“Leben im Rausch” - Gliederung und Aufbau

September 1st, 2010

Parallel zum Egotronic-Buch arbeite ich schon am vermutlich etwas aufwendigeren Buch über Rausch und Drogenpolitik, das auch erst frühestens im nächsten Jahr fertig sein wird.

Was es schon gibt, ist ein klareres Bild von Aufbau und Gliederung.

“Leben im Rausch”

Im einleitenden ersten Teil soll es um die Lage der dealenden Bevölkerung gehen, um ethical dealers, Strafverfolgung, Entsolidarisierung und politische Kampagnen. Davon ausgehend will ich die Fragen des Buches aufwerfen, wie es zu dieser zugespitzten und absurden Situation gekommen ist, ob wir überhaupt mit den richtigen Begriffen hantieren und welche möglichen Konsequenzen es gibt.

Im zweite Teil geht es um die wichtigste Grundlage: den Rausch; um die zahllosen bekannten Rauschzustände des Nervensystems, in die es ohne Einnahme bestimmter Substanzen gerät; erst dann um die Entstehung und Entwicklung der spezifischen Rauschzustände, die von den Anti-Pflanzenfresser-Giften vieler Pflanzen ausgelöst wurden; schließlich um die folgenreiche Verwechslung von Rauschzustand und chemischen Folgereaktionen durch das Aufkommen der Pharmakologie.


“Wenn der Koala zum Eukalyptus- Abhängigen erzogen wird…” (Siegel: Rauschdrogen, S. 50)

Der dritte Teil beschäftigt sich mit Sucht, also zunächst mit der Vielfalt von Abhängigkeiten und Zwangsstörungen, die viele oder alle Kriterien von Sucht erfüllen, und die zum Teil erheblich stärker verbreitet sind als substanzgebundene Abhängigkeiten: Arbeitssucht, Spielsucht, Ernährungsstörungen usw. Bei den Substanz-Süchten wird es darum gehen, daß die am weitesten verbreiteten kaum als solche wahrgenommen werden (raffinierter Zucker!), und auch ansonsten Abhängigkeit von irgendeiner Substanz eher der Regelfall als die Ausnahme zu sein scheint.

Erst nach diesen Ausflügen in die schillernde Welt von Rausch und Sucht soll es im vierten Teil um Drogen gehen, um die Substanzen, die als “Rauschgift”, “Betäubungsmittel” und Gegner im “War on drugs” klassifiziert werden, und die eine sehr spezielle Position einnehmen - sowohl in ihren Wirkungen als auch in ihrer Suchtbildung (sofern sie stattfindet).

Teil 5 behandelt die Prohibition und die Verbote, mit besonderem Augenmerk auf den genuin politischen Verboten: die nationalsozialistische “Rauschgiftbekämpfung”, LSD 1966. (Hierher gehört wohl auch der Einsatz von Drogen als politische und militärische Waffe - die Entwicklung von Pervitin, MKULTRA, der CIA-Schmuggel von Heroin in die schwarzen Ghettos…)

Der letzte Teil soll sich schließlich mit dem Vorschein beschäftigen, mit bewußtem/kontrolliertem Gebrauch, mit Bewußtseinserweiterung, mit den drogengestützten Entdeckungen (die Doppelhelix, Polymerase-Kettenreaktion), mit den günstigen persönlichkeitsverändernden Wirkungen, mit den gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen all das erst für alle möglich wäre - Kommunismus.

Derzeit lese ich hauptsächlich viel zu den Themen des Buches (mit den Re-Reads bin ich so gut wie durch) und bin für Hinweise immer dankbar. Putzig ist allerdings, daß manche anzunehmen scheinen, ich würde “neuerdings” über Drogen und Rausch reden und schreiben, mich gar nur an die Mode hängen damit - dabei gibt es neben Verschwörungstheorien und Kommunismus eigentlich kaum etwas, womit ich mich in den letzten 15 Jahren vergleichbar viel beschäftigt hätte.

Hustler-Cut-up

August 31st, 2010

Aus Günther Jacob: “Agit-Pop. Schwarze Musik und weiße Hörer”, Berlin 1993.

>>Malcolm X und Karl M über Hustler

“Vor allem die Ghettojugendlichen sehen, wie sich ihre Eltern abstrampeln, ohne etwas zu erreichen, und nehmen sich deshalb lieber die Hustler zum Vorbild, die scharf angezogen herumlaufen und mit Geld nur um sich werfen und die vor nichts und niemandem Respekt haben.” (Autobiografie)

“Der Hustler unterbricht die Monotonie und Alltagssicherheit des bürgerlichen Lebens. Er bewahrt es damit vor Stagnation und ruft jene unruhige Spannung und Beweglichkeit hervor, ohne die selbst der Stachel der Konkurrenz abstumpfen würde. Er gibt so den produktiven Kräften einen Sporn.” (Theorien über den Mehrwert)<<

Call for Egotronic-Storys

August 24th, 2010

Das Egotronic-Buch nimmt langsam Gestalt an, ich tippe gerade Interviews ab und sammle Material, Torsun versenkt sich in Stereotiefensuggestion, um sich an irgendwas aus dem Jahr 2007 zu erinnern.

Und damit ist jetzt der optimale Moment, in dem ihr, liebe Lesefröschchen, eure eigenen Egotronic-Anekdoten, sofern vorhanden, auspacken könnt - Begegnungen mit Egotronic, was ihr mal bei Konzerten erlebt habt oder davor oder danach, euer ganz persönlicher dreckiger Tratsch, richtige Argumente, Analyse und Kritik, Träume und Rauschassoziationen, kurz: Dinge, die ihr gern über Egotronic im Buch lesen würdet.

Schwerpunkt und Erzählzeit des Buches ist das Jahr 2007, die Zeit vorher soll in Rückblenden vorkommen, alles seitdem wird eher weniger eine Rolle spielen. Wer sich etwas Zeit nehmen mag: was noch bis Ende September eintrudelt, werden wir noch berücksichtigen können.

Es wäre schön, wenn ihr für eure Beiträge den Kontakt-Link in der Sidebar benutzen könnt - wer’s unbedingt in die Kommentare loswerden will, sollte auf irgendeine Weise Nachfragen möglich machen. Es gibt leider keine Garantie auf Veröffentlichung!

Na, dann schießen Se ma los!

Neues von der Bewegung der Intellektuellen (JL-Fraktion)

August 23rd, 2010

Gastbeitrag von J. Vingtras

Nachdem mich der Berliner „Club für sich“ in einer Veranstaltungseinladung informiert zu haben glaubte, bei den Jungen Linken handle es sich um „einen niedergegangenen Verein“, der an „gewissen Einseitigkeiten“ kranke, versuchte ich eine Probe aufs Exempel und besuchte mit einigen befreundeten Bekannten das Sommercamp.

Der angebliche Niedergang dieser Vereinigung radikaler Intellektueller kann sich nicht auf deren Mobilisierungsfähigkeit beziehen, als deutlich mehr als 100 Teilnehmerinnen kamen, um einige Tage die jeweils private Existenz mit einem kollektiven Campalltag zu vertauschen und in zahlreichen Workshops sowie bei Musik, Feuerschein und Alkohol über allerlei politische Fragen zu disputieren.

Mit Einseitigkeit kann nicht die Wahl der Themen gemeint sein, da diese so ziemlich die Totalität der gegenwärtigen menschlichen Beziehungen abdeckten: Einführung in die Kritik der politischen Ökonomie, Staatskritik, Homosexualität, Kritik der Reproduktionssphäre, Familie und Monogamie, männlich-bürgerliche Subjektkonstitution, Bioethik, Sozialhygiene am Beispiel Rauchverbot, Biologismus, Freud, Imperialismus, Antizionismus, Zionismus, Ausländerpolitik, Staatsverschuldung, Rußlands Rohstoffe, sexuelle Gewalt, internationale Arbeitsmigration am Beispiel der Schiffahrt, die Geschichte der kommunistischen Bewegung in einigen Aspekten (Rätebewegung, Revisionismus des Parteiprogramms der KPDSU von 1961, Rote Khmer, Arbeiterselbstverwaltung, K-Gruppen, Studentenbewegung, Situationisten), konkrete Fragen der Aneignung und Umbildung des Produktionsprozesses, allgemeine Utopien, Fußball, Fragen der Ernährung, Fragen der Agitation und Propaganda, Verhältnis von Theorie (Adorno) und Praxis (Dutschke, Krahl), Emos, Gentrifizierung, Konsumkritik, Griechenland u.s.f. Dazu sogar Workshops zu sonst abgespalteten oder ignorierten Kulturthemen mit Titeln wie „Hüdelditüdeldie-tweng! Tirelit – Ist die neue Musik politisch?“, „Faust-Kritik“ oder „Männerphantasien und Bürgerängste in ‚Fight Club’“ – und eine stark gekürzte und bearbeitete Faustinszenierung. In Wirklichkeit gab sogar noch mehr und teilweise sehr gutes. Einige der Referentinnen haben dabei dem Andenken von Alexei Grigorjewitsch Stachanow alle Ehre erwiesen, indem sie alleine bis zu sieben von diesen Workshops anboten.

Ich will nicht weiter mit Schilderungen der Wandervogel-Atmosphäre langweilen – es waren sogar sozialistische Falken da – und schon gar nicht mit politischen Inhalten, man findet den Krams im Zweifel alles im Netz. Jedenfalls war diese Weise der kollektiven Diskussion recht angenehm und die Idee, radikale Menschen zwischen 16 und 40+ zusammenzubringen, scheint offensichtlich ein Bedürfnis anzusprechen. Stattdessen einige subjektive Berichte, die einen kleinen Eindruck vermitteln, wenn auch diese Form der oral history natürlich ihre subjektiven Grillen hat.

Josef: Wird Lehrer, ist aber im Prinzip für eine neue Offensivstrategie.

Unter den Campteilnehmern war auch C., ein Seemann. Er sollte laut Seminarprogramm einen workshop mit dem Titel „Arbeit auf See“ halten. Ich freute mich darauf außerordentlich, da ich mir von einem, der, wie ich im Gespräch erfahren hatte, als nautischer Offizier auf großen Containerschiffen die Weltmeere befahren hat und der noch dazu ein kommunistischer Genosse ist, sehr aufschlussreiche Berichte über einen mir völlig unbekannten Bereich der Arbeitswelt erhoffte. Als er jedoch auf dem Plenum seinen workshop vorstellen sollte, zeigte sich, dass der Titel auf einem Missverständnis beruhte: In Wirklichkeit, so C., ginge es ihm um so etwas wie „die volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Arbeitsmigration am Beispiel der Philippinen am Beispiel der Schifffahrtsbranche“.

Aus einer Veranstaltung, die ihren Reiz u. a. daraus bezogen hätte, daß dort individuelle Erfahrungen zur Sprache gekommen wären, über die auf dem Camp nur dieses eine Individuum verfügte, war so eine Veranstaltung geworden, die mit etwas Recherche jeder andere Campteilnehmer genauso hätte bestreiten können. Es scheint, als würde hier wie im offiziellen Wissenschaftsbetrieb die persönliche Erfahrung auf einen zufälligen Anlass reduziert, sich mit einem Thema zu beschäftigen; die „Bestimmung“ des „Gegenstands“ erfolgt dann streng objektiv mithilfe von statistischen Daten und kapitallogischen Überlegungen. Die Sache selbst wird dabei zusätzlich entwertet, indem sie von vornherein als austauschbares Beispiel eines Beispiels eingeführt wird, welches nur herangezogen wird, um die eigentlich interessanten allgemeinen Verhältnisse zu verdeutlichen.

Es zeigt sich wieder einmal die trotz erkennbaren Öffnungstendenzen immer noch vorhandene rationalistische Einseitigkeit der Jungen Linken, deren Ideal eines kommunistischen Kaders implizit verlangt, sich zum Zweck der Agitation zum Argumentenbehälter zu modeln und die eigene Subjektivität durchzustreichen. – Leider konnte ich dann den Workshop nicht besuchen, da ich zur gleichen Zeit eine eigene Diskussionsrunde leitete, so daß ich nicht weiß, ob die Veranstaltung vielleicht doch erfahrungsgesättigter und besser war, als es die Ankündigung erwarten ließ.

An einer anderen Stelle erwies sich die rationalistische Herangehensweise dagegen wiederum als durchaus positiv: Bei einem Workshop über sexuelle Gewalt warf die Referentin die Frage auf, warum Vergehen gegen die sexuelle Selbstbestimmung im Spätkapitalismus als DAS Kapitalverbrechen schlechthin angesehen werden. Dies sei, wie sie mit viel historischer Sachkenntnis aufzeigte, keinesfalls immer so gewesen und müsse folglich auch nicht für alle Zukunft so sein. Ich möchte hier die Erkenntnisse und Überlegungen der Diskussion nicht im Einzelnen ausführen, bemerkenswert scheint mir aber, daß dort eine sehr sachliche, ruhige und produktive Debatte möglich war, was angesichts von Themen wie Vergewaltigung und Kindesmißbrauch, bei denen erfahrungsgemäß die Gemüter hochkochen, nur sehr selten gelingt.

Gustav: Engagiert sich seit einigen Jahren im Berliner „Club für sich“

Atmosphäre war recht offen für Externe, deren Workshops zu den am besten besuchten zählten. Auch fielen mir hier keine abgesprochenen Manöver von Jungen Linken auf, die die externen Positionen wegdiskutieren oder ihrer internen Widersprüche überführen wollten. Also insgesamt irgendwie freundlicher als wir es mitunter im Club für sich sind, aber vielleicht auch etwas gleichgültiger den Bildungsinhalten gegenüber. Möglicherweise ist diese relative Offenheit aber auch ein Effekt der Ausnahmesituation, die von den Organisatoren geschaffen wurde: 7 Tage, zwei Workshops à 3-4 h am Tag, kaum vor vier ins Bett, Trinken, Diskutieren ohne “Privatsphäre”.

An machen Stellen hatte ich den Eindruck, auf eine gewisse Unvorsichtigkeit gegenüber einer praktischen Übernahme der autoritären willentlichen Gleichschaltung der Gesellschaft zu treffen. Ein bißchen beim Essen, weil ich es nicht verstehe, warum alle stets vegan aßen, wenn doch nur ein paar Veganer unter den Teilnehmern waren. Abgesehen von Käse gab’s ja keine Milchprodukte, die ja schon eher zu den Grundnahrungsmitteln gehören. Dann hatte eine Raucherin aus den Reihen der JL es für geboten gehalten, bei einem Workshop unter einem Sonnendach zuvor zu klären, ob es okay sei, daß sie am Tisch rauche. Etwas, was man ja wirklich erst seit dem Rauchverbot macht. Und beim Büffet fand ich Schilder, die mich darauf hinwiesen, die Löffel nicht aus ihren (Nutella oder Marmelade) Behältern zu nehmen, wegen “Lebensmittelallergie”.

Für eine Situation wie dort beim Zelten, wo alles ein bißchen durcheinandergeht, finde ich eine solch allgemeine Warnung vor einer “Allergie” etwas sinnentleert, ebenso wie die zahlreichen Warnschilder, die es sonst so gibt (nicht bei Rot über die Ampel gehen, nicht rauchen …). Es tut mir keinen Abbruch, auf jemanden Rücksicht zunehmen, aber das ist einfacher - und verständlicher - wenn man weiß, worum es geht (ums Nutella wegen der Nüsse? um Milch? Weizen?). Falls es überhaupt eine Rolle spielt, wie sich 150 beim Büffet verhalten, weil die eine oder der andere mit Allergie eh nicht davon ausgeht, daß alle sich daran halten und daher stets eigenes Besteck verwendet.

Nach der langen Party am Samstag gab’s am Sonntagabend passend etwas Unterhaltsames. Gemeinsames Anschauen eine Action-Films (natürlich mit Kritik) oder die Lektüre eines deutschen Klassikers. Goethes Faust war Neuland für denjenigen, der zu diesem Workshop geladen hatte, und es zeugt von Aufrichtigkeit, daß er dies keineswegs zu verbergen suchte. Es ging letztlich nicht so sehr um den Faust, als vielmehr um Sinnsuche als bloß esoterische und bürgerliche bzw. um das Verständnis von Idealismus oder einer gewissen philosophischen Neugier. Faust wurde zuvorderst dafür kritisiert, daß er wissen will, “was die Welt im Innersten zusammenhält”, als daß solches Wissen, wenn er es finden würde, rein kontemplativ bleiben würde. Die Frage nach dem Sinn, selbst dann, wenn sie zur Erkenntnis des Unsinns der eingerichteten Welt führt, wurde auch andernorts auf dem Camp als idealistisch, bürgerlich und esoterisch abgetan.

Die Frage, was die Welt zusammenhält, obwohl sie doch vernünftigerweise augenblicklich auseinanderfallen müßte, steht am Anfang der Philosophie, ebenso wie an einem wichtigen Entwicklungsschritt vieler Teilnehmer des Camps. Wenn verdrängt wird, daß der Materialismus den Idealismus nicht nur abgelehnt, sondern auch aufgehoben hat, dann scheinen hier die idealistischen Phasen und Tendenzen der eigenen Biografien verdrängt zu werden. Angesichts zweier wiederkehrender Eindrücke scheint es hierfür auch Gründe zu geben:

1.) ist die Agitation, wie sie auf dem Camp betrieben wurde, noch eine rein idealistische, sich über die Ideen verbreitende, die davon ausgeht, daß es die Ideen sind, die die Welt verändern werden oder zumindest die Menschen, die irgendwann mal die Welt verändern sollen. Daß es darum geht, die Menschen aufzuklären über das, was das Kapital ist, wird leider als selbstverständlich dargestellt und nicht als eine der wenigen Aktionsformen, auf die sich kritische Geister derzeit aus Ohnmacht reduziert sehen. Zwar wurde mitunter der Idealismus der eigenen Praxis offen eingestanden, aber leider recht wenig in Frage gestellt. Wenn man das getan und die Gründe dafür entwickelt hätte, hätte man vielleicht auch anders über philosophischen Idealismus gesprochen.

2.)  In einigen Diskussionen geisterte die Idee von der Freiheit des Willens und der Entscheidungen herum, welche offensichtlich in der Argumentation, die sehr auf Rationalität baut, eine wichtige Rolle spielt. Aber auch hier schien der sonst so kritisierte Idealismus ein wenig unhinterfragt, sind doch die meisten Willen, die sich in Menschen regen nicht frei und die wenigsten werden den Menschen wirklich bewußt. Und nur wenn die körperlichen Regungen oder sonstigen Willen einem Menschen bewußt und Gegenstand von Reflexion werden, kann dieser Mensch beginnen, sich die Konsequenzen auszumalen, abzuwägen und vielleicht zu etwas gelangen, was man idealistisch eine freie Entscheidung nennen könnte. Die eigene Biografie gibt rückblickend ja beredte Auskunft über das Verhältnis von Freiheit und Unbewußtem.

Das Auftauchen dieser Fragen auf dem Camp wie auch das Aufscheinen der inneren Widersprüche an diesen Punkten lassen vermuten, dass hier unter den Teilnehmern des Camps etwas rumort. Die Tatsache jedenfalls, dass die Organisatoren durch die Form des Camps, allseitigen Diskutierens, Trinkens, Schlafmangels und ungeordnetem Tagesablaufs eine Situation geschaffen haben, die für die Teilnehmer außergewöhnlich und vielleicht auch ihrer geistigen Offenheit wohltuend ist, zeigt bereits, daß man sich nicht allein aufs Argumentieren verlassen will, sondern auch den Boden zu bereiten weiß, der notwendig ist, damit sich Menschen überhaupt auf Ideen einlassen können.

Denn hieran war das Camp sehr reich und gab vielen jungen Menschen die Gelegenheit, sie durch Workshops in Vortrag und Diskussion eigener Ideen auszuprobieren. Durch die Form der kontemplativen Kritik in Workshops, die nicht unmittelbar in Praxis umschlagen müssen, konnten zahllose Bereiche der Gegenwart in Frage gestellt werden. Dies ging von veganem Ernährertum, über den falschen Schein der privaten Freiheit, über Männerphantasien, Sterbehilfe, Behindertenpolitik, Schulzwang, Nichtrauchen, Sexismus bis hin zur wissenschaftlichen Biologie. Dabei war ebenso die Geschichte der kommunistischen Bewegung von der Februarrevolution 1917 über die Achtundsechziger, die Situationisten, die KPDSU, Pol Pot, die Antideutschen bis zu den K-Gruppen vertreten und schließlich wurde sogar einigen utopischen Vorstellungen Raum gewährt. Und bei alldem stand stets im Hintergrund, daß es das Eigentum und das Kapital sind, die all dieses zusammenhalten und auf einen Streich, ohne Übergangsstaat, abgeschafft werden müssen.

Puk: Stiller Zeitgenosse, der manchmal für jemanden gehalten wird, der Shakespeare und Kafka liest.

Gustavs und Josefs Einschätzungen zustimmend, fällt mir nicht viel Neues ein. Neben ‘Faust’ scheint mir ‘Fight Club’ erwähnenswert - weil da offenbar die lebenslustige Paeris-Abspaltung mindestens so allergisch auf alles reagiert, was nicht in Traktatform daher kommt. Der Unterschied ist, daß diese Fraktion immerhin schaudernd ihre Faszination eingesteht; dann aber umso schneller das als faschistisch wegschiebt, was sie fasziniert… (und sich nebenbei nicht darum kümmert, dass ein Film nicht alles so meinen muß, wie er es zeigt).

Aber auch das - wie immerhin der kurze Protest, der Seefahrer solle doch auch etwas über das Seefahren erzählen - scheint mir anzuzeigen, daß es, wie Gustav meint, rumort. Ansonsten traf man aber auch einigermaßen viel Schule an. Das mag in einigen Fällen (Jugoslawien-Workshop) immerhin noch inhaltlich gerechtfertigt sein (dort aber mit unerträglichen Lehrer-witzen vermengt), in anderen (Sozialstaat) fällt offenbar gar nicht auf, daß man etliche Leute bei der Hand hätte, die einem so manches über den Sozialstaat erzählen könnten (und dann käme man vermutlich nicht auf die Idee, sich mit - im Endeffekt - langweiligen Sarrazin-Äußerungen zu beschäftigen).

Etwas über den Männlichkeits-Workshop könnte man auch erwähnen - aber da weißt du besser bescheid, Karl, weil du dort warst. Insbesondere die Auseinandersetzung mit dem “männlichen” Zur-Schau-Stellen seiner Bildung (a.k.a. Theoriemackertum) ist aber ja auch in anderen Zusammenhängen auf dem Camp immer wieder zur Sprache gekommen.

Soweit. Puk.

P.S.: Karl, vielleicht solltest du auch etwas über H––––s Augen schreiben…

Karl: Gab zuletzt ein Magazin zur Selbstverständigung einiger kommunistischer Individuen heraus.

Bemerkenswert war das Männerplenum. Als ich ankam, berichtete ein junger Mann von Sprüchen gegen Schwule und Frauen auf dem Camp. Daher solle ein Männerplenum einberufen werden. Ich baute mein Zelt auf und platzte danach in einen Stuhlkreis von Männern, die sich ad hominem über das Geschlechterverhältnis innerhalb der Sphäre der Theorie (Stichwort Meisterschwätzer, Theoriemacker) unterhielten. Es war tatsächlich etwas wie bei den Autonomen, nur unter Intellektuellen. Klingt dumm, war aber eigentlich ok.

Es gab ein Thesenpapier, aber die Debatte hatte kaum einen Faden. Unter anderem erinnere ich mich daran, daß eine vorherrschende, schlechte Form der Theorie kritisiert wurde, der es neben der hähren Wahrheitsfindung auch um Verdrängung der eigenen Ängste ginge, indem sie immer wieder allen Ambivalenzen ihrer Gegenstände ausweiche und das chaotische Material über Gebühr ordne.

Ferner ging es um Gehirnwäsche in Theoriegruppen. Klingt wie ein Witz, aber so war es. Dabei war aber gar nicht nur an die Weise von Scientology gedacht, mit ihren Mitgliedern umzugehen, sondern auch an den Vorgang im Hirn und Körper eines jungen Menschen, der eben noch irgendein Bürger mit diesen oder jenen Reflexionen war und dem plötzlich – von den Kommunisten angestoßen – die alte Welt vollständig abhanden kommt, ohne das sich auch nur die Umrisse einer neuen Welt abzeichnen würden. Es schien dies tatsächlich die Wahrnehmung einiger jüngerer Genossen zu sein und kein leeres Geschwätz. Ich habe die beiden Punkte hier in meiner Sprache wiedergegeben, aber es spiegelt grob einige Redebeiträge, die an sich auch nicht klarer waren. Der Freimaurerorden Ingolstädter Prägung hatte in diesem Männerplenum ein kleines Korrektiv geboren. Ansonsten stand alles unter dem beinahe sokratischem Wahlspruch: „Prüfe das Argument“ und obwohl ich natürlich neugierig auf Gehirnwäscheexperimente war, habe ich so etwas nicht verspürt, es sei denn man zählt die Pädagogik oder die Wirkung schöner Augen darunter. Zu meinem Leidwesen wurden weder mir vulgäre Witze mit Frauen oder Homosexuellen erzählt, noch der Freudianerin, die ich darauf ansprach und die neugierig auf die sich in solchen Witzen äußernde Triebstruktur war.

Dann ist mir ein kollektiver Wille aufgefallen, die eigenen Ideen nicht nur weiterzudenken, sondern auch zu verbreiten, daß sie auch ihren Weg in die Praxis finden. Es wurde über Agitation gestritten und eine Diskussion über Arbeit versuchte sehr detailliert zu klären, wie man eigentlich die subjektiv für richtig erachtete und in theoretischer Form auch schlüssig dargelegte Kritik der Arbeit konkret an die Frau oder den Mann bringen könne, welches die erwartbarsten Widerstände und Ausflüchte sind, wie man ihnen begegne… Immer wieder schlug dabei die zunächst negative Kritik an allen momentanen menschlichen Verkehrsformen in Fragen danach um, was „wir“ eigentlich mit der Welt wollen.

Ah, und dann waren alle Pavillons, Räume, Zelte nach Anarchistinnen und auch einigen Anarchisten benannt.

Gretchen: Beobachtet das politische Geschehen eher mit Skepsis

Von mir nur ein paar schnelle Anmerkung zur kritischen Faust-Inszenierung: Zwar habe ich den Workshop zur ‘Faust-Kritik’ (siehe: Bericht von Gustav) nicht besucht, habe aber die kritische Faust-Aufführung am Freitagabend gesehen.

Die Idee, mit einer Theateraufführung den ‘Camp-Alltag’ aufzulockern, fand ich ziemlich gut und erwartete einigermaßen vorfreudig die 15min-Aufführung am Freitagabend. Das Spiel selbst offenbarte zwischendurch tatsächlich mehr Lustiges, Selbstironisches und Selbstkritisches als die inhaltliche Message, die am Ende sehr bescheiden und ernüchternd im Raum stehen sollte und im Workshop dann offensichtlich dargestellt und diskutiert wurde: Vertrödle deine Zeit nicht wie der alte idealistische Faust mit irgendwelchen Sinnfragen und -suchen! Experimente und Exzesse laß lieber bleiben! Alle Gretchen, die Leidenschaft und Tragik versprechen könnten, streiche vorsichtshalber komplett aus deiner Inszenierung!

Das Schauspiel wird von drei Erzengeln im Himmel eröffnet, es folgt die bekannte Wette zwischen Gott (mit grüner Gießkanne ausgestattet) und Mephistopheles um Fausts Seele. Nach kurzem Bühnenumbau sehen wir in der nächsten Szene Fausts Gelehrtentragödie, in der er grübelnd in seinem Studierzimmer auf und ab geht und die Frage nach dem Zusammenhalt der Welt stellt. Dank der mimischen Begabung des Faustdarstellers sind an dieser Stelle mehrere selbstironische Verweise und Lacher sicher.

Mit dem zweiten Auftritt von Mephistopheles als Agitator (der Jungen Linken) verläßt die Aufführung Goethes Theaterstück und Goethes Sprache. Der abgeklärte Mephistopheles versucht Faust in ‘Junger-Linken-Sprache’ seine Sinnsuchen als rein bürgerlichen und esoterischen Unfug auszureden. Was dann noch übrigbleibt zeigt er Faust am Ende der Aufführung: ab und an mal konkret ein Bier trinken, ‘ne Kippe rauchen und ein Kuß, aber bitte ohne Bedeutung. Anleitung zum nicht-dramatischen Leben!

Aber: Die Erziehungsmaßnahmen Mephistopheles’ fruchten bei Faust nicht so richtig. Faust ist nicht lernfähig/will nicht lernfähig sein und begehrt am Schluß gegen seinen Lehrmeister auf: Der vom Publikum mit Spannung erwartete und dann doch sehr trocken ausfallende Kuß zwischen Faust und Mephistopheles veranlaßt den hoffnungslosen Idealisten Faust sofort zu einer romantischen und sinngeladenen Gegenaktion: einer Liebeserklärung an Mephisto. Agitation fehlgeschlagen!

Bis bald mit schönen Grüßen

Gretchen

Julian Assange bei Twitter: Vergewaltigung & Verschwörung

August 22nd, 2010

Zwischen der umlaufenden Nachricht, daß nach Wikileaks-Gründer Julian Assange in Schweden wegen der Vergewaltigung und Belästigung zweier Frauen gefahndet wurde und der etwa 4 Stunden später folgenden offiziellen Pressemitteilung, daß die Anklage fallengelassen wird, war gestern vor allem bei Twitter sehr schön zu beobachten, wie der Gedankenkurzschluß des “Cui bono?” funktioniert und auch wie Vorverurteilungen sowohl negativ als auch positiv ausfallen können.

Ein Joss Mac Donald formulierte die Einladung: “Julian Assange accused of rape one month after Afghan leaks. To all conspiracy theorists, you’re allowed to go nuts over this one.”

Und das taten sie dann auch:

engola: “Krieg gegen Wikileaks hat begonnen”
Paul Bird: “the smear campaign starts!”
Mark Jacobs: “for want of fresh propaganda ideas, the old sexual allegation plot”

Ohne zu zögern, ohne erkennbaren Zweifel wurde von vielen sofort automatisch davon ausgegangen, daß die beiden Frauen gelogen hatten und/oder gekauft waren. Und daß das zeitliche Zusammenfallen mit Assanges prominenter und umstrittener Position aus den Anschuldigungen einen Teil eines Plots machen würde:

Konstantin Winkler: “Die Sache mit Julian Assange riecht wirklich stark nach Verschwörung.”
Oscar Rylin: “Two flies with one stone. Assange accused of rape in Stockholm. Days after Pirate Party agrees to host WL. Political BS, US involved?”
Christian Schlender: “wird #Schweden von der #cia / #nsa regiert?? Der Arm reicht weit.”

Während den Frauen unbesehen nicht geglaubt wurde, wurde Julian Assanges eigenes Dementi, in dem er wie seine Anhänger sofort einen Plot impliziert, schnell hundertfach retweetet: “the charges are without basis and their issue at this moment is deeply disturbing.”

Auf die Frage eines Twitterers: “Mm, but why would ‘a little rape accusation’ in Sweden be Pentagons first choice of move, if they want to shut up #Assange?”, kommt - man kann sich die Stimme dazu prima vorstellen - von einem anderen zurück: “It wasn’t their first, and it wasn’t their last move.”

Da ich auf Arbeit herumstand, nahm ich selbst am Gezwitscher teil:

“Stop jumping 2 conclusions everybody! Just because Julian Assange is your nice & right guy doesn’t mean the women are lying”
so, as long Julian Assange is speaking for #Wikileaks, anything he is accused of will just be dirty tricks and smear campaign?”
it would have been proof for a conspiracy if Julian Assange would have been charged as well as now that he is no longer wanted, am I right?”
& jetzt? allgemeine Erleichterung, Welt in Ordnung, der Gute gut, Bild geradegerückt - oder Enttäuschung, daß der Held nicht leiden muß?”
mantra of the day: I’m not a conspiracy theorist but… (…when it fits my beliefs I will believe in a conspiracy no matter what…)”

U.a. führte ich dieses Zweigespräch, in dem es mir nicht gelang, dem User nilys seine eigene Denkautomatik begreiflich zu machen:

Ich: “weird how many people automatically assume the #rape accusation against Julian #Assange to be just dirty tricks & campaign”
nilyr: “Given recent DOD statements, upcoming Swedish elections.. what makes you think it’s weird?”
Ich: “the automatics - the implied assumption that women lie about being raped”
nilyr: “Normally I’d agree, but I consider this to be more of an automatic assumption of CIA/other activity. We KNOW politics is sleazy ;)
Ich: “and therefore you know the women are lying?”
nilyr: “No. OTOH, I prefer to believe a man with no history of violence/abuse over a gov’t that will use any and all means to silence him.”
Ich: “because nice guys never rape?”
nilyr: “I never said that. Are you saying people can’t be bribed to lie? Obviously, we don’t agree with each other.”
Ich: “I want to stress the fact that you and I don’t know what happened there - you jump to conclusions though, I’m trying not to do this”

Darauf kamen von ihm zwei der ganz typischen Reaktionen des Nachmittags:

1): “Given that the woman who now claims she was raped was “unsure” about what happened, and had the police TELL her she was raped…”
2): “The timing is too interesting. One of the most watched, “uncomfortable” people in the world just so happens to commit a crime?”

Spezifika von Vergewaltigungsfällen werden zu Auffälligkeiten und Merkwürdigkeiten, die umgehend für einen Plot sprechen. Und das zeitliche Zusammenfallen mit Assanges öffentlichen Auseinandersetzungen, das in vielen Formulierungen eben nur “interesting” ist, gilt dennoch ebenfalls als - mehr oder weniger starker - Hinweis auf einen Plot.

Bilderberg & LSD: Fidel Castro liest Daniel Estulin

August 20th, 2010

Der kubanische Revolutionsführer begeistert sich derzeit für das Buch “Los secretos del Club Bilderberg” von Daniel Estulin, auf Deutsch erschienen bei Kopp (amazon), in dem noch aus jeder sozialen Entwicklung ein intentionaler Plot wird:

>>The open cultural ‘warfare’, although undeclared, against the American youth truly began in 1967, when the Bilderberg started to organize outdoor concerts to be able to pursue its objectives. By means of that secret weapon, they managed to draw more than four million youth into the so called ‘festivals’. Without knowing it, youth became the victims of a perfectly planned experiment that involved the use of drugs on a large scale. Hallucinogenic drugs […] whose consumption was promoted by The Beatles […] were distributed for free in those concerts. It was not long before more than 50 million of those who attended those concerts (who were then between 10 to 25 years old) came back home transformed into messengers and promoters of a new drug culture or what turned out to be known as ‘The New Age.’<<

Fidel zitiert ausgiebig daraus in seinen zweiteiligen Reflexionen (I, II) - und für Jürgen Elsässer ist die Welt wieder in Ordnung.

Entschwörung, Definitionsmacht, Thomas Maul u.a. - die Themen zuletzt

August 20th, 2010

Nachlese zur Verschwörungsveranstaltung

Relativ ausführlich schreibt “Analyse, Kritik & Aktion” über den Dienstagabend im Tristeza (so viele Leute waren es ja gar nicht, dort ist einfach nicht so viel Platz), aber auch von den anwesenden Verschwörungsdenkern gibt es beleidigte Texte. “Ein besorgter Mensch”, der die Veranstaltung schon im Vorfeld als “Hetze” angekündigt hatte, scheint ausweichlich seines Blogberichts das Gesehene und Gehörte so beflissen mit dem Wikipedia-Artikel über Antideutsche abgeglichen zu haben, daß er mich - wie auch die anderen - fast ausschließlich mit Sachen zitiert, die ich nicht gesagt habe (z.B. solchen Quatschformeln wie “böser Verschwörungstheoretiker”), die aber besser ins Bild passen. Diese Sachen, die ich nicht gesagt habe, soll ich dann auch noch ständig wiederholt haben, eine “widerliche Propaganda-Methodik”, um suggestiv - nein:

>>“SUGGESTIV eben jenes erwähnte “Dogma”, als stets und ständig zusammengehörige “Gedanken-Verbindungsschranke”, in die Köpfe zu “pflanzen”.<<

Der "Berliner Informant", der sich gerade noch gefreut hatte, daß das Fachmagazin für alles, Focus Money, die bekannten 9/11 Golden Oldies mehrseitig ausbreitete, ärgert sich noch mal wie vor Ort im Tristeza, daß auf seine unschuldigen Bemerkungen über berechtigten deutschen Haß auf Israel merkwürdigerweise nicht mit Offenheit reagiert wurde.

Anderswo wurde zumindest die Behauptung zurückgenommen, daß Tristeza sei unseretwegen eine Nazikneipe - wir selbst hingegen, die Veranstalter, sind dennoch “quasi Faschisten”. Je nun.

Die meisten inhaltlichen Reaktionen gab es im Nachhinein auf meine Unterscheidung zwischen dem eher konservativ-rechtsanarchistisch-libertären “Infokrieg” und den Öko-Technokraten vom Zeitgeist-Movement. Auf der deutschen Bewegungs-Webseite gibt es von Vordenker Jacque Fresco ein paar erhellende Äußerungen dazu zu lesen, was “ressourcenbasierte Ökonomie” bedeutet:

>>Soziales Design muss sich auf die Tragfähigkeit der Erdressourcen stützen und nicht auf die Philosophie, das Begehren, die Ästhetik oder Vorteile von einzelnen Menschen.<<

Für den angestrebten Gesellschaftsentwurf gilt dann:

>>Das Einzige, was nicht von Computern verwaltet und gesteuert wird, ist die Überwachung von Menschen.<<

Entwickelt hat Fresco sein "Venus Project" übrigens unter anderem aus Enttäuschung über den Kommunismus, den er - wie soviele andere - an der gesellschaftlichen Praxis des Realsozialismus mißt:

>>Im Kommunismus gab es Geld, schwere körperliche Arbeit, soziale Gliederung und gewählte Repräsentanten, die die kommunistischen Traditionen wahrten. (…) Kommunismus kennt Geld, Banken, Armeen, Polizei, Gefängnisse, charismatische Persönlichkeiten, soziale Gliederung und wird von ernannten Führern geleitet.<<

Als kleiner Verschwörungssnack sei hier noch ein Teil von “Der 11. September entschlüsselt” verlinkt, in dem wir erfahren, warum wir bei South Park, den Simpsons und bei Geldscheinen genauer hinschauen sollten, wenn wir auf Kommendes vorbereitet sein wollen.

Vergewaltigungsdebatte

Alice Schwarzer schrieb einen öffentlichen Brief an Jörg Kachelmann, in dem sie mutmaßte, ob Kachelmann aufgrund seiner Sexualpraktiken “alles durcheinander” ginge und er deshalb gar nicht wisse, “dass das kein Spielchen ist, wenn eine Frau im Ernstfall Nein sagt.”

Julia Seeliger kritisierte Schwarzer in der taz für diese Gleichsetzung von SM mit Vergewaltigung und bemerkte außerdem:

>>Wenn die Frau „Ja“ sagte und „Nein“ meinte, ist das auch noch keine Vergewaltigung, so sehr Beziehungen mit ungleich verteilter Macht zu kritisieren sind.<<

Dieser Satz wurde im Mädchenblog knapp mit der Empfehlung beantwortet, “über Definitionsmacht” zu lesen. Daraufhin brach dort in den Kommentaren - begleitet von Totalausfällen wie dieser Plakatparodie und allerlei Getwitter - eine Diskussion aus, (Dutzende von übelsten antifeministischen Beschimpfungen und Verharmlosungen von Vergewaltigungen wurden nicht freigeschaltet), die sich zu großen Teilen um die Definitionsmacht drehte und zu der sich Julia Seeliger noch einmal in ihrem Blog äußerte.

Darin wandte sie sich dagegen, “das Problem der Ungleichheit von Frauen und Männern viel zu sehr gesamtsystemisch” zu betrachten und beharrte auf dem Prinzip des Rechtsstaats. Wenige wiesen wie Bigmouth daraufhin, daß es “bei definitionsmacht (…) zumeist nicht um gefängnisstrafen” geht, “sondern darum, leute aus linken zusammenhängen rauszuschmeissen (szenekneipen, konzertlocations, politgruppen usw), sofern das opfer das wünscht, um dem täter nicht mehr über den weg laufen zu müssen. und das opfer wissen, dass ihnen geglaubt werden wird.”

Noch weniger wurden so konkret wie Posiputt, der “Im Zweifel für den Zweifel” plädierte und außerdem bekundete:

>>ich finde es sinnvoll, lieber auf sex zu verzichten, als ein unehrliches “ja” als ehrliches misszuverstehen.<<

Zu meiner Verwunderung kam - soweit ich das überschauen kann - die Idee der aktiven Zustimmung ("Active Consent" im Sinne etwa des amerikanischen Sammelbands "Yes Means Yes“) in der Debatte nicht vor.

Was für eine Leerstelle sich da auftut, zeigen Les Madeleines mit ihrem Dossier zur Definitionsmacht in der Jungle World, in dem sie - neben manchem Bedenkenswertem, aber seltsam wenig Verständnis für den Notcharakter des ganzen Konzepts - schreiben:

>>Heißt »Ein Blick wird dann anzüglich, wenn er als solches (sic) empfunden wird«, dass man sich eigentlich gar nicht mehr anschauen darf? Zugleich wird deutlich gemacht, dass man sich auch auf ein »Ja« kein bisschen verlassen kann: »Auch wenn jemand vielleicht ›Ja‹ gesagt hat, dann aber ›Nein‹ empfunden« habe, gelte dies als Nein.<<

Das klingt alles, als würde kein Gespräch stattfinden, als gäbe es keine Möglichkeit zur Äußerung und als stünde etwas Schlimmes auf dem Spiel, wenn es schließlich nicht "weitergeht", zu "nichts kommt". Weiter heißt es dort:

>>Was bedeutet das überhaupt, ein Nein zu akzeptieren, und wie lässt sich das beim Flirten oder im Bett umsetzen? Dass man lieber eine andere Berührung versucht? Oder sofort die Hände von der Person lässt und auf dem schnellsten Weg nach Hause geht? Dass man sich der Person nie wieder annähert? Oder dass man zwei Wochen wartet? Oder eine halbe Stunde?<<

Das sind natürlich keine banalen Fragen, aber es fehlt wieder die Idee, sie in der konkreten Situation zu stellen. Das Vergewissern währenddessen taucht im Dossier nur in der Form einer rhetorischen Frage auf:

>>Müssen Frauen nun unentwegt beim Sex plappern, um ihrer Zustimmung Ausdruck zu verleihen?<<

Metertief in die Subjekte versenkt sind die Vorstellung vom "richtigen Mann", der ohne zu fragen weiß und auch wissen muß, was die Frau will oder braucht, wie auch die komplementäre Vorstellung von der Frau, die sich wortlos diesem Mann überläßt, der es dann eben hinkriegt oder nicht. Es ist nicht zu erwarten, daß sich diese Vorstellungen ohne weiteres abstellen lassen - wo das jedoch klappt, scheint es ein Klima zu schaffen, in dem die Frage "Was hat sie denn jetzt gemeint?" auch einfach gestellt werden kann. Wie so oft verweise ich auf Wolfgang Neuss: "Üben, üben, üben!"

Für die Zwischenzeit und die Abreaktion am sexistischen Alltag gibt es einen Ego-Shooter, in dem “Girls with Guns” Sprüche zu Grabsteinen machen.

Thomas Maul

Im höchst geschätzten Ca Ira Verlag erschien zuletzt das Buch “Sex, Djihad und Despotie” von Thomas Maul, dessen Cover ich zunächst für eine böswillige Montage von Antideutschenhassern hielt, das aber doch in all seiner hetzerischen Pracht das Buch ziert. Wer wie ich das Buch nicht gelesen hat - vielleicht weil er wie ich an diesem Cover nicht vorbeikommt - und auch die Veranstaltungen mit dem Autor nur aus zweiter Hand kennt, kann nun einen Text von ihm aus der neuen Bahamas online lesen, in dem er eine “Dialektik der Aufklärung für den Orient” ins Auge faßt, dann aber doch zahllose vermeintliche islamische Spezifika benennt, die einfach nicht auf den Islam beschränkt sind und auch nicht einfach für unterschiedslos alle seine Anhänger behauptet werden können.

Georg Klauda, mit dem ich bekanntermaßen in vielem nicht übereinstimme, hat mit Mauls Buch noch ein anderes Problem: es verwendet Quellen sinnentstellend, darunter Klaudas eigenes Buch, auf das Maul umfangreich auch als Quellenlieferanten zurückgreift. In zwei Postings (1, 2) geht er auf diesen Umgang mit dem Material ein.

Misc

Spon meldet: “Neun von zehn Deutschen fordern neue Wirtschaftsordnung.” Darf ich raten, welche?

Holly Pervocracy hat ein “Male Orgasm Project” ausgerufen, das Wortmeldungen zum männlichen Orgasmuserleben sammeln soll.

Dan Ilic ist von Seattle nach New York getrampt.

Frittenbude brachen einen Gig ab, nachdem das Publikum eine Frau auf der Bühne zum Ausziehen aufrief und diese dem nachkam. (Zeitungsbericht, im Blog von Saalschutz)

Und zum Schluß: Ostdeutschland-HipHop.

Dienstag: “Offene Diskussionsrunde zum boomenden Verschwörungswahn”

August 16th, 2010

>>Am 21. August soll in Berlin das Festival “Kritische Masse” stattfinden. Organisator_innen sind das Infonetzwerk Berlin und das Radio NWO. Im ′Club Rekorder′ unter dem S-Bahnhof Jannowitzbrücke soll es neben Musik auch Infotische und Vorträge geben. Es handelt sich hierbei um ein Gebräu kruder Vorstellungen zur direkten Demokratie, Antiamerikanismus, Antisemitismus und vermeintlich alternativer Finanzkapital-Kritik. Besonders auffällig sind, neben der schon als nationalistische Anti-Antifaschist_innen bekannten Band “Die Bandbreite”, die beiden Rapper_innen Scarabeuz & Taleb. In ihrem Track “Wie lange noch” kommt zu den oben genannten national-patriotischen Diskursen antiisraelische Kritik hinzu, die Israel und die USA endlich auch zu “Terroristen” stempeln will. Zum Festival konnte bisher ohne größeres Aufsehen mobilisiert werden. Die Bands, die auf dem Konzert spielen sollen, scheinen nicht immer über den Hintergrund der Organisator_innen informiert zu sein. So distanziert sich mit Tapete nun einer der Headliner des Abends von den Veranstalter_innen und ihrem Umfeld.<<

Mehr zum Anlaß: Festival für Truther und Infokrieger in Berlin.

CD-Rezension: “Harmonie in den Keller!”

August 16th, 2010

Da werden gleich beide CDs von uns besprochen:

>>Mitgröhlsongs und einfache Parolen sucht man hier vergeblich - stattdessen disharmonische, hochgejagte Anklagen gegen schleichende Renationalisierung, Mackertum, Revision und nationalchauvinistisches Normalitätsgetue und den sonstigen alltäglichen Würg. (…)

Muss jeder selbst wissen, ob er sich den Brocken zutraut.<<

Der digitale Flaneur: Antideutsche Textsplitterbomben

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Hamburg -> Berlin

August 15th, 2010

Deluxe, auch wenn’s erst nicht so aussah. Etwas später losgekommen als gedacht, es hatte schon zu regnen begonnen, dann deshalb gemacht, was sonst gar nicht geht: bei einem Schweriner mitfahren, der uns beide dann - nach einem Gespräch über Newton - an der Grenze rausließ. Dort sagte aber entgegen der Erwartung schon nach höchstens fünf Minuten ein Betonmischer von der BBI-Baustelle ja und hörte sich interessiert an, wie wir zwei Stunden über London, Lebensentwürfe, Breakcore und anderes vor uns hin assoziierten.

Rasthof Ascheberg -> Hamburg

August 15th, 2010

Rumgemehre! Empfunden vier Stunden Stau, die Stimmung in den Autos entsprechend, die Gespräche schleppend, bei meiner Pause am Rasthof Grundbergsee sind sowohl Besuch wie Personal des Imbisses äußerst schlecht gelaunt und nerven sich lautstark gegenseitig voll.

Berlin -> Bochum

August 10th, 2010

Ein Holländer - wie selten! Und er war gerade erst die zweite Person, die ich in Nikolassee ansprach! Und er sammelte auch noch das israelische Zirkuspärchen mit ein, das an der Auffahrt stand. Während der Fahrt erfuhr ich einiges über neuzeitliche Archäologie, namentlich zu einem populären Mythos von der vorzeitigen Kapitualtion der niederländischen Truppen an ihrer wichtigsten Verteidigungslinie im Mai 1940 und zum Durchgangslager Amersfoort, das demnächst einem commercial building weichen soll und vorher noch ordnungsgemäß fertigbeforscht wird.

Von Garbsen, wo sie gerade an der schönen Ausfahrt rumbauen, fuhren mich Vater und Sohn mit türkischen Pop-Anverwandlungen von nicht-türkischen Liedern (von “Hotel California” bis “Kasakka”) nach Herford; dann waren es zwei junge Leute auf dem Weg nach Köln, die sich über die Fusion unterhielten.

Zum Schluß fuhr mich von Rhynern ein Mann ins Ruhrgebiet, der über ein erstaunliches Repertoire an Grauzonen-Fällen für Verschwörungen verfügte und mir später unter anderem erklärte, wofür das Kürzel Aral steht. Er meinte, daß man vor der Erfindung ihres Kraftstoffes Benzin nur in der Apotheke bekam.

Dreimal öffentlich im Sommer

August 9th, 2010
  • Mi, 11.08.10, Oberhausen, Druckluft, 19 Uhr: Vortrag Entschwörungstheorie & Zeitgeist (Antifacamp)
  • Di, 17.08.10, Berlin, Tristeza, 18:30 Uhr: offene Diskussionsrunde zum boomenden Verschwörungswahn (u.a. mit Tapete, Elke Wittich & Martin Wassermann)
  • Sa, 04.09.10, Wittenberg, 14 Uhr: Vortrag Entschwörungstheorie (Projekttag Einführung in die Gesellschaftskritik)
  • Das Schmettern des gallischen Hahns

    August 7th, 2010

    Der Wirtschaftshistoriker Eckhard Höffner führt laut Spiegel Online den “industriellen Aufstieg Deutschlands” im 19. Jahrhundert darauf zurück, daß die “Dichter und Denker” in Massen “Traktate und Ratgeber” über “Chemie, Mechanik, Maschinenbau, Optik oder Stahlproduktion” schrieben und lasen.

    Gerade erst hatte ich im von Jared Diamonds herausgegebenen Band “Natural Experiments of History” einen Aufsatz namens “From Ancien Régime to Capitalism: The Spread of the French Revolution as a Natural Experiment” entdeckt (erste Seite), der im Sinne des ganzen Buches mit den Mitteln der vergleichenden Geschichtsforschung die Auswirkungen der französischen Revolution auf die von Frankreich besetzten deutschen Gebiete untersucht.

    Natural Experiments of History Cover

    Als Indikator für die wirtschaftliche Entwicklung wurde die Verstädterung gewählt, und diese wurde zwischen den von Frankreich besetzten und den nicht besetzten Gebieten verglichen.

    Chart invaded/not invaded

    Noch deutlicher fällt der Unterschied aus, wenn die Gebiete, die nach der französischen Besatzung an Preußen fielen, wo die meisten der Veränderungen inkraft blieben, von den Gebieten getrennt werden, in denen die Veränderungen rückgängig gemacht wurden.

    Chart invaded/to Prussia/not invaded

    Das geschah alles ganz am Anfang des 19. Jahrhunderts und schuf die Welt, in der Marx - in der Einleitung zur “Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie” - schrieb: “Wenn alle innern Bedingungen erfüllt sind, wird der deutsche Auferstehungstag verkündet werden durch das Schmettern des gallischen Hahns.”

    Und das geschah alles vor der Höffnerschen “Wissensexplosion”, die bei den Netzdynamikern jetzt zur Selbstverlängerung in die Geschichte benutzt wird, weil das Traktatedichten und Fabrikdenken laut Höffner ohne Copyright rasanter vonstatten ging, und wohl auch weil nicht nur die Deutschen heute Technik der sozialen Umwälzung vorziehen.

    Der Osten wird weiter entkernt

    August 6th, 2010

    Als ich gestern am Marx-Engels-Forum die Bauzäune sah und die schon freigelegten Fundamente sämtlicher Bauten auf dem Platz, und dann auch noch feststellen mußte, daß die Erklärtafel so aufgestellt ist, daß man sie nicht lesen kann, dachte ich an Exarchia, wo irgendwann die Bauarbeiter kamen und den Brunnen abreißen wollten sowie überhaupt den ganzen Platz unfreundlich umgestalten. Da die Anwohner sich übergangen fühlten und auch nicht gefragt worden waren, warfen sie nach Diskussionen mit den Bauarbeitern die Baumaschinen in eine der ausgehobenen Baugruben und steckten sie in Brand. Heute gibt es, soweit ich weiß, den Brunnen immer noch und der Platz ist nett begrünt worden.

    Bauzaun um Marx und Engels Tafel, die nicht zu lesen ist Freigelegte Fundamente
    Bauzäune, unlesbares Schild, freigelegte Fundamente

    Hier ist es aber komplizierter, da auch an dieser Stelle die DDR dem Nationalsozialismus nachfolgte und es daher eine “Vielzahl zwischen 1933 und 1945 widerrechtlich enteigneter Grundstücke mit jüdischem Hintergrund innerhalb des heutigen Marx-Engels-Forums” gibt.

    (Eine slightly related Wortmeldung bei teilnahmebedingungen)

    Die letzten Rätsel und Geheimnisse

    August 5th, 2010

    Im Tagesspiegel wird wild spekuliert:

    >>Warum ein gutes Einkommen ein längeres Leben verspricht, können die Forscher aber nur mutmaßen. Eine Erklärung könnte sein, dass sich Gutverdienerinnen mehr und bessere medizinische Behandlung leisten können. Auch leben sie meist nicht in Gegenden mit hoher Kriminalität und Umweltverschmutzung, wo Menschen einen frühen Tod riskieren. Möglich ist auch, dass besser Ausgebildete mehr verdienen und zugleich besser über gesunde Lebensweise Bescheid wissen. Und ihre Jobs gefährden gemeinhin die Gesundheit weniger als bei schlechter ausgebildeten Menschen.<<

    Das ist dem bürgerlichen Alltagsverstand aber alles nicht wirklich einleuchtend, er dreht's lieber um:

    >>Allerdings ist der Studie zufolge auch ein anderer Wirkungszusammenhang denkbar: Wer oft krank ist, verdient auch weniger und macht vermutlich kaum Karriere. Womöglich ist dann auch das Risiko größer, den Job zu verlieren und eine Zeitlang arbeitslos zu sein – mit entsprechenden Folgen für das Einkommen. Reiche Männer sind gegenüber reichen Frauen dennoch im Vorteil: Bei ihnen verlängert sich das Leben doppelt so stark, wenn sie mehr verdienen, schreiben Breyer und Marcus. Warum das so ist, gelte es noch zu erforschen.<<

    Kein Forschungsbedarf besteht offenbar bei der Frage, warum manchen Menschen bessere Medizin, besserer Wohraum, bessere Bildung und bessere Arbeitsbedingungen zustehen als anderen, oder bei der Frage, warum das alles Menschen, die häufig krank sind, nicht so sehr zusteht.

    Was ist Kommunismus?

    August 4th, 2010

    “Was denken Chinesen über China?” wollte die FAZ wissen und fragte ihre Interviewpartner u.a. auch danach, was sie unter Kommunismus verstehen und ob sie China für kommunistisch halten.

    Liu Wei, 29, Börsenmakler und Anlageberater bei einem Pekinger Finanzunternehmen:

    >>Was ist Kommunismus?
    Den Prinzipien der Kommunistischen Partei nach ist Kommunismus das endgültige Ziel. Die Realisierung könnte sehr lange dauern. Marx zufolge muss eine Gesellschaft in ihrer Entwicklung durch den Kapitalismus gehen, danach durch eine Periode des Sozialismus, um am Ende den Kommunismus zu erreichen. Aber viele sozialistische Staaten haben die Entwicklungsperiode des Kapitalismus ausgelassen. Meiner Meinung nach ist Kommunismus in dem chinesischen Dorf mit dem Namen Huaxi verwirklicht. Alle Dinge werden dort in der Gemeinschaft geregelt, die Finanzen, die Produktion.
    Ist China kommunistisch?
    Natürlich nicht!<<

    Zhang Shangxia, 43, Gemüsehändlerin und Wanderarbeiterin aus der zentralchinesischen Provinz Anhui:

    >>Was ist Kommunismus?
    Davon verstehe ich nicht viel. Aber im Vergleich zu der Zeit, als ich jung war, ist es heute viel besser.
    Ist China ein kommunistisches Land?
    Ja, früher haben wir viel über Kommunismus gesprochen und Lieder darüber gesungen.<<

    Mipham Jamyang, 38, Leiter einer Schule für Wanderarbeiter und Angehörige nationaler Minderheiten:

    >>Was ist Kommunismus?
    Davon habe ich wirklich keine Ahnung. Aber ich glaube, die Hauptsache ist, dass den Menschen ein besseres Leben ermöglicht wird und sie Gerechtigkeit empfinden. Das ist ein Idealzustand. Sofern die Bevölkerung ein besseres Leben bekommt, ist es egal, was für ein “Ismus” es ist.<<

    Zhang Xiuzhen, 55, Hausfrau:

    >>Was ist Kommunismus?
    Alle Güter gehören der Gemeinschaft. Unser Land ist dabei, die Armut auszumerzen. Jetzt haben sogar die Bauern medizinische Grundversorgung. Der Unterschied zwischen Land und Stadt wird geringer. Ist das nicht Kommunismus? Wie auch immer, im Vergleich zu Amerika ist es auf jeden Fall viel besser.
    Ist China kommunistisch?
    Unsere Gefühle sind nicht mehr so rein wie damals, als wir noch Kinder waren. Als ich in der Mittelschule war und der Vorsitzende Mao starb, da haben alle geweint. Niemand würde heute so weinen, egal wer stirbt. Heute wollen alle Menschen reich werden. Damals lebten sie für die Gruppe, heute leben sie für sich selbst.<<

    Wang Dawei, 18, Rapper und angehender Geschichtsstudent:

    >>Was ist Kommunismus?
    Kommunismus ist ein Ideal und unmöglich zu realisieren.
    Ist China kommunistisch?
    Ich glaube nicht. Kommunismus bedeutet öffentlicher Besitz, aber seit die Reform- und Öffnungspolitik begann, ist das Privateigentum zurückgekehrt. Das Wirtschaftssystem ist Marktwirtschaft und keine Planwirtschaft. Marktwirtschaft ist Kapitalismus. Auch wenn die Regierung und Führung noch in einer kommunistischen Art organisiert ist - die Wirtschaft ist davon weit entfernt.<<

    Zhao Wensheng, 44, Teilhaber einer privaten Klinik in Peking:

    >>Ist China kommunistisch?
    China ist noch nicht so weit. Das Land hat sehr lange herumprobiert und ist immer noch in der Entwicklungsphase. Wir sind noch weit von dem Leben entfernt, das wir uns vorgestellt haben.<<

    Wang Cailiang, 56, Chef einer Kanzlei, die sich auf Fälle von Enteignungen spezialisiert hat:

    >>Was ist Kommunismus?
    Kommunismus heißt ein glückliches Leben für alle, in dem jeder seiner Arbeit nachgeht und niemand faul ist; jeder bringt sich ein und bekommt, was er braucht.
    Ist China kommunistisch?
    Kommunismus ist für uns ein Traum.<<

    Zhu Dongyu, 30, Lehrerin für chinesische Sprache an einer Mittelschule:

    >>Was ist Kommunismus?
    Ich weiß nicht. Ich habe nie „Das Kapital“ gelesen. Ich habe ein Buch gelesen, dort stand „Marx selbst war kein Marxist“. Ich bin mir sicher, dass wir seine Theorie missverstehen. Unser Konzept von Kommunismus ist, was uns in der Grundschule beigebracht wurde. Kommunismus ist ein Traum, ein Märchen.
    Ist China ein kommunistisches Land?
    China ist nichts Halbes und nichts Ganzes.<<

    Bald Massenflucht aus der linken Zone!

    August 4th, 2010

    Elke Wittich schreibt in der neuen “konkret” über die für Herbst angekündigte Hotline des “Aussteigerprogramms für Linksextreme”:

    >>Der Erfolg des Angebots ist dabei programmiert: In den ersten vier Wochen nach ihrem Start werden bis hinunter zum leidlich linksliberalen Teilzeitblogger Journalisten und Schreibende praktisch aller linken Publikationen auf die enorm lustige Idee kommen, Gespräche mit dne zweifellos zunächst äußerst überforderten Politcallcentermitarbeitern zu führen, in denen sie erklären werden, total superlinksextrem zu sein und mal hören zu wollen, was denn dabei herausspringe, wenn sie auf der Stelle damit aufhörten. Die Gespräche werden dann je nach der Unfähigkeit des Ausstiegshelfers als Interviews oder eben als mit vielen spitzen Bemerkungen versehener Fließtext publiziert, was vermutlich in den ersten Tagen zu viel Spaß, aber vermutlich auch zu der Meldung führen wird, daß das Aussteigerangebot auf eine ungeahnte Resonanz gestoßen und in Kürze mit einem rasanten Mitgliederschwund bei Linksextremistens zu rechnen sei.<<

    Wenn es dann irgendwann rein rechnerisch keine Linksextremen mehr gibt, machen einfach alle ein halbes Jahr lang nichts, und lancieren dann völlig unerwartete Riesenkampagnen. (Die ich aber vielleicht auch lieber aus der Entfernung verfolgen würde.)

    Helmut Höge hat nicht abgewartet, bis es die Hotline gibt, sondern sich einfach unter der Überschrift "Hilfe, ich bin links” ein Gespräch mit ihr ausgedacht, das zumindest eine schöne Stelle enthält:

    >>Höge: Erst mal, dass ich nicht immer so beleidigt bin. Das fängt morgens beim Zeitunglesen an: mit diesem ganzen angepassten Seich. Die mangelnde Radikalität ärgert mich manchmal so sehr, das ich mich in Gewaltfantasien reinsteigere.

    Hotline: Ich verstehe. Ja, da sollten wir uns wirklich Gedanken darüber machen, wie man das abstellen kann. Sie würden damit wieder Lebensfreude zurückgewinnen.

    Höge: Sie meinen, wie ich sie hatte, bevor ich lesen lernte?<<

    Wie es mit den Shirts weitergeht

    August 3rd, 2010

    Ich interpretiere das Umfrageergebnis (und die Mails und mündlichen Nachfragen) mal so, daß “Buffy The Slayer” am schnellsten wieder zu haben sein sollte. Wir werden eine leicht überarbeitete Version in den nächsten Tagen in Auftrag geben und dann hoffentlich in zwei bis drei Wochen anbieten können. Geb ich dann nochmal bekannt.

    Die anderen Motive liegen ziemlich gleich auf, und “Nein, nein, das ist nicht der Kommunismus” hat außer Konkurrenz auch ziemlich viele Stimmen bekommen. Das heißt, daß wir einfach eins nach dem anderen nachproduzieren werden, je nachdem, wie schnell die Shirts so weg gehen; jedes Motiv finanziert dann das nächste, or so is the plan…

    Wie schon angekündigt, werden alle Motive noch ein bißchen angepaßt - “Discordian Communism” wird vielleicht um den Marx mit dem Zankapfel ergänzt, “Was vor”- und “Entschwörungstheorie”-Cover werden shirttauglicher, und “Nein, nein…” bekommt möglicherweise auch noch ein Extra, mal sehen.

    Aber erstmal gibt’s “Buffy”.

    Drug research support box

    August 2nd, 2010

    Mein Westpaket: drug-related Bücher und Zeitschriften meiner Wahl aus Werners Sammlung, größtenteils zum Zwecke der inhaltlichen Verdichtung meines Buchs über Rausch, Sucht, Verbote und Vorschein (Arbeitstitel: “Leben im Rausch”), für das ich derzeit schon viel lese und konzipiere, das demnächst auch schon Vortragsthema und Artikelmaterial sein dürfte, das aber sicher noch ein Jahr brauchen wird, bis es fertiggestellt ist.

    Drug research support box

    Danke schön!

    2MWW4N64EB9P