Köln → Thale

July 28th, 2014

Kaum war ich ein paar Tage in Köln, schon versank die Stadt im Chaos. Mitten in der Nacht irrten Tausende von Menschen zwischen endlosen Autostaus und festsitzenden Straßenbahnen herum, Anzeigetafeln fielen aus, die Polizei und viele, die sich so vorkamen, mahnten inmitten davon herrisch irgendwelche Reste von Regeln an – nachdem ich selbst anderthalb Stunden gebraucht hatte, um aus dem Geschiebe und Genöle herauszukommen, beschloß ich, mich mal wieder auf den Weg zu machen.

Das tat ich so: ich fuhr mit der U1 bis zur Endstation Bensberg, lief dort bis an die Autobahnauffahrt, die zwar ein Schild erforderlich macht, aber sehr zu empfehlen ist.

Vom ersten Auto weiß ich nicht mehr sehr viel – ein Pärchen, möglicherweise aus Ungarn, auf dem Weg in die Nähe von Nürnberg, meinetwegen aber via Siegen. Von Katzenfurt fuhr irgendwie niemand in meine Richtung auf die A5, also orientierte ich auf ein Wendemanöver. Als ein weiteres Pärchen auf dem Weg nach Frankfurt anhielt, sagte ich, daß ich in Wetterau die Seiten wechseln will, und sie wußten sofort bescheid – waren beide offenbar selbst schon viel getrampt und schienen sich insgesamt mit den Rändern und Abgründen der Gesellschaft ganz gut auszukennen.

Der Lieferwagenfahrer, der mich in Wetterau dann einlud, sprach eine Mischung aus Holländisch, Französisch und Moseldialekt und sollte für eine Firma einen auf ebay erworbenen Motor aus einem mir und ihm unbekannten Ort abholen, an den ihn sein antikes Navi lotsen sollte. Er war sich aber sicher, daß sein Ziel grob in Richtung Kassel läge, also fuhr ich zumindest bis nach Reinhardshain mit, es gelang aber kein richtiges Gespräch.

In Reinhardshain stand ich ganz schön lange rum (vielleicht, weil ich anfing zu singen), dann hielt der Betreiber eines Spätis in Friedrichshain an, was nun leider nicht mehr heißt, daß ich schon zu Hause bin. Da sein Navi der Meinung war, ihn lieber über die A4 als über die A7 nach Berlin zu schicken, ging’s für mich sogar nur bis nach Kirchheim. Das Gespräch drehte sich darum, wie sich Berlin so verändert hat – er meinte, daß vieles nicht mehr funktioniert, wenn es zu viele Leute werden, die selber nichts tun. Er will deshalb bald woanders hingehen, in die Schweiz vielleicht.

Bensberg Map

Von Kirchheim bis zur A7-Ausfahrt Rhüden, von der es ins Harzvorland geht, fuhr ich mit einem Kletterlehrer, der mit einem alten Bus mit defektem Turbolader unterwegs war, so daß wir hin und wieder Pause machen mußten. Wir redeten größtenteils über Nazis, aber auch zum Beispiel über einen Bekannten von ihm, der mit Tesla-Geräten herumexperimentiert.

Zum Schluß dann noch ein älteres Ehepaar in einem Mercedes mit weißer Innenauskleidung, das über Schönebeck weiter in die ostdeutsche Provinz wollte und das als “eine Art Trampen” bezeichnete. Wir unterhielten uns darüber, wie sich der Osten entvölkert hat, was überhaupt noch Leute hier hält, über aufgegebene Dörfer und abgebaute Industrie. Bevor sie mich an der Quedlinburger Ausfahrt absetzten, drängten sie mich noch dazu, mich unbedingt, so bald ich kann, auf der Roßtrappe in den Hufabdruck zu stellen und mir etwas zu wünschen – weil das immer funktioniert. Aber nur, wenn ich’s wirklich glaube.

Dann mußte ich nach Quedlinburg hineinlaufen, weil an der Ausfahrt niemand anhielt, entdeckte, daß die beste Trampstelle in Richtung Thale nun eine Baustelle ist, und setzte mich dann für die letzten Meter doch noch in den Zug.

“Gravity” & der Unwahrscheinlichkeitsdrive im Hirn

July 27th, 2014

(Hab den Film erst Monate nach Kinostart gesehen, und das ist jetzt auch schon wieder Monate her…)

Das könnte für einen Raumfahrt-Werbefilm gehalten werden: Sandra Bullock, spärlich bekleidet im Orbit, angebaggert von George Clooney, und das in gerade so dolle 3D, daß die meisten im Kino noch nicht kotzen müssen! Die Gravitation, von der hier die Rede ist, ist jedoch die von “Flieg nicht zu hoch, mein kleiner Freund”. Konterrevolutionärer Katzenjammer auch in der Erdumlaufbahn. Nichts mehr mit der “Saturn-V-Rakete im Kopf, die uns irre genug für die Revolution gemacht hatte” (Wolfgang Pohrt) oder “Steige Ikarus, fliege uns voraus!”

Denn – ob der Film das nun so vollständig erzählt – am Ende herrscht der Eindruck, daß sämtliche Menschen, die sich überhaupt noch im Orbit befunden hatten, tot sind, ihre Ausrüstung und Gefährte zerstört.

Die einzige Überlebende erreicht nach Nahtoderfahrung zwar die Planetenoberfläche, schwört sich aber, diese nie wieder zu verlassen (außer vermutlich mit Flugzeugen).

Wir lernen: durch im Grunde kleinere technische Pannen können jederzeit die Weltraumprogramme aller Staaten komplett zerplatzen, wobei auch das Leben einiger der besten Wissenschaftler und Techniker des Planeten riskiert wird. Irgendwie also eher die passende Begleitmusik zum Runterfahren der NASA-Programme – Amerika nimmt dem Anschein nach erstmal Abschied vom Weltraum.

Aber es ist interessant, bei der Nahtoderfahrung zu bleiben, denn sie ist ein weiteres Beispiel dafür, daß ins Kino die Möglichkeit Einzug hält, aus intensiven endogenen Rauschzuständen Nutzen zu ziehen, etwas zu lernen.

Während Superman in “Man of Steel” nur dadurch auf der Erde seine Superkräfte entfalten kann, weil er seinen extremen körpereigenen Rausch, die Reaktion seines Körpers auf die atmosphärischen Unterschiede der Erde zu seinem Heimatplaneten, zu meistern lernt, nutzt Sandra Bullock, um ihr Leben zu retten, den Unendlichen Unwahrscheinlichkeitsdrive in ihrem Nervensystem.

In Douglas Adams’ “Per Anhalter durch die Galaxis” durchfliegt ein Raumschiff mit diesem Antrieb “praktisch jeden Punkt des Universums gleichzeitig; außerdem wird die Reise häufiger von den absurdesten Zwischenfällen begleitet, zum Beispiel löst eine Aktivierung des Antriebs die Entstehung des Lebens aus und eine andere sorgt dafür, dass das Schiff samt Besatzung auf Miniaturgröße geschrumpft wird und in Zaphods Jackentasche landet.” Es “werden unwahrscheinliche Dinge auf einmal wahrscheinlich. Der Effekt hebt sich einige Minuten nach der Deaktivierung des Antriebs langsam selbst auf, die meisten Folgeerscheinungen bleiben jedoch bestehen.”

Adams beschreibt hier natürlich sehr schön den psychedelischen Trip der ebenfalls Momente aus unterschiedlichen Zeiten aufeinander stapelt (bzw. der das stärker macht als andere Formen von Rausch) und der auch nach Abklingen teilweise weiterwirkt, der aber nicht nur durch die Einnahme von LSD, Pilzen oder DMT herbeizuführen ist, sondern auch “von selbst” startet, wenn die Situation es erfordert oder erlaubt.


Ob das körpereigene psychedelische System, wie Strassman es annimmt, DMT nutzt, ist bisher nicht geklärt

Das heißt, im Angesicht des nahenden Endes, bei bereits spürbarer Unterversorgung des Körpers mit Sauerstoff, in völliger Ausweglosigkeit und Verzweiflung, nach bereits eingeleiteter Selbsttötung, blitzt in Sandra Bullocks Gehirn das ganz Unwahrscheinliche auf, in Gestalt von George Clooney und seinem sehr weit hergeholten Rat (den sich ihr Gehirn natürlich selbst zusammensucht), der dann eine riskante, aber letztliche erfolgreiche Lösung bietet – so funktioniert im besten Fall das körpereigene psychedelische System!

(Passender Link zum Posting.)

Thale → Köln

July 23rd, 2014

Erst mal mit zwei Autos um den Harz wickeln – Gespräche über sehr Naheliegendes – dann kam die Sache langsam in Fahrt. Jemand, der mich eigentlich gar nicht mitnehmen durfte und der sich ausmalt, wie er seinen Job hinter sich läßt, brachte mich von Goslar bis an die Versorgungszufahrt des Rasthofs Seesen und zeigte mir auch sogleich die Stelle mit dem aufgebogenen Zaun.

Sie sind hier

Als nächstes ging es auf dem Weg nach Göttingen mit einem Hamburger Arzt unter anderem um das Verhältnis von Staats- und Popantifa zum autonomen und handgreiflicheren Teil, und er schien mir irgendwie zuzustimmen (z.B. darin, daß die “Nazis sind dumm und häßlich”-Variante vor allem auf eingeübte soziale Abwertung baut und diese auch mit verstärkt), bis wir gegen Ende der Fahrt auf die Rolle von Psychiatrisierung als Ausgrenzungsmechanismus zu sprechen kamen und er das ein bißchen als Beleidigung seines ganzen Berufsstands zu nehmen schien.

Von Göttingen nach Reinhardshain ging es um die Recuperadas in Argentinien (ich kann mich gerade nicht so oft über all das unterhalten und nutze die Gelegenheiten), und irgendwie gab es auch hier überraschend viel Zustimmung (vor allem dafür, daß die Leute sich nehmen, was sie brauchen), bis wir gegen Ende der Fahrt auf meine finanzielle Situation zu sprechen kamen und er das ein bißchen als Beleidigung des Kapitalismus zu nehmen schien – bis zum Aussteigen predigte er nun darüber, daß es ganz leicht sei, im Internet ganz schnell ganz viel Geld zu machen, das könnte jeder, außer den Leuten, die es natürlich nicht besser verdient haben, weil in der Natur ja auch Fressen und Gefressenwerden herrscht.

Die letzte Fuhre war dann wirklich mal eine angenehme Abwechslung – ein belgischer Pilot, der auf dem Weg von einer geliebten Frau in Tschechien zu seinem nächsten Flug ab Brüssel nach Dubai kurz vor der deutschen Grenze ein trampendes Pärchen auf dem Rückweg nach Schottland aufgesammelt hatte. Und nun auch noch mich. Es ging darum, wie wir alle das Land jeweils nicht mögen, in dem wir leben; auch darum, was an anderen Ländern und Orten so alles furchtbar ist. Es kam die These auf, daß es vielleicht immer noch dort am leichtesten auszuhalten sein könnte, wo man die Sprache nicht kennt und die meisten Sachen, die sich Leute so an den Kopf werfen, einfach nicht versteht. Dann ging es um merkwürdige Formen von Jagd in Neuseeland, schlimme und lustige Erlebnisse bei Grenzübertritten und schließlich auch eine ganze Weile darum, daß dem Piloten angeboten worden war, an einem bemannten Flug zum Mars teilzunehmen. Bis zum Schluß blieb ungeklärt, ob diese ganze Geschichte einfach nur superdubios war oder ob in Sachen Raumfahrt demnächst wieder mehr los sein könnte, als es gerade den Anschein hat.

Und dann war ich erstmal in Köln.

Halberstadt → Thale

July 12th, 2014

Schon wieder ewig lang am Halberstädter Ortsausgang rumgestanden, dabei sieht der mit der langen Gerade und den Rausfahrnischen so günstig aus.

Dann auch mit einer sehr freundlichen Immobilienmaklerin im Cabrio zunächst nur bis Harsleben, wo ich seit einem Sonntagmorgen 1995 wohl nicht mehr gestanden hatte. Nach Quedlinburg war’s dann ein Versicherungsvertreter aus Ballenstedt, dessen Söhne in den Neunzigern wie ich donnerstags ins “Mirage” gingen – “die Disko mit Independent-Tag”.

Der letzte Ride war ein Punker, der seine Freundin besuchen wollte, die in Neinstedt im Cannabis-Entzug ist – er fuhr mich netterweise noch bis nach Thale.

Wandbemalung Meth Halberstadt
Wandbemalung in Halberstadt –
in den Metern drumherum noch ein Hakenkreuz sowie einmal Antifa und Anarchie-A.

Ein bunter Strauß Auftritte

July 11th, 2014
  • Mo, 14.07.2014, Potsdam, Campus Neues Palais, 16:15 Uhr: Vortrag im Rahmen eines kulturwissenschaftlichen Seminars zu Rausch (FB-Event)
  • Sa, 09.08.2014, Altdöbern, Wilde Möhre Festival: Vortrag “Leben im Rausch”
  • Fr, 22.08.2014, Simmersfeld, Action, Mond & Sterne: Vortrag “Entschwörungstheorie”
  • Sa, 23.08.2014, Enschede, Zuider Festival: Auflegerei
  • Fr, 05.09.2014, Halle, (tba): Vortrag zur Bewegung der instandbesetzten Betriebe in Argentinien (“Sin Patrón”)
  • Sa, 13.09.2014, Potsdam, Freiland: Rausch-Vortrag bei EntheoScience
  • Sa, 13.09.2014, Gotha: Auflegerei beim Antifa-Aktionstag der AAGTH
  • Do, 18.09.2014, Troisdorf, Jugendkulturcafé: Vortrag Entschwörungstheorie
  • Fr, 19.09.2014, Stuttgart, contain’t: Vortrag Entschwörungstheorie, anschließend Auflegen
  • Sa, 20.09.2014, Tübingen, Schelling: Vortrag Entschwörungstheorie
  • So, 21.09.2014, Nürnberg, (tba): Vortrag zu Lust, Rausch und Zweifel
  • Sa, 18.10.2014, Halle, Reil78: Vortrag “Leben im Rausch”, Konzert mit istari Lasterfahrer und anschließend Auflegerei
  • Des weiteren in der Pipe: Interview bei The art of being many (24.-28.9., Hamburg), eine Veranstaltung zu Religionskritik in Wittenberg, Entschwörung in Marburg und ein ganzer Abend mit Vortrag, Konzert und Auflegen in Mannheim im Oktober.

    Wer auch noch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm.

    Heuschrecken kommen nach Troisdorf

    Live fast, die young

    July 8th, 2014

    Crystal Meth ermöglicht, in kurzer Zeit sehr viel zu tun, oder sich für den Kick zu zerstören

    (Diesen Text hat der “Freitag” bei mir kurzfristig bestellt, dann aber doch nicht mehr gebraucht.)

    Ein Politiker wurde erwischt und gab den Konsum von Crystal Meth zu. Politiker koksen, kiffen und saufen also nicht nur wie andere Menschen, mindestens einer von ihnen nimmt auch, was landläufig als Selbstzerstörungsdroge der Unterschicht gilt. Weil das Böse von draußen, vom Rand und von unten kommen muss, ist das traditionelle Mobilmachungsmittel von Wehrmacht (“Pervitin“) und anderem Militär in Medienberichten gar “die neue Modedroge aus Tschechien” – hierzulande war es in den letzten zehn Jahren im Wirkungsbereich von BGS und Bundespolizei an der Grenze zur Tschechischen Republik erheblich leichter zu beschaffen als andere illegale Substanzen. Auch Nazis dealen mit Meth, das einst Wehrmachtssoldaten mit den Möglichkeiten des Kriegsgeräts Schritt halten ließ. Wer sich im Kriegszustand mit dem fremdbeherrschten Staat und einer Regierung sieht, von der er glaubt, dass sie auf Geheiß der Juden handelt, kann auch zum Mittel seiner Vorbilder greifen.

    Pervitin

    Für den Überfall auf Frankreich 1940 bestellte die Heeresleitung 30 Millionen Tabletten davon und konnte so tagelange ununterbrochene Vorstöße planen und durchführen – neben dem Kriegsgerät der Hauptgrund für den Mythos von Rommels “Geisterdivision”, die dem Gegner stets zuvorkam. Nach El Alamein, Moskau und Stalingrad traten die Effekte des Dauergebrauchs (Halluzinationen, Nervenschäden, allgemein körperlicher Verfall) in den Vordergrund und die “Panzerschokolade” wurde aus der Standardverpflegung gestrichen. Gegen die Rote Armee half auch kein Pervitin. Hinter der Front erleichterte den “Einsatzgruppen“ weiter neben Schnaps und Ideologie auch Meth das Vernichtungshandwerk.

    Pervitin, Crystal und Meth sind Namen für Methamphetamine, eine besonders starke Form von Amphetaminen, also Speed. Amphetamine werden seit Jahrzehnten von Millionen Menschen auf der Welt als Medizin, als leistungssteigernde Mittel und fürs riskante Vergnügen genommen. Auch die meisten Armeen der Welt greifen darauf zurück, meist Luftstreitkräfte, Wach- und Spezialeinheiten. Speed und Meth aktivieren das körpereigene Alarmsystem und können eine Euphorie des Funktionierens erzeugen, für Stunden und Tage Schlaf- und Ruhebedürfnis sowie Hunger aussetzen. Die Zeit scheint sich auszudehnen, es passt mehr in sie hinein; sonst ermüdende Wiederholungen können angenehm erlebt werden. Zu häufiger Gebrauch lässt Zähne ausfallen, schädigt Organe, Haut und Nerven.

    Während Meth für Alltag und übliche Feierei zu heftig aufputscht, einen selbst und die Mitmenschen überfordert, gab und gibt es jedoch passende Anwendungsbereiche. Der Arzt Peter Döbler schwamm 1971 mithilfe von Methamphetamin aus den Beständen der DDR-Grenztruppen 48 Kilometer durch die Ostsee, um in die BRD zu fliehen. Die Substanz kann helfen, Ausnahmebelastungen auszuhalten, sehr ambitionierte Vorhaben durchzuziehen, gesellschaftlichen Anforderungen zu genügen oder sie zu übertreffen, wenn andere Aufputschmittel nicht ausreichen – oder nicht verfügbar sind.

    Menschen werden mit Meth mobilisiert und mobilisieren sich selbst, versuchen, der allgemeinen Aktivierung vorauszueilen, oder sie nehmen für heftigste Kicks in Kauf, alles vor die Wand zu fahren. Wie auch sonst bedient eine verbreitete Substanz einen verbreiteten Bedarf und hat vor allem deshalb Konjunktur.

    Das Ende kommt nicht, es muß gemacht werden

    July 2nd, 2014

    «Die Bedeutung der Werttheorie besteht nicht in der okkultistischen Weissagung des Zusammenbruchs. Ihr Sinn liegt in dem Nachweis, daß und warum der Mensch um sein Leben betrogen wird und das System aus diesem Grund beseitigt gehört, gleichgültig, ob es sich gerade besser, schlechter oder gar nicht reproduziert. Die Werttheorie hat ihren Sinn in der Vermittlung der Einsicht, daß die gesellschaftliche Wertproduktion den Menschen Zeit und Lebenskraft raubt und daß die Marktwirtschaft kein Naturgesetz ist, sondern eine historische Form des Austauschverhältnisses mit der Natur, die sich ersetzen ließe.»

    Rainer Trampert: “Der Realität eine Chance! Das kapitalistische Weltsystem ist keineswegs am Ende” (konkret 7/2014)

    Sperrgebiet-Logik: Flucht vor Armut, Verfolgung und Krieg als Sicherheitsproblem

    June 30th, 2014

    «Die größte sicherheitspolitische Herausforderung des 21. Jahrhunderts wird nicht in der Gefährdung von Grenzen durch feindliche Militärverbände, sondern im Überschreiten dieser Grenzen durch gewaltige Flüchtlingsströme bestehen, die, wenn sie massiv auftreten, nicht der wirtschaftlichen Prosperität Europas zugute kommen, sondern die sozialen Sicherungssysteme der europäischen Staaten überfordern und damit die soziale Ordnung in Frage stellen.»

    Herfried Münkler, Professor für Politische Theorie an der Humboldt Universität Berlin: Die gefährliche Kluft zwischen Schein und Tun – Präventive Stabilitätspolitik am Rand Europas

    Thale → Halberstadt → Thale

    June 29th, 2014

    Wie früher abends eine Runde um den Block trampen.

    Erst (zweites Auto hält an) mit jemandem nach Quedlinburg, der aus der anatolischen Provinz stammt und Parallelen zwischen den dortigen Unterschieden zu Istanbul und der heisig provinziellen zu Berlin zog. Dann (sechstes oder siebtes Auto hält an) mit einer Frau aus Vietnam, die lieber Fußball schaut als auszugehen, nach Halberstadt.

    (Dort gab es u.a. in der Zora ein ganz schön gutes Konzert mit Sad Neutrino Bitches und Derbe Lebowski.)

    Der Rückweg zerfiel in drei Teile.

    Der zweite bestand in relativ langem, erst kontemplativen, dann irgendwann entnervendem Herumstehen im nächtlichen Regen, gefolgt von einem 15 Kilometer langen Gesprächsunfall.

    Der dritte bestand in der Rettung vorm nun gegen morgen sehr heftig einsetzenden Regen durch eine sehr sympathische Frau vom Rettungsdienst auf dem Weg zur Schicht – sie erzählte, daß Bereitschaftsärzte nicht mehr wie früher allein zu ihren Einsätzen fahren, sondern von jemandem gefahren werden müssen, seit vor ein paar Jahren im Mansfelder Land ein Arzt im Einsatz erschossen wurde. (siehe)

    Wie und warum die Scheiße passieren kann

    June 26th, 2014

    «Die Bedürfnisse der Flüchtlinge werden solange ignoriert, bis sie sich im Kampf um existenzielle Grundrechte in zermürbende Konflikte verwickeln – intern, und mit den Anwohnern. Sie werden des Krawalls oder der Störung bezichtigt, was als Anlass dazu dient, politische und rechtliche Konsequenzen anzukündigen. In häppchenweisen Kompromissvorschlägen werden sie schließlich in unterschiedliche Interessensgruppen gespalten. Lassen sie sich schließlich angesichts einer weitgehend aussichtslosen Lage und der dargebotenen Drohkulisse (wie etwa 900 Polizisten) auf die Angebote der Politik ein, wird dies als großer Erfolg gefeiert – und als Zeichen sozialer Politik verkauft.» (Juliane Löffler/Freitag: Bleiben oder springen)

    «In diesem Zusammenhang hat sich die gesamte linke Berliner Szene dann auch den Vorwurf gefallen zu lassen, dass sie nicht in der Lage war, einen derart langen und zähen Widerstandskampf ausreichend zu unterstützen. (…) So litten die Menschen in der Gerhart Hauptmann Schule und auch am Oranienplatz in den Monaten vor den Räumungen tatsächlich Hunger, weil nur unzureichend Spenden eintrafen.» (Lower Class Magazine: Grünes Kreuzberg)

    Björn Peng feat. classless Kulla – Contraindications

    June 20th, 2014

    Wer Björn und mich an den letzten Wochenenden in Tübingen oder Halle gesehen hat, hat unser neues überdrehtes Geballer schon gehört – inhaltlich geht es um schlechte Ratschläge aller Art, keineswegs nur auf die Medizin beschränkt. Mußte mal raus.

    lyrics

    thanks for your solutions
    I just lack the proper problem
    I see you’re strictly following the step-by-step how-to guide
    it just doesn’t apply to me
    I’m Mr Anderson, the rules just don’t seem to apply to me
    the rules don’t apply to you or to anyone, really
    just enough and often enough to make you believe they do

    a treatable condition, an appropriate plan of action
    yeah, that would be nice
    but it isn’t like that, it just isn’t like that

    just contraindications,
    intolerances, choices between mistakes

    you say, to not even get better, to just survive
    I need to realize it wasn’t all my fault
    but it’s nobody’s fault but mine

    you say, I need to understand my situation
    but that I need to stop thinking about it
    you say, I have to get over it, snap out of it
    but get over what? snap out of what exactly?
    I won’t complain about the blows
    I just wanna be able to handle it just enough
    to be able to fight, to explain, to create examples
    I know there is no right to fight

    a treatable condition, an appropriate plan of action
    yeah, that would be nice
    but it isn’t like that, it just isn’t like that

    just contraindications,
    intolerances, choices between mistakes

    Rasthof Schönbuch → Halberstadt

    June 16th, 2014

    Nach drei Tagen Vortrag, Diskussion, Auflegen, Aufnahmen im Studio, Demonstration und Gastauftritt auf einer Festivalbühne nur noch schnell nach Hause – und das ging trotz der reichlich 500 Kilometer mit nur drei Autos entspannt durch die Sonne. Die Gespräche in den ersten beiden Autos (Selbstrechtfertigung fürs Arbeiten bei SAP, Einblicke in die Standesunterschiede innerhalb der alten BRD am Beispiel einer Hochzeitsgesellschaft) waren deprimierend und verebbten irgendwann. Im dritten Auto gab es jedoch erfreuliche Sympathie mit der samstäglichen Demo in Halberstadt.

    Der Zweck entheiligt die Rauschmittel

    May 28th, 2014

    Antwort auf Udo Wolters Antwort in der Jungle World

    Schön, wenn mir mal jemand ausführlich antwortet. Umso schöner, wenn es jemand ist, der nach seiner Eingangsformulierung zu urteilen – “Immer, wenn ich Texte von Daniel Kulla über Rausch und Drogen lese…” – mit meinen Auffassungen und Erkenntnissen einigermaßen vertraut zu sein scheint.

    Schade, wenn sich dann herausstellt, daß ich einige der wichtigsten Sachen, die ich über den Rausch herausgefunden zu haben meine, nach wie vor nicht deutlich genug machen konnte. Und auch schade, daß ich in Udo Wolters ganz schön festgefügter Weltsicht nicht mehr auslösen konnte als die leider üblichen Zurechtrückungsreflexe: statt aus dem Rausch (und seinem Genuß) etwas beziehen zu wollen, das möglicherweise zur Veränderung der Welt beitragen könnte, müßten laut Wolter die alten Hippie-Märchen über den Zusammenhang von Rausch und Revolte endlich in der Klamottenkiste verschwinden und Rausch möglichst jedes Zwecks entkleidet werden.

    Also versuche ich hier mal, aus dem “schade” klug zu werden, meine Erkenntnisse zu verdeutlichen und die Reflexe zurückzuweisen.

    Mehr so Erklärteil

    Mit Rausch bezeichne ich die Fähigkeit vermutlich aller Nervensysteme, ihr eigenes “Rauschen”, also die Reibungen, Streuungen, Verluste und vor allem Überlagerungen bei der Signalweitergabe und -verarbeitung auszunutzen, wobei Zeit, Information bzw. Informationsverbindungen und Handlungsoptionen gewonnen werden können. “Fähigkeit” und “können” heißt, das klappt nicht immer. Der mir bekannte Forschungsstand legt nahe, daß es diese Fähigkeit schon solange gibt, wie es Nervensysteme gibt, und daß sie sich demnach seit mehreren Hundert Millionen Jahren immer weiter entwickelt und spezialisiert hat. Rausch ist also universell und alltäglich.

    Ein Nervensystem, das nicht “rauscht”, ist tot; solange es am Leben ist, wird es “rauschen” und dieses “Rauschen” auch die meiste Zeit über in Rausch umsetzen – das heißt, Rausch begleitet uns in unterschiedlicher Form und Intensität durch unser ganzes Leben und ist eine wesentliche Komponente solch alltäglicher Lebensaspekte wie Träumen und Appetit, ist mit unserem gesamten Denken und Erleben vielfältig verflochten.

    Ich habe für die Veranstaltungen zum Buch diese ganz grobe Übersicht zu den wichtigsten Subsystemen des Nervensystems erstellt, die sich im Laufe der Evolution spezialisiert haben und die alle auch gezielt angesprochen werden können (und zusammenwirken):

    Rauschsysteme
    links die zusammenwirkenden Subsysteme,
    in der Mitte grob ihre chemische Vermittlung,
    rechts Möglichkeiten, sie anzusprechen -
    die Slides komplett: als PDF

    Rausch fungiert meist als Reaktion des Nervensystems auf nicht Selbstverständliches, auf Überraschungen, Herausforderungen, Bedrohungen. Art und Intensität des sich einstellenden Rauschs wie auch des zusätzlich aufgesuchten und herbeigeführten Rauschs hängen davon ab, welchen und wievielen Nicht-Selbstverständlichkeiten sich jemand gegenübersieht.

    So wie es sinnvoll sein kann, sich mit den Anteilen von Rausch an seinen anderen Wirkungsbereichen zu beschäftigen, gilt das auch für seinen Anteil an Erkenntnis, Unzufriedenheit und Veränderungswünschen. Wenn Wolter also über die Umstände unter denen Rausch “emanzipative Qualitäten” haben kann, schreibt: “Dass diese Umstände sich einstellen, liegt aber an einer bestimmten, unter anderem eben mit der Be­fähigung zu kritischer (Selbst-)Reflexion verbundenen Erfahrungsfähigkeit, die dem Rausch vorgängig ist und sich nicht auf wundersame Weise durch diesen selbst einstellt. Auch hier würde Kulla sicher zustimmen.” – dann rufe ich laut Nein! Wie soll die Erfahrungsfähigkeit denn dem Rausch vorgängig sein? Sie ist mit ihm lebenslang verbunden! Wolter hat weiterhin den episodischen Rausch vor Augen, der keinen relevanten Anteil an der Herausbildung von Auffassungen und Selbstreflexion hat. (Und eine Befähigung zur Fähigkeit – welcher Fetisch mag diese Blüte wohl hervorgebracht haben?)

    Wie ich mir Wege aus dem allgemeinen abhängigen Dauerrausch vorstelle und wie Rausch ohne Herrschaft aussehen könnte, habe ich in “Leben im Rausch” skizziert und füge hier mal Auszüge davon als PDF ein: Besinnung, Befreiung, allgemeine Verdichtung.

    Mehr so Ärgerteil

    All das ist aber läßlich und nicht weiter verwunderlich, da in dieser Gesellschaft, wie ich in meinem von Wolter beantworteten Text schrieb, der Blick am Rausch vorbeigeht, und das schließt leider eben auch Wolters Blick (bislang) mit ein. Was mich jedoch wirklich ärgert, ist die beschränkte wannabe-bürgerliche Perspektive, die aus Wolters Text spricht, und die ihn dazu bringt, mir allerlei unterzuschieben.

    Es ist ohne Frage angenehm und auch wünschenswert, wenn sich Menschen möglichst weit von Zwängen und Zwecken lösen können. Angesichts der Durchdringung des Lebens der allermeisten Menschen mit Zwängen und Zwecken ist es jedoch schlicht gemein, das als Ideal und Forderung aufzurichten, und zu verlangen, man möge aus dem Rausch am besten nichts als den reinen und wahren Genuß beziehen (wie auch immer der aussehen soll) und bloß nicht versuchen, vielleicht mal auf die ‘dummen Gedanken’ zu kommen, die einem sonst so wirksam und beständig ausgetrieben werden. Im entschlossenen Kampf gegen die Genußfeindschaft wird der Genuß zum autonomen Kunstwerk unter den menschlichen Zuständen erhoben, darf idealerweise überhaupt nichts mehr bedeuten und muß am besten auch unproduziert vom Himmel fallen. (“Wenn aber der Rausch zu einer geglückten Erfahrung mit emanzipatorischem Potential werden soll, muss er sich vielleicht gerade selbst genügen.”)

    Diese Haltung wird m.E. auch an Wolters verständnislosem Abwatschen des “kontrollierten Kontrollverlusts” deutlich, den er schlicht für absurd hält, obwohl er ja meist einfach nur sowas ist wie z.B. sich vorher zu überlegen, wer fährt. In der bürgerlichen, unproduzierten Idylle trübt jeder Rahmen und jede Organisation bereits den reinen und wahren Genuß, während außerhalb dieser ideologischen Phantasie der Wein erstmal angebaut und die Kotze hinterher wieder weggewischt werden muß.

    Während ich die Bemerkungen über “Hippie-Kult” und “die alten Mythen von den ‘bewusstseinserweiternden Drogen’” nicht weiter ernst nehmen kann, weil sich da eine recht typische (bundes)deutsche Perspektive vor wesentliche Teile der Auseinandersetzungen in den USA und die umfangreiche Forschung schiebt und ich nur mit der Verknüpfungsgirlande “zwar… aber dennoch… dann doch… dann eben doch…” für diese Perspektive zurechtgebogen werden kann, finde ich die Unterstellung, ich würde den armen Rausch und vor allem seinen Genuß mit allerlei auf- und überladen und mich so mit den Genußfeinden gemeinmachen, “dann doch” recht ärgerlich.

    Um mich in diese Ecke zu bekommen, verliest sich Wolter mindestens interessiert: “Ständig sollen die Leute bei Kulla was aus ihrem Rausch machen, »Übungen« unternehmen, »erkunden« und etwas »schaffen«. »Rauscherkundung« und »politische Aktion« sollen gar »ständig aufeinander zurückwirken«, auf dass der Rausch nicht etwa zum »Selbstzweck verkomme«.” Niemand soll hier ständig irgendwas – nur zweierlei “sollte” in meinem Text:

    “Niemals sollte die Rauscherkundung dabei [beim Versuch, das revolutionäre Potential des Rauschs zu ergründen] an die Stelle der politischen Aktion treten; im Gegenteil muss beides, wenn es nicht zu Ersatzhandlung und Selbstzweck verkommen soll, ständig aufeinander zurückwirken können. Welche Rauschformen, welche auslösenden Substanzen oder Übungen dafür am besten geeignet sind, sollte nicht einfach aus Vorbildern abgeleitet werden, die aus teilweise grundverschiedenen Bedingungen stammen, sondern muss immer wieder selbst für jede Einzelne erprobt und erkundet werden.”

    Ich hab also nicht die völlig unsinnige Forderung erhoben, der Rausch solle nicht zum Selbstzweck werden – das kann er ja überhaupt nicht und entsprechend ist meine Ermahnung dazu auch nicht nötig – sondern gesagt, daß die Erkundung des Rauschs nicht als Selbstzweck betrieben werden sollte, sofern es dabei um sein gesellschaftliches Veränderungspotential geht.

    Also, Udo: du sollst gar nichts. Wenn du die Gesellschaftsordnung überwinden willst, wäre es meines Erachtens einfach nur schlauer, wenn du aufhörst zu glauben, der Rausch, in dem du wie alle anderen praktisch immer lebst, hätte keine relevanten Auswirkungen auf deine Auffassungen und dein Denken. Wenn du einfach nur ein Bier trinken willst, mach das doch. Und wenn du aus dem Rausch, den du beim Biertrinken hast, einen Gedanken beziehst, ist das auch super. Wenn der Gedanke was taugt, schön, wenn nicht, auch nicht schlimm. No judgment on my part.

    Mehr so Schlüsse

    Es gibt außer Selbstantreiberei und Andere-Antreiberei noch sowas wie lustvolles oder unlustvermeidendes Tätigsein. Sowohl ein Bild von Genuß und Rausch, in dem diese immer irgendwas sollen oder müssen, als auch ein Bild, in dem sie nichts weiter dürfen, wird ihnen nicht gerecht. Beide Bilder formulieren nur komplementäre ideologische Figuren, sozusagen das Gut und Böse in der Gesellschaft der abhängigen Arbeit.

    Ich will nicht Recht haben, will niemanden antreiben und keine alte Mythen aufwärmen (was ich auch nicht mache). Ich versuche rauszufinden, was stimmt, was los ist und was getan werden könnte – und versuche das mit soviel wie möglich Menschen zu teilen. Wenn ich damit nicht durchdringe, stimmt’s vielleicht noch nicht, es fehlt noch etwas, die gesellschaftlichen Bedingungen sind zu beschissen oder ich bin derzeit einfach nicht fit genug, es tauglich zu vertreten. Wenn es aber schon daran scheitert, daß einfach die Reflexe anspringen und ich im ollen Koordinatensystem in die ollen Ecken gesteckt werde, finde ich das blöd und sehr bedauerlich. Und wenn sich weiter zu jeder greifbaren Ausrede gerettet wird, um die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen nicht führen zu müssen, wird sich an den Bedingungen auch wenig ändern.

    Die Erringung eines höheren relativen Freiheitsgrades vom Zwang der Zwecke wird, wenn sie mehr als eine Nischenveranstaltung sein soll, durch die Überwindung der Gesellschaftsordnung möglich, die diesen Zwang systematisch ausübt. Gegen dieses Vorhaben spricht nicht, wie unwahrscheinlich es derzeit ist. Das müßte angesichts des Gesamtlage viel eher ein Grund sein, es zu versuchen. Das Problem statt in Herrschaft und Konkurrenz lieber in “pathische[r] Projektion einer von Produktivitätswahn beherrschten »Leistungsgesellschaft«” zu sehen, den Ausweg statt in Widerstand und Klassenkampf (und damit verbundener Selbstaufklärung) also eher in Psycho- und Pathologie (und damit verbundener Belehrung) zu suchen, ist schon durch diese Gegenüberstellung vielleicht eine der wirksamsten Ausreden unserer Zeit.

    Die abhängige Arbeit kann sich jedoch nicht allein auf der Couch abschaffen, und auch nicht, ohne das Kapital anzurühren.

    Montagsdemo-Interview

    May 26th, 2014

    Das Kotzende Einhorn: “Hinzuschauen ist nicht einfach” – Daniel Kulla im Interview zu den Montagsdemos

    Wenn ich Hetze gegen Banken und Finanzkapital hören will, muss ich doch nur Martin Schulz zuhören, wie er im Europawahlkampf gegen “Spekulanten” und “Zocker” geifert. Münteferings “Heuschrecken” und Möllemanns Kampagne gegen Friedman kamen von Vizekanzlern dieses Staates. Dieses Denken durchzieht in unterschiedlichen Formen und Intensitäten die ganze Gesellschaft, und deshalb müsste auch die ganze Gesellschaft das Thema sein. (…)

    Um auszublenden, dass die Probleme und Konflikte in der Gesellschaft zu einem enormen Teil aus ihrer eigenen politisch-ökonomischen Verfasstheit (kapitalistisches Eigentum, Konkurrenz zwischen Firmen, Arbeitskräften und Staaten) kommen, müssen die Ursachen irgendwo draußen gesucht werden, und wenn doch in der eigenen Gesellschaft, dann bei den anderen, irgendwo da unten oder da oben oder da am Rand.

    Mehr von mir zum Thema: Etwas längere Entschwörung zu Montagsdemos und allem.

    Germans just wanna have fun

    May 15th, 2014

    Den Aufkleber mit der Aufschrift “Bock auf nationalen Sozialismus”, der überall am Harzrand in großer Zahl zu finden ist, hatte ich neulich bereits dokumentiert. Diese Schablonensprüherei, die ich heute entdeckt habe, mag nur die konsequente Fortsetzung davon sein, löst aber auf jeden Fall spontane Bewaffnungswünsche aus:

    Germans just wanna have fun

    Zum Cannabis-Schwerpunkt in der Jungle

    May 8th, 2014

    Die Jungle World bringt heute einen Text von mir zur Diskussion um die Cannabis-Legalisierung:

    Das zeigt einmal mehr, dass der Rausch und auch seine potentiell revolutionären Anteile nicht einfach aus der Substanz, den Drogen (oder der richtigen Atemübung) abgeleitet werden können, sondern dass ihre Entfaltung hauptsächlich davon abhängt, unter welchen Umständen und mit welchem Vorhaben, welcher Erwartung, Grundstimmung und Perspektive der Rausch gesucht wird. Dieser banal klingende Gedanke kann nicht oft genug wiederholt werden, weil er immer wieder am falschen Bewusstsein abzuprallen scheint. In dieser Gesellschaft wird am Rausch vorbei starr auf die Rauschauslöser geschaut, besonders in Wissenschaft und Politik. Dass es eine Fähigkeit zum und ein Bedürfnis nach dem Rausch gibt, dass zahlreiche Rauschformen selbst heilsam sind, das geht schwer in die Köpfe.

    Jenseits des Klarkommens.

    (Am Rande: schön fänd ich, wenn irgendwo der Co-Autor ausgewiesen wäre, von dem z.B. “herumzudoktern” und “Kritik des Krauts” stammen.)

    Mal ein paar Auftritte: Ffm, Freiburg, Halle, Troisdorf u.a.

    May 7th, 2014
  • Fr, 30.05.2014, Frankfurt/Main, Café Kurzschlusz/FH, ab 20 Uhr: Vortrag Entschwörungstheorie, danach Auflegen (FB-Event)
  • Do, 05.06.2014, Freiburg, KTS: Vortrag Am Geld kleben – Antisemitismus und Kapitalverhältnis, danach Auflegen (FB-Event)
  • Do, 12.06.2014, Halle, Reil78, 20 Uhr: Vortrag Entschwörungstheorie (FB-Event)
  • Do, 18.09.2014, Troisdorf, Jugendkulturcafé: Vortrag Entschwörungstheorie
  • Des weiteren in der Pipe: Rausch-Vortrag auf dem Wilde Möhre Festival (Altdöbern, 8.-11.8.), ebenso bei EntheoScience (12.-14.9., Potsdam), Interview bei The art of being many (24.-28.9., Hamburg), und ein ganzer Abend mit Vortrag, Konzert und Auflegen in Mannheim im Oktober.

    Heuschrecken kommen nach Troisdorf

    Mitschnitt Rausch-Abend in Hamburg mit Hans-Christian Dany

    May 6th, 2014

    Im Januar sprach ich im Hamburger Golem über den Rausch und wurde dann (im Mitschnitt ab Minute 52) von Hans-Christian Dany ein wenig kritisiert und ausgefragt.

    Etwas längere Entschwörung zu Montagsdemos und allem

    May 5th, 2014

    Erst wollte ich es bei den kurzen und allgemeinen Bemerkungen belassen, die ich vor kurzem schon zum Thema beigesteuert hatte. Ich hoffte, daß der Gedanke, den ich seit Jahren zu politischen Auseinandersetzungen zu streuen versuche, vielleicht am akuten Beispiel aufgegriffen werden würde: die ideologischen Bedürfnisse ernstzunehmen, wie sie sich eben auch derzeit in den montäglichen öffentlichen Zusammenkünften und in den begleitenden Äußerungen im Internet oder auch in Bekanntenkreisen artikulieren.

    Doch überwiegt in den kritischen Reaktionen, die ich bislang mitbekommen habe, bei weitem die Distinktion à la Aluhut oder die Verurteilung à la Jutta, hin und wieder wenigstens gefolgt von Verwunderung und einer gewissen Hilflosigkeit, weil das alles nur in wenigen Fällen etwas bringt (außer natürlich für die Selbstvergewisserung).

    Also möchte ich versuchen, mal grob zu umreißen, wie ich mir dieses Ernstnehmen in etwa vorstelle.

    So sinnvoll und richtig zum Beispiel faktenorientierte Entgegnungen wie die vom Lowerclassmagazine sind, um erstmal klarzustellen, was alles nicht stimmt – zum einen nimmt das angesichts der stundenlangen Auslassungen allein Jebsens oder des gesammelten Schrifttums allein Elsässers schlicht kein Ende; zum anderen sollte dabei auch einfach nicht stehengeblieben werden. Denn die Frage muß doch – wie immer bei Ideologiekritik – lauten, warum das Falsche dennoch und überhaupt geglaubt wird, warum ein solch teilweise enormer Erklärungsaufwand getrieben wird, um inmitten einem Potpourri von wenig Bekanntem, leidlich Kontroversem und abgeklärt Klingendem an diesem Falschen festzuhalten.

    “Weil es Antisemiten sind” oder “weil es Neurechte sind” sind keine Erklärungen, sondern das klingt, wenn es dabei dann bleibt, eher nach Äußerungen von Sektenbeauftragten. Ideologie trägt jeder Mensch in dieser Gesellschaftsordnung mit sich herum; sie nimmt abhängig von der eigenen Stellung zur Gesellschaft und ihren verschiedenen Teilen (und in geringerem Maß auch abhängig von den jeweiligen Informationseinflüssen) und abhängig vom Verlauf der sozialen Auseinandersetzungen unterschiedliche Formen und Eskalationsstufen an. Ideologie ist das falsche Bewußtsein, das das richtige Bewußtsein für die falschen Verhältnisse ist; das Bewußtsein, das alle reproduzieren müssen, wenn sie sich in den Verhältnissen zurechtfinden und in ihnen vorankommen wollen. Von diesem Bewußtsein ist auf den Montagsdemos allenfalls mehr auf einem Haufen; es sind vielleicht verzweifeltere, offener widersprüchliche Formen als anderswo. Doch ist das alles nicht grundverschieden von der Ideologie, die wir fast überall sonst antreffen.

    Ihr Kern ist fast immer, sich als Teil der Nation nützlich vorkommen zu können. Das passiert auch ohne Montagsdemo ständig, das leistet der ganz gewöhnliche Nationalismus, der entsprechend der Stellung der meisten Menschen in dieser Gesellschaft vor allem als eine Art Arbeitskult daherkommt und sich gegen die Parasiten unten und oben und an der Seite richtet: die Faulen, die Ungelernten, die Aussauger und die Betrüger. Die Faulen und Ungelernten liegen dem Wir der Nützlichen und Willigen auf der Tasche; die Reichen und die Betrüger nehmen die Nützlichen und Ehrlichen aus.

    Dabei werden immer schon, auch ohne jede Montagsdemo, sehr willkürliche Grenzen je nach eigener Lage gezogen. Ob alle Hartz-IV-Empfänger oder nur manche zu den Faulen zählen, wo die Grenze zum unschicklichen Reichtum verläuft, ob die Distinktion etwa auch nach Bildung, Engagement und Familienstand gezogen wird – das hängt vor allem davon ab, wo sich jemand selbst befindet und mit welchem Teil der Gesellschaft er sich gemein machen will. Innerhalb des Wir werden die Konflikte und Interessengegensätze heruntergespielt bis wegbeschworen – “wir” wollen ja alle friedlich miteinander leben, “wir” sind ja alle gleich…

    Wenn der gewöhnliche Nationalismus für die Selbstvergewisserung nicht reicht – weil man etwa in der Konkurrenz ausgebootet wird oder sich von schärferer Konkurrenz bedroht sieht, weil man etwa seinen Job, seine soziale Nische oder seine Radiosendung verloren hat – dann muß stärkerer Stoff her, dann muß das größtmögliche Wir beschworen werden, das noch gegen jemanden gerichtet sein kann. Und das größtmögliche Wir des Nationalismus ist das der Nützlichen und Willigen aller Länder gegen die Faulen, die Aussauger und Betrüger aller Länder; in seiner maximalen Zuspitzung ist das der Kern des modernen Antisemitismus.

    Es kann in dieser gesamten Vorstellungswelt nicht um ein besseres Leben für alle gehen, dann würde sie in sich zusammenfallen und das beschworene und fürs eigene Heil so wichtige Bündnis mit der nationalen Gemeinschaft (bzw. dem für einen selbst relevanten Segment davon) zerbräche.

    Aktuell haben diese ganzen Bedürfnisse etwa solche Inhalte: nicht wahrhaben zu wollen, daß der ganze nationale Zirkus nunmal Interessendurchsetzung nach außen braucht; daß die EU-Außengrenzen nicht aus moralischer Schlechtigkeit so dicht gehalten werden, wie es geht, sondern vorwiegend aus ganz handfesten Gründen der Verwertbarkeit, der nationalen Akkumulation, der Spaltung der Klasse und der internationalen Arbeitsteilung; und daß es beim Gezerre um die Ukraine nicht einfach darum geht, wer friedlicher und freier gesinnt ist, sondern vor allem darum, mit wem und zu welchen Bedingungen sich welche Teile des fraglichen Gebiets ökonomisch und strategisch verbinden werden.

    Der Reflex der Montagsdemonstranten ist – wie der vieler anderer – zu sagen: “Wir wollen das nicht.” Doch den wirtschaftlichen und politischen Erfolg der eigenen Nation bzw. des eigenen Staatenbündnisses, der dieses Vorgehen hauptsächlich motiviert, den wollen “wir” ja dann doch.

    Sofern eine Auseinandersetzung mit diesen Bedürfnissen stattfinden soll, sofern sie also angezeigt und irgendwie sinnvoll erscheint – was sich wohl eher auf Interessierte und Anpolitisierte als auf Überzeugte und Engagierte bei den Demos bezieht -, wäre es wichtig, sich nicht einfach drüberzustellen, sich selbst also nicht als interesselos, übermoralisch und politisch maximal aufgeklärt zu präsentieren. Die eigene Stellung in der Gesellschaft, die eigenen Lernprozesse, die eigenen Zweifel, die Quellen und Gründe für die eigenen Auffassungen sollten nicht übergangen, sondern vielmehr betont werden. Das bedeutet nicht, die nötige Kritik zu unterlassen oder zu entschärfen, es bedeutet auch nicht, keine Proteste zu veranstalten und keinen Widerstand zu leisten, wo das angebracht ist; es bedeutet lediglich, nicht aus dem Nichts zu reden bzw. einfach von oben.

    “…wir haben so eine Decke der Zivilisation über uns ausgebreitet, um den Pöbel in den Griff zu kriegen” (Marcus Wiebusch)

    Es sollte immer klar bleiben: die Verschwörungserzählungen treten in den allermeisten Fällen nur zu den Auffassungen und Grundhaltungen hinzu; sie sind nicht Ursache und auch nicht entscheidender Inhalt. Die Frage ist vielmehr, ob und warum jemand diesen Staat, diese Gesellschaftsordnung überhaupt verteidigen oder retten will, und wenn er das will, wogegen oder wovor.

    Und wenn es nicht gelingt durchzudringen, wenn es nicht gelingt, über die Auseinandersetzungsformen des guten, richtigen Nationalismus mit den irren Abweichungen (wie z.B. bei extra3) hinauszufinden, wenn es nicht gelingt, für die herrschaftsfreie Assoziation aller Menschen zu werben und zur kollektiven Aktion in diesem Sinne anzustiften, dann ist das leider überhaupt nicht lustig.

    Anders gesagt: So far, the joke’s on us, not on them.

    Kurzentschwörung anläßlich Jebsen et al.

    April 15th, 2014

    Für einen Artikel über die neuen “Montagsdemos” wurde ich vom studentischen Magazin ak[due]ll befragt:

    «„Wer die gesellschaftlichen Widersprüche kitten will und sich positiv auf Staat und Nation bezieht, muß die dazugehörige Ideologie produzieren, je nach Krisenlage in unterschiedlicher Heftigkeit und Form“, so Kulla. „Wenn sich gegen die Gesellschaftsordnung wenig ausrichten lässt, kann sich mit rebellischem Gestus zu ihrem Vorkämpfer und Verteidiger gegen den gemeinsamen Feind aufgeschwungen werden – das gilt nicht nur für die Hinwendung zum ideologischen Verschwörungsdenken.”

    Der Autor macht wenig Hoffnung, erfolgreich gegen Freund*innen und Bekannte zu argumentieren, die mit den Verschwörungsdemos sympathisieren. Vielmehr sei es am wichtigsten, das Bedürfnis ernstzunehmen, sich auf die richtige Seite der vermeintlich schweigenden Mehrheit schlagen zu können. „Und das geht am besten, wenn man sich diesbezüglich auch selbst befragt und die eigenen Positionierungen mit dem gleichen Maßstab mißt“, schreibt Kulla. „Mit bloßer Argumentation ist am genannten Bedürfnis nichts zu ändern – es braucht vielmehr die Wendung gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Betonung der Widersprüche und letztlich den politischen Kampf, so aussichtslos das derzeit auch erscheinen mag.“»

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