Verlangen nach einer Vollendung der Revolution gelten kann, löst umgehend die vorbereiteten Gegenmaßnahmen der SPD-geführten Reichsregierung aus.

    Noch am 3. März wird vom preußischen Staatsministerium über Berlin der Belagerungszustand verhängt und tags darauf beginnen – politisch geführt durch Noske und militärisch durch General von Lüttwitz – die Freikorps Lützow und Hülsen, die Deutsche Schutzdivision, die Brigade Reinhard und die Garde-Kavallerie-Schützendivision (unter Führung von Waldemar Pabst) mit dem Einmarsch in die Stadt. Sie führen 120 von Noske vorbereitete Haftbefehle mit sich, zerstören sofort die Presse der USPD und KPD, feuern am Bülowplatz (heute: Rosa-Luxemburg-Platz) in eine Menschenmenge und gehen zum geplanten Vernichtungsschlag gegen die revolutionäre Bewegung über.

    Alle Postings zur Revolution: Revolution in Deutschland 1918-23.

    “Wer hat uns verraten?”

    February 28th, 2019

    Der historische Moment zwischen den Massenstreiks für Räte und Sozialisierung in den beiden wichtigsten deutschen Industriegebieten während der ersten beiden Monate des Jahres 1919 und dem verspätet einsetzenden Generalstreik in Berlin im März ist eine gute Gelegenheit, um auf die Zerrissenheit der Sozialdemokratie während der Revolution und auf einen der linken Lieblingsrefrains zu sprechen zu kommen.

    Am 28. Februar 1919 erschien im SPD-Zentralorgan Vorwärts, das zu diesem Zeitpunkt schon größtenteils auf der Linie der Parteiführung Stimmung gegen Streikende machte (z.B. die überwiegend selbstorganisierten und syndikalistischen Aufständischen in Hamborn als Spartakisten bezeichnete und ihnen Gräueltaten unterstellte) und wie schon gesehen im großen Stil Werbeanzeigen für die Freikorps schaltete, ein Artikel mit dem Titel “Gewitterstimmung” auf der Titelseite (siehe Bild). Darin hieß es, direkt neben einem Bericht über den Vorschlag der Vertagung des bayerischen Landtages durch den dortigen Rätekongress mit den Stimmen “aller sozialistischer Richtungen”, also auch der SPD, dass eine “steigende Erbitterung” die Massen ergreift und “eine Hochspannung” erzeugt, “die in kurzer Zeit zur Entladung drängt”. Und zu den Ursachen: “Es ist das Recht und die Pflicht eines jeden Sozialdemokraten auszusprechen, daß der Arbeiter mit dem bisherigen Entwicklungsgang der Revolution und den gezeitigten Ergebnissen gerade in bezug auf Arbeiterfragen nicht zufrieden sein kann…”

    Hier artikulierte sich der große Teil der SPD, der sich an der Revolution und auch den Massenstreiks wie im Januar in Berlin beteiligt hatte, und an den sich die Sozialisierungs-Versprechungen der Parteiführung hauptsächlich richteten. In der gleichen Ausgabe des Vorwärts wird zur Beteiligung an der Vollversammlung der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte aufgerufen, die an jenem 28. Februar begann. Dort wurde die Uneinigkeit der sozialdemokratischen Massenbewegung noch deutlicher: Während Teile des SPD-Parteiapparats versuchten, den überall im Land dringend erwarteten Generalstreik-Beschluss für Berlin per Obstruktion hinauszuzögern, bis die anderen Streiks abgeklungen bzw. auseinandergejagt waren, argumentierten andere, auch USPDler und Obleute, gegen den Streik und für einen neuen Rätekongress im April, der die Sozialisierungsforderungen zunächst legitimieren sollte. Es wurde eine Delegation zur Verhandlung mit der Ebert-Regierung nach Weimar entsandt, und der Streikbeschluss für Berlin kam tatsächlich erst am 3. März zustande, als die Regierungstruppen die Stadt bereits besetzt hatten, ein Versammlungsverbot galt und die Propaganda der SPD-Führung gegen den Streik, gerade auch im Vorwärts, bereits auf vollen Touren lief. Dennoch beteiligten sich, dazu in einem weiteren Posting dann ausführlicher, eine Million am Streik, der anfangs auch von der SPD-Basis mitgetragen wurde.

    Genau das geht in der üblichen linken Haltung gegen die damalige SPD unter: Nicht nur hatten sich massenweise Parteimitglieder an der Revolution im November 1918, den Massenstreiks ab Januar 1919 und auch dem späteren Generalstreik gegen den Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920 beteiligt, ja gab es noch 1923 die Regierungsbildungsversuche der SPD zusammen mit der KPD in Sachsen und Thüringen, vielmehr waren praktisch alle revolutionären Parteien und Strömungen auf dem Boden der Sozialdemokratie und versuchten letztlich, deren noch gültiges Erfurter Parteiprogramm von 1891 (kurz: Demokratie und Sozialismus) durchzusetzen. Die USPD als mit Abstand wichtigste revolutionäre Massenorganisation der ersten beiden Revolutionsjahre (zu der auch die Obleute größtenteils zählten) war erst 1917 von SPDlern gegründet worden, die wegen ihrer Kriegsgegnerschaft vom der SPD-Führung aus der Partei gedrängt worden waren. Der Spartakusbund war zunächst eine Organisation von SPDlern, bis er sich erst zum Jahreswechsel 1918/19 in der neugegründeten KPD auflöste, die ihrerseits anfangs programmatisch weniger weit von der Sozialdemokratie entfernt war, als es in der Rückschau meist klar wird. Selbst die anarchistischen und syndikalistischen Organisationen gingen in Deutschland auf den lokalistischen Teil der sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung zurück. (Um kurz über den deutschen Tellerrand zu schauen: die Bolschewiki waren noch zum Zeitpunkt ihrer Machtübernahme Ende 1917 ein Flügel der Sozialdemokratischen Partei Russlands.) Ebert fürchtete gleich Anfang November 1918, dass die sozialdemokratischen Massen auf den Straßen die Durchsetzung des Parteiprogramms fordern würden, und auch im Vorwärts vom 28. Februar 1919 ist mehrfach die Rede vom Erfurter Programm.

    Auf die Frage “Wer hat uns verraten?” kann die Antwort also schlecht die Bezichtigung der gesamten SPD oder gar der ganzen Sozialdemokratie bis zum Ende der Revolution sein. Gegen die Räte und die Sozialisierung, gegen die aufständischen selbstorganisierten Arbeitskräfte, die ihre soziale Substanz der jahrzehntelangen sozialdemokratischen Organisierung und Aufklärung verdankten, wandte sich eine Parteiführung, die ihre eigene erlangte Machtposition nicht wieder aufgeben wollte und in noch nicht überwundener und oft auch noch nicht verstandener herrschaftlicher Ideologie befangen war, oft im pseudo-marxistischen Gewand, wenn etwa Ebert (ähnlich z.B. der Menschewiki in Russland) ganz historisch-materialistisch erst meinte, die Massen seien noch nicht reif für die Republik, und dann, die Betriebe seien noch nicht reif für die Sozialisierung.

    Der “Verrat”, der im Sinne der eigenen (Macht-)Interessen der Parteiführung keiner war, entsprang also der Verselbständigung der delegierten Macht, war aber kein reines Organisationsproblem, sondern lebte vom Fortwirken ideologischer Auffassungen von (männlicher) Autorität und Führung, von großen historischen Gesetzen und kindlichen unreifen Menschenmassen.

    Am ehesten ließe sich also sagen: Es war eine sozialdemokratische Revolution, die versuchte, das SPD-Parteiprogramm durchzusetzen, mehr und mehr gegen die SPD-Parteiführung. Und dass wir unter Sozialdemokratie heute nicht mehr Räte und Sozialisierung verstehen, liegt vor allem daran, dass die damalige Parteiführung sich mit Terror und Täuschung durchsetzen konnte.

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    Empfohlene Literatur zum Februar/März 1919 in Berlin:

  • Dietmar Lange: Massenstreik und Schießbefehl. Generalstreik und Märzkämpfe in Berlin 1919 (Münster 2012)
  • Axel Weipert: Die Zweite Revolution. Rätebewegung in Berlin 1919/20 (Berlin 2015)
  • Alle Postings zur Revolution: Revolution in Deutschland 1918-23.

    Revolution und Konterrevolution im Februar 1919

    February 20th, 2019

    Streik- und Sozialisierungsbewegung im Ruhrgebiet und im Mitteldeutschen Braunkohle- und Industrierevier – die direkte Vorgeschichte der Massaker der Regierungstruppen ab März 1919

    Im Februar 1919 streikten 180.000 Bergleute im Ruhrgebiet für eine sofortige “Sozialisierung von unten”, das waren schon dreimal so viele wie in der ersten großen Streikwelle zum Jahreswechsel. “Als der Streik sich am 20. Februar auf seinem Höhepunkt befand, kam es in Bottrop zu einem blutigen Gefecht zwischen konterrevolutionären Volkswehreinheiten und einem größeren Kontingent bewaffneter Arbeiter, die vor allem aus Hamborn, Mülheim und Düsseldorf stammten. Unter großen Verlusten gelang es den Streikenden, die Stadt einzunehmen und den Vormarsch der Freikorps am Ufer der Boye zu stoppen.” (Bluhm:120)

    Eigenmächtige Verhandlungen der USPD-Führung und Rätedelegierten ohne Rücksprache mit der stark selbstorganisierten und syndikalistisch geprägten Basis führten zum Abbruch des Generalstreiks, zu Waffenabgabe, besonders schwerwiegend auch der Geschütze. Die Freikorps sollten sich zurückziehen, blieben aber und besetzten Bottrop, dann Sterkrade. Am 26./27.2. griffen Regierungstruppen und SPD-geführte “Bürgerwehr” das Aufstandszentrum Hamborn an, 90 Gefangene wurden deportiert und der Belagerungszustand wurde ausgerufen. “Die Regierungstruppen versuchten durch massive Verhaftungen die Bewegung zu enthaupten und die politische Führung auszuschalten (…) Auf die Handlungsfähigkeit der Bergleute hatte das allerdings nicht den geringsten Einfluss. (…) Die sozialen Beziehungen und das Kommunikationsnetz der Bergleute waren so engmaschig, dass sie selbst in dieser Situation extremen äußeren Drucks standhielten. (…) Auch das Versammlungsverbot lief ins Leere – die Bergleute waren nicht auf öffentliche Treffen angewiesen, um sich auf ein gemeinsames Handeln zu verständigen.” (Bluhm:125) Anhaltende Streiks in Hamborn erzwingen schließlich die Freilassung und Rückkehr der Gefangenen sowie den Abzug der Truppen.

    “Unmittelbar nach der militärischen Besetzung des Ruhrgebiets legte die Regierung der Nationalversammlung zwei Sozialisierungsgesetze vor, die noch im März verabschiedet wurden. (…) Weder eine Änderung der Eigentumsverhältnisse noch der betrieblichen Strukturen war vorgesehen. Die Regierung verkündete die Gesetze in Zeitungsanzeigen und auf Flugblättern unter dem Titel ‘Die Sozialisierung ist da!‘” (Bluhm:126) Bereits am 6. Februar hatte Friedrich Ebert in seiner Eröffnungsrede des neu gewählten Parlaments “die Vergesellschaftung der dafür reifen Betriebe” versprochen. (Gietinger:138) Die Nationalversammlung, “die aus Furcht vor der Basisdemokratie der Arbeiter- und Soldatenräte aus Berlin gewichen war”, tagte in Weimar, wo Anfang Februar Noske-Truppen einmarschierten, um sie “stramm militärisch-reaktionär zu sichern, was zu großer Empörung führte”. (Gietinger:144)

    Als die Freikorps am 17. Februar in Gotha einrückten, kam es zum Generalstreik und die Truppen mussten wieder abziehen. Bei der Landtagswahl in Sachsen am 23. Februar erhielt die USPD die absolute Mehrheit. Doch die Entscheidung wurde nun in den Betrieben und auf den Straßen gesucht: “Ausgehend vom mitteldeutschen Braunkohlerevier entwickelt sich Mitte Februar 1919 ein politischer Generalstreik, der sich zu einer neuen unkoordinierten Aktionswelle über weite Teile des Deutschen Reiches auszuweiten droht.” Es ging konkret darum, der Nationalversammlung entgegenzutreten und mit der sofortigen Sozialisierung dem Hunger und der Not zu begegnen: “Auch wenn keine klaren Vorstellungen darüber herrschen, wie eine solche Vergesellschaftung genau aussehen soll, sehen darin viele einen Schritt in Richtung Sozialismus und damit aus ihrer sozialen Not.” (Langer:331)

    Der Generalstreik in der Region um Halle und Leipzig begann am 26. Februar und dauerte bis 7. März. “Die Forderungen waren u.a. die Einführung der gesetzlichen Verankerung der Arbeiterräte, Betriebskontrolle durch die Arbeiterräte als Vorstufe der Sozialisierung und der Rücktritt der ‘bürgerlich-rechtssozialistischen Regierung’.” (Gietinger:143) “Besondere Brisanz gewann der Ausstand dadurch, daß sich ihm bereits am 25. Februar auch Eisenbahner und Verkehrsarbeiter und die Beschäftigten des Kraftwerks Zschornewitz, das Strom für Berlin lieferte, anschlossen. Damit wurden die Verbindungen der Weimarer Nationalversammlung nach Berlin unterbrochen und Berlin selbst in Mitleidenschaft gezogen. Vereinzelt traten auch Landarbeiter in den Streik ein.” (Schumann:55)

    Während Teile der Regierung angesichts der Ausmaße der Streikbewegungen nun bereit waren, eine stärkere USPD-Repräsentation zuzulassen, die Räte aufzuwerten und mit der Sozialisierung ernstzumachen (Lange:127f.), wollte die SPD-Führung um Ebert, Scheidemann und Noske das Rätesystem endgültig entmachten und traf dafür die militärischen Vorbereitungen: “Während sich die Landesjäger mit 3.000 Mann auf den Weg machen, um den Streik in Mitteldeutschland zu ersticken, zieht General Lüttwitz 42.000 Soldaten um Berlin zusammen.” (Langer:338)

    Von März bis Mai 1919 werden die Regierungstruppen dann fast überall im Reich im Blut waten.


    Anzeigenseite im SPD-Zentralorgan “Vorwärts” vom 23. Februar 1919

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    Literatur:

  • Felix Bluhm: “Die Massen sind aber nicht zu halten gewesen”. Zur Streik- und Sozialisierungsbewegung im Ruhrgebiet 1918/19, Münster 2014
  • Klaus Gietinger: November 1918. Der verpasste Frühling des 20. Jahrhunderts, Hamburg 2018
  • Bernd Langer: Deutschland 1918/19. Die Flamme der Revolution, Münster 2018
  • Dirk Schumann: Politische Gewalt in der Weimarer Republik 1918-1933, Essen 2001
  • Dietmar Lange: Massenstreik und Schießbefehl, Generalstreik und Märzkämpfe in Berlin 1919, Münster 2012
  • Alle Postings zur Revolution: Revolution in Deutschland 1918-23.

    Wie verheerend hundert Jahre Propaganda gewirkt haben

    February 15th, 2019

    Große Enttäuschung: der YouTube-Kanal The Great War, auf dessen gut recherchierte und aufbereitete Darstellung des Kriegs- und Revolutionsgeschehens im Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie der Zwischenkriegszeit hier schon mehrfach verwiesen wurde, fällt in seiner neuen Folge über den Januar 1919 mit neuer Besetzung weit hinter sich zurück.

    Schon die Ankündigung will hier den großen Showdown Spartakus gegen Freikorps aufbauen, und es geht mit den schon verblüffenden Fehlern los, dass die Weihnachtskämpfe 1918 nicht an Heiligabend, sondern am 25.12. stattfinden, “the famous Battle of Christmas Day”, und die USPD danach nicht nur aus der Regierung, dem Rat der Volksbeauftragten, austritt, sondern sich mit anderen zusammentut um die KPD zu bilden.

    Am 5. Januar ist die USPD dann plötzlich wieder da, aber auch KPD und Spartakus als verschiedene Gruppen. Diese Konfusion durchzieht die ganze Folge und liefert ein trauriges Beispiel dafür, wie verheerend hundert Jahre Propaganda gewirkt haben. Für Moderator und Rechercheur Jesse Alexander sind Spartakus und KPD zwei im Januar gleichzeitig existierende verschiedene Organisationen, die Uneinigkeit innerhalb der KPD wird zur Uneinigkeit zwischen beiden, und wo er über die Unstimmigkeiten stolpert, sagt er: “This is puzzling for historians”. Er wundert sich nämlich laut darüber, warum Luxemburg in der Roten Fahne, die für ihn im Januar immer noch die Zeitung des Spartakusbunds (und nicht der KPD) ist, nach dem Zusammenbruch des Generalstreiks weiter für die Revolution trommelt, obwohl sie gerade Tage zuvor die Position der KPD mit erarbeitet hat, der es zwar auch um die Machtübernahme, aber nur mit der Unterstützung der Massen gegangen sei. Zu sehen ist währenddessen eine Rote Fahne aus dem November 1918, als sie noch vom Spartakusbund herausgegeben wurde.

    Tatsächlich wurde zum Jahreswechsel 1918/19 die KPD gegründet, und der Spartakusbund ging in ihr komplett auf. Und tatsächlich waren die Positionen zu Wahlboykott und Aufstand in der Anfangsphase der KPD nicht nur heftig umstritten, sondern auch im Fluss – Luxemburg war erst skeptisch, ob der Januaraufstand sich tatsächlich auf die Massen stützen kann, ließ sich dann von den Hunderttausenden auf den Straßen umstimmen, um schließlich nach Abebben der Proteste und des Generalstreiks trotzdem an der Fortsetzung des Kampfes festzuhalten (und sich nicht in Sicherheit zu bringen).

    So sieht das Bild also aus, wenn es um den Minderheitenputsch und nicht um den Massenaufstand gehen soll, wenn die USPD und die Räte mit ihrem Aufruf zur Verteidigung der Revolution (also praktisch immer noch des SPD-Parteiprogramms: Demokratie und Sozialisierung) eigentlich nicht mehr vorkommen dürfen, wenn die KPD in die Ecke gestellt werden muss, wenn auch vor allem die Freikorps (die in dieser Folge wie in vielen anderen Darstellungen viel zu früh schon in der Stadt gewesen sein sollen) und weniger die Regierung und ihre Truppen für den Terror verantwortlich sein sollen, wenn es um eine Art naturwüchsigen Konflikt zwischen extremer Linker und Rechter gegangen und kein Geld im Spiel gewesen sein soll – es werden als Stimmungsbild lauter Plakate der kapitalgestützten völkisch-antisemitischen Antibolschewistischen Liga gezeigt, ohne die Quelle zu nennen.

    Passenderweise endet die Folge (nach teilweise instruktiven Ausflügen in die Demobilisierung der Truppen und andere revolutionäre und nationalistische Konflikte im Januar 1919) mit einem martialischen Zitat von Friedrich Wilhelm Heinz (“…der Krieg, das waren wir selbst. Seine Flamme brannte in uns fort…”), der hier ohne weitere Erklärung einfach als Freikorps-Kämpfer vorgestellt wird, praktisch aber sowohl am Kapp-Lüttwitz-Putsch, am Terror der Organisation Consul und am Hitler-Ludendorff-Putsch beteiligt war, später zum Strasser-Flügel der NSDAP stieß und nach dem Zweiten Weltkrieg in der BRD kurzzeitig einen eigenen Geheimdienst aufbaute.

    The Great War ist nach Selbstauskunft immer noch “der einzige Youtube-Kanal, der weiß, wo es die revolutionärste Currywurst in Berlin gibt”, aber die bisher (bei allen Differenzen in Details und Beurteilung) stimmige Darstellung von Revolution und Konterrevolution scheint ihnen abhanden gekommen zu sein…

    Alle Postings zur Revolution: Revolution in Deutschland 1918-23.

    Januaraufstand 1919

    January 4th, 2019

    Vor hundert Jahren begann mit dem einwöchigen Januaraufstand (4.-12.1.) die “zweite Revolution” in Deutschland, der bis in den Mai fortdauernde bewaffnete Versuch Hunderttausender in fast allen Teilen des Landes, die Rätemacht gegen die SPD-Führung zu verteidigen und die auch von dieser versprochene Sozialisierung der Großindustrie endlich durchzusetzen.

    Bis heute als “Spartakusaufstand” bezeichnet, um ihn einer kleinen radikalen Gruppe zuzuschreiben (was die gerade erst zum Jahreswechsel gegründete KPD, in der der Spartakusbund aufgegangen war, in der Rückschau gern aufgriff), war der Aufstand im Januar wie in den folgenden Monaten vor allem von der USPD (zu dieser Zeit etwa 300 000 Mitglieder), den meist auch in der USPD organisierten Betriebs-Obleuten und den vielerorts von ihnen gebildeten Rätestrukturen getragen – und er setzte just in dem Moment ein, als mit Polizeipräsident Emil Eichhorn, dessen Schutzwehr zu Weihnachten bei der Abwehr des Angriffs auf die Volksmarinedivision geholfen hatte, der letzte höhere USPD-Amtsträger in der Hauptstadt entfernt werden sollte.

    Am 4. Januar ruft die USPD für den nächsten Tag, einen Sonntag, zu Massendemonstrationen auf: „Marschiert in Massen auf! Es gilt Eure Freiheit, es gilt Eure Zukunft, es gilt das Schicksal der Revolution! Nieder mit der Gewaltherrschaft der Ebert – Scheidemann – Hirsch – und Ernst! Es lebe der revolutionäre internationale Sozialismus.“

    Am 6. Januar (Montag) setzt der Generalstreik ein, die Regierung wird für abgesetzt erklärt, Zehntausende füllen die Straßen, und es kommt auch in anderen Teilen Deutschlands zu (noch vergleichsweise kleinen) Demonstrationen und Streiks (Halle, Stuttgart, Düsseldorf), Besetzungen von Zeitungen, Rathäusern und Banken (Braunschweig, Nürnberg, Hamburg) sowie bewaffneten Auseinandersetzungen (Leipzig, Dresden, Dortmund, Stuttgart, Kassel). In den folgenden Tagen wird in Bremen die Räterepublik und im Ruhrgebiet der Generalstreik ausgerufen.

    Doch das Kräfteverhältnis in Berlin ist unklar (SPD und USPD haben hier ähnlich viele Mitglieder, am 6.1. kommt es zu Verhandlungen zwischen Ebert und USPD), die KPD ist uneins (während Liebknecht und Pieck den Aufstand mitorganisieren, ist Luxemburg zunächst skeptisch und unterstützt den Aufstand erst ab dem 7.1.), es gibt enorme Abstimmungsprobleme (die Volksmarinedivision, die die Regierung verhaften soll, erklärt sich neutral und führt den Befehl nicht aus) und eine Initiative von Berliner Großbelegschaften drängt eher auf Wiedervereinigung der sozialistischen Parteien (“Bildet eine Regierung aus allen drei revolutionären Parteien”, “Verständigt Euch, wenn nicht mit, dann gegen Eure Führer”).

    So bleibt die Machtübernahme trotz dafür mobilisierter Massen aus – und die SPD-Parteiführung lässt nun erstmals im großen Stil ihre konterrevolutionären Truppen Terror verbreiten. Am 4. Januar hatten Ebert und Noske die Freikorps in Zossen bei Berlin besichtigt. In den Erinnerungen des Namibia-Veterans, Freikorps-“Städteeroberers” und Bewachers der Weimarer Nationalversammlung General Maercker: “Als sie die Truppen von allen Seiten mit klingendem Spiel in fester, strammer Haltung heranrücken sahen, beugte sich Noske zu Ebert herab und sagte: ‘Sei nur ruhig, es wird alles wieder gut werden’, ein Zeichen, unter welchem Druck sich die Regierung damals befand.” (Maercker, Vom Kaiserheer zur Reichswehr, Leipzig 1921:64, online)

    Ab dem 9., mit voller Wucht am 11. und 12. Januar gehen die Freikorps im Auftrag der SPD-Führung mit Kriegswaffen (Panzer, Artillerie, Maschinengewehre) und Terror (Erschießungen, öffentliche Misshandlungen wie Spießrutenlauf) in der eigenen Hauptstadt gegen die eigene Bevölkerung vor. Dabei kommen mindestens 150 Menschen ums Leben.

    Auf Seiten der aufständischen Massen steht dem trotz eines allgemein recht hohen Bewaffnungsgrads weder vergleichbar schweres Gerät noch vor allem eine vergleichbare Bereitschaft zum Einsatz der Waffen gegenüber. Die Freikorps-Offiziere sind denn auch “enttäuscht über den schwachen Widerstand”, schreibt Klaus Gietinger, “nach außen aber malte man das Bild eines phantastischen militärischen ‘Spartakusaufstandes’, das sich bis heute gehalten hat.”

    Nach der Niederschlagung des Aufstands in Berlin ermorden Freikorps mit Liebknecht und Luxemburg zwei Symbolfiguren erst des Widerstands gegen den Krieg und dann der Revolution, die Demonstrationen flammen wieder auf und bis ins Frühjahr hinein kommt es vom Ruhrgebiet bis nach Schlesien zu Massenstreiks, Ausrufung von Räterepubliken und “Sozialisierung von unten” – fast überall brutal von den Freikorps-Truppen der SPD-Regierung niedergeschlagen.

    Alle Postings zur Revolution: Revolution in Deutschland 1918-23.

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