Auftritte bis Ende 2020

July 20th, 2020

Es gibt nun erste Test- und Nachholtermine, alle vorbehaltlich der weiteren Pandemie-Entwicklung und entsprechend der praktischen Umsetzbarkeit. Bitte verfolgt die Updates und ggf. Veranstaltungslinks.

• Do, 30.07.2020, Leipzig, Stadtgarten H17: Vortrag Entschwörungstheorie (FB-Event)
• Fr, 07.08.2020, Oberau/Meißen, Sommerakademie Linksjugend Sachsen: Vortrag zum 8. Mai (FB-Event)
• VERSCHOBEN So, 18.10.2020, Plauen, Kulturraum Kanapee: Vortrag Systemausfall ’89/’90 – Das Ende der DDR und die Folgen
• Fr, 06.11.2020, Leipzig, nato: Vortrag “Revolution in Sachsen und Deutschland 1918-23”
• VERSCHOBEN Mi, 11.11.2020, Neubrandenburg, AJZ: Vortrag “Am Geld kleben – Antisemitismus und Kapitalismus”
• VERSCHOBEN Do, 19.11.2020, Eisenach, RosaLuxx: Vortrag Lenin – Sohn seiner Klasse?
• VERSCHOBEN Fr, 27.11.2020, Plauen: Vortrag Revolution in Deutschland 1918-23

Noch ohne konkreten Termin, aber in Planung sind eine weitere “Entschwörungstheorie” in Dresden (Roter Baum) und “Leben im Rausch” in Augsburg (Bäckerei). Wer noch mehr aushecken will oder sich daheim die Slides und Materialien anschauen, findet hier mein aktuelles Programm.

Märzkämpfe 1921, Teil III – 1. März: Kriminalisierung von Armut und Widerstand

March 1st, 2021

Am 1. März 1921 geben die Direktionen der Leuna-Werke und des Mansfeld-Konzerns bekannt, dass die Mitnahme von Holz und Abfällen aus den Betrieben, Gruben und Baustellen ab sofort unter Strafe steht. Am selben Tag wird das auslaufende “Gesetz zur Entwaffnung der Bevölkerung” vom 7. August 1920, das vor allem Arbeiter zur Waffenabgabe bewegen sollte, praktisch aber ein Vielfaches an teils auch schweren Waffen (weitgehend straffrei) bei konterrevolutionären Verbänden erfasst, bis zum 1. Juli verlängert.

Beide Maßnahmen gehören zum Vorlauf einer seit Jahreswechsel vorbereiteten Polizeioffensive gegen Arbeiterwiderstand in Mitteldeutschland. Während erstere Maßnahme sofort Empörung und Handgreiflichkeiten bei Kontrollen an den Werkstoren und Bahnhöfen auslöst, die starke Leuna-Sektion der KAPD-Betriebsorganisation AAU gemeinsame Mitnahmen anstiftet und es zu Entlassungen kommt, hat die zweite Maßnahme keine unmittelbare Wirkung – was genau die beabsichtigte Wirkung ist. Polizeiführung und Innenministerien gehen davon aus, dass immer noch Bewaffnete ihre Waffen nicht freiwillig abgeben werden, was der Staatsgewalt die Möglichkeit gibt, sie in Kämpfe zu verwickeln und so gleichzeitig zu entwaffnen und ihren Widerstand zu brechen.

Seit Sommer 1920 versuchen die Unternehmensführungen im Mitteldeutschen Industrie- und Bergbaurevier, allen voran der Deutsche Braunkohlen-Industrie-Verein, durch Aussperrungen der wachsenden Streikbereitschaft zu begegnen, seit Ende 1920 häufen sich ihre Forderungen an Regierung und Verwaltung, mit verstärkter Polizeiaktivität und notfalls Streikverboten nachzuhelfen: am 14. Dezember 1920 verlangt das der Hallesche Bergwerkverein, am 21. Dezember der Bergbauliche Verein Bitterfeld, am 21. Januar 1921 die Landwirtschaftskammer, am 4. Februar der Oberbürgermeister von Eisleben im Sinne des Mansfeld-Konzerns und am 7. Februar das Leuna-Direktorium. Gemeinsames Ziel ist, den in der Revolution erkämpften Achtstundentag rückgängig zu machen bzw. seine Durchsetzung zu verhindern sowie betriebliche Mitbestimmung (wieder) loszuwerden. Löhne sollen trotz steigender Preise eingefroren werden, Prämiensysteme die Arbeitsintensität erhöhen.

Anfangs soll nach den Plänen des preußischen Inneministers Carl Severing und des Oberpräsidenten der preußischen Provinz Sachsen Otto Hörsing (beide SPD) die Schutzpolizei überraschend eine begrenzte Aktion in Eisleben starten und von dort aus nach und nach die Region durchkämmen. Nach dem Wahlerfolg der VKPD im Februar beschließt am 28. Februar eine Konferenz in Magdeburg stattdessen für den 19. März eine Großoffensive mit Dutzenden Hundertschaften in der gesamten Region, begleitet von Bekanntmachungen und Pressemitteilungen, die durch Verweis auf angeblich außer Kontrolle geratene Kriminalität und Zehntausende bewaffnete Kommunisten die Arbeiter vor Ort und reichsweit spalten sollen, die anvisierten Strukturen isolieren.

Real ist die Kriminalität in der Region kaum gestiegen und auf ähnlichem Niveau wie in anderen Teilen des Reiches, gemeldet und von Landjägern und Grubenpolizei verfolgt werden hauptsächlich armutstypische Bagatelldelikte wie im Falle des Mansfeld-Konzerns etwa der Diebstahl von Vorhängeschlössern, Brettern, Leisten, Hackenstielen, Schaufeln, Pinseln und ähnlichem, auch ist die Zahl der Waffen in Arbeiterhand viel geringer als behauptet – allerdings auch viel geringer als von kommunistischer Seite erhofft. Das Aufbauschen von Diebstählen um Vorwand für Repression zu schaffen, ist aus der Landwirtschaft seit 1920 gut bekannt (und ist bis heute ein Mittel für forcierte Entlassungen geblieben). Major Folte, der die Schupoaktion in Eisleben und Hettstedt leitet, gibt hinterher zu Protokoll, worauf sein Einsatz gerichtet ist: “Mir ist von der Meldestelle des Oberpräsidiums nur ein Verzeichnis von denjenigen Leuten gegeben worden, die als kommunistische Führer in Frage kamen”.

Zum Kalkül der Polizeioffensive gehört auch, die Reichswehr nicht hinzuzuziehen, einerseits um akut eine Wiederholung der revolutionären Aktionseinheit vom März 1920 zu verhindern, andererseits aber auch um perspektivisch die Aufstandsbekämpfung durch die Polizei zu etablieren und die Reichswehr für den Aufbau ihrer militärischen Schlagkraft freizumachen. Die Schutzpolizei verfügt für ihre Aufgaben laut Reichsinnenministerium pro Beamtem über eine “blanke Waffe, Pistole, Handgranate”, auf je drei Beamte über ein Gewehr, auf 20 Beamte über eine Maschinenpistole und auf je 1000 Beamte über einen Panzerwagen mit zwei schweren Maschinengewehren.

Das Bestreben der neuen VKPD-Führung im Frühjahr eine revolutionäre Offensive zu starten fällt nun mit den Plänen der Staatsgewalt für einen vernichtenden Schlag gegen die revolutionären Kräfte zusammen, und beides überschattet die wachsende Unzufriedenheit, Streik- und Protestbereitschaft über Mitteldeutschland hinaus. Während die Staatsgewalt sich von der wachsenden organisatorischen und parlamentarischen Stärke der Kommunisten zu raschem und umfassendem Vorgehen angetrieben sieht, werden diese zusätzlich von der Lage in Sowjetrussland zum Handeln gedrängt: nach heftigen Streiks und Protesten, die in die Verhängung des Ausnahmezustands über Petrograd mündeten, beginnt am 1. März 1921 der Matrosenaufstand von Kronstadt gegen die Parteiherrschaft der Bolschewiki.

Daimler DZVR 21 Schupo Sonderwagen,
die Anfang der 1920er Jahre zur Aufstandsbekämpfung eingesetzt wurden

Zitate aus/nach: Stefan Weber “Ein kommunistischer Putsch?” (Berlin 1991)


Märzkämpfe 1921, Teil I – 20. Februar, Kommunistischer Wahlerfolg in Mitteldeutschland

Märzkämpfe 1921, Teil II – 24. Februar, VKPD-Führung legt Ämter nieder

Übersicht über die bisherigen Postings zur Revolution in Deutschland 1918-23

Märzkämpfe 1921, Teil II – 24. Februar: VKPD-Parteiführung legt Ämter nieder

February 24th, 2021

Am 24. Februar 1921 legen die beiden Vorsitzenden der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands Paul Levi und Ernst Däumig, und mit ihnen drei weitere Mitglieder des Parteizentrale, Clara Zetkin, Adolph Hoffmann und Otto Brass, ihre Ämter nieder. Direkter Anlass ist eine Sitzung des Zentralausschusses der Partei, in welcher sie eine richtungsentscheidende Abstimmung verlieren. Sie wollen – anders als die von den Bolschewiki dominierte Kommunistische Internationale (Komintern) und ein Teil der VKPD – die Sozialistische Partei Italiens in der Komintern behalten und nicht stattdessen ihre kommunistische Abspaltung aufnehmen; ebenso sind sie gegen die Aufnahme der anti-parlamentarischen KPD-Abspaltung KAPD, worin sie ein ähnliches Manöver erblicken, für ein in ihren Augen abenteuerliches Vorgehen notfalls zwei der wichtigsten Massenparteien zu spalten. Außerdem soll die Komintern leicht umorganisiert werden, um ihr in Moskau sitzendes Exekutivkomittee (EKKI) stärker an die Entwicklungen vor Ort in (West-)Europa anzubinden.

Während die Positionen zur KAPD und zur Umorganisation der Komintern im Zentralausschuss “stabile Mehrheiten” finden, verliert die Parteiführung in der Abstimmung zu Italien und tritt zurück, “in der Hoffnung, schon nach kurzer Zeit wieder an die Parteispitze zurückgerufen zu werden, wenn die neue … Parteiführung ihre Unfähigkeit bewiesen und damit auch das EKKI erkannt haben würde, daß es in Deutschland auf die falschen Pferde gesetzt hatte.” (Koch-Baumgarten 46) Sie erklären, “‘daß sie nicht in der Lage seien, die Solidarität mit der in der Resolution Stoecker-Thalheimer niedergelegten Auffassung’, die das Vorgehen des EKKI in Italien billigte, ‘nach außen hin zu decken und aufrechtzuerhalten, weil sie darin eine Gefahr für die weitere Entwicklung der Kommunistischen Internationale sehen, und daß sie deshalb die praktischen Konsequenzen aus der Abstimmung zögen und ihre Ämter in der Zentrale niederlegten'” (Stalmann 2018). Der Sturz der “Leviten”, an dem vor allem EKKI-Gesandter Karl Radek gearbeitet hat, ist vollendet.

Hintergrund ist gerade der Erfolg, den die VKPD mit ihrer zunächst auch von den Bolschewiki unterstützten Einheitsfront-Politik des “Offenen Briefs” Anfang 1921 hat. (Siehe Teil I.) Diese Politik der “Aktionseinheit” mit den sozialdemokratischen Organisationen wird nun von den Bolschewiki als Weg in den “Reformismus”, “Opportunismus” und “Zentrismus” angegriffen. Via Komintern drängen sie auf revolutionäre Aktion in Europa zur Entlastung der sowjetischen innenpolitischen Lage. (Parteisekretär Sinowjew verhängt am 24. Februar wegen anhaltender Streiks und Demonstrationen den Ausnahmezustand über Petrograd). Die VKPD-“Linke”, die nun an der Parteispitze steht macht sich diese Auffassungen wie auch generell die Avantgarde-Linie (Kader- statt Massenpartei) und den “revolutionären Terrorismus” der Bolschewiki immer mehr zu eigen.

Dabei ist der “Offene Brief” und die ihn begleitenden Kampagnen so wirkungsvoll, dass am 26. Februar der ADGB einen eigenen 10-Punkte-Plan zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit vorstellt, der den Erfolg des kommunistischen Aktionsprogramms vor allem in Berlin, Leipzig, Stuttgart, Thüringen und im Ruhrgebiet untergraben soll. Dem gingen massenhaft Ausschlüsse kommunistischer Gewerkschaftsfunktionäre und die Verweigerung der Anerkennung zahlreicher kommunistischer Ortsvorsteher voraus. Der ADGB ist ebenfalls unter Druck geraten, als nach Betriebsstillegungen und anderen Maßnahmen gegen die Arbeitskräfte im Kalibergbau deren Reichskonferenz sich Ende Februar für ihre Gegenaktionen auf den Boden des “Offenen Briefs” stellt. Die VKPD erklärt, dass sie auch für den 10-Punkte-Plan des ADGB kämpfen wird, und wendet sich weiter vor allem an die Basis der Gewerkschaften.

Die neue VKPD-Parteiführung um die Vorsitzenden Heinrich Brandler und Walter Stoecker sieht in der neugewonnenen Stärke jedoch vor allem genügend Schwungmasse für eine “Offensive”, die weniger auf die Verbesserung der Lebensumstände und die Stärkung der Arbeitskräfte-Organisation als auf eine Schwächung des bürgerlichen Staats, den Sturz der Regierung um Zentrum-Kanzler Constantin Fehrenbach und eine Provokation der Polizei- und Armeetruppen sowie paramilitärischer nationalistischer Verbände zielt. Zu Streiks und Unruhen wäre es im Frühjahr 1921 wohl so oder so gekommen, wie wir im nächsten Posting über die Kriminalisierung von Armut und Sozialprotest noch mal deutlich sehen werden – für den konkreten Verlauf des kommenden Aufstands und letztlich auch für sein Scheitern sind nun jedoch an der Spitze der VKPD die Weichen gestellt.


Literatur:
– Sigrid Koch-Baumgarten: “Die Märzaktion der KPD 1921” (Köln 1987)
– Volker Stalmann: “Parteivorsitzender für drei Monate: Ernst Däumig (1866–1922) und das Rätesystem” in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2018, Seite 23-42


Märzkämpfe 1921, Teil I – 20. Februar, Kommunistischer Wahlerfolg in Mitteldeutschland

Übersicht über die bisherigen Postings zur Revolution in Deutschland 1918-23

Märzkämpfe 1921, Teil I – 20. Februar: Kommunistischer Wahlerfolg in Mitteldeutschland

February 20th, 2021

Am 20. Februar 1921 votieren 29,8 Prozent der Wahlberechtigten (197 113 Stimmen) im Wahlkreis Merseburg, der in etwa das Mitteldeutsche Industrie- und Bergbaugebiet Halle-Leuna-Mansfeld umfasst, für die Vereinigte Kommunistische Partei (VKPD), die damit stärkste Partei des Wahlkreises wird und 5 seiner 15 Abgeordneten in den Preußischen Landtag entsendet. VKPD ist die Zusatzbezeichnung der KPD seit dem Zusammenschluss mit etwa der Hälfte der USPD im Dezember 1920, der ihre Mitgliederzahl auf den höchsten Stand bis 1945 vervielfacht (mehr als 400 000), sie sofort zur zahlenmäßig größten Partei nicht nur in Mitteldeutschland, sondern auch vielerorts im Ruhrgebiet und anderen Industrieregionen werden lässt, sie zu einer der ersten kommunistischen Massenparteien außerhalb Sowjetrusslands macht und den Schwerpunkt der Kommunistischen Internationale (Komintern) weiter nach Mittel- und Westeuropa verschiebt.

Trotz ihrer prinzipiellen Einbindung in die Komintern verfolgt die Partei zu diesem Zeitpunkt eine zum Teil stark von der Avantgarde-Linie der Bolschewiki abweichende Einheitsfront-Politik, die Bündnisse und gemeinsame Aktionen mit Gewerkschaften und den anderen Arbeiterparteien, vor allem deren Basis, anstrebt um die Mehrheit der Arbeitskräfte für eine sozialistische Rätedemokratie zu gewinnen, die nicht nur ihrer Einschätzung nach im März 1920 zum Greifen nahe gewesen war.

Mit einem Offenen Brief hatte sich die Parteizentrale Anfang Januar 1921 in diesem Sinne an die Gewerkschafts-Dachverbände ADGB und AfA, die kommunistische AAU und die syndikalistische FAUD sowie an die SPD, die USPD und die KPD-Abspaltung KAPD gewendet um gemeinsame Lohnkämpfe und Forderungen (Rentenerhöhung, Beschlagnahmung leerstehender Wohnhäuser, Wiederingangsetzung stillgelegter Betriebe und Bereitstellung von Lebensmitteln und Bedarfsgegenständen durch Betriebs-, Bauern und Arbeitslosenräte, Amnestie für politische Gefangene und Aufhebung der Streikverbote, Entwaffnung konterrevolutionärer und Bildung eigener Kampfverbände) vorzuschlagen.

Im Mitteldeutschen Gebiet – seit Jahrhunderten Bergbauregion, aber erst spät industrialisiert und daher ohne die andernorts typische lange Gewerkschaftstradition, seit 1918 USPD-Hochburg – war es nach den hier besonders heftigen Kämpfen gegen Putsch- und Regierungstruppen im März 1920 trotz Belagerungszustand immer wieder zu Streiks, Sabotage und kleineren Unruhen gekommen, Waffen waren versteckt und klandestine Strukturen gebildet worden. Der vielfach gerade erst proletarisierten Landbevölkerung fehlt es an Essen und Brennholz, die Wohnverhältnisse sind katastrophal, die zahlreichen Wanderarbeitskräfte leben in Barackenlagern.

Am 3. Februar streiken die Bergleute in den Kupfergruben des Mansfeld-Konzerns gegen den Einsatz des im Januar aus ehemaligen Offizieren und Unteroffizieren gebildeten Werksicherheitsdiensts, der sie daran hindern soll, nicht mehr verwendetes Stempelholz mit nach Hause zu nehmen. Sie fordern “die Auflösung dieser Werkpolizei und dafür die Einbeziehung von Kriegs- und Arbeitsinvaliden in den Werkschutz” (Weber 1991:31). Wenige Tage später kommt es im Leuna-Werk, wo trotz 56-Stunden-Woche die Not drückt, zu einem ähnlichen Konflikt um Abfallholz, der zur Absetzung der Betriebsräte und Bildung eines kommunistischen Aktionsausschusses führt. Die Schutzpolizei (Schupo), Ersatz für die nach französischen Protesten aufgelöste paramilitärische Sicherheitspolizei (Sipo), marschiert in Naumburg und Bad Kösen ein, wo sie die “Drahtzieher” dieser Ereignisse vermutet, und verhaftet mehrere VKPD-Mitglieder.

In diesem Moment sieht es so aus, als würden sich aus den Unzufriedenheiten in Mitteldeutschland, im Ruhrgebiet (wo statt der seit 1918 geforderten 6-Stunden-Schicht immer noch Überschichten geschoben werden müssen), in Hamburg (in den Werften und unter den immer zahlreicheren Erwerbslosen) sowie aus den erwarteten Großkrisen durch die enormen alliierten Reparationsforderungen und den womöglich kriegerischen Konflikt mit Polen um Oberschlesien im Laufe des Frühjahrs neue Streiks und Kämpfe entwickeln, die wiederum zum Ausgangspunkt eines weiteren Anlaufs zur Vollendung der Revolution werden könnten.

Wieso enden die Märzkämpfe dann in einer veritablen Katastrophe nicht nur für die (V)KPD, die über die Hälfte ihrer Mitglieder sogleich wieder verliert, sondern für die Revolution insgesamt, auch über Deutschland hinaus? Schon im nächsten Posting werden wir einem entscheidenden Faktor begegnen, wenn kurz nach dem Wahlerfolg, am 24. Februar, die Parteivorsitzenden der (V)KPD ihre Ämter niederlegen.

Kartenausschnitt mit dem Regierungsbezirk Merseburg in der preußischen Provinz Sachsen und ein Wahlplakat der VKPD zur preußischen Landtagswahl am 20.Februar 1921.

Literatur:
Stefan Weber: “Ein kommunistischer Putsch? Märzaktion 1921 in Mitteldeutschland” (Dietz Berlin 1991)
Sigrid Koch-Baumgarten: “Die Märzaktion der KPD 1921” (Köln 1987)


Übersicht über die bisherigen Postings zur Revolution in Deutschland 1918-23

Märzaktion, Märzkämpfe, Mitteldeutscher Aufstand

February 8th, 2021

Bevor es hier um die Ereignisse im März 1921 gehen soll, sei mal in die Runde der Mitlesenden gefragt:

Was für Einschätzungen gibt es dazu? Ist es schlicht die aus Moskau ferngesteuerte Märzaktion der KPD? Sind es die aus der Not und Verzweiflung geborenen Märzkämpfe derjenigen, deren revolutionäre Selbstorganisation noch nicht zerschlagen war? Ist es der notwendige Mitteldeutsche Aufstand, der die Kräfteverhältnisse nach den revolutionären Frühjahren der beiden Jahre zuvor testen und herausfordern musste? War es einfach eine Katastrophe sich selbst beweisenden Abenteurertums, das die eben erst zur Massenpartei angewachsene KPD sogleich wieder dezimierte? Oder wurde hier gegen die drohende reformistische Befriedung des Klassenkampfs die Notbremse gezogen und die Option des bewaffneten Kampfes aufrechterhalten? Lag der Schwerpunkt bei den VKPD-Parteistrukturen, bei der KAPD, beim militärischen Vorgehen um Max Hoelz, bei den Streikenden im Leuna-Werk? Sehen wir hier die fortschreitende Bolschewisierung der deutschen Revolution oder weiterhin Richtungskämpfe um das Verhältnis von Räten und Partei? Welche Rolle spielt der März 1921 für die weitere Entwicklung, die “revolutionäre Realpolitik” von 1922 und den erneuten Aufstandsversuch 1923?

Bitte um Kommentare, gern mit Belegen, bevorzugt online verfügbare! Auch der Verweis auf Bildmaterial ist sehr willkommen!

Revolution vorgelesen

January 26th, 2021

Um die Wissenslücken bezüglich der Revolution vor hundert Jahren zu füllen hat die Comicautorin Paulina Stulin (“Bei mir zuhause”) aus den Postings von Fabian Lehr zum Thema (Teil I, Teil II bis V) ein Hörbuch eingelesen und als Playlist veröffentlicht. Auch wenn Lehrs Darstellung besser ist als vieles, was es dazu gibt, hier überhaupt der Versuch unternommen wird, einen Überblick über die gesamte Revolution von ihrer Vorgeschichte zumindest bis 1920 zu geben, hat sie dennoch einige Haken, die sich einerseits aus dem mutmaßlichen Kenntnisstand von 2014 und andererseits aus der Haftung an der KPD-Version (gesehen durch Trotzkis Brille) zu ergeben scheinen – einige der Besonderheiten werden so verwischt und das Gesamtbild verzerrt.

Ein Effekt von ersterem ist neben Kleinigkeiten (hier steht Scheidemann noch auf dem Balkon des Reichstags) die auch sonst fast überall anzutreffende Geringschätzung der wichtigsten Organisierenden der Revolution, also der USPD und der Revolutionären Obleute, die bei Lehr allerdings wenigstens teilweise vorkommen und auch nicht ganz so schematisch beiseitegeschrieben werden wie es in kommunistischen Darstellungen meist der Fall ist.

Viel stärker ist der Effekt von zweiterem, allgemein der Übernahme von Trotzkis Blick auf die Spartakus/KPD-Erzählung und entsprechend einer Überparallelisierung der deutschen und russischen Revolution, letztere auch schon in der Version Trotzkis bzw. der Leninbolschewiki insgesamt.

Die Provinz ist in diesem Bild weniger revolutionär (“politisch noch bei Weitem nicht so fortgeschritten … In der russischen Revolution war es nicht anders gewesen”), auch wenn wesentliche Impulse der Revolution da wie dort aus Kleinstädten und vom Lande kamen. Die revolutionäre Rätemacht wird immer wieder mit dem Bolschewismus ineinsgesetzt, auch wenn das in beiden Fällen nicht zutrifft. Statt der russischen Revolution insgesamt werden als Vorbild für die deutsche die Bolschewiki aufgerufen, wozu sie aber erst ab 1920 tatsächlich hegemonial werden. Forderungen nach Sozialisierung werden als Forderungen nach staatlicher “Kollektivierung” im sowjetischen Sinn verstanden, “Rote” werden als Kommunisten zugeordnet, so etwa die baierische Rote Armee oder die Rote Ruhrarmee, beide trotz kommunistischer Beteiligung und teilweiser Führung doch vor allem linkssozialdemokratische (und teilweise auch anarchistische) Truppen.

Die Initiative muss immer irgendwie aus der Avantgarde kommen, was so nur in wenigen Situationen stimmt. (So geht bei Lehr der Massenstreik im März 1919 in Berlin mit einem Aufruf los, der dann befolgt wird, obwohl praktisch der Streik vorm Beschluss gestartet wurde; vorher entwickelt sich das Berliner Proletariat schnell weiter, obwohl die KPD noch so klein ist…). Die Rolle der bekannteren Führungspersönlichkeiten (aus der eigenen Richtung) wird überbetont (so steht bei Lehr etwa Luxemburg “selbst an der Spitze” der Revolution), die Revolution erscheint tatsächlich so stark von ihnen bestimmt, wie es die Reaktion die ganze Zeit behauptet hat.

Während in Russland die Industriearbeitskräfte tatsächlich eine relativ kleine Minderheit bildeten, die zum großen Teil auch noch stark mit ihrer ländlichen Herkunft verbunden war, gibt es Deutschland viele Regionen mit solchen Bevölkerungsmehrheiten und erreichen ihre Klassenorganisationen schon lange vor der Revolution gigantische Ausmaße. Hier organisieren sich flächendeckend massenweise ganze Arbeiterfamilien, die in zweiter oder dritter Generation im städtischen Umfeld und im ständigen Lohnkampf leben und aus denen die Partei und die zahllosen sozialdemokratischen Vereine und sonstigen Organisationen größtenteils bestehen.

Trotz der ebenfalls wachsenden Zahl an besser bezahlten Facharbeitskräften, die zur Basis der SPD-Führung werden, ist das Bild von der deutschen Sozialdemokratie als “ihrer Natur nach kleinbürgerlich-demokratischen Partei”, die 1914 “endgültig jeden marxistischen Ballast über Bord” warf, eine starke Verzerrung, die die an anderen Stellen von Lehr durchaus unterschiedene Massenbasis mit der Parteiführung zusammenwirft, was sich durch den Gang der revolutionären Ereignisse, vor allem die immer wieder massenhafte Beteiligung der SPD-Basis an den Streiks und Verteidigungskämpfen eigentlich verbieten müsste. Diese Basis erscheint hier nur als verblendet, im Glauben an die Partei befangen, nicht als in einem Ringen um die Durchsetzung des Parteiprogramms begriffen, bei dem sie selbst zahlreiche Opfer zu beklagen hatte und bei dem eben auch die Führung der anderen Parteien jede Menge Fehler machte. Es geht hier mehr um den Nachweis, dass die SPD wegen ihrer “degenerierten Führung” insgesamt durch eine Partei mit der richtigen Führung ersetzt werden musste, die wiederum weitgehend mit der KPD identifiziert wird – es fehlt die ganze Realität, dass die Arbeitskräfte ihren Parteien in hohem Maße selbstorganisiert vorausgeeilt waren, dass sie weniger einer Führung als viel mehr der konsequenten Unterstützung ihrer Selbstorganisation bedurften und dass sie auch immer wieder in Scharen zu denen überliefen, die das am ehesten zu tun versprachen

Während also im Deutschen Reich sowohl die Industriearbeitskräfte zahlreicher und besser organisiert sind und die Führung ihrer Organisationen sich auf eine wachsende Minderheit besser bezahlter Facharbeitskräfte stützen kann, ist gleichzeitig die Masse an Kleinunternehmern, Handwerkern und Staatsangestellten erheblich größer, die für die Konterrevolution mobilisiert werden können – und schließlich für den Faschismus, welcher wegen der Größe der sozialistischen Bewegungen mehr als irgendwo sonst als Sozialismus verkleiden muss.

Während die russische Revolution 1917 von Gewalt geprägt ist (schon die gern als friedlich verklärte Februarrevolution brachte nicht nur Enteignungen mit sich, sondern auch zahllose Lynchmobs und kriminelle Straßengewalt mit Tausenden von Toten) und der extreme konterrevolutionäre Terror von 1905 in vielen Gegenden noch direkt vor Augen steht, sind die deutschen Revolutionäre ungewöhnlich friedlich und auf self-policing bedacht, gibt es bis auf wenige Ausnahmen keine Vergeltungsaktionen, beruhen vielmehr die meisten revolutionären Strategien auf der friedlichen Überrumpelung durch Massenprotest, Massenstreik und Besetzungen, im Moment der Revolution in Berlin am 9. November im Zusammenspiel mit wohlorganisierter Entwaffnung der in der Stadt stationierten Regierungstruppen. Die Strategie der Konterrevolution zielt von Anfang an darauf ab, das für sie krass ungünstige Zahlenverhältnis durch den Einsatz besonders schwerer Kriegswaffen und durch besonders brutales, abschreckendes Vorgehen auszugleichen. Noch nach bereits heftigem Terror der Konterrevolution wird sich jedoch von revolutionärer Seite auf die Einrichtung und Verteidigung von Räten und Vergesellschaftungen konzentriert, erst ab 1921 geht es systematisch in die Offensive, angespornt vom sowjetischen Vorbild – und mit wenig Erfolg.

Insgesamt erscheint in der Erzählung von der “Doppelmacht” von Räten und Parlament, wie sie von der russischen auf die deutsche Situation übertragen wird, der Rätekonstitutionalismus als Minderheitenposition, obwohl die parlamentarische Legitimation der Räte als lokaler Durchsetzungsmittel der Sozialisierung in Deutschland angesichts der Größe der Arbeitskräfte-Organisationen und der Wahlergebnisse ihrer Parteien eine naheliegende und mit nur knapp verfehlter Parlaments-Mehrheit im Januar 1919 ja auch beinahe erreichte Möglichkeit darstellte. Bei Lehr ist es eine “eigenwillige Ansicht”, die Luxemburg vorübergehend vertritt, “dass Sowjets und Parlament dauerhaft nebeneinander existieren sollten” – die Kontingenz der geschichtlichen Situation geht hier zwischen den theoretischen Kategorien (Parlament als “der logische Ausdruck und das Instrument der bürgerlichen Klassenherrschaft”, Räte als “der logische Ausdruck und das Instrument der proletarischen Revolution und des Übergangs zum Sozialismus”) verloren.

Entsprechend wird einmal mehr das falsche What-if ausgemalt, das auch für die Rezeption dieser Erzählung zentral sein dürfte: “Vom Rhein bis zum Ural hätte es also mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit einen geschlossenen kommunistischen Block gegeben, wenn Spartakus sich in Deutschland durchsetzen sollte.” Eine erfolgreiche Revolution in Deutschland hätte sich viel wahrscheinlicher auf eine Stärkung der lokalen und überregionalen Räteorganisationen konzentriert um überall vor Ort die Sozialisierung durchzuführen und die Reaktion zu entwaffnen – erst nach dem mehrfachen Scheitern wurde ab 1920 das nun aber auch nicht mehr realisierbare sowjetische Modell populärer, das sich auch in Russland erst im Verlaufe der Revolution durchgesetzt hatte (die war im Oktober 1917 mindestens schon ein halbes Jahr, im weiteren Sinne schon seit Jahrzehnten im Gange). Was global gesehen weiter geschehen wäre, wie sich ein revolutionäres Deutschland und die Sowjetunion weiter beeinflusst hätten, lässt sich dann nur noch aus dem Kaffeesatz lesen.

Fazit: Mit den Haken der KPD/Trotzki-Erzählung im Hinterkopf kann bei Lehr ein Überblick über viele Zusammenhänge des Revolutionsverlaufs und seines historischen Rahmens gewonnen werden, die Hörbuch-Version ist von Paulina Stulin zudem sehr eindringlich und der Perspektive angemessen vorgetragen. (Und von den parteiischen Darstellungen ist die der KPD als einer die meiste Zeit intensiv am Geschehen beteiligten Partei, die auf konkret bestimmbare Vorgänge und Debatten reagierte und ein ganzes Archiv an Aufzeichnungen hinterlassen hat, eine der weniger verbogenen, in der anders als fast überall sonst zumindest der größte Teil der Ereignisse vorkommt.)

GUILLOTINE IS THE EASY WAY OUT

December 28th, 2020

Chop chop, Kopf ab, runter mit der Rübe: Chop-Literatur, wann immer der Name Jeff Bezos auftaucht. Die Revolution mit der Guillotine war die bürgerliche. Chip-Chop, das Unteilbare wird zum Dividuum: Wollen wir uns mal auf Französisch unterhalten mit dem Herren Baron. Les aristocrates à la lanterne! The taking of the Bastille on July 14th had done more than intimidate the King and the Court – it had frightened the bourgeoisie, who hastened to form a National Guard, strictly excluding the poor. Chip Chop and you don’t stop: und dann?

Kopf kürzer: Als erster Mensch wurde am 25. April 1792 der Straßenräuber Nicolas Jacques Pelletier mit der neuen Guillotine öffentlich hingerichtet. Zum einen sollte die Maschine die zahlreichen Hinrichtungen rationalisieren. Kopf kürzen, bitte. Ja, hinten, im Nacken. Between June 1793 and the end of July 1794, 16,594 people were officially sentenced to death in France, including 2639 people in Paris. Ferner sollte die Hinrichtung für die Betroffenen schmerzfrei gemacht werden, denn zuvor brauchte ein Henker mit einem von Hand geführten Beil unter Umständen mehrere Schläge.

Wer wen? Of the formal death sentences passed under the Terror, only 8 percent were doled out to aristocrats and 6 percent to members of the clergy; the rest were divided between the middle class and the poor, with the vast majority of the victims coming from the lower classes. Kill, kill, kill, kill, kill the poor. Und wie? Die Folter und besonders grausame Hinrichtungsmethoden wie das Rädern sollten mit der Guillotine abgeschafft werden. Tatsächlich gibt es jedoch Berichte, nach denen bei den während der Französischen Revolution benutzten Modellen bisweilen erst nach mehreren Durchgängen der Kopf vollständig abgetrennt werden konnte – so auch bei der Hinrichtung Ludwigs XVI., angeblich aufgrund seines dicken Nackens.

Vive la Commune, holt die Guillotine! On April 6, 1871, armed participants in the revolutionary Paris Commune seized the guillotine that was stored near the prison in Paris. Vive la Commune, Tod der Guillotine! They brought it to the foot of the statue of Voltaire, where they smashed it into pieces and burned it in a bonfire, to the applause of an immense crowd. Die Szene ist mit Rotfilter eingefärbt. This was a popular action arising from the grassroots, not a spectacle coordinated by politicians. Die Würfel erloschen. At the time, the Commune controlled Paris, which was still inhabited by people of all classes; the French and Prussian armies surrounded the city and were preparing to invade it in order to impose the conservative Republican government of Adolphe Thiers. Hier kann der Rachegedanke sanktionsfrei rehabilitiert und konsequenzfrei in Destruktion übersetzt werden. In these conditions, burning the guillotine was a brave gesture repudiating the Reign of Terror.

Chop-chip, ab Kopf. For radicals, fetishizing the guillotine is just like fetishizing the state: it means celebrating an instrument of murder that will always be used chiefly against us. Den Kopf riskieren, aber die andere Wange hinhalten? Denn mit hingehalt’nen Wangen wissen die was anzufangen… Sich bewaffnen um die Waffen nicht einsetzen zu müssen. Die Frage, wer hier den (männlichen) Subjektstatus innehat, wird auf komplexe Weise verdreht. CutUptionsangst! Sind wir ohne Terror nicht wehrlos? Das Ausmaß der Gewalt bestimmt die andere Seite. Self-defense is necessary, but wherever we can, we should take the risk of leaving our adversaries alive.

Für uns dürfte die Sache damit erledigt sein. Those who don’t desire revenge because they are not compassionate enough to be outraged about injustice or because they are simply not paying attention deserve no credit for this. Where’s your anger, where’s your fucking rage?Die strukturelle Ähnlichkeit der Position des Monsters und der Stellung der Frau ist vielfach beschrieben worden. There is less virtue in apathy than in the worst excesses of vengefulness. Für ihre Selbstermächtigungen wird sie im Laufe des Films immer wieder bestraft.

Also sind wir noch nicht an den Kern der Gruppe herangekommen. Do I want to take revenge on the police officers who murder people with impunity, on the billionaires who cash in on exploitation and gentrification, on the bigots who harass and dox people? Yes, of course I do. They have killed people I knew; they are trying to destroy everything I love. When I think about the harm that they are causing, I feel ready to break their bones, to kill them with my bare hands. Am Ende bleibt die Frage, ob in Kill Bill Aggressivität eher gefeiert oder studiert wird. But that desire is distinct from my politics. I can want something without having to reverse-engineer a political justification for it. Es bleibt der jeweiligen Wahrnehmung des Zuschauenden überlassen, ob der Film als ein Denkmal für die unterdrückte Präsenz von Racheordnungen angesehen wird oder als Kritik an bestehenden Rachelogiken. I can want something and choose not to pursue it, if I want something else even more. Nun zum Objekt: I don’t judge other people for wanting revenge, especially if they have been through worse than I have. But I also don’t confuse that desire with a proposal for liberation.

Aus dem Unglück ins Glück sehen. Those who fetishize the guillotine don’t want to kill people with their bare hands; they aren’t prepared to rend anyone’s flesh with their teeth. Die Fetzen des Zerfetzten im Zerfetzten suchen und mit nicht einmal sorgfältiger Hand aufreihn, bis – siehe da! – sich das nicht einmal Unerwartete zeigt: Kopfkürzer want their revenge automated and carried out for them. In der Guillotinerie, der Halsabschneiderei, im Schneidewerk, in der Köpffabrik. Warum ist das, was gerne unerwartet sein soll hier nicht unerwartet? Kopfkürzer prefer for bloodshed to take place in an orderly manner, with all the paperwork filled out properly, according to the example set by the Jacobins and the Bolsheviks in imitation of the impersonal functioning of the capitalist state. Kopf muss kurz, wenn der Kopf kurz muss. Antwort des Lesers: “Weil ich das Zerfetzte und das Entfetzte zur gleichen Zeit sehen kann.” And one more thing: they don’t want to have to take responsibility for it. Das ist eines der Schicksale des kurzatmigen, linearen Zweidimensionalen. Kopfkürzer prefer to express their fantasy ironically, retaining plausible deniability. Beilfall! Yet anyone who has ever participated actively in social upheaval knows how narrow the line can be between fantasy and reality. Antwort des Darstellenden: “Weil ich die Bildteile des Zerfetzten als Umgekehrtes in meinem umgekehrten Magen, dem Gehirn, schon getragen habe, während ich noch im Zerfetzten nach Fetzen suchte.”

Chip-chop, Kopf ab, runter mit der Rübe: das gute Kapital lässt die aufgebrachten Arbeitskräfte dem bösen Kapital den Kopf abschlagen und übernimmt dann dessen Assets. Chip-Chop, das Unteilbare wird zum Dividuum: Fantasie der herrschenden bürgerlichen Klasse – Kopf ab, raus aus der Sache, sollen sie doch zusehen! Der abgeschlagene Kopf steckt nicht mehr in der Schlinge. Wie diese Revolution, die sie immer schon mal haben machen lassen: für moderneres Management, bessere Governance oder einfach mal für ein paar neue Gesichter. Kopf hinhalten lassen, Knochen hinhalten lassen, Wangen hinhalten lassen. Meist zur Abwehr einer richtigen Umwälzung, nach der sie alle hätten mit aufräumen müssen, sich der Verantwortung stellen, sich am Ende noch selbst ändern.

Our adversary is not a kind of human being, but the form of social relations that imposes antagonism between people as the fundamental model for politics and economics. Unsere Berechnungen hatten nämlich ergeben, daß der Gegner erst losschlagen konnte, wenn die Delegation bereits unterwegs war und von uns nicht mehr und irgendeinem Vorwand abbestellt werden konnte. Abolishing the ruling class does not mean guillotining everyone who currently owns a yacht or penthouse; it means making it impossible for anyone to systematically wield coercive power over anyone else. Das Kapitalverhältnis ist kein Mensch (und kein Drachen oder Vampir), es wurde von Menschen eingerichtet, wird von Menschen aufrechterhalten und spielt sich zwischen Menschen ab. Entfernung des Kopfes, Kopfstücks, Hauptstücks, Kapitals heißt nicht die Entfernung von lauter Köpfen, kürzende Kopfkritik, sondern Abschaffung dieses Verhältnisses zwischen Menschen. Das geht trotzdem damit los sich zusammenzutun und denen, die übers Kapital verfügen, so viel wie möglich wegzunehmen um ihnen ihre Macht über die Gesellschaft zu entreißen und die Verhältnisse anders einrichten ZU KÖNNEN.

Apokalypse, Weltuntergang, Kopf ab – the easy ways out. Die Kämpfe im Elend des allmählichen Zerfalls, das Aufräumen – the hard way. Kopf ab zum Gebet – so einfach kommen sie nicht davon! Jens Spahn in die Produktion! Kurz mal Kopf: Ich stelle mir Revolution ja positiv unter anderem ungefähr so vor: die, die bisher schlecht bezahlt oder unbezahlt die Drecksarbeit machen mussten, organisieren diese möglichst gründlich menschenfreundlich um (Arbeit komplett verschwinden zu lassen, halte ich für die irgendwie absehbare Zukunft für eine bürgerliche und männliche Chimäre), während diejenigen, die sie dazu angetrieben und ihnen die Gelder gestrichen haben, sie solange übernehmen (wenn sie dazu in der Lage sind usw.) ABER ABER ABER im Moment gibt es noch nicht einmal eine richtige Klassenorganisation, also erstmal: auf die Existenz, Lage und Rolle der Klasse hinzuweisen, der Arbeitskräfte, die alles machen und alles machen sollen, auch wenn man sie nicht lässt. Wir waren noch nie so viele! If you must count to keep the beat, then count.

Dann will ich euch mit dem Ablauf bekannt machen. Chop Chapeau, Rübe mit Name Revolution. Wollen wir mal auf Französisch an der Laterne. Die Namen gehören zu verschiedenen Phasen ihrer Existenz. The bourgeoisie hastened strictly, and you don’t stop. Sie hat so etwas gewonnen und verloren. Dann poor taking more, wollen Revolution. Sie seufzt erleichtert.

(Gemischt im Studio O2, Museumsquartier Wien, 11-28.12.2020, enthält Samples aus den Büchern “Die Insel der Roboter” von Karl-Heinz-Tuschel, “The Black Jacobins” von C.L.R. James und “Da drinnen vor dem Auge” von Dieter Roth, aus den Texten “Splattering Bride” von Julia B. Köhne und “Against The Logic of the Guillotine” von CrimethInc, aus dem Wikipedia-Eintrag “Guillotine”, aus den Songs “Kill The Poor” von den Dead Kennedys, “Der Tag des Herrn 2” von Joint Venture, “After the eulogy” von Boysetsfire und “Coded Language” von Saul Williams sowie aus einer Facebook-Diskussion.)

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ALBERT DUB DUB.

December 16th, 2020

Benannt nach dem Großgrundbesitzer und Industriellen Albert Dub (1841 bis 1908), welcher diesen Grund zum Bau der Kirche und der Parkanlage stiftete. Stiftungsurkunde von 1887: “Zur Verschönerung von Gersthof”. THC. Die Benützung erfolgt auf eigene Gefahr. Unsere Gärten. Für den Widerstandskämpfer Kaplan DDr. Heinrich Maier gepflanzt.

Wien ist anders. Vorsicht bei Sturm! In die offene Kirche kommen .. Dub ist nicht allein .. und dann Weihnachten feiern. Hauskirche feiern. I wanna misch you a merry christmas. Wenn Sie Hilfe brauchen … Dankbar … Hoffnungsfroh … Liebevoll. Sata… Brücken bauen statt polarisieren. Im Freien sind Sitzplätze für alle zur Verfügung zu stellen. Beim Ausgang im Mittelgang stehen zwei Sammelkisten für diese Daten. Dieser Weg wird bei Schneelage nicht gesäubert. FCK NZS.

Reden wir mehr miteinander statt übereinander. Ich bin froh gerade nicht authentisch sein müssen, weil mein authentisches Ich stinkt, es hat so viele Fehler. Eigentlich Heigerlein. Jeder Weg beginnt mit einem Schritt. Mitfeiernde werden gebeten, auf aufliegenden Formularen das Datum anzugeben. Grundsatz: in möglichst großen Räumen feiern. Diese Boxen werden nach jeder Feier entleert.

Version.

Einfach, wenn du’s doppelt siehst: Benannt nach dem Dub, welcher Gärten ist. Brücken sind Sitzplätze für alle. Zur Verfügung stehen viele Fehler. Weg mit Grundsatz. In möglichst großen Boxen.

Doppelt hallt besser: Benannt diesen Großgrund zur Verschönerung auf eigene Gefahr. Wien ist nicht allein. THC FCK NZS. Mein authentisches Ich beginnt mit einem Schritt. Mitfeiernde werden auf aufliegenden Formularen in möglichst großen Räumen entleert.

Doppelt und dreifach: Ich kann diese Frau Direktor nicht ausstehen. Benannt nach Industriellen zum Bau, “zur” Benützung bauen, so viele Fehler. Sie antwortete nicht. Es ist hier kein Ort für ihr. Wenn Hilfe stinkt.

Dopplereffekt: und welcher von THC auf Sturm liebevoll wird, stinkt so Schritt auf möglichst entleert.

Doppel-Dopp-Stopp: zwei Sammelkisten NZS werden nach jeder Feier entleert, für Kaplan Heinrich Maier.

***

(Gedoppelt, filetiert und angerichtet am 16.12.2020 im Künstlerstudio O2, Museumsquartier Wien – enthält Text, den ich im Albert-Dub-Park und an der angrenzenden Pfarrkirche in Gersthof, 18. Wiener Gemeindebezirk, vorgefunden habe, darunter Schilder, Tafeln, Aushänge, Gesprächsfetzen, das Buch “Trotzkopfs Brautzeit” von Else Wildhagen sowie ca. anderthalb Zeilen, die mir dort durch den Kopf gingen. Heinrich Maier war Teil einer Gruppe, die während der Zweiten Weltkriegs Informationen an die Allierten weitergab, vor allem über die Nazi-Rüstungsindustrie, aber auch erste Nachrichten über Auschwitz.)

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WORTE ZUM SONNTAG: EKEL, GRIPPE, ALLMACHT

December 12th, 2020

VORWEIHNACHTS-GENERALSTREIK-REMIX

Wir lesen,

daß das Ding einen Heringsgeruch und einen Petroleumsgeschmack habe und dadurch imstande sei, Ekel zu erregen. Am nächsten Tag wurde Katharina durch die Grippe mit Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen niedergeworfen. Ich gehe mit traumwandlerischer Sicherheit den Weg, den mich die Vorsehung gehen heißt. Wir deutschen Hausfrauen wissen aber Bescheid und wir hoffen, daß sich diese Eigentümlichkeiten beim Kochen vollständig verlieren werden, ja, wir sind überzeugt, daß die Mineralnährhefe den Speisen einen feinen Wohlgeschmack verleiht.

Am Tag darauf erwischte es Ernst, Mizzi und Gudrun. Wenn aber diese Allmacht ein Werk segnet, so wie sie unseres gesegnet hat, dann können Menschen es auch nicht mehr zerstören. Ist das Mittachbrot vorbei, so kommt wieder die Sorge um’s Amdbrot. Franzi und Jakob waren die Einzigen in der Wohnung, die noch gesund waren.

Wenn ich auf die 5 Jahre, die hinter uns liegen, zurückblicke, dann darf ich doch sagen: das ist nicht Menschenwerk allein gewesen. Zum Amdbrot gibts heut wie immer Eintopfgericht, zur Abwechslung aber Leberwurst aus Stärkekleister und rotgefärbtem Gemüse und als Käseersatz Berliner Quark mit Paprikaersatz, auch erproben wir heute das vielgerühmte Alldarin mit Eiersatz Dottofix aus Schlemmkreide mit Backpulver und etwas Salatfix, ein köstlicher Zusatz, den ich dem Salatin wie dem Salatol vorziehe.

Besonders schlimm traf es Mizzi, sie hustete Blut und lief blau an. Wenn uns nicht die Vorsehung geleitet hätte, würde ich diese schwindelnden Wege oft nicht gefunden haben. Denn für den deutschen Familientisch ist das Beste gerade gut genug und es ist alles da, nich so wie bei arme Leute.

Im heiligen Namen Gottes, unseres himmlischen Vaters und Herrn, um des gesegneten Blutes Jesu willen, welches der Preis der menschlichen Erlösung gewesen, beschwören wir Euch, die Ihr von der göttlichen Vorsehung zur Regierung der kriegführenden Nationen bestellt seid, diesem fürchterlichen Morden, das nunmehr seit einem Jahre Europa entehrt, endlich ein Ziel zu setzen. Die Reden wurden von wilden Zwischenrufen wie “Hoch die Revolution!” und “Generalstreik” übertönt. Der Kaiser ist ein leeres Symbol, da hast du schon recht. Die schönsten Gegenden Europas, dieses Gartens der Welt, sind mit Leichen und Ruinen besät. Die Nervosität der Demonstranten wurde durch ein übermäßiges Aufgebot von Polizei und Militär verstärkt. Aber es geht um die proletarische Macht und die Organisierung als Werkzeug der proletarischen Macht.

Das wiederholen wir jetzt solange, bis es alle begriffen haben.

Die Fülle der Reichtümer, mit denen Gott der Schöpfer die Euch unterstellten Länder ausgestattet hat, erlauben Euch gewiß die Fortsetzung des Kampfes. Aber um was für einen Preis? Darauf mögen die Tausende Menschenleben antworten, die alltäglich auf den Schlachtfeldern und in den Krankenstationen erlöschen. Nach Ende der Demonstration setzte sich die Menge in großen Gruppen in Richtung der Vorstädte in Bewegung. Wen interessiert denn noch der Kaiser? Die Parteifunktionäre versuchten verzweifelt, Ausschreitungen zu verhindern, auch in der Sorge, daß ein Exzeß die anfänglichen Sympathien für die Demonstration schwinden lassen würde. Aber die Aktion ist sicher sehr populär: die Arbeit niederlegen, die Infektionsketten endlich richtig unterbrechen. Sogar die Arbeiterführer konnten die wütende Menge diesmal nicht beruhigen. Das Proletariat hasst den Kaiser.

Das wiederholen wir jetzt solange, bis es alle begriffen haben.


(Wien, Studio O2, zum Internationalen Tag der Staatsgewalt, 13.12.2020, eine Kreis-Mischung/Merry-go-round aus drei Quellen: “Die letzten Tage der Menschheit” von Karl Kraus, “Herbst 1918” von Robert Foltin und “Hitlers Wien” von Brigitte Hamann, behutsam aktualisiert)

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TOTWACH – DAS AUFGERISSENE TOTENBUCH

December 11th, 2020

Menschen sind potentiell unsterblich in den Gedächtnissen der anderen Menschen, solange die sich an sie erinnern und die Erinnerung und hinterlassenen Spuren und Aufzeichnungen weitergeben. Viele sind schon vergessen, wenn sie sterben. Most of my heroes don’t appear on no stamps. Der meisten Toten wird nicht angemessen gedacht, der meisten Toten kann ich nicht angemessen gedenken, der Hungertoten, der sterbenden Kranken, der Toten ignorierter Konflikte. When it comes to the poor, no lives matter.

Den Toten ein Gesicht geben, einen Anfang der Sichtbarkeit machen, wenn wir sie gerade als Gesellschaft umbringen. Wenn wir ihre Markierung als überflüssig, minderwertig zulassen. Sie nicht gegeneinander ausspielen: die von den zusammengespahnten Gesundheitsbudgets Umgebrachten, die von der Polizeigesellschaft Umgebrachten, die von der Männlichkeitsgesellschaft Umgebrachten, die von der Rassismusgesellschaft Umgebrachten, die immer noch vom Nationalsozialismus Umgebrachten. Das machen alles Menschen durch Menschen mit Menschen.

In dieser kommunistischen Vorstellung gibt es etwas, was über den einzelnen Menschen hinausgeht, die Gattung, die Menschheit. Das, was ich tue, geht auf den ideellen Gesamthaufen der Menschheit. Das bedeutet, dass die Toten alle noch leben, dass sie alle noch sprechen, dass sie alle noch handeln, dass Geschichte das ist, wodurch sie das tun, und dass Religion wiederum das ist, wodurch wir damit Verbindung aufzunehmen versuchen. Dann ist das hier Religion.

Den Toten ein Gesicht geben, einen Anfang der Sichtbarkeit machen, wenn wir sie gerade als Gesellschaft umbringen.

Ceremonial Burial, trying to make it appear as if the death of these people wasn’t in vain, as if they gave their lives for something good. Trying to give their death some kind of reason, some kind of meaning, some kind of purpose, even if there isn’t, even if their death just means that the others managed to kill them. Nobody actually asked them to die, they were thrown into battle, and before they knew they were dead.

In one respect this is wrong. We don’t really mourn the dead, we glorify them, we use them for our purposes, we try to make them march. Historical legitimization as a parade of zombies. These people aren’t here anymore, they are dead. The way it’s presented here it isn’t scary though. One of the main religious aspects about communism is that it’s a way to deal with death. It makes dying, or having lived for something, meaningful. You won’t be lost, you’ll still be there. Not because of spiritual reasons but because the traces you leave behind, the things you produced, the battles you fought, the stances you took.

Den Toten ein Gesicht geben, einen Anfang der Sichtbarkeit machen, wenn wir sie gerade als Gesellschaft umbringen.

Wir haben gesagt, dass sich im Astrallicht die Bilder der Menschen und Dinge erhalten. Instead of a tunnel and angels, East Indians may describe the River Ganges and a particular guru. Da sind wir aber immer noch, und der Staat ist noch da, den Arbeiter erbauen. A child having a “Near Death Experience” may “see” his or her still-living friends and teachers, or Nintendo and comic book characters, rather than God. Das Land, es lebt, es lebe hoch, weil Arbeiter sich trauen. Some near-death experiences may be a re-activation of birth memories or an actual re-experiencing of parts of the process in symbolic form. In diesem selben Lichte kann man die Gestalten jener beschwören, die nicht mehr in unserer Welt leben. Thus racing through tunnels towards the light may be a memory or symbolic re-experience of being born: a memory of “the near-birth experience.” Die Kabbalisten, die von der Geisterwelt erzählten, haben einfach das wiedergegeben, was sie bei ihren Beschwörungen sahen.

Hab keine Angst: Das sind die Geister der Toten, Manolito. My memory is a museum of dead people. Ich kenne euch nicht, wann seid ihr gestorben? Der Tod der Pioniere und der Tod der Vergessenen. Einmal im Jahr kehren die Geister der Toten zu ihren Familien zurück. Steige, Ikarus, fliege uns voraus. Und dann feiern wir mit ihnen. Viele folgten ihm, darum ist sein Tod ein Sieg. Liebe Geister, probiert doch unser Pan de Muerto! Wenn ein Mensch lange Zeit lebt, sagt die Welt, es ist Zeit. Das Universum ist Wandel, jeder Wandel ist das Ergebnis eines Aktes der Liebe, doch eine solche Deutung ist trügerisch. Alt wie ein Baum möchte ich werden.

Den Toten ein Gesicht geben, einen Anfang der Sichtbarkeit machen, wenn wir sie gerade als Gesellschaft umbringen.

Es gibt eine Romantisierung eines ehrwürdigen Todes, durch den Alte und Kranke ihren Mitmenschen nicht mehr zur Last fallen, was die Alten und Kranken oft stark internalisiert haben. Wenn eine Zelle nicht mehr gebraucht wird, stirbt sie, und zwar auf eine Art, die man nur als äußerst würdig bezeichnen kann. Sie baut alle Streben und Stützen ab, die sie zusammenhalten, und löst ihre Bestandteile in aller Stille auf – ein Vorgang, den man als programmierten Zelltod oder Apoptose bezeichnet. Jeden Tag opfern sich viele Milliarden Zellen zum Nutzen des Gesamtorganismus, und Milliarden weitere beseitigen den Abfall. Menschen sind keine Zellen, sie bestehen aus ihnen. Parallele ist nicht Identität.

Zellen können auch eines gewaltsamen Todes sterben – beispielsweise, wenn sie mit Krankheitserregern infiziert sind -, aber meist gehen sie zugrunde, weil sie den Befehl dazu erhalten. Sie töten sich sogar selbst, wenn sie nicht zum Weiterleben aufgefordert werden – wenn sie nicht irgendeine aktive Anweisung von einer anderen Zelle erhalten. Zellen brauchen viel Bestätigung. The tourists are all trying to take a picture, like thieves, then they go again. They check carefully if the machine has properly recorded it, then they go. Once they have the proof for having been here they take off. Pictures with themselves on them and the dead. Hast du mich gut drauf? Ich neben den ganzen Toten?

Den Toten ein Gesicht geben, einen Anfang der Sichtbarkeit machen, wenn wir sie gerade als Gesellschaft umbringen.

Sich im Angesicht des Todes der anderen selbst jung und frisch und gesund und nützlich und verwertbar fühlen, don’t stop me now, I’m having such a good time. Now I reach the point where I’m the desecrator. I cannot have this kind of trip here. Doch noch ein Wörtchen an dich, Tod. Du hältst dich ja vielleicht für unangreifbar, weil so viele blöderweise glauben, du wärst erst der Anfang, der Eingang zu einem besseren Ort usw. Aber ich sag dir was: Ich für meinen Teil kann dich nicht leiden, deine Fresse gefällt mir nicht. Warum sind sie alle tot, wozu soll das gut sein?

Und dein Stündchen wird schlagen, Tod. Je mehr Leute dieses Leben und diese Welt wirklich wollen und beides endlich angemessen einrichten, desto weniger werden sie sich einreden lassen, Gutes müßte knapp sein, gute Zeiten kurz und das Glück, wie Freud es ausdrückte, episodisch. Warum denn aufhören, wenn’s am schönsten ist? Warum auch nur dann aufhören, wenn es noch schön werden könnte?

Schon bis jetzt haben die Menschen dir – trotz all jener, die das Leiden verherrlichen und aufs Jenseits vertrösten, trotz jener, die die Stecker rausziehen wollen und die Öfen befeuern, trotz jener, für die Menschen zum Opfern und Verheizen da sind – beträchtliche Lebenszeit abgerungen, von der sie hoffentlich mehr darauf verwenden, dich in den letzten Winkel zu treiben und dich zu bannen. Geh sterben, Tod!

Den Toten ein Gesicht geben, einen Anfang der Sichtbarkeit machen, wenn wir sie gerade als Gesellschaft umbringen.

Vergesst die Toten nicht, kämpft für alle Lebenden!


(gemischt im Studio O2, Museumsquartier Wien, 11.12.2020 – enthält Samples aus den Büchern “Eine kurze Geschichte von fast allem” von Bill Bryson, “Ketamine” von Karl Jansen und “Dogma und Ritual der hohen Magie” von Eliphas Levi, der Ausgabe 43 des “mosaik – die unglaublichen Abenteuer von Anna, Bella & Caramella”, aus dem Film “Shaun of the dead”, aus Nachrufen auf Bekannte und Tripdikaten aus dem Treptower Park, aus einer Kurzanleitung zum Crowley Tarot sowie aus den Songs “Fight The Power” von Public Enemy, “No Lives Matter” von Body Count, “Da sind wir aber immer noch” vom Oktoberclub, “Museum of dead people” von Clastah, “Wenn ein Mensch lebt”, “Ikarus” und “Alt wie ein Baum” von den Puhdys.)

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Immaculate Conception Day – The Lunch Breaks

December 10th, 2020

(Mariä Empfängnis, Wien, 8. Dezember 2020)

Different parts of the brain excite and inhibit sexual activity in humans, normally maintaining a balance between the two tendencies. To our amazement, the activation was huge and definitely not restricted to the primary auditory area. The finding also had peculiar effect on scientific research. If the complete spinal cord injury is near the base of the spinal cord, which is just below the last rib, erection, ejaculation, and orgasm in response to physical stimulation of the penis may also be blocked, due to damage to the nerves that carry genital sensation to the spinal cord. From the remains they calculated that the tentacles were 30 feet long, the beaklike mandibles were 4 inches across, and the eye was 15 inches in diameter.

That could lead us back to the nasty conclusion that we are all different.
Whereas, breakbeats have been the missing link connecting the diasporic community to its drum woven past.
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Sexual desire, however, is often unaffected in people with spinal cord injury. There, it coexisted with Hindu and Buddhist cultures that were being diffused from India and China along the same routes. At times, the water from the siphon was as black as ink. Fairly soon after it was found to be modern-day Europeans who have the closer connection to Neanderthals – not, as it turned out, Aboriginal Australians – the image of the Neanderthal underwent a dramatic makeover.

That could lead us back to the nasty conclusion that we are all different.
Whereas the quantised drum has allowed the whirling mathematicians to calculate the ever changing distance between rock and stardom.
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Whereas, it is admitted that the Practice of Onanism in private houses, Is Engaged in on a Nightly Basis, Its Effect is Underestimated. On the contrary, an entire network of cortical regions lit up. Through them, Islam was transmitted to India, Ceylon, Malaysia, and Indonesia. An estimate of its total length was 47 feet. The latest discoveries appear to move the story back a little closer to the nineteenth-century account. I can see how it might be racialised.

That could lead us back to the nasty conclusion that we are all different.
Whereas the velocity of the spinning vinyl, cross-faded, spun backwards, and re-released at the same given moment of recorded history, yet at a different moment in time’s continuum has allowed history to catch up with the present.
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When the tide receded, it died. And then these articles are handed down from father to son. But in the twenty-first century, these same Neanderthals, the dictionary definition of simple-minded, loutish, uncivilised thugs, have become oddly rehabilitated.

That could lead us back to the nasty conclusion that we are all different.
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We change the course of history
everyday people like you and me
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Renegades in this Atomic Age
to uplift the consciousness of the
entire
fucking
world.

aus diesen Quellen zum Feiertag frisch gemischt im Studio O2, Museumsquartier Wien, Teil meines Artist-in-Residence-Projekts

Toiletten

November 19th, 2020

🥂 Zum heutigen WELTTOILETTENTAG möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass Urophilie, die in den letzten Jahren zwischen “Trump’s Pee Pee Tape” und Festival-Spycam-Übergriffen mehr als ohnehin schon in Verruf geraten ist, in einvernehmlicher Form vielen Menschen sehr viel Freude und Erbauung, Erregung und Entspannung verschafft – don’t shame kink, fight rape and harassment and the whole sexist mess! ✊

🚾 Und wo ich die Aufmerksamkeit nun habe, auch auf die Arbeitsbedingungen im Toilettenbetrieb, z.B. die Kämpfe ums “Trinkgeld”.

⛽ Und die Abzocke bei Tank & Rast & Sanifair.

🚻 Und den Sexismus der Toilettenplanung, dem z.B. das Missoir einen anderen Entwurf entgegenhält.

🚨 Und die Lage der Obdachlosen: „Wo gehen wir jetzt auf die Toilette?” Auch schon vor Corona.

🚽 Und auf die etwa 2,5 Milliarden Menschen ohne richtige Toilette. Laut WHO hängen 80 Prozent der endemischen Krankheiten in Indien mit mangelnder Hygiene und verschmutztem Wasser zusammen, 800 Millionen Ind*r haben keinen Zugang zu Toiletten – Doku aus 2019 zur Welt-Toilettenlage.

🛒 Und noch einmal auf den schlichten Umstand, dass Menschen, die mehr zu Hause sind, mehr dort aufs Klo gehen und deshalb dort mehr Klopapier verbrauchen, das sie für gewöhnlich im Supermarkt kaufen.

Ich wünsche Erleichterung und erfolgreiche Kämpfe!

Neue alte Jubiläumssingle

November 6th, 2020

Zum 10. Geburtstag unseres Albums “Wir hatten doch noch was vor” gibt’s für (einander) Liebhabende von Vinyl mit schön viel Text die Songs “Identität” und “Besseres Leben” auf 7 Zoll, plus Interview und Bonusmaterial – beim Sozialistischen Plattenbau.

Revolutions-Ausstellung im Leipziger Hauptbahnhof

October 16th, 2020

Seit heute ist die Ausstellung “Alltag/Revolution. Leipzig 1918-1923” im Leipziger Hauptbahnhof eröffnet. Der Text zur Ausrufung des Freistaats und zur Revolution in Sachsen ist von mir, bei den anderen Texten war ich Korrekturfeuerwehr, auch bei den englischen Übersetzungen.

Die Ausrufung des Freistaats Sachsen im Zuge der 1918 ausbrechenden Revolution verwirklicht, was sächsische Arbeitskräfte zuvor jahrzehntelang fordern. Diese prägen in demokratischer und sozialistischer Selbstorganisation maßgeblich den Weg der deutschen Arbeiter*innenbewegung zur sozialdemokratischen Massenpartei. Seit 1917 streiken sie gegen den Krieg und bilden dazu die ersten Räte.

Von den Großstädten bis in Dutzende Kleinstädte beteiligen sie sich nun an allen Kämpfen der Revolution. Sie verteidigen die Räterepubliken gegen Regierungstruppen Anfang 1919, nehmen am Generalstreik gegen den konterrevolutionären Kapp-Putsch teil und kämpfen für die Vergesellschaftung der Großindustrie. Als die gewählte Landesregierung aus SPD und KPD durch die einmarschierende Reichswehr abgesetzt wird, beteiligen sich Arbeiter*innen am kommunistischen Aufstandsversuch im Herbst 1923.

Der Dresdener Arbeiter- und Soldatenrat übernimmt im November 1918 die Macht vom sächsischen König („Dann macht doch euern Dreck alleene!“). In seiner ersten Regierungserklärung stellt der Rat den Freistaat in den Rahmen der „Epoche des Übergangs von der kapitalistischen in die sozialistische Gesellschaftsordnung“ und einer „einheitlichen deutschen Volksrepublik“. Er verkündet die Trennung von Kirche und Staat, den Achtstundentag und verspricht die „Beseitigung jedes auf Ausbeutung beruhenden Einkommens“.

Die Ausstellung ist noch bis 8. November zu sehen, Langfassungen aller Texte finden sich auf Deutsch und Englisch unter http://www.alltagrevolution-leipzig.de/

Weitere Bilder auf Instagram

Neues Verschwörungs-Interview

August 27th, 2020

Ich wurde von Lea Matika mal etwas ausführlicher zu Verschwörung, Ideologie und Konkurrenz interviewt:

“Wer andere als doof überführen kann, gilt ja als schlau”

5 Zitate

August 20th, 2020

Klassensolidarität

Teen Vogue: “Right now, class solidarity is not only a good and necessary means of navigating the world around us and looking out for our more vulnerable neighbors. It’s a strategy for survival. No one is coming to save us; our only hope is one another.”

Gott

Elton John über ‘Trans-Europe Express’ von Kraftwerk: “I remember smoking a joint and listening to it on really loud speakers and I thought I saw God during that album.”

Gewinnen und verlieren

Miley Cyrus, die mit 16 das erste Mal Sex hatte, tat ihrem Freund Liam Hemsworth gegenüber jahrelang so, als hätte sie zuvor schon Sex gehabt, um nicht als “Loser” dazustehen: “It was a lie that I held onto for 10 years.”

Kürzere Schichten, mehr Pausen!

Uniklinik Leipzig: “Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes vermindert die körperliche Belastbarkeit von Gesunden”.

In die Geschichte fallen

Jessica Johnson, einer 18jährige Schülerin am Ashton Sixth Form College in Greater Manchester, die für eine Geschichte über klassenbasierte Zensurenvergabe durch Algorithmen mit einem Orwell-Jugendpreis ausgezeichnet worden war, wurden ihre eigenen Noten heruntergestuft: “I’ve fallen into my story. It’s crazy.”

#b0108: Wieder mal einige kurze Sortierungen zum gestrigen “Tag der Freiheit” in Berlin

August 2nd, 2020

1) Auf der Demo waren wohl mehr als die von der Polizei angegebenen 17000, wenn auch deutlich weniger als die aus der Demo verkündeten 1,3 Millionen.

2) Es nahmen vermutlich viele aus Berlin teil, aber auch aus praktisch allen anderen Teilen des Landes.

3) Es waren viele Nazis dabei, viele radikal-nationalistische Leute, aber auch ein großer Teil, der sich politisch nicht rechts verortet, ebenso Menschen, die sich als Linke verstehen. Hier wird es sich zur eigenen Entlastung und zur Rettung von Verbindungen vielfach zu leicht gemacht.

4) So verheerend ein solches Superspreading-Event mit Ansage infektionsmäßig höchstwahrscheinlich ist (auch mit all den zu erwartenden Nachahmungseffekten), ist es Quatsch, eine drohende oder schon einsetzende “zweite Welle” nun ausschließlich dieser Demo oder ähnlichen Auffassungen insgesamt zuzuschieben. Auch in dieser Hinsicht sehe ich gerade viel Entlastungsdiskurs.

5) Noch weiter daneben als die vielen als Wünsche an die Polizei gerichteten Bestrafungsphantasien liegen Äußerungen, die mit Verweis auf Darwin und “natürliche Selektion” herbeiphantasieren, dass sich das Problem so nun hoffentlich “von selbst” lösen werde – so funktioniert das einfach nicht! Sie werden mit großer Wahrscheinlichkeit andere anstecken und es so in exponiertere und ärmere Milieus tragen, die davon stärker betroffen sein werden, vom behandelnden Pflegepersonal noch gar nicht angefangen…

6) Gleichsetzungen mit der BLM-Großdemo im Juni müssen neben dem komplett anderen Anlass, dem Zeitpunkt (Einsetzen allgemeiner “Lockerungen” vs. Vorbereitung neuer “Verschärfungen”) und den damals unerwarteten Ausmaßen vor allem ignorieren, dass MNS bei BLM anders als gestern nicht die absolute Ausnahme sondern trotz vieler Ausnahmen eher die Regel war, die räumliche Enge nicht beabsichtigt und z.T. von der Polizei herbeigeführt wurde, Pandemieschutz insgesamt nicht abgelehnt und zu seiner Missachtung nicht vorher und währenddessen dauernd aufgerufen wurde.

7) Ideologie als Dummheit oder mit (Psycho-)Pathologisierung zu beschreiben, funktioniert selbst als ideologische Abwertung.

8) Die Polizeistrategie mit der Rede von “Überforderung” retten zu wollen. arbeitet einerseits der Auffassung der Demonstrierenden zu, eine nicht mehr kontrollierbare Millionenmasse gewesen zu sein, geht aber vor allem an der offensichtlichen Ungleichbehandlung von Gegenprotesten und vor allem den abendlichen linken Kiezdemos vorüber, für die fast das ganze Arsenal an Gewaltmitteln ausreichend bereitstand und zum Einsatz gebracht wurde.

9) Es geht heute noch weiter:

Interview mit mir

July 9th, 2020

“Insofern wird die auch sonst übliche Gegenüberstellung des guten eigenen und des bösen anderen Kapitals nun in dieser Weise verschärft: Attila Hildmann wirft Gates ja gerade vor, sein Vermögen nicht weiter vermehren zu wollen, sondern außerökonomische und niederträchtige Motive zu hegen. Die Pläne des Monopolkapitals stehen dem eigenen Geschäftserfolg und damit dem Erfolg der Nation im Weg. Wie relevant dieser konkrete Kitt noch wird, hängt sicher sehr davon ab, ob der ganz gewöhnliche Nationalismus die schon teilweise etablierte Gleichgültigkeit gegenüber dem anhaltenden Sterben und Leiden weiter ausbauen kann.”

LiKos Osnabrück: Interview mit Daniel Kulla zu Corona, Verschwörungsideologie und Klassenkampf

Rückblick auf ein halbes Jahr Pandemie

July 1st, 2020

Als sich Anfang des Jahres abzeichnete, dass sich die Ausbreitung der jüngsten Sprosse der Familie der Coronaviren zu einer globalen Pandemie entwickeln würde, versuchte ich, wie die meisten anderen auch, Vorkehrungen für den zunächst selbstverständlich bevorstehenden Lockdown zu treffen, Vorräte an Lebensmitteln und Hygieneartikeln anzulegen, Masken/MNS und Desinfektionsmittel aufzutreiben.

Zu diesem Zeitpunkt wäre es für mich (naiverweise) schwer vorstellbar gewesen, dass die Regierung verkündet: “ein paar Dutzend Tote und ein paar Hundert Infektionen pro Tag sind vertretbar, damit der Laden weiter brummt”, ebenso wenig, dass der Pandemieschutz zum Gegenstand von Regionalkonkurrenz wie während der Pest 1347ff. werden würde. Auch hatte ich noch keine Ahnung, mit welcher Aufgeblasenheit und Selbstgerechtigkeit schon bald ein Teil der Bevölkerung, darunter durchaus auch einige Linke, die Grenzen des Pandemieschutzes um ihre eigenen Gewohnheiten und Ansprüche herum ziehen würde, fast immer unter Berufung auf andere und deren ökonomische, gesundheitliche und andere Notlagen.

Ab Anfang März fiel dann allmählich auf, dass es bei den Vorbereitungen so gut wie keine staatliche Unterstützung gab. Weder wurden Masken/MNS ausgegeben – die mussten größtenteils auf eigene Faust beschafft oder gebastelt werden, sogar von Krankenhauspersonal. Noch waren Anzeichen für Massentests zu erkennen – nach wie vor werden fast nur klare Verdachtsfälle getestet. Die aktuellen Pläne für Ausweitung der Tests in Bayern werden aus Berlin für kontraproduktiv erklärt, weil das angeblich Menschen in falscher Sicherheit wiegen würde – worin auch immer die aktuelle Menge an Tests die Menschen so wiegt… Auch sah und sieht es trüb aus in Sachen Quarantäneunterbringung bzw. -erleichterung im großen Stil (für besonders Betroffene, besonders beengt Lebende, für Leute, die trotz hohen Risikos weiter arbeiten müssen, für von häuslicher Gewalt Bedrohte). Was es hingegen sofort gab, waren öffentliche Ermahnungen gegen “Hamsterkäufe”, ja noch wochenlang sogar gegen den Kauf von Masken/MNS (um sie niemandem wegzunehmen, der sie wegen des erzeugten Mangels womöglich dringender brauchte).

Die Prioritätensetzung schien eine andere zu sein, was die Äußerungen des Gesundheitsministers unterstrichen, der die Pandemie systematisch herunterspielte und verharmloste. Dass Spahn Ende Januar von einem im Vergleich zur Grippe „milden Infektionsgeschehen“ sprach, konnte als ahnungslose Abwiegelung aus noch halbwegs sicherer Entfernung abgebucht werden. Dass er sich Ende Februar gegen das Absagen von Großveranstaltungen aussprach, schon weniger. Als er am 14. März „Gerüchte“ zerstreute, die Bundesregierung plane Einschränkungen des öffentlichen Lebens, wurde langsam klar, wohin der Zug unterwegs war.

Das Regierungskalkül, das sich schließlich durchsetzen konnte, bestand offenbar darin, den potentiellen Vorteil in der Staatenkonkurrenz auszunutzen, den Laden laufen zu lassen, während andere schon runtergefahren wurden, während vor allem China gerade vorübergehend teilweise ausfiel – und die Gesellschaftsmehrheit war nicht in der Lage, dieses Scheißkalkül zu durchkreuzen, als Klasse waren wir nicht organisiert genug um alles nicht Lebensnotwendige zu bestreiken, um Lockdown, Begleitmaßnahmen und Kompensation durchzusetzen (und jetzt werden die Zahlungen halt doch fällig, Überprüfungen gehen los, Mietern* kann wieder gekündigt werden usw. usf.)

Nach allen Umfragen und Stimmungsbildern hätte es für einen richtigen Lockdown (mit entsprechenden Begleitmaßnahmen) im März und April ausreichend große Unterstützung gegeben. Der hätte die Pandemie tatsächlich auf das kontrollierbare Maß herunterbringen können, das sich heute allgemein eingebildet zu werden scheint. Ein derartiger überschaubarer Quarantäne-Zeitraum vor Sommerbeginn wäre ungleich leichter machbar gewesen, für diese Zeit hätten notfalls Mieten, Löhne und vieles andere komplett erstattet werden können, die oben erwähnte verbesserte Unterbringung wäre leichter zu organisieren gewesen – gesellschaftliche wie individuelle Kosten wären unterm Strich geringer gewesen. (Hier liegt für mich die Parallele zu 2015ff. nahe, als der bundesweit riesige Wohnungsleerstand nicht für die Unterbringung von Geflüchteten requiriert wurde, heute kommen ja noch enorme Mengen an leerstehenden Hotels usw. hinzu – auch damals verdankte sich massenhafter individueller Initiative und Hilfeleistung, dass die Situation nicht noch übler wurde.)

Stattdessen gab und gibt es nun On-and-off über einen viel größeren Zeitraum, welcher die skizzierten Maßnahmen immer weniger bezahlbar und die sozialen Auswirkungen immer heftiger macht. Es besteht ein Flickwerk aus unterschiedlichen lokalen und regionalen Regeln, unterschiedlich tauglichen Hilfsmitteln und unzuverlässiger öffentlicher Aufklärung, dazu kommt eine krasse soziale Schieflage gerade in den Kernbereichen Wohnen und Arbeit. Es gibt keine flächendeckenden Tests, dafür weitgehende Unsicherheit und Sorglosigkeit, je nach Auffassung und Betroffenheit, jede Menge Anlass für Missgunst und Verdächtigung, ganz im Sinne der allgemeinen Konkurrenz. Die Akzeptanz für Pandemieschutz ist mittlerweile stark erodiert, immer wieder haben sich hochrangige Politiker zum Sprachrohr größtmöglicher “Lockerung” gemacht.

Diese Entscheidung, den Tod und das Leid von soundsoviel Menschen in Kauf zu nehmen, dieses Beispiel an andere Länder weiterzugeben und all die Ansteckungsrisiken an die Zielorte von Tourismus und Geschäft zu exportieren, ist kollektiv so nie getroffen worden. Die Gesellschaft trifft keine Entscheidungen dieser Tragweite, das macht nur dieses aus ihr delegierte Machtsystem, das zuerst das Kapital vor sich selbst schützt und dazu kürzer- oder längerfristige Strategien verfolgt – und das aktuell z.B. das Kapital nicht zur Nutzung der vorhandenen Testkapazitäten zwingt, ebensowenig zur präventiven Einstellung nicht lebensnotwendiger Arbeit oder zur pandemietauglichen (oder in vielen Fällen überhaupt erstmal zur halbwegs erträglichen) Umorganisation der lebensnotwendigen Arbeit.

Schreibe ich zum Schluss auch mal was anderes als “Wir müssen uns als Klasse organisieren”? Vielleicht sobald ich den Eindruck habe, dass das ausreichend passiert. Ein großer Teil der Linken scheint jedoch nach wie vor eher damit beschäftigt, verschiedenes Regierungshandeln gegeneinander zu stellen und sich als Fanclubs der rivalisierenden Kapitalrettungsstrategien hochheiß in die Wolle zu kriegen – als würden wir nur besser regieren wollen, als ginge es nicht (mehr) darum, Herrschaft zu überwinden.

In diesem Sinne: Masken auf, Abstand halten, Hände waschen, alle umeinander kümmern!

Nicht über die Stöckchen springen!

June 7th, 2020

Ich schrieb von den ideologischen Verrenkungen, die Linke machen müssen, um “Lockerungen” zu rechtfertigen. Wenn ich die nun in bezug auf die Black Lives Matter-Demos nicht machen will, muss ich versuchen, niemanden gegeneinander auszuspielen und soviel wie möglich Teile der Situation zu berücksichtigen (was immer nur vorläufig geht und sich gestern erstmal auf die einprasselnden Hauptvorwürfe der anderen Seite konzentrierte).

Fangen wir mit den offensichtlichen Widersprüchen an:

Das Infektionsrisiko unter freiem Himmel ist nach gegenwärtigem Kenntnisstand geringer als an vielen der mittlerweile wieder geöffneten Orte, aber es ist immer noch vorhanden – das weiß ich aber auch nicht genauer als irgendwer sonst, weshalb ich (im Zweifel für den Zweifel) seit nunmehr drei Monaten “freiwillige Quarantäne” treibe, fast nur frühmorgens und mit MNS alle paar Tage für Waldspaziergang und zum Einkaufen rausgehe und so oft Hände und Wäsche wasche wie noch nie. (Weitere Offenlegung für die Perspektive: ich war nach Hanau auf der Straße, jetzt bislang noch nicht.)

Fast alle mir bekannten Aufrufe für gestern enthielten klare und ernstgemeinte Hinweise zum Pandemieschutz, und es war kaum vorhersehbar, dass soviele kommen würden – andererseits ist derzeit generell zu erwarten, dass es Menschen ins Freie zieht, und das war alles auch bei der Schlauchbootdemo so.

Von allen der gestrigen BLM-Demos wird generell ein überwiegend verantwortungsvolles Verhalten berichtet. Die Mehrzahl der Beteiligten trug MNS und achtete, wo möglich, auf Abstand. Leute gingen auch wieder, wenn sie feststellten, dass es zu voll war. Das heißt dennoch, dass einige keinen MNS trugen oder nicht durchgängig, dass viele trotz Überfüllung weiter hinzuströmten und dass Abstand mancherorts nicht ausreichend möglich war oder nicht beachtet wurde. (Nebengedanke: Wenn der Alexanderplatz mit 15000 Menschen schon voll war, dann müssen sie zumindest irgendwie Abstand gehalten haben, wenn auch dennoch nicht unbedingt genug – für die Fotos gilt nach wie vor die Sache mit dem Teleobjektiv…)

Aber gehen wir mal eine Ebene tiefer: Ich hielt es die ganze Zeit für die beste Ansage, dass alle die Schutzmaßnahmen einhalten, die sie einhalten können, nicht zuletzt weil viele sie nicht (immer) einhalten können. (So möchte ich auch obige Schilderung meines Umgangs mit der Pandemie verstanden wissen.) Spielraum besteht also vor allem da, wo Dinge nicht unbedingt nötig sind (wie z.B. in Restaurants gehen, wenn es andere weniger riskante Möglichkeiten gibt an eine Mahlzeit zu kommen) und/oder wo sie nur einem bestimmten ökonomischen Interesse dienen, dem sich prinzipiell auch verweigert werden könnte (ja, schwer, aber siehe Bornheim).

Begleitend ging es darum, Verständnis für eine krasse Ausnahmesituation (mit mittlerweile weltweit 400000 Toten, auch hierzulande mindestens 8000, und mit Millionen von weiteren Betroffenen) zu schaffen, dafür zu sorgen, dass sie ernstgenommen wird und dass an die Mitmenschen gedacht wird – und bisher waren m.E. alle Abwägungen zugunsten dieser Ausnahmesituation zu treffen, hätte sie (mit relativ einfach zu organisierenden Ausnahmeregelungen wie Asthma-Attest o.ä.) immer Priorität haben müssen. Ins Restaurant zu gehen ist nicht wichtiger als Pandemieschutz. So beschissen, furchtbar und nachteilig es ist alleine zu sein, wäre auch das bis auf Notfälle prinzipiell dem Pandemieschutz nachzuordnen. Usw.

Nun gibt es im nach wie vor ökonomisch wie militärisch mächtigsten Staat der Welt seit fast zwei Wochen praktisch überall aufstandsartige Massenproteste gegen mörderische Polizeigewalt und gegen den zusätzliche Armut und weitere Gewalt produzierenden Rassismus. Das konstituiert eine neue Ausnahmesituation, für die Bewusstsein zu schaffen ist – es muss auch hier dafür gesorgt werden, dass sie ernstgenommen wird und dass an die Mitmenschen gedacht wird. Hierzulande wollten Leute an diese Massenproteste anschließen – soweit ich das überblicken kann, größtenteils aus eigener Betroffenheit (dazu zählen z.B. auch Angehörige!). Mitlaufenden nicht betroffenen Sympathisierenden kann meinetwegen teilweise eine andere primäre Motivation unterstellt werden, den allermeisten aber sicher nicht. Wer meint, dass es in Deutschland keine 100000 Betroffenen von Rassismus und Polizeigewalt gibt, sollte wirklich mal seine Privilegien checken.

Das heißt, das ist alles immer noch eine Abwägung, aber statt eine Ausnahmesituation gegen die andere auszuspielen, würde ich auf die bestmögliche Verbindung hinwirken wollen. Es ist auch im Interesse von Risikopatienten, dass das Problem Rassismus angegangen wird, d.h. dass die Arbeits- und Lebensumstände der wegen Rassismus gerade Corona besonders Ausgesetzten verbessert werden, wie auch ihre Möglichkeit sich zu artikulieren, zu organisieren, zu wehren – und damit vielleicht auch andere besonders Betroffene, die bisher zu wenig oder gar nicht berücksichtigt wurden, mit ins Bild zu bekommen (einige Stichworte: “häusliche Gewalt”, Sexarbeitskräfte, Roma, Obdachlose), in die Forderungen einzuschließen und zu Organisation zu ermutigen.

Mit Blick darauf, wie die Demonstrationen begleitet und aufgelöst wurden (Absperrungen, Kessel, Wasserwerfer), ist auch schwer zu behaupten, es läge nicht im eigenen Interesse sich gegen Vorgehen, Sonderstellung und weitgehende Straffreiheit der Staatsgewalt starkzumachen – was halt von zu Hause viel weniger wirksam geht. Die Parole “Erst nach Corona!” scheint mir an dieser Stelle jetzt reaktionär und auch kurzsichtig – die rassistisch verursachte Überbetroffenheit möglicherweise bis nächstes Jahr oder wer weiß wie lange unbeantwortet zu lassen, betrifft letztendlich alle.

Diese Demos fanden nun vor dem Hintergrund immer weitergehender “Lockerungen” und “Öffnungen” statt, die – das muss vielleicht auch noch mal klar gesagt werden – nicht wegen der Demonstrierenden vorgenommen werden und die für sie bedeuten, dass sie höchstwahrscheinlich noch mehr als eh schon verheizt werden, sich ihre spezifische Situation der in anderen westlichen Staaten und auch der in den USA weiter annähert. Es ist in diesem Moment eine krasse Unterstellung voller Paternalismus, sie würden gegen ihre eigenen Interessen auf die Straße gehen. Und es ist eine reichlich schiefe Perspektive, nach wochenlangen bundesweiten Demos gegen Pandemieschutz und nach all der kapitalgetriebenen Ermöglichung von immer mehr potentiellen Infektionsherden nun ausgerechnet ihnen anlasten zu wollen, dass “es bald wieder losgeht”.

Umgedreht müssen sich aber viele vorwerfen lassen, dass von Rassismus Betroffene in der Rede von Risikogruppen kaum vorkamen (siehe Flüchtlingsunterkünfte) und nun eher als Sündenböcke herhalten müssen (Göttingen), dass generell nicht genug wahrgenommen wurde, wer sich überhaupt wie weit sein Verhalten aussuchen kann, wer da welcher Art von zusätzlichem Druck ausgesetzt ist und wie existentiell der ist – durch die Demos haben sich viele überhaupt erstmal eine hörbare Stimme erkämpft. Ihnen vorzuwerfen, ihnen sei alles andere egal, nachdem sie vorher fast allen egal waren, ist ganz schön zynisch.

Wenn ich immer davon schreibe, dass im Interesse des Kapitals vorgegangen wird, scheint vielen nicht klar zu sein, dass es verschiedene Kapitalfraktionen gibt – es würde gerade zu weit führen, die im einzelnen aufzudröseln, aber sie unterscheiden sich z.B. dahingehend, wie langfristig sie planen, worin die Mehrwertproduktion jeweils besteht und welche Arbeitskräfte dazu wie genau ausgebeutet werden, wie sie mit anderem Kapital und dem Staat verbunden sind bzw. wie genau sie zueinander in Konkurrenz stehen – was u.a. auch heißen kann, dass sie Dinge tun oder politisch unterstützen, von denen sie sich ausrechnen, dass sie den jeweils anderen mehr schaden als ihnen selbst.

Viel zu viele Arbeitskräfte machen sich (aufgrund des mangelnden Selbstorganisationsgrads der Klasse) politisch zum Fußvolk dieser Kapitalfraktionen, wie vorher z.B. beim Klimaschutz auch (ganz grob: grün gegen blau) – deswegen noch mal: Ich werbe insgesamt dafür, das Richtige zu tun, sich nicht auf diese oder jene herrschaftliche Seite zu stellen, auch wenn deren Interesse momentan mit dem eigenen zusammenzufallen scheint.

Bezüglich der gestrigen (und heutigen) Proteste spreche ich mich dafür aus, ihr riesiges Ausmaß anzuerkennen, ihr Anliegen nicht zu delegitimieren, die Demonstrierenden als politisch Handelnde ernstzunehmen, auf eine bessere Verbindung von Pandemieschutz und Protest hinzuwirken und der (nicht nur) linken Unsitte zu widerstehen, sich wegen einzelner Aspekte empört abzuwenden statt sich solidarisch für deren Thematisierung einzusetzen.

Ja, es gibt bei Black Lives Matter und der gesamten antirassistischen Bewegung ein teilweise problematisches Verhältnis zu Israel, in einigen Fällen gibt es offenen Antisemitismus – aber dem sollte doch begegnet werden statt ihm diese Proteste als Spielfeld zu überlassen. Ideologie hat eine Geschichte von gescheiterten Klassenkämpfen, die sichtbar gemacht werden sollte und aus der gelernt werden kann, wie Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, Transfeindlichkeit und die vielen anderen Formen von Ideologie zurückgedrängt und perspektivisch überwunden werden können.

“Tikkun Olam heißt Black Lives Matter” rufen jüdische Aktivisten derzeit in den USA und auch in Deutschland und erklären so das Anliegen der Proteste zu einer der Scherben, in die eine Menschheit zersplittert ist, die wieder zusammengeführt werden muss. “Pride is a riot” stand auf dem Transparent, das von Demonstrierenden über dem Stonewall Inn angebracht wurde, bevor sie sich als NYC Pride den übrigen Protesten in Massen anschlossen. “Krankenschwestern haben gegen Covid-19 gekämpft, jetzt kämpfen wir gegen die Cops” hatte Jillian Primiano auf ihr Schild geschrieben, bevor sie die Straße für genau diese Proteste freihalten half. Mit “We All We Got, We All We Need” (“Wir sind alles, was wir haben, wir sind alles, was wir brauchen”) wird in New York zu den heutigen Protesten aufgerufen.

Nicht vergessen, worin unsere Stärke besteht!

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