Mitte April 1919 in Österreich, Ungarn, Bayern und im Ruhrgebiet

April 17th, 2019

Am 17. April 1919 startet in Wien der erste von drei erfolglosen Versuchen, aus einer Massendemonstration heraus eine Räterepublik nach dem Vorbild Ungarns und Bayerns auszurufen und damit ein zusammenhängendes revolutionäres Gebiet von Schwaben bis in die Nähe der sich westwärts verschiebenden sowjetrussischen Grenze zu schaffen. Zu diesem Zweck hatte die neue ungarische Regierung den Emissär Ernst Bettelheim nach Wien entsandt, der die dortige KP für den Aufstand neu aufstellte. Die Demonstration wurde von der Volkswehr unter dem sozialdemokratischen Staatskanzler Renner, der eine Stürmung des Parlaments befürchtete, gewaltsam aufgelöst (6 Tote und Dutzende Verletzte), was einen tiefen Graben zwischen Sozialdemokratie und KP aufreißt.

In Ungarn war erst am 21. März die Räterepublik ausgerufen worden, die sich wegen der spezifischen Situation des Landes nach dem Ersten Weltkrieg aus nationaler Selbstbehauptung (Vormarsch von Truppen der Nachbarstaaten und Entente weit aufs Staatsgebiet), sowjetischem Vorbild (Kollektivierung und Verstaatlichung der Wirtschaft, Entmachtung von Adel und Klerus) und auch starker sozialdemokratischer Beteiligung bildete – dazu vielleicht ein andermal noch mehr, eine neue und recht gute Zusammenfassung der Ausgangslage findet sich hier. Ab Mitte April drängen rumänische, serbische und französische Truppen immer weiter ins ungarische Kernland vor, was die Versuche, vor allem in Österreich Kämpfer anzuwerben und die Revolution auszulösen, noch intensiviert. Mit Österreich würden riesige Bestände an Waffen, Munition, Ausrüstung und Geldmitteln in die Hand der Räterepubliken fallen.

In Bayern hatte sich die Lage durch den von der SPD geführten “Palmsonntagsputsch” gegen die am 7. April ausgerufene, zunächst überwiegend linkssozialistisch-anarchistische Räterepublik zugespitzt. Die angreifende Republikanische Schutztruppe wurde unter kommunistischer und anarchistischer Führung zurückgeschlagen. Die heftigen Kämpfe um den Münchner Hauptbahnhof fordern 17 Tote, die Räterepublik geht vom Zentralrat an den KPD-dominierten Aktionsausschuss über, der zum Zwecke des Aufbaus einer Roten Armee zum Generalstreik aufruft. Die Betriebsräte begrüßen das, sehen die Notwendigkeit, sich gegen die bewaffnete Konterrevolution schärfer aufzustellen – wie an vielen Orten treibt die eskalierende Gewalt der Regierungstruppen und die begleitende Propaganda der rechten SPD-Führung die Revolutionäre in anarchistisch-syndikalistische Radikalisierung einerseits, aber auch in die konsequenter wirkenden kommunistischen Partei- und Kaderstrukturen.

Auch im Ruhrgebiet hatte die Beteiligung am nach wie vor laufenden Generalstreik zwar ab dem 14. April kurz nachgelassen, schon am nächsten Tag hatte der blutige Angriff des Freikorps Lichtschlag auf die Streik-Delegiertenkonferenz die Kampfbereitschaft wieder angefacht. Obwohl bei dieser und anderen Gelegenheiten Hunderte aus der Streikkoordination festgenommen wurden, blieben die Streikenden bei ihren Forderungen (Sozialisierung unter Belegschaftskontrolle, Anerkennung und Stärkung der Selbstverwaltung, Abzug der Regierungstruppen) und erklärten am 17. April: “Die Befreiung der Arbeiterklasse muß das Werk der Arbeiterklasse selbst sein.” [Bluhm, Die Massen:136]


Bekanntmachung des provisorischen Zentralrats zum gescheiterten Putsch gegen die Räterepublik Baiern in München. (entnommen: Schaupp, Der kurze Frühling der Räterepublik, Münster 2017; der Verweis auf Serbien als Räterepublik bezieht sich auf die „Sozialistische Ungarisch-Serbische Republik Batschka und Branau/Baranya“, die auf den nördlichen Teil der zwischen Ungarn und Serbien liegenden Batschka beschränkt blieb und schließlich durch rumänische und serbische Truppen aufgelöst wurde.)

Auftritte ab April 2019

April 2nd, 2019
  • Do, 04.04.2019, München, Kafé Marat: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Fr, 05.04.2019, Augsburg, Die ganze Bäckerei: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Sa, 06.04.2019, Regensburg, LiZe: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • So, 07.04.2019, Würzburg, theater ensemble: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Di, 09.04.2019, Nürnberg, heizhaus: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Mi, 10.04.2019, Innsbruck, pmk: Vortrag “Die Option zu kämpfen. Statt Weniger oder Mehr: Pop als ­aufständische Assoziation” (FB-Event)
  • Do, 11.04.2019, Plauen, Kanapee: Vortrag “Die Hüftbewegung – Was uns zu Menschen machte” (FB-Event)
  • Sa, 13.04.2019, Plauen, Schuldenberg: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (25. Hausgeburtstag)
  • Di, 16.04.2019, Magdeburg, Campus-Theater: Vorstellung und Diskussion zum Film “Der Wert des Menschen”/”La loi du marché” (Ankündigung)
  • Mo, 22.04.2019, Hamburg, MS Stubnitz: Vortrag “Entschwörungstheorie” (Opener für Björn Peng)
  • Fr, 17.05.2019, Dresden, az conni: Auflegen “Party like it’s 1999”
  • Sa/So, 08./09.06.2019, Doksy, Pfingstcamp Linksjugend Sachsen: Vorträge “Die Hüftbewegung – Was uns zu Menschen machte” und “Das hatten wir doch schon mal! ‘Realsozialismus’ – Kommunismus? Kapitalismus? ‘Wirkliche Bewegung?'” sowie Auflegerei
  • Mi, 03.07.2019, Coburg, Freie Uni: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23”
  • Fr/Sa, 12./13.7.2019, Berlin, Kulturhaus Kili: Vortrag und Auflegen (1st congress for eternal space holidays)
  • Neu geplant sind Veranstaltungen zum Ende der DDR und den Folgen (Premiere vermutlich in Görlitz) und zur DDR-Kulturproduktion (zuerst vermutlich in Aachen). Weitere Vorträge zur Revolution 1918-23, teilweise mit neuen Schwerpunkten auf der “zweiten Revolution” Anfang 1919 und auf neue Akteure wie Max Hoelz, sind noch ohne Termin (Leverkusen, Wuppertal, Falkenstein, Landshut, Potsdam, Hamburg). Außerdem gibt’s Pläne für Veranstaltungen zur AfD (in Greiz), zu Luther (in Bad Frankenhausen, Bochum, Bielefeld), zu Antisemitismus & Kapitalismus (Leisnig) und in Potsdam Vorträge zu “Sin Patrón”, zu Elsässer und zur Religion. Schließlich eröffne ich die Veranstaltungsreihe “Die Option zu kämpfen – Pop und Politik in Theorie und Praxis” in Augsburg mit einem Vortrag basierend auf meinem testcard-Artikel “Die Option zu kämpfen. Statt Weniger oder Mehr: Pop als ­aufständische Assoziation”.

    Wer auch noch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm.

    Räterepublik Bayern

    April 1st, 2019

    Während sich der Generalstreik im Ruhrgebiet vor hundert Jahren noch zur vollen Größe entfaltete, spitzte sich die Lage in Bayern weiter zu und es kam am 7. und 8. April zur Ausrufung der Räterepublik in den meisten größeren Städten.

    In Bayern hatte es wie in anderen Teilen des Reiches Anfang 1918 Massenstreiks gegeben, wie andernorts auch in hohem Maß von Frauen organisiert, und am 7. November hatten die daraus entstandenen starken Räte- und USPD-Strukturen mittels einer Massendemonstration in München die dortige Monarchie gestürzt, Kurt Eisner (USPD) wurde mit einem räte-konstitutionalistischen Programm erster Ministerpräsident des Freistaats und sorgte u.a. dafür, dass in Bayern keine Freikorps aufgestellt wurden.

    Eisners Ermordung am 21. Februar, mit der sich Anton Graf Arco-Valley trotz seiner jüdischen Vorfahren vor der Thule-Gesellschaft als Völkischer und Antisemit beweisen wollte, verschärft die Lage – es kommt sofort zu Schüssen im Landtag auf SPD-Innenminister Auer, einen erklärten Feind der Revolution. Dennoch soll der Landtag zunächst nur die Räte in der Verfassung verankern. Erst unter dem Eindruck der Ausrufung der ungarischen Räterepublik am 21. März gibt es einerseits nun auch in der SPD immer mehr Zustimmung zu einer Räterepublik in Bayern, andererseits sorgt das blutige Vorgehen der Regierungstruppen überall im Reich dafür, dass vor allem aus der sich gerade erst in Bayern organisierenden KPD die Rufe eigener militärischer Organisation lauter werden.

    Als schließlich die Räterepublik Bayern auf Beschluss “von USPD, einigen SPD-Männern, den Anarchisten und dem Bauernführer Gandorfer” (Gietinger 2018:178) ausgerufen wird, ist die KPD zunächst dagegen, sieht keine revolutionäre Situation und riecht ein SPD-Täuschungsmanöver, spricht wie später viele Darstellungen von einer “Scheinräterepublik” und einem “Literatenputsch”. Gietinger schreibt: “Sämtliche Regimenter der Garnison München erklärten sich zugehörig. Es schlossen sich an: in Oberbayern: Garmisch, Mittenwald, Bad Tölz, Miesbach, Traunstein, Burghausen, Altötting, Pasing, Freising, Dachau, Landsberg, Schongau; in Niederbayern: Landshut, Kehlheim, Straubing, Plattling, Vilshofen, Passau, Grafenau; in Schwaben: Lindau, Lindenberg, Weiler, Immenstadt, Sonthofen, Kempten, Füssen, Markt Oberdorf, Kaufbeuren, Mindelheim, Buchloe, Schwabmünchen, Memmingen, Obergünzburg, Augsburg, Donauwörth; und in der Oberpfalz und in Oberfranken: Regensburg, Burglengenfeld, Cham, Amberg, Leonberg, Marktredwitz, Kulmbach, Selb und Hof, etc. Es war also keine Spinnerei oder Farce, auch kein Schein, es waren nur eben Anarchisten und Literaten an der Spitze.” (An der Basis war die KPD auch dafür.) “Die meisten Bauern waren skeptisch bzw. dagegen, genau wie das Bürgertum, das kurzzeitig paralysiert war. Etwa die Hälfte der Bayerischen Stadtbevölkerung, praktisch alle großen Städte außer Nürnberg und sehr viele kleinere Städte, stimmten der Räterepublik zu.” Ab dem 10. April wird eine Rote Armee aufgestellt: “Das 1. Bayerische Infanterieregiment wollte das erste in der Roten Armee Bayerns sein und benannte die Marskaserne, seine Kaserne, in Kurt-Eisner-Kaserne um. Das 2. Bayerische Infanterieregiment nannte seine Kaserne jetzt Karl-Liebknecht-Kaserne.”

    Die Räterepublik ist zwischen Vertrauen auf die Selbstorganisation der Massen und Notwendigkeit der Abwehr der Konterrevolution, zwischen ihrem linkssozialdemokratisch-anarchistischen und wachsenden kommunistischen Flügel zerrissen. Es kommt in der Tat zu einem Putschversuch gegen die Räte durch die SPD-nahe Republikanische Schutztruppe am 13. April, der aber unter kommunistischer und anarchistischer Führung zurückgeschlagen werden kann. Danach wird die zweite Räterepublik, nun stark von der KPD bestimmt, ausgerufen, die Lage verschärft sich weiter. Anrückende Regierungstruppen werden in Dachau zurückgeworfen, in Augsburg aufgehalten. Als sie schließlich mit massiver Unterstützung aus Württemberg und Preußen in München einmarschieren, verüben sie wieder Massaker, setzen sich dauerhaft vor Ort fest und bilden den organisatorischen Grundstock für den Nationalsozialismus. Zu alldem in weiteren Postings mehr.

    Zur besseren Übersicht hat Plenum R in Zusammenarbeit mit dem Kurt-Eisner-Verein je eine Karte zum revolutionären Geschehen in Bayern insgesamt und in München im Speziellen erstellt.

    Der Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” geht aus Anlass der beschriebenen Jahrestage diese Woche auf Bayerntour: 4.4. München, 5.4. Augsburg, 6.4. Regensburg, 7.4. Würzburg, 9.4. Nürnberg.

    Beginn des Generalstreiks im Ruhrgebiet

    March 25th, 2019

    Vor 100 Jahren begann mit dem Angriff der Polizei auf eine Demonstration vor der Wittener Volkszeitung, bei dem durch Gewehrfeuer und Handgranaten 11 der Protestierenden getötet und zahlreiche mehr verletzt wurden, die dritte und größte der Streikwellen im Ruhrgebiet Anfang 1919, die sich bis 10. April zum Generalstreik mit 300.000 Beteiligten ausweitete.

    Dabei ging es anfangs neben Entwaffnung von Polizei und Freikorps, Ende von Willkür und Terror, vor allem um die Anerkennung der Sechs-Stunden-Schicht, die in immer mehr Bergwerken bereits seit Mitte März von den Belegschaften selbst durchgesetzt worden war. Als am 30. März der neugegründete Zentralzechenrat in Essen zum Generalstreik aufruft, soll es aber wieder “um Großes” gehen, wie es auf Plakaten hieß: um die Anerkennung der Räte, die Zurückdrängung der Staatsgewalt und um eine “richtige” Sozialisierung, also von Räten und Belegschaften durchgeführte Enteignung und Vergesellschaftung der Großindustrien.

    Die SPD-geführte Reichsregierung verhängt unmittelbar nach Ausrufung des Generalstreiks den Belagerungszustand über das gesamte Ruhrgebiet und beschließt, das ganze Streikrevier militärisch zu umstellen und auszuhungern.

    Der Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” findet diese Woche an drei damaligen Schauplätzen im Ruhrgebiet statt: am Donnerstag (28.3.) in Duisburg, am Freitag (29.3.) in Dortmund und am Samstag (30.3.) in Essen.

    März 1919 in Berlin, Teil 3: das blutige Ende

    March 9th, 2019

    Das Ende der Märzkämpfe in Berlin vor hundert Jahren kann nur als brutaler Schock und als vernichtender Schlag der Regierungstruppen gegen die Revolution beschrieben werden.

    Am 8. März war der Berliner Generalstreik (Postings zum Beginn am 3.3. und zur Eskalation ab 6.3.) unter dem militärischen Druck und der Gegenpropaganda der SPD zusammengebrochen, doch die Kämpfe in den Straßen zwischen der etwa 30000 Mann starken, mit Tanks, Flugzeugen, Geschützen, MGs, Minen- und Flammenwerfern bewaffneten Freikorps-Reichswehr und den wenigen Tausend aus allen linken Richtungen (von SPD bis Syndikalisten), die sich der Besetzung eines immer größeren Teils der Stadt und den Provokationen nur teilweise und überwiegend leicht bewaffnet, aber unterstützt von der Bevölkerung widersetzten, gingen vor allem in Friedrichshain und schließlich in Lichtenberg weiter, wo sie mehr und mehr die Form eines Massakers annahmen. Nachdem auch in anderen Teilen des Landes die größten Streiks und Aufstände vorläufig niedergeschlagen schienen, wurde an den Berliner Arbeitervierteln nun ein Exempel statuiert.

    Flankiert von Gräuelpropaganda über vermeintliche Massenmorde an Polizisten (tatsächlich waren beim Kampf ums Lichtenberger Polizeipräsidium neben zehn Aufständischen auch zwei Polizisten getötet worden) wurde nun per Befehl durch Reichswehrminister Noske (“Not kennt kein Gebot”) und zusätzliche Ausführungsverschärfungen durch Freikorpsführer Pabst für das Operationsgebiet der Regierungstruppen auch das Standrecht ausgesetzt, die in der kolonialen Aufstandsbekämpfung in Namibia und im Besatzungsterror im Ersten Weltkrieg in Belgien erprobte Vergeltungs- und Vernichtungsstrategie in der eigenen Hauptstadt angewandt. Klaus Gietinger schreibt: “Die eigene Bevölkerung wurde als Franktireurs, als Freischärler betrachtet und somit zum Abschuss freigegeben.”

    Wie das konkret aussah (Achtung, explizite Gewalt): “Ein Wachtmeister des Freikorps Lützow ließ am 12. März eine Straße sperren, und Max Marcus, ein Weltkriegsteilnehmer (23 Jahre), schoss sofort auf alles, was sich am Fenster zeigte. Die Schülerin Helen Slovek (12 Jahre) wurde tödlich getroffen, ihre Mutter schrie blutüberströmt aus dem Fenster, Marcus drohte, auch sie zu erschießen, ebenso Zeugen einer Bierkneipe, die ihn beschimpften. Kurz danach tötete Marcus auch den Fliesenleger Karl Becker (73), der über die Straße ging. Die Kugel durchschlug Beckers Körper und tötete noch eine junge Frau, Erwine Dahle, die vergebens Deckung gesucht hatte. Marcus ermordete dann auch noch den Bahnarbeiter Alfred Musick, der zuvor mit fünf anderen auf der Schillingsbrücke unter dem Kommando des Oberleutnant Wecke mittels Schüssen in die Spree befördert worden war, aber als Einziger überlebt hatte. Musick hatte sich schwerverletzt ans Ufer gerettet, war von Passanten geborgen, aber durch Denunziation von Marcus aufgestöbert und durch einen Schuss in den Hinterkopf ermordet worden.”

    Es wurden Minderjährige getötet, zahllose Unbewaffnete und auch ganz Unbeteiligte, manchmal reichten im Haus gefundene Handgranatenstiele, manchmal ein Mitgliedsbuch der USPD. Im Gasthaus Schwarzer Adler fanden Verhöre und Tötungen statt. “Im Zuge dieser Säuberungsaktionen wurden dann noch mit Artillerie, Minenwerfern und Flammenwerfern ganze Straßenzüge verwüstet.” Zum ersten Mal kommen in Berlin Menschen durch Flugzeugbeschuss ums Leben.


    Eine Augenzeugin schildert die apokalyptische Szenerie in einer Notiz vom 9. März: “Schade, daß [Berlin] nicht von Feinden besetzt ist (Amerikaner oder Franzosen).”

    Am 11. März werden verbliebene Kämpfer der Volksmarinedivision unter dem Vorwand einer Lohnauszahlung in die Französische Straße 32 gelockt, wo 31 von ihnen per Maschinengewehrfeuer ermordet werden. Oberleutnant Otto Marloh verlas den Schießbefehl in der Pabstschen Fassung “sogar wörtlich noch kurz vor der Mordtat quasi als Urteil”, Leutnant Penther bekundete später, die Erschießung “herzlich gern”, befehligt zu haben. Die verantwortlichen Offiziere Reinhard, Kessel und Marloh wurden alle später Nationalsozialisten.

    Insgesamt kommen im Zuge der Kämpfe etwa 1200 Menschen ums Leben, die bewaffnete Rätebewegung in Berlin ist dauerhaft zerschlagen, die republikanischen Truppen sind aufgerieben, die völkisch-antisemitischen Freikorps nun als reguläre Armee mit Sonderbefugnissen legitimiert – sie werden ab jetzt in ähnlicher Weise etwa zwei Monate lang durchs ganze Land ziehen. Auch wenn die Kämpfe bis in den Mai zum Teil beträchtliche Ausmaße annehmen werden (vor allem im Ruhrgebiet und in Bayern), ist die Welle der Revolution (nicht nur in Deutschland) zunächst gebrochen, die (je nach Seite) Gefahr oder Hoffnung einer “Sozialisierung von unten” zerstreut. Die SPD-Regierung hatte auch gegen nicht wenige ihrer eigenen Parteimitglieder unmissverständlich klargestellt, wo sie die Grenze ihrer Freiheit und Demokratie zog: um das Privateigentum an den Produktionsmitteln, um das radikal-nationalistische Militär und um das bürgerliche Parlament.

    Zu all dem findet am heutigen Samstag im Rathaus Lichtenberg eine Konferenz statt, u.a. mit Axel Weipert und Klaus Gietinger: “Die zweite Revolution? – Das Frühjahr 1919 in Dtl. und Europa” (FB-Event). Am Montag (11.3.) wird es ab 11 Uhr eine Kundgebung zum Gedenken an die ermordeten Matrosen geben. (FB-Event). Der Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” findet am 18.3. in Lichtenberg statt (FB-Event). Weitere Termine, vor allem im Ruhrgebiet und in Bayern, sowie die bisherigen Postings finden sich auf der Seite zum Vortrag.

    Literaturempfehlung: Schießbefehl für Lichtenberg, Begleitbroschüre zur gleichnamigen Ausstellung, Berlin 2019 – daraus auch die Abbildungen, die erschossene Aufständische an der Friedhofsmauer in der Möllendorfstraße und ein bei den Kämpfen zerstörtes Haus in Lichtenberg im März 1919 zeigen.

    Frauen in der Revolution

    March 8th, 2019

    Vor hundert Jahren wurde der Internationale Frauentag in Deutschland nicht gefeiert. Die ihn anderswo begingen, die sozialistischen Frauen, waren hier recht vollständig in die gerade krass eskalierenden Konflikte verwickelt – auch die berühmte Rede der Kommunistin Clara Zetkin, die auch den Frauentag in Deutschland zu etablieren versuchte, vorm außerordentlichen Parteitag der USPD in Berlin am 4. März 1919 (“Ich will dort kämpfen, wo das Leben ist”) dreht sich ganz um den vorläufigen Höhepunkt der revolutionären Auseinandersetzungen und gar nicht um die Frauenfrage.

    In der Rückschau auf die Entwicklung der Frauenrechte wird die Revolution selbst meist fast übersprungen (z.B. hier): der Rat der Volksbeauftragten verleiht den Frauen netterweise am 12. November 1918 das Wahlrecht, dann gibt es die Reichstagswahlen, 37 der 421 der Abgeordneten sind Frauen, und Marie Juchacz spricht als erste Frau vorm Parlament, wo sie klarstellt, dass sie wegen der Revolution dort steht, dass den Frauen das Wahlrecht zu Unrecht vorenthalten worden war und sie gar nicht dankbar zu sein haben. Sie und Rosa Luxemburg sind die beiden Frauen, die in der Revolutionserzählung vorkommen, und das war’s meistens.

    Die ersten reichsweiten Wahlen, bei denen Frauen gewählt werden konnten, waren jedoch schon die zum Reichsrätekongress Ende 1918. Zwei Frauen wurden gewählt, deren Namen heute kaum jemand kennt – Klara Nowak (SPD, Dresden), Käthe Leu (USPD, Danzig) -, und zweitere ergriff als erste Frau vor einem reichsweit gewählten demokratischen Organ das Wort. Das Berliner Tageblatt schrieb darüber: “Sie spricht mit einer bemerkenswerten Fertigkeit für den Ausbau der revolutionären Errungenschaften, der aber nur durch Einigkeit möglich sei.” (Sie starb 1933 an den Folgen eines Schocks nach der Verhaftung ihres Mannes, des Danziger Parteisekretärs Georg Leu.)

    Schon am 10. November 1918 waren bei den Berliner Rätewahlen für die Vollversammlung im Zirkus Busch Frauen wählbar – die erste deutsche Wahl mit aktivem und passivem Wahlrecht für Frauen. Am selben Tag wurde auch die erste Frau Ministerin in Deutschland – Minna Fasshauer wurde im Rat der Volkskommissare der Sozialistischen Republik Braunschweig zuständig für die Volksbildung und setzte sich in ihrer kurzen Amtszeit bis Februar 1919 für eine Säkularisierung und Entmilitarisierung der Schulen (“Kulturgeschichte statt Kriegsgeschichte”) ein. (Nächste Ministerinnen übrigens: Hilde Benjamin 1953 in der DDR Justiz, bundesweit in der BRD Elisabeth Schwarzhaupt 1961 Gesundheit). Wir werden Minna Fasshauer auf dieser Seite später noch als Mitglied sowohl der KAPD und FAUD und als militante Kämpferin gegen Kirche und bürgerliche Herrschaft begegnen. (Später war sie im antifaschistischen Widerstand und am Aufbau der KPD in der BRD beteiligt.)

    Zuvor hatte Minna Fasshauer nicht nur die Novemberrevolution in Wolfenbüttel angeführt, wie viele andere Frauen war sie bereits seit 1917 aktiv in der Streikorganisation – so etwa auch Sarah Sonja Lerch, maßgebliche Organisatorin des Januar-Massenstreiks 1918 in Bayern. Wie sie hatten Tausende Frauen vor und während der Revolution Streiks vorbereitet, während die Männer arbeiteten, oder sie an ihren eigenen Arbeitsplätzen organisiert (z.B. die 2100 Wäscherinnen in den oberschlesischen Erzgruben, die vom 1. Juli bis 7. September 1918 gegen ihren 11stündigen Arbeitstag streikten, der ihnen keine Zeit für die auch an ihnen hängende Hausarbeit ließ), waren bei den in der Not immer aufwendigeren Einkaufsgängen ohnehin ständig auf der Straße und begannen dort zahllose Protestaktionen (in Russland hatte so 1917 die Februarrevolution begonnen: in einer Brotwarteschlange), hatten in den Arbeitervierteln und -siedlungen Rückzugsräume und Verstecke organisiert, schließlich auch Unterstützungsstrukturen. Die Vorläuferorganisation der Roten Hilfe wurde im Mai 1919 als “Frauenhilfe für politische Gefangene” in Bayern zunächst als Gewerkschaftsorganisation gegründet, für die die spätere USPD-Landtagsabgeordnete Rosa Aschenbrenner (noch später KPD, KPO und wieder SPD) öffentlich warb. Cläre Casper, eine der zwei Frauen, die es bis in die Streikleitung der Revolutionären Obleute vorm 9. November schaffte, versteckte Waffen für den Aufstand in ihrer Wohnung – nach der Revolution war sie beim Arbeiterrat nur Sekretärin, wurde dafür auch geringer entlohnt.


    Sozialdemokratische Frauen ziehen während des Kriegs vor den Parteivorstand – Filmszene aus “Solange Leben in mir ist” (DEFA, 1965)

    Die Revolution blieb eine von Frauen maßgeblich vorbereitete und getragene Männerveranstaltung, die Beteiligung der Frauen bildet sich schon in den Organisationen nicht ab, erst recht nicht in der Geschichte. Die Männer traten mit der gleichen Selbstverständlichkeit für politische Gleichstellung wie für die ökonomische Ungleichbehandlung auf. Das sexistische Rollback, das der zunächst während der Industrialisierung unterschiedslosen massenhaften Beschäftigung von ungelernten Arbeitskräften, auch von Frauen und Kindern, durch die Bildung eines Stamms von besser bezahlten “Familienernährern” ab Ende des 19. Jahrhunderts entgegenwirkte, hatte sich gerade auf die besonders gut organisierten und streikfähigen Facharbeitskräfte durchgeschlagen, die nun die Räte, die Obleute und damit die Revolution dominierten. Als u.a. in der Presse der Rätebewegung nach Beginn der Revolution begonnen wurde, laut über die mangelnde Einbeziehung und Berücksichtigung der Frauen nachzudenken, war es für einen grundsätzlichen Umschwung schon zu spät und die Vorstellungen blieben auch bei der Einrichtung von Frauen-Hausarbeitsräten und kollektiver Organisation der (immer noch allein weiblich gedachten) Hausarbeit stehen. (Einen Hausfrauenrat gab es vom November 1918 bis 1920 in Jena, gegründet von der 2. Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrates Gertrud Morgner, KPD.)

    Weitergehende Kritik am Reproduktionsregime war schlicht so gut wie noch nicht formuliert. Eine ihrer wichtigsten Grundlagen war mit der Theoretikerin der “permanenten ursprünglichen Akkumulation” Rosa Luxemburg gestorben und wurde erst in den 1970ern, als der Feminismus im Westen und die realsozialistische Geschlechterpolitik im Osten die Reproduktionssphäre bereits massiv zu verändern begannen, u.a. von Silvia Federici wiederbelebt. Heute können wir sie aufgreifen und klarmachen, dass zur Organisation der Arbeitskräfte auch die Organisation der (meist unbezahlten) Reproduktionsarbeit gehört, die die für den Kapitalismus wichtigste Ware herstellt: die Arbeitskraft. Nur indem wir die Kämpfe und Streiks verbinden, die Grenzen, Diskriminierungen und Abwertungen überwinden, die Konkurrenz zwischen uns aufheben, können alle zusammenfinden, die das gleiche Interesse an der Verbesserung ihrer Lebensbedingungen teilen, und sich die Produktionsmittel gemeinsam aneignen, damit endlich alle kriegen, was sie brauchen.

    Empfohlene Literatur

    Dania Alasti: Frauen in der Novemberrevolution (Münster 2018)

    März 1919 in Berlin, Teil 2: Freikorps greifen an, Streik verschärft sich

    March 6th, 2019

    Am 6. März 1919 beschließt die Nationalversammlung in Weimar das “Gesetz über die Bildung einer vorläufigen Reichswehr” durch “Zusammenfassung bereits bestehender Freiwilligenverbände”. Die unterzeichnenden Ebert, Noske und der preußische Kriegsminister Walther Reinhardt (“einer der Planer der Ausrufung eines selbstständigen Oststaates, von dem aus später eine nationale Erhebung in ganz Deutschland ausgehen sollte”) machten so die Freikorps, während sie bereits in Berlin und anderen Teilen des Reiches gegen Streikende und Aufständische wüteten, zur offiziellen Armee, die “den Anordnungen der Reichsregierung Geltung verschafft und die Ruhe und Ordnung im Innern aufrechterhält.“ (Gesetzestext) Als das Gesetz am 12. März öffentlich verkündet wurde, waren dem Wirken dieser Armee bereits mehr als 1000 Menschen zum Opfer gefallen.

    Als direkte Reaktion auf das Vorgehen der Freikorps, besonders ihre tödlichen Schüsse in Menschenmengen und ihre immer weiter eskalierenden Gefechte mit der Volksmarinedivision und der Republikanischen Soldatenwehr um das Polizeipräsidium am Alexanderplatz, wurde der Streik, wieder auf Druck der Basis, zunächst verschärft und damit ausgeweitet. Auch die Stromversorgung wurde am Abend des 6. lahmgelegt und damit eine weitere Welle von Betrieben in den Streik einbezogen. Zudem trat auch Potsdam (mitsamt Nowawes) in den Generalstreik, seit dem 5. herrschte praktisch Generalstreik in Oberschlesien – unterdessen liefen immer noch Streik und Auseinandersetzungen in Mitteldeutschland, aber auch in Stuttgart, Heilbronn, Bremen, Plauen und um die Räterepublik Kurpfalz in Mannheim.

    Die Ausweitung des Berliner Streiks gibt den SPD-Vertretern in der Streikleitung, die sich von vornherein nur von ihrer entschlossenen Basis hatten in den Streik treiben lassen, die Gelegenheit auszuscheren und auf die Linie der SPD-Regierung einzuschwenken. Nun tönten fast alle Verlautbarungen der SPD gleich: Das geht zu weit, der Streik “führt zum völligen Zusammenbruch unseres Wirtschaftslebens” und zur “Herrschaft des lichtscheuen Janhagels” (Vorwärts), und überhaupt sei doch für alles schon gesorgt – “die Sozialisierung marschiert”, war auf überall verklebten Plakaten zu lesen, die Fortsetzung von Teilen der staatlichen Regulierungspolitik aus dem Krieg und die “Einigungen” zwischen Großunternehmen und Gewerkschaftsführung (“Stinnes-Legien-Abkommen”, “Reichskohlenrat”) wurden als Sozialismus verkauft.


    Plakate der Regierung, die den Sozialismus verkünden, davor Truppen der Regierung, die zur Niederschlagung der sozialistischen Bewegung am Spittelmarkt im Zentrum Berlins im Einsatz sind – wenn in einem Bild zu zeigen wäre, wie es zum Nationalsozialismus kam, es wäre sicher dieses. (Entnommen dem Band “Es lebe das Neue! Berlin in der Revolution 1918/19”, Berlin 2019)

    In vielen Darstellungen heißt es, Plünderungen und Überfälle hätten Noske und seinen Truppen den Vorwand geliefert – praktisch gingen die Regierungstruppen weitgehend nach Plan vor und erfanden sich ihre Legitimation notfalls selbst. Dass sich besonders in den Arbeitervierteln dagegen gewehrt und dazu bewaffnet wurde (u.a. aus mindestens 30 Polizeiwachen), war der verzweifelte Versuch der Verteidigung gegen eine Weltkriegsarmee, die mit klarem Auftrag mordend durch die Stadt zog. Wie auch das Streikgeschehen waren die Kämpfe kaum von der Führung der Parteien und Organisationen bestimmt, keineswegs gab es, wie später behauptet, einen zentralen Aufstandsplan – auch die KPD, seit Januar verboten, setzte auf “Presse, Rede, Versammlungen, Demonstrationen, Streik, Generalstreik” als Mittel, “nicht aber ein Mittel ist der Schießprügel” (Rote Fahne vom 3.3., letzte Ausgabe vor der Zerstörung ihrer Druckerei durch die Freikorps – sie war gerade erst seit 28.2. wieder erschienen).

    Die Arbeitskräfte hatten auf den Streik gedrängt, ihn von selbst begonnen (siehe Posting über den Beginn des Generalstreiks), dann auf seiner Ausweitung bestanden, sich gegen die Freikorps bewaffnet und an der Seite der republikanischen Truppen den Kampf aufgenommen. Die Führungen sowohl von SPD als auch von USPD und KPD waren aus verschiedenen Gründen dieser Entwicklung eher hinterhergelaufen, und als nun die SPD-Räte die erste Gelegenheit nutzten, um sich aus der Streikleitung zurückzuziehen, und keine neue gemeinsame Streikleitung von USPD und KPD zustandekam (wofür sich beide Seiten hinterher gegenseitig die Schuld gaben), begann der Streik gerade im Moment seiner größten Mobilisierung und in einer reichsweit kritischen Situation unter der eskalierenden militärischen Bedrohung zusammenzubrechen.

    Den Regierungstruppen gelang es unter Einsatz von Minenwerfern und Fliegerbomben, die Aufständischen, mittlerweile größtenteils während der Kämpfe hinzugeströmte Arbeitskräfte, vom Alexanderplatz in Richtung Prenzlauer Allee, Neukölln und den größten Verband auf die Große Frankfurter Straße (die heutige Karl-Marx-Allee) abzudrängen.

    Im Verlaufe der nächsten Tage verlagerten sich die Kämpfe immer weiter nach Friedrichshain und schließlich nach Lichtenberg. Dort wurde aus den “Märzkämpfen” durch einen neuen Befehl Noskes ein Massaker. Dazu mehr im nächsten Posting.

    Alle Postings zur Revolution: Revolution in Deutschland 1918-23.

    März 1919 in Berlin, Teil 1: Basis erzwingt Generalstreik

    March 3rd, 2019

    Am 3. März 1919 beginnt in Berlin der Generalstreik. Getragen von den Räten, Gewerkschaften und der Angestelltenvereinigung sowie der Basis aller linken Parteien werden etwa eine Million Arbeitskräfte in den Streik treten. Hauptforderungen: Demokratisierung des Militärs, Beendigung von Repression und Terror, vor allem aber Anerkennung und verfassungsmäßige Einbindung der Räte, welche wiederum als Hauptmittel zur Durchsetzung der “Sozialisierung”, also der Vergesellschaftung der Bergwerke und großen Industriebetriebe, angesehen werden. Es ist ein politischer Streik, es gibt keine Aussicht auf Streikgeld, die Forderungen erscheinen den Streikenden als wichtig genug. Es ist nach dem November der bis hierhin entscheidende Moment der Revolution, der Versuch, ihre sozialen Hauptforderungen endlich durchzusetzen.

    Wie in den Streiks im Ruhrgebiet, in Oberschlesien und Mitteldeutschland geht die Initiative von unten aus, kommt aus den Betrieben und von der Basis der Organisationen. Die Belegschaft der AEG in Hennigsdorf drängt etwa schon seit Ende Januar auf den Streik. Eine Delegation aus dem Betrieb schildert: “Unsere Arbeiterschaft ist nicht mehr zu halten.” Ende Februar bekräftigen sie parteiübergreifend die Forderung nach einem Generalstreik: “Es heißt sonst, wir können uns über die Köpfe der Führer hinweg einigen, so können wir uns auch über die Köpfe des Vollzugsrates hinweg verbrüdern”.


    Schwartzkopff-Belegschaft demonstriert im Januar 1919

    Anders als im Mitteldeutschen Streik ist die Führung im Ruhrgebiet und auch nun in Berlin nämlich uneins. Während in Halle und Leipzig, in Sachsen und Thüringen insgesamt die USPD stark genug ist um einen verbindlichen Generalstreik zu organisieren, muss anderswo die (wie schon geschildert) tief gespaltene SPD mit einbezogen werden, was sich wiederum auch auf die Haltung der USPD mit auswirkt. Deren Führung und damit die Streikleitung ist eigentlich nicht für den Streik, will zunächst einen neuen Reichsrätekongress organisieren. Richard Müller, direkt nach der Revolution im November als Vorsitzender des Vollzugsrates der Räte formal das Staatsoberhaupt der Deutschen Sozialistischen Republik (der kurze geschichtliche Moment zwischen 1871 und 1943/45, als das Land nicht das Deutsche Reich war), ist nun immer noch als Vorsitzender des Vollzugsrates auch Führer der Streikleitung – und gegen den Streik, den er dennoch organisiert.

    Die Basis hat die Entscheidung ohnehin vorweggenommen. Nicht nur haben sich bereits zahllose Belegschaften in Berlin und seinen Vorstädten Ende Februar für eine Entwaffnung der Freikorps, ein Ende der politischen Morde, die Stärkung der Räte und die Sozialisierung ausgesprochen und zu diesem Zweck immer lauter nach einem Streik im Zusammenwirken mit den bereits laufenden Streiks im Rest des Landes gerufen. Auch am Morgen des 3. März treten bereits Dutzende Betriebe, darunter einige der größten Berlins, in den Streik, bevor die Räte-Vollversammlung darüber abstimmt. Dort ist die USPD seit den Neuwahlen am 28. Februar die stärkste Partei, hat zusammen mit der KPD eine klare Mehrheit, und das Votum für den Streikbeschluss ist deutlich. (Über das Abstimmungsverhalten der SPD gibt es widersprüchliche Angaben: USPD-nahe Quellen sprechen von ihrer überwiegenden Zustimmung, der Vorwärts von überwiegender Enthaltung.)


    DEFA-Nachempfindung des Generalstreiks 1920

    Während am Montag teilweise noch der Rätebeschluss abgewartet wird, setzt im Laufe des Dienstags (4. März) der Streik mit voller Wucht ein, auch der Straßenbahnverkehr kommt zum Erliegen. Was zusammen mit den übrigen Streiks im Land als vorläufiger Höhepunkt der Mobilisierung der Arbeitskräfte und als deutliches Verlangen nach einer Vollendung der Revolution gelten kann, löst umgehend die vorbereiteten Gegenmaßnahmen der SPD-geführten Reichsregierung aus.

    Noch am 3. März wird vom preußischen Staatsministerium über Berlin der Belagerungszustand verhängt und tags darauf beginnen – politisch geführt durch Noske und militärisch durch General von Lüttwitz – die Freikorps Lützow und Hülsen, die Deutsche Schutzdivision, die Brigade Reinhard und die Garde-Kavallerie-Schützendivision (unter Führung von Waldemar Pabst) mit dem Einmarsch in die Stadt. Sie führen 120 von Noske vorbereitete Haftbefehle mit sich, zerstören sofort die Presse der USPD und KPD, feuern am Bülowplatz (heute: Rosa-Luxemburg-Platz) in eine Menschenmenge und gehen zum geplanten Vernichtungsschlag gegen die revolutionäre Bewegung über.

    Alle Postings zur Revolution: Revolution in Deutschland 1918-23.

    “Wer hat uns verraten?”

    February 28th, 2019

    Der historische Moment zwischen den Massenstreiks für Räte und Sozialisierung in den beiden wichtigsten deutschen Industriegebieten während der ersten beiden Monate des Jahres 1919 und dem verspätet einsetzenden Generalstreik in Berlin im März ist eine gute Gelegenheit, um auf die Zerrissenheit der Sozialdemokratie während der Revolution und auf einen der linken Lieblingsrefrains zu sprechen zu kommen.

    Am 28. Februar 1919 erschien im SPD-Zentralorgan Vorwärts, das zu diesem Zeitpunkt schon größtenteils auf der Linie der Parteiführung Stimmung gegen Streikende machte (z.B. die überwiegend selbstorganisierten und syndikalistischen Aufständischen in Hamborn als Spartakisten bezeichnete und ihnen Gräueltaten unterstellte) und wie schon gesehen im großen Stil Werbeanzeigen für die Freikorps schaltete, ein Artikel mit dem Titel “Gewitterstimmung” auf der Titelseite (siehe Bild). Darin hieß es, direkt neben einem Bericht über den Vorschlag der Vertagung des bayerischen Landtages durch den dortigen Rätekongress mit den Stimmen “aller sozialistischer Richtungen”, also auch der SPD, dass eine “steigende Erbitterung” die Massen ergreift und “eine Hochspannung” erzeugt, “die in kurzer Zeit zur Entladung drängt”. Und zu den Ursachen: “Es ist das Recht und die Pflicht eines jeden Sozialdemokraten auszusprechen, daß der Arbeiter mit dem bisherigen Entwicklungsgang der Revolution und den gezeitigten Ergebnissen gerade in bezug auf Arbeiterfragen nicht zufrieden sein kann…”

    Hier artikulierte sich der große Teil der SPD, der sich an der Revolution und auch den Massenstreiks wie im Januar in Berlin beteiligt hatte, und an den sich die Sozialisierungs-Versprechungen der Parteiführung hauptsächlich richteten. In der gleichen Ausgabe des Vorwärts wird zur Beteiligung an der Vollversammlung der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte aufgerufen, die an jenem 28. Februar begann. Dort wurde die Uneinigkeit der sozialdemokratischen Massenbewegung noch deutlicher: Während Teile des SPD-Parteiapparats versuchten, den überall im Land dringend erwarteten Generalstreik-Beschluss für Berlin per Obstruktion hinauszuzögern, bis die anderen Streiks abgeklungen bzw. auseinandergejagt waren, argumentierten andere, auch USPDler und Obleute, gegen den Streik und für einen neuen Rätekongress im April, der die Sozialisierungsforderungen zunächst legitimieren sollte. Es wurde eine Delegation zur Verhandlung mit der Ebert-Regierung nach Weimar entsandt, und der Streikbeschluss für Berlin kam tatsächlich erst am 3. März zustande, als die Regierungstruppen die Stadt bereits besetzt hatten, ein Versammlungsverbot galt und die Propaganda der SPD-Führung gegen den Streik, gerade auch im Vorwärts, bereits auf vollen Touren lief. Dennoch beteiligten sich, dazu in einem weiteren Posting dann ausführlicher, eine Million am Streik, der anfangs auch von der SPD-Basis mitgetragen wurde.

    Genau das geht in der üblichen linken Haltung gegen die damalige SPD unter: Nicht nur hatten sich massenweise Parteimitglieder an der Revolution im November 1918, den Massenstreiks ab Januar 1919 und auch dem späteren Generalstreik gegen den Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920 beteiligt, ja gab es noch 1923 die Regierungsbildungsversuche der SPD zusammen mit der KPD in Sachsen und Thüringen, vielmehr waren praktisch alle revolutionären Parteien und Strömungen auf dem Boden der Sozialdemokratie und versuchten letztlich, deren noch gültiges Erfurter Parteiprogramm von 1891 (kurz: Demokratie und Sozialismus) durchzusetzen. Die USPD als mit Abstand wichtigste revolutionäre Massenorganisation der ersten beiden Revolutionsjahre (zu der auch die Obleute größtenteils zählten) war erst 1917 von SPDlern gegründet worden, die wegen ihrer Kriegsgegnerschaft vom der SPD-Führung aus der Partei gedrängt worden waren. Der Spartakusbund war zunächst eine Organisation von SPDlern, bis er sich erst zum Jahreswechsel 1918/19 in der neugegründeten KPD auflöste, die ihrerseits anfangs programmatisch weniger weit von der Sozialdemokratie entfernt war, als es in der Rückschau meist klar wird. Selbst die anarchistischen und syndikalistischen Organisationen gingen in Deutschland auf den lokalistischen Teil der sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung zurück. (Um kurz über den deutschen Tellerrand zu schauen: die Bolschewiki waren noch zum Zeitpunkt ihrer Machtübernahme Ende 1917 ein Flügel der Sozialdemokratischen Partei Russlands.) Ebert fürchtete gleich Anfang November 1918, dass die sozialdemokratischen Massen auf den Straßen die Durchsetzung des Parteiprogramms fordern würden, und auch im Vorwärts vom 28. Februar 1919 ist mehrfach die Rede vom Erfurter Programm.

    Auf die Frage “Wer hat uns verraten?” kann die Antwort also schlecht die Bezichtigung der gesamten SPD oder gar der ganzen Sozialdemokratie bis zum Ende der Revolution sein. Gegen die Räte und die Sozialisierung, gegen die aufständischen selbstorganisierten Arbeitskräfte, die ihre soziale Substanz der jahrzehntelangen sozialdemokratischen Organisierung und Aufklärung verdankten, wandte sich eine Parteiführung, die ihre eigene erlangte Machtposition nicht wieder aufgeben wollte und in noch nicht überwundener und oft auch noch nicht verstandener herrschaftlicher Ideologie befangen war, oft im pseudo-marxistischen Gewand, wenn etwa Ebert (ähnlich z.B. der Menschewiki in Russland) ganz historisch-materialistisch erst meinte, die Massen seien noch nicht reif für die Republik, und dann, die Betriebe seien noch nicht reif für die Sozialisierung.

    Der “Verrat”, der im Sinne der eigenen (Macht-)Interessen der Parteiführung keiner war, entsprang also der Verselbständigung der delegierten Macht, war aber kein reines Organisationsproblem, sondern lebte vom Fortwirken ideologischer Auffassungen von (männlicher) Autorität und Führung, von großen historischen Gesetzen und kindlichen unreifen Menschenmassen.

    Am ehesten ließe sich also sagen: Es war eine sozialdemokratische Revolution, die versuchte, das SPD-Parteiprogramm durchzusetzen, mehr und mehr gegen die SPD-Parteiführung. Und dass wir unter Sozialdemokratie heute nicht mehr Räte und Sozialisierung verstehen, liegt vor allem daran, dass die damalige Parteiführung sich mit Terror und Täuschung durchsetzen konnte.

    ***

    Empfohlene Literatur zum Februar/März 1919 in Berlin:

  • Dietmar Lange: Massenstreik und Schießbefehl. Generalstreik und Märzkämpfe in Berlin 1919 (Münster 2012)
  • Axel Weipert: Die Zweite Revolution. Rätebewegung in Berlin 1919/20 (Berlin 2015)
  • Alle Postings zur Revolution: Revolution in Deutschland 1918-23.

    Revolution und Konterrevolution im Februar 1919

    February 20th, 2019

    Streik- und Sozialisierungsbewegung im Ruhrgebiet und im Mitteldeutschen Braunkohle- und Industrierevier – die direkte Vorgeschichte der Massaker der Regierungstruppen ab März 1919

    Im Februar 1919 streikten 180.000 Bergleute im Ruhrgebiet für eine sofortige “Sozialisierung von unten”, das waren schon dreimal so viele wie in der ersten großen Streikwelle zum Jahreswechsel. “Als der Streik sich am 20. Februar auf seinem Höhepunkt befand, kam es in Bottrop zu einem blutigen Gefecht zwischen konterrevolutionären Volkswehreinheiten und einem größeren Kontingent bewaffneter Arbeiter, die vor allem aus Hamborn, Mülheim und Düsseldorf stammten. Unter großen Verlusten gelang es den Streikenden, die Stadt einzunehmen und den Vormarsch der Freikorps am Ufer der Boye zu stoppen.” (Bluhm:120)

    Eigenmächtige Verhandlungen der USPD-Führung und Rätedelegierten ohne Rücksprache mit der stark selbstorganisierten und syndikalistisch geprägten Basis führten zum Abbruch des Generalstreiks, zu Waffenabgabe, besonders schwerwiegend auch der Geschütze. Die Freikorps sollten sich zurückziehen, blieben aber und besetzten Bottrop, dann Sterkrade. Am 26./27.2. griffen Regierungstruppen und SPD-geführte “Bürgerwehr” das Aufstandszentrum Hamborn an, 90 Gefangene wurden deportiert und der Belagerungszustand wurde ausgerufen. “Die Regierungstruppen versuchten durch massive Verhaftungen die Bewegung zu enthaupten und die politische Führung auszuschalten (…) Auf die Handlungsfähigkeit der Bergleute hatte das allerdings nicht den geringsten Einfluss. (…) Die sozialen Beziehungen und das Kommunikationsnetz der Bergleute waren so engmaschig, dass sie selbst in dieser Situation extremen äußeren Drucks standhielten. (…) Auch das Versammlungsverbot lief ins Leere – die Bergleute waren nicht auf öffentliche Treffen angewiesen, um sich auf ein gemeinsames Handeln zu verständigen.” (Bluhm:125) Anhaltende Streiks in Hamborn erzwingen schließlich die Freilassung und Rückkehr der Gefangenen sowie den Abzug der Truppen.

    “Unmittelbar nach der militärischen Besetzung des Ruhrgebiets legte die Regierung der Nationalversammlung zwei Sozialisierungsgesetze vor, die noch im März verabschiedet wurden. (…) Weder eine Änderung der Eigentumsverhältnisse noch der betrieblichen Strukturen war vorgesehen. Die Regierung verkündete die Gesetze in Zeitungsanzeigen und auf Flugblättern unter dem Titel ‘Die Sozialisierung ist da!‘” (Bluhm:126) Bereits am 6. Februar hatte Friedrich Ebert in seiner Eröffnungsrede des neu gewählten Parlaments “die Vergesellschaftung der dafür reifen Betriebe” versprochen. (Gietinger:138) Die Nationalversammlung, “die aus Furcht vor der Basisdemokratie der Arbeiter- und Soldatenräte aus Berlin gewichen war”, tagte in Weimar, wo Anfang Februar Noske-Truppen einmarschierten, um sie “stramm militärisch-reaktionär zu sichern, was zu großer Empörung führte”. (Gietinger:144)

    Als die Freikorps am 17. Februar in Gotha einrückten, kam es zum Generalstreik und die Truppen mussten wieder abziehen. Bei der Landtagswahl in Sachsen am 23. Februar erhielt die USPD die absolute Mehrheit. Doch die Entscheidung wurde nun in den Betrieben und auf den Straßen gesucht: “Ausgehend vom mitteldeutschen Braunkohlerevier entwickelt sich Mitte Februar 1919 ein politischer Generalstreik, der sich zu einer neuen unkoordinierten Aktionswelle über weite Teile des Deutschen Reiches auszuweiten droht.” Es ging konkret darum, der Nationalversammlung entgegenzutreten und mit der sofortigen Sozialisierung dem Hunger und der Not zu begegnen: “Auch wenn keine klaren Vorstellungen darüber herrschen, wie eine solche Vergesellschaftung genau aussehen soll, sehen darin viele einen Schritt in Richtung Sozialismus und damit aus ihrer sozialen Not.” (Langer:331)

    Der Generalstreik in der Region um Halle und Leipzig begann am 26. Februar und dauerte bis 7. März. “Die Forderungen waren u.a. die Einführung der gesetzlichen Verankerung der Arbeiterräte, Betriebskontrolle durch die Arbeiterräte als Vorstufe der Sozialisierung und der Rücktritt der ‘bürgerlich-rechtssozialistischen Regierung’.” (Gietinger:143) “Besondere Brisanz gewann der Ausstand dadurch, daß sich ihm bereits am 25. Februar auch Eisenbahner und Verkehrsarbeiter und die Beschäftigten des Kraftwerks Zschornewitz, das Strom für Berlin lieferte, anschlossen. Damit wurden die Verbindungen der Weimarer Nationalversammlung nach Berlin unterbrochen und Berlin selbst in Mitleidenschaft gezogen. Vereinzelt traten auch Landarbeiter in den Streik ein.” (Schumann:55)

    Während Teile der Regierung angesichts der Ausmaße der Streikbewegungen nun bereit waren, eine stärkere USPD-Repräsentation zuzulassen, die Räte aufzuwerten und mit der Sozialisierung ernstzumachen (Lange:127f.), wollte die SPD-Führung um Ebert, Scheidemann und Noske das Rätesystem endgültig entmachten und traf dafür die militärischen Vorbereitungen: “Während sich die Landesjäger mit 3.000 Mann auf den Weg machen, um den Streik in Mitteldeutschland zu ersticken, zieht General Lüttwitz 42.000 Soldaten um Berlin zusammen.” (Langer:338)

    Von März bis Mai 1919 werden die Regierungstruppen dann fast überall im Reich im Blut waten.


    Anzeigenseite im SPD-Zentralorgan “Vorwärts” vom 23. Februar 1919

    ***

    Literatur:

  • Felix Bluhm: “Die Massen sind aber nicht zu halten gewesen”. Zur Streik- und Sozialisierungsbewegung im Ruhrgebiet 1918/19, Münster 2014
  • Klaus Gietinger: November 1918. Der verpasste Frühling des 20. Jahrhunderts, Hamburg 2018
  • Bernd Langer: Deutschland 1918/19. Die Flamme der Revolution, Münster 2018
  • Dirk Schumann: Politische Gewalt in der Weimarer Republik 1918-1933, Essen 2001
  • Dietmar Lange: Massenstreik und Schießbefehl, Generalstreik und Märzkämpfe in Berlin 1919, Münster 2012
  • Alle Postings zur Revolution: Revolution in Deutschland 1918-23.

    Wie verheerend hundert Jahre Propaganda gewirkt haben

    February 15th, 2019

    Große Enttäuschung: der YouTube-Kanal The Great War, auf dessen gut recherchierte und aufbereitete Darstellung des Kriegs- und Revolutionsgeschehens im Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie der Zwischenkriegszeit hier schon mehrfach verwiesen wurde, fällt in seiner neuen Folge über den Januar 1919 mit neuer Besetzung weit hinter sich zurück.

    Schon die Ankündigung will hier den großen Showdown Spartakus gegen Freikorps aufbauen, und es geht mit den schon verblüffenden Fehlern los, dass die Weihnachtskämpfe 1918 nicht an Heiligabend, sondern am 25.12. stattfinden, “the famous Battle of Christmas Day”, und die USPD danach nicht nur aus der Regierung, dem Rat der Volksbeauftragten, austritt, sondern sich mit anderen zusammentut um die KPD zu bilden.

    Am 5. Januar ist die USPD dann plötzlich wieder da, aber auch KPD und Spartakus als verschiedene Gruppen. Diese Konfusion durchzieht die ganze Folge und liefert ein trauriges Beispiel dafür, wie verheerend hundert Jahre Propaganda gewirkt haben. Für Moderator und Rechercheur Jesse Alexander sind Spartakus und KPD zwei im Januar gleichzeitig existierende verschiedene Organisationen, die Uneinigkeit innerhalb der KPD wird zur Uneinigkeit zwischen beiden, und wo er über die Unstimmigkeiten stolpert, sagt er: “This is puzzling for historians”. Er wundert sich nämlich laut darüber, warum Luxemburg in der Roten Fahne, die für ihn im Januar immer noch die Zeitung des Spartakusbunds (und nicht der KPD) ist, nach dem Zusammenbruch des Generalstreiks weiter für die Revolution trommelt, obwohl sie gerade Tage zuvor die Position der KPD mit erarbeitet hat, der es zwar auch um die Machtübernahme, aber nur mit der Unterstützung der Massen gegangen sei. Zu sehen ist währenddessen eine Rote Fahne aus dem November 1918, als sie noch vom Spartakusbund herausgegeben wurde.

    Tatsächlich wurde zum Jahreswechsel 1918/19 die KPD gegründet, und der Spartakusbund ging in ihr komplett auf. Und tatsächlich waren die Positionen zu Wahlboykott und Aufstand in der Anfangsphase der KPD nicht nur heftig umstritten, sondern auch im Fluss – Luxemburg war erst skeptisch, ob der Januaraufstand sich tatsächlich auf die Massen stützen kann, ließ sich dann von den Hunderttausenden auf den Straßen umstimmen, um schließlich nach Abebben der Proteste und des Generalstreiks trotzdem an der Fortsetzung des Kampfes festzuhalten (und sich nicht in Sicherheit zu bringen).

    So sieht das Bild also aus, wenn es um den Minderheitenputsch und nicht um den Massenaufstand gehen soll, wenn die USPD und die Räte mit ihrem Aufruf zur Verteidigung der Revolution (also praktisch immer noch des SPD-Parteiprogramms: Demokratie und Sozialisierung) eigentlich nicht mehr vorkommen dürfen, wenn die KPD in die Ecke gestellt werden muss, wenn auch vor allem die Freikorps (die in dieser Folge wie in vielen anderen Darstellungen viel zu früh schon in der Stadt gewesen sein sollen) und weniger die Regierung und ihre Truppen für den Terror verantwortlich sein sollen, wenn es um eine Art naturwüchsigen Konflikt zwischen extremer Linker und Rechter gegangen und kein Geld im Spiel gewesen sein soll – es werden als Stimmungsbild lauter Plakate der kapitalgestützten völkisch-antisemitischen Antibolschewistischen Liga gezeigt, ohne die Quelle zu nennen.

    Passenderweise endet die Folge (nach teilweise instruktiven Ausflügen in die Demobilisierung der Truppen und andere revolutionäre und nationalistische Konflikte im Januar 1919) mit einem martialischen Zitat von Friedrich Wilhelm Heinz (“…der Krieg, das waren wir selbst. Seine Flamme brannte in uns fort…”), der hier ohne weitere Erklärung einfach als Freikorps-Kämpfer vorgestellt wird, praktisch aber sowohl am Kapp-Lüttwitz-Putsch, am Terror der Organisation Consul und am Hitler-Ludendorff-Putsch beteiligt war, später zum Strasser-Flügel der NSDAP stieß und nach dem Zweiten Weltkrieg in der BRD kurzzeitig einen eigenen Geheimdienst aufbaute.

    The Great War ist nach Selbstauskunft immer noch “der einzige Youtube-Kanal, der weiß, wo es die revolutionärste Currywurst in Berlin gibt”, aber die bisher (bei allen Differenzen in Details und Beurteilung) stimmige Darstellung von Revolution und Konterrevolution scheint ihnen abhanden gekommen zu sein…

    Alle Postings zur Revolution: Revolution in Deutschland 1918-23.

    Januaraufstand 1919

    January 4th, 2019

    Vor hundert Jahren begann mit dem einwöchigen Januaraufstand (4.-12.1.) die “zweite Revolution” in Deutschland, der bis in den Mai fortdauernde bewaffnete Versuch Hunderttausender in fast allen Teilen des Landes, die Rätemacht gegen die SPD-Führung zu verteidigen und die auch von dieser versprochene Sozialisierung der Großindustrie endlich durchzusetzen.

    Bis heute als “Spartakusaufstand” bezeichnet, um ihn einer kleinen radikalen Gruppe zuzuschreiben (was die gerade erst zum Jahreswechsel gegründete KPD, in der der Spartakusbund aufgegangen war, in der Rückschau gern aufgriff), war der Aufstand im Januar wie in den folgenden Monaten vor allem von der USPD (zu dieser Zeit etwa 300 000 Mitglieder), den meist auch in der USPD organisierten Betriebs-Obleuten und den vielerorts von ihnen gebildeten Rätestrukturen getragen – und er setzte just in dem Moment ein, als mit Polizeipräsident Emil Eichhorn, dessen Schutzwehr zu Weihnachten bei der Abwehr des Angriffs auf die Volksmarinedivision geholfen hatte, der letzte höhere USPD-Amtsträger in der Hauptstadt entfernt werden sollte.

    Am 4. Januar ruft die USPD für den nächsten Tag, einen Sonntag, zu Massendemonstrationen auf: „Marschiert in Massen auf! Es gilt Eure Freiheit, es gilt Eure Zukunft, es gilt das Schicksal der Revolution! Nieder mit der Gewaltherrschaft der Ebert – Scheidemann – Hirsch – und Ernst! Es lebe der revolutionäre internationale Sozialismus.“

    Am 6. Januar (Montag) setzt der Generalstreik ein, die Regierung wird für abgesetzt erklärt, Zehntausende füllen die Straßen, und es kommt auch in anderen Teilen Deutschlands zu (noch vergleichsweise kleinen) Demonstrationen und Streiks (Halle, Stuttgart, Düsseldorf), Besetzungen von Zeitungen, Rathäusern und Banken (Braunschweig, Nürnberg, Hamburg) sowie bewaffneten Auseinandersetzungen (Leipzig, Dresden, Dortmund, Stuttgart, Kassel). In den folgenden Tagen wird in Bremen die Räterepublik und im Ruhrgebiet der Generalstreik ausgerufen.

    Doch das Kräfteverhältnis in Berlin ist unklar (SPD und USPD haben hier ähnlich viele Mitglieder, am 6.1. kommt es zu Verhandlungen zwischen Ebert und USPD), die KPD ist uneins (während Liebknecht und Pieck den Aufstand mitorganisieren, ist Luxemburg zunächst skeptisch und unterstützt den Aufstand erst ab dem 7.1.), es gibt enorme Abstimmungsprobleme (die Volksmarinedivision, die die Regierung verhaften soll, erklärt sich neutral und führt den Befehl nicht aus) und eine Initiative von Berliner Großbelegschaften drängt eher auf Wiedervereinigung der sozialistischen Parteien (“Bildet eine Regierung aus allen drei revolutionären Parteien”, “Verständigt Euch, wenn nicht mit, dann gegen Eure Führer”).

    So bleibt die Machtübernahme trotz dafür mobilisierter Massen aus – und die SPD-Parteiführung lässt nun erstmals im großen Stil ihre konterrevolutionären Truppen Terror verbreiten. Am 4. Januar hatten Ebert und Noske die Freikorps in Zossen bei Berlin besichtigt. In den Erinnerungen des Namibia-Veterans, Freikorps-“Städteeroberers” und Bewachers der Weimarer Nationalversammlung General Maercker: “Als sie die Truppen von allen Seiten mit klingendem Spiel in fester, strammer Haltung heranrücken sahen, beugte sich Noske zu Ebert herab und sagte: ‘Sei nur ruhig, es wird alles wieder gut werden’, ein Zeichen, unter welchem Druck sich die Regierung damals befand.” (Maercker, Vom Kaiserheer zur Reichswehr, Leipzig 1921:64, online)

    Ab dem 9., mit voller Wucht am 11. und 12. Januar gehen die Freikorps im Auftrag der SPD-Führung mit Kriegswaffen (Panzer, Artillerie, Maschinengewehre) und Terror (Erschießungen, öffentliche Misshandlungen wie Spießrutenlauf) in der eigenen Hauptstadt gegen die eigene Bevölkerung vor. Dabei kommen mindestens 150 Menschen ums Leben.

    Auf Seiten der aufständischen Massen steht dem trotz eines allgemein recht hohen Bewaffnungsgrads weder vergleichbar schweres Gerät noch vor allem eine vergleichbare Bereitschaft zum Einsatz der Waffen gegenüber. Die Freikorps-Offiziere sind denn auch “enttäuscht über den schwachen Widerstand”, schreibt Klaus Gietinger, “nach außen aber malte man das Bild eines phantastischen militärischen ‘Spartakusaufstandes’, das sich bis heute gehalten hat.”

    Nach der Niederschlagung des Aufstands in Berlin ermorden Freikorps mit Liebknecht und Luxemburg zwei Symbolfiguren erst des Widerstands gegen den Krieg und dann der Revolution, die Demonstrationen flammen wieder auf und bis ins Frühjahr hinein kommt es vom Ruhrgebiet bis nach Schlesien zu Massenstreiks, Ausrufung von Räterepubliken und “Sozialisierung von unten” – fast überall brutal von den Freikorps-Truppen der SPD-Regierung niedergeschlagen.

    Alle Postings zur Revolution: Revolution in Deutschland 1918-23.

    classless Ausblick auf 2019: Streik, Sozialismus, Hüfte

    January 2nd, 2019

    Das Streikjahr 2019 geht gleich heute mit dem Verdi-Geldtransporter-Streik los, zu dessen Gelingen durch Geldabheben beigetragen werden kann. Aber auch sonst steht viel an. Weitere Pflegestreiks sind angesichts noch verschärfter Lage (Personalnotstand, Kürzungen, Schließungen) wahrscheinlich – lokale Initiativen wenden sich derzeit gegen eine Krankenhaus-Schließung in Bad Frankenhausen und gegen den Personalmangel an der Charité in Berlin. Nach den Frauenstreiks der letzten Jahre (u.a. Polen, Spanien, Irland, USA, Argentinien) gibt es für dieses Jahr nun auch größere Vorbereitungen in Deutschland und der Schweiz. Auch die von Greta Thunberg insprierten Klima-Schulstreiks, die seit Dezember u.a. unter den Hashtags #schoolstrike4climate und #fridaysforfuture laufen, scheinen keine einmaligen und begrenzten Aktionen zu bleiben, sondern ab Freitag wieder in vielen Ländern weiterzugehen. In Frankreich ist überhaupt noch keine Ruhe eingekehrt, es wird zu einer Versammlung der Versammlungen, einer Kommune der Kommunen aufgerufen. In Indien wird die vom KP-nahen CITU angeführte Gewerkschaftsbewegung ihren größten Streik der Menschheitsgeschichte vom September 2016 nun am 8. und 9. Januar wohl noch überbieten – zusammen mit Bauernverbänden und allen großen Gewerkschaften (selbstredend außer der nationalistischen Bharatiya Mazdoor Sangh) sollen 180 Millionen Arbeitskräfte zwei Tage lang gegen die neoliberal-konservative Regierung Modi, die Massenarbeitslosigkeit und die Massenverarmung der Landbevölkerung in Streik treten.

    Hierzulande hat die Bahngewerkschaft EVG gerade erst gleichzeitig die enorme Wirksamkeit von Logistikstreiks wie auch die für alle überraschend hohe Streikbereitschaft demonstriert, was für Solidaritätsaktionen mit weniger streikfähigen Arbeitskräften nutzbar gemacht werden könnte. Und auch wenn es bisher zu keinen neuen Betriebsübernahmen durch Belegschaften gekommen ist, konnten durch Streiks jedoch im vergangenen Jahr Schließungen verhindert werden (Halberg Guss) oder zumindest Abfindungen, Umschulungen und Zahlung ausstehender Gelder durchgesetzt werden (Backbetriebe in Augsburg)

    Ich werde also weiter über die Klassenkämpfe und ihre Geschichte schreiben und sprechen, zur Revolution vor hundert Jahren gibt es bereits erste Vortragstermine im Ruhrgebiet, in Bremen und Sachsen, wo immer möglich weiter den damaligen Ereignissen, nun also der “zweiten Revolution” ab Januar 1919, folgend. Zum Jubiläum der Maueröffnung sowie der Gründung der DDR und der Volksrepublik China möchte ich außerdem meinen Vortrag “‘Realsozialismus’ – Kommunismus? Kapitalismus? ‘Wirkliche Bewegung’?” (die Slides von 2013) neu auflegen, um das Thema der Verwendung als aufgeladene Referenz und Debattenmunition zu entreißen. (Ganz anderer Zugang: das neue Computerspiel “Soviet Republic – Workers and Resources” – Planwirtschaft als Aufbau-Simulation.) Außerdem soll es Veranstaltungen zum Ende der DDR und den Folgen (erster Termin voraussichtlich in Görlitz) und zur Ambivalenz der DDR-Kulturproduktion (zuerst in Aachen) geben. Ein ganz neuer Vortrag wird sich um die Hüfte drehen(!), genauer um die menschliche Hüftbewegung, also um das, was uns evolutionär zu Menschen machte – Premiere ist für Plauen geplant.

    Entlang dieser Themen wird sich wohl auch das musikalische Jahr bei mir gestalten – beim Hüftschwung die Hüfte auch direkter thematisieren (ein Arbeitstitel: “The root that rocks”), für die immer noch so schwierige Verbindung zwischen Linken und Arbeitskämpfen einfache Anleitungen à la “Talking union” vertonen, die Streikparole “Die Lagerarbeiterinnen haben keine Angst” aus der Labournet-Doku “Die Angst wegschmeißen” zu einer allgemeineren Aufwiegelei ausarbeiten…

    In diesem Sinne – anfangen, weitermachen, nicht aufhören! Kämpfen, lernen, Hinternwackeln! Und schreibt mir für Anfragen, Anmerkungen, Verabredungen.

    classless Jahresrückblick 2018

    December 30th, 2018

    Ich selber so

    Nicht mal in Sachsen-Anhalt zähle ich noch zur Jugend, treibe mich dafür aber ganz schön rum – dieses Jahr wieder 47 Vorträge gehalten (davon 24 zur Revolution vor hundert Jahren, in Köln umrahmt vom fabulösen nö theater), sieben mal aufgelegt (erstmals auf einem CSD-Paradewagen und bei der Panzerschokolade in Wien), bin zweimal bei der “Ideolotterie” zu Gast gewesen (Echt Jetz?), hab bei Björn Peng auf dem “Action Mond & Sterne” die Tanzmaus gemacht, hab aber leider nur ein CLASTAH-Konzert mit dem Lasterfahrer gegeben. Einige neue Publikationskanäle haben prima funktioniert (iz3w, Lateinamerika Nachrichten, Der Goldene Schuss, Interviews in der Mitteldeutschen Zeitung und der Graswurzelrevolution), anderes nicht so (das Videoblog Kullas Ausschnitt). Kulla war zwar nicht geeignet, einer Belagerung durch ein Heer standzuhalten, konnte aber kleinen Gruppen von Angreifern mehrere Tage Widerstand leisten.”


    v.l.n.r RosaLuxx Eisenach (Foto: Kati Engel), Panzerschokolade @ EKH Wien (Zeichung: Lulu Weidl), CSD Magdeburg (Foto: Chris Scheunchen)

    Insgesamt so

    Was ich im Jahresrückblick 2017 beschrieb, hat sich weiter verschärft (Staatenkonkurrenz und die dazugehörige nationalistische Begleitmusik). Einige der besonders intensiven Klassenkampf-Schauplätze der letzten Jahre sind weiter entflammt und neue sind hinzugekommen, doch sind sie hier auch in der Nähe ganz schön weit weg (die Gilets Jaunes in Frankreich und die riesige Demo gegen 12-Stunden-Tag in Wien) bzw. in der Entfernung nahezu unsichtbar (Indiens Marsch der Hunderttausenden), hauptsächlich weil hierzulande zwar definitiv wieder mehr über Klassenkampf geredet wurde, das aber bisher weitgehend ohne erkennbare praktische Konsequenzen blieb. Arbeitskämpfe von Augsburg (Gersthofer Backbetriebe) über Aachen (Toys’R’Us), Leipzig/Saarbrücken (Halberg Guss wochenlang mit Streik-Besuch, Übernahmeforderungen und lehrreichen Entwicklungen bezüglich Solidarität und Rassismus, in Leipzig aber auch Siemens, Kirow Ardelt und Schaudt Mikrosa), Hannover (Doppelkorn Linden), Wernigerode (Hasseröder, genau das) bis sogar nach Thale (Elring Klinger) fanden außerhalb der zuständigen Gewerkschaftsbasis kaum Unterstützung und insgesamt benutzen sich weiterhin zu viele Leute gegenseitig als Ausrede. (Der dieses Jahr so viel verbogene Marx mal in seinen eigenen Worten zu Migration und Spaltung der Klasse).

    Und so blieb auch Argentinien weit weg – trotz der fünf Gelegenheiten, bei denen seit letztem Dezember mehr als eine Million Menschen vor dem dortigen Kongress protestierten, trotz des mittlerweile vierten Generalstreiks seit Macris Regierungsantritt (erinnert sich noch jemand an die anderen drei?), trotz der mächtigen neuen Frauenbewegung und ihres Beinahe-Erfolgs in Sachen Abtreibungs-Legalisierung (Interview zum schließlichen Scheitern am Senat), trotz des G20-Gipfels in Buenos Aires Ende des Jahres. Da wussten auch die deutschen Fernsehnachrichten nicht mal, dass das an der Spitze der großen Protestdemo die aufrufende Parlamentsfraktion der Linksfront FIT war, und die Inszenierung der dort Herrschenden bekam außer den hier Herrschenden hierzulande gleich so gut wie niemand mit. (In Argentinien wiederum ist Paraguay weit weg – meine liebste Magui war dazu in Argentinien und Paraguay im Fernsehen und veröffentlichte ihr erstes Buch.)

    Kullas in towns are usually built as standalone structures, while in villages they are more commonly found as a part of a larger ensemble of kullas…“

    Das soll aber nicht heißen, dass politisch nichts Erfreuliches passiert wäre. Hier nur mal einige Sachen, an denen ich teilgenommen habe bzw. die mir nahe waren: Der Thüringer Landeshaushalt verteilte ordentlich nach unten, es gab Massendemos für Klimaschutz und Flüchtlingshilfe, die Linksjugend formulierte auf ihrem Bundeskongress im April einen Leitantrag mit diesem Einstieg: »Zu lange gingen in Europa nur rechte Monster und neoliberale Untote umher. Es wird Zeit, dass endlich wieder ein Gespenst nach Europa zurückkehrt: Das Gespenst des Kommunismus.« Götz Kubitschek und seinem IfS wurde in Schnellroda charmant Besuch abgestattet, am 1. Mai der AfD ihre große Show in Querfurt vermiest. Es gab in Quedlinburg (kleinen) Protest gegen die Innenministerkonferenz im Juni und eine (erfolgreiche) Kundgebung für das Kulturzentrum Reichenstraße im August. In Berlin wurde sich mit der Gewerkschaftsbewegung bei Jasic und anderswo in China solidarisiert. Nach dem NSU-Urteil gab es eine erschütternd-bewegende Kundgebung vor der JG Stadtmitte Jena.

    Auch in der medialen Vermittlung war einiges los. Die Abrafaxe verließen Luther, als er sich mit Müntzer überwirft, bei den “mosaik”-Frauen gab’s gleich viel unmittelbarer Klassenkampf für Kinder. In South Park findet ein Streik bei amazon statt, der schließlich auf die ganze Stadt ausgreift. Zum Lieblingsformat wurde neben den für meine Recherchen sehr hilfreichen YouTube-Kanälen um “The Great War” (“Between 2 Wars”) dieses Jahr aber endgültig “Drunk History”, das nach früheren großartigen Würdigungen wie der von Sklavenbefreierin Harriet Tubman sich nun u.a. auch Nichelle Nichols widmete, die als Uhura in Star Trek die erste Schwarze im All spielte und dann ganz praktisch die erste schwarze Astronautin anwarb. (Gespielt hier übrigens von Raven Symoné, einst die Jüngste mit einem Plattenvertrag und Interpretin des ersten Radiohits, den Missy Elliot schrieb, die aber wiederum ihre eigenen Zeilen im Videoclip wegen ihrer “Figur” nicht darbieten durfte.)


    Zur Revolution in Deutschland 1918 durchaus DEFA schauen – Screenshot aus: “Trotz alledem!” (1971)

    Aber die gerade zum Jahresende noch mal vielfach herumgereichten guten Global-Nachrichten, die durchaus klar machen, wieviel wir zu verlieren haben und welches Potential die Menschheit hat, lesen sich angesichts der immer offeneren Konflikte zwischen den Großmächten und der immer deutlicheren Folgen der Klimaveränderung (Red hot planet, Noternte auf stinkenden Feldern, Wie nah 50°C sind und wie es dann aussieht, Dürre und Hitze in Europa) wie die Nachrichten von 1913: der unaufhaltsame technische Fortschritt, die allgemeine Hebung des Lebensstandards, die Überwindung der Ungerechtigkeit, die längste Friedensphase…

    Empfehlungen des Hauses 2018

  • “Der Nationalismus der anderen” – Staat, Nation, Kapital und ihre Ideologie
  • “Der Antisemitismus der anderen” – gegen Antisemitismus überall
  • “Einfach nur noch krank!” – zu Rausch und Krankheit
  • “12 Irrtümer aus 40 Jahren Kulla”
  • “Marxwirtschaft und Machtwort” – zu Marx’ Geburtstag und den Geburtstagsgrüßen
  • “Im Zug gelesen” – das Manager-Magazin: für die ganz Nötigen
  • “Was passiert in Chemnitz?”
  • “Neueste Erkenntnisse der Linke-bashenden Linken”
  • “Kurze Entschwörung zu Gilets Jaunes vs. Macron”
  • “Oder noch mal so” – alles leider gar nicht überraschend, unbegreiflich usw.
  • “Deutsche ohne Bahnsteigkarte – Warum wir vom Besten, das hier je passiert ist, viel zu wenig wissen” (Programmzeitung Radio Corax, Oktober/November 2018: “Es lebte die sozialistische Republik”, S. 2-5)
  • Einzelpostings zur Revolution vor hundert Jahren

  • “Was steht 2018 an? Mehr Jubiläen & Klassengeschichte!”
  • “Was bei ARTE von der Revolution übrig blieb” – über das NDR-arte-Dokudrama “1918 – Aufstand der Matrosen”
  • “Luther vs. Revolution 1918: das zweite Mal als Farce” – über Luthers Rolle für Nation und Konterrevolution
  • “In der Vergangenheit leben?” – über die Frage nach dem Warum der Beschäftigung mit der Geschichte
  • “Hundert Jahre Krieg verloren – und dann diese komische Revolution” – über die Lage Ende September 1918 und die Rede von der “überflüssigen Revolution”
  • “100 Jahre Sozialpartnerschaft!” – zum Jahrestag des Jahrestages Stinnes-Legien-Abkommens 15.11.1918
  • “Nikolaus 1918: Blutbad und erster Putschversuch” – zu den Ereignissen am 6.12.1918
  • “Konterrevolution ohne Truppen” – zur “Heimkehr der Frontsoldaten”, dem geplanten Putsch gegen die Räte und dessen Scheitern durch Massendesertion 10.-15.12.1918
  • “Reichsrätekongress” – zum Allgemeinen Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte 16.-20.12.1918
  • Weihnachtsgrüße aus dem Berliner Schloss – zum Angriff auf die Volksmarinedivision an Heiligabend 1918

  • aktuelle Youtube-Playlist mit meinen Vortragsmitschnitten zu Polizei, Revolution, Rausch, Lust, Ideologie, Verschwörung, Identität, Herrschaft und Klassenkampf

    Weihnachtsgrüße aus dem Berliner Schloss

    December 23rd, 2018

    Weihnachtsgrüße aus dem Berliner Schloss – von der Volksmarinedivision, die an Heiligabend 1918 von konterrevolutionären Truppen mit Granaten unter Beschuss genommen wurde. Die revolutionären Matrosen befürchteten die Auflösung ihrer Einheit, hatten auf ihrem Sold bestanden und den Stadtkommandanten Otto Wels (SPD) festgesetzt. Daraus hatte sich die Ebert-Regierung den willkommenen Vorwand verschafft, mit den verfügbaren 1200 Mann Infanterie, Maschinengewehren und vier Batterien Feldartillerie die ihres Erachtens wichtigste Truppe der Revolution in Berlin angreifen zu lassen, die zwar keinesfalls mehrheitlich zu Spartakus hielt, aber starke Loyalitäten zur USPD und zur Demokratisierung des Militärs hatte.

    Das Kommando über den Angriff hatte der Berliner Militärgouverneur Arnold Lequis, einer der beiden Urheber der Putschpläne vorm Reichsrätekongress; zum Einsatz kommt erstmals die Garde-Kavallerie-Schützendivision unter Waldemar Pabst, aus der später mehrere Freikorps hervorgehen sollten. Wenn auch die Volksmarinedivision Verluste erlitt, so waren hier die Verluste auf der anderen Seite noch erheblich höher. Und wenngleich das Schloss gestürmt wurde und die Matrosen zwischenzeitlich zur Aufgabe des Marstalls bereit waren, retteten doch die Sicherheitswehr des USPD-Polizeipräsidenten Emil Eichhorn und herbeigeströmte, teilweise bewaffnete Massen aus den Arbeitervierteln der umliegenden Berliner Stadtbezirke, darunter auch Frauen und Kinder, die Situation, indem sie die Angreifer überrumpelten und zur Aufgabe bewegten. “Ganze Gruppen begannen zu meutern und verjagten ihre Offiziere.” (Klaus Gietinger)

    Schon mittags, nach vier Stunden Kampfgeschehen, müssen Pabst und seine Leute abziehen, er bezeichnet das als den schlimmsten Moment seiner militärischen Karriere, wird aber im Januar von Noske jede Gelegenheit zu neuen Ruhmestaten bekommen – darunter die Ermordung von Luxemburg und Liebknecht. Lequis wirft vorbereitend für Kommendes in einem Interview ein anderes Thema auf: Weil nicht auf Zivilisten gefeuert werden durfte, hätte man hier gegen Frauen und Kinder verloren. Er wird dafür entlassen, sein Nachfolger Lüttwitz wird seine Worte schon bald als Leiter der Niederschlagung des Januaraufstands und der Märzkämpfe in Berlin sowie später beim Kapp-Lüttwitz-Putsch beherzigen.

    Deutlich wird hingegen, dass das nun durch die Niederlage der einzigen handlungsfähigen konterrevolutionären Einheit in Berlin entstandene Machtvakuum weder von Spartakus noch der USPD noch den Massen selbst zum allgemeinen Aufstand und zur Vollendung der Revolution genutzt wird – praktisch alle feiern nun Weihnachten und Silvester. Der Aufstand startet erst lange zwei Wochen nach dem Sieg über die GKSD und nach weiterer Zerrüttung des Verhältnisses zwischen USPD/Obleuten und der mit bis dahin in der KPD aufgegangenen Spartakusgruppe.

    Alle Postings zur Revolution: Revolution in Deutschland 1918-23.

    Interview zu Gilets Jaunes

    December 21st, 2018

    Für die “Graswurzelrevolution” hat mich Nicolai Hagedorn zum linken deutschen Blick auf die Gilets Jaunes, zu Klassenkampf und Polizei interviewt:

    “Von Anfang an überwog der starke Drang, letztgültige Urteile zu fällen, um sich entweder angewidert abwenden oder in blinde Euphorie ausbrechen zu können. Für viele war die Widersprüchlichkeit der französischen Proteste selbst ein Problem, was für mich mit der zumindest selektiven Praxisferne zu vieler tonangebender Linker zusammenhängt. Dass sich sozusagen roher Klassenkampf, der größere Teile der Bevölkerung erfasst, auch inmitten der ganzen ideologischen Erzählungen entwickelt und nur bestenfalls durch den interessenbasierten Zusammenschluss von immer mehr Sektoren der Klasse diese Erzählungen aufklären kann, entsprach nicht den eingeübten Beurteilungsmustern.”

    „Ich bin dafür, sich in diese Mühen hineinzubegeben“ – Daniel Kulla über die gilets jaunes, revolutionäre Potenziale und die Polizei

    Erste Auftritte 2019

    December 17th, 2018
  • Fr, 18.01.2019, Witten, Trotz Allem: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Sa, 19.01.2019, Essen, Alibi: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Di, 22.01.2019, Karl-Marx-Stadt, Odradek: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Fr, 25.01.2019, Bremen, Infoladen/a-kino: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (Ankündigung)
  • Sa, 09.02.2019, Wittenberg, Independent: “Ideolotterie” (FB-Event), danach Auflegen (“Schöner feiern ohne Nazis 2”)
  • Mo, 18.03.2019, Berlin, Magda 19: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Mi, 20.03.2019, Neubrandenburg, AJZ: Vortrag “Entschwörungstheorie”
  • Do, 28.03.2019, Duisburg, 47: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Fr, 29.03.2019, Dortmund, black pigeon: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Sa, 30.03.2019, Essen, Alte Mitte 2019: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Do, 04.04.2019, München, Kafé Marat: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Fr, 05.04.2019, Augsburg, Die ganze Bäckerei: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Sa, 06.04.2019, Regensburg, LiZe: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • So, 07.04.2019, Würzburg, theater ensemble: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Di, 09.04.2019, Nürnberg, heizhaus: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Mi, 10.04.2019, Innsbruck, pmk: Vortrag “Die Option zu kämpfen. Statt Weniger oder Mehr: Pop als ­aufständische Assoziation” (FB-Event)
  • Do, 11.04.2019, Plauen, Kanapee: Vortrag “Die Hüftbewegung – Was uns zu Menschen machte” (FB-Event)
  • Sa, 13.04.2019, Plauen, Schuldenberg: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (25. Hausgeburtstag)
  • Mo, 22.04.2019, Hamburg, MS Stubnitz: Vortrag “Entschwörungstheorie” (Opener für Björn Peng)
  • Fr, 17.05.2019, Dresden, az conni: Auflegen “Party like it’s 1999”
  • Sa/So, 08./09.06.2019, Doksy, Pfingstcamp Linksjugend Sachsen: Vorträge “Die Hüftbewegung – Was uns zu Menschen machte” und “Das hatten wir doch schon mal! ‘Realsozialismus’ – Kommunismus? Kapitalismus? ‘Wirkliche Bewegung?'” sowie Auflegerei
  • Mi, 03.07.2019, Coburg, Freie Uni: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23”
  • Fr/Sa, 12./13.7.2019, Berlin, Kulturhaus Kili: Vortrag und Auflegen (1st congress for eternal space holidays)
  • Neu geplant sind Veranstaltungen zum Ende der DDR und den Folgen (Premiere vermutlich in Görlitz) und zur DDR-Kulturproduktion (zuerst vermutlich in Aachen). Weitere Vorträge zur Revolution 1918-23, teilweise mit neuen Schwerpunkten auf der “zweiten Revolution” Anfang 1919 und auf neue Akteure wie Max Hoelz, sind noch ohne Termin (Leverkusen, Wuppertal, Falkenstein, Landshut, Potsdam, Hamburg). Außerdem gibt’s Pläne für Veranstaltungen zur AfD (in Greiz), zu Luther (in Bad Frankenhausen, Bochum, Bielefeld), zu Antisemitismus & Kapitalismus (Leisnig) und in Potsdam Vorträge zu “Sin Patrón”, zu Elsässer und zur Religion. Schließlich eröffne ich die Veranstaltungsreihe “Die Option zu kämpfen – Pop und Politik in Theorie und Praxis” in Augsburg mit einem Vortrag basierend auf meinem testcard-Artikel “Die Option zu kämpfen. Statt Weniger oder Mehr: Pop als ­aufständische Assoziation”.

    Wer auch noch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm.

    Reichsrätekongress

    December 17th, 2018

    Vor 100 Jahren, vom 16. bis 20. Dezember 1918, tagte im heutigen Berliner Abgeordnetenhaus der Allgemeine Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte. Diesen Reichsrätekongress hatte die Oberste Heeresleitung mit ihren zusammengezogenen 16 Divisionen verhindern wollen, seinen Beschlüssen zur Vollendung der Revolution wollte Ebert (bis zum Scheitern des OHL-Putsches durch Massendesertion) zuvorkommen, indem er sich von Offizieren und Soldaten zum Reichspräsidenten machen ließ.

    Der Kongress fasste trotz seiner apparatelastigen Beteiligung Beschlüsse zur Demokratisierung des Militärs und zur unverzüglichen Sozialisierung des Bergbaus und anderer Schlüsselindustrien. Indem er sich aber auch mit überwältigender Mehrheit für baldige Wahlen zur Nationalversammlung aussprach, bereitete er seine eigene Entmachtung im Sinne der SPD-Führung vor – dabei wurde sich auch von einer parlamentarischen Ordnung die Durchsetzung der Sozialisierung erhofft und sollten die Räte weiterhin ein tragendes Element der neuen Verfassung werden.

    Die Protokolle des Kongresses liegen mittlerweile neu aufbereitet vor, das Vorwort von Ralf Hoffrogge, der sie mit herausgegeben hat, ist online verfügbar.

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    Konterrevolution ohne Truppen

    December 10th, 2018

    Heute vor 100 Jahren begann die tagelange “Heimkehr der Frontsoldaten”, der mit täglichen Militärparaden unter vielen Fahnen und Marschmusik begleitete Versuch der Obersten Heeresleitung, Truppen für die gewaltsame Entmachtung der Räte vor deren Reichsrätekongress ab dem 16.12. in der Hauptstadt zusammenzuziehen.

    Ebert, der mittlerweile befürchten musste, dass nach dem gescheiterten Putsch am Nikolaustag (gerade vier Tage zuvor) einerseits mit erheblichem Widerstand zu rechnen sein würde, andererseits die OHL ihn nun nicht mehr wie geplant zum Reichspräsidenten machen würde, wirft sich in einer kriegskitschigen Rede, die den Ebert vorgelegten Entwurf des Majors Schleicher von der OHL noch verschärft, der Truppe an den Hals und bestätigt darin die Vorstellung vom “im Felde unbesiegten” deutschen Heer (“Kein Feind hat euch überwunden”).

    Doch zum Staatsstreich kommt es nicht – die Masse der Soldaten geht nach dem triumphalen Einmarsch heim und nimmt die Gewehre mit, die ganze konterrevolutionäre Armee aus 16 Divisionen löst sich bis auf 800 Mann auf.


    Bild via

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    Kurze Entschwörung zu Gilets Jaunes vs. Macron

    December 10th, 2018

    Eine Erzählung geht derzeit ungefähr so: Hinter denen dort auf den Straßen Frankreichs, für die Macron die sichtbare Front der geheimen Rothschild-Globalismus-Weltordnungs-Illuminaten ist, steht natürlich der KGB. Und das stimmt auch insofern, als sicherlich der russische Geheimdienst (der mittlerweile allerdings zumindest anders heißt) und vielleicht auch andere Organisationen mehr oder weniger erfolgreich Einfluss auf die politische Lage in Frankreich, in Europa und auch anderswo zu nehmen versuchen – und aber auch insofern Macron tatsächlich das Programm des Neoliberalismus der westlichen Großmächte vertritt und es vor seiner Präsidentschaft als Investmentbanker bei Rothschild zum Partner gebracht hat. (An Rothschild ist selbtredend nicht das Problem, dass es sich um ein jüdisches Familienunternehmen handelt, sondern dass dort wie in allen Banken und Unternehmen kapitalistische Ausbeutung organisiert wird – immer so transparent oder verborgen wie nötig und möglich.)


    “Schau auf deine Rolex – es ist die Stunde der Revolte”

    Und das stimmt alles genauso, wie der englische Geheimdienst einst an der Vorbereitung der Französischen Revolution, später an der anti-napoleonischen Konterrevolution in Preußen beteiligt war, wie das Auswärtige Amt Lenins Fraktion der russischen Revolution unterstützte, Mao ohne sowjetische Unterstützung kaum an die Macht gelangt wäre und Faschismus und Militärdiktatur sich in Krisen aller Art (extra herbeigeführt und verschärft oder nicht) durchsetzen konnten – wie immer wieder einheimische wie ausländische Organisationen aller Art Destabilisierung betreiben und sie wenn möglich für sich auszunutzen versuchen, auch deutsche klandestine wie relativ offen agierende heute in verschiedensten Ländern der Welt.

    Und trotzdem wurde die Aristokratie in Frankreich durch die Revolution damals empfindlich getroffen und in der Folge schrittweise entmachtet, trotzdem haben die oft wirren und widersprüchlichen Auffassungen von Massenbewegungen immer wieder bis heute nachwirkende soziale Veränderungen durchgesetzt – und dabei nicht selten auch ihre Auffassungen geschärft.

    Denn der ganze ideologische Unrat, den auch viele der Gelbwesten heute in Gestalt des antisemitischen (“der Rothschild-Jude”), verschwörungsideologischen (Impfgegnerei, Chemtrails), sonstig nationalistischen und faschistischen Gedankenguts mitbringen, das sie in sozialen Echokammern wie Facebook-Gruppen und Stammcafés auch gut verdichtet und vermischt haben, kommt daher, dass sie weitgehend unerreicht von wirksamer Gesellschaftsanalyse und Kritik in dieser Gesellschaft leben, sich ihren Lebensunterhalt aus einer Produktionsweise bestreiten müssen, die nicht dafür gedacht ist, und im Klassenkampf die andere Seite diese ganzen ideologischen Nebelwerfer mit Freuden im Dauerbetrieb laufen lässt – bis ihr der Laden um die Ohren fliegt. Dann ist der Nationalismus plötzlich der falsche, dann sind seine inhaltlichen Spitzen kein Randproblem mehr, sondern das Charakteristikum, und es muss klargestellt werden, dass andere, äußere Mächte oder die politischen “Extreme” im Land dahinterstecken und dafür verantwortlich sind.

    Der Vorwurf, hinter allen Problemen stecken immer die anderen, die sich hinter verschlossenen Türen gegen die jeweils gute Nation (und einen selbst) verschwören, gehört zur kapitalistischen Gesellschaft dazu – da im Sinne der Konkurrenz ja auch alle versuchen sich zu verschwören, sofern sie können, und der Vorwurf daher praktisch immer auch trifft: “Würden sich doch nur alle wie wir an die Regeln halten, dann könnte der Laden so schön laufen!” Den meisten bleibt aber in Ermangelung der Mittel für einen Geheimdienst o.ä. nur die Verschwörung zur Straßenblockade, zum Streik, zur Besetzung, zum Angriff auf die Nobelviertel der Hauptstadt (die bei den derzeitigen Protesten erstmals in der Pariser Geschichte so betroffen sind) und zur Stürmung des Präsidentenpalasts.


    “Macron tritt ab – unsere Leben, nicht ihre Profite”

    Je mehr sie sich zu dem Zweck mit anderen verbinden, desto mehr können sie praktisch, zumindest für den Augenblick, die Konkurrenz zwischen sich aufheben in der Tendenz immer mehr von denen mit einschließen, von denen sie die systematischen Ausschlüsse und Abwertungen der Ideologie sonst trennen. Dann kann aus dem rohen und unvermittelten Klassenkampf das Bewusstsein der allgemeinen Verbindung entstehen und sich auch das sonst so vernebelte Bild von der herrschenden Klasse klären, so dass es immer weniger um die phantastische apokalyptische Bestrafung und Vernichtung der ideologischen Zerrspiegelbilder und immer konkreter um die ganz reale Enteignung und Entmachtung gehen kann. Das hängt letztlich davon ab, wie anhaltend und entschlossen sich diese Zusammenschlüsse zeigen und immer neue Teile der Klasse einzubeziehen vermögen – aber in der heutigen Welt zu einem Gutteil auch davon, inwiefern das kein isolierter Moment bleibt und es solidarische Zusammenschlüsse, Streiks und Aktionen in anderen Ländern gibt.

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