Der dumme rassistische Pöbel

July 29th, 2015

(Posting ist eine Zusammenfassung mehrerer Facebook-Kommentare)

Die Wendung gegen die (vermeintlich) mangelhafte Bildung bei rassistisch denkenden Menschen finde ich als Argument und sprachliche Figur immer nicht so glücklich, weil es die Abwertung, die sie äußern, lediglich mit einer anderen Abwertung beantwortet.

Es geht mindestens genauso viel Bedrohung von denen aus, die ihren Rassismus besser verbrämen und sich gut ausdrücken können oder ihn kurzerhand zur Staatsdoktrin machen – die Leute, die Frontex organisieren und die gesetzlich regeln, daß von außerhalb der EU niemand in der EU Asyl beantragen kann, sind alle halbwegs gebildet.

Menschen können ohne jede Schulbildung entscheiden, wogegen sie sich in welcher Weise zusammentun und zur Wehr setzen, und gegen Bürgerkriegsflüchtlinge vorzugehen, die vom Staat bereits in Lagern zusammengepfercht werden, ist eben nicht hauptsächlich dumm oder ungebildet, sondern eine rassistische Wendung gegen Menschen, an denen man sich (meist staatlicherseits bis zu einem gewissen Punkt geduldet) auslassen kann.

Umgekehrt geht Rassismus nicht weg, weil Menschen zum Gymnasium gehen – die dort ausgebrütete deutsche “Mittelschicht” ist ein Hort jeglichen Ressentiments gegen Arme, Schwache, Faule, Kranke, Verrückte, die alle irgendwie selber schuld sind und sich nicht helfen lassen, während man selbst gerade wegen der hervorragenden Bildung, hohen Sensibilität und des vom Rest der Welt nicht verstandenen Weltschmerzes gar nicht rassistisch sein kann, sondern eben nur wirklich klüger, besser ausgebildet und zu Recht erfolgreicher ist als der Pöbel.

Noch nicht angerissen dabei ist, wie Bildung selbst von lauter Ausschlüssen umgeben ist, die vielen, die Zugang zu ihr haben, entweder nicht bewußt sind oder die sie wieder naturalisieren: Talent muß gefördert werden, kommende Eliten dürfen nicht von geringem Lernniveau behindert werden, manche Menschen sind eben einfach von Natur aus arm…

In dieser kleinen Tabelle hatte ich zuletzt schon mal aufgeführt, wie sich die Abwertung gegen die Dummen und Ungebildeten in die übrigen Abwertungen einreiht und wie sie alle eben Abwertungen im Wortsinne sind – Versuche, selbst als was Besseres durchzugehen bzw. sich als was Besseres vorzukommen, um letztlich seine eigenen Waren oder seine Arbeitskraft teurer oder überhaupt verkaufen zu können:


Die Spaltungen der Klasse

(Zu Abwertung und Abgrenzung siehe auch: Nicht mitspielen! und Es muß immer jemand anfangen)

Please enjoy and taste many Japanese products!

July 18th, 2015

Australischer Wrestler & Crossdresser tut sich mit einer Art “Babymetal”-Fortsetzung zusammen. Abgesehen davon, daß das klatscht wie Keks – was ist da zu sehen? Im Stahlbad zerschmolzene oder über Bande umso mehr befestigte Geschlechterrollen? Völlige Kapitulation vorm Warenkonsum oder Freiheit durch Overperformance? Verrückteste Künstlichkeit oder falsche Abstraktion? Explosion der Kombinationen oder Hohldrehen des Ewiggleichen? Kulturantiimperialismus oder innerimperialistische Kulturkonkurrenz? Wiederbelebungsversuch für die japanische Tourismusindustrie oder Pinkwashing der postfaschistischen Gesellschaft? Außerdem: rote Halstücher und einblendbare englische Untertitel.

Es muß immer jemand anfangen

July 17th, 2015

Die Haltung, das Schlimmste zu verhindern, bevor und damit Richtiges passieren kann, führt angesichts von immer schlimmerem Schlimmem in immer schrillere moralische Anklagen, in denen Abgrenzung und Abwertung gegen Abgrenzung und Abwertung gesetzt werden (je nach Thema und Personenkreis: Sexismus gegen rechts und oben, Unterschichtengebashe gegen Rassismus, selbst Angelesenes gegen Nicht-Gelerntes, Behindertenfeindlichkeit und Pathologisierung in so ziemlich alle Richtungen).

Dabei ändert die Gesamtlage und die (eh kaum noch sinnvoll zu leistende) Prognose kaum etwas daran, daß immer alles getan werden muß, was getan werden kann: daß immer aller Widerstand, alle Hilfe und Solidarisierung geleistet werden müssen, daß immer alles noch besser verstanden und erklärt werden muß, aller sinnvoller Zusammenschluß passieren, alle nötige Trennung vorgenommen und alle irgend praktikable Aneignung gestartet werden muß. Die Grenze bilden die Kapazitäten – alles andere ist doch Ausrede.

Also: anfangen, weitermachen, nicht aufhören! Von alleine wird’s bloß immer noch schlimmer.

Nicht mitspielen!

July 12th, 2015

Anderswo kommentierte ich auf die Frage nach einer angemessenen Reaktion auf die gegenwärtigen Äußerungen von Nationalismus und besonders Rassismus gegen Griechenland (und gegen Flüchtende):

ich versuch’s mal zu beantworten, weil es doch Gründe hat und vom Mitschimpfen nicht weggeht: in dieser Liste äußert sich m.E. Rassismus, der die nicht mehr selbsterklärende Nation vorwärtsverteidigt und in dem die üblichen Abwertungen und Abgrenzungen, die sonst binnengesellschaftlich gegen die “zu armen” und “zu reichen” Mitbewerber in der Konkurrenz um den gesellschaftlichen Reichtum (also vor allem die “Ausbeutungsplätze”) gerichtet sind, nach außen geschleudert werden – und dagegen hilft m.E., wie gegen Ideologie insgesamt, zuallererst Klassenkampf bzw. die Anstiftung dazu, begleitet von einer Perspektive auf die Überwindung dieser Ordnung von Konkurrenz und Ausbeutung, die solcherlei Ideologie zusammen mit dem ganzen vermeidbaren Leid auf der Welt produziert (Moralisieren, Skandalisieren, Pathologisieren usw. spielt das Spiel von Abwertung und Abgrenzung eher mit, kann allenfalls manchmal taktisch helfen, meist aber nichtmal das)

Das heißt, gegen die akuten Auswirkungen muß protestiert und sich, so gut es eben geht, gewehrt werden, gegen die Ursachen richtet aber nichts aus, wer das Spiel einfach in anderer Rolle mitspielt – dieses Spiel muß, so gut es eben geht, aufgekündigt werden und andere müssen dazu ermutigt werden, das auch zu tun.


Standbild aus “Nazion”

Bildinterpretation

July 10th, 2015

Aufgaben:

1. Nenne mindestens zwei historische Bilder, auf die in dieser Karikatur aus der Mitteldeutschen Zeitung von heute angespielt wird!
2. Versuche, diese Bilder mit dem Tagesgeschehen zu verbinden!
3. Welche Formen von Ideologie bildet der Zeichner ab?
4. Gründe oder unterstütze eine kollektive Aneignungsbewegung, die diesen Ideologieformen die Grundlage entzieht!

Wo die Nazis herkommen

July 4th, 2015

Weil ich’s zuletzt öfter mal erwähnt habe und es niemand kannte: in der englischsprachigen Wikipedia gibt es diese höchst vielsagende Übersicht über bekannte Mitglieder der Freikorps, die auch zeigt, was später aus ihnen geworden ist – Himmler, Hoess, Heydrich, Röhm, große Teile der Nazi-Elite. Sie wurden Nazis, als sie im Auftrag der SPD-Parteiführung die Arbeiterrevolution zusammenschossen – so ging das mal los damit. Oder noch kürzer: “die” gab’s und gibt’s wegen und gegen “uns”. (Und ähnlich lief’s in fast jedem anderen Land: die Faschisten kamen oder wurden gerufen, um die Revolution niederzuschlagen.)

List of Freikorps members.

Nachrichten aus Sachsen-Anhalt (4)

July 3rd, 2015

Unter der Überschrift “Verzweifeltes Warten auf Post” schildert die Mitteldeutsche Zeitung heute auf ihrer Titelseite das ergreifende Schicksal des Wasserversorgungsunternehmens Midewa und vor allem von dessen Monteuren, die nun wegen des Poststreiks manchmal Leuten nicht das Wasser abstellen können:

Lernziel

June 30th, 2015

Für jene, die als Reaktion auf Tröglitz, Freital und Meißen (und auch bei anderer Gelegenheit) schrieben, die Menschen hätten aus den frühen 90ern “nichts gelernt”: damals ist im Anschluß an tödliche rassistische Unruhen das Asylrecht bereits massiv verstümmelt worden, und auch jetzt kann der empörte und besorgte Bürger “lernen”, daß sich was bewegen läßt in der Demokratie:

Wo der Aufstand anfängt

June 28th, 2015

«Nein, es ist nicht feministisch, in einer Beziehung sämtliche Care-Arbeit von Frauen verrichten zu lassen. Oder ständig zu verlangen, als sorgender Vater und Hausmann tagtäglich gelobt zu werden für eine Sache, die für Frauen als Selbstverständlichkeit gilt. Oder Druck, Eifersucht und Stalking-Verhalten damit zu rechtfertigen, dass man ja so ein ganz besonders empfindsamer feministischer Mann sei.”»

Schlotte Kamuffel: Können Männer Feministen sein?

Zu sinnlos gescheitert

June 9th, 2015

Neueste kommunistische Jugendliteratur

Ich wurde gebeten, das Büchlein “Vom Sinn des Scheiterns” von Lena Hofhansl als “Drogenroman” zu besprechen und kann dem teilweise nachkommen. Zur literarischen Besprechung fühle ich mich nicht berufen, verweise auf meine wiederholten Erklärungen, daß mich die meiste Belletristik einfach langweilt – formal zu konventionell, zu vorhersehbar, zu einfache Identifikationsangebote, zu wenig Hip Hop, zu wenig Samples, zu wenig Brüche, zu wenig Verwirrung, zu wenig Technik und Logik und Experiment und solche Sachen.

Das gilt nun leider für den vorliegenden Text ganz ähnlich, so daß ich da vielleicht manche Nuancen auch nicht wahrnehme – ob nun diese Art von Namedropping (“Jeder sollte ein bißchen Pink Floyd hören” … “So wie Eminem”), Referenzen und Posen (“Soll ich dir mal zeigen, wie das aussieht? Der perfekte Blowjob?”) besonders plump oder filigran ist, ob das Buch als Jugendroman besonders gut funktioniert oder nicht, ob die Sprache, die Inhalte und die Beziehungsprobleme zeitgemäß und aus dem Leben gegriffen sind (“Dabei ist das Alternative doch das neue Massentaugliche”), die Darstellung im Rahmen der Form gelungen oder die Form clever ausgenutzt ist, weiß ich einfach nicht zu sagen, kann ich schlecht beurteilen.


Zum Buch auf der Seite von GegenKultur

Zu dem Teil mit den Rauschmitteln kann ich mehr sagen. Zuallererst, daß der Rausch, der hier vorgestellt wird und um den’s geht, so gut wie nur aus den Drogen kommt und auch insoweit fast vollständig verdinglicht ist, daß er entweder als Betäubung oder Kompensation funktioniert, die Drogen sozusagen nur als Betäubungsmittel benutzt werden, die Logik des BtmG von der Seite der Rechtssubjekte nachgebildet wird: Ja, seht her, wir machen das wirklich bloß, um uns zu betäuben – “Wie soll man die Scheiße denn sonst aushalten?”

Das ist ja auch fraglos ein gewichtiger Teil der Sache und spielt offenbar in der geschilderten Lebenswirklichkeit eine große Rolle. Aber die Frage stellt sich, warum es dort so vollständig so aussieht, warum der Rausch dort so vollständig in seiner Warenform aufgeht: “Um unsere Gefühle ausdrücken zu können, brauchen wir fünf Longdrinks oder zwei Teile.” Und da hab ich das nächste Problem: daß das irgendwie nicht meine Welt ist und sie mir durch diesen Text auch nicht nähergebracht wird. Diese Welt von unterschiedlich sehr wohlhabenden weißen, größtenteils gesunden Deutschen in und um Stuttgart, die hauptsächlich in Stuttgart sind, über Stuttgart reden und nachdenken, mit Menschen aus Stuttgart zu tun haben und Stuttgarter Probleme haben, die vermutlich fast alle Menschen auf der Welt lieber hätten als ihre eigenen. Der sympathische Teil des Plots, die kriminellen Umverteilungsaktionen, kommen größtenteils Einrichtungen in und um Stuttgart zugute.


Trailer zum Buch

Die Perspektive, den Rausch so komplett auf Ware, Betäubung und Kompensation runterzubrechen, zeigt sich auch deutlich in der konkreten Schilderung des Drogenrauschs an verschiedenen Stellen – nirgendwo ist der Eindruck zu gewinnen, daß sich da mal mehr Gedanken drüber gemacht wurde, was da passiert in Nerven und Körper; es kommt die Idee nicht auf, es beim Rausch mit etwas Erlernbarem, Erkundbaren zu tun zu haben (bzw. bleibt das eben als “Indianer”-Sache exotiert), und an manchen Stellen liest es sich so erfahrungsfern oder minderinformiert wie bei der BzgA.

Wenn es etwa heißt, daß MDMA “langsam die Serotoninschleusen im Gehirn” öffnet, deutet das auf einen recht gedankenlosen und eben auch sehr warenförmigen Gebrauch hin – auf der Empfindungsoberfläche nachvollziehbar, aber es fehlt der ganze Teil, wie diese Substanz “über Bande” wirkt, wie die Wiederaufnahmehemmung das Gehirn auf Vorfreude schaltet, wie also die Schleusen immer noch selbst geöffnet und das Serotonin immer noch selbst ausgeschüttet werden muß usw.

Nur bei der geschilderten Bulimie blitzt mal der Rausch auf, den der Körper selbst macht und sich selbst verschafft – wenn auch vermittelt über Nahrung, Selbstbelohnung/bestrafung und Zwangsverhalten schon als abhängiger, eingeklemmter Rausch.

Zum Drogenhandel und zur Arbeitswelt im Buch: die meisten können sich (in Stuttgart) offenbar schon mindestens ein bißchen aussuchen, wie sie sich ausbeuten (und dafür ausbilden) lassen wollen, und die Protagonistin Alice funktioniert schon als besonders arm, nicht weil sie arbeitslos ist, sondern weil sie eher prekäre Scheißjobs machen und sich noch um andere Leute kümmern muß – die Entfernung vom Rest der Welt ist wie gesagt recht groß. Die Problematisierung etwa bestimmter Eintritts- und Getränkepreise ist von außerhalb (für mich) nur schwer nachzuvollziehen.

Alice hat zwei, drei gute Stellen, in denen sie die Erwartung bricht (“Ich liebe dich, Alice.” – “Du schmeckst nach Kotzesuppe.”) – das rastet aber schon über die Kürze des Textes eher zur Masche ein.

So deprimierend die Enge der erzählten Perspektive, gerade im Verhältnis zu den offenbar zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, schon ist, so ernüchternd funktionieren auch die eingestreuten GSP-Erklärpassagen, die zwar immerhin und erstaunlicherweise einmal in ein Plädoyer für Arbeitsverweigerung, Streik und Zusammenschluß münden, gerade damit aber seltsam neben der Handlung und den Personen im Buch herumstehen.

Schade insgesamt.


Lesung mit der Autorin

Auftritte im Juni & Juli

June 3rd, 2015
  • Do, 04.06.2015, Halle, VL, 18 Uhr: Buchvorstellung & Aufwiegelung “Sin Patrón” zu den instandbesetzten Betrieben in Argentinien (Ankündigung)
  • Do, 18.06.2015, Greifswald, IKUWO, 20 Uhr: Vortrag Entschwörungstheorie
  • Sa, 20.06.2015, Potsdam, Spartacus, ab 20 Uhr: Vortrag “Der kommende Aufstand” – Anstiftung und Ausrede, danach Breakbox-Aftershow (FB-Event)
  • Di, 30.06.2015, Frankfurt/Main, Café Koz, 18 Uhr: “Die große Klimaverschwörung? Verschwörungstheorien und Klimawandel” (mit Johannes Klaffke) (FB-Event)
  • Do, 15.07.2015, Würzburg, Kult, 20 Uhr: Buchvorstellung & Aufwiegelung “Sin Patrón – Herrenlos. Arbeiten ohne Chefs” (FB-Event)
  • Mi, 22.07.2015, Frankfurt/Main, PEG-Wiese: Auflegen bei “Semesterabschluszsause” (FB-Event)
  • Do, 23.07.2015, Siegen, HaSi: Buchvorstellung & Aufwiegelung “Sin Patrón – Herrenlos. Arbeiten ohne Chefs” (FB-Event)
  • Eine weitere Buchvorstellung zu “Sin Patrón” gibt es eventuell in Nürnberg. Lose anberaumt sind außerdem Konzerte in Münster und Enschede. Später im Jahr gibt’s wohl noch einen gemeinsamen Lese- und Musikabend mit dem lieben Einhorn in München.

    Wer auch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm.

    Nachrichten aus Sachsen-Anhalt (3): Kiffen & Fortpflanzung

    May 27th, 2015

    Nachdem Sachsen-Anhalt zu der Überzeugung gelangt ist, daß erstens Sachsen-Anhalt heillos überfüllt ist und zweitens nicht tatenlos zugesehen werden dürfe, wie die überzähligen Fremden (und ihre verwirrten linken Freunde) Verzweiflungstaten aus der Bevölkerung zum Opfer fallen, weshalb die Fremden beschleunigt ausgewiesen werden – nachdem nun also alles klar ist und bald wieder Ruhe und Frieden in Sachsen-Anhalt einkehren werden, kann es sich Sachsen-Anhalt auch ein bißchen netter machen und mit einer heute ganzzeitig in der Mitteldeutschen Zeitung angepriesenen Cannabis-Freigabe (Foto von der ganzen Seite) Heerscharen von Künstlern und Touristen nach Sachsen-Anhalt (überfüllt) locken.

    Soweit, so bekannt – in “Leben im Rausch” schrieb ich über die 90er Jahre, daß sich die Gesellschaft damals “offenbar anders als durch die Abstinenz von Rausch zu reinigen gedachte und (…) sich schon bald, als die Grenzen wieder halbwegs dicht waren, für mehrere Jahre scheinbar zumindest dem Cannabisrausch öffnete”.

    Doch Punkt 10 der in der MZ aufgeführten Vorzüge einer Cannabis-Legalisierung für Sachsen-Anhalt geht noch weiter und malt – ungetrübt von jeglicher Debatte über Intersektionalität oder dergleichen – aus, wie das mit Fremden überfüllte Sachsen-Anhalt wieder mit Deutschen gefüllt werden könnte, wenn sie nur einfach bekifft manchmal das Kondom weglassen:

    “Sin Patrón”-Rezension: Ist das noch Kapitalismus?

    May 20th, 2015

    Bei Keinort ist eine Besprechung meiner Übersetzung von “Sin Patrón – Herrenlos. Arbeiten ohne Chefs” erschienen, die leider recht erwartbar die Gegenstandpunkt-Position zu Genossenschaften und Klassenkampf wiedergibt. Peter Schadt zitiert dort zwar zustimmend Teile meiner Kritik am Buch aus dem Vorwort, teilt aber meine Einschätzung (und auch die vieler der Beteiligten dort, deren Bewußtsein von ihrer Situation er übrigens zu unterschätzen scheint) nicht, daß zumindest die nicht von der Regierung kooptierten instandbesetzten Betriebe und Schulen einen massiven Organisierungs- und Politisierungseffekt haben, der die Frage von Sozialisierung und Sozialismus für Tausende in Argentinien wieder aufwirft.

    Überhaupt macht Schadt keinen Unterschied zwischen den Kooperativen, die sich – mehr oder weniger freiwillig – auf die Seite der Regierung geschlagen haben, und der Mehrheit der Betriebe, die an ihren Prinzipien festhalten und weder Einkommens- noch formales Machtgefälle zulassen. In den meisten fábricas recuperadas bekommen nach wie vor alle Mitglieder den gleichen “Lohn” (Anteil am Gewinn) und ebenso beschließt auch weiterhin die ständig einberufbare Vollversammlung aller Mitglieder alles für den Betrieb Relevante.

    Hier gibt es einen Unterschied zwischen Form und Inhalt, der Schadt entgangen zu sein scheint: formal sind die instandbesetzten Betriebe “Arbeiterkooperativen”, also Genossenschaften, und als solche natürlich Teil des kapitalistischen Marktes und seiner Konkurrenz. Nach innen funktionieren sie aufgrund der egalitären Prinzipien aber eher wie ein Arbeiterrat, also wie eine jener Durchgangsstationen zur allgemeinen Sozialisierung, wie sie in vielen Revolutionen, namentlich in der deutschen von 1918-23, angestrebt wurde. Das heißt: natürlich sind diese Betriebe noch kein Sozialismus, natürlich muß dort profitabel gewirtschaftet werden, und das ist den Beteiligten auch größtenteils klar, doch in der Logik des Aufstandes stellen sie mögliche Durchgänge dar, Einrichtungen der bestehenden Gesellschaft, die schon im Rahmen des Kapitalismus, so gut es geht, auf eine Weise verändert werden, das sie weitere und weitergreifende Veränderung begünstigen können.

    Insofern ist es auch besonders pikant, daß die Besprechung mit einem Zitat von Rosa Luxemburg zur Idealisierung der Produktivgenossenschaften schließt. Sie erkennt ihnen darin 1899 die mögliche Funktion ab, die die Genossenschaften 1919, schon nach Luxemburgs Tod, in der deutschen Revolution spielen sollten: im März 1919 (und zum Teil noch lange danach) wurde von Millionen von Arbeitern in Deutschland der Weg vom Massenstreik über die Sozialisierung zum Sozialismus eingeschlagen, und sie konnten letztlich nur durch mieseste Verschaukelei seitens der sozialdemokratischen Führung und den offenen Terror der Freikorps daran gehindert werden, ihn zu Ende zu gehen. Dabei spielte der Zusammenschluß und die genossenschaftliche Aneignung unter noch nicht sozialistischen Bedingungen eine zentrale Rolle.


    Literaturempfehlung zum März 1919: “Massenstreik und Schießbefehl” von Dietmar Lange

    Auch würde ich Schadts Rede von den kritischen Urteilen, “die keineswegs aus bloßem Zusammentun” folgen, die Frage entgegenhalten, woher sie denn sonst kommen, woher denn die gründliche Kritik des Bestehenden und die Grundlagen auch der Marxschen Urteile stammen, ob sie denn ohne die Klassenkämpfe, die ihnen vorausgingen und sie begleiteten, denkbar wären.

    Hier mag es einfach Unterschiede in der Einschätzung und vielleicht auch gerade in der Rezeption der Revolution 1918/19 geben, die Stellung des argentinischen Staats zu den fábricas recuperadas ist aber einfach falsch wiedergegeben. Unterschiedslos sollen sie ihm nützlich sein, er habe sie zugelassen und legalisiert. Überhaupt würden die Instandbesetzer, statt wie die Piqueteros “den Aufstand zu proben”, “Teile der Produktion und ihre eigene Reproduktion” aufrechterhalten. Wie schon erwähnt, gibt es unter den Betrieben kraß verschiedene Haltungen zur Regierung, die unermüdlich daran wirkt, die noch nicht kooptierten Betriebe zu erpressen und zu vereinnahmen, an den meisten damit aber weiterhin scheitert. Die meisten der Enteignungsgesetze sind auf regionaler Ebene zäh erstritten und befristet.

    Insofern kann von Duldung nur unter schweren Auflagen die Rede sein, die eben für die meisten Betriebe nicht hinnehmbar sind – namentlich die Abschaffung der Einkommens- und Entscheidungsgleichheit, meist die erste und wichtigste Forderung der Regierung, von den Arbeitern als Angriff auf ihre schwer erkämpfte Einigkeit abgelehnt, der sie leichter erpreßbar machen soll. Am Aufstand in Argentinien 2001/2 waren neben der Erwerbslosenbewegung der Piqueteros auch die verarmte “Mittelklasse” und auch schon Teil der Instandbesetzungs-Bewegung beteiligt – von den Piqueteros und der “Mittelklasse” ließen sich die meisten sehr schnell beschwichtigen und einkaufen, von den Betrieben sind nach wie vor die meisten renitent – und es werden mehr.

    P.S. “Was auch immer da linksradikal heißen mag…” – es heißt zum Beispiel sowas: 6000 Leute, die sich treffen und “Wir sind der Tod des Kapitals” rufen.

    Hier geht’s zur Rezension:

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    Die Nachrichten aus Sachsen-Anhalt (2)

    May 18th, 2015

    Wie bereits berichtet, ist Sachsen-Anhalt unzumutbar überfüllt – in manchen Orten sind bis zu 80% der Wohngebäude bewohnt, oft wohnen in Asylbewerberunterkünften bis zu 100% Nicht-Deutsche – und der von Medien und Politik erfaßte Teil der Bevölkerung nimmt das, anders als seine flächendeckende Enteignung und Verarmung, nicht länger hin: unmittelbar nach dem Feiertag zur Verherrlichung des männlichen Geschlechts kam es zu mindestens fünf schweren rassistischen Übergriffen, darunter einer lebensgefährlichen Körperverletzung und einem Brandanschlag. Die Polizei weiß wenigstens in einem Fall den “Auslöser”, nämlich “die Hautfarbe des Opfers”. Mancherorts wird auch gegen die bedrohlich zu Gruppen von teilweise bis zu einem Dutzend angeschwollenen sogenannten “Linken” vorgegangen, am Wochenende trafen Gullydeckel die Bitterfelder Parteibüros ihrer parlamentarischen Helfershelfer. Doch die Politik sieht nicht tatenlos zu, sie unternimmt kühne Schritte, und so kann die Mitteldeutsche Zeitung titeln: “Deutlich mehr Abschiebungen”.

    Die Nachrichten aus Sachsen-Anhalt

    May 13th, 2015

    Sachsen-Anhalt ist überfüllt und kann angesichts der steigenden Menschenflut, die hereinzuprasseln droht (10000 Asylanträge dieses Jahr, entspricht etwa einem halben Prozent der Bevölkerung), die Neuankömmlinge nur noch in Nazikäffern und in Wohncontainern unterbringen. Die um sich wuchernden Metropolen des Boom-Landes (Bevölkerungsentwicklung seit 1990: minus 20 Prozent) lassen einfach keinen Platz mehr für die ohnehin schon zu vielen Ausländer (Anteil an der Bevölkerung: 2,5 %), die einem die Arbeitsplätze wegnehmen und/oder faul auf der Tasche liegen, je nachdem.

    Streiklage: hohe Beteiligung, Ausweitung, Gegenpropaganda

    May 12th, 2015

    Die Streikbeteiligung bei der GDL hat entgegen vieler Mediendarstellungen nicht etwa ab- sondern noch mal zugenommen: “Im 138-stündigen Streik im DB-Güterverkehr sind über 50 Prozent der Züge ausgefallen. In den 127 Stunden im Personenverkehr waren es bis zu 70 Prozent im Fern- und bis zu 90 Prozent im Regionalverkehr. In dieser Woche waren beim Zugpersonal im Durchschnitt täglich mehr als 3 300 Mitglieder der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) im Ausstand. Das sind noch wesentlich mehr als bei den vorangegangenen Streiks.”

    Und wenn die Bahn sich nicht langsam mal regt, streikt auch die EVG:

    «“Nach fast einem Jahr intensiver Verhandlungen wollen unsere Mitglieder endlich ein Ergebnis, zumal ein Großteil unserer Forderungen bereits am Verhandlungstisch erfüllt wurde”, sagte EVG-Verhandlungsführerin Regina Rusch-Ziemba. Dafür gebe es noch zwei Verhandlungstermine: den 12. und den 21. Mai. “Entweder wir haben dann einen abschlussreifen Tarifvertrag auf dem Tisch liegen, oder es kracht – dann aber richtig”, sagte Rusch-Ziemba in einer für die EVG unüblich harten Tonlage.»

    Beim Magazin für Kartografik und Sozialwissenschaft “Katapult” schreibt Tim Ehlers zur abgebildeten Karte: “Wir geh’n zum Streiken in den Keller, außerhalb der Arbeitszeiten und nicht so laut. In Deutschland wird viel geschimpft. Bis die Deutschen für ihre Rechte auf die Straße gehen, kann es jedoch ein wenig dauern.” Ändert sich das gerade wenigstens mal ein bißchen?

    Das Imperium schlägt indessen zurück – für den DGB wirft sich ein Dr. Reinhard Bispinck auf “Gegenblende” ins Getümmel, schreibt “Zur Rolle der Berufs- und Spartengewerkschaften in der Tarifpolitik” und fragt nur mal so: “Ist wirklich alles Gold, was glänzt?” Darauf wurde hier bei Facebook m.E. angemessen geantwortet: “Ein Versuch die Abschlüsse von DGB Gewerkschaften besser aussehen zu lassen als die von Berufsgewerkschaften.”

    Veröffentlicht: “Sin Patrón – Herrenlos. Arbeiten ohne Chefs”

    April 4th, 2015

    Lavaca (Hg.)
    Sin Patrón, Herrenlos, Arbeiten ohne Chefs
    Instandbesetzte Betriebe in Belegschaftskontrolle
    Das argentinische Modell: besetzen, Widerstand leisten, weiterproduzieren

    Übersetzung und Einführung von Daniel Kulla

    ISBN 978-3-940865-64-9
    254 Seiten, 19 €

    Aus dem Vorwort

    Dieses Buch dokumentiert etwas Unerhörtes. Es zeigt uns Menschen, die um ihre Arbeitsplätze kämpfen, und die, während sie das tun, immer besser verstehen, was das noch alles bedeutet. Es zeigt uns, wie Belegschaften für bankrott erklärte Betriebe besetzen und als Kooperative weiterführen; wie sie es nicht als alternativlos hinnehmen, wenn der Markt etwas aufgibt.

    Und dieses Buch war selbst ein Teil dieser Entwicklung. Diego Ruarte, derzeitiger Pressesprecher der Hotel-Kooperative Bauen in der Innenstadt von Buenos Aires, erinnert sich im Interview für dieses Vorwort an die Zeit, als nach 2003 die Bewegung der Kooperativen abgeschrieben wurde und es allgemein hieß, sie würden bald wieder verschwinden. Damals propagierte die argentinische Originalfassung dieses Buchs, erstmals 2004 erschienen, die „recuperación“ – das spanische Wort, das „Genesung“ und „Wiederherstellung“ heißen kann, und das hier nun dafür steht, die Betriebe „wieder flott zu machen“, die dann entsprechend „fábricas recuperadas“ oder „empresas recuperadas“ heißen, am besten übersetzt als „instandbesetzte Betriebe“.

    Als die erste große Welle der Instandbesetzungen gerade abgeklungen war, bot das Buch einen wertvollen Überblick über die Zahl und Vielfalt der entstandenen „recuperadas“. Diego: „Es war ein großartiges Erlebnis, das Buch aufzuschlagen und die Geschichten anderer Betriebe mit ähnlichen Problemen und ähnlichen Errungenschaften zu lesen, darin befreundete Aktivisten zu entdecken, die noch dazu gut wiedergegeben waren.“ Gabriela von der Tischlerei Maderera Córdoba nennt das Buch schlicht eine „Einführung in die Organisation einer Arbeiterkooperative“ und verweist auf seine Funktion als „Telefonbuch der Bewegung“ – im Original finden sich im Anhang Kontaktdaten und Kurzbeschreibungen Dutzender Kooperativen, nach Branchen sortiert, dazu auch Links zu Praxisanlaufstellen, den Dachverbänden, relevanten Behörden und Unterstützungsstrukturen. Diese Rolle als Beispiel, Anregung und Ermutigung wünsche ich mir auch für diese Übersetzung. Und da wird es nun sicher heißen:

    Hier? Hierzulande?

    In Argentinien sind die „fábricas recuperadas“ längst bekannt und beliebt genug, dass ihr praktisches Beispiel und ihre direkte Hilfe immer wieder neue Instandbesetzungen inspirieren und unterstützen, so wie jüngst im Falle des Druckhauses RR Donnelley, dessen amerikanischer Mutterkonzern nach Abschöpfung von staatlichen Subventionen die Insolvenz erklärt hatte. Auch in Europa gibt es bereits erste Belegschaften, die dem Beispiel folgen und sich aus Argentinien Rat holen, wie etwa die griechische Baustoff-Fabrik Vio.Me, die mittlerweile auch unter dem Motto der argentinischen Bewegung firmiert: „Besetzen. Widerstand leisten. Produzieren.“

    Hierzulande scheint jedoch die Idee erst einmal vorgestellt werden zu müssen, auch wenn es mit der Fahrradkooperative StrikeBike in Nordhausen, den nach dem Kollaps von Schlecker in Eigenregie fortgeführten Filialen und den Flugzeugwerken in Speyer zumindest ähnliche Vorgänge schon gab. Es ist nötig, neben den unleugbaren Unterschieden der argentinischen Situation zur hiesigen die zahlreichen Ähnlichkeiten und Anknüpfungspunkte herauszustellen.

    Auch in Argentinien hatte am Anfang kaum jemand vor, einen Betrieb als Genossenschaft zu übernehmen, wichtig war vielmehr der Erhalt oder die Wiedergewinnung des eigenen Arbeitsplatzes. In den Worten von Claudio Valori aus dem Textilbetrieb Brukman: „Es begann mit ‚Ich verliere meinen Job‘, nicht mit der Entscheidung, Eigentümer zu enteignen“. Der Mechaniker Salvador schildert die Anfänge in der Autoteilefabrik 19 de Diciembre in San Martín, einem Vorort von Buenos Aires: „Die Leute hier waren keine Sozialisten, keine Kämpfer, sie waren nicht organisiert – sie waren einfach draußen, saßen auf der Straße. Und das erste, was sie dachten, war einfach: Lasst uns reingehen, damit wir auf die Anlagen aufpassen können und, wenn sie’s verkaufen, unseren Lohnausfall bezahlt bekommen. Es war ein langer und langsamer Prozess bis zu der Entscheidung, hier gemeinsam weiter zu arbeiten.“ Gustavo Ojeda aus der Grafikkooperative Conforti wird später im Buch mit dem Ausspruch zu lesen sein: „Für mich war das eine Metamorphose… Ich war neun Jahre lang Gewerkschaftsdelegierter und nun plötzlich hieß es, dass wir alle zu Eigentümern des Betriebs werden sollten“. Auf solche Entwicklungen und Lernprozesse kommen fast alle der Beteiligten immer wieder zu sprechen. Claudio von Brukman beschreibt es so: „Ich wurde zu einem Aktivisten durch diesen Kampf, vorher war ich’s noch nicht. Es war wie eine Reise: Ich beteiligte mich am Kampf und fand dann heraus, dass ich wohl ein Sozialist bin. Wir lernen hier immer noch jeden Tag mehr, aber nicht vorwiegend aus Büchern.“ (…)

    “Hier & jetzt!”

    Ganz Ähnliches, wie es die Arbeiter in Argentinien herausgefunden haben, ließe sich auch in Deutschland entdecken. Auch hier klaffen Selbstbild und Realität,
    oft verstärkt durch die Außenwahrnehmung, erheblich auseinander. Auch hier gibt es verklärte Vergangenheit und verkannte Gegenwart. Und auch hier werden immer wieder die falschen Antworten gegeben. (…)

    Die Niederschlagung der Arbeiterrevolution gebar die faschistischen Monster und vernichtete zugleich einen großen Teil des Widerstands, der ihnen hätte entgegengesetzt werden können. Und da wir in der hässlichen Welt der kapitalistischen Staatenkonkurrenz leben, wurde Deutschland für all diese und die ihnen folgenden Verbrechen insgesamt weit mehr belohnt als bestraft – mit Schuldenerlass und Wohlstand. Wichtigstes wirtschaftliches Resultat war jedoch die folgsame und fleißige Arbeiterklasse, welche die konkurrierenden Volkswirtschaften in den Bankrott produziert und in Krisensituationen lieber Fremde und Linke jagt als Widerstand zu leisten. (…)

    Claudio Valori von Brukman: „Die deutsche Arbeiterklasse muss sich genau anschauen, was hier passiert ist, wie jede Firma, die nicht mehr genug für die Schuldentilgung abwarf, ausgeschlachtet wurde und wie kein Geschäftsmann auch nur einen Gedanken daran verschwendete, was das für die Arbeiter bedeutet. Daher eigneten diese sich die Produktionsmittel an. Vielleicht kann die argentinische Arbeiterklasse, die einst aus Europa abgehauen ist, nun etwas zurückgeben.“

    Exemplar bestellen: “Sin Patrón” auf der Seite des Verlags der AG SPAK.

    Neuer Track “Wir streiken” mit Hintergründen, Links & Video

    March 31st, 2015

    Neues bzw. Altes oder Zeitgeschichtliches vom Lasterfahrer und mir – gewissermaßen der Soundtrack zur gerade erscheinenden Übersetzung von “Sin Patrón” und gleichzeitig Kommentar zur vielleicht größten Leerstelle in den politischen und ökonomischen Diskussionen dieser Tage, einem der großen Elefanten im Raum, über die kaum jemand redet: die Klassenkämpfe, ihr Verlauf und ihre entsprechend positiven und negativen Wirkungen. (Siehe: Neue, alte Lieder)


    Empfehlung: Vollbild, laut, Bass,
    Dauerschleife bis zum Kommunismus!

    Die erste Hälfte des Videos zeigt die DEFA-Nachempfindung (entsprechend Thälmann-zentriert) des Generalstreiks gegen den Kapp-Putsch 1920, von dem wir vor allem Hafen, Straßenbahnen und Betriebe in Hamburg sehen. An dem Generalstreik beteiligten sich jedoch Millionen in ganz Deutschland und wehrten so den ersten offen faschistischen Griff nach der Macht ab. Vor allem im Ruhrgebiet gingen sie, anknüpfend an die Streik- und Sozialisierungsbewegung von 1918/19 (dazu z.B. “Die Massen sind aber nicht zu halten gewesen”), auch zum sozialistischen Aufstand über, einem der umfangreichsten während der heute vielsagend beschwiegenen bis umgedeuteten deutschen Revolutionsperiode 1918/23.


    Rote Ruhrarmee

    In der zweiten Hälfte wechselt der Schauplatz dann nach Argentinien etwa ab Ende der 1990er, genauer zu Vorgeschichte und Verlauf der wohl größten und wichtigsten Instandbesetzung (“recuperación”) des Landes. Während die entlassenen Ölarbeiter im Nachbarort Cutrál Co keinen Betrieb mehr zu besetzen haben und Straßenblockaden (“piquetes”) veranstalten, die stark zum landesweiten Ausgreifen der (mittlerweile größtenteils zur Regierung übergelaufenen) Bewegung der Piqueteros beitragen, organisieren sich die Arbeiter im Keramikwerk Zanón in Neuquén zur Umgehung der Redeverbote im Betrieb außerhalb der Arbeitszeit bei Fußballturnieren, bilden eine eigene Vertretung, die erst die “interne Kommission” bei Zanón und dann die regionale Sektion der Staatsgewerkschaft übernimmt und streiken den Eigentümer, der den Betrieb ausschlachten wollte, in die Flucht. (Die ganze Geschichte: “The heart of the factory”)

    Am Ende besetzen sie das Werk und übernehmen es, gegen ständige Schikanen und Repression durch Provinzregierung und Alteigentümer, als Kooperative FaSinPat (“fábrica sin patrones”“Fabrik ohne Herren”), in der heute etwa 470 Mitglieder arbeiten, von denen alle weiterhin den gleichen “Lohn” bekommen und in der Vollversammlung, der höchsten Autorität im Werk, auch alle gleiches Rede- und Stimmrecht haben. FaSinPat ist das direkte Vorbild für die Instandbesetzung der Druckerei RR Donnelley (jetzt: Madygraf) in Buenos Aires letzten Sommer – und da wie dort spielen Aktivisten der PTS eine wesentliche Rolle, deren Filmgruppe Contraimagen begleitend zur recuperación der Druckerei den Dreiteiler “Marx ha vuelto” produzierte, in welchem der Bogen von Marx über das Sozialisierungsdekret der Pariser Kommune bis zur argentinischen Gegenwart geschlagen wird.

    Das Ende des Videos bildet eine Anekdote von Raúl Godoy, von Beginn an PTS-Aktivist bei Zanón/FaSinPat, dessen Tochter seine (trotzkistisch geprägten) Erzählungen von Kommunismus und Revolution zunächst für schöne Märchen hielt, bis sie durch die Instandbesetzung Zanóns zu glauben begann, daß es doch möglich ist.

    (Das Original des Songs war wiederum die B-Seite der ersten Single von Ton Steine Scherben, vorn “Macht kaputt, was euch kaputt macht”, hinten “Wir streiken”.)

    Blockupy-Nachlese

    March 22nd, 2015

    Ja, es ist zu wenig und es ist nicht Blockupy Wolfsburg o.ä.; es ist voller Folklore und Ideologie; und wenn nur der Teil gefilmt und fotografiert wurde, der eben immer gefilmt und fotografiert wird, lieferte es die Bilder, die es liefern sollte. Es war dennoch zum größten Teil ein Protest gegen eine reale Agentur der Armutsproduktion; es gibt dennoch gerade nicht so viel anderes an sichtbarem oder wirksamem sozialem Protest, besonders hierzulande; und wer ist gerade nicht zu wenig, wer ist gerade nicht voller Folklore und Ideologie? Halten nicht andere Formen von Ideologie andere sehr wirkungsvoll zuhause? – Nun werden sich also weiter im Stande allgemeiner Konterrevolution gegenseitig Selbstverständlichkeiten um die Ohren gehauen, dazu Vorwürfe und Abgrenzungen. Hier eine Handvoll Zitate, die hoffentlich ein oder zwei Gewißheiten durcheinanderbringen.

    “Erklärung von Christinnen zu der Diskussion um die Blockupy-Proteste am 18.03. in Frankfurt”:

    «Wer jetzt die Ausschreitungen am Rande von blockupy verurteilt, soll mit der gleichen Entschiedenheit gegen die Gewalt der Verhältnisse aufstehen. (…) Mit all denen, die sich einer solchen Militanz der Menschlichkeit verpflichten, werden wir auch über diejenigen sprechen, die sich dem Aktionskonsens von blockupy nicht verpflichtet sahen. Wir werden aber vor allem darüber reden müssen, was man denn noch alles tun muss, damit dieses Sterben, Morden und Ausplündern unserer Welt aufhört, für das niemand verantwortlich sein will…»

    Interview mit dem Blockupy-Aktivisten Martin Schmalzbauer im ND:

    «An unseren Blockadepunkten sagten wir deutlich, dass Aktionen außerhalb des verabredeten Aktionsbildes hier nicht erwünscht sind und wirkten darauf hin, dass sie nicht stattfinden. In meiner Gruppe war das nicht nötig. Was ich hier erlebt habe, war, dass die Polizei sofort auf uns Demonstranten eingeschlagen hat.»


    Video: Gasgranaten und die Polizeisprecherin

    Leo Fischer “Gewalt”:

    «Die deutschen Proteststandards werden also noch weiter erhöht werden müssen, damit fürs nächste Mal sichergestellt ist, dass sich die Demonstranten absolut gewaltfrei zusammenkesseln, aus Bussen zerren und ganzkörperfilzen lassen.»

    Filmpiraten – Die sozialen Unruhen bei Blockupy 2015:

    «Den Filmpiraten-Kameramann traf sogar eine gezielter Faustschlag eines Polizisten, der ihn zu Boden gehen ließ. Viele andere Medienvertreterinnen und Medienvertreter mussten auch einige Hiebe einstecken. Um so zynischer klingt die Meldung der Frankfurter Polizei, 80 Polizeibeamte seien durch ätzende Reizgase verletzt worden. Nicht verwunderlich, wenn sie dutzende Tränengas-Granaten verschießen und dann ohne Gasmaske durch die Wolke rennen.»


    Am Rande: “Bullenwagen klau’n und die Innenstadt demolier’n”

    “Wonnegrausen”-Posting zur ADAB-Kritik am Blockupy-Aufruf:

    «Bedeutet dies nun, dass ein griechischer Jürgen Elsässer und Ken Jebsen eine Regierung gebildet haben? Bedeutet dies nun, dass die Proteste in Frankfurt Ausdruck einer Querfrontbewegung sind, die schon längst Europa erfasst hat? Die so mächtig ist, dass selbst ein „kommunistisches Bündnis“ dem nicht widerstehen kann? Das könnten ja alles interessante Fragen sein, die die „Kritik“ leider nicht beantwortet.»

    Heißt leider nur, was es eben heißt

    March 12th, 2015

    Von den Leuten, die am Harzrand überall “Bock auf nationalen Sozialismus” verklebt haben, gibt es auch dieses Aufklebermotiv:

    Naziaufkleber in Halberstadt

    2MWW4N64EB9P