Die Nachrichten aus Sachsen-Anhalt (5)

August 16th, 2015

Alles aus der “Mitteldeutschen Zeitung” und der Hallenser Ausgabe von “Bild” vom Samstag, dem 15. August 2015. (Zum Vergrößern auf die Bilder klicken.)

Zur Lage in der ZASt in Halberstadt, natürlich unter ausführlichen Verweisen auf die Menschen, die fieserweise nur aus den Regionen flüchten, wo der von Deutschland mitgeführte Krieg schon ein paar Jahre zurückliegt und es keine weiteren Fluchtgründe gibt als grauenvolles Elend:

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Zur Bewaffnung der Nazis:

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Zum Tumult bei einer Bürgerversammlung in Bad Kösen (weil schlecht zu lesen hier ein anderer Link zur MZ):

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Und noch ein Kommentar mit “Menschenströmen”, in dem Flucht aus wirtschaftlichem Elend gar keine richtige Flucht ist und der Kosovo kein von Krieg betroffenes Gebiet:

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Schon ein Lichtblick: eine Beschwörung der schnellen, unkomplizierten Hilfe.

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(Die Nachrichten aus Sachsen-Anhalt Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4)

Auftritte ab August

August 11th, 2015
  • Do, 20.08.2015, Köln, Fat of Excellence, 19 Uhr 30: Lesung “Leben im Rausch” mit musikalischer Umrahmung von Bob Humid, Numinos und Moogulator (Veranstaltungsseite)
  • Fr, 21.08.2015, Landau, Fatal: Konzert im Istari Lasterfahrer und Das Flug (FB-Event)
  • Sa, 21.11.2015, Siegen, VEB: Konzert mit Björn Peng
  • Sa, 28.11.2015, Hannover: Workshop Entschwörungstheorie
  • Weitere Buchvorstellungen zu “Sin Patrón” gibt es eventuell in Nürnberg und Berlin. Lose anberaumt sind außerdem Konzerte in Halle, Münster und Enschede. Irgendwann gibt’s wohl noch einen gemeinsamen Lese- und Musikabend mit dem lieben Einhorn in München.

    Wer auch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm.

    Kurze Zusammenfassung der Lage um Asyl, überfüllte Unterkünfte und die Weltmeister der Herzen

    August 8th, 2015

    Millionen Menschen sind auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Asyl beantragen können nur die, die es trotz der dichten EU-Grenzen in die EU schaffen. Es gab in den letzten Monaten Dutzende Anschläge auf ihre Unterkünfte und Hunderte Übergriffe gegen sie. Die Gesetze gegen sie wurden just verschärft; fast alle relevanten Entscheidungsträger betonen, sie wollen die Abschiebungen forcieren. Die Unterkünfte sind, trotz der bekannt hohen Zahlen von Flüchtenden, überfüllt und kraß unterversorgt. Wenn nun endlich angesichts der bestürzenden Zustände, der nationalistischen Stimmungslage und der ungenügenden staatlichen Unterstützung doch Hilfe aus der Bevölkerung kommt, ist das für die guten Deutschen keine überfällige Selbstverständlichkeit, sondern es findet gleich “ein zivilgesellschaftlicher Gänsehautmoment statt”.

    (Siehe auch gestern: Ja, mehr Flüchtende brauchen mehr Unterkünfte)

    Ja, mehr Flüchtende brauchen mehr Unterkünfte

    August 7th, 2015

    Heute wieder zu Besuch in der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber (ZASt) außerhalb von Halberstadt. Rosig waren die Zustände dort nie, doch gerade spitzt sich die Lage, wie auch in anderen Flüchtlingsunterkunften (Dresden, Berlin, Mannheim), kraß zu. In dem auch nach niedrigen Standards für maximal 1000 Menschen ausgelegten Plattenbaukomplex sind derzeit fast 1800 Menschen, davon Hunderte in Zelten, auch Familien mit kleinen Kindern. Die Trinkwasserversorgung wird knapp, die Leitungen sind für die Versorgung einer solchen Zeltstadt nicht ausgelegt. Die vor einem Monat noch vereinzelten Wohncontainer werden zudem gerade zu einer Anlage für 500 Menschen ausgebaut.

    Insofern ist die geplante und als Vorzeigeprojekt der “Willkommenskultur” gefeierte neue Außenstelle im benachbarten Quedlinburg, in der erst im September 150 und bis November 260 Asylsuchende unterkommen sollen, nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

    Es sei an alle in der Gegend wie auch anderswo appelliert, sich einerseits mit Sachspenden und praktischer Hilfe nützlich zu machen, aber sich vor allem für mehr und bessere Unterkünfte einzusetzen!

    Der dumme rassistische Pöbel

    July 29th, 2015

    (Posting ist eine Zusammenfassung mehrerer Facebook-Kommentare)

    Die Wendung gegen die (vermeintlich) mangelhafte Bildung bei rassistisch denkenden Menschen finde ich als Argument und sprachliche Figur immer nicht so glücklich, weil es die Abwertung, die sie äußern, lediglich mit einer anderen Abwertung beantwortet.

    Es geht mindestens genauso viel Bedrohung von denen aus, die ihren Rassismus besser verbrämen und sich gut ausdrücken können oder ihn kurzerhand zur Staatsdoktrin machen – die Leute, die Frontex organisieren und die gesetzlich regeln, daß von außerhalb der EU niemand in der EU Asyl beantragen kann, sind alle halbwegs gebildet.

    Menschen können ohne jede Schulbildung entscheiden, wogegen sie sich in welcher Weise zusammentun und zur Wehr setzen, und gegen Bürgerkriegsflüchtlinge vorzugehen, die vom Staat bereits in Lagern zusammengepfercht werden, ist eben nicht hauptsächlich dumm oder ungebildet, sondern eine rassistische Wendung gegen Menschen, an denen man sich (meist staatlicherseits bis zu einem gewissen Punkt geduldet) auslassen kann.

    Umgekehrt geht Rassismus nicht weg, weil Menschen zum Gymnasium gehen – die dort ausgebrütete deutsche “Mittelschicht” ist ein Hort jeglichen Ressentiments gegen Arme, Schwache, Faule, Kranke, Verrückte, die alle irgendwie selber schuld sind und sich nicht helfen lassen, während man selbst gerade wegen der hervorragenden Bildung, hohen Sensibilität und des vom Rest der Welt nicht verstandenen Weltschmerzes gar nicht rassistisch sein kann, sondern eben nur wirklich klüger, besser ausgebildet und zu Recht erfolgreicher ist als der Pöbel.

    Noch nicht angerissen dabei ist, wie Bildung selbst von lauter Ausschlüssen umgeben ist, die vielen, die Zugang zu ihr haben, entweder nicht bewußt sind oder die sie wieder naturalisieren: Talent muß gefördert werden, kommende Eliten dürfen nicht von geringem Lernniveau behindert werden, manche Menschen sind eben einfach von Natur aus arm…

    In dieser kleinen Tabelle hatte ich zuletzt schon mal aufgeführt, wie sich die Abwertung gegen die Dummen und Ungebildeten in die übrigen Abwertungen einreiht und wie sie alle eben Abwertungen im Wortsinne sind – Versuche, selbst als was Besseres durchzugehen bzw. sich als was Besseres vorzukommen, um letztlich seine eigenen Waren oder seine Arbeitskraft teurer oder überhaupt verkaufen zu können:


    Die Spaltungen der Klasse

    (Zu Abwertung und Abgrenzung siehe auch: Nicht mitspielen! und Es muß immer jemand anfangen)

    Please enjoy and taste many Japanese products!

    July 18th, 2015

    Australischer Wrestler & Crossdresser tut sich mit einer Art “Babymetal”-Fortsetzung zusammen. Abgesehen davon, daß das klatscht wie Keks – was ist da zu sehen? Im Stahlbad zerschmolzene oder über Bande umso mehr befestigte Geschlechterrollen? Völlige Kapitulation vorm Warenkonsum oder Freiheit durch Overperformance? Verrückteste Künstlichkeit oder falsche Abstraktion? Explosion der Kombinationen oder Hohldrehen des Ewiggleichen? Kulturantiimperialismus oder innerimperialistische Kulturkonkurrenz? Wiederbelebungsversuch für die japanische Tourismusindustrie oder Pinkwashing der postfaschistischen Gesellschaft? Außerdem: rote Halstücher und einblendbare englische Untertitel.

    Es muß immer jemand anfangen

    July 17th, 2015

    Die Haltung, das Schlimmste zu verhindern, bevor und damit Richtiges passieren kann, führt angesichts von immer schlimmerem Schlimmem in immer schrillere moralische Anklagen, in denen Abgrenzung und Abwertung gegen Abgrenzung und Abwertung gesetzt werden (je nach Thema und Personenkreis: Sexismus gegen rechts und oben, Unterschichtengebashe gegen Rassismus, selbst Angelesenes gegen Nicht-Gelerntes, Behindertenfeindlichkeit und Pathologisierung in so ziemlich alle Richtungen).

    Dabei ändert die Gesamtlage und die (eh kaum noch sinnvoll zu leistende) Prognose kaum etwas daran, daß immer alles getan werden muß, was getan werden kann: daß immer aller Widerstand, alle Hilfe und Solidarisierung geleistet werden müssen, daß immer alles noch besser verstanden und erklärt werden muß, aller sinnvoller Zusammenschluß passieren, alle nötige Trennung vorgenommen und alle irgend praktikable Aneignung gestartet werden muß. Die Grenze bilden die Kapazitäten – alles andere ist doch Ausrede.

    Also: anfangen, weitermachen, nicht aufhören! Von alleine wird’s bloß immer noch schlimmer.

    Nicht mitspielen!

    July 12th, 2015

    Anderswo kommentierte ich auf die Frage nach einer angemessenen Reaktion auf die gegenwärtigen Äußerungen von Nationalismus und besonders Rassismus gegen Griechenland (und gegen Flüchtende):

    ich versuch’s mal zu beantworten, weil es doch Gründe hat und vom Mitschimpfen nicht weggeht: in dieser Liste äußert sich m.E. Rassismus, der die nicht mehr selbsterklärende Nation vorwärtsverteidigt und in dem die üblichen Abwertungen und Abgrenzungen, die sonst binnengesellschaftlich gegen die “zu armen” und “zu reichen” Mitbewerber in der Konkurrenz um den gesellschaftlichen Reichtum (also vor allem die “Ausbeutungsplätze”) gerichtet sind, nach außen geschleudert werden – und dagegen hilft m.E., wie gegen Ideologie insgesamt, zuallererst Klassenkampf bzw. die Anstiftung dazu, begleitet von einer Perspektive auf die Überwindung dieser Ordnung von Konkurrenz und Ausbeutung, die solcherlei Ideologie zusammen mit dem ganzen vermeidbaren Leid auf der Welt produziert (Moralisieren, Skandalisieren, Pathologisieren usw. spielt das Spiel von Abwertung und Abgrenzung eher mit, kann allenfalls manchmal taktisch helfen, meist aber nichtmal das)

    Das heißt, gegen die akuten Auswirkungen muß protestiert und sich, so gut es eben geht, gewehrt werden, gegen die Ursachen richtet aber nichts aus, wer das Spiel einfach in anderer Rolle mitspielt – dieses Spiel muß, so gut es eben geht, aufgekündigt werden und andere müssen dazu ermutigt werden, das auch zu tun.


    Standbild aus “Nazion”

    Bildinterpretation

    July 10th, 2015

    Aufgaben:

    1. Nenne mindestens zwei historische Bilder, auf die in dieser Karikatur aus der Mitteldeutschen Zeitung von heute angespielt wird!
    2. Versuche, diese Bilder mit dem Tagesgeschehen zu verbinden!
    3. Welche Formen von Ideologie bildet der Zeichner ab?
    4. Gründe oder unterstütze eine kollektive Aneignungsbewegung, die diesen Ideologieformen die Grundlage entzieht!

    Wo die Nazis herkommen

    July 4th, 2015

    Weil ich’s zuletzt öfter mal erwähnt habe und es niemand kannte: in der englischsprachigen Wikipedia gibt es diese höchst vielsagende Übersicht über bekannte Mitglieder der Freikorps, die auch zeigt, was später aus ihnen geworden ist – Himmler, Hoess, Heydrich, Röhm, große Teile der Nazi-Elite. Sie wurden Nazis, als sie im Auftrag der SPD-Parteiführung die Arbeiterrevolution zusammenschossen – so ging das mal los damit. Oder noch kürzer: “die” gab’s und gibt’s wegen und gegen “uns”. (Und ähnlich lief’s in fast jedem anderen Land: die Faschisten kamen oder wurden gerufen, um die Revolution niederzuschlagen.)

    List of Freikorps members.

    Nachrichten aus Sachsen-Anhalt (4)

    July 3rd, 2015

    Unter der Überschrift “Verzweifeltes Warten auf Post” schildert die Mitteldeutsche Zeitung heute auf ihrer Titelseite das ergreifende Schicksal des Wasserversorgungsunternehmens Midewa und vor allem von dessen Monteuren, die nun wegen des Poststreiks manchmal Leuten nicht das Wasser abstellen können:

    Lernziel

    June 30th, 2015

    Für jene, die als Reaktion auf Tröglitz, Freital und Meißen (und auch bei anderer Gelegenheit) schrieben, die Menschen hätten aus den frühen 90ern “nichts gelernt”: damals ist im Anschluß an tödliche rassistische Unruhen das Asylrecht bereits massiv verstümmelt worden, und auch jetzt kann der empörte und besorgte Bürger “lernen”, daß sich was bewegen läßt in der Demokratie:

    Wo der Aufstand anfängt

    June 28th, 2015

    «Nein, es ist nicht feministisch, in einer Beziehung sämtliche Care-Arbeit von Frauen verrichten zu lassen. Oder ständig zu verlangen, als sorgender Vater und Hausmann tagtäglich gelobt zu werden für eine Sache, die für Frauen als Selbstverständlichkeit gilt. Oder Druck, Eifersucht und Stalking-Verhalten damit zu rechtfertigen, dass man ja so ein ganz besonders empfindsamer feministischer Mann sei.”»

    Schlotte Kamuffel: Können Männer Feministen sein?

    Zu sinnlos gescheitert

    June 9th, 2015

    Neueste kommunistische Jugendliteratur

    Ich wurde gebeten, das Büchlein “Vom Sinn des Scheiterns” von Lena Hofhansl als “Drogenroman” zu besprechen und kann dem teilweise nachkommen. Zur literarischen Besprechung fühle ich mich nicht berufen, verweise auf meine wiederholten Erklärungen, daß mich die meiste Belletristik einfach langweilt – formal zu konventionell, zu vorhersehbar, zu einfache Identifikationsangebote, zu wenig Hip Hop, zu wenig Samples, zu wenig Brüche, zu wenig Verwirrung, zu wenig Technik und Logik und Experiment und solche Sachen.

    Das gilt nun leider für den vorliegenden Text ganz ähnlich, so daß ich da vielleicht manche Nuancen auch nicht wahrnehme – ob nun diese Art von Namedropping (“Jeder sollte ein bißchen Pink Floyd hören” … “So wie Eminem”), Referenzen und Posen (“Soll ich dir mal zeigen, wie das aussieht? Der perfekte Blowjob?”) besonders plump oder filigran ist, ob das Buch als Jugendroman besonders gut funktioniert oder nicht, ob die Sprache, die Inhalte und die Beziehungsprobleme zeitgemäß und aus dem Leben gegriffen sind (“Dabei ist das Alternative doch das neue Massentaugliche”), die Darstellung im Rahmen der Form gelungen oder die Form clever ausgenutzt ist, weiß ich einfach nicht zu sagen, kann ich schlecht beurteilen.


    Zum Buch auf der Seite von GegenKultur

    Zu dem Teil mit den Rauschmitteln kann ich mehr sagen. Zuallererst, daß der Rausch, der hier vorgestellt wird und um den’s geht, so gut wie nur aus den Drogen kommt und auch insoweit fast vollständig verdinglicht ist, daß er entweder als Betäubung oder Kompensation funktioniert, die Drogen sozusagen nur als Betäubungsmittel benutzt werden, die Logik des BtmG von der Seite der Rechtssubjekte nachgebildet wird: Ja, seht her, wir machen das wirklich bloß, um uns zu betäuben – “Wie soll man die Scheiße denn sonst aushalten?”

    Das ist ja auch fraglos ein gewichtiger Teil der Sache und spielt offenbar in der geschilderten Lebenswirklichkeit eine große Rolle. Aber die Frage stellt sich, warum es dort so vollständig so aussieht, warum der Rausch dort so vollständig in seiner Warenform aufgeht: “Um unsere Gefühle ausdrücken zu können, brauchen wir fünf Longdrinks oder zwei Teile.” Und da hab ich das nächste Problem: daß das irgendwie nicht meine Welt ist und sie mir durch diesen Text auch nicht nähergebracht wird. Diese Welt von unterschiedlich sehr wohlhabenden weißen, größtenteils gesunden Deutschen in und um Stuttgart, die hauptsächlich in Stuttgart sind, über Stuttgart reden und nachdenken, mit Menschen aus Stuttgart zu tun haben und Stuttgarter Probleme haben, die vermutlich fast alle Menschen auf der Welt lieber hätten als ihre eigenen. Der sympathische Teil des Plots, die kriminellen Umverteilungsaktionen, kommen größtenteils Einrichtungen in und um Stuttgart zugute.


    Trailer zum Buch

    Die Perspektive, den Rausch so komplett auf Ware, Betäubung und Kompensation runterzubrechen, zeigt sich auch deutlich in der konkreten Schilderung des Drogenrauschs an verschiedenen Stellen – nirgendwo ist der Eindruck zu gewinnen, daß sich da mal mehr Gedanken drüber gemacht wurde, was da passiert in Nerven und Körper; es kommt die Idee nicht auf, es beim Rausch mit etwas Erlernbarem, Erkundbaren zu tun zu haben (bzw. bleibt das eben als “Indianer”-Sache exotiert), und an manchen Stellen liest es sich so erfahrungsfern oder minderinformiert wie bei der BzgA.

    Wenn es etwa heißt, daß MDMA “langsam die Serotoninschleusen im Gehirn” öffnet, deutet das auf einen recht gedankenlosen und eben auch sehr warenförmigen Gebrauch hin – auf der Empfindungsoberfläche nachvollziehbar, aber es fehlt der ganze Teil, wie diese Substanz “über Bande” wirkt, wie die Wiederaufnahmehemmung das Gehirn auf Vorfreude schaltet, wie also die Schleusen immer noch selbst geöffnet und das Serotonin immer noch selbst ausgeschüttet werden muß usw.

    Nur bei der geschilderten Bulimie blitzt mal der Rausch auf, den der Körper selbst macht und sich selbst verschafft – wenn auch vermittelt über Nahrung, Selbstbelohnung/bestrafung und Zwangsverhalten schon als abhängiger, eingeklemmter Rausch.

    Zum Drogenhandel und zur Arbeitswelt im Buch: die meisten können sich (in Stuttgart) offenbar schon mindestens ein bißchen aussuchen, wie sie sich ausbeuten (und dafür ausbilden) lassen wollen, und die Protagonistin Alice funktioniert schon als besonders arm, nicht weil sie arbeitslos ist, sondern weil sie eher prekäre Scheißjobs machen und sich noch um andere Leute kümmern muß – die Entfernung vom Rest der Welt ist wie gesagt recht groß. Die Problematisierung etwa bestimmter Eintritts- und Getränkepreise ist von außerhalb (für mich) nur schwer nachzuvollziehen.

    Alice hat zwei, drei gute Stellen, in denen sie die Erwartung bricht (“Ich liebe dich, Alice.” – “Du schmeckst nach Kotzesuppe.”) – das rastet aber schon über die Kürze des Textes eher zur Masche ein.

    So deprimierend die Enge der erzählten Perspektive, gerade im Verhältnis zu den offenbar zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, schon ist, so ernüchternd funktionieren auch die eingestreuten GSP-Erklärpassagen, die zwar immerhin und erstaunlicherweise einmal in ein Plädoyer für Arbeitsverweigerung, Streik und Zusammenschluß münden, gerade damit aber seltsam neben der Handlung und den Personen im Buch herumstehen.

    Schade insgesamt.


    Lesung mit der Autorin

    Auftritte im Juni & Juli

    June 3rd, 2015
  • Do, 04.06.2015, Halle, VL, 18 Uhr: Buchvorstellung & Aufwiegelung “Sin Patrón” zu den instandbesetzten Betrieben in Argentinien (Ankündigung)
  • Do, 18.06.2015, Greifswald, IKUWO, 20 Uhr: Vortrag Entschwörungstheorie
  • Sa, 20.06.2015, Potsdam, Spartacus, ab 20 Uhr: Vortrag “Der kommende Aufstand” – Anstiftung und Ausrede, danach Breakbox-Aftershow (FB-Event)
  • Di, 30.06.2015, Frankfurt/Main, Café Koz, 18 Uhr: “Die große Klimaverschwörung? Verschwörungstheorien und Klimawandel” (mit Johannes Klaffke) (FB-Event)
  • Do, 15.07.2015, Würzburg, Kult, 20 Uhr: Buchvorstellung & Aufwiegelung “Sin Patrón – Herrenlos. Arbeiten ohne Chefs” (FB-Event)
  • Mi, 22.07.2015, Frankfurt/Main, PEG-Wiese: Auflegen bei “Semesterabschluszsause” (FB-Event)
  • Do, 23.07.2015, Siegen, HaSi: Buchvorstellung & Aufwiegelung “Sin Patrón – Herrenlos. Arbeiten ohne Chefs” (FB-Event)
  • Eine weitere Buchvorstellung zu “Sin Patrón” gibt es eventuell in Nürnberg. Lose anberaumt sind außerdem Konzerte in Münster und Enschede. Später im Jahr gibt’s wohl noch einen gemeinsamen Lese- und Musikabend mit dem lieben Einhorn in München.

    Wer auch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm.

    Nachrichten aus Sachsen-Anhalt (3): Kiffen & Fortpflanzung

    May 27th, 2015

    Nachdem Sachsen-Anhalt zu der Überzeugung gelangt ist, daß erstens Sachsen-Anhalt heillos überfüllt ist und zweitens nicht tatenlos zugesehen werden dürfe, wie die überzähligen Fremden (und ihre verwirrten linken Freunde) Verzweiflungstaten aus der Bevölkerung zum Opfer fallen, weshalb die Fremden beschleunigt ausgewiesen werden – nachdem nun also alles klar ist und bald wieder Ruhe und Frieden in Sachsen-Anhalt einkehren werden, kann es sich Sachsen-Anhalt auch ein bißchen netter machen und mit einer heute ganzzeitig in der Mitteldeutschen Zeitung angepriesenen Cannabis-Freigabe (Foto von der ganzen Seite) Heerscharen von Künstlern und Touristen nach Sachsen-Anhalt (überfüllt) locken.

    Soweit, so bekannt – in “Leben im Rausch” schrieb ich über die 90er Jahre, daß sich die Gesellschaft damals “offenbar anders als durch die Abstinenz von Rausch zu reinigen gedachte und (…) sich schon bald, als die Grenzen wieder halbwegs dicht waren, für mehrere Jahre scheinbar zumindest dem Cannabisrausch öffnete”.

    Doch Punkt 10 der in der MZ aufgeführten Vorzüge einer Cannabis-Legalisierung für Sachsen-Anhalt geht noch weiter und malt – ungetrübt von jeglicher Debatte über Intersektionalität oder dergleichen – aus, wie das mit Fremden überfüllte Sachsen-Anhalt wieder mit Deutschen gefüllt werden könnte, wenn sie nur einfach bekifft manchmal das Kondom weglassen:

    “Sin Patrón”-Rezension: Ist das noch Kapitalismus?

    May 20th, 2015

    Bei Keinort ist eine Besprechung meiner Übersetzung von “Sin Patrón – Herrenlos. Arbeiten ohne Chefs” erschienen, die leider recht erwartbar die Gegenstandpunkt-Position zu Genossenschaften und Klassenkampf wiedergibt. Peter Schadt zitiert dort zwar zustimmend Teile meiner Kritik am Buch aus dem Vorwort, teilt aber meine Einschätzung (und auch die vieler der Beteiligten dort, deren Bewußtsein von ihrer Situation er übrigens zu unterschätzen scheint) nicht, daß zumindest die nicht von der Regierung kooptierten instandbesetzten Betriebe und Schulen einen massiven Organisierungs- und Politisierungseffekt haben, der die Frage von Sozialisierung und Sozialismus für Tausende in Argentinien wieder aufwirft.

    Überhaupt macht Schadt keinen Unterschied zwischen den Kooperativen, die sich – mehr oder weniger freiwillig – auf die Seite der Regierung geschlagen haben, und der Mehrheit der Betriebe, die an ihren Prinzipien festhalten und weder Einkommens- noch formales Machtgefälle zulassen. In den meisten fábricas recuperadas bekommen nach wie vor alle Mitglieder den gleichen “Lohn” (Anteil am Gewinn) und ebenso beschließt auch weiterhin die ständig einberufbare Vollversammlung aller Mitglieder alles für den Betrieb Relevante.

    Hier gibt es einen Unterschied zwischen Form und Inhalt, der Schadt entgangen zu sein scheint: formal sind die instandbesetzten Betriebe “Arbeiterkooperativen”, also Genossenschaften, und als solche natürlich Teil des kapitalistischen Marktes und seiner Konkurrenz. Nach innen funktionieren sie aufgrund der egalitären Prinzipien aber eher wie ein Arbeiterrat, also wie eine jener Durchgangsstationen zur allgemeinen Sozialisierung, wie sie in vielen Revolutionen, namentlich in der deutschen von 1918-23, angestrebt wurde. Das heißt: natürlich sind diese Betriebe noch kein Sozialismus, natürlich muß dort profitabel gewirtschaftet werden, und das ist den Beteiligten auch größtenteils klar, doch in der Logik des Aufstandes stellen sie mögliche Durchgänge dar, Einrichtungen der bestehenden Gesellschaft, die schon im Rahmen des Kapitalismus, so gut es geht, auf eine Weise verändert werden, das sie weitere und weitergreifende Veränderung begünstigen können.

    Insofern ist es auch besonders pikant, daß die Besprechung mit einem Zitat von Rosa Luxemburg zur Idealisierung der Produktivgenossenschaften schließt. Sie erkennt ihnen darin 1899 die mögliche Funktion ab, die die Genossenschaften 1919, schon nach Luxemburgs Tod, in der deutschen Revolution spielen sollten: im März 1919 (und zum Teil noch lange danach) wurde von Millionen von Arbeitern in Deutschland der Weg vom Massenstreik über die Sozialisierung zum Sozialismus eingeschlagen, und sie konnten letztlich nur durch mieseste Verschaukelei seitens der sozialdemokratischen Führung und den offenen Terror der Freikorps daran gehindert werden, ihn zu Ende zu gehen. Dabei spielte der Zusammenschluß und die genossenschaftliche Aneignung unter noch nicht sozialistischen Bedingungen eine zentrale Rolle.


    Literaturempfehlung zum März 1919: “Massenstreik und Schießbefehl” von Dietmar Lange

    Auch würde ich Schadts Rede von den kritischen Urteilen, “die keineswegs aus bloßem Zusammentun” folgen, die Frage entgegenhalten, woher sie denn sonst kommen, woher denn die gründliche Kritik des Bestehenden und die Grundlagen auch der Marxschen Urteile stammen, ob sie denn ohne die Klassenkämpfe, die ihnen vorausgingen und sie begleiteten, denkbar wären.

    Hier mag es einfach Unterschiede in der Einschätzung und vielleicht auch gerade in der Rezeption der Revolution 1918/19 geben, die Stellung des argentinischen Staats zu den fábricas recuperadas ist aber einfach falsch wiedergegeben. Unterschiedslos sollen sie ihm nützlich sein, er habe sie zugelassen und legalisiert. Überhaupt würden die Instandbesetzer, statt wie die Piqueteros “den Aufstand zu proben”, “Teile der Produktion und ihre eigene Reproduktion” aufrechterhalten. Wie schon erwähnt, gibt es unter den Betrieben kraß verschiedene Haltungen zur Regierung, die unermüdlich daran wirkt, die noch nicht kooptierten Betriebe zu erpressen und zu vereinnahmen, an den meisten damit aber weiterhin scheitert. Die meisten der Enteignungsgesetze sind auf regionaler Ebene zäh erstritten und befristet.

    Insofern kann von Duldung nur unter schweren Auflagen die Rede sein, die eben für die meisten Betriebe nicht hinnehmbar sind – namentlich die Abschaffung der Einkommens- und Entscheidungsgleichheit, meist die erste und wichtigste Forderung der Regierung, von den Arbeitern als Angriff auf ihre schwer erkämpfte Einigkeit abgelehnt, der sie leichter erpreßbar machen soll. Am Aufstand in Argentinien 2001/2 waren neben der Erwerbslosenbewegung der Piqueteros auch die verarmte “Mittelklasse” und auch schon Teil der Instandbesetzungs-Bewegung beteiligt – von den Piqueteros und der “Mittelklasse” ließen sich die meisten sehr schnell beschwichtigen und einkaufen, von den Betrieben sind nach wie vor die meisten renitent – und es werden mehr.

    P.S. “Was auch immer da linksradikal heißen mag…” – es heißt zum Beispiel sowas: 6000 Leute, die sich treffen und “Wir sind der Tod des Kapitals” rufen.

    Hier geht’s zur Rezension:

    .

    Die Nachrichten aus Sachsen-Anhalt (2)

    May 18th, 2015

    Wie bereits berichtet, ist Sachsen-Anhalt unzumutbar überfüllt – in manchen Orten sind bis zu 80% der Wohngebäude bewohnt, oft wohnen in Asylbewerberunterkünften bis zu 100% Nicht-Deutsche – und der von Medien und Politik erfaßte Teil der Bevölkerung nimmt das, anders als seine flächendeckende Enteignung und Verarmung, nicht länger hin: unmittelbar nach dem Feiertag zur Verherrlichung des männlichen Geschlechts kam es zu mindestens fünf schweren rassistischen Übergriffen, darunter einer lebensgefährlichen Körperverletzung und einem Brandanschlag. Die Polizei weiß wenigstens in einem Fall den “Auslöser”, nämlich “die Hautfarbe des Opfers”. Mancherorts wird auch gegen die bedrohlich zu Gruppen von teilweise bis zu einem Dutzend angeschwollenen sogenannten “Linken” vorgegangen, am Wochenende trafen Gullydeckel die Bitterfelder Parteibüros ihrer parlamentarischen Helfershelfer. Doch die Politik sieht nicht tatenlos zu, sie unternimmt kühne Schritte, und so kann die Mitteldeutsche Zeitung titeln: “Deutlich mehr Abschiebungen”.

    Die Nachrichten aus Sachsen-Anhalt

    May 13th, 2015

    Sachsen-Anhalt ist überfüllt und kann angesichts der steigenden Menschenflut, die hereinzuprasseln droht (10000 Asylanträge dieses Jahr, entspricht etwa einem halben Prozent der Bevölkerung), die Neuankömmlinge nur noch in Nazikäffern und in Wohncontainern unterbringen. Die um sich wuchernden Metropolen des Boom-Landes (Bevölkerungsentwicklung seit 1990: minus 20 Prozent) lassen einfach keinen Platz mehr für die ohnehin schon zu vielen Ausländer (Anteil an der Bevölkerung: 2,5 %), die einem die Arbeitsplätze wegnehmen und/oder faul auf der Tasche liegen, je nachdem.

    Streiklage: hohe Beteiligung, Ausweitung, Gegenpropaganda

    May 12th, 2015

    Die Streikbeteiligung bei der GDL hat entgegen vieler Mediendarstellungen nicht etwa ab- sondern noch mal zugenommen: “Im 138-stündigen Streik im DB-Güterverkehr sind über 50 Prozent der Züge ausgefallen. In den 127 Stunden im Personenverkehr waren es bis zu 70 Prozent im Fern- und bis zu 90 Prozent im Regionalverkehr. In dieser Woche waren beim Zugpersonal im Durchschnitt täglich mehr als 3 300 Mitglieder der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) im Ausstand. Das sind noch wesentlich mehr als bei den vorangegangenen Streiks.”

    Und wenn die Bahn sich nicht langsam mal regt, streikt auch die EVG:

    «“Nach fast einem Jahr intensiver Verhandlungen wollen unsere Mitglieder endlich ein Ergebnis, zumal ein Großteil unserer Forderungen bereits am Verhandlungstisch erfüllt wurde”, sagte EVG-Verhandlungsführerin Regina Rusch-Ziemba. Dafür gebe es noch zwei Verhandlungstermine: den 12. und den 21. Mai. “Entweder wir haben dann einen abschlussreifen Tarifvertrag auf dem Tisch liegen, oder es kracht – dann aber richtig”, sagte Rusch-Ziemba in einer für die EVG unüblich harten Tonlage.»

    Beim Magazin für Kartografik und Sozialwissenschaft “Katapult” schreibt Tim Ehlers zur abgebildeten Karte: “Wir geh’n zum Streiken in den Keller, außerhalb der Arbeitszeiten und nicht so laut. In Deutschland wird viel geschimpft. Bis die Deutschen für ihre Rechte auf die Straße gehen, kann es jedoch ein wenig dauern.” Ändert sich das gerade wenigstens mal ein bißchen?

    Das Imperium schlägt indessen zurück – für den DGB wirft sich ein Dr. Reinhard Bispinck auf “Gegenblende” ins Getümmel, schreibt “Zur Rolle der Berufs- und Spartengewerkschaften in der Tarifpolitik” und fragt nur mal so: “Ist wirklich alles Gold, was glänzt?” Darauf wurde hier bei Facebook m.E. angemessen geantwortet: “Ein Versuch die Abschlüsse von DGB Gewerkschaften besser aussehen zu lassen als die von Berufsgewerkschaften.”

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