Erste Auftritte 2016

December 27th, 2015
  • Fr, 19.02.2016, Frankfurt/Main, Gewerkschaftshaus, 19 Uhr: Vortrag Entschwörungstheorie (Veranstaltungsreihe Verschwörungstheorien)
  • Sa, 20.02.2016, Mainz, Haus Mainusch: Auflegerei bei Luna Urbana
  • Mi, 30.03.2016, Reutlingen: Vortrag Entschwörungstheorie, im Anschluß Auflegerei (BASICS-Reihe)
  • Fr, 08.04.2016, Plauen, Schuldenberg: Vortrag Entschwörungstheorie (Hausfest)
  • Mo, 11.04.2016, Essen: Vortrag über “Die Spaltung der Linken”
  • Fr, 06.05.2016, Siegen, Vortex: Konzert mit Istari Lasterfahrer
  • Buchvorstellungen für “Sin Patrón” sind für Freiburg, München, Nürnberg, Wien, Graz und Bamberg in Planung; ansonsten stehen noch Diverses in Würzburg und Umgebung, Freakout nach Wahl in Landau, Entschwörung in Flensburg, Bargteheide und Klagenfurt sowie Beihilfe zu gemeinschaftlich begangener Hausbesetzungs-Hegelei in Halle aus.

    Wer auch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm.

    (Und hier gibt’s mehr Einzelheiten zur 2016 zu begehenden musikalischen & theoretischen Aufwiegelung.)

    Foto des Jahres 2015

    January 10th, 2016

    Für die argentinische “Titanic” Revista Barcelona war in ihrer Jahresrückblicks-Ausgabe die Sache klar:

    «Die furchtbare Lage der Europäer, die den Anblick dieser in einem exklusiven Strandbad liegenden Europäerin ertragen müssen, erschöpft von der Anstrengung, sich um eine nicht enden wollende Prozession Illegaler kümmern zu müssen, welche ihr Land ausnutzen – dieses Bild wurde vom Neokolonialen Kommittee der Natürlichen Auslese Auswärtiger zum Foto des Jahres gekürt. “Die arme Frau brach zusammen, nachdem sie Tausende von Opportunisten ausgewiesen hatte – es ist ein berührendes Bild”, so die Jury.»

    Foto del ano Merkel

    Merkel schaffte es auch auf den Titel, in der Bildlegende ausgewiesen als “Teutona infanticida”.

    Cover Cover detail

    Argentiniens Regierungswechsel ändert alles!

    January 8th, 2016

    “Cambio” (“Wandel”) nennt sich das, was in ‪‎Argentinien‬ unterm neuen Präsidenten Mauricio ‪Macri‬ derzeit passiert, und seine Wahlbewegung hieß denn auch “Cambiemos”“Laßt uns verändern”, irgendwie ähnlich allgemeine Projektionsfläche wie Obamas “Change”, allerdings recht offen und unverblümt in Richtung rechts, neoliberal-konservativ.

    Die Konservativen tun jetzt so, als hätte die abgetretene ‪Kirchner‬-Regierung Korruption und Verbrechen erfunden, während die Kirchneristas so tun, als hätten sie Sozialfürsorge und Gerechtigkeit erfunden. Nicht nur in Argentinien hielten und halten viele den peronistisch-nationalistischen Kirchnerismo, einst als Abwicklung der Aufstände von 2001/2 an die Macht gekommen und dann durch Vereinnahmung und Ausbooten der Protestbewegungen an der Macht geblieben, für links.

    Für ihre Proteste gegen die neue Regierung (vor allem gegen Entlassungen in der zuvor aufgeblähten staatlichen Beschäftigung) konnten die Kirchneristas bislang nicht viele Leute mobilisieren – das heißt, die Kirchneristas, die vorher jahrelang kaum je gegen soziale Mißstände auf die Straße gingen und gerade in Buenos Aires für fast alle Härten mit Macris Leuten zusammen stimmten, wundern sich nun, daß kaum jemand auf ihre Demos kommt.

    Und schließlich wurden vormals Beschäftigte des manipulations-berüchtigten Statistikinstituts INDEC, die nach der Übernahme durch die kirchneristische Jugendorganisation La Cámpora gefeuert worden waren, nun mit viel Tamtam wieder eingestellt – und direkt danach wurde verkündet, daß für dieses Jahr keine offiziellen Zahlen zur galoppierenden Inflation veröffentlicht werden.


    Graffiti in ‪‎Buenos Aires‬, prangt da schon ein paar Jahre

    Wie ich kurz vorm Abflug schrieb: “…wo gerade alles anders wird und so bleibt; wie’s war…”


    Infografik von CORREPI zur Repression seit Ende des Faschismus

    2016 zu begehende musikalische & theoretische Aufwiegelung

    December 30th, 2015

    MUSIK UNTER DIE LEUTE

    Die neue, schnell eskalierende, im Verlauf aber recht entspannte Platte mit dem Lasterfahrer ist schon so gut wie fertig. “Wir streiken” ist drauf. Erste musikalische Ausflüge nach Südamerika sind drauf: eine Art Cumbiaton übers Rumlungern auf dem Gehweg in Asunción und eine Coverversion dieses Candombes, aus dem der vorläufige Albumtitel “Lluvia de estrellas” (sprich: “schúvia de estréschas”) stammt. Das schon live vorgetragene “Rammstein lösen sich auf” ist drauf. Ein Björn-Peng-artiges Lied über Anti-Klassismus mit dem Titel “Critical Richness” ist drauf. Ein trotziger Dub über die “wandering working class” ist drauf. Ein Breakacid-Brett, basierend auf einer Brustmilchpumpe und dem Standgeräusch eines Triebwagens, ist drauf. Und ein Track mit Onkel Torsun zu unser beider einstiger Lieblingsgruppe ist auch drauf.

    Was noch fehlt: eine endgültige Entscheidung bezüglich unseres endlich mal etwas kürzeren und griffigeren Namens (Classta Kullasta? Clasta Kulasta? Oder nur Kullasta? Oder ganz anders?) und die Kohle fürs Vinyl.

    Wir wollen wieder mehr Konzerte spielen (eins ist für den April in Siegen schon anberaumt), besonders gern immer mit dem lieben Björn Peng und seinem Fluffy Bad Trip Rotterdam Hardstyle; und auch auflegenderweise möchte ich wieder “möglichst viel verschiedene Musik” vorspielen.

    Schließlich sind noch einige Features auf dem Weg: schon aufgenommen ist mein Rap-Part für einen Song von Frank Spilker; Alles.Scheiße wollen mich auf ihrem Album dabeihaben; das erste Stück der Kullaboration mit Ray Block (Projektname Graph Blockulla) ist halbfertig; und vielleicht wird endlich der schon lange beinahe fertige Track mit der Frittenbude mal vollendet…

    IDEOLOGIE ERNSTNEHMEN

    Angesichts von Facebook-Landschaften und Straßenbild wenden sich viele vermehrt und richtigerweise gegen Rassismus und Nationalismus. Zu oft bleibt es aber beim Verurteilen, Kopfschütteln, Auskotzen; zu oft wird Ideologie als Randerscheinung behandelt, als Manipulation oder Dummheit, als Nebensache im Klassenkampf, als zu Therapierendes oder hoffnungslos Verlorenes. Es muß besser gelingen, sie ernstzunehmen, ohne ihr auf den Leim zu gehen.

    Ich will mit meinen Vorträgen und Texten (Buch-Neuauflage “Entschwörungstheorie” hoffentlich endlich dieses Jahr!) zu erklären helfen, warum Ideologie funktioniert, was sie Leuten bringt und wie ihr praktisch der Boden entzogen werden kann. Dabei ist wichtig, nicht an den Erscheinungsformen und ihrer (vermeintlichen) Absurdität kleben zu bleiben, sondern sich auf die Inhalte zu konzentrieren, auf die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Formen von Ideologie und ihrer Gründe und Vorteile, und dabei vor allem im Blick zu behalten, wann und wie sich Auffassungen verändern. Allzuoft wird der Versuch nicht (mehr) unternommen, solche Veränderung herbeizuführen oder zu begünstigen, Menschen für Auseinandersetzungen erst zu gewinnen – stattdessen werden sie dann im Falschen festgenagelt und abgeschrieben, so als ob immer alle so verbohrt und unverbesserlich wären wie es meist nichtmals die Lautesten und die Lieblingsfeinde sind.

    Weiter möchte ich darüber reden, wie sich Ideologie in der Populärkultur abbildet und bricht (z.B. “Klassenkampf bei Buffy The Vampire Slayer”) und was sie alles aus dem Blick geraten läßt (wie z.B. in “Homer Simpsons Mutter”).

    Für die praktische Kritik in Gestalt von Widerstand und Aneignung gilt es wiederum, den Fokus weg von Vorwürfen und Anklagen gegenüber bestimmten Gruppen, Fronten, Parteien (bzw. immer den jeweils anderen) zu bewegen – also weg von bürgerlicher Identifikationspolitik, hin zu mehr Politik des Entkommens und der freien Assoziation. (Hierzu kann viel aus der Debatte um “Der kommende Aufstand” bezogen werden, aber auch aus der Auseinandersetzung mit möglichen Vorbildern, wie einem Teil der Bewegung der instandbesetzten Betriebe in immer mehr Ländern.)

    RAUSCH & LUST ALS FÄHIGKEITEN VERSTEHEN

    Fürs Entkommen und die Assoziation dürfte auf die Dauer unerläßlich sein, sich über die nach wie vor am wenigsten verstandenen der entsprechenden Fähigkeiten und ihre unzähligen Implikationen ins Klare zu setzen: Rausch als Fähigkeit des Sich-Entziehens und Lust als Fähigkeit, Verbindungen herzustellen. Beide müssen von jeglicher Herrschaft kontrolliert werden – und gehören zu den wichtigsten Fähigkeiten, um Herrschaft zu umgehen, herauszufordern und zu stürzen.

    Die Ansätze, die ich dazu formuliert habe (“Leben im Rausch”, “Lust, Rausch & Zweifel”), müssen dorthin, wo sie theoretisch überprüft und weiter ausgearbeitet werden können; vor allem aber dorthin, wo sie in praktischen Auseinandersetzungen weiterentwickelt und erprobt werden können.

    Außer meinen Vorträgen will ich mit einigen exemplarischen Besprechungen (z.B. zu “Delusions of Gender”, “Massenstreik und Schießbefehl”, “Into The Woods” u.a.) diese Ansätze besser zugänglich machen.

    AUSDEHNUNG & ERWEITERUNG

    Auch müssen all diese Themen von der deutschen Sprachinsel runter – ausgehend von einem kurzen Programmtext, der sich vertont auch auf der Platte mit dem Lasterfahrer finden wird (“This is classless”), möchte ich Texte ins Englische und Spanische übertragen.

    Über jegliche Beihilfe, Ideen, Verbindungen, Weiterleitungen, Publikationsmöglichkeiten würde ich mich sehr freuen!

    Und über albernen Quatsch. Und über hugs & kisses. Und darüber, euch zu treffen, wo was Gutes in Bewegung kommt, wo was Schlechtes gestoppt wird – und da, wo’s notwendigerweise rummst.


    “Gutmenschen bei der Arbeit” titelten die Nazis – das nehm ich gerne an!
    Ich weiß noch genau, wann das Foto gemacht wurde: als sie gerade ordentlich verloren hatten.
    Halberstadt – dreimal blockiert! Immer gerne wieder!

    (Auftrittsplanung: Erste Auftritte 2016.)
    (Jahresrückblick: Empfehlungen des Hauses 2015.)

    Empfehlungen des Hauses 2015

    December 17th, 2015

    «Was in dieser Situation auf jeden Fall nicht weiterhilft, ist das Schlagwort “Verschwörungstheorie”, das vielmehr, wie auch sonst so oft, Teil des Ausstoßes der nun daueraktiven politischen Nebelmaschinen ist.»
    Verschwörung gehört zum Normalbetrieb – Argentinien und der Tod von Alberto Nisman

    «…beginnt mit kämpferisch-kritischem, möglichst ebenbürtigem Zusammenschluß, mit der Aufklärung der Bedürfnisse und Fähigkeiten (auch und vor allem der so schlecht verstandenen Rausch und Lust), der Aufklärung über Herrschaft und ihre Ideologie, dem kollektiven Widersetzen und dem Streik, der kollektiven Aneignung der Produktionsmittel und der Abwehr oder Umgehung aller Versuche, das zu unterbinden, zu verschleppen und zu vereinnahmen.»
    Weil so oft das Wichtigste nicht gesagt wird: Kommunismus

    «Flüchtende vorübergehend aufzunehmen und in Zelte zu stecken – das können Deutsche nur im äußersten Überschwang, auf den der Kater (abschrecken, einsperren, zusammenscheißen, belehren, germansplaining) folgen muß.»
    Nach dem kurzen Sommer der Liebe: Schweineherbst

    «Je länger ich meinen Mitmenschen jedoch zuhörte, desto mehr fielen mir die ideologischen Bedürfnisse auf, die USA und ihr politisches Personal noch extra anzuschmieren und zu dämonisieren, gleichzeitig Deutschland in Gegenwart und Vergangenheit reinzuwaschen, erschreckend häufig erweitert um antisemitische Spitzen besonders gegen Israel.»
    Der 11. September 2001 & einige seiner Folgen um mich herum

    «Menschen können ohne jede Schulbildung entscheiden, wogegen sie sich in welcher Weise zusammentun und zur Wehr setzen, und gegen Bürgerkriegsflüchtlinge vorzugehen, die vom Staat bereits in Lagern zusammengepfercht werden, ist eben nicht hauptsächlich dumm oder ungebildet, sondern eine rassistische Wendung gegen Menschen, an denen man sich (meist staatlicherseits bis zu einem gewissen Punkt geduldet) auslassen kann.»
    Der dumme rassistische Pöbel

    «Heute ist es Scheiße ohne Grund, damals war es Scheiße mit Grund.»
    Republikgeburtstag – 66 Jahre DDR-Gründung

    «Die Versprechen der Aufklärung wären nun zusammenzuführen und einzulösen: die Vernunft berauschen und den Rausch erlernen; den mündigen, ansprechbaren, zuverlässigen Mitmenschen unter Einbeziehung seiner Rauschfähigkeiten ermutigen – ein Materialismus unter Einbeziehung des Nervensystems.»
    Licht und Klarheit, Rausch und Vernunft – Zu Ideengeschichte und Weiterführen der Aufklärung

    «…im März 1919 (und zum Teil noch lange danach) wurde von Millionen von Arbeitern in Deutschland der Weg vom Massenstreik über die Sozialisierung zum Sozialismus eingeschlagen, und sie konnten letztlich nur durch mieseste Verschaukelei seitens der sozialdemokratischen Führung und den offenen Terror der Freikorps daran gehindert werden, ihn zu Ende zu gehen. Dabei spielte der Zusammenschluß und die genossenschaftliche Aneignung unter noch nicht sozialistischen Bedingungen eine zentrale Rolle.»
    “Sin Patrón”-Rezension: Ist das noch Kapitalismus?

    «“Krisenverwaltung”, also die Abwälzung der Kriseneffekte durch “Sparpolitik”, Auslagerung und Kapitalvernichtung, muß nur dann “eben so aussehen …, wie sie aussieht”, wenn es keinen wirksamen Widerstand, keine Solidarisierung, keine Perspektive über die verwertete und verwaltete Welt hinaus gibt – das zu unterschlagen macht einen zum Teil der Alternativlosigkeitspropaganda; es gar selbst verdrängt zu haben, zeugt davon, an der Veränderung dieser Gesellschaftsordnung kein Interesse mehr zu haben.»
    Wie die “Bahamas” eben aussieht – Das kritische Rezept gegen Pegida & AfD: Einsicht in die Alternativlosigkeit

    (Noch mehr: Empfehlungen des Hauses aus den vergangenen Jahren.)

    (Und noch mehr: Kulla fragen, einladen, herbeiholen.)

    Hitlerfragen!

    December 3rd, 2015

    Wer hat “Er ist wieder da” geschaut (und wann so, läuft ja immer noch)? Und wer hat auch das Buch gelesen? Wer fand im Film auch fast nur die lustigen Sachen aus dem Buch lustig? Wer hat die Rezeption vielleicht aufmerksamer verfolgt als ich und kann eine Einschätzung dazu abgeben, wo eher eine Warnung, ein Abgrund, eine Verharmlosung, eine Belanglosigkeit gesehen wurde?

    Wem außer mir ist noch aufgefallen, daß das Negative am Nationalsozialismus im wesentlichen auf die Judenverfolgung reduziert wurde, und sonst außer schon im Anspielungsbereich fast verschwindendem Rassismus auch die Gegnerschaft der Nazis gegen Kommunismus, Sozialismus, Arbeiterbewegung usw. komplett fehlt? Da ich das Buch recht rasch nebenbei gelesen habe: War das dort auch schon so?

    In welcher Weise entlarvt sich das selbst oder soll entlarvend funktionieren? Im Grunde wollen sie alle den nationalen Erfolg organisieren, nur nicht mit so offenkundigen Gräueltaten? Waltet da die “demokratische Anästhesie” und blendet die Drecksarbeit aus, die zur Herrschaftssicherung betrieben wurde und von den Nazis die meiste Zeit über als Hauptaufgabe angesehen wurde?

    Nur an einer Stelle lehnt sich eine Hauptfigur, Fernsehmensch Sawatzki, gegen Hitler auf, und zwar erst nachdem die jüdische Oma seiner neuen Freundin Hitler mit Verweis auf den Holocaust aus ihrer Wohnung wirft – alles andere geht bei aller Bestürzung und allem Befremden doch irgendwie durch und findet immer offenere Zustimmung (auch gibt’s zum Beispiel keinen Anstoß bezüglich des Geschlechterverhältnisses). Wie ist das gedacht und gemeint, aus der Gesellschaft heraus so gut wie keine Widerstände abzubilden, die in irgendeiner Form wirksam werden könnten? (Und eben die Arbeiterbewegung, Sozialismus und andere reale Widerstände aus Geschichte und Gegenwart auch als mögliche positive Referenz an der Stelle auszulassen… )

    Ist das dann praktisch so gemeint wie in der antideutschen Folklore, wenn im Abspann, nach Nachrichtenfootage aus den letzten Monaten von Pegida bis Heidenau und Hitlers Kommentar “Damit kann man arbeiten”, ein mäßiger Remix von Leadbellys großartigem “Mr Hitler” zu hören ist, der ja den Einmarsch der USA beschwört, die aber nicht nur spät, sondern wohl gar nicht kommen würden? Kapitulation, Alarmismus, Provokation, Aufrüttelung, schlechter Witz oder “alles nur zur Unterhaltung gedacht, was kann ich dafür, wenn ihr daraus ein Drama macht”?

    (Dieses Posting steht auch auf Facebook.)

    Vom Wochenende: Hannover und Stendal gegen, an und für sich

    November 30th, 2015

    Hannover (Samstag): Ein Bürgerbündnis, das Nazis und Nationalisten als “braun” bezeichnet, vertritt gegen die AfD und ihren mit Reiter- und Hundestaffeln schwer bewachten Parteitag (siehe Foto) einen Nationalismus, der nicht so heißt und nicht so aussieht. Ihre Ordner empfangen eine linksradikal angeführte Demo mit über tausend Teilnehmenden (“Solidarität muss politisch werden”) zusammen mit der Polizei, die die Fronttransparente herunterreißt und auf ihre Trägerinnen einschlägt. Hinterher wird der Demospitze Vereinnahmung vorgeworfen – hat offenbar alles richtig gemacht.

    Stendal (Sonntag): Etwas mehr als 100 Menschen, die die Legitimität dieses Staates bestreiten, laufen mit Fahnen dieses Staates durch die Stadt (diesmal aber ohne französische Fahnen) und rufen an die Adresse von Menschen, die größtenteils von Syrien hierhergelaufen sind, daß sie diesen Staat nicht genug lieben und ihn wieder verlassen sollen. 50 Studierende, größtenteils nur für die Dauer ihres Studiums in Stendal, machen dagegen durchaus sehr wirksam Lärm wie ein Regiment Janitscharen (Ankündigung), und werden dafür von einer Abgeordneten als Gesicht und Herz der Stadt reklamiert.


    Teil der Polizeibewachung für AfD-Parteitag

    Aus den letzten Tagen: Stendal, Trikoloren und Brasiliens Schlacke-GAU

    November 17th, 2015

    Nazis und “Reichsbürger” liefen am Sonntag mit den Fahnen des französischen Erzfeinds und der “BRD-GmbH” durch Stendal, bezogen ihre Pflicht zum Widerstand auf Brecht, ihre Freiheit auf 1776 und bekundeten ihre Trauer wegen der Anschläge in Paris durch wütendes Geschrei. Derweil waren Polizei und Ordnungsamt damit beschäftigt, die Gegenkundgebungen mit erfundenen Auflagen zu schikanieren, denen jedoch mit Spontankundgebung und Improvisation begegnet werden konnte.

    2015.11.15 Stendal Demo Buergerbewegung Altmark und Proteste (55) 2015.11.15 Stendal Demo Buergerbewegung Altmark und Proteste (25)
    Prozessierender Widerspruch beim Trauern

    Anderswo sahen die Zahlen dann am Montag so aus:

    “16.11.15 nazis vs #antifa #Dresden 10.000 vs 1250 #Leipzig 500 vs 1200 #Chemnitz 400 vs 200 #Pritzwalk 200 vs 200 #Greifswald 200 vs 200” und “#Duisburg 350 vs 350 #Kassel 30 vs 100 #Halle 350 vs 250 #München 150 vs 450 #Strausberg 120 vs 70” und “#Rudolstadt 250 vs 500 #Hannover 120 vs 100 #Güstrow 250 vs 80 #Berlin 120 vs 200”

    Französische Fahnen flatterten auch sonst an vielen Orten oder bildeten Beleuchtung und Avatare – im Bild des zur Fahne gehörigen Staats scheinen Front National, Riot Cops und der ganze Rassismus nicht vorzukommen; auch scheint im Fahnenkult irgendwie unterzugehen, wie sich dieser Staat nun im Anschluß an die Anschläge weiter militarisiert und autoritärer wird, wie also die beschworenen Freiheiten genau jetzt kassiert werden: Pressezensur, Militärgerichte… (Wer die Fahne wegen ihrer historisch-revolutionären Bedeutung verwendet, macht das derzeit auch meist ohne den diesbezüglichen Verweis bzw. ohne Abgrenzung zur nationalistischen und sonstig gegenwärtigen massentaumeligen Verwendung.)

    Verweise auf das sonst praktisch komplett ignorierte Terrorgeschehen im Rest der Welt wurden von manchen als spitzfindig oder gleich überheblich abgetan. Jan Böhmermanns alberne (an manchen Stellen aber durchaus lustige) Fragen wurden von der “Welt” besorgniserregend selbstvergessen (wenn auch ebenfalls an manchen Stellen lustig) beantwortet.

    Und schon wieder Verweis auf Furchtbares im Rest der Welt, das in diesem Fall aber auch unterm Teppich bleiben soll: Nachrichten von der größten Umweltkatastrophe in Brasiliens Geschichte dringen nach Tagen nun allmählich durch – nach dem Bruch eines überlasteten Damms begruben Milliarden Liter giftiger Bergbauschlacke eine Ortschaft unter sich, die Kontamination dürfte auf Jahrzehnte katastrophale Auswirkungen für die drei Millionen Menschen im Einzugsgebiet des Rio Doce haben und auch einen Großteil des Meeres um die Flußmündung dauerhaft verheeren.

    Was Gutes tun? Die internationale Solidaritätswoche für die griechische Instandbesetzung Vio.Me unterstützen – Veranstaltungen dazu gibt’s unter anderem heute in Köln und morgen in Berlin.

    Licht und Klarheit, Rausch und Vernunft

    November 13th, 2015

    Zu Ideengeschichte und Weiterführen der Aufklärung

    (Aus der Reihe bestellte, geschriebene und dann nicht veröffentlichte Artikel diesmal mein Beitrag für Phase 2 zur Frage “Was ist Aufklärung?”)

    Den Begriff der Aufklärung gibt es mindestens in doppelter Ausführung, zurückgehend auf die ersten großen Bedeutungsfamilien: einerseits die Lumières, die Illuminées, die Beleuchtenden, Lichtmenschen, Erleuchteten, deren Gegner die Dunkelheit war, in der sie, kraft ihres inneren Lichts, des in ihnen entzündeten Feuers, dennoch sehen konnten (wie die Eule der Minerva, einst Wappentier der Athene, später Symboltier der Illuminaten); und auf der anderen Seite eben die Aufklärung, die Ausnüchterung, die den Nebel, den Dunst, den Mief vertreiben, mal ordentlich durchlüften wollte, dem trüben Licht mit Kerzen und Lampen begegnen.

    Gleichzeitig gibt es also für sehr ähnliche und eng miteinander verwobene Entwicklungen diese verschiedenen Leitideen: die einer mindestens vorübergehend, möglicherweise aber dauerhaft sehr stark berauschten, lustvollen, ekstatischen Vernunft und die einer möglichst vollkommen nüchternen, leidenschaftslosen Vernunft. Das Unklare, Rauschhafte, Mysteriöse dient der einen Vorstellung als Quelle, der anderen als Feind.


    Angela Merkel in Wittenberg, geblendet vom Licht

    Es liegt nahe, hier mit dem ganz groben Stift eine Gegenüberstellung zwischen katholischem und protestantischem Konzept zu ziehen: auf der einen Seite steht in Frankreich die Be- und Erleuchtung im Zentrum, in Bayern sind die (be)leuchtenden Illuminaten federführend, während in Österreich Musik entsteht, die den “göttlichen Funken” feiert – es wird versucht, die göttliche Eingebung, die Transzendenz zu säkularisieren bzw. zu immanentisieren; und auf der anderen Seite gibt es das Bestreben, Immanenz zu erzwingen, alles, was vorher noch der Sphäre des herrschaftlich Religiösen angehörte, auf den “harten Boden der Tatsachen” zu holen.

    Die katholische Strategie scheint also in der Institutionalisierung des “göttlichen Funkens” zu bestehen, der nach Auffassung der “leuchtenden” Aufklärer dem Menschen innewohnt und aber entzündet werden muss. Auf der anderen Seite steht der protestantische Versuch, diesen “Funken” aus allem außer der rein religiösen Abstraktion auszutreiben und die Menschen auf ihre Untertanen-Verrichtungen herunterzubrechen, deren Bejahung als Freiheit zu verherrlichen. Das eine weist über den Menschen hinaus – es wird erahnt, dass da etwas über den Menschen hinausweist, aber in ihm steckt. Das andere ist eher der Versuch, den Menschen in sich einzusperren.

    Das Licht bzw. das Feuer sollte von den Göttern geholt und sich nutzbar gemacht werden – wobei vielleicht zu ahnen bis festzustellen war, dass man das Göttliche selber machen kann und letztlich selber ist. Aus der protestantischen Version entsteht ein Materialismus unter Ausschluss der höheren Gehirnfunktionen, der Rauschfunktionen; aus der katholischen eher unter zumindest versuchtem Einschluss.

    Doch lassen sich diese beiden Ansätze, wie eingangs schon angedeutet, nicht so klar trennen, stellen eher die gedanklichen Pole dar, zwischen denen sich die Aufklärung als Ganzes aufspannte.

    Keineswegs kam der Gedanke, dass das Göttliche in uns oder unter uns weilt und wirkt, hier zum ersten Mal auf. Es war nur der Moment, in dem das bestimmten Leuten im Zentrum der kapitalistischen Machtentfaltung dämmerte. Alles spricht dafür, dass das auch andere Leuten vorher und hinterher an vielen Orten zu ahnen begannen, die dann andere Schlüsse daraus gezogen haben – immer ging es jedoch darum, das Verhältnis zu sich selbst, zu den anderen Menschen und zum Göttlichen zu ändern. (Sehr schön wird dieser Moment in Terry Pratchetts “Small Gods” eingefangen, wo es u.a. um die Einrichtung einer konstitutionellen Religion geht, die menschlichen Regeln unterworfen wird und die vom Glauben der Menschen lebt.)

    Seit dem 18. Jahrhundert ist sehr viel über diese Verhältnisse nachgedacht worden, und zunächst konnten sehr viele Vorstellungen des Göttlichen als Projektion von Familien- und Herrschaftsverhältnissen entziffert werden; anderes wurde durch das Fortschreiten der wissenschaftlich überprüfbaren Weltbetrachtung über den Haufen geworfen. Doch blieb immer ein Rest von Metaphysik, Transzendenz, Spiritualität und Ideologie stehen, weil zwei Zusammenhänge bislang nicht dauerhaft erfolgreich angetastet bzw. verstanden werden konnten: die Herrschaft und der Rausch.

    Die Herrschaft, die beständig falsche Auffassungen stiftet, Ideologie erfordert, um gerechtfertigt zu werden, weil sie von vornherein auf solchen falschen Setzungen beruht, die wiederum den (unverstandenen) Rauschfunktionen des Gehirns entnommen wurden.

    Und der Rausch selbst, den Menschen u.a. für das Göttliche halten, mit dem wir viele der geglaubten Vorstellungen erzeugen und den wir bis heute nicht als Fähigkeit des Entziehens verstanden haben, die wir üben und selbst zu kontrollieren lernen müssen, damit sie nicht zur Kontrolle über uns verwendet werden kann und damit wir uns nicht selbst mit ihrer Hilfe einsperren.


    schlechtezitate.de und schlechtezitate.com sind beide noch frei

    Historisch hat sich ab dem 19. Jahrhundert mit den Niederlagen Frankreichs und Österreichs, dann mit den Siegen Preußens und der USA zunächst die “nüchterne” Strategie bis hin zu Prohibition und “Rauschgiftbekämpfung” stärker durchzusetzen vermocht. Diese Ausnüchterung hat, wie die Aufklärung selbst, ihre Dialektik: die unmögliche Austreibung des Rausches, da es Nüchternheit nunmal nicht gibt, suchte die Menschen im Arbeitsrausch („flow“) zu befestigen, diesen als Nüchernheit zu setzen, und gebar immer heftigere und furchtbare Ersatzräusche, immer schlimmeren kollektiven Taumel, immer größere Aufmärsche und Massengewalten – vorläufig, wie so vieles, gipfelnd im Nationalsozialismus.

    Die Versprechen der Aufklärung wären nun zusammenzuführen und einzulösen: die Vernunft berauschen und den Rausch erlernen; den mündigen, ansprechbaren, zuverlässigen Mitmenschen unter Einbeziehung seiner Rauschfähigkeiten ermutigen – ein Materialismus unter Einbeziehung des Nervensystems.

    Die Aufklärung, die ansteht, ist die Aufklärung der Menschheit über sich selbst – und das macht jede Einzelne und das machen alle zusammen, sonst wird das nichts! Nach wie vor geht es um das, was Marx vor 170 Jahren als Aufgabe aufgeworfen hat: den Aufschwung zu einem Gattungsbewusstsein, die Bewusstseinserweiterung zur Erkenntnis, dass die gesellschaftliche Realität auf dieser Welt von allen Menschen gemeinsam erzeugt wird und verändert werden kann, und dass jeder Mensch seinen Anteil an der Erzeugung dieser Realität hat. (Diese Bewusstwerdung geht letztlich mit den Konzepten und der Praxis von Kommunismus und Tiqqun als Bewegung und Ziel Hand in Hand.)

    Für den Moment heißt das: Fokus auf den Kommunismus als wirkliche, praktische Bewegung, als etwas, das gemacht werden muss, das nicht von allein passieren wird. Die Konsequenz aus den bisherigen Fehlschlägen kann nur lauten, es besser zu machen.

    In diesem Sinn: aufhören, Unmöglichkeiten zu behaupten, weil’s schwierig ist; Urteile den Erklärungen nachbilden, nicht umgekehrt; Essentialisierungen sein lassen, die vermeintliche Unveränderlichkeiten in den Raum stellen – sogar Deutsche sind nicht so oder so, sondern sind so geworden, und sie waren und sind auch nicht alle so – im März 1919 lagen sie mehrheitlich für diese Zeit genau richtig.

    Wenn der Klassenbegriff bei Marx noch zu eng oder zu abgeleitet war, dann müssen wir ihn eben mithilfe von Thompson, Federici, dem “Werktätigen”-Begriff (oder anderen Ansätzen) erweitern. Wenn zu wenige sich an der wirklichen Bewegung beteiligen, dann muss eben dafür gesorgt werden, dass es wieder mehr werden. Wenn die Gegengewalt unterschätzt wurde, muss ihr eben wirkungsvoller begegnet, sie besser überrumpelt, ausgetrickst, in Schach gehalten oder im Aufkommen behindert werden. Wenn zu wenig gestreikt wird, müssen Streiks gefördert und unterstützt werden. Wenn zu wenig Produktionsmittel angeeignet werden, muss es mehr Anstiftung dazu und Unterstützung dafür geben. Wenn der Staat und die Avantgarde-Partei Fallen sind, muss auf Selbstorganisation und größtmögliche Ebenbürtigkeit hingewirkt werden. Wenn zu wenig aufgeklärt wird und wichtigste Sachen viel zu unbekannt und unklar sind, dann muss mehr aufgeklärt werden, das heißt: möglichst viele Menschen machen sich so ebenbürtig wie möglich und erklären sich gegenseitig so viel, wie sie über Herrschaft, Ideologie und deren Überwindung wissen. (Was auch hieße, soviel wie möglich über Rausch und Lust herauszufinden, unsere Fähigkeiten des Entkommens und Verbindens, die wir bislang so gut wie nicht als Fähigkeiten verstehen und entsprechend kaum gezielt entwickeln.)

    Und das ist alles nie genug, bis es endlich alle kriegen, was sie brauchen.

    Nichts Neues vom Tag, nur wieder schlimmer

    November 6th, 2015

    Was der Sozi dementiert hat, passiert nun (und noch einiges mehr), und die taz quatscht es für ihre Art von links schön. Wie alle paar Monate hebt die Polizei im Osten mal ein Waffenlager von Nazis aus und es kriegt zur Abwechslung mal jemand mit, weil der Ort vor kurzem den Ruf des ganzen Standorts zu gefährden begann.

    Während die Sächsische Zeitung sich zusammen mit dem DRK wundert, daß so viele Refugees aus ihrer Unterkunft in Döbeln verschwunden sind, weiß nicht nur addn von Schüssen und Blockaden dort.

    Der Terror hört im ganzen Land nicht auf, scheint noch weiter zuzunehmen, wird aber immer bizarrer.

    Die Berliner Morgenpost macht unterdessen Werbung für AfD-Demo, und das ZDF weiß zu allem, was es über Compact und Kopp zusammengetragen hat, doch nur: “Selber Lügenpresse!” zu sagen, ohne daß es sich deshalb im Spiegel auch etwas erkennen würde; läßt dazu Experten Kausalketten vortragen wie diese: “Andere Verschwörungstheorien sind dann ganz direkt gefährlich, weil sie einen rassistischen oder antisemitischen Teil enthalten, der also ganz, ganz schnell dann eben auch in Fremdenfeindlichkeit oder sogar Gewalt umschlagen kann.”

    Was ich anderswo schon schrieb: Sie brennen, sie schlagen und sie drohen für die Nation, sie werden das auch diese und nächste Woche wieder tun, und wieder werden sie vielerorts von Staatsgewalt und Institutionen gedeckt oder begünstigt werden – haltet weiter die Augen auf, stellt euch ihnen entgegen, wo ihr könnt, helft den Betroffenen, tut euch zusammen! Hört nicht auf!

    Weil so oft das Wichtigste nicht gesagt wird: Kommunismus

    October 29th, 2015

    Ich bin dafür, daß alle kriegen, was sie brauchen, und ich bin mir sehr sicher, daß das im Rahmen dieser Gesellschaftsordnung nicht geht, die täglich Tausende verhungern läßt, die sich das Essen nicht kaufen können, das es gibt.

    Ich bin für die Überwindung von Herrschaft, von Staat und Kapital, und für die Einrichtung einer klassenlosen, herrschaftsfreien Weltgesellschaft, in der alle ihre Bedürfnisse (nicht ihren Bedarf) anmelden und Produktion und Reproduktion gemeinsam organisieren.

    Das beginnt mit kämpferisch-kritischem, möglichst ebenbürtigem Zusammenschluß, mit der Aufklärung der Bedürfnisse und Fähigkeiten (auch und vor allem der so schlecht verstandenen Rausch und Lust), der Aufklärung über Herrschaft und ihre Ideologie, dem kollektiven Widersetzen und dem Streik, der kollektiven Aneignung der Produktionsmittel und der Abwehr oder Umgehung aller Versuche, das zu unterbinden, zu verschleppen und zu vereinnahmen.


    Klassenkampf ist nicht alles,
    aber ohne Klassenkampf ist alles nichts

    Dem steht gegenwärtig fast alles entgegen. Ideologie, die immer die eigene Herrschaft (also die Herrschaft, unter der jemand lebt oder die jemand lieber hätte) als richtig und gut setzt (als gottgewollt oder naturgegeben), muß von dieser guten Herrschaft wegblicken und die Probleme anderswo verorten, bei den als wehrlos scheinenden oder als übermächtig vorgestellten Schadensbringern, Faulen, Betrügenden, Aufmüpfigen, an denen sich ausgelassen werden kann.


    Slide aus dem “Entschwörungstheorie”-Vortrag

    Im Zusammenwirken mit der allgemeinen Konkurrenz zwischen Staaten um ausbeutbares Gebiet, Unternehmen um ihren Anteil an der Ausbeutung und auf dem Arbeitsmarkt um die Ausbeutungsplätze, erzeugt Ideologie die Distinktionen: Menschen versuchen sich von anderen abzuheben, statt sich mit ihnen zusammenzuschließen; versuchen, als etwas Besseres durchzugehen, letztlich ihre Waren und Arbeitskraft wenigstens teurer als diese anderen verkaufen zu können. Diese Distinktion erfolgt entlang unzähliger Gegenüberstellungen:

    Zusammenschluß wirkt weder automatisch der Ideologie entgegen, noch ist er einfach. Direkt neben dem Zusammenschluß, der egalisierend und selbstermächtigend wirkt, liegen all die einfacheren Abzweigungen, Ausreden, Inkonsequenzen, die alle ähnlich aussehen können, ohne jedoch auch so zu wirken. Und nur an dieser Wirkung läßt sich ablesen, ob es die wirkliche Bewegung in Richtung einer Welt, in der alle kriegen, was sie brauchen, ist: wenn also (in der Tendenz) die Distinktionen überwunden und der Ideologie die Grundlage entzogen wird.

    Wer sich in egalisierender und selbstermächtigender Weise zusammenschließt, muß sich seine Gegner nicht mehr einbilden und als Feinde vorstellen – er wird sich ihnen direkt gegenübersehen.

    Es muß immer jemand anfangen, und dieser Anfang ist aus der Herrschaftsgeschichte der letzten paartausend Jahre nicht abzuleiten; er ist immer ein Bruch mit dieser Geschichte. Dennoch sähe Herrschaft heute auch anders aus, wenn sich ihr nicht immer widersetzt und entzogen worden wäre, wenn es nicht die Versuche gegeben hätte, sie zu überwinden. Das ist in jedem Land der Welt schon häufig passiert und auch in diesem Land hier, niemals vermutlich so weitgreifend wie im März 1919. Und die schlimmste Reaktion bisher, der Nationalsozialismus, entstand als direkte Reaktion darauf, so wie in den meisten Ländern der Welt Faschismus und organisierter moderner Antisemitismus zur Niederschlagung einer Arbeiterrevolution auf den Plan traten.

    Diese Reaktion wird, solange es Herrschaft gibt, nicht wieder aus der Welt verschwinden und ihr wird sich immer gestellt werden müssen, wie auch allen anderen Formen der Reaktion (auch die größten und wichtigsten Vereinnahmungen – Sozialdemokratie, Realsozialismus, anderswo z.B. Peronismus – entstanden als Reaktion auf die revolutionäre Arbeiterbewegung und mußten sich deren Anliegen auch weiträumig zu eigen machen). Dennoch kann ihr auf Dauer der Boden nur entzogen werden, wenn wir es trotzdem versuchen – anfangen, nicht mehr das Einfache zu machen, sondern das Richtige. Trotz alledem.

    So seh ich das, und so sehen das hoffentlich noch ein paar andere.


    Wie’s ungefähr gehen könnte:
    “Kropotkin – Die kommende Revolution”

    Immer diese Anderen, die immer Anderen die Schuld geben!

    October 25th, 2015

    Während größere Teile von Regierung und Parlament noch damit beschäftigt sind, ihr Bedauern über die Realität der nun geltenden Gesetzesverschärfungen zu äußern, die sie gerade erst beschlossen und zu denen sie sich vorher jahrelang hingearbeitet haben, schicken sie den Sozi vor, der schon mal die nächsten anstehenden Maßnahmen dementiert. (Das ist einer von denen, die schon nach einem Jahr Pegida der Meinung waren, jetzt seien da und bei der AfD Grenzen überschritten, weil das Bürgertum angeblich nicht mehr mitmacht, Nicht-Integrierte den Ton angeben und jemand KZ gesagt hat.)

    Und während größere Teile der Gesellschaft sich davon erschüttert zeigen, daß die Gesellschaft so aussieht, wie sie sie eingerichtet haben, finden sie doch immer noch die anderen Parteien, die anderen Regierungen, die anderen Bevölkerungsgruppen, die anderen Staaten, aus denen das Beklagte herrührt; und sie finden den KZ-Sager, dem sie unterschieben können, was sie Nazis am liebsten sagen hören wollen, damit alles klar bleibt.

    Deutschland gut jetzt!

    October 16th, 2015

    Deutschland ist gut genug, reicht ja auch mal hin. Die Guten ins Töpfchen. Ein bißchen brennen muß es schon, sonst hilft’s nicht. Wir nehmen nur genau soviele auf, daß “nicht eine Straße weniger gebaut” wird (Bullerjahn, SPD). Wer vor Krieg, Verfolgung und Elend hierher fliehen darf, entscheidet nunmal unsere Planwirtschaft aus Sparen ( = “Haushaltskonsolidierung”), Ausverkauf ( = “neue Lösungen”) und Rassismus ( = “ob wir unsere Bevölkerung überfordern wollen”, Feußner, CDU). Sinti und Roma werden auf dem Balkan nicht verfolgt, so ist das, laßt euch das von Deutschen sagen, die wissen, wie das aussieht. Haben alle ihre Meinung gesagt, dann können CDU und SPD dafür stimmen und die Grünen sich enthalten. Und die Festung Europa nicht den Hetzern auf der Straße überlassen.

    (Bild und alle Zitate aus der Mitteldeutschen Zeitung von heute)

    Republikgeburtstag – 66 Jahre DDR-Gründung

    October 7th, 2015

    Heute vor 66 Jahren wurde der Staat gegründet, in dem ich geboren wurde und meine Kindheit verbracht habe – und den es seit 25 Jahren nicht mehr gibt.

    Seit seinem Ende haben mehr als 3 Millionen Menschen sein ehemaliges Staatsgebiet verlassen, ganze Ortschaften sind verschwunden, Tausende Betriebe wurden stillgelegt, Ausflugsziele zu Hotels privatisiert. Vielerorts sind die Abenteuerlustigen und gut Ausgebildeten zum großen Teil gegangen, und zurück blieben vor allem die Heimatverbundenen, die nicht gehen wollen, und die Ängstlichen, die anderswo keine Chance für sich sehen.

    Die anfänglichen Proteste, Besetzungen und Experimente der Umschwungszeit wurden ignoriert, geräumt und weggekauft. Die bald aufflammenden rassistischen Unruhen hingegen wurden geduldet, gefördert und in Form von Grundgesetzänderung und Flüchtlingspolitik “belohnt”. Das Wirken des Bundesgrenzschutzes hatte einen ähnlichen Effekt auf die grenznahen Gebiete wie in Bayern.

    Heute ist der Osten immer noch kinderfreundlicher und weniger religiös, doch sind ganze Landstriche in der Hand von rassistischen Gruppen, offen auftretenden Nazis und anderen aggressiv Abgehängten, deren Agieren oft von der Lokalpolitik vertuscht und von der Staatsgewalt gedeckt wird.

    In der DDR gab es Frauenvollbeschäftigung, polytechnischen Unterricht für fast alle, legale Abtreibung und das kommunistische Glücksversprechen, daß eines Tages alle kriegen, was sie brauchen, daß “rings der Mensch die Bruderhand dem Menschen reicht, trotz alledem; und es gab zu wenig öffentlich politischen Raum, zu viele Nazis, zu wenig Arbeiterkontrolle über die Produktion, zu viel Partei, zu wenig Vietcong und zu viel Arafat. Wie in vielen Ländern der Welt wurde es um 1970 herum schon mal viel besser, und das aufregendste und hoffnungsvollste Jahr der DDR war sicherlich ihr letztes – in den Worten von Daniela Dahn hörte die DDR auf, als sie gerade anfing, Spaß zu machen.

    Vor drei Jahren war ich in der Nacht zum 7. Oktober auf einer Geburtstagsparty und wurde gebeten, um Mitternacht ein passendes Youtube-Stück zum Republikgeburtstag anzumachen – also spielte ich “Da sind wir aber immer noch” vom Oktoberklub. Ein griechischer Partygast sah die Fahne auf dem Bildschirm und insistierte nun, daß die DDR doch ganz furchtbar war. Ich überlegte, wie ich so kurz wie möglich darauf antworten konnte, und entschied mich für: “Heute ist es Scheiße ohne Grund, damals war es Scheiße mit Grund.”


    Die inoffizielle Nationalhymne


    Tja – Stalin-Verehrer Hans-Jürgen Westphal hält die Fahne hoch


    Und es geht noch viel grenzwertiger: Singegruppe der Grenztruppen


    Ganz gute Zusammenfassung


    Und noch was halbwegs Vertretbares zum Schluß

    Was Deutsche so wissen

    October 5th, 2015

    Der Inlandsgeheimdienst: Keine Linie bei den Nazis.

    Die Leserbriefschreiberin (MZ): Facharbeitskräfte streiken nicht.

    Der Bauchdichter (Botho Strauß im “Spiegel”): Lieber alleine aussterben als Flüchtende aufnehmen.

    Noch etwas Bonus-Strauß: Er meint außerdem, die nationale Überlieferung “besteht im Übrigen jenseits von Fürstenstaat, Nation, Reichsgründung, Weltkrieg und Vernichtungslager, nichts davon ist in ihr ein- oder vorgegeben, weder Heil noch Unheil trägt sie in sich, um es auszutragen. Zum Missbrauch kann so gut wie alles dienen”. Weltkrieg und Vernichtungslager – zum Mißbrauch kann einfach alles dienen!

    Und: “Nun, was kann den deutschen Besseres passieren, als in ihrem Land eine kräftige Minderheit zu werden? Oft bringt erst eine intolerante Fremdherrschaft ein Volk zur Selbstbesinnung.” Das haben die Menschen, die vor Krieg und Elend hierher fliehen also vor: eine intolerante Fremdherrschaft errichten! Aber ach – sogar das wäre für Straußens Deutsche gut…

    Nach dem kurzen Sommer der Liebe: Schweineherbst

    September 25th, 2015

    Was bisher geschah: nachdem ein totes Mädchen mit seiner toten Katze im Arm, eingewickelt in eine EU- und Deutschland-Fahne, am Strand von Mallorca angespült wurde und man in seiner Hand ein Foto von Merkel fand, brechen alle Dämme und die Bundeswehr marschiert in Ungarn ein.

    Dann: der Kater. Flüchtende vorübergehend aufzunehmen und in Zelte zu stecken – das können Deutsche nur im äußersten Überschwang, auf den der Kater (abschrecken, einsperren, zusammenscheißen, belehren, germansplaining) folgen muß.


    oben: “Spiegel”-Titelgeschichte letzte Woche,
    unten: Titelseite der Wochenzeitung “Junge Freiheit” letzte Woche
    (ja, die Zeitung, die keine Nazizeitung sein will)

    Nun warnt die “Spiegel”-Titelgeschichte dieser Woche entsprechend wieder im wohlvertraut-irren Ton: “Die Flüchtlinge haben das Potential, den Kontinent zu sprengen.”

    Und also wird die alte neue Linie grundiert: “Merkels Wandlung ist so gesehen auch eine Geschichte über den Unterschied zwischen guter und richtiger Politik … also zwischen einer Politik, die sich nur an Moral orientiert oder auch an ihren Folgen.”

    Wer an die Folgen denkt, kann demnach gar nicht anders als das Richtige zu tun und die kurz aufgeklappte Tür wieder zuzuschlagen und zu verrammeln. Denn: “Merkel ist klar, wie labil die Lage ist.” Nämlich so: “Einerseits brummt die deutsche Wirtschaft, die meisten Deutschen … haben keine Angst um ihren Job. Andererseits kennt Merkel die Deutschen und ihre oft irrationalen Ängste.” Das ist alles. Das ist die labile Lage. Mysteriöse, vom Himmel gefallen, irrationale Ängste, die einem aber nichts anderes übrig lassen, als ihnen nachzugeben.

    In einem ganzseitigen Extrakasten innerhalb der Titelgeschichte nennt der “Chef der Jungen Union”, dessen Eltern mit ihm aus Polen flohen, deren Fluchtgründe: “Wir sind gegangen, weil meine Eltern die politischen Unruhen, die sozialistische Gleichmacherei und die grassierende Korruption nicht ertragen haben.” Und dann – Schlaraffenland: “Seit meiner Ankunft hat mit unser Staat unschätzbar viel geschenkt…” Unser Staat! Wie früher! Aber er stimmt dennoch überraschenderweise seiner Kanzlerin zu: “Aber ich stimme Angela Merkel zu, dass wir nicht alle aufnehmen können, vor allem nicht Wirtschaftsflüchtlinge. Das fällt mir nicht leicht, denn meine Eltern…” Ja, das ist sicher sehr schwer für ihn!

    Und Merkel hat es unterdessen auch nicht leicht, wie offenbar an vielen in ihrem Staatsvolk nagt es auch an ihr: “…es sei ihr doch nahegegangen, in der Griechenlandkrise als Wiedergängerin der Nazis dargestellt zu werden.” Nun mußten sie (und ihr Volk) solange Herz simulieren, bis sie nicht mehr so dargestellt wurden. Bzw. bis sie sich von der durch Privatisierung, Sicherheitspolitik und Rassismus hergestellten Lage “zwingen” lassen konnten:

    «De Maizière erklärt, wie er sich die Hilfe des Bundes für die Länder vorstellt. 40000 neue Plätze werde man bereitstellen. Aber als er anfängt, leer stehende Polizei- und Bundeswehrkasernen aufzulisten, antworten die Ministerpräsidenten: “Sind schon voll belegt.”»

    Aber alles halb so schlimm – für Deutschland:

    «Es spricht vieles dafür, dass am Ende ein kleiner, hässlicher Kompromiss stehen wird. Er wird Stacheldrahtzäune umfassen, Registrierungszentren an den europäischen Außengrenzen, Geld für Länder wie den Libanon und die Türkei, damit sie Flüchtlinge am Weiterreisen hindern.»

    Der deutsche Kompromiß – häßlich, aber zumindest klein.

    Haltet die Maschine!

    September 23rd, 2015

    Seine Aufzählung davon, was Algorithmen alles machen, klänge “nach den Ideen eines paranoiden Verschwörungstheoretikers”, schreibt Enno Park in der Jungle World (“Unterm Zahlenkommando”), und auch wenn weder Pathologisierung noch Typisierung meine Art von Ideologiekritik sind, mag ich mal patzig fragen: Warum nur?

    «Sie bestimmen, welche Bücher uns Amazon als Empfehlung anzeigt, schlagen uns auf Netflix Serien und Filme vor, berechnen die Route im Navi unserer Autos. Sie sagen uns, mit welcher Busverbindung wir pünktlich ans Ziel kommen, entscheiden darüber, wie schnell die nächste Ampel auf rot schaltet und ob wir einen Kredit gewährt bekommen. Sie errechnen unsere Schufa-Auskunft, entscheiden mit, ob unser nächster Vermieter uns in die innere Wahl nimmt und wie hoch unsere monatliche Rate für eine Versicherung ausfällt. Sie fordern uns auf, uns mehr zu bewegen, während sie global in Bruchteilen von Sekunden mit Aktien und Derivaten handeln. Auf unseren Smartphones zeigen sie uns eigens für uns ausgewählt das örtliche Wetter, Kinoprogramm und ein paar Nachrichten. Sie sortieren Spam aus unseren E-Mail-Eingängen, entscheiden darüber, was Facebook uns an Neuigkeiten anzeigt und sagen der Polizei, in welchen Gegenden sie vermehrt Streife fahren sollte.»

    Den Algorithmen unterstellt er mit den von mir hervorgehobenen Verben und Wendungen lauter intentionales Handeln, so daß diese Intention nicht mehr vom Programmierer oder von dessen Auftraggeber oder Chef kommt.

    Das zieht sich durch den ganzen Artikel – Auffassungen und Ideologie derer, die die Algorithmen beauftragen und erstellen, werden heruntergespielt oder ausgeblendet; es liegt alles an den Algorithmen. Ein Algorithmus “ging davon aus, dass eine Person mit Doktortitel männlich sein müsse”; bei einem anderen könnte es “durchaus sein, dass es beispielsweise nach Hautfarbe diskriminiert, ohne dass die Entwickler das beabsichtigt hätten.” Huch! Bei der Kreditvergabe kann es aber auch “gerechter zugehen, wenn Algorithmen bestimmte Entscheidungen fällen”. (Lies: Wenn diejenigen, die sie beauftragen, entwerfen und erstellen, ihre Entscheidungen erfolgreich als die des Algorithmus ausgeben können und ihre Kundschaft nebst Presse an den gerechten Kredit und den gerechten Tausch glaubt.)

    Und bei Menschen gibt’s eben Neigungen: sie “tendieren” dazu, “einfach zu glauben, was ein Computer anzeigt” (im Unterschied etwa zum gesprochenen und gedruckten Wort, dem niemand glaubt) und auch dazu, “in Mustern und Phänomenen Bedeutungen zu sehen” – das sollten sie sich wirklich endlich mal abgewöhnen!

    Sonst werden sie nämlich “mit zunehmender Automatisierung eingespart”. (Lies: Ein Unternehmen feuert sie aufgrund seiner Kalkulation und schiebt das erfolgreich auf die Automatisierung.)

    Und so endet denn der Artikel auch mit dem eindringlichen Appell: “Ein Computer kann uns mit Leichtigkeit schachmatt setzen. Aber nur, wenn wir nach seinen Regeln spielen.” Ein von Menschen gebauter und programmierter Computer kann uns beim Menschenspiel Schach besiegen, wenn wir es nach seinen Regeln spielen? Hä?

    Nein, anders: Nur wenn wir den Computer nicht nach seinen Regeln spielen lassen, können wir seine Diskriminierungen vermeiden und für gerechte Kreditvergabe sorgen!

    Enno Park – du hast dem Kampf gegen Skynet einen Bärendienst erwiesen.

    Auftritte im Herbst

    September 21st, 2015
  • Sa, 03.10.2015, Speyer, Eck-Punkt: Lounge against the machine – Auflegen gegen Deutschland
  • Mi, 04.11.2015, Berlin, HU: Buchvorstellung & Aufwiegelung “Sin Patrón – Arbeiten ohne Chefs”
  • Fr, 20.11.2015, Kassel, AZ: Konzert mit Björn Peng (FB-Event)
  • Sa, 21.11.2015, Siegen, VEB: Konzert mit Björn Peng (FB-Event)
  • Sa, 28.11.2015, Hannover: Workshop Entschwörungstheorie
  • “Sin Patrón” stelle ich vermutlich auch in München, Nürnberg und Bamberg vor, ansonsten sind noch ein Leseabend in München, Diverses in Würzburg und Umgebung, Freakout nach Wahl in Landau, Entschwörung in Flensburg und Beihilfe zu gemeinschaftlich begangenem Hegelseminar in Freiburg in der Planung.

    Wer auch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm.

    Warum Betriebe besetzen?

    September 14th, 2015

    Ich habe für den “Freitag” einen Artikel über instandbesetzte Betriebe geschrieben:

    «Es mag verwegen anmuten, mit Blick auf das heutige Deutschland an Arbeiterselbstverwaltung und Klassenkampf zu denken. Doch der zuletzt geschürte Hass auf Arbeitskämpfe und Streiks wie bei der Bahn, das Erstarken von Rassismus und Antisemitismus verlangen eine Antwort. Hass und Ideologie blühen so lange, wie Menschen sich nicht als Ebenbürtige behandeln, das ist die Überzeugung hinter den Instandbesetzungen in Argentinien und anderswo.»

    Ohne Chef zur Straßenblockade

    Der 11. September 2001 & einige seiner Folgen um mich herum

    September 11th, 2015

    Heute vor 14 Jahren steuerten islamistische Suicide Attackers vollbesetzte Passagierflugzeuge in militärische und zivile Repräsentationsgebäude der USA und töteten dabei mehr als 3000 Menschen. Ihre Motive waren von zwei der wichtigsten modernen Ideologieformen geprägt: von Antisemitismus und religiösem Essentialismus.

    Möglich geworden waren die Anschläge weniger durch die Wahl völlig neuer Mittel – schon 1909 hatten russische Sozialrevolutionäre versucht, das Winterpalais des Zaren in St. Petersburg mit einem sprengstoffbeladenen Flugzeug anzugreifen. Ausschlaggebend war stattdessen das Verhalten der Sicherheitsorgane – die zaristische Geheimpolizei Ochrana hatte dereinst den Anschlag durch Überwachung der Flugschulen zu vereiteln vermocht, während sich im Vorfeld von 9/11 die wichtigsten zuständigen Instanzen der USA, vor allem FBI und CIA, eine harte bis feindselige Konkurrenz ums gleiche Budget lieferten, gegeneinander arbeiten und sich so die entscheidenden Informationen vorenthielten. (Dem sollte hinterher mit der Schaffung von Homeland Security als Dachorganisation begegnet werden, was aber nur eine weitere Instanz ins Feld der zahlreichen Sicherheitsbehörden der USA brachte.)

    Nach den Anschlägen entwickelten massenweise Menschen, die ich kannte oder denen ich begegnete, aber auch große der Teile der Öffentlichkeit intensiven Antiamerikanismus (bzw. noch intensiveren als zuvor schon), der nur wenig mit den realen außenpolitischen Verbrechen der USA nach dem Zweiten Weltkrieg zu tun hatte, sondern vielmehr Risse im Weltbild kitten sollte und entsprechend immer mehr auch verschwörungsideologisch aufgeladen war. Vorübergehend teilte ich einige dieser Auffassungen, gerade unter dem Eindruck der anfänglich herumposaunten “bedingungslosen Solidarität mit den USA” (Kanzlerwort) und der dortigen autoritären Verschärfung.


    Stimmt immer noch zur Hälfte, auch wenn sie später fast nur noch Scheiße erzählt haben

    Je länger ich meinen Mitmenschen jedoch zuhörte, desto mehr fielen mir die ideologischen Bedürfnisse auf, die USA und ihr politisches Personal noch extra anzuschmieren und zu dämonisieren, gleichzeitig Deutschland in Gegenwart und Vergangenheit reinzuwaschen, erschreckend häufig erweitert um antisemitische Spitzen besonders gegen Israel.

    Als Konsequenz überdachte ich meine Position gründlich und hielt nun diejenigen naheliegenderweise für Verbündete, die sich ebenfalls gegen Antiamerikanismus, Antisemitismus und die deutsche Schuldabwehr wandten – die erste mir bekannte Fraktion der Antideutschen. Wie diese ging ich viel zu lange der antifaschistischen Rhetorik der US-Regierung auf den Leim. Ich hätte wissen können, daß sie erst anfing, diese ständig aus dem Topf zu ziehen, als sie nicht mehr ihre eigenen Faschisten gegen den Kommunismus unterstützen mußte (wie vor allem in Lateinamerika, etwa am 11. September 1973, aber auch vielerorts anderswo) – in der Apologie mußte nun überall Faschismus gegen Antifaschismus stehen (ein bißchen wie einst bei Trotzki). Dennoch haben die USA im Irak ein faschistisches Regime gestürzt, und Teile ihrer Regierung sahen das auch so, aber das war und ist keine konsistente Linie und ist letztlich auch anders gemeint.

    Die deutsche Linke und die ansprechbare deutsche Öffentlichkeit in ihrer Ideologieproduktion herauszufordern und zu provozieren, war solange eine erfolgreiche Strategie, wie sie noch nicht in den Betrieb integriert war und wie sie mit einer kommunistischen Perspektive verbunden blieb. Je mehr sie sich aber landläufigem Islam- und Linkenbashing annäherte und zur herrschaftsbejahenden Routine wurde, desto mehr wurde das Bekenntnis zum Kommunismus hohl oder fiel ganz weg. Immer vollständiger wurde die Geschichte erfolgreicher Revolten und Revolutionen verdrängt, bis nur noch Ohnmachtserklärungen und moralische Ermahnungen übrig blieben.

    Ich habe mich im Laufe der Jahre immer weiter von dieser Fraktion entfernt und teile nicht ihre zwanghafte Verteidigung des jeweiligen Sowjetunion-Ersatzes, nicht den Eifer gegen jeden der gegenwärtig viel zu spärlichen Auflehnungsversuche und nicht den Doppelstandard gegenüber dem Islam und seinen Gläubigen. Meiner diesbezüglichen Kritik und meiner wachsenden politischen Abweichung wurde mit Feindseligkeit und Verleumdung begegnet, mein Lernprozeß wurde als Opportunismus hingestellt. Eine kleine Zahl anderer hat aber einen ähnlichen Prozeß durchlaufen, will keine weiteren Ausreden zur praktischen Selbstbeschränkung und will sich nicht der möglicherweise entscheidenden Handlungsfähigkeit berauben.

    Es ist höchste Zeit, sich wieder darauf zu besinnen, wo die Ideologie herkommt und was ihr entgegenwirkt – der Zusammenschluß gegen die Herrschaft, gegen Staat und Kapital, die kollektive Übernahme der Produktionsmittel und die Selbstorganisation alles Nötigen, um sich umeinander zu kümmern. Der Kampf gegen alle, die das auf unterschiedliche Weise verhindern wollen, wird stets nötig sein, aber er darf nicht ersetzen, das zu tun, was immer endlich zu tun ist.

    2MWW4N64EB9P