Auftritte 2022

February 6th, 2022

Alles vorbehaltlich der Pandemiesituation.

• Do, 24.02.2022, Cottbus, Unbelehrbar: Vortrag “Entschwörungstheorie” (FB-Event)
• Mo, 11.04.2022, Panketal, Rathaus: Vortrag “Entschwörungstheorie” (FB-Event)
• Di, 12.04.2022, Strausberg, Horte: Vortrag “Entschwörungstheorie” (FB-Event)
• Fr, 22.04.2022, Eisenach, RosaLuxx: Vortrag “Lenin – Sohn seiner Klasse?” (FB-Event)
• Fr, 29.04.2022, Hamburg, Tesch: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (Ankündigung)
• Do, 05.05.2022, Leipzig, Lixer: Vortrag “Karl Plättner – Die Revolution in Deutschland und der mitteldeutsche Bandenführer” (Ankündigung)
• Sa/So, 04./05.06.2022, Doksy, Pfingstcamp Linksjugend Sachsen: Vortrag “Revolution in Sachsen 1918-23”, Vortrag “Klassenkampf? ‘Sch mach glei mit!”
• Mo, 06.06.2022, Bielefeld: Vortrag “Entschwörungstheorie” (in Planung)
• Fr, 15./17.07.2022, Chemnitz, AJZ: Vortrag “Revolution in Sachsen 1918-23” (Antifaschistischer Jugendkongress)

Schon beschlossen, aber wegen der Gesamtlage noch ohne konkreten Termin sind Leipzig (“Systemausfall ’89/’90 – Das Ende der DDR und die Folgen”), Nordhausen (“Entschwörungstheorie”) und Speyer (“Identität”), mehrere Veranstaltungen zur Revolution vor hundert Jahren vor allem in Sachsen. Wer noch mehr aushecken will oder sich daheim die Slides und Materialien anschauen, findet hier mein aktuelles Programm, das auch noch weiter aktualisiert wird.

Slides zum Plättner-Vortrag

May 6th, 2022

Als Nachtrag zur gestrigen Premiere:

Karl Plättner – Die Revolution in Deutschland und ‘der mitteldeutsche Bandenführer’ (PDF, 6MB)

Und mein Artikel über Plättner:

Weiterkämpfen nach der Niederlage (RLS Sachsen-Anhalt)

8. März 1917: Revolution in Russland

March 8th, 2022

Am Donnerstag dem 8. März 1917, heute vor 105 Jahren, treffen im Stadtzentrum der russischen Hauptstadt Petrograd Streikende und Protestierende sowie einige zu ihnen übergelaufene Soldaten vor allem aus dem nördlichen Industriebezirk (mittlerweile waren dort etwa 90000 im Streik, es gab Hunderte Streiks wegen Inflation und Versorgungsmängeln in Russland in den Wochen zuvor) mit den Kundgebungen zum Internationalen Frauentag zusammen.

Das verbindet auf einen Schlag verschiedene Kämpfe und Sektoren der Gesellschaft und beschleunigt den angelaufenen revolutionären Prozess, der aus etwa 25 Jahren revolutionärer Aufschwünge und konterrevolutionärem Terror entstanden war, so sehr, dass er im Laufe einer weiteren Woche zum Überlaufen der gesamten hauptstädtischen Garnison und der Kosaken, der Bildung einer provisorischen Revolutionsregierung, der Verfügung des vereinigten Petrograder Sowjets über die Kontrolle aller Waffen durch gewählte Soldatenräte und schließlich zur Abdankung des Zaren, zum Ende einer 300 Jahre alten Dynastie und zum Ende der Monarchie in Russland führt.

«Die Februarrevolution wurde in der Brot-Warteschlange geboren. Sie begann, als eine Gruppe Textilarbeiterinnen auf der Wyborger Seite von Petrograd des Wartens müde wurde und wegging, um ihre Männer in den benachbarten Metallfabriken aufzufordern, sich einem Protestmarsch ins Zentrum der Stadt anzuschließen.»

Februarrevolution 1917 in Russland: Organisation, Gewalt, Musik


Bilder zeigen eine Warteschlange für Lebensmittel in Russland, vermutlich Anfang 1917,
die Lage im Ersten Weltkrieg zu diesem Zeitpunkt
und Massenproteste in Petrograd während der Februarrevolution.

Nein, es ist nicht vorbei…

January 28th, 2022

… es ist nicht eh alles egal, und dass die Regierung Pandemieschutz fast nur als Show betreibt, war die ganze Zeit schon so – es ist nicht unser Staat, wir bezahlen ihn nur. Und auch die ganze Zeit über war es hauptsächlich deshalb nicht noch schlimmer, weil sich die allermeisten Leute selbst gekümmert und geschützt haben, ein Heer von Freiwilligen, Unterbezahlten und Überarbeiteten Impfungen, Testungen, Behandlung, Betreuung, Aufklärung und Hilfe übernommen haben. Immer noch gelten die schlimmsten Freiheitsbeschränkungen für die zahllosen Immungeschwächten. Impfungen schützen, Booster schützen mehr. Mehr Infektionen bedeuten mehr Mutationen, die Gesamtzahlen, hierzulande wie global, geben keinen Grund zur Entwarnung. Auch geringere Hospitalisierungsraten heißen immer noch Belastung der knappen Kapazitäten, gerade angesichts der Rekord-Infektionszahlen, die nicht mal mehr vollständig erfasst werden.

Es ist wie mit dem Klimawandel – wir sollten nicht aufgeben, uns nicht einreden lassen, es wäre eh nichts mehr zu machen. Dass es schlimm ist und schlimmer wird, heißt nicht, dass wir nicht nach wie vor noch jede Menge Schaden abwenden können und unbedingt sollten.

So sehr ich Ungeduld und Zorn nachvollziehen kann, ist es immer besser, wenn sich der Zorn auf die Herrschaft der Klasse richtet, deren Interesse den Planeten immer weniger bewohnbar macht, und die Ungeduld auf ihren Fall, mit dem Herrschaft insgesamt fallen könnte. Wir können sie nicht darin schlagen, die Realität zu verdrehen und die Widersprüche auf Schlagzeilen herunterzubrechen. Statt triumphieren und uns moralisch überlegen fühlen zu wollen, sollten wir weiter bestimmt und geduldig erklären, wie wir uns alle am besten schützen können. Und wir sollten dennoch albern und lustig sein, uns selbst und einander Entlastung und Erleichterung verschaffen, wo immer wir das können und wo es nicht nur weitere Last erzeugt.

Passt auf euch auf, passt aufeinander auf, unterstützt die Zusammenschlüsse und Kämpfe der Arbeitskräfte um mehr Mittel und geringere Belastung, in denen das Bewusstsein und die praktischen Grundlagen für die Möglichkeit entstehen können, das Kräfteverhältnis in der Gesellschaft zu kippen und den ganzen Schrecken endlich wirklich ernst zu nehmen.

Mehr aus der Hüfte

January 11th, 2022

Habe auf meine alten Tage offenbar doch noch an einer Art Podcast mitgewirkt – mehr als 2 Jahre nach der Aufzeichnung des Gesprächs mit Lea-Won über meine Hauptthemen und ihren Zusammenhang kann nun dem zweiten Teil gelauscht werden, komplett mit ein paar Lautstärkeüberraschungen und etwas Geraschel, Kapitelunterteilung und weiterführenden Links in der Beschreibung:

“HipHop aka Hüftsprung, Star Trek, Klassenantagonismen und FridaysForFuture”

Die Rekorde

January 6th, 2022
(aufgenommen am Schaukasten der Leipziger Volkszeitung)

Wir sind weit gekommen

December 21st, 2021

Vor allem Klein- und auch einiges Großbürgertum radikalisieren weiter zusammen mit Staatsgewalt und Anhang den Nationalismus, aktuell u.a. in Richtung Faschismus für die Freiheit der Volksgesunden von Überwältigungs- und Penetrationsangst. Liberalismus dabei irgendwie sein eigenes Hufeisen: Sozialdarwinismus “rechte” Version Immunchauvinismus: “Der Markt/Körper regelt das”; “linke” Version Darwin Awards: “Die entsorgen sich selbst”. Nach 5 Jahrzehnten beschleunigter Umverteilung nach oben: Bezos und Musk im Orbit. Google hat ein Zeitkristall. Golfmonarchien haben Regenmacher. Vielleicht wandert die herrschende Klasse komplett ins Metaverse ab und wir lassen sie einfach dort in dem Glauben, ihnen würde noch alles gehören, während wir es ihnen gemeinsam wegnehmen.

Aber verlassen wir uns lieber nicht auf solche Wunschträume, bleiben wir bei den Erkenntnisprozessen und Kämpfen, die schon stattfinden. Greta Thunberg: “Die globalen Krisen beruhen auf der Idee, das manche Leute mehr wert sind als andere.” Gabriel Boric: “Chile war die Geburtsstätte des Neoliberalismus und soll nun sein Grab werden!” Impfende Arbeitskräfte: “Immer rein damit.” Alejandro Vilca: “Wir sind keine professionellen Politiker, wir sind Arbeitskräfte, die Politik machen.” Und Streiks, Streiks, Streiks!

(Grafik zum öffentlichen Vermögen via DIE LINKE. Sachsen.
Antiimpf-Bilder sind von den jüngsten Protesten in Cottbus.)

VIER KURZE

November 20th, 2021

🐴 IVERMECTIN wird in Tier- und Humanmedizin gegen Fadenwürmer, Läuse, Milben, Krätze u.v.m. eingesetzt. Gegen Covid-19 hilft es vermutlich nur in lebensgefährlicher Dosierung. (Ketamin wird ebenfalls in Tier- und Humanmedizin eingesetzt, wobei es in D beim Menschen wegen des Betäubungsmittelgesetzes, in dem es nicht steht, bis auf Ausnahmen nur als Betäubungsmittel eingesetzt werden darf.)

☘️ Die Änderung der Rechtslage bezüglich CANNABIS muss vom Bundesrat bestätigt und dann von der Polizei umgesetzt werden. Der aktuell bekannte Entwurf, der keinen Eigenanbau erlaubt und nur die mutmaßlich hochpreisige “Abgabe” im staatlichen Fachhandel vorsieht, ist eine “Legalisierung” von Reichen für Reiche.

⛲ Die Sängerin SOPHIA URISTA (Brass Against) hat einem Fan während eines Songs ins Gesicht uriniert, dieser scheint sich darüber gefreut zu haben. Nicht egal: andere im Publikum haben diesen Vorgang ungefragt mitangesehen und kennen ihn aus Erfahrung oder Vermittlung eher als Erniedrigung oder Nötigung – consent matters. Egal: Unzählige, die überwiegend gar nicht dort waren, sind von der “Perversion” angewidert oder sonstig normativ-moralisch angepisst.

☣️ Die PANDEMIESITUATION ist hauptsächlich von den Regierungen zu verantworten, die sich an ihren jeweiligen Lieblingskapitalfraktionen orientieren. Dass sich weiterhin einige der Impfung verweigern, ist bitter, das ist aber nicht der Grund für die viel zu knappen Kapazitäten an Impfstoff, Personal, Krankenhausbetten usw.; es ist auch nicht der Grund dafür, dass die Umsetzung der meisten Schutzmaßnahmen auf die Bevölkerung abgewälzt wurde (Masken kaufen, Termine machen, Schlange stehen usw. usf.). Dass es nicht noch viel schlimmer aussieht als ohnehin, liegt zuallererst daran, dass sich die meisten Leute seit Beginn der Pandemie überwiegend so vernünftig wie möglich verhalten haben.

Audio zu Plättner

October 15th, 2021

Radio Blau hat sich mit mir über Karl Plättner unterhalten: https://www.freie-radios.net/111705

Danach lief noch Erich Mühsams Max-Hoelz-Marsch in der Darbietung von Frank Spilker und Knarf Rellöm: “Es lebe die Räterepublik!”

(Ein ausführlicheres Interview zu Karl Plättner mit Knut Bergbauer findet sich hier.)

Nach der Wahl ist vor der Wahl

August 15th, 2021

Irgendeine größtenteils unsympathische und unerträgliche Regierung wird versuchen die Bundesrepublik Deutschland in der Konkurrenz mit den anderen Staaten möglichst erfolgreich zu machen, punktuell mehr oder weniger im Rahmen der EU, mit leicht verschiedenen Mitteln und mehr oder weniger Ahnung.

Je mehr Linke was zu melden haben, desto größer ist insgesamt die Wahrscheinlichkeit, dass auch weiter unten und weiter draußen was ankommt, dass Diskriminierungen beschränkt werden und die Geschwindigkeit der Unbewohnbarmachung des Planeten verringert wird. (Das ist für mich Grund genug sie zu wählen.)

Für alles Darüberhinausgehende braucht es den Druck selbstorganisierter Arbeitskräfte, ihren Zusammenschluss und ihre Selbstaufklärung, vor allem für die Änderung der Eigentumsordnung, das heißt für die Möglichkeit, über Produktion, Distribution, Reproduktion gemeinsam im Interesse aller zu bestimmen. Wenn das wahrscheinlich, naheliegend oder leicht wäre, müsste es nicht immer wieder gesagt und erklärt werden – es ist nicht einfach, es ist nötig.

Weiterkämpfen nach der Niederlage

July 16th, 2021

Mein Artikel über Karl Plättner, politisiert in Thale, “Seele der radikalen Jugendbewegung” im Ersten Weltkrieg, Beteiligter an fast allen Kämpfen der Revolution, zweimal vom Kriegsende befreit – vor 100 Jahren als Bandenführer im mitteldeutschen Untergrund:

“Plättner wächst in der Umgebung von Ballenstedt am Harz auf, bis die Familie 1905 nach Thale zieht, direkt neben das riesige Eisenhüttenwerk mit seinen 4000 Beschäftigten, das den beliebten Luftkurort mit Lärm, Ruß und Dreck zu dominieren beginnt. 1907, als Rosa Luxemburg in der Straße, in der die Plättners wohnen, vor etwa 1000 Menschen im großen Saal des Arbeiterlokals ‘Zur grünen Tanne’ spricht , wird der 14jährige Karl ein ‘Mops’ (Lehrling) in der Gussformen-Herstellung. Dort im Walzwerk sind die Arbeitskräfte besonders gut organisiert, mehr als 150 sind in der Sozialdemokratie Mitglied und viele gehören dem Metallarbeiterverband (DMV) an. Im Jahr zuvor streiken die Belegschaften der Gussformung und des Emaillierwerks (wo besonders viele Frauen arbeiten) erfolgreich für Lohnerhöhung – die Arbeitsbedingungen bleiben jedoch katastrophal, die Pausen sind für 12-Stunden-Schichten weiter zu kurz, nötige Hilfsmittel werden nicht gestellt und es gibt keine Dusch- und Umkleideräume.”

Weiterkämpfen nach der Niederlage
(Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen-Anhalt)

Auftritte 2021

June 14th, 2021

• Sa, 03.07.2021, Weißwasser, Hafenstube Telux: Vortrag “‘Realsozialismus’-Bullshit-Bingo”
• Do, 29.07.2021, Freiburg, SUSI: Vortrag “Entschwörungstheorie”
• Fr, 30.07.2021, Karlsruhe, Café-Noir: Vortrag “Identität – Vom ‘Wer sind wir denn?’ zum ‘Was machen wir hier eigentlich?'”
• Sa, 21.08.2021, Obhausen, RATS: Vortrag “Leben im Rausch” (FB-Event)
• Mi, 01.09.2021, Neubrandenburg, AJZ: Vortrag “Am Geld kleben – Antisemitismus und Kapitalismus”
• Sa, 04.09.2021, Plauen, FAU-Lokal: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23”
• So, 05.09.2021, Stecklenberg/Harz, Linksjugend-Camp: Vortrag “LUTHER AUF DAS MAUL schauen”
• Mo, 18.10.2021, Berlin, ASTA TU/TK2: Vortrag “Am Geld kleben – Antisemitismus und Kapitalismus” (Kritische Orientierungswoche)
• Mi, 03.11.2021, Mönchengladbach, Café Clément: Vortrag “Entschwörungstheorie” (FB-Event)
• Do, 04.11.2021, Osnabrück, SubstAnz: Vortrag “Entschwörungstheorie”
• Do, 11.11.2021, Jena, JG Stadtmitte, 18 Uhr: Vortrag “Entschwörungstheorie” (FB-Event)
• Sa, 13.11.2021, Leipzig, Linxxnet, 18 Uhr: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23”
• VERSCHOBEN WEGEN PANDEMIE Do, 18.11.2021, Eisenach, Rosaluxx, 18 Uhr 30: Vortrag Lenin – Sohn seiner Klasse? (FB-Event)

Schon beschlossen, aber noch ohne konkreten Termin sind Leipzig (“Systemausfall ’89/’90 – Das Ende der DDR und die Folgen”) und Speyer (“Identität”). Wer noch mehr aushecken will oder sich daheim die Slides und Materialien anschauen, findet hier mein aktuelles Programm, das auch noch weiter aktualisiert wird.

Wie’s geht

June 5th, 2021

Bald 8 Milliarden Menschen behausen, bekleiden, ernähren, reinigen, bilden, schützen und erfreuen sich selbst und gegenseitig, gewinnen die Stoffe und stellen die Werkzeuge dazu her, bewegen, unterhalten, reparieren sie, treiben sie an und entsorgen sie.

Wenn sie das alle auch weiterhin tun wollen, müssen sie es am besten sofort mit so wenig wie möglich Ausstoß von Treibhausgasen tun, und ohne weitere derzeit nicht umkehrbare Schäden an ihren natürlichen Grundlagen anzurichten. Sie müssen zudem Möglichkeiten entwickeln, bereits ausgestoßenes Kohlendioxid wieder einzufangen und auch andere bereits angerichtete Schäden irgendwie umzukehren, sie müssen auch dafür die Stoffe gewinnen und Werkzeuge herstellen, bewegen, unterhalten, reparieren, antreiben und entsorgen.

Das allermeiste von alldem tun nach Lage der Dinge Arbeitskräfte in abhängiger Arbeit. Wenn diese bezahlt wird, machen sie sie überwiegend, um für sich und die von ihnen “Mitversorgten” die Lebensmittel kaufen zu können, die andere Arbeitskräfte hergestellt und bereitgestellt haben, denen das auch alles nicht gehört. Und all das geschieht größtenteils nur dann, wenn es direkt oder indirekt das Einkommen derer vergrößert, die (unter Androhung von Gewalt) über die Produktionsmittel, also die Betriebe und Anlagen, verfügen und die das allermeiste von alldem nicht tun. Und es geschieht nach deren Abschätzungen ihrer eigenen Überlebenswahrscheinlichkeit und Lebensqualität. Darin kommen die meisten Menschen nicht vor, von denen schon jetzt ständig Millionen verhungern, an behandelbaren Krankheiten sterben und in jeder erdenklichen Weise unnötig leiden.

Wenn wir uns zusammentun und die Produktionsmittel übernehmen, können wir direkt für unser aller Überleben sorgen und das Leben nach den Bedürfnissen und Wünschen aller einrichten.

Mein alter Globus im Licht der Morgensonne, die ungefähr über der Datumsgrenze “aufgeht”. Schon etwa 6 Stunden nach dem echten Sonnenaufgang über der echten Datumsgrenze ist die Sonne bereits für mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung aufgegangen.

Aus der Produktion

May 21st, 2021

Kai Bonnecke arbeitet im Stahlwerk und spricht im Interview über Hitze, Härte, Leiharbeit, Klima und Lockdown:

“Zu meiner Zeit als Leiharbeiter gab es … kein Weihnachtsgeld, keine Sonderurlaubstage, Prämien hast du auch nicht gekriegt. Aber unsere Gewerkschaft hat das jetzt so in den Griff gekriegt, dass die Kollegen das auch alles kriegen. Das finde ich wichtig, dafür setze ich mich ein. Ich habe das ja fünf Jahre am eigenen Leib gespürt – du gehst zur Bank und kriegst keinen Kredit, weil du keine Festanstellung hast (…)

Ich finde Fridays for Future total super. Junge Leute stehen für was ein, es ist ihre Zukunft. Viele denken maximal bis zum nächsten Sommerurlaub und sagen: Nach mir die Sintflut. Ich habe selber Kinder, und ich möchte denen eine Welt hinterlassen, die lebenswert ist. Man hat die Hoffnung, die Generation macht es besser als wir. Ich arbeite in einem Stahlwerk. Wir sind nach den Kohlekraftwerken diejenigen, die das meiste CO2 in die Atmosphäre blasen. … Also es muss ein Wandel her, so eine Welt auf Pump geht nicht. (…)

Ich hätte mir einen knallharten Lockdown gewünscht. Denn wir hatten zwar auch Kurzarbeit, haben aber durchgängig gearbeitet. Da hab ich mir schon gedacht: Die Konkurrenz macht zu, wir produzieren schön und greifen noch die Kohle ab. Da hätte ich gesagt: Mach zu, fertig, aus!”

Drei doppelte Kurze: Aerosolforschung, Impfung, Arbeit

April 22nd, 2021

💦☣️ Die Gesellschaft für Aerosolforschung warb am 11. April in einem Offenen Brief an die Regierung für wirksamere Maßnahmen zum Pandemieschutz in Innenräumen und z.T. auch an Arbeitsplätzen (genannt wurden nur Büros). Im erklärten Versuch, damit Hoffnung zu machen und vor allem sportliche Betätigung zu stärken, wurde Infektion im Freien als besonders unwahrscheinlich betont, was im Kontext von Frühlingsanfang und Diskussionen um die Ausgangssperre von vielen als generelle Entwarnung verstanden wurde (“Die Luft ist rein!”). Das Ansteckungsrisiko ist zwar grundsätzlich draußen deutlich geringer als drinnen, aber das ist abhängig von der Zahl der Menschen, mit denen draußen in welchem Abstand, wie lange und wie interagiert wird – und es ist bisher nicht ganz aufgeklärt, ein grpßer Teil der Infektionswege sind nach wie vor nicht bekannt.

⚕️💉 Impfungen verringern das Ansteckungsrisiko ebenfalls drastisch, aber ebenfalls nicht auf null, auch hier ist vieles noch nicht klar, z.B. was Mutationen und die Dauer des Impfschutzes angeht. Wirksamkeit und Zuverlässigkeit von Impfungen zu bewerben, um Impfunwillige und Unentschiedene umzustimmen, ist wohl leider nötig; die Betonung des Schutzes vor weiteren Infektionen scheint jedoch teilweise als ähnliche Entwarnung wie der Brief der Aerosolforschung zu funktionieren. Unbedingt sollten sich alle impfen lassen, die können, und die Freude darüber ist mehr als verständlich, es sind jedoch erst 7 Prozent der deutschen Bevölkerung vollständig geimpft, 22 Prozent einmal (global kommen 12 Impfungen auf 100 Menschen, und die sind extrem ungleich verteilt) – es wird noch mindestens große Teile des restlichen Jahres dauern. Momentan rollt die Pandemie noch durch die Welt, also bitte, bitte weiter Abstand halten, Kontakte reduzieren usw. Wie in der “Stay at home”-Diskussion vor einem Jahr ist es bitter extra dazu sagen zu müssen, dass es darum gehen muss, dass alle tun, was sie können, dass alle im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Handlungsoptionen aufpassen und sich gegenseitig schützen, nicht darum, ohne Beachtung von Besonderheiten, Notlagen usw. Forderungen aneinander heranzutragen oder in den Tugendwettbewerb einzusteigen.

🛠️🚩 Gegenseitiger Schutz beinhaltet auch politische Aktion um die Bedingungen zu ändern, Streik um stärker in die Betriebe und Büros einzugreifen. “Es wäre ja mal schön, wenn gestreikt werden würde” oder “Generalstreik jetzt!” ist viel häufiger zu lesen und zu hören, als die Verbindung zur Organisation aller Arbeitskräfte vor Ort, in Betrieb und Küche vor der Nase, hergestellt wird: sich für die bezahlten und unbezahlten Arbeitsverhältnisse um einen herum interessieren, was Bekannte oder Unbekannte da tun, wie es ihnen damit geht und warum, wie sie organisiert sind oder nicht; sich für die örtliche Gewerkschaftssituation interessieren, nach Möglichkeit mitwirken, diejenigen unterstützen, die was tun (gerade wenn die Kräfteverhältnisse ungünstig aussehen) – wenn die reguläre Gewerkschaft wenig bewegt, dann die FAU, idealerweise beides; die Perspektive der Arbeitskräfte einnehmen, ihre Nachrichten verstärken usw. usf.

(Ihr wisst aber schon, dass diese Postings immer auch ein Trinkspiel sind, oder?)

Märzkämpfe 1921, Teil VIII (Schluss) – 1. April: Letzte Schlacht, Nachspiel, Bilanz

April 1st, 2021

Am 1. April 1921 findet die letzte Schlacht der Mitteldeutschen Märzkämpfe statt. Die Aufständischen um Max Hoelz haben sich nach ihrem Sieg über die Schupo in Gröbers drei Tage zuvor zwar durch Arbeiter aus dem Bitterfelder Revier wieder auf 500 Mann verstärkt, wollen sich zu diesem Zeitpunkt angesichts der überall zusammengebrochenen Streiks jedoch, wie im Vorjahr im Vogtland, aus dem Aufstandsgebiet zurückziehen, ihre Waffen verstecken und auf die nächste Erhebung warten.

Die Schutzpolizei kann sie allerdings in Beesenstedt bei Wettin stellen, beschießt sie mit Artillerie und reibt die Truppe mit fünf Hundertschaften komplett auf. Die Aufständischen haben 18 Tote und zahlreiche Verwundete zu beklagen, verlieren ihre ganze Ausrüstung, können zwar über die Saale flüchten, werden in den nächsten Tagen aber größtenteils aufgegriffen. Damit ist der militärische Aufstand niedergeschlagen. Im Zusammenhang mit den Märzkämpfen kommen reichsweit mehr als 300 Aufständische, Streikende, Protestierende und Unbeteiligte ums Leben, ein Großteil durch Erschießungen, 40 Tote gibt es in den Reihen der Schupo. In Mitteldeutschland standen sich insgesamt 39 Hundertschaften und etwa 4000 Arbeiter gegenüber. An den Streiks und Protesten beteiligen sich im ganzen Reich etwa 200.000.

In zwei Dutzend Städten nehmen bereits seit dem 29. März Außerordentliche Gerichte ihre Arbeit auf, deren Rechtsgrundlage im Rahmen der Kriminalisierung der Revolution schon im letzten Herbst erarbeitet wurde und in deren Zuständigkeit 91 Tatbestände überführt wurden. Während es auf Seiten der Schupo trotz eines späteren parlamentarischen Untersuchungsausschusses im Preußischen Landtag (Oberpräsident Hörsing dort über Grausamkeiten der Polizei: “bedauerlich”, aber nichts nachgewiesen) nur zu einer Veurteilung kommt, werden von den 6000 im Aufstandsbereich Gefangenen, die vielfach tagelang misshandelt und gedemütigt werden, 4000 zu einem großen Teil wegen Verstößen gegen das noch am 1. März verlängerte Entwaffnungsgesetz (siehe Teil III) in “abgekürzten” Verfahren praktisch ohne Verteidigung verurteilt, darunter Hunderte zu langen Zuchthausstrafen, so auch der am 16. April in Berlin verhaftete Max Hoelz.

Die VKPD ruft die Rote Hilfe ins Leben, die in den nächsten Monaten mehrere Millionen Mark für Gefangene, Verwundete und deren Angehörige einsammeln kann, darunter auch einige USPDler und SPDler. Am 13. April fordern ADGB und AfA die baldige Abschaffung der Außerordentlichen Gerichte. Es kommt zu weiteren Protesten gegen den anhaltenden Ausnahmezustand, die Schupo-Besatzung und die Sondergerichte. Unterdessen “säubert” die Polizei den ganzen April über Orte im Aufstandsbereich, so Bucha am 4. April, Nebra am 6. und 19. April, am 17. April Bad Bibra, am 20. April Naumburg und am 4. Mai Eckartsberga. Erst im Juli nehmen die Patrouillenfahrten ab.

Mitteldeutsche Unternehmen geben etwa eine Million Mark für eine Schupo-Dauerbesatzung von Eisleben, Hettstedt und Mansfeld. Auch in den Betrieben und Verwaltungen werden nun Tatsachen geschaffen. Es hagelt Entlassungen gegen die an Streiks und Besetzungen Beteiligten, Urlaubsansprüche werden aberkannt, der Kündigungsschutz aufgehoben, die Position der Vertrauensleute beschränkt. In der Folge werden die Löhne gedrückt, es gibt dagegen kaum noch Streiks, die Arbeitsleistung wird gesteigert. Hörsing verordnet am 8. April: “Alle Amtsvorsteher und Amtsvorsteher-Stellvertreter, welche offen zur Kommunistischen Partei sich bekannt haben, werden vorläufig ihres Dienstes enthoben.”

Paul Levi, der am 24. Februar den VKPD-Parteivorsitz geräumt hat (siehe Teil II), veröffentlicht am 12. April seine Broschüre “Unser Weg. Wider den Putschismus”. Er sieht im isolierten Kampf des März nicht nur Dummheit, sondern Verbrechen – Avantgarde allein könne nicht siegen. Die KP soll weder ihren Massencharakter durch Putschismus noch ihren revolutionären Charakter durch Aufgehen in der Tagesarbeit verlieren. Trotz prominenter Zustimmung in der Partei wird Levi am 15. April ausgeschlossen.

Statt Selbstkritik übt sich die VKPD-Führung in Selbstfeier, der März wird als reinigende Bewährung des “Stoßtrupps” gepriesen, Disziplin und Opfersinn werden betont, die Verantwortung für die Niederlage der KAPD und “lokalen Funktionären” zugeschoben. Gleichzeitig betreibt die Partei nun eine intensive Säuberung von Gegnern des Aufstands (und ihrer “Passivität”), sie wird aber auch selbst überall herausgesäubert und verliert vielerorts ihre Stellung in den Betrieben. Diese verlorene gesellschaftliche Macht wird durch immer schrillere Töne ersetzt. Der Mitgliederbestand der VKPD sinkt von 359.000 zu Beginn des Aufstandes auf 180.443 im Sommer 1921. Das Ergebnis ist gerade in Mitteldeutschland keine große Rückwanderung in die anderen Arbeiterparteien, sondern eher eine allgemeine Entpolitisierung.

Aus den Kämpfen bleiben Hunderte Illegalisierte zurück, viele schon seit dem März 1920 im Untergrund, die sich auf Diebstahl und Banküberfälle für ihren Lebensunterhalt besinnen – Karl Plättner schreibt ihnen mit “Der organisierte rote Schrecken – Kommunistische Parade-Armeen oder organisierter Bandenkampf im Bürgerkrieg” das Programm. Auch wenn in den entstehenden illegalen Gruppen nun einige Frauen mitwirken, sind sie wie die Märzkämpfe fast reine Männerveranstaltungen.

In den ersten beiden Jahren der Revolution war das Zusammengehen der SPD-Führung als Regierung mit konterrevolutionären Truppen ein Konflikt auch innerhalb der Sozialdemokratie. Nun wird sozialer Widerstand systematisch kriminalisiert und in die Ecke getrieben, Aufstandsbekämpfung ist Verbrechensbekämpfung, statt der Reichswehr macht das die Polizei – und geht dabei überwiegend gegen diejenigen vor, die im Kern immer noch das vertreten, was vorübergehend fast eine Mehrheit in der deutschen Gesellschaft hatte (und das sich nun nach all dem Morden auch nicht mehr unbedingt noch äußert). Offiziell ist auch die SPD nach wie vor für die Sozialisierung, die sie nur leider, leider nicht hat durchsetzen können.

Erst ab jetzt stehen stehen sich im hegemonialen Verständnis Rechtsstaat und Demokratie auf der einen und Parteiherrschaft und Bandenkrieg auf der anderen Seite krass gegenüber – dazwischen hatte es für einen großen Teil der Revolution die deutliche Position der Rätedemokratie gegeben, die nun zwar noch nicht vollständig zerrieben ist, aber weit davon enfernt, artikulierte Massenauffassung zu sein.

Während der März 1921 gewissermaßen zur Geburtsstunde der deutschen radikalen Linken wird, die aus den Betrieben und in die kriminalisierten Ecken verwiesen ist, schult die Polizei bis in die BRD der 50er Jahre hinein Aufstandsbekämpfung am Beispiel der Märzkämpfe.

Hinter den Schuldzuweisungen und Rechtfertigungen im Anschluss an die Ereignisse verschwand, was Prof. Dr. Patrick Wagner, Professor für Zeitgeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, als “die treibende Kraft, ohne die es nicht zu den Märzkämpfen gekommen wäre” benennt: die “militante Massenbewegung aus der regionalen Arbeiterschaft, die für eine Sozialisierung im Sinne der Aneignung der eigenen Betriebe durch die Belegschaften eintrat.”

Schupo mit Artillerie im Einsatz im Mansfelder Land Ende März 1921

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Über die Schupo und einige ihrer Verbrechen im Mitteldeutschen Aufstand berichtet Emil Julius Gumbel in “Vier Jahre politischer Mord”, Berlin 1922, Seite 67f.

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Märzkämpfe 1921, Teil I – 20. Februar: Kommunistischer Wahlerfolg in Mitteldeutschland
Märzkämpfe 1921, Teil II – 24. Februar: VKPD-Führung legt Ämter nieder
Märzkämpfe 1921, Teil III – 1. März: Kriminalisierung von Armut und Widerstand
Märzkämpfe 1921, Teil IV – 13. März: Vereitelter Anschlag auf die Siegessäule
Märzkämpfe 1921, Teil V – 19. März: Polizei marschiert in Mitteldeutschland ein
Märzkämpfe 1921, Teil VI – 23. März: Tote bei Protesten in Hamburg, Aufstand in Mitteldeutschland
Märzkämpfe 1921, Teil VII – 29. März: Leuna gestürmt, Tote auch im Ruhrgebiet, in Mannheim und Karlsruhe
Übersicht über die bisherigen Postings zur Revolution in Deutschland 1918-23

Märzkämpfe 1921, Teil VII – 29. März: Leuna gestürmt, Tote auch im Ruhrgebiet, in Mannheim und Karlsruhe

March 29th, 2021

Am 29. März 1921 stürmen 21 Hundertschaften der Schutzpolizei unter Oberst Graf Poninski unterstützt von Reichswehr-Artillerie in den Morgenstunden das nur von wenigen der verbliebenen, erheblich schlechter bewaffneten Arbeitern verteidigte Leuna-Werk. Etwa 70 Arbeiter werden getötet, Hunderte in einem Stickstoffsilo eingesperrt und misshandelt (Nahrungsentzug, Spießrutenlauf), mindestens zehn Fliehende ertrinken in der Saale. Ein Befreiungsversuch endet mit weiteren Toten. Der Polizeibericht meldet einen getöteten Schupo.

Der Kommandant von Leuna, der 24jährige Peter Utzelmann alias Kempin, wie viele andere der überwiegend jungen Bewaffneten schon an den revolutionären Kämpfen der vorangegangenen Jahre beteiligt (Kiel, Volksmarinedivision), entschied trotz der geringen eigenen zahlenmäßigen Stärke nach mehreren erfolglosen nächtlichen Vorstößen auf Merseburg (Bezirkshauptstadt und mögliche Verbindung mit dem Geiseltal und dem südlichen Aufstandsbereich) das Werk zu befestigen, zog jedoch, wie die meisten der Bewaffneten im Werk, angesichts der Polizeiübermacht bereits am 28. März zur geplanten Entlastung des Mansfelder Reviers ab. Die verbliebenen Besetzer ersuchten telefonisch bei der Polizei vergeblich um eine kampflose Übergabe des Werkes – die Schupo-Einsatzleitung wollte die “Mausefalle” zuschnappen lassen.

Ebenfalls am 28. März wurden Max Hoelz’ von Schraplau und Teutschenthal kommende Rote Armee und eine Gruppe Hallenser Arbeiter, zusammen der letzte größere Kampfverband der Aufständischen, in Ammendorf zwischen Halle und Leuna nach mehreren abgewehrten Angriffen aufgerieben, die Kämpfe hatten sich nach dem Durchmarsch der Polizeiverstärkung im Mansfelder Land (siehe Teil VI) in den östlichen Teil des Mitteldeutschen Reviers verlagert, wo auch Bitterfeld noch bis 30. März in der Hand der Aufständischen ist.

Am 29. März gelingt Versprengten der Hoelz-Truppe und einigen Bitterfelder Arbeitern ein letzter Sieg über die Regierungstruppen in Gröbers, wo sie eine mit MGs und einem Minenwerfer ausgerüstete Technische Hundertschaft in die Flucht schlagen können. Im ans Aufstandsgebiet angrenzenden Sachsen wird ab 29. März, dem ersten Arbeitstag nach Ostern, vor allem in der Umgebung von Leipzig (Borna, Meuselwitz), aber auch in Oelsnitz, Schwarzenberg und Aue gestreikt, bis die Landespolizei alle Gruben besetzt. Reichswehr beginnt das aufständische Gebiet anzuriegeln, marschiert am 30. März in Sangerhausen und Aschersleben ein.

150 der aus Leuna ausgezogenen Bewaffneten erreichen das thürinigische Wiehe und dann Bachra, wo sie in der Nacht zum 31. März von 200 Schupos angegriffen werden. In einem stundenlangen erbitterten Gefecht sterben acht Arbeiter, 16 werden schwer verwundet, 60 gefangengenommen. In Halle überfällt die Schupo am Abend des 29. März die Nachrichtenzentrale in der Reilstraße und tötet die zwei Kommunisten Schneidewind und Harzdorf, die sie eingerichtet haben. In Berlin wird am 30. März der VKPD-Funktionär Wilhelm Sült aus einer Versammlung heraus verhaftet und im Polizeipräsidium am Alexanderplatz “auf der Flucht erschossen”, also ermordet. Der Polizeipräsident erlässt ein Versammlungsverbot für die Stadt.

Im Ruhrgebiet entscheidet eine von der VKPD und der syndikalistischen FAU dominierte Schachtdelegiertenkonferenz mit Vertretern von mehr als 300 Betrieben und Bergwerken am 28. März in Essen, die Streikforderungen nach Rücknahme der Überschichten, kürzeren Arbeitszeiten, höheren Löhnen, Einstellung von Arbeitslosen und Beschlagnahme leerstehenden Wohnraums um den Abzug der Schupo aus Mitteldeutschland und die “Bewaffnung des Proletariats” zu erweitern. Unmittelbar nach der Konferenz schießt die Polizei in eine Menge, die auf dem Burgplatz demonstrieren will, und tötet 18 Arbeiter, in den Auseinandersetzungen in den Nebenstraßen werden auch drei Polizisten getötet.

Während der Streikaufruf weitgehend verhallt und nur etwa 20 Prozent der Bergleute sich beteiligen, kommt es dennoch zu Kämpfen. Bewaffnete Arbeiter besetzen am 28. März Mettmann, müssen unter hohen Verlusten drei Schupo-Hundertschaften weichen. In der Nacht zum 29. März entwaffnet auch in Gevelsberg eine KAPD-Kampfgruppe die Polizei und sperrt sie ein, requiriert Geld aus Post und Bank sowie Fahrzeuge und unterbricht den Zugverkehr. Schupos aus Barmen und Hagen schlagen die Aktion nieder, töten mehr als 30 Arbeiter.

In Moers, wo VKPD und FAU relativ stark sind, ist die Streikbeteiligung hoch und einige Zechen werden besetzt. Die VKPD-Führung besteht jedoch im Sinne ihrer Eskalationsstrategie auf der Ausrufung einer “Rheinischen Republik”, belgische Truppen räumen schließlich die besetzten Schächte. Reichspräsident Ebert (SPD) verhängt am 29. März den Ausnahmezustand über die Bezirke Düsseldorf, Arnsberg und Münster, das Ruhrecho wird verboten, die übrige kommunistische Presse unter Vorzensur gestellt.

Am 29. März finden in Karlsruhe und Mannheim VKPD-Demos gegen den Schupo-Einsatz in Mitteldeutschland statt. Die Schupo feuert in die Menge, tötet in Mannheim fünf, in Karlsruhe zwei der Demonstrierenden, es kommt zu zahlreichen Verhaftungen und Misshandlungen. Weitere Proteste und Streiks gibt es u.a. in Stuttgart, Frankfurt am Main und Hanau.

Zum Terror aus Erschießungen und Misshandlungen treten ab 29. März die seit Monaten vorbereiteten Sondergerichte hinzu, um die es im letzten Teil dieser Reihe über das Ende und direkte Nachspiel der Kämpfe gehen wird.

Oben; Panzerzug der Leuna-Arbeiter nach der Eroberung des Werkes durch die Schupo, unten: von der Schupo in Leuna erschossene Arbeiter –
Näheres zu beiden Fotos und ihrer Deutungsgeschichte erläutert Tobias Kühnel-Koschmieder vom Stadtmuseum Halle hier (ab 32:40)

Märzkämpfe 1921, Teil I – 20. Februar: Kommunistischer Wahlerfolg in Mitteldeutschland
Märzkämpfe 1921, Teil II – 24. Februar: VKPD-Führung legt Ämter nieder
Märzkämpfe 1921, Teil III – 1. März: Kriminalisierung von Armut und Widerstand
Märzkämpfe 1921, Teil IV – 13. März: Vereitelter Anschlag auf die Siegessäule
Märzkämpfe 1921, Teil V – 19. März: Polizei marschiert in Mitteldeutschland ein
Märzkämpfe 1921, Teil VI – 23. März: Tote bei Protesten in Hamburg, Aufstand in Mitteldeutschland
Übersicht über die bisherigen Postings zur Revolution in Deutschland 1918-23

Märzkämpfe 1921, Teil VI – 23. März: Tote bei Protesten in Hamburg, Aufstand in Mitteldeutschland

March 23rd, 2021

Am 23. März 1921 kommen in Hamburg bei Erwerbslosenprotesten mindestens 20 Menschen ums Leben. Die Proteste sind Teil der kommunistischen Märzaktion, die am Morgen die Besetzung der Werften Vulcan und Blohm&Voss, die Forderung nach Einstellung von Erwerbslosen und Umsetzung des “Offenen Briefs” (siehe Teil I) sowie am Nachmittag eine Kundgebung von 15-20.000 Menschen um das Heiligengeistfeld umfasst.

Die geplante Besetzung des Rathauses und Entwaffnungsaktionen gegen Polizeiwachen werden von der neuen VKPD-Parteiführung (siehe Teil II) im Sinne ihrer Provokationstaktik in letzter Minute gestoppt, obwohl gerade die Waffenfrage in Hamburg zum Kern der Mobilisierung “gegen die Rüstungen der Gegenrevolution” gehört, was nun aber zur Farce wird. Die kommunistische Abgeordnete Ketty Guttmann ruft auf der Belegschaftsversammlung bei Blohm&Voss aus: “Die ganze Welt sieht auf Hamburg! Wenn Hamburg brennt, brennt die Welt! Ihr seid die Herren der Welt, wenn ihr nur wollt… Wer die Waffen hat, hat die Macht, und wer hat die Waffen? Die Sicherheitsmannschaften! Wenn sie euch entgegentreten, nehmt ihnen die Waffen weg, dann habt ihr die Macht.”

Die Polizei errichtet Straßensperren und Stacheldrahtverhaue mit MG, patroulliert mit Panzerwagen. Ab 16 Uhr wird für Hamburg der Ausnahmezustand erklärt, es soll “rücksichtslos von der Waffe Gebrauch” gemacht werden. Sofort gibt es vier Tote am Elbtunnel, wo 2.000 Vulcan-Arbeiter durch eine Polizeisperre zur Kundgebung gelangen wollen. Die Polizei wird um die Werften zusammengezogen, diese werden mit wenig Widerstand verlassen.

Am Millerntor wird der Platz mit Maschinengewehrfeuer geräumt, es gibt 15 Tote. Aus der Menge wird vereinzelt zurückgeschossen, auch ein Polizist stirbt. Als um 17 Uhr eine Erwerbslosendemo am Heiligengeistfeld eintrifft, sich weigert zu gehen und sogar versucht, die Polizei zu entwaffnen, nimmt diese vorm Justizgebäude in zwei Schützenreihen Aufstellung und feuert in die Menge. Am Abend beginnen umfangreiche Verhaftungen, die Werftleitungen beantworten die Streiks und Besetzungen mit Aussperrung. Insgesamt sind etwa 2.000 Werftarbeiter im Ausstand, die Unruhen sind die heftigsten in Hamburg seit Ostern 1919. Obwohl es wegen der Kriminalisierung der Proteste und ihrer teils absurden Führung zu keiner Solidarisierungswelle kommt, im Gegenteil viele Arbeiter sich gegen die Kommunisten stellen, besteht die Zentrale auf “Steigerung” und will in Verkennung der Gesamtlage die Hamburger Ereignisse als zweiten Grund für den Aufruf zum reichsweiten Generalstreik nutzen.

Der wichtigste Grund bleibt jedoch die Lage in Mitteldeutschland. In der Nacht zum 23. März trieben bewaffnete Arbeiter in Eisleben die Schutzpolizei in ihre Unterkünfte zurück, nun greift die von Max Hoelz aufgestellte Kampftruppe an, stellt die Schupos am Otto-Schacht in einem Hinterhalt und kann vier von ihnen töten. Aktionsausschüsse in mehreren benachbarten Orten stellen Kampftrupps auf und schicken sie zu Hoelz, es gibt ein zeitweiliges lokales Übergewicht über die Schupo. Durch Sprengungen wird die Bergwerksbahn unterbrochen um den Einsatz von Streikbrechern zu verhindern, Schachtbesetzungen verleihen dem Streik Nachdruck. Arbeiter holen ihre versteckten Waffen und schließen sich den Kampfverbänden an. Der bewaffnete Aufstand hat begonnen.

Hoelz’ Truppe entwaffnet in Mansfeld Schupo und Landjäger, befreit Gefangene, beschlagnahmt im Landratsamt und in der Spar- und Kreditanstalt 20.000 Mark und Militärgewehre. Die eintreffende Polizeiverstärkung läuft ins Leere, trifft bei Rückkehr nach Hettstedt auf Widerstand Hunderter auf dem Marktplatz. Jetzt will Hoelz die Schupo in Eisleben aus ihren Unterkünften locken und dann vertreiben, greift zu Brandstiftung und Sachbeschädigungen. Die Schupo verschanzt sich, wird von Arbeitern eingekreist.

Die Polizei zieht nun ihre Truppen zusammen und holt zum großen Schlag aus. Der Hauptorganisator der Polizeioffensive, der Oberpräsident der preußischen Provinz Sachsen Otto Hörsing (SPD), lehnt die angebotene Vermittlung durch die Thüringer Landesregierung ab, der Belagerungszustand für den Regierungsbezirk Merseburg wird ausgerufen. Reichspräsident Ebert (auch SPD) bereitet Reichswehreinsatz vor, was Hörsing und der preußische Innenminister Severing (ebenfalls SPD) für falsch halten, weil dann ihr Kalkül, die Aufständischen zu kriminalisieren und zu isolieren (siehe Teil III), nicht mehr aufgehen würde und mit erheblich mehr Widerstand zu rechnen wäre. Am 24. März erklärt Ebert schließlich den zivilen und nicht den militärischen Ausnahmezustand für die preußische Provinz Sachsen und Groß-Hamburg, greift dazu einmal mehr auf Artikel 48 der Reichsverfassung zurück. Hörsing verbietet zudem Versammlungen und die kommunistische Presse.

Die VKPD ruft vor Ort in vergleichweise besonnenem Ton zum Generalstreik für den ganzen Bezirk auf, die Parteizentrale jedoch für ganz Deutschland, was unrealistisch ist, zumal das arbeitsfreie Ostern beginnt – sie will nun jedoch den ganz großen Aufstand lancieren. Der Streikaufruf im Bezirk ist relativ erfolgreich, erfasst ihn jedoch nicht vollständig.

Leuna stellt am 24. März bewaffnete Formationen auf. Sie bekommen Waffen aus Leipzig, sind aber insgesamt schlecht ausgerüstet, haben nur etwa 200 Gewehre und versuchen sich mit selbstgebauten Sprengkörpern zu behelfen. Sie heben Schützengräben aus, positionieren MG und stellen sogar einen eigenen Panzerzug aus einer Lokomotive und zwei Waggons her, mit Schießscharten und mehreren MGs, ummantelt mit 15 Millimeter dicken Stahlplatten. Von den 20.000 Arbeitskräften sind nur etwa 2.000 im Werk geblieben, 800 melden sich zum Kampf.

Bei Erdeborn und Stedten werden nach Eisleben marschierende Polizeitruppen gewaltsam aufgehalten. Fünf Schupo-Hundertschaften greifen das von Arbeitern besetzte Helfta an, das erst nach erbitterten Kämpfen erobert wird, 11 Arbeiter und 4 Schupos werden getötet.

Die Arbeiter müssen sich aus Eisleben in die Umgebung zurückziehen. In Hettstedt sind nun trotz Widerstand vier Polizei-Hundertschaften. Hoelz’ Truppe greift sie nachts an, sprengt Bahnhof, Bank und weitere Gebäude, zieht sich dann in ihr Hauptquartier nach Helbra zurück. Noch am 25. März behaupten sich die Arbeiter in den Kämpfen um Hettstedt, während in der Stadt 50 Verdächtige verhaftet werden.

Doch das Eintreffen weiterer Truppen mit Artillerie und Minenwerfern unter Polizeioberst Graf Poninski, der schon im Jahr zuvor an der Niederschlagung der Roten Ruhr beteiligt war, kippt das Kräfteverhältnis so deutlich, dass eine Abordnung von Arbeitern und einem Redakteur der Mansfelder Volkszeitung Polizeimajor Foltes Bedingungen akzeptiert, den Kampf einzustellen. Hörsing ist jedoch gegen die in Aussicht gestellte Straffreiheit und für “äußerste Strenge”, ebenso plädiert Severing gegen Verhandlungen und für Fortsetzung der Polizeiaktion. In zahlreichen Eingaben drängen zudem Arbeitgeberverbände, Konservative und Konterrevolutionäre auf Durchgreifen, die Presse ergeht sich in Hetze gegen “lichtscheues Gesindel” (Berliner Tageblatt) und “die unverkennbar slawischen Gesichter” der Aufständischen (Hallische Zeitung).

Hoelz’ mobile Kampfgruppe mit ihren Lastwagen und Pferdegespannen, durch einerseits Streik und andererseits beginnende Verhaftungen nunmehr auf etwa 1.500 Mann angewachsen, greift am 25. März abends erneut Hettstedt an, überrennt die Schupo, zieht dann aber nach Sangerhausen ab um sich zu sammeln und nach Halle durchzustoßen, wo schwere Waffen beschafft werden sollen. Auch in Sangerhausen und Umgebung haben sich Aktionsausschüsse gebildet und bewaffnete Trupps aufgestellt. Mit ihnen besetzt Hoelz’ Truppe am 26. März die Stadt, kann einem eintreffenden Panzerzug stundenlang Widerstand leisten, muss aber schließlich nach Schraplau abziehen.

Währenddessen trifft Poninski auf heftigen Widerstand und Folte ist zunächst außerstande zu helfen. Erst am 27. vereinigen sich die Polizeitruppen und gehen nun so vor, wie sie es im Weltkrieg und seither taten: “die Aufständischen werden eingekesselt, mit gezieltem Artilleriefeuer zusammengeschossen und dann aufgerollt” (Langer). Parallel beginnen im großen Stil Verhaftungen und Erschießungen. Doch ist der Aufstand nicht vorüber: In Querfurt ist ab 26. März Generalstreik, Arbeiterpatrouillen kontrollieren die Stadt bis 28. März. Nachdem Nebra am 23. März von der Schupo geräumt wird, ist die Umgebung bis 1. April Sammelgebiet. Das Geiseltal ist ab 24./25.März in Arbeiterhand, ein Schupovorstoß scheitert.

Am 25. März nehmen in Halle trotz Ausnahmezustand etwa 10.000 Menschen an einer Kundgebung für die Märzgefallenen teil, nach der ein großer Teil der kampfbereiten Arbeiter in Richtung Leuna abzieht und den Streik in Halle damit entscheidend schwächt. Am folgenden Tag werden Anschläge auf zwei Hallenser Zeitungen verübt, die besonders scharf gegen Streik und Aufstand Stimmung gemacht haben. Doch Terror und Bandenkampf verprellen viele, nicht zuletzt weil das SPD-Framing der “Verbrechensbekämpfung” und die Generalstabs-Anweisungen aus der VKPD-Parteizentrale zusammenwirken und die Aufständischen isolieren. In der Region teilen auch SPD, USPD und Gewerkschaften die “Befürchtungen der Arbeiterschaft gegenüber der Überschwemmung mit Polizei”, wie sie gegenüber Hörsing erklären, sanktionieren aber nach dessen Zusicherung, es werde sich auf die Verfolgung von Kriminalität beschränkt, schließlich den Polizeieinsatz.

Auch im kommunistischen Lager ist die Unterstützung mager. Guralskis Versuch auf einem überregionalen Treffen von VKPDlern und KAPDlern in Dresden den großen Aufstand zu beschließen findet wenig Widerhall. Dennoch kommt es am 26. März zum Generalstreik in Gotha, Suhl und Zella-Mehlis in Thüringen, wo auch Verhaftungen verhindert werden können. Am 25. März demonstrieren Zehntausende in Essen, es finden im Ruhrgebiet weitere Solidaritäts-Aktionen statt, und am Ostersamstag, dem 26. März, wird in zahlreichen Werken gestreikt, darunter den Metallbetrieben von Remscheid und den Zechen in Gelsenkirchen. Die blutige Eskalation steht im Ruhrgebiet, anders als in Hamburg und Mitteldeutschland, noch bevor.

Max Hoelz mit kämpfenden Arbeitern im Mansfelder Land; kommunistischer Aufruf zur Kundgebung auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg; Erklärung des Belagerungszustands in der Eisleber Zeitung.

Märzkämpfe 1921, Teil I – 20. Februar: Kommunistischer Wahlerfolg in Mitteldeutschland
Märzkämpfe 1921, Teil II – 24. Februar: VKPD-Führung legt Ämter nieder
Märzkämpfe 1921, Teil III – 1. März: Kriminalisierung von Armut und Widerstand
Märzkämpfe 1921, Teil IV – 13. März: Vereitelter Anschlag auf die Siegessäule
Märzkämpfe 1921, Teil V – 19. März: Polizei marschiert in Mitteldeutschland ein
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Märzkämpfe Teil V – 19. März: Polizei marschiert in Mitteldeutschland ein

March 19th, 2021

Am Samstag, dem 19. März 1921, marschieren mehrere Hundertschaften der Schutzpolizei mit Maschinengewehren, Panzerwagen und acht Tagen Verpflegung in die kommunistischen Hochburgen im Mansfelder Land und um Leuna ein. Schon vorm Weltkrieg sind Polizeitruppen im Oktober 1909 ins Mansfelder Revier eingerückt um Streiks und Aufruhr zu unterbinden, seit den in der Region heftigen Kämpfen im März 1920 (“Schlacht um Halle”) ist das Gebiet nicht zur Ruhe gekommen.

Um nun den Vorwand der Kriminalitätsbekämpfung (siehe Teil III) aufrechtzuerhalten sollen die Truppen das Gebiet zunächst besetzen und durch Patrouillen Präsenz zeigen um bewaffnete Arbeiter zu Angriffen zu provozieren und sie so entwaffnen zu können. Erst nach Einsetzen des erwarteten Generalstreiks zu Wochenbeginn soll in die Offensive gegangen werden. Der im westlichen Teil der Aktion (“Kohlensache”) kommandierende Polizeimajor Folte ordnet in Hettstedt die Absetzung des USPD-Bürgermeisters Rosenberg an, der dagegen protestiert, wie in Eisleben die Truppen in Schulen unterzubringen. Im östlichen Operationsgebiet (“Frühjahrsreise”) werden Schafstedt, Teutschenthal, Ammendorf und Merseburg, am 21. März Mücheln, Laucha und Nebra besetzt, am 22. schließlich Schraplau. Befehlshaber Polizeimajor Fendel-Sartorius quartiert sich im Merseburger Schloss ein. Bis zum 21. März kommt Verstärkung aus Berlin dazu, insgesamt sind mehr als 1000 Polizisten im Einsatz.

Am 18. März folgt die kommunistische Mansfelder Volkszeitung der allgemeinen Stimmung unter den Arbeitern der Region und ruft als Antwort auf den bevorstehenden Polizeieinmarsch zu Streik und Besonnenheit auf. Die Bezirksausschuss-Sitzung der VKPD in Halle beschließt nun am 19. März erst mit dem weitergefasstem Kalkül der neuen Parteiführung, Mitteldeutschland als Reserve für den großen Aufstand zurückzuhalten, gleichzeitig Terror zur “Steigerung” der revolutionären Stimmung einzusetzen, dann bricht dort wegen der Nachricht vom Einmarsch Euphorie aus und es wird mit Betriebsbesetzungen durch die Polizei gerechnet. Während die VKPD-Bezirksleitung vor “übereilten Schritten” warnt und “Eigenmächtigkeiten” der illegalen Parteiorganisation MP (Militärpolitischer Apparat) vorbeugen will, rechnet diese mit größeren Reserven an Waffen und Kampfbereitschaft in Mitteldeutschland. Die Oberkampfleitung in Leipzig (Guralski) will mit dem MP einen rein militärisch geplanten Aufstand durchführen, es bedürfe “künstlicher Mittel”. An die KPD in Chemnitz werden generalstandsmäßige Anweisungen gesendet. Auch der Abgesandte der Parteizentrale Hugo Eberlein will die MP nutzen, für fingierte Entführungen und False-flag-Anschläge.

Die SPD-Presse dreht ab 20. März voll auf und schreibt etwa in Anspielung auf die Kapp-Putschtruppen: “Wie einst die Marburger Mordjünglinge johlten: ‘Die Anatomie braucht Leichen’, so gilt jetzt bei der VKPD die Losung: ‘Moskau braucht Leichen, damit wir neuen Agitationsstoff haben.'”

Im Operationsgebiet der Polizei selbst treffen die Truppen auf Ablehnung. Geschäfte schließen oder weigern sich an die Schupos zu verkaufen, Gaststätten schenken ihnen nicht aus. Der Großteil der Bevölkerung bis hinauf zu vielen Bürgermeistern verlangt den sofortigen Abzug der Polizei. Der Kreistag des Mansfelder Gebirgskreises protestiert am 19. März gegen den Einmarsch und fordert, statt der Arbeiter die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen.

In der Samstagnacht vom 19. auf den 20. März wählt bei Eisleben eine geheime VKPD-Parteikonferenz mit 200 Funktionären, Betriebsräten und Gewerkschaftsvertretern einen Aktionsausschuss und beschließt für Montag den 21. März den Streik für den Unterbezirk. Der Aufruf wird in der Mansfelder Volkszeitung veröffentlicht, die Schupo beschlagnahmt 4200 Exemplare, der Aufruf verbreitet sich trotzdem und wird befolgt. Trotz unternehmensseitiger Drohung mit Entlassung bei mehr als 3 Tagen Beteiligung am Streik weitet sich dieser aus. Am 22. März sind zwei Drittel der Arbeitskräfte, darunter auch viele Landarbeiter, im Operationsgebiet der Polizei im Streik, das Erscheinen der MVZ wird unterbunden.

Auch Leuna streikt ab 21. März, 12000 Arbeitskräfte beteiligen sich an einer Protestversammlung, ein Aktionsausschuss wird gewählt, Forderungen werden aufgestellt: Abzug der Polizei, Entwaffnung der konterrevolutionären Truppen, Bewaffnung der Arbeiter, Streik bei Werksbesetzung. Hier ist die KAPD besonders stark, ihre Versammlung am 18. März mobilisiert schon 4-5000 Teilnehmer. Ihr bekanntester Vertreter Max Hoelz, der für den weiteren Verlauf der Ereignisse noch wichtig wird, aber erst in der Nacht vom 21. auf den 22. März aus Berlin eintrifft, hat bereits 1919 in Leuna agitiert.

Gleich am 19. ist jedoch Karl Plättner vor Ort, der andere bekannte KAPD-Kopf, dessen Leben soviel Revolutions- und Regionalgeschichte enthält, dass es hier zumindest kurz umrissen sei. Plättner wird als Jugendlicher im Eisenhüttenwerk Thale sozialistisch politisiert, im Ersten Weltkrieg als “Seele der radikalen Jugendbewegung” (Hamburger Polizeipräsident Stürken) inhaftiert, seine auf den 20. November 1918 angesetzte Hauptverhandlung fällt wegen der Revolution aus. Ende November wieder in Thale kann er nicht verhindern, dass Arbeiter ihre Waffen abgeben.

Er ist bei der Gründung der KPD zum Jahreswechsel anwesend, beteiligt sich im Januar 1919 aktionistisch und übereifrig an der Bremer Räterepublik, lebt hinterher wieder in der Illegalität, ist im März bei den Kämpfen in Berlin, danach Wanderredner in Mitteldeutschland, schreibt lyrisch-pathetische Erklärungen gegen Gewerkschaften und Parlament, für Räteherrschaft, die “sofortige Bewaffnung des Proletariats”, die Zerschlagung der “Polizei der schwarz-weiß-roten Reaktion”, für die Sozialisierung der Produktionsmittel und des Grundbesitzes, führt Mitte April nach einem Vortrag in Aschersleben einen lokalen Putschversuch an, wird im September in Halle verhaftet und kann im Dezember fliehen.

Plättner gründet 1920 die KAPD mit, viele KPDler in Magdeburg und Halle folgen ihm. Er ist innerhalb der Partei gegen syndikalistiche, nationalbolschewistische und antisowjetische Fraktionen. Die KAPD ist zwar wie die VKPD vom Polizeieinmarsch überrascht, aber besser vorbereitet, Plättner eilt sofort am 19. März von Leipzig nach Halle um eine Versammlung der KAPD zum bewaffneten Aufstand aufzurufen, ist in Hettstedt vom Tempo der Mobilisierung ernüchtert, agitiert für den Streik, Entwaffnung der Schupo und Übernahme der Betriebe, will die Schupo notfalls reizen um “den Stein ins Rollen zu bringen”.

Ein Flugblatt der KAPD und ihrer Betriebsorganisation AAU verlangt Anfang der Woche unverzüglich Generalstreik in Mitteldeutschland und die Ersetzung aller Betriebsräte durch Aktionsausschüsse. Die VKPD (Oelßner) geht auf Distanz, es gibt Stimmen für Abbruch der Aktion, die Mittel scheinen für die Ziele nicht zu genügen, doch Eberlein beharrt im Auftrag der Parteizentrale auf Fortführung, “Steigerung”. Am 21.März wird eine kommunistische Nachrichtenstelle in der Reilstraße 84 in Halle eingerichtet, die militärische Oberleitung sitzt um die Ecke in der Körnerstraße 32. Am 22. März spricht Max Hoelz vor Tausenden in Eisleben und beginnt sofort Kämpfer anzuwerben.

Trotz relativ schwacher KPD-Kundgebungen in Hamburg am 6. und 15. März sind etwa Thälmann und Urbahns für das “Offensivkonzept” der neuen Parteiführung. Die Vorbereitungen der Märzaktion beginnen im Hamburg am 19.3. nach einer Zentralausschuss-Sitzung, Hamburger Volkszeitung und Rote Fahne rufen auf, der Vorstand des Ortsvereins beschließt für den 23. März eine Kundgebung auf dem Heiligengeistfeld sowie Aktionen um für Erwerbslose Einstellung in den Werften zu erzwingen.

Arbeitslose gelten im “Offensivkonzept” als “besonders revolutionär” und werden als Provokationsmasse gesehen. Am 20.März stimmt der kommunistisch dominierte Arbeitslosenrat den Aktionen zu, ohne jedoch über den Gesamtplan im Bilde zu sein. Eine geheime VKPD-Sitzung am 21. März abends hofft auf mindestens 9000 Erwerbslose zum “Vorschieben”, Belegschaftsversammlungen auf den Werften fordern die Einstellung der Arbeitslosen. Die Gewerkschaft mauert, die SPD spottet am 19. März im Hamburger Echo, warnt am 21. und wendet sich am 22. dann offen gegen die kommunistischen Vorhaben.

Im Ruhrgebiet herrscht seit dem 11. März Empörung über die zentrale Entscheidung, statt der lange geforderten kürzeren Schichten nun mehrere Überstunden pro Woche schieben zu müssen. Die KPD in Rheinland-Westfalen hat am 21. und 22. März noch keine Ambitionen, in diesen sich noch entfaltenden Konflikt die Forderung nach Unterstützung für Mitteldeutschland hineinzutragen. Das wird sich innerhalb von wenigen Tagen ändern.


Karl Plättner wurde auch durch das Ende des Zweiten Weltkriegs befreit, nach Mauthausen, Buchenwald und Auschwitz nun aus dem KZ Ebensee im Salzkammergut. Einen guten Überblick über sein Leben gibt die Biographie “Der ruhelose Rebell” von Volker Ullrich.

Am Sonntag (21. März) wird das Denkmal für die Märzgefallenen in Schraplau nach aufwendiger Instandsetzung wieder eröffnet.


Märzkämpfe 1921, Teil I – 20. Februar, Kommunistischer Wahlerfolg in Mitteldeutschland
Märzkämpfe 1921, Teil II – 24. Februar, VKPD-Führung legt Ämter nieder
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Märzkämpfe 1921, Teil IV – 13. März: Vereitelter Anschlag auf die Siegessäule

March 13th, 2021

Am 13. März 1921 wird im Inneren der Siegessäule in Berlin ein Pappkarton mit sechs Kilogramm Dynamit und Pitrin der Anhaltischen Sprengwerke, eingeschlagen in eine Hettstedter Zeitung, entdeckt. Auch wenn schnell Angehörige der außerparlamentarischen KPD-Abspaltung KAPD als diejenigen ausgemacht sind, die die Bombe deponierten, und sie schon wenige Tage später verhaftet werden, intensiviert der Fund die Vorbereitungen für die seit Wochen geplante Polizeiaktion, die sich gegen die VKPD-Hochburg und den Arbeiterwiderstand in Mitteldeutschland richtet und in der Woche vor den arbeitsfreien Osterfeiertagen starten soll.

Schon tags zuvor verlangt Leuna-Direktor Oster offiziell vom Merseburger Regierungspräsidenten staatlichen Schutz und warnt die BASF-Zentrale vor einer möglichen Besetzung und Stillegung der Leuna-Werke. Nun am 13. März konkretisiert der Oberpräsident der preußischen Provinz Sachsen Otto Hörsing (SPD) nach einem Treffen mit Oster in Magdeburg das Vorgehen der Staatsgewalt, zum Angriff gegen das Mansfelder Revier um Eisleben und Hettstedt unter der Bezeichnung Kohlensache kommt jetzt ein zweiter Schlag gegen Leuna und das Geiseltal, die Frühjahrsreise.

Die schwerbewaffneten Polizeitruppen werden bereitgestellt, am 14. März auf einer Konferenz in Merseburg die begleitende Öffentlichkeitskampagne endgültig beschlossen. Deren Kernstück bildet ein Aufruf Hörsings, der die angeblich eskalierende Kriminalität in der Region ins Zentrum stellt. Am 15. März wird der Aufruf an die Provinzpresse und die Landräte ausgegeben, am 16. und 17. März veröffentlichen ihn die regionale und teilweise auch die überregionale Presse.

In Hamburg verpflichten sich am 14. März KAPD und VKPD zur Bildung gemeinsamer Aktionsausschüsse für den Fall gegen Ende des Monats anvisierter revolutionärer Aktionen. Die neue VKPD-Führung, die die gewachsene Stärke der Partei für eine militante Offensive nutzen will, nähert sich vorübergehend wieder der KAPD an, die aus den Erfahrungen der zurückliegenden Jahre die Fähigkeit zum bewaffneten Kampf betont.

Gerade im März 1920 hatten der reichsweite Generalstreik und die militanten Aktionen zur Entwaffnung der konterrevolutionären Putschtruppen vielerorts zusammengewirkt, was aus Sicht der unmittelbar danach von enttäuschten KPDlern gegründeten KAPD seither durch die stärker parlamentarische Orientierung der KPD immer weniger möglich schien. Die KAPD ist entsprechend dort stark, wo die Arbeiter teilweise noch bewaffnet sind oder wo sie wieder bewaffnet kämpfen wollen. In der KAPD sammeln sich außerdem Kräfte, die gegen die sowjetische Linie von Zentralisierung und Parteiherrschaft weiter auf Räte-Selbstorganisation setzen. Dennoch ist die KAPD zusätzliches Mitglied der Kommunistischen Internationale (Komintern).

Von der öffentlichen Ankündigung des Polizei-Einmarsches werden jedoch KAPD wie VKPD überrascht und sehen sich zu überstürzten Gegenmaßnahmen gezwungen. Komintern-Gesandter Béla Kun, der seit Anfang März in Berlin für revolutionäre Aktion wirbt, ruft zur schnellstmöglichen Bewaffnung auf: „Ein jeder Arbeiter pfeift auf das Gesetz und erwirbt sich eine Waffe, wo er sie findet.“

Ausschnitt des Gemäldes “Siegesallee mit Siegessäule”, Lesser Ury 1925

Märzkämpfe 1921, Teil I – 20. Februar, Kommunistischer Wahlerfolg in Mitteldeutschland
Märzkämpfe 1921, Teil II – 24. Februar, VKPD-Führung legt Ämter nieder
Märzkämpfe 1921, Teil III – 1. März: Kriminalisierung von Armut und Widerstand
Übersicht über die bisherigen Postings zur Revolution in Deutschland 1918-23

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