Auftritte ab September 2019

September 2nd, 2019
  • Fr, 13.09.2019, München, Kafe Marat: Vortrag “All Cops Are Staatsgewalt”, hinterher Auflegen (Repressions-Soli “Still not loving Rosenheim Cops”, FB-Event)
  • Fr, 20.09.2019, Wiesbaden, Schlachthof: Vortrag “Entschwörungstheorie” (FB-Event)
  • Fr, 27.09.2019, Greiz, Siebenhitze: Vortrag “Entschwörungstheorie” (FB-Event)
  • Do, 17.10.2019, Eisenach, RosaLuxx: Vortrag “Arbeitsplätze selber schaffen – Instandbesetzte Betriebe in Argentinien, Nordhausen und anderswo”
  • Mi, 23.10.2019, Neubrandenburg, AJZ: Vortrag “Deutschland alternativlos? Fragen zu AfD, Ideologie und Klassenkampf” (Ankündigung)
  • Do, 21.11.2019, Bamberg, Freie Uni: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23”
  • Fr, 22.11.2019, Sulzbach-Rosenberg: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23”
  • Do, 05.12.2019, Hamburg: Vortrag “Systemausfall ’89/’90 – das Ende der DDR und die Folgen”
  • Neu geplant sind Veranstaltungen zur DDR-Kulturproduktion (zuerst vermutlich in Aachen und Bremen). Weitere Vorträge zur Revolution 1918-23 sind noch ohne Termin (Leverkusen, Wuppertal, Falkenstein, Landshut, Potsdam, Hamburg), desgleichen “Hüftbewegung” in Duisburg und Klima-“Entschwörung” in Essen sowie mehrere Veranstaltungen zur AfD.

    Wer auch noch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm.

    Wie es anfing mit den Nazis

    September 16th, 2019

    Übersicht der bisherigen Postings zur Entstehung des Nationalsozialismus

    Egal wie oft das auch beim Thema “Anfänge des Nationalsozialismus” behauptet wird: ES ging damals 1919 nicht links und unten los, sondern es ging zuallererst gegen links und unten. (Sofern diese Begriffe überhaupt sein müssen…) Es war keine “Spielart des Sozialismus”, es ging gegen den Sozialismus, d.h. gegen das, was darunter ganz überwiegend verstanden wurde. Es ging nicht gegen das Kapital, sondern es sollte dem Kapital der Weg für möglichst rücksichtslose Durchsetzung gegen Konkurrenz und Infragestellung freigeschossen werden. Die Konterrevolution war ganz überwiegend keine “naturwüchsige”, volkstümliche Reaktion, sondern bestand vor allem aus Militär, das angeheuert, bewaffnet und gezielt auf die Streikenden und Aufständischen losgelassen wurde. Politisches Programm und Ideologie waren der Herkunft und dem Interesse nach bürgerlich und militärisch, in Resten noch monarchisch-aristokratisch, und standen den Programmen der organisierten Arbeitskräfte offen feindlich gegenüber. Um die Arbeitskräfte aber für die Nation (also das einheimische Kapital) zurückgewinnen zu können, war mehr als die jahrelange brutale Repression erforderlich, es brauchte auch die Verkleidung des Faschismus als “Nationalsozialismus” und seine Massenbasis in der übrigen Bevölkerung, bis schließlich erst im Verlaufe der 30er Jahre der Widerstand tatsächlich gebrochen werden konnte.

    Hier die bisherigen Postings dazu, wie das mit den Nazis losging, Januar bis September 1919.

    Anwerbung und erster Großeinsatz der Freikorps beim Januaraufstand 1919:

    “Ab dem 9., mit voller Wucht am 11. und 12. Januar gehen die Freikorps im Auftrag der SPD-Führung mit Kriegswaffen (Panzer, Artillerie, Maschinengewehre) und Terror (Erschießungen, öffentliche Misshandlungen wie Spießrutenlauf) in der eigenen Hauptstadt gegen die eigene Bevölkerung vor. Dabei kommen mindestens 150 Menschen ums Leben.”

    Freikorps werden zur Reichswehr:

    “Am 6. März 1919 beschließt die Nationalversammlung in Weimar das “Gesetz über die Bildung einer vorläufigen Reichswehr” durch “Zusammenfassung bereits bestehender Freiwilligenverbände”. Die unterzeichnenden Ebert, Noske und der preußische Kriegsminister Walther Reinhardt (“einer der Planer der Ausrufung eines selbstständigen Oststaates, von dem aus später eine nationale Erhebung in ganz Deutschland ausgehen sollte”) machten so die Freikorps, während sie bereits in Berlin und anderen Teilen des Reiches gegen Streikende und Aufständische wüteten, zur offiziellen Armee, die “den Anordnungen der Reichsregierung Geltung verschafft und die Ruhe und Ordnung im Innern aufrechterhält.“ (Gesetzestext) Als das Gesetz am 12. März öffentlich verkündet wurde, waren dem Wirken dieser Armee bereits mehr als 1000 Menschen zum Opfer gefallen.”
    (März 1919 in Berlin, Teil 2: Freikorps greifen an, Streik verschärft sich)

    Einmarsch in München, Ende April/Anfang Mai 1919:

    “Dann finden tagelang immer mehr und umfangreichere Erschießungen nach “spontanen Standgerichten” statt und es kommt zu regelrechten Massakern (auch an katholischen Handwerksgesellen und russischen Kriegsgefangenen), immer angefeuert durch die Presse (SPD-nahes Bamberger Volksblatt: “Der gewöhnliche Tod des Erschießens ist für die Münchner Bestien viel zu wenig…”). Bis 6. Mai gibt es mindestens 650 Tote, als besonders brutal tut sich das Bayerische Schützenkorps unter Franz Ritter von Epp hervor und schießt “alles, was nach Arbeiter aussieht und sich auf die Straßen wagt, nieder” (Schaupp). Unter den Verantwortlichen des Korps finden sich Ernst Röhm, Rudolf Heß und viele andere später wichtige Nazis. Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) dankt Oberbefehlshaber General von Oven “für die umsichtige und erfolgreiche Leitung der Operation in München”. (…)

    Auch in Bayern bildet sich eine militärische Parallelregierung, die sogenannte “Ordnungszelle”, die dafür sorgen wird, dass der Versailler Vertrag nicht ratifiziert wird und sich im Schutz der weiter bestehenden paramilitärischen Verbände der Grundstock des Nationalsozialismus formieren kann, als dessen Geburtsstunde schon Zeitgenossen wie Erich Mühsam den Einmarsch der Hakenkreuz-geschmückten Truppen in München wahrnehmen.”
    (Terror der SPD-Regierungstruppen vorläufig siegreich)

    Antisemitismus in der Reichswehr, Sommer 1919:

    “Zu dieser Zeit laufen die verschiedenen antisemitischen Hauptstoßrichtungen noch eher unverbunden nebeneinander her (ganz kurz: Militär gegen angebliche jüdische Kriegsdrückerei und “Dolchstoß”, Staatsapparat und Junker gegen Umsturz und Bolschewismus, Bürgertum gegen Kriegsgewinnlertum und Schieberei der anderen). Im Laufe der kommenden Monate entsteht aus ihnen nach und nach die große Erzählung von der “jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung” als Kern der nationalsozialistischen Weltanschauung.”

    Hitler Teil I – Säuberung von der Revolution:

    “Am 9. Mai 1919 wurde der Gefreite der bayerischen Armee Adolf Hitler in den Untersuchungsausschuss seines Regiments zur Säuberung von Anhängern der soeben niedergeschlagenen Räterepublik Baiern berufen.”

    Hitler Teil II – Umschulung auf Konterrevolution:

    “Am 10. Juli 1919 beginnt der Gefreite der bayerischen Armee Adolf Hitler seine Weiterbildung zum Reichswehr-Propagandisten. (…) Diese Kurse knüpften an den “Vaterländischen Unterricht” im Deutschen Heer ab 1917 gegen die “Friedensduselei” an, nun sollten im Sinne des Initiators Karl Mayr sogenannte “Bildungsoffiziere” zur völkischen Wappnung der Truppe gegen den Bolschewismus (also praktisch weiterhin vor allem gegen die USPD und die Räte) ausgebildet werden, um der de-facto-Militärherrschaft in weiten Teilen des Reiches einen ideologischen Unterbau zu verschaffen.”

    Bamberger Verfassung vom 14. August 1919:

    “Die Konterrevolution war nun kodifiziert, das legalisierte Zusammenspiel aus permanentem Ausnahmezustand, staatlicher und nichtstaatlicher Repression und Gewalt begründete die sogenannte “Ordnungszelle Bayern”, die als “politisches System der institutionalisierten Gegenrevolution” (Sebastian Zehetmair) den Rahmen für den Aufstieg der NSDAP bildete.”

    Hitler Teil III – Propagandafeldversuch für die Reichswehr:

    “Hitler war nun als Gefreiter im Weltkrieg, in der Räterepublik, im Untersuchungsausschuss zur konterrevolutionären Säuberung seiner Truppe, bei der Weiterbildung zum Reichswehr-Propagandisten und in seinem ersten Propaganda-Einsatz in Lechfeld gewesen und stand zwar zunächst ohne Aufgabe da, hatte sich aber weiter oben nachdrücklich empfohlen (er war nun einer von 70 Propagandisten auf Mayrs Einsatzliste), sich mit den wichtigsten Propagandaschriften der Zeit vertraut machen und wichtige Verbindungen aufbauen können”

    Hitler Teil IV – Als Aufbauhelfer zur DAP

    “Am 12. September 1919 lässt Karl Mayr, Leiter der Propagandaabteilung Ib/P bei der „vorläufigen Reichswehr in Bayern“, den Gefreiten Adolf Hitler und mindestens sieben weitere Soldaten eins der ersten öffentlichen Treffen der direkten NSDAP-Vorgängerorganisation Deutsche Arbeiterpartei (DAP) besuchen. (…)

    Die Reichswehrführung möchte auf das politische München Einfluss nehmen und unterstützt die noch kleine DAP, die ihr zum einen mit ihrer antibolschewistischen und antisemitischen Haltung nahesteht und die sich zudem durch ihre Basis unter Arbeitskräften der Eisenbahnwerke als Brückenkopf in der “revolutionär verseuchten Arbeiterschaft” anbietet. (…)

    Wenige Tage später tritt Hitler, wie andere der Anwesenden, der Partei bei. Und hier findet er, der ansonsten nach dem Fehlschlag in Lechfeld weitgehend beschäftigungslos in der Abwicklungsstelle seines Regiments festsaß, eine neue Aufgabe, die sich in seiner Tätigkeit als Truppenbibliothekar ab November 1919 konkretisieren wird: in der Zusammenschau der im Bestand der Reichswehr befindlichen völkisch-antisemitischen Literatur zur neuen Doktrin des “Nationalsozialismus”.”

    Zusammenfassung (Auschwitz-Gedenktag):

    “Am Ende des Ersten Weltkrieges gab es (nicht nur) in Deutschland eine Revolution, getragen von einer sozialistischen Massenbewegung, die offen gegen Antisemitismus auftrat und die selbst eins der Hauptziele der antisemitischen Propaganda war. Gegen diese Revolution (und damit auch gegen viele ihrer eigenen Parteianhänger) setzte die neue SPD-Regierung auch offen antisemitische Truppen ein, die sich während ihrer konterrevolutionären Kämpfe, in denen Tausende der Revolutionäre getötet, gefangen und misshandelt wurden, zum Nationalsozialismus formierten, der sich so schon vieler seiner Gegner entledigen, ideologisch festigen und seine Machtbasis bilden konnte.

    Wie viele derer, die später am Holocaust mitwirkten und ihn vorbereiteten, war auch der Auschwitz-Lagerkommandant Rudolf Höß an der Niederschlagung von Aufständen während der Revolutionszeit beteiligt. Er kämpfte, wie u.a. auch NSDAP-Reichsleiter Martin Bormann, im Freikorps Roßbach, der 1920 unter dem Oberbefehl des Namibia-Veterans Paul-Emil von Lettow-Vorbeck zum Einsatz kam: “Die Einheit wurde gegen die in der Folge des Kapp-Putsches ausgebrochenen Unruhen, zunächst in Mecklenburg und ab April 1920 auch im Ruhrgebiet eingesetzt.”


    Liste von Freikorps-Mitgliedern und was aus ihnen wurde

    Hitler begins, Teil IV: als Aufbauhelfer zur D.A.P.

    September 12th, 2019

    Am 12. September 1919 lässt Karl Mayr, Leiter der Propagandaabteilung Ib/P bei der „vorläufigen Reichswehr in Bayern“, den Gefreiten Adolf Hitler und mindestens sieben weitere Soldaten eins der ersten öffentlichen Treffen der direkten NSDAP-Vorgängerorganisation Deutsche Arbeiterpartei (DAP) besuchen. Die Stadtkommandantur von München, die unter dem herrschenden Kriegszustand für die Genehmigung öffentlicher Veranstaltungen zuständig ist, scheint das Treffen fälschlich für eine der vielen linken Veranstaltungen zu halten, die sonst vor allem von der USP, der nach wie vor größten revolutionären Organisation in Bayern wie auch im ganzen Reich, bestritten werden.

    Austragungsort ist die Gastwirtschaft Sterneckerbräu in der Münchner Altstadt (siehe Bild von 1925), ab Oktober erste Geschäftsstelle der DAP. Den Vortrag hält, in Vertretung des erkrankten baldigen Hitler-Förderers Dietrich Eckart, der Bauunternehmer Goffried Feder, den Hitler bereits bei seiner Reichswehr-Umschulung im Juli gehört haben dürfte und dessen gerade 1919 erschienenes “Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes” zu einer wichtigen Quelle für die antisemitische Hetze gegen “Großleihkapital” und “jüdische Weltverschwörung” werden soll.

    Die Reichswehrführung möchte auf das politische München Einfluss nehmen und unterstützt die noch kleine DAP, die ihr zum einen mit ihrer antibolschewistischen und antisemitischen Haltung nahesteht und die sich zudem durch ihre Basis unter Arbeitskräften der Eisenbahnwerke als Brückenkopf in der “revolutionär verseuchten Arbeiterschaft” anbietet. (Zum Antisemitismus in der Reichswehr)

    Hitler und die anderen Soldaten – neben Feldwebel Grillmeier, der mit Hitler an der konterrevolutionären Säuberung des 2. bayerischen Infanterieregiments gewirkt hatte, alle vorher Teil des Reichswehr-“Aufklärungskommandos” im Kriegsheimkehrerlager Lechfeld – agieren dabei nicht als V-Leute, wie später oft kolportiert. Weder schreibt auch nur einer von ihnen einen Bericht über die Veranstaltung, noch halten sie mit ihrer Anwesenheit und der Zugehörigkeit zur Armee hinterm Berg. Wenige Tage später tritt Hitler, wie andere der Anwesenden, der Partei bei.

    Und hier findet er, der ansonsten nach dem Fehlschlag in Lechfeld weitgehend beschäftigungslos in der Abwicklungsstelle seines Regiments festsaß, eine neue Aufgabe, die sich in seiner Tätigkeit als Truppenbibliothekar ab November 1919 konkretisieren wird: in der Zusammenschau der im Bestand der Reichswehr befindlichen völkisch-antisemitischen Literatur zur neuen Doktrin des “Nationalsozialismus”.

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    Alle Postings zu Revolution und Konterrevolution vor 100 Jahren

    Fridays For Future in Leipzig

    August 30th, 2019

    Bisher hatte ich aus der Nähe fast nur von der durchweg sehr erfreulichen Organisation und Vorbereitung von “Fridays For Future”-Demos und -Aktionen mitbekommen, heute hab ich mir erstmals eine ihrer Demos in Leipzig fast in ganzer Länge anschauen können und bin auch längere Strecken mitgelaufen – der positive Eindruck hat sich unbedingt bestätigt.

    Den ersten Redebeitrag bei der Auftaktkundgebung hielt eine brasilianische Gruppe (siehe Bild), die auf die gezielte Zerstörung des Regenwaldes fürs Agrarkapital und die Bolsonaro-Vorgeschichte (der “legale Putsch” gegen Dilma Rousseff) einging; der zweite war von Leipziger Ende Gelände-Aktiven, die sich für zivilen Ungehorsam im Sinne des Brechens falscher Regeln und Gesetze aussprachen, die dadurch entstehende kollektive Selbstermächtigung betonten, das Regierungshandeln für viel zu langsam erklärten und zu mehr direkten Aktionen aufriefen.

    Die Demo selbst war größtenteils sehr lebhaft und laut, viele “Ende Gelände”-Parolen gegen RWE und Kohlekonzerne wurden gerufen (außerdem häufig: “What do we want? Climate justice! When do we want it? Now!”, “Keep coal in the ground, gotta keep coal in the ground”, “We are unstoppable, another world is possible”), es wurde trotz der knallenden Sonne gehüpft, gerannt und getanzt.

    Bei der Zwischenkundgebung am Augustusplatz drehte sich ein Redebeitrag darum, wie es ständig heißt, notwendige Maßnahmen wären nicht machbar und vor allem nicht bezahlbar, obwohl Privatvermögen in Milliardenhöhe angehäuft werden – auch hier ging es darum, das Notwendige notfalls selbst durchzusetzen, wenn sich in den Regierungen, auch den regionalen, nichts ändert, d.h., wenn Eigentum weiterhin die gesellschaftlichen Interessen aussticht.

    Nach Stunden in Hitze und praller Sonne erreichte die Demo immer noch ausgelassen zu sehr schön ausgesuchter Musik tanzend ihren Abschlusspunkt vorm Bundesverwaltungsgericht.

    Das war weder der apokalyptische Verzichtskult noch die bloß linksliberale Grünbürgerkindergrütze, die beharrlich von so vielen Leuten herbeigeschrieben werden – das waren überwiegend junge Leute, die einfach gerne sich und allen anderen den drohenden Verzicht auf die Bewohnbarkeit des Planeten ersparen würden und sich angesichts der politischen Realitäten sinnvoll radikalisieren.

    Hitler, Teil III: Propaganda-Feldversuch für die Reichswehr

    August 19th, 2019

    Am 19. August 1919 trifft der Gefreite der bayerischen Armee Adolf Hitler als Teil einer Propaganda-Einheit der Reichswehr im Kriegsheimkehrer-Durchgangslager (Dulag) in Lechfeld bei Augsburg ein.

    Nach Fehlschlag der Aufklärungskurse zuvor soll mit einer “Probedienstleistung” (Bataillons-Befehl vom 13.8.) der Versuch der propagandistischen Beeinflussung unternommen werden, “unzuverlässige” (also revolutionär beeinflusste) Truppen sollen durch völkische Ansprache wieder “zuverlässig” gemacht werden. Die offen antisemitischen Themen sollen am besten nur nebenbei auftauchen, da es seit Juni Versuche des bayerischen Innenministeriums gibt, “aufreizende Sprache gegen die jüdische Bevölkerung” zu unterbinden. (Siehe auch: Antisemitismus in der Reichswehr.) Hitler greift in diesem Sinne in die Diskussion nach Rudolf Beyschlags Vortrag “Wer trägt die Schuld am Weltkriege?” ein, spricht selbst über Versailles (“Friedensbedingungen und Wiederaufbau”) und stellt “Wirtschafts- und sozialpolitische Schlagworte” wie z.B. ‘Syndikalismus’ vor.

    Statt der bayerischen Kriegsheimkehrer und Wachmannschaften wird aber nur eine Reichswehreinheit bespielt: die 6. Kompanie unter Oberleutnant Walther Bendt, vorher schon beim Einmarsch in München Anfang Mai dabei und entsprechend weitgehend auf Linie. Für diese etwa 150 Soldaten, die während der Vorträge teilweise einschliefen, sind es zu viele Propagandisten (obwohl nur 25 statt der geplanten 50), fürs ganze Lager jedoch zu wenig – sie können sich dort auch nur unbehelligt bewegen, wenn sie nicht als (besser bezahlte) Reichswehr oder Freikorps zu erkennen sind.

    Das Lager gilt als “USP-verseucht”, besonders die Kriegsheimkehrer aus dem Osten sind der bolschewistischen Beeinflussung verdächtig, vor allem aber die 3000 Mann der Wacheinheiten. Soldstreiks aus finanziellen Gründen werden als Beleg für die unzuverlässige Gesinnung genommen.

    Die antisemitischen Mitwirkenden des Aufklärungskommandos (unter ihnen NSDAP-Mitglied der ersten Stunde Hans Knodn, der “in allen Vorträgen eine Lücke” sah, “die nur durch eingehende Behandlung der Judenfrage ausgefüllt werden kann”), loben Hitlers “Fanatismus” und jubeln ihn sogleich “geborenen Volksredner” hoch, weil er wie erwünscht die “Judenfrage” am Rande thematisiert und in informellen Nachgesprächen vertieft, alle anderen halten ihn für kaum erwähnenswert. Für Folgeeinsätze in Kempten, die dann aber so gar nicht mehr stattfinden, wird Beyschlag und nicht Hitler vorgesehen.

    Die Reichswehr setzte in der Folge kurzzeitig auf “verdeckte Vertrauensleute” zur Beeinflussung der Truppen im Lager, brach aber auch diese Versuche ab – das Dulag Lechfeld galt bis zu seiner Auflösung Anfang 1920 als zu “bolschewistisch verseucht” um dort noch weitere Truppen unterzubringen.

    Hitler war nun als Gefreiter im Weltkrieg, in der Räterepublik, im Untersuchungsausschuss zur konterrevolutionären Säuberung seiner Truppe, bei der Weiterbildung zum Reichswehr-Propagandisten und in seinem ersten Propaganda-Einsatz in Lechfeld gewesen und stand zwar zunächst ohne Aufgabe da, hatte sich aber weiter oben nachdrücklich empfohlen (er war nun einer von 70 Propagandisten auf Mayrs Einsatzliste), sich mit den wichtigsten Propagandaschriften der Zeit vertraut machen und wichtige Verbindungen aufbauen können: “Denn es waren nicht in erster Linie seine Kameraden aus dem 16. Reserve Infanterie-Regiment oder dem 2. Infanterie-Regiment, sondern vor allem jene aus diesem Kommando, die, wie Hitler in ‘Mein Kampf’ schrieb, ‘später mit den Grundstock der neuen Bewegung zu bilden begannen’.” (Plöckinger 2013:139)

    Wurzeln des Nationalsozialismus: 100 Jahre “Bamberger Verfassung”

    August 14th, 2019

    Am 14. August 1919 wurde die “Bamberger Verfassung” für den Freistaat Bayern verkündet, die gleichzeitig bürgerlich-demokratische Errungenschaften festschrieb wie auch die konstitutionelle Grundlage für die “Ordnungszelle Bayern”, den Inkubationsraum des Nationalsozialismus, bildete.

    Sie war zwei Tage zuvor beschlossen worden, einen Tag nach Eberts Unterzeichnung der deutschen Reichsverfassung und folgte dieser in der Bestimmung von Grundrechten und dem Schutz des Eigentums, hob den Adelsstand auf und begrenzte die Macht der Kirche vor allem in den Schulen.

    Artikel 64 erlaubte allerdings, “bei drohender Gefahr … die verfassungsmäßigen Grundrechte ganz oder teilweise außer Kraft” zu setzen. Da sowohl die Regierung als auch die Organe der Staatsgewalt die “Sicherheit des Staates” ständig und umfassend durch die Revolution bedroht sahen, hieß das praktisch, dass fast durchgängig bis Dezember 1925 in Bayern der Ausnahmezustand herrschte: Schutzhaft und Ausweisung für politische Gegner, Pressezensur, keine Versammlungsfreiheit, kein Postgeheimnis, phasenweise Streikverbot mit Androhung von Todesstrafe. Politische Sondergerichte (“Volksgerichte”) verurteilten 31000 Menschen, was sich wie die Ergänzung von Militär und Polizei durch “Einwohnerwehren” und deren Nachfolgeorganisationen als Notpolizei gegen die Revolution und die Arbeiterbewegung richtete.

    Die Konterrevolution war nun kodifiziert, das legalisierte Zusammenspiel aus permanentem Ausnahmezustand, staatlicher und nichtstaatlicher Repression und Gewalt begründete die sogenannte “Ordnungszelle Bayern”, die als “politisches System der institutionalisierten Gegenrevolution” (Sebastian Zehetmair) den Rahmen für den Aufstieg der NSDAP bildete.

    Antisemitismus in der Reichswehr

    July 26th, 2019

    “Auf allen Gebieten sehen wir nicht Fortschritte, sondern Rückschritte. Die Reaktion erhebt ihr Haupt immer kühner, die Gegenrevolution marschiert. (…) Die Offiziere wollen das Programm, die Hohenzollern zurückzurufen, durchführen. Sie werden es nicht durchführen können, weil ihnen die Kraft fehlt. Aber inzwischen verbreiten sie das Gift im Volke. Gegen die Juden wird gehetzt in einer geradezu infamen Weise. Der Ausschuß für Volksaufklärung, die deutsche Erneuerungsgemeinde, der Deutschvölkische Bund, der Reichshammerverband verbreiten in Massen Flugblätter in der Eisenbahn, auch in Kasernen. In diesen Flugblättern wird direkt aufgefordert, ‘die Juden zu vernichten, alle zu töten, die sich gegen die göttliche Ordnung erheben’. (…) Gegen Zeitungen der Arbeiter, gegen kommunistische, gegen unabhängige Druckschriften ist man schnell bei der Hand. Daß dieselbe Tatkraft aufgeboten worden ist gegen diejenigen, die eine Pogromhetze in Szene setzen wollen, davon haben wir nichts gemerkt.”

    So Hugo Haase, Fraktionsvorsitzender der USPD und noch drei Jahre zuvor Teil der SPD-Parteiführung, in der (bis September noch immer in Weimar tagenden) Nationalversammlung am 26. Juli 1919 während einer Debatte zu den jüngsten antisemitischen Vorfällen in der Armee.

    Anfang Juli hatten sich Reichswehrsoldaten an Ausschreitungen gegen jüdische Geschäfte in Berlin beteiligt, und die Hetze aus der Armeeführung wurde im Zuge des konterrevolutionären Ausgreifens immer deutlicher. Reichswehrminister Noske (SPD) verurteilte daraufhin zwar “jede Art von antisemitischen Treibereien in den Truppen”, verwies aber auf die Schwierigkeit ihrer Verfolgung, dass dabei “die Polizei nicht immer so funktioniert, wie das wünschenswert ist.”

    Zu dieser Zeit laufen die verschiedenen antisemitischen Hauptstoßrichtungen noch eher unverbunden nebeneinander her (ganz kurz: Militär gegen angebliche jüdische Kriegsdrückerei und “Dolchstoß”, Staatsapparat und Junker gegen Umsturz und Bolschewismus, Bürgertum gegen Kriegsgewinnlertum und Schieberei der anderen). Im Laufe der kommenden Monate entsteht aus ihnen nach und nach die große Erzählung von der “jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung” als Kern der nationalsozialistischen Weltanschauung. Hitler, der als Truppenbibliothekar massenweise einschlägige Texte der unterschiedlichen Richtungen liest, wird für die ideologische Synthese zur zentralen Figur.


    Hugo Haase 1919 in Weimar, via

    Rede zitiert nach “Im deutschen Reich. Zeitschrift des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens”, Ausgabe September 1919, S. 374

    Hitler, Teil II: Umschulung auf Konterrevolution

    July 10th, 2019

    Am 10. Juli 1919 beginnt der Gefreite der bayerischen Armee Adolf Hitler seine Weiterbildung zum Reichswehr-Propagandisten.

    Wie bereits geschildert, hatte er vorher nach seiner – wie auch immer überzeugten oder aktiven – Teilnahme an der Räterepublik sich auf die Seite der siegreichen Regierungstruppen geschlagen und eifrig an der Säuberung seines 2. bayerischen Infanterie-Regiments von revolutionären Elementen mitgewirkt.

    Da diese Tätigkeit auslief und die Untersuchungsausschüsse im Juli aufgelöst wurden, nahm Hitler nun, als Vertreter der Abwicklungsstellte seines Regiments, an einem der Lehrgänge teil, welche die Reichswehr seit April in Berlin und ab Juni in München abhielt und in denen überwiegend Offiziere, aber auch einige aus den Mannschaften zu Diskussionsrednern ausgebildet und allgemein politisch in Sinne der Reichswehr (und nicht des neuen Staates) aufgeklärt werden sollten.

    Diese Kurse knüpften an den “Vaterländischen Unterricht” im Deutschen Heer ab 1917 gegen die “Friedensduselei” an, nun sollten im Sinne des Initiators Karl Mayr sogenannte “Bildungsoffiziere” zur völkischen Wappnung der Truppe gegen den Bolschewismus (also praktisch weiterhin vor allem gegen die USPD und die Räte) ausgebildet werden, um der de-facto-Militärherrschaft in weiten Teilen des Reiches einen ideologischen Unterbau zu verschaffen.


    Bildmontage aus der Teilnehmermeldung und dem Programmheft des Kurses 3b, an dem Hitler teilnimmt – beides entnommen Othmar Plöckinger “Unter Soldaten und Agitatoren”, Paderborn 2013.

    Den ersten Vortrag, den Hitler dort am 10. Juli 1919 hört, hält im Münchner Arbeitermuseum Karl Graf von Bothmer, bestens vernetztes Mitglied der antisemitischen Thule-Gesellschaft, über das Erfurter Programm der SPD. Ebenfalls sprach Gottfried Feder, völkischer Ökonom und ab September Mitglied der NSDAP-Vorläuferpartei DAP, der für das Ende des Klassenkampfs und die “Brechung der Zinsknechtschaft” warb.

    Die bald wieder aufgegebenen Kurse, mit denen die Armeeführung dem bei neuen Lebensmittelunruhen wie in Hamburg und im Ruhrgebiet stets befürchteten Wiederaufflammen der Revolution in der Truppe entgegenzuwirken versuchte, erfüllten nicht die in sie gesetzten Erwartungen, sammelten aber Personal für die in der Folge gestarteten mobilen Aufklärungskommandos vor Ort, in denen auch Hitler ab Ende August im Kriegsheimkehrerlager Lechfeld bei Augsburg zum Einsatz kommen wird.

    Schulstreik in Berlin vor 100 Jahren

    July 1st, 2019

    In der letzten Woche vor und der ersten Woche nach den Sommerferien 1919 setzten etwa 30.000 Streikende an mindestens acht der zehn Pflichtfortbildungsschulen und allen kaufmännischen Schulen in Berlin die formale Abschaffung der Prügelstrafe und des Abendunterrichts sowie die vorübergehende Anerkennung der Schülerräte als Mitbestimmungsorgane durch.

    Am 27. Juni war auf einer Versammlung im Biergarten der Bötzow-Brauerei von den anwesenden 3000 Jugendlichen, unter ihnen die Schülerräte, der Streik beschlossen worden. Während die Perspektive dabei “Neuordnung des gesamten Schulwesens auf sozialistischer Grundlage” war, d.h. moderne (polytechnische) Lehrmethoden, Lehrpläne, Lehrwerkstätten, Fachbibliotheken usw., wurde sich zunächst auf die akuteren Forderungen beschränkt, die nach Einsetzen des Streiks am 1. Juli (gleichzeitig war übrigens auch Verkehrsstreik in Berlin bis 14. Juli) bei mehreren zentralen Massenversammlungen bekräftigt wurden.

    Wie es der Schlosserlehrling und spätere kommunistische Gewerkschafter und NS-Widerstandskämpfer Anton Saefkow für die II. Fortbildungsschule in der Wassertorstraße schildert, gab es zunächst nur Klassenräte – die Obleute und Schülerräte als Vertretung für die ganze Schule bildeten sich erst während des Streiks bzw. für ihn. Es kam an allen bestreikten Schulen zu Schülerversammlungen, zu Demonstrationen (Schüler der VIII. aus der Grüntaler Straße wurden von der Polizei angegriffen und wehrten sich), zu weiteren berlinweiten Treffen und auch zu Kontakten mit Betriebsvertrauensleuten – während Lehrlinge zum Teil in die Räte der Betriebe und die Arbeitskämpfe mit einbezogen waren, blieb es insgesamt bei großer, aber praktisch folgenloser Sympathie für den Schulstreik aus den Betrieben, zumal der Berliner Vollzugsrat des Arbeiter- und Soldatenrats (vor wenigen Monaten formal noch die Regierung) selbst gerade erst am 26.6. verhaftet worden war.

    Die wichtigsten beteiligten Organisationen waren die schon an der KPD orientierte Freie Sozialistische Jugend, die den Streik vorbehaltlos unterstützte, sowie die SPD-nahe Arbeiterjugend, die zwar teilweise den Streik mit durchführte, aber jede Gelegenheit nutzte um ihn einzudämmen und vor der Erreichung der Ziele abzuwürgen, vor allem die Wiederaufnahme des Streiks nach Ferienende im August zu verhindern. Die Streikbewegung ist überregional so gut wie nicht verbunden, die FSJ-Zeitung Die junge Garde ist eins der wenigen Kommunikationsmittel über Berlin hinaus. Auch greift die Bewegung offenbar gar nicht auf die Frauen über (damals ist der Unterricht fast komplett schulisch getrennt).

    Dennoch bilden sich ähnliche Schülerrätebewegungen auch anderswo, so etwa in Leipzig (Lehrlinge im Betriebsrat, Fortbildungsschulen) oder in München (revolutionärer Schülerrat während der bayerischen Räterepublik, Räteparlament mit sechsköpfigem Exekutivorgan). Hamburger Gewerbeschüler erstreiken schon Ende 1918 Unterrichtszeitbegrenzungen, die Wiener Anfang 1920.

    Am Ende scheiterte ein mehr als nur formaler Erfolg des Schulstreiks insgesamt am Widerstand des Lehrbetriebs (bis auf wenige Ausnahmen). Die Politisierung wirkte bei vielen Beteiligten zwar nach, von der Selbstorganisation blieben jedoch nur die Klassenvertrauensleute übrig, Prügelstrafe war noch lange Praxis, gerade in den “niederen” Schulen. Aus dem letztlich weitgehenden praktischen Verpuffen selbst so großer Mobilisierungen werden ab 1920 ähnliche Konsequenzen wie in der revolutionären Bewegung im Allgemeinen gezogen. Die selbstorganisierte Rätebewegung tritt immer mehr in den Hintergrund, und auch die FSJ wird mehr und mehr zur zentralisierten KPD-Organisation.

    “Wenn wir heute die Lage in den Schulen nüchtern betrachten”, schreibt “Die junge Garde” 1921, “so müssen wir feststellen, dass keine Schülerräte mehr bestehen; wo sie existieren, haben sie den Charakter von Papiersammlern oder Tafelwischern.”

    ***

    Literatur: Axel Weipert, Die zweite Revolution, Berlin 2015, S. 256-287

    Sülzeunruhen im Hamburg

    June 27th, 2019

    Am 27. Juni 1919 marschierte die Reichswehr in Hamburg ein um die sogenannten Sülzeunruhen niederzuschlagen, die vier Tage zuvor zwischen Rathaus und Speicherstadt aus Wut über die Verwendung vergammelter Fleischreste für die Lebensmittelproduktion und über die insgesamt katastrophale Versorgungslage ausgebrochen waren, sich mittlerweile nach heftigen Straßenprotesten in größeren Teilen der Stadt und bewaffneten Auseinandersetzungen am Rathausmarkt allerdings schon wieder weitgehend beruhigt hatten. Es gelang zunächst, die einmarschierenden Truppen durch Aufklärung über die Lage wieder zum Abzug zu bewegen.

    Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) hatte jedoch – wieder quasi in Vorwegnahme von Artikel 48 der Weimarer Verfassung – zur “Wiederherstellung von Sicherheit und Ordnung” den Namibia-Veteran und schon bald Kapp-Putsch-Teilnehmer Paul von Lettow-Vorbeck als Befehlshaber von 10.000 Soldaten bestimmt, die am 1. Juli mit Panzerwagen erneut in die Stadt einrücken und Terror im Freikorps-Stil verbreiten. Ziel ist die Entwaffnung und Zerschlagung jeglichen proletarischen Widerstands und die Etablierung des Militärs als einziger bewaffneter Instanz. Waren bis dahin 15 Menschen ums Leben gekommen, steigt die Zahl der Toten nun auf 80.

    Bernd Langer schreibt: “Während das Bürgertum eher aufatmet, kommt es in den Arbeiterbezirken zum rücksichtslosen Waffengebrauch gegen angebliche Plünderer und Heckenschützen. Mit willkürlichen Verhaftungen, Brutalität und Schnelljustiz durch Kriegsgerichte soll die Arbeiterschaft eingeschüchtert werden. Allgemeines Symbol für dieses Treiben ist das Aufziehen der schwarz-weiß-roten Fahne auf Gebäuden und vor Standorten.” (Flamme der Revolution, S. 424)

    Die Unruhen und ihre Niederschlagung zeigen die instabile Friedhofsruhe im Land, die schon durch solche Elendsaufstände bedroht war, von denen sofort ein Wiederaufflammen der Räterevolution (bzw. im Selbstverständnis ihrer Gegner: des “Bolschewismus”) erwartet wurde und gegen die umgehend zu den bereits erprobten Terror-Mitteln gegriffen wurde – welche wiederum eine weitere Verschiebung des Kräfteverhältnisses zugunsten des Militärs, des Bürgertums und der nationalkonservativen bis protofaschistischen politischen Fraktionen bedeutet: “Die noch aus der Revolutionszeit stammende ‘Volkswehr’ wird in diesem Zusammenhang aufgelöst und die eher bürgerlich und republikfeindlich eingestellten Zeitfreiwilligenverbände und Einwohnerwehren werden gestärkt.” (ebd.)

    Auch im übrigen Deutschen Reich wütet unterdessen die Konterrevolution, nach wie vor gibt es Verhaftungen, Verurteilungen und Misshandungen im Gefolge der Kämpfe im Frühjahr. In Ungarn wurde noch erbittert um die Räterepublik gekämpft, in Russland und der Ukraine standen die Rote Armee der Bolschewiki und die anarchistische Machnowtschina den weißen Vorstößen unter Koltschak entgegen. In vielen anderen Ländern sind die Auseinandersetzungen zwischen Revolution und Konterrevolution sowie um die Gestalt der Revolution selbst noch in vollem Gange.

    Ebenfalls am 27. Juni wird Erich Mühsam für seinen Hochverratsprozess ins Münchner Gefängnis Stadelheim verlegt, “unter allen Gefängnissen, die ich bisher kennengelernt habe, … das übelste… der Lokus ist eine unaussprechliche Schweinerei, ein Eimer mit Deckel…”


    Foto: A. v. Zychlinski, 24.06.1919. Quelle: Museum der Arbeit / SHMH, Lizenz: CC BY-NC 3.0
    (via)

    Auftritte ab Juli 2019

    June 25th, 2019
  • Di, 02.07.2019, Essen: Vortrag “Entschwörungstheorie” (FB-Event)
  • Mi, 03.07.2019, Coburg, Freie Uni: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Sa, 13.7.2019, Berlin, Kulturhaus Kili: Vortrag “Die Option zu kämpfen. Statt Weniger oder Mehr: Pop als ­aufständische Assoziation” und Auflegen (1st congress for eternal space holidays)
  • Sa, 03.08.2019, Bitterfeld, AKW: Ideolotterie (beim Haus- und Hoffest)
  • Sa, 17.08.2019, Karl-Marx-Stadt, Begehungen: Vortrag “Leben im Rausch”
  • Fr, 13.09.2019, München, Kafe Marat: Vortrag “All Cops Are Staatsgewalt”, hinterher Auflegen (Repressions-Soli “Still not loving Rosenheim Cops”, FB-Event)
  • Fr, 20.09.2019, Wiesbaden, Schlachthof: Vortrag “Entschwörungstheorie”
  • Fr, 27.09.2019, Greiz, Siebenhitze: Vortrag “Entschwörungstheorie”
  • Do, 17.10.2019, Eisenach, RosaLuxx: Vortrag “Arbeitsplätze selber schaffen – Instandbesetzte Betriebe in Argentinien, Nordhausen und anderswo”
  • Do, 21.11.2019, Bamberg, Freie Uni: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23”
  • Fr, 22.11.2019, Sulzbach-Rosenberg: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23”
  • Do, 05.12.2019, Hamburg: Vortrag zum Ende der DDR und den Folgen (in Planung)
  • Neu geplant sind Veranstaltungen zur DDR-Kulturproduktion (zuerst vermutlich in Aachen und Bremen). Weitere Vorträge zur Revolution 1918-23 sind noch ohne Termin (Leverkusen, Wuppertal, Falkenstein, Landshut, Potsdam, Hamburg), desgleichen “Hüftbewegung” in Duisburg und Klima-“Entschwörung” in Essen. Außerdem gibt’s Pläne für Veranstaltungen zur AfD (in Greiz), zu Luther (in Bad Frankenhausen, Bochum, Bielefeld), zu Antisemitismus & Kapitalismus (Leisnig) und in Potsdam Vorträge zu “Sin Patrón”, zu Elsässer und zur Religion.

    Wer auch noch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm.

    Video vom 101. “Entschwörungstheorie”-Vortrag in Hamburg

    June 24th, 2019

    “Was ist Ideologie, warum wird sie geglaubt und erzeugt, was versprechen sich Menschen davon? Was spielt die Annahme oder Unterstellung übermächtiger Verschwörungen dabei für eine Rolle? Was ist von realen Verschwörungen zu lernen? Was kann diskursiv und praktisch politisch getan werden?”

    Video vom 101. “Entschwörungstheorie”-Vortrag “Hinter den Kulissen – immer die anderen!” am 22.4.2019 auf der MS Stubnitz in Hamburg als Vorprogramm für Björn Peng.

    Sind sie da, sind sie weg

    May 27th, 2019

    Vorwort für die nicht erschienene Neuauflage eines Bandes radikaler Dichtung.

    Ein Teil dessen, was im Rausch passiert – also immer – , besteht darin, dass das Nervensystem an die Stellen, an die nichts anderes aus den Sinneskanälen, den Signalkaskaden oder dem Gedächtnis zu passen scheint, sich selbst abbildet, das heißt in puncto Optik den Sehnerv. Nicht wissend oder ahnend, dass das passiert, halten die meisten Menschen das dann für bloßen Quatsch, für übersinnliche Hinweise aufs Transzendente oder für eine Erweiterung ihrer Wahrnehmung in “andere Dimensionen” oder – noch barer jeder physikalischen Konzeptionen – von “anderen Energien”.

    Zu früh abgebogen!, könnte da gerufen werden, wie an so vielen anderen Stellen auch. Also bleiben wir zunächst dazu verdammt, die verschiedenen Ebenen und Erscheinungsformen dieses ebengleichen Vorgangs, wo auch immer wir über sie stolpern, in unser eigenes Bewusstsein hineinzuhämmern, immer und immer wieder uns selbst klarzumachen, dass wir das alles selber machen, dass wir das alles selber sind – bis uns dereinst endlich unser Gehirn in den Kopf geht, und wir mutmaßlich im selben geschichtlichen Moment uns als Menschheit verstehen, die eben all das, was sie macht, selbst macht.

    In den Momenten der Selbsterkenntnis müssen wir also Wollknäuel ausrollen, Stolpersteine auslegen, Knoten in Taschentücher machen, unserem Bewusstsein Fallen stellen, um es hoffentlich allmählich aus dem Wahn zu befreien, es wäre einfach so da, seine Formen, seine Muster, seine Position, seine Voraussetzungen, seine Logik, seine Grammatik, nervlichen Grundlagen wären halt einfach so, und das müßte eben so sein, und fertig.

    Viele der Formen, in denen meist zu früh abgebogen wird, sehen aus, als wären sie konsequente Versuche, diese Selbsterkenntnis zur Geltung zu bringen: der Konstruktivismus, die Psychoanalyse, das Schrifttum der psycholytischen Therapie, ja selbst die Kritische Theorie. Doch irgendwo schleicht sich der Wahn immer wieder ein, und wir haben dann den allmächtigen Diskurs, die Ohnmacht gegenüber der Macht, die bestimmenden Ideen, den totalen Verblendungszusammenhang, den essentialisierten “Kritiker”, die “menschliche Natur” und diverse andere Wesenheiten und Erscheinungen, die den Durchbruch der Erkenntnis verhindern, dass alle Menschen alles, was sie machen, selbst machen, und damit sich selbst, ihr Bewusstsein, ihre soziale Realität und all die ganzen Dinge wie Waschpulver und Lenkraketen herstellen.

    Hier nun also: das Wort vorm Wort. Die Sache, die über sich selbst stolpert, die in sich selbst steckt. Der Versuch, der Form etwas abzuringen, das dem Widerspruch im Kopf entspricht. Das Gehirn als das, was nirgendwo und überall ist, das sich überallhin abbildet, aber in jedem seiner Bilder fehlt; das Papier, Tinte, Druckwerk, Sprache, Zeichen auf einmal ist, sich aber nur vage im Text erkennt. Das Verhältnis des Gehirns zu sich selbst, des Ich zum übrigen Gehirn. Der Mülleimer des präfrontalen Cortex, der ein Bewusstsein entwickelt hat und nicht mal weiß, was das ist, geschweige denn, wo oder wie es funktioniert. Vielleicht auch schon: Sprache als Code – als Anweisung an sich selbst.

    Aber das Werk muss sich bis hierhin den Vorwurf gefallen lassen: dass es sich nicht selbst als es selbst anspricht, die Klasse nicht als Klasse, das Gehirn nicht als Gehirn, die Spezies nicht als Spezies, die Materie nicht als Materie. (Noch?) kein Versuch einer Antwort, die Übersetzung der Form in sich selbst, der Sprache in sich selbst – die nicht-beantwortbare Frage als den bitterernsten Witz an der ganzen Sache (Universum) anerkennen und sogleich das Mobile in Bewegung schnipsen. (Noch?) kein Versuch einer Frage, was es denn nun mit der konkreten Arbeit, Ausbildung, Arbeitsumgebung zu tun hat (nicht nur mit dem als Alltag angespaltenen Nicht-Ausbeutungs-Zusammenhang). Don’t spread the word – cut-up & code!

    Sehen wir hier dabei zu, wie die Klasse ihrer selbst gewahr wird, feststellt, dass sie das alles immer schon selbst macht und entsprechend niemandes Kommando bedarf? Wir wollen das doch immer sehr hoffen.

    Hitler, Teil I: Säuberung von der Revolution

    May 9th, 2019

    Am 9. Mai 1919 wurde der Gefreite der bayerischen Armee Adolf Hitler in den Untersuchungsausschuss seines Regiments zur Säuberung von Anhängern der soeben niedergeschlagenen Räterepublik Baiern berufen.

    Während die Kämpfe in und um München in Kleinkrieg und Terror übergegangen waren und insgesamt etwa 1000 Menschen ums Leben kamen, anfänglich wohlwollend auf die einmarschierenden Truppen blickendes Bürgertum und Prominenz wie Thomas Mann und Rainer Maria Rilke nach ersten offensichtlich unbeteiligten Opfern zur Mäßigung riefen, ließ die Militärführung nun mehrere Tausend Verdächtige verhaften und überprüfen – Ende Mai waren ca. 1500 unter katastrophalen Bedingungen und oft unter Misshandlungen in “Schutzhaft”.

    Obwohl die mit der Ausräucherung der Revolution befasste Polizeidirektion München in ihrem Bericht selbst zu der Einschätzung kam, dass (abgesehen von der bereits erwähnten Erschießung zehn wegen konterrevolutionärer Tätigkeit und völkisch-antisemitischer Gesinnung Gefangener am 30.4. im Luitpold-Gymnasium) der “rote Terror” sowohl in Form von Morden als auch durch Plünderungen oder Vergewaltigungen ausgeblieben war bzw. vor allem in Drohungen (Geiselerschießung) bestanden hatte (“schlimmere Gewalttaten gegen Leib und Leben ereigneten sich unter der Kommunistenherrschaft zunächst nicht”), hagelt es drastische Urteile.

    Zu Hitlers eigenen politischen Auffassungen in dieser Zeit gibt es keine direkten Belege, seine bis heute erstaunlich häufig zugrundegelegte Selbstdarstellung bis zur Räterepublik ist in in vielem falsch bis zurechtgemacht (sein “Eisernes Kreuz” war Teil einer größeren Ordensverteilung in der Schlussphase des Kriegs; seine Kriegsverletzung nicht allzu schwer, aber hinreichend, um die Revolution zu verpassen und im Glauben zu verweilen, sein Regiment wäre nicht zusammengebrochen, die Front hätte sich nicht aufgelöst), seine vorher gesammelten ideologischen Fragmente (völkisch-antisemitische und christlich-soziale aus seiner Zeit in Wien, wie Brigitte Hamann dargelegt hat, preußisch-nationalistische und sozialdemokratische während seiner Militärzeit) lassen verschiedene Möglichkeiten offen. Die Spuren aus der Zeit der Räterepublik könnten später getilgt worden sein, weil sie eine zu große reale Nähe zur (Unabhängigen) Sozialdemokratie zeigten oder auch nur wegen der formalen Nähe zur Räterepublik, in deren kommunistischer Phase Hitler zum Vertrauensmann in seinem Regiment gewählt wurde – das wiederum konnte Zeichen für ein (rechts-)sozialdemokratisches Engagement sein oder auch nur die Wahl eines halbwegs soliden und dekorierten Frontsoldaten in eine Verlegenheitsposition bei für die Räterepublik letztlich unzuverlässigen Truppen. Schließlich kann auch einfach nichts zu tilgen gewesen sein, da sich Hitler aus Opportunismus größtenteils zurückhielt.

    Im Nachhinein waren seine konkreten politischen Auffassungen unwichtiger als seine Stellung, und so betritt er, nachdem er für den Verlauf der Revolution letztlich unbedeutend war, nun Anfang Mai erstmals die Bühne als gelehriger Schüler bei einer gigantischen Säuberungsaktion. Bayern steht (wie auch andere Teile des Reiches) nach dem vorläufigen Triumph der Konterrevolution unter Militärherrschaft, die SPD-Regierung Hoffmann bleibt noch bis 17. August in Bamberg, der Ausnahmezustand gilt bis 4. November, der Kriegszustand bis 1. Dezember. Das “alte Heer”, die als “revolutionär verseucht” geltende bayerische Armee, soll überprüft und aufgelöst, der “zuverlässige” Teil in die Reichswehr überführt werden. Das für Bayern zuständige Gruppenkommando 4 betreibt begleitend eine “Entbolschewisierung” der Truppe mit allen propagandistischen Mitteln, greift dabei den nach der vorläufigen Niederschlagung der Revolution in fast allen Bevölkerungsteilen (außer den revolutionär-sozialistischen Organisationen selbst) drastisch aufflammenden Antisemitismus auf, der nicht zuletzt im Offizierskorps der deutschen Armee zuvor am intensivsten ausgeprägt war.

    Hitler ist dabei zunächst nur ein eifriger Teil des Säuberungsapparats, tritt aber auch übereifrig selbst als zum Teil einziger Belastungszeuge auf und zeigt sich beeindruckt vom propagandistischen Geschick eines von ihm Beschuldigten, des radikalen Soldatenrats Georg Dufter, der noch Anfang Mai die Stimmung im Regiment erneut zugunsten der Revolution zu kippen vermochte. Hitler verbleibt zunächst in seiner Funktion, da es einen Aufnahmestopp gegen Österreicher in die Reichswehr gibt und sich die Abwicklung des “alten Heeres” noch über Monate hinzieht. Erst ab Juli wird er allmählich zum Propagandisten fortgebildet – dazu in einem späteren Posting mehr.


    Bildmontage aus dem einzigen gesicherten Foto Hitlers aus der fraglichen Zeit (im Kriegsgefangenenlager in Traunstein um den Jahreswechsel 1918/19) und der Regimentsanordnung, die Hitler in den Untersuchungsausschuss beruft – beides entnommen Othmar Plöckinger “Unter Soldaten und Agitatoren”, Paderborn 2013, dessen Darstellung dieses Posting auch weitgehend folgt.

    Terror der SPD-Regierungstruppen vorläufig siegreich

    April 29th, 2019

    Ende April/Anfang Mai 1919 muss die Räte- und Sozialisierungsbewegung unter dem Terror der Regierungstruppen im Ruhrgebiet und in Bayern vorläufig aufgeben.

    Obwohl die Zerschlagung der formalen Organisationsstrukturen den Generalstreik im Ruhrgebiet nicht zu beenden vermochte, bricht er ab 25. April unter brutaler Besatzung und vor allem durch Aushungerung der Streikenden zusammen. In Hamborn und an anderen Orten gibt es jedoch noch bis zum 30. April Auseinandersetzungen um die Sechs-Stunden-Schicht, wie der Nationalversammlung berichtet wird: “Die Belegschaft versucht mit Gewalt die Ausfahrt nach sechsstündiger Arbeitszeit zu erzwingen, es gelingt aber der Werksleitung mit Hilfe der Regierungstruppen die frühere Ausfahrt zu verhindern und die Belegschaft auf die vereinbarte 7 Stundenschicht zu bringen”.

    In Bayern ziehen die konterrevolutionären Regierungstruppen in der zweiten Hälfte des April den Ring um München zu, auch hier wird versucht, die Hochburgen der Räterepublik von der Versorgung abzuschneiden und auszuhungern. In Augsburg kommen bei Kämpfen um die Arbeiterviertel Oberhausen, Lechhausen und Pfersee zwischen dem 20. und 23. April 10 Weiße und 34 Augsburger ums Leben. In Vilsbiburg werden am 26. April die Regierungstruppen zunächst von Arbeitern entwaffnet, erst Verstärkung kann in einem Feuergefecht die Stadt unter Kontrolle der Konterrevolution bringen. Dachau wird zunächst am 15./16. April erfolgreich durch die neu aufgestellte Rote Armee verteidigt und noch bis zum Rückzug am 30. April gehalten. In Starnberg kommt es am 29. April beim Einmarsch von Württemberger Truppen zum Massaker. Auf die Nachrichten von diesen und anderen Gräueltaten hin wird – bis heute ist ungeklärt von wem – die einzige Erschießung auf Seiten der Räterepublik angeordnet. Im Luitpold-Gymnasium werden sieben gefangene Mitglieder der völkisch-rassistischen Thule-Gesellschaft und drei weitere Personen exekutiert, was von Räteführern wie Toller und Mühsam verurteilt wird, von der Konterrevolution jedoch sofort intensiv propagandistisch ausgemalt und ausgeschlachtet. U.a. das führt zur vorzeitigen Stürmung Münchens am 1. Mai durch Freikorps (GKSD, Görlitz), was wiederum zusammen mit den sich verschärfenden Differenzen vor allem zwischen USPD und KPD auf Seiten der Räterepublik insgesamt sehr unkoordinierte Kämpfe ausbrechen lässt.

    Ein Panzerzug kann am Hauptbahnhof manövrierunfähig geschossen werden, ein anderer an der Donnersbergerbrücke von bewaffneten Arbeitern aufgehalten, noch ein weiterer ist an der Hackerbrücke umkämpft – alle drei Panzerzüge müssen sich halb drei nachts nach Schleißheim zurückziehen. Die Kämpfe gehen bis zum Abend des 2. Mai weiter, vor allem in den Arbeitervierteln Giesing und Haidhausen, wo noch wochenlang eine Art Partisanenkrieg geführt wird. Reste der Roten Armee kämpfen noch kurzzeitig um Rosenheim und Kolbermoor.

    Wie zuvor an anderen Schauplätzen sind die meisten Toten erst nach Ende der Kampfhandlungen zu beklagen. Auf Verhaftungen folgen teilweise öffentliche Misshandlungen und Einzelerschießungen, u.a. im Gefängnis Stadelheim (erst auf die Beine und den Unterleib schießen, gerade bei Frauen), wo auch später während der Herrschaft des Nationalsozialismus mindestens 1000 weitere Exekutionen stattfinden. (Die dortige Ermordung Gustav Landauers hat Heribert Prantl gerade für die Süddeutsche Zeitung in Erinnerung gerufen, erwähnt aber die auftraggebende SPD-Regierung mit keinem Wort und ist sich nicht zu schade, den Anarchisten Landauer am Ende des Artikels für die Formel “Eigentum verpflichtet” vereinnahmen zu müssen.)

    Dann finden tagelang immer mehr und umfangreichere Erschießungen nach “spontanen Standgerichten” statt und es kommt zu regelrechten Massakern (auch an katholischen Handwerksgesellen und russischen Kriegsgefangenen), immer angefeuert durch die Presse (SPD-nahes Bamberger Volksblatt: “Der gewöhnliche Tod des Erschießens ist für die Münchner Bestien viel zu wenig…”). Bis 6. Mai gibt es mindestens 650 Tote, als besonders brutal tut sich das Bayerische Schützenkorps unter Franz Ritter von Epp hervor und schießt “alles, was nach Arbeiter aussieht und sich auf die Straßen wagt, nieder” (Schaupp). Unter den Verantwortlichen des Korps finden sich Ernst Röhm, Rudolf Heß und viele andere später wichtige Nazis. Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) dankt Oberbefehlshaber General von Oven “für die umsichtige und erfolgreiche Leitung der Operation in München”.

    Im Resultat dieses ganzen Terrors ist die “zweite Revolution”, die nach dem immer offeneren Rechtsschwenk der SPD-Führung Anfang 1919 doch noch die im SPD-Parteiprogramm verheißene Sozialisierung der Großbetriebe und dazu die Rätemacht durchsetzen wollte, zunächst größtenteils niedergeschlagen. Tausende sind tot, weitere Tausende sind inhaftiert, oft unter schweren Misshandlungen. Das zusammenhängende revolutionäre Gebiet von Deutschland über Österreich und Ungarn bis nach Sowjetrussland kommt, mit all seinen möglichen positiven wie negativen Auswirkungen, nicht zustande. Die SPD verliert massenweise Mitglieder, in KPD und USPD brechen scharfe Richtungskämpfe aus, weitere linke Organisationen wie die KAPD und die syndikalistische FAUD bereiten neue Kämpfe vor.

    Weite Teile des Reiches stehen unter militärischer Besatzung und Ausnahmezustand, überall sind Drahtverhaue und MGs postiert. In Berlin herrscht de facto das Militär, bis es im März 1920 selbst die Macht im Reich zu übernehmen versucht. Auch in Bayern bildet sich eine militärische Parallelregierung, die sogenannte “Ordnungszelle”, die dafür sorgen wird, dass der Versailler Vertrag nicht ratifiziert wird und sich im Schutz der weiter bestehenden paramilitärischen Verbände der Grundstock des Nationalsozialismus formieren kann, als dessen Geburtsstunde schon Zeitgenossen wie Erich Mühsam den Einmarsch der Hakenkreuz-geschmückten Truppen in München wahrnehmen. Mühsam ahnt das kommende “Blutregiment”, das sich auch gegen diejenigen Sozialdemokraten wenden wird, die diese ersten Nazis angeworben, bewaffnet, zur Reichswehr gemacht und gegen all die Kämpfer fürs SPD-Parteiprogramm losgeschickt haben.

    Ging die Revolution nun noch weiter? In den meisten Darstellungen endet sie spätestens hier, auch im auf dieser Seite hier viel referenzierten Buch von Klaus Gietinger. (Bis noch vor wenigen Jahren war sie oft nur auf den November 1918 beschränkt und ging bei Linken allenfalls bis zum Januar 1919 weiter.) Der revolutionäre Charakter der Ereignisse von 1920 (Generalstreik, Sozialisierungskämpfe, Rote Ruhrarmee), 1921 (Mitteldeutscher Aufstand), 1923 (revolutionäre Situation im Sommer und Herbst) wird ausgelassen oder heruntergespielt, die Zusammenhänge werden nicht hergestellt und häufig wird die Geschichte auch auf die Rolle der je eigenen politischen Fraktion heruntergebrochen. Karl-Heinz Roth, dessen Buch “Die andere Arbeiterbewegung” von 1973 so viel von der neueren Forschung inspiriert hat, dehnte dort die revolutionären Ereignisse zumindest bis 1921 aus.

    Hier soll das Geschehen bis 1923 weiter verfolgt werden; das Publikum möge sich selbst daraus ein Urteil bilden. In den nächsten Postings wird es u.a. um den Fall der vorläufig letzten Rätehochburg Leipzig, um die frühe Formierung des Nationalsozialismus in Bayern, um die Personalie Hitler und um die Sülzeunruhen in Hamburg gehen. Hinweise auf Materialien zum revolutionären bzw. konterrevolutionären Geschehen im weiteren Verlauf des Jahres 1919 sind jederzeit sehr willkommen!

    Zum Ende des Generalstreiks im Ruhrgebiet findet heute (29.4.) eine Diskussionsveranstaltung in Dortmund statt, bei der es vor allem um die Selbstorganisation der Streikenden gehen soll.

    Zum Verlauf der revolutionären Auseinandersetzungen um die bayerische Räterepublik hat Plenum R in Zusammenarbeit mit dem Kurt-Eisner-Verein je eine Übersichtskarte erstellt: Bayern und München.

    Mitte April 1919 in Österreich, Ungarn, Bayern und im Ruhrgebiet

    April 17th, 2019

    Am 17. April 1919 startet in Wien der erste von drei erfolglosen Versuchen, aus einer Massendemonstration heraus eine Räterepublik nach dem Vorbild Ungarns und Bayerns auszurufen und damit ein zusammenhängendes revolutionäres Gebiet von Schwaben bis in die Nähe der sich westwärts verschiebenden sowjetrussischen Grenze zu schaffen. Zu diesem Zweck hatte die neue ungarische Regierung den Emissär Ernst Bettelheim nach Wien entsandt, der die dortige KP für den Aufstand neu aufstellte. Die Demonstration wurde von der Volkswehr unter dem sozialdemokratischen Staatskanzler Renner, der eine Stürmung des Parlaments befürchtete, gewaltsam aufgelöst (6 Tote und Dutzende Verletzte), was einen tiefen Graben zwischen Sozialdemokratie und KP aufreißt.

    In Ungarn war erst am 21. März die Räterepublik ausgerufen worden, die sich wegen der spezifischen Situation des Landes nach dem Ersten Weltkrieg aus nationaler Selbstbehauptung (Vormarsch von Truppen der Nachbarstaaten und Entente weit aufs Staatsgebiet), sowjetischem Vorbild (Kollektivierung und Verstaatlichung der Wirtschaft, Entmachtung von Adel und Klerus) und auch starker sozialdemokratischer Beteiligung bildete – dazu vielleicht ein andermal noch mehr, eine neue und recht gute Zusammenfassung der Ausgangslage findet sich hier. Ab Mitte April drängen rumänische, serbische und französische Truppen immer weiter ins ungarische Kernland vor, was die Versuche, vor allem in Österreich Kämpfer anzuwerben und die Revolution auszulösen, noch intensiviert. Mit Österreich würden riesige Bestände an Waffen, Munition, Ausrüstung und Geldmitteln in die Hand der Räterepubliken fallen.

    In Bayern hatte sich die Lage durch den von der SPD geführten “Palmsonntagsputsch” gegen die am 7. April ausgerufene, zunächst überwiegend linkssozialistisch-anarchistische Räterepublik zugespitzt. Die angreifende Republikanische Schutztruppe wurde unter kommunistischer und anarchistischer Führung zurückgeschlagen. Die heftigen Kämpfe um den Münchner Hauptbahnhof fordern 17 Tote, die Räterepublik geht vom Zentralrat an den KPD-dominierten Aktionsausschuss über, der zum Zwecke des Aufbaus einer Roten Armee zum Generalstreik aufruft. Die Betriebsräte begrüßen das, sehen die Notwendigkeit, sich gegen die bewaffnete Konterrevolution schärfer aufzustellen – wie an vielen Orten treibt die eskalierende Gewalt der Regierungstruppen und die begleitende Propaganda der rechten SPD-Führung die Revolutionäre in anarchistisch-syndikalistische Radikalisierung einerseits, aber auch in die konsequenter wirkenden kommunistischen Partei- und Kaderstrukturen.

    Auch im Ruhrgebiet hatte die Beteiligung am nach wie vor laufenden Generalstreik zwar ab dem 14. April kurz nachgelassen, schon am nächsten Tag hatte der blutige Angriff des Freikorps Lichtschlag auf die Streik-Delegiertenkonferenz die Kampfbereitschaft wieder angefacht. Obwohl bei dieser und anderen Gelegenheiten Hunderte aus der Streikkoordination festgenommen wurden, blieben die Streikenden bei ihren Forderungen (Sozialisierung unter Belegschaftskontrolle, Anerkennung und Stärkung der Selbstverwaltung, Abzug der Regierungstruppen) und erklärten am 17. April: “Die Befreiung der Arbeiterklasse muß das Werk der Arbeiterklasse selbst sein.” [Bluhm, Die Massen:136]


    Bekanntmachung des provisorischen Zentralrats zum gescheiterten Putsch gegen die Räterepublik Baiern in München. (entnommen: Schaupp, Der kurze Frühling der Räterepublik, Münster 2017; der Verweis auf Serbien als Räterepublik bezieht sich auf die „Sozialistische Ungarisch-Serbische Republik Batschka und Branau/Baranya“, die auf den nördlichen Teil der zwischen Ungarn und Serbien liegenden Batschka beschränkt blieb und schließlich durch rumänische und serbische Truppen aufgelöst wurde.)

    Auftritte ab April 2019

    April 2nd, 2019
  • Do, 04.04.2019, München, Kafé Marat: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Fr, 05.04.2019, Augsburg, Die ganze Bäckerei: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Sa, 06.04.2019, Regensburg, LiZe: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • So, 07.04.2019, Würzburg, theater ensemble: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Di, 09.04.2019, Nürnberg, heizhaus: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Mi, 10.04.2019, Innsbruck, pmk: Vortrag “Die Option zu kämpfen. Statt Weniger oder Mehr: Pop als ­aufständische Assoziation” (FB-Event)
  • Do, 11.04.2019, Plauen, Kanapee: Vortrag “Die Hüftbewegung – Was uns zu Menschen machte” (FB-Event)
  • Sa, 13.04.2019, Plauen, Schuldenberg: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (25. Hausgeburtstag)
  • Di, 16.04.2019, Magdeburg, Campus-Theater: Vorstellung und Diskussion zum Film “Der Wert des Menschen”/”La loi du marché” (Ankündigung)
  • Mo, 22.04.2019, Hamburg, MS Stubnitz: Vortrag “Entschwörungstheorie” (Opener für Björn Peng)
  • Do, 09.05.2019, Berlin, Disconnect: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Fr, 10.05.2019, Berlin, Supamolly: Gastauftritt bei Kopfstand Nr. 40 (FB-Event)
  • Do, 23.05.2019, Sulzbach-Rosenberg: Vortrag “Entschwörungstheorie”
  • Sa/So, 08./09.06.2019, Doksy, Pfingstcamp Linksjugend Sachsen: Vorträge “Die Hüftbewegung – Was uns zu Menschen machte” und “Das hatten wir doch schon mal! ‘Realsozialismus’ – Kommunismus? Kapitalismus? ‘Wirkliche Bewegung?'” sowie Auflegerei
  • Di, 02.07.2019, Essen: Vortrag “Entschwörungstheorie”
  • Mi, 03.07.2019, Coburg, Freie Uni: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event)
  • Fr/Sa, 12./13.7.2019, Berlin, Kulturhaus Kili: Vortrag und Auflegen (1st congress for eternal space holidays)
  • Neu geplant sind Veranstaltungen zum Ende der DDR und den Folgen (Premiere vermutlich in Görlitz) und zur DDR-Kulturproduktion (zuerst vermutlich in Aachen). Weitere Vorträge zur Revolution 1918-23, teilweise mit neuen Schwerpunkten auf der “zweiten Revolution” Anfang 1919 und auf neue Akteure wie Max Hoelz, sind noch ohne Termin (Leverkusen, Wuppertal, Falkenstein, Landshut, Potsdam, Hamburg). Außerdem gibt’s Pläne für Veranstaltungen zur AfD (in Greiz), zu Luther (in Bad Frankenhausen, Bochum, Bielefeld), zu Antisemitismus & Kapitalismus (Leisnig) und in Potsdam Vorträge zu “Sin Patrón”, zu Elsässer und zur Religion. Schließlich eröffne ich die Veranstaltungsreihe “Die Option zu kämpfen – Pop und Politik in Theorie und Praxis” in Augsburg mit einem Vortrag basierend auf meinem testcard-Artikel “Die Option zu kämpfen. Statt Weniger oder Mehr: Pop als ­aufständische Assoziation”.

    Wer auch noch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm.

    Räterepublik Bayern

    April 1st, 2019

    Während sich der Generalstreik im Ruhrgebiet vor hundert Jahren noch zur vollen Größe entfaltete, spitzte sich die Lage in Bayern weiter zu und es kam am 7. und 8. April zur Ausrufung der Räterepublik in den meisten größeren Städten.

    In Bayern hatte es wie in anderen Teilen des Reiches Anfang 1918 Massenstreiks gegeben, wie andernorts auch in hohem Maß von Frauen organisiert, und am 7. November hatten die daraus entstandenen starken Räte- und USPD-Strukturen mittels einer Massendemonstration in München die dortige Monarchie gestürzt, Kurt Eisner (USPD) wurde mit einem räte-konstitutionalistischen Programm erster Ministerpräsident des Freistaats und sorgte u.a. dafür, dass in Bayern keine Freikorps aufgestellt wurden.

    Eisners Ermordung am 21. Februar, mit der sich Anton Graf Arco-Valley trotz seiner jüdischen Vorfahren vor der Thule-Gesellschaft als Völkischer und Antisemit beweisen wollte, verschärft die Lage – es kommt sofort zu Schüssen im Landtag auf SPD-Innenminister Auer, einen erklärten Feind der Revolution. Dennoch soll der Landtag zunächst nur die Räte in der Verfassung verankern. Erst unter dem Eindruck der Ausrufung der ungarischen Räterepublik am 21. März gibt es einerseits nun auch in der SPD immer mehr Zustimmung zu einer Räterepublik in Bayern, andererseits sorgt das blutige Vorgehen der Regierungstruppen überall im Reich dafür, dass vor allem aus der sich gerade erst in Bayern organisierenden KPD die Rufe eigener militärischer Organisation lauter werden.

    Als schließlich die Räterepublik Bayern auf Beschluss “von USPD, einigen SPD-Männern, den Anarchisten und dem Bauernführer Gandorfer” (Gietinger 2018:178) ausgerufen wird, ist die KPD zunächst dagegen, sieht keine revolutionäre Situation und riecht ein SPD-Täuschungsmanöver, spricht wie später viele Darstellungen von einer “Scheinräterepublik” und einem “Literatenputsch”. Gietinger schreibt: “Sämtliche Regimenter der Garnison München erklärten sich zugehörig. Es schlossen sich an: in Oberbayern: Garmisch, Mittenwald, Bad Tölz, Miesbach, Traunstein, Burghausen, Altötting, Pasing, Freising, Dachau, Landsberg, Schongau; in Niederbayern: Landshut, Kehlheim, Straubing, Plattling, Vilshofen, Passau, Grafenau; in Schwaben: Lindau, Lindenberg, Weiler, Immenstadt, Sonthofen, Kempten, Füssen, Markt Oberdorf, Kaufbeuren, Mindelheim, Buchloe, Schwabmünchen, Memmingen, Obergünzburg, Augsburg, Donauwörth; und in der Oberpfalz und in Oberfranken: Regensburg, Burglengenfeld, Cham, Amberg, Leonberg, Marktredwitz, Kulmbach, Selb und Hof, etc. Es war also keine Spinnerei oder Farce, auch kein Schein, es waren nur eben Anarchisten und Literaten an der Spitze.” (An der Basis war die KPD auch dafür.) “Die meisten Bauern waren skeptisch bzw. dagegen, genau wie das Bürgertum, das kurzzeitig paralysiert war. Etwa die Hälfte der Bayerischen Stadtbevölkerung, praktisch alle großen Städte außer Nürnberg und sehr viele kleinere Städte, stimmten der Räterepublik zu.” Ab dem 10. April wird eine Rote Armee aufgestellt: “Das 1. Bayerische Infanterieregiment wollte das erste in der Roten Armee Bayerns sein und benannte die Marskaserne, seine Kaserne, in Kurt-Eisner-Kaserne um. Das 2. Bayerische Infanterieregiment nannte seine Kaserne jetzt Karl-Liebknecht-Kaserne.”

    Die Räterepublik ist zwischen Vertrauen auf die Selbstorganisation der Massen und Notwendigkeit der Abwehr der Konterrevolution, zwischen ihrem linkssozialdemokratisch-anarchistischen und wachsenden kommunistischen Flügel zerrissen. Es kommt in der Tat zu einem Putschversuch gegen die Räte durch die SPD-nahe Republikanische Schutztruppe am 13. April, der aber unter kommunistischer und anarchistischer Führung zurückgeschlagen werden kann. Danach wird die zweite Räterepublik, nun stark von der KPD bestimmt, ausgerufen, die Lage verschärft sich weiter. Anrückende Regierungstruppen werden in Dachau zurückgeworfen, in Augsburg aufgehalten. Als sie schließlich mit massiver Unterstützung aus Württemberg und Preußen in München einmarschieren, verüben sie wieder Massaker, setzen sich dauerhaft vor Ort fest und bilden den organisatorischen Grundstock für den Nationalsozialismus. Zu alldem in weiteren Postings mehr.

    Zur besseren Übersicht hat Plenum R in Zusammenarbeit mit dem Kurt-Eisner-Verein je eine Karte zum revolutionären Geschehen in Bayern insgesamt und in München im Speziellen erstellt.

    Der Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” geht aus Anlass der beschriebenen Jahrestage diese Woche auf Bayerntour: 4.4. München, 5.4. Augsburg, 6.4. Regensburg, 7.4. Würzburg, 9.4. Nürnberg.

    Beginn des Generalstreiks im Ruhrgebiet

    March 25th, 2019

    Vor 100 Jahren begann mit dem Angriff der Polizei auf eine Demonstration vor der Wittener Volkszeitung, bei dem durch Gewehrfeuer und Handgranaten 11 der Protestierenden getötet und zahlreiche mehr verletzt wurden, die dritte und größte der Streikwellen im Ruhrgebiet Anfang 1919, die sich bis 10. April zum Generalstreik mit 300.000 Beteiligten ausweitete.

    Dabei ging es anfangs neben Entwaffnung von Polizei und Freikorps, Ende von Willkür und Terror, vor allem um die Anerkennung der Sechs-Stunden-Schicht, die in immer mehr Bergwerken bereits seit Mitte März von den Belegschaften selbst durchgesetzt worden war. Als am 30. März der neugegründete Zentralzechenrat in Essen zum Generalstreik aufruft, soll es aber wieder “um Großes” gehen, wie es auf Plakaten hieß: um die Anerkennung der Räte, die Zurückdrängung der Staatsgewalt und um eine “richtige” Sozialisierung, also von Räten und Belegschaften durchgeführte Enteignung und Vergesellschaftung der Großindustrien.

    Die SPD-geführte Reichsregierung verhängt unmittelbar nach Ausrufung des Generalstreiks den Belagerungszustand über das gesamte Ruhrgebiet und beschließt, das ganze Streikrevier militärisch zu umstellen und auszuhungern.

    Der Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” findet diese Woche an drei damaligen Schauplätzen im Ruhrgebiet statt: am Donnerstag (28.3.) in Duisburg, am Freitag (29.3.) in Dortmund und am Samstag (30.3.) in Essen.

    März 1919 in Berlin, Teil 3: das blutige Ende

    March 9th, 2019

    Das Ende der Märzkämpfe in Berlin vor hundert Jahren kann nur als brutaler Schock und als vernichtender Schlag der Regierungstruppen gegen die Revolution beschrieben werden.

    Am 8. März war der Berliner Generalstreik (Postings zum Beginn am 3.3. und zur Eskalation ab 6.3.) unter dem militärischen Druck und der Gegenpropaganda der SPD zusammengebrochen, doch die Kämpfe in den Straßen zwischen der etwa 30000 Mann starken, mit Tanks, Flugzeugen, Geschützen, MGs, Minen- und Flammenwerfern bewaffneten Freikorps-Reichswehr und den wenigen Tausend aus allen linken Richtungen (von SPD bis Syndikalisten), die sich der Besetzung eines immer größeren Teils der Stadt und den Provokationen nur teilweise und überwiegend leicht bewaffnet, aber unterstützt von der Bevölkerung widersetzten, gingen vor allem in Friedrichshain und schließlich in Lichtenberg weiter, wo sie mehr und mehr die Form eines Massakers annahmen. Nachdem auch in anderen Teilen des Landes die größten Streiks und Aufstände vorläufig niedergeschlagen schienen, wurde an den Berliner Arbeitervierteln nun ein Exempel statuiert.

    Flankiert von Gräuelpropaganda über vermeintliche Massenmorde an Polizisten (tatsächlich waren beim Kampf ums Lichtenberger Polizeipräsidium neben zehn Aufständischen auch zwei Polizisten getötet worden) wurde nun per Befehl durch Reichswehrminister Noske (“Not kennt kein Gebot”) und zusätzliche Ausführungsverschärfungen durch Freikorpsführer Pabst für das Operationsgebiet der Regierungstruppen auch das Standrecht ausgesetzt, die in der kolonialen Aufstandsbekämpfung in Namibia und im Besatzungsterror im Ersten Weltkrieg in Belgien erprobte Vergeltungs- und Vernichtungsstrategie in der eigenen Hauptstadt angewandt. Klaus Gietinger schreibt: “Die eigene Bevölkerung wurde als Franktireurs, als Freischärler betrachtet und somit zum Abschuss freigegeben.”

    Wie das konkret aussah (Achtung, explizite Gewalt): “Ein Wachtmeister des Freikorps Lützow ließ am 12. März eine Straße sperren, und Max Marcus, ein Weltkriegsteilnehmer (23 Jahre), schoss sofort auf alles, was sich am Fenster zeigte. Die Schülerin Helen Slovek (12 Jahre) wurde tödlich getroffen, ihre Mutter schrie blutüberströmt aus dem Fenster, Marcus drohte, auch sie zu erschießen, ebenso Zeugen einer Bierkneipe, die ihn beschimpften. Kurz danach tötete Marcus auch den Fliesenleger Karl Becker (73), der über die Straße ging. Die Kugel durchschlug Beckers Körper und tötete noch eine junge Frau, Erwine Dahle, die vergebens Deckung gesucht hatte. Marcus ermordete dann auch noch den Bahnarbeiter Alfred Musick, der zuvor mit fünf anderen auf der Schillingsbrücke unter dem Kommando des Oberleutnant Wecke mittels Schüssen in die Spree befördert worden war, aber als Einziger überlebt hatte. Musick hatte sich schwerverletzt ans Ufer gerettet, war von Passanten geborgen, aber durch Denunziation von Marcus aufgestöbert und durch einen Schuss in den Hinterkopf ermordet worden.”

    Es wurden Minderjährige getötet, zahllose Unbewaffnete und auch ganz Unbeteiligte, manchmal reichten im Haus gefundene Handgranatenstiele, manchmal ein Mitgliedsbuch der USPD. Im Gasthaus Schwarzer Adler fanden Verhöre und Tötungen statt. “Im Zuge dieser Säuberungsaktionen wurden dann noch mit Artillerie, Minenwerfern und Flammenwerfern ganze Straßenzüge verwüstet.” Zum ersten Mal kommen in Berlin Menschen durch Flugzeugbeschuss ums Leben.


    Eine Augenzeugin schildert die apokalyptische Szenerie in einer Notiz vom 9. März: “Schade, daß [Berlin] nicht von Feinden besetzt ist (Amerikaner oder Franzosen).”

    Am 11. März werden verbliebene Kämpfer der Volksmarinedivision unter dem Vorwand einer Lohnauszahlung in die Französische Straße 32 gelockt, wo 31 von ihnen per Maschinengewehrfeuer ermordet werden. Oberleutnant Otto Marloh verlas den Schießbefehl in der Pabstschen Fassung “sogar wörtlich noch kurz vor der Mordtat quasi als Urteil”, Leutnant Penther bekundete später, die Erschießung “herzlich gern”, befehligt zu haben. Die verantwortlichen Offiziere Reinhard, Kessel und Marloh wurden alle später Nationalsozialisten.

    Insgesamt kommen im Zuge der Kämpfe etwa 1200 Menschen ums Leben, die bewaffnete Rätebewegung in Berlin ist dauerhaft zerschlagen, die republikanischen Truppen sind aufgerieben, die völkisch-antisemitischen Freikorps nun als reguläre Armee mit Sonderbefugnissen legitimiert – sie werden ab jetzt in ähnlicher Weise etwa zwei Monate lang durchs ganze Land ziehen. Auch wenn die Kämpfe bis in den Mai zum Teil beträchtliche Ausmaße annehmen werden (vor allem im Ruhrgebiet und in Bayern), ist die Welle der Revolution (nicht nur in Deutschland) zunächst gebrochen, die (je nach Seite) Gefahr oder Hoffnung einer “Sozialisierung von unten” zerstreut. Die SPD-Regierung hatte auch gegen nicht wenige ihrer eigenen Parteimitglieder unmissverständlich klargestellt, wo sie die Grenze ihrer Freiheit und Demokratie zog: um das Privateigentum an den Produktionsmitteln, um das radikal-nationalistische Militär und um das bürgerliche Parlament.

    Zu all dem findet am heutigen Samstag im Rathaus Lichtenberg eine Konferenz statt, u.a. mit Axel Weipert und Klaus Gietinger: “Die zweite Revolution? – Das Frühjahr 1919 in Dtl. und Europa” (FB-Event). Am Montag (11.3.) wird es ab 11 Uhr eine Kundgebung zum Gedenken an die ermordeten Matrosen geben. (FB-Event). Der Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” findet am 18.3. in Lichtenberg statt (FB-Event). Weitere Termine, vor allem im Ruhrgebiet und in Bayern, sowie die bisherigen Postings finden sich auf der Seite zum Vortrag.

    Literaturempfehlung: Schießbefehl für Lichtenberg, Begleitbroschüre zur gleichnamigen Ausstellung, Berlin 2019 – daraus auch die Abbildungen, die erschossene Aufständische an der Friedhofsmauer in der Möllendorfstraße und ein bei den Kämpfen zerstörtes Haus in Lichtenberg im März 1919 zeigen.

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