Schlecht verstandene psychedelische Erfahrungen in postmoderner Philosophie

July 29th, 2010

Guter Trip:

>>Symbole sind Mittel, wohl die wichtigsten Mittel, mit denen wir der Welt um uns herum Bedeutung verleihen. (…) Vielleicht der auffälligste Aspekt dieses symbolischen Prozesses ist, wie Kertzer bemerkt, “sein Für-selbstverständlich-gehalten-Werden.” Menschen sind sich nicht unbedingt bewußt, daß sie selbst und ihre Kultur die Welt mit ihrer eigenen symbolisch konstruierten Version der Realität ausstatten. Ganz im Gegenteil glauben die Leute, daß die Welt sich einfach in der Form darstellt, in der sie wahrgenommen wird.<<

Schlechter Trip:

>>…sobald wir anerkennen würden, in welchem Ausmaß unsere Realitätsvorstellungen Produkt eines künstlich erschaffenen Symbolsystems sind, so wäre [es], wie Kenneth Burke klarmacht, “als würden wir über den Rand der Dinge in einen unendlichen Abgrund blicken”.<<

Und die Folgen:

>>Durch Symbole begegnen wir dem Erlebnischaos, das uns umgibt, und schaffen Ordnung. Durch die Objektivierung unserer Symbolkategorien statt ihrer Betrachtung als Produkte menschlicher Schöpfung sehen wir sie als gewissermaßen Produkte der Natur, “Dinge”, die wir einfach wahrnehmen und erkennen.<<

"Üben, üben, üben!" (Wolfgang Neuss)

(Zitate aus dem Text, den ich gerade übersetze: “Ihr redet von Sachbeschädigung, wir reden über Menschenleben. Wahrnehmungen von Gewalt unter griechischen anarchistischen Gruppen” von Panagiotis Papadimitropoulos/Void Network, Übersetzung ist noch roh, I know…)

Rasthof Bergstraße -> Berlin

July 29th, 2010

Mit einem Jesus-Freaks-Pärchen an Frankfurt vorbei, sie wollen zum Freakstock, sind aber vergleichsweise entspannt und scheinen in puncto Abtreibungsfrage nicht ganz auf der Linie zu liegen.

Von Wetterau mit einem Sonderschullehrer, der laut und enthusiastisch seine Musikpädagogik und seine Barocklaute vorstellt, verschiedene Anekdoten aus der Welt der Behindertenarbeit ausbreitet. Er ereifert sich über fehlende Mittel und schlecht ausgebildete oder unmotivierte Kolleginnen (er sagt immer “Personal”); geht seltsamerweise davon aus, daß die meisten Leute es gut finden würden, wenn möglichst viel Geld für die Beschäftigung mit Behinderten ausgegeben wird.

In den Rasthof Harz kurz reingeschaut, viel zu voll war es, wieder den ersten an der Tanksäule angequatscht, der fährt - das dritte Auto - nach Berlin, ein Italiener, der seit einer Weile in Deutschland arbeitet und von seiner Drogenvergangenheit erzählt. Die meisten seiner früheren Kumpels aus seinem Heimatdorf sind mittlerweile Junkies, er hatte seiner Meinung nach deshalb Glück, weil er nicht daheim war, als sie von Dope auf H umstiegen. So blieb er beim THC, was er sich allerdings verkneift, seit er in Deutschland Lieferwagen fahren muß. Er hatte ganz offensichtlich solche Lust auf marokkanische Schokolade…

Stimmen zur Love Parade

July 28th, 2010

Jürgen Elsässer:

>>Dieses Land ist „arm, aber sexy“ (Wowereit) und sucht den finalen Kick im kollektiven Suizid, der Selbstauflösung. 19 Leute totgetrampelt? Egal, die Love Parade geht weiter. So wie der Afghanistan-Krieg. (…) Aber niemals hätte die Katastrophe einen so hohen Blutzoll gefordert, wäre die Horde nicht besoffen, bekifft, zugekokst, vollgedröhnt und sonstwie chemisch vergiftet gewesen. Die Love-Parade und alle anderen Massenveranstaltungen der Rauschgift-Mafia sind nach dieser Katastrophe zu verbieten!<<

Eva Herman:

>>Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen. Was das angeht, kann man nur erleichtert aufatmen!<<

(via Torsun)

Und der Nachschlag von Eva Herman:

>>Natürlich übe ich in dem Artikel, wie immer übrigens, Kritik an den Urhebern des allgemeinen Sittenverfalls, wozu meines Erachtens hauptsächlich die sogenannten Achtundsechziger gehören. Sie haben Werte wie moralischen Anstand nahezu abgeschafft. (…) Natürlich ist mir klar, dass alle jungen Leute zu allen Zeiten sich anhören mussten, dass es »früher ganz anders und viel besser war«. Nur mit dem Unterschied, dass die gesellschaftlichen Strukturen - übrigens nicht nur in Deutschland alleine, sondern in nahezu ganz Europa - sich derzeit bereits in der Komplettauflösung befinden. Und kaum jemand tut etwas dagegen! (…) Jeder, der es noch wagt, dagegen zu sprechen, wird als Ewiggestriger oder als Störenfried der Gesellschaft bezeichnet. Aber sei es drum, mit dieser Zuweisung lebe ich inzwischen ganz gut. Denn es ist klar, dass man sich heutzutage nicht jedermann zum Freund machen kann mit diesen Ansichten. Dennoch wäre es wünschenswert, dass man wenigstens Diskussionen über Wert und Unwert solcher Partys zuließe.<<

Berlin -> Löhrbach

July 27th, 2010

Wenig Wettbewerb in Nikolassee, und das erste Auto war schnell und fuhr nach irgendwo zwischen Wiesbaden und Koblenz. Allein, es war sehr klein, es war sehr eng, so daß ich nur so lange mitfuhr, bis meine Beine endgültig eingeschlafen waren, also bis zum Rasthof Eisenach. Gesprächsthema mit dem fahrenden Pärchen: der Panikausbruch auf der Love Parade, inwiefern es eine Stadt der Größe Berlins für diese Veranstaltung braucht, eine Stadt ihrer Selbstverständlichkeit von Menschenmengen, Feierei und Drogengebrauch. Sie: “Das könnte doch auch mal in die Planung und Vorüberlegung mit einbezogen werden, daß das ein Event ist, wo die meisten auf chemischen Drogen unterwegs sind - und dann muß man das anders aufziehen.”

Mit dem zweiten Auto, darinnen ein Linksradikalen-Sympathisant aus Schwäbisch Hall, der den Club Alpha als Auftrittsort empfahl und mit dem es um die Entwicklung der letzten Jahre im linken Universum ging, kam ich schon bis nach Heppenheim, wo ich an der B3-Ausfahrt aber prompt eine Dreiviertelstunde rumstand, zum Teil, weil Autofahrer vor einer psychiatrischen Einrichtung einen bekloppt angrinsen und auf die andere Fahrbahn wechseln.

Der mich mitnahm, erzählte, er fährt regelmäßig LKW nach Berlin und zurück, aber wenn er Tramper aufliest, pennen die immer einfach ein, weshalb er das eigentlich nicht mehr macht. Er fährt aber auch immer frühmorgens aus Berlin los, wenn die alle gerade von der durchgefeierten Nacht kommen.

Am Ortsausgang von Weinheim Richtung Gorxheim hält dann ein schwarzer GI, der mir auf dem Weg nach Löhrbach davon erzählt, wie er in Amerika zu trampen pflegt und wie gut das geht, aber auch damit, wie er hier in der Gegend von Nazis angegriffen wurde und - er ist Soldat mit speziellem Nahkampftraining - sie dann ordentlich verprügelte. Er will auch unbedingt mal nach Berlin, weil er es sich so multikulturell vorstellt wie Amerika.

Umfrage nach gewünschten T-Shirts

July 24th, 2010

Mal zum Merch: Vereinzelt wurden Wünsche bezüglich Sympathisantenkluft geäußert, und derzeit ist wirklich so gut wie alles alle. Da es aber nach wie vor nicht bezahlbar ist, alle Motive machen zu lassen, will ich mal wissen, was ihr eigentlich wollt.

Welche zwei T-Shirt-Motive sollen wir als nächstes machen lassen?

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JedeR kann zwei Stimmen abgeben, da wir auch vermutlich zwei Motive machen lassen.

(Ihr könnt auch gern weitere Motive vorschlagen, aber das wird wohl gerade eher nichts werden, befürchte ich.)

Mathias Brodkorb: Antifa als Geburtshelfer für die Autonomen Nationalisten

July 23rd, 2010

>>So schreibt Brodkorb im dritten Teil seiner Dokumentation, daß sich die linke Szene sowie die bürgerliche Mitte unabhängig von etwaigen Rechtsstreitigkeiten über die Legalität von Blockaden politisch als ungewollte Katalysatoren der Autonomen Nationalisten erweisen. Aber Brodkorb beläßt es nicht bei einer Warnung, sondern steigert sich in arrogante Herabsetzung und offene Kriminalisierung des Protestes.<<

Analyse, Kritik & Aktion: „Mit Genehmigung des Verfassungsschutzes Brandenburg“

Die Audiodokumentation des Scheiterns

July 22nd, 2010

Danke schön! Großartig! Das ist kein Punk! Das raffste nie! Das haben wir uns alles selber aufgebaut! Alle haben alles schon gehört! Alle haben schon genug gehört, doch aufhören tut das nie!


Antitainment - Ich kannte die, da waren die noch real!

Die Melodie im letzten Track kenne ich aus “Women are not things” von Nero’s Day at Disneyland. Aber da ist sie nicht her, oder?

Berlin -> Berlin

July 20th, 2010

Eine Woche rumgetrampt, rumgelaufen und Musik gemacht.

Nach einem kurzen Besuch in Landshut besichtigte ich in Augsburg die Spuren einer der frühesten Formen von modernem Kapitalismus. Hier wuchsen Ende des 15./Anfang des 16. Jahrhunderts die Fugger zu einem gigantischen Konzern heran, der den damaligen europäischen Bergbau, die Textilindustrie, das Kreditwesen und mittels seines Nachrichtendienstes auch verschiedene Staatswesen kontrollierte. Hatte ich vorabendlichen Blättern in “Schindlerdeutsche” noch Joachim Bruhns Gedanken im Kopf, dem Kapital und dem Trieb sei alles eins, das bürgerliche Subjekt spalte aber beide in anständig und unanständig auf, lief ich nun in der Verherrlichung anständiger Wohltäter herum, die doch in den Worten Günter Oggers “von den Lastern der Fürsten ebenso wie von den Entdeckungen der Seefahrer” profitierten und “kaltblütig die Jenseitsangst der Gläubigen und die diesseitigen Erkenntnisse der Wissenschaftler” nutzten. Heute treibt man Schulklassen durch die Fuggerhäuser und fragt sie dann, was wohl die Stadt Augsburg davon hatte, daß einer so reich war. Und die Arme der Schüler fliegen hoch: “Stiftungen!” - “Bauwerke!” - “Wohltätigkeit!” Ist es nicht schön, wenn einer viel Geld hat? Dann haben alle was davon! Nicht auszudenken, wie es wäre, wenn alle reich wären…

Augsburg, Fürst Fugger Privatbank Augsburg, Fuggerhäuser Augsburg, Damenhof
Fuggerhäuser mit Privatbank und Damenhof

In der als “älteste bestehende Sozialsiedlung der Welt” beworbenen Fuggerei beten seit 500 Jahren sämtliche Bewohner täglich dreimal für Jakob Fuggers Seelenheil - was man sich alles kaufen kann! Ebendort kann auch der Luftschutzbunker aus der Nazizeit besichtigt werden - mit Fliegeralarm und Zeitzeugenstimmen kann der Besucher den Grusel nachempfinden, als die Bomber die Häuser armen Bedürftigen zerstörten. Eine große Tafel gibt mehrere Dutzend Kenndaten zum geschichtlichen Hintergrund - Zweiter Weltkrieg und Nationalsozialismus -, Wannsee-Konferenz und Vernichtungslager fehlen.

Von Augsburg nahm mich ein französisch-deutsches Pärchen mit, das unter einem kritischen Blick auf die Geschichte vor allem verstand, daß das mit dem Holocaust ja wohl so nicht gewesen sein kann und die Juden diesen Mythos bis heute benutzen würden, um vom viel schlimmeren Holocaust in Afghanistan, Irak und Palästina abzulenken.

Also fuhr ich doch nicht so weit, sondern stieg schon an der nächsten Raststätte wieder aus. Kurz überlegte ich, ob ich darauf hinweisen sollte, daß derlei Äußerungen in Deutschland strafbar seien, aber dann dachte ich mir, das können sie auch gern selbst rausfinden.

Rasthof Burgau
Der Rasthof Burgau liegt direkt an einem See

In dieser Situation traf es sich sehr gut, daß als nächstes ein Salzburger anhielt, der meinte, er würde auch eher ins Blaue fahren, vor allem aber hätte er den Eiffelturm noch nie gesehen. So kam’s, daß wir bei Einbruch der Dunkelheit schon in Frankreich waren, wo wir erst ein, dann zwei, dann viele Feuerwerke sahen und dann feststellten, daß ja der 14. Juli war. In Paris angekommen, ließ ich meinen Chauffeur weiter zum Eiffelturm fahren und sprang am Place de la Bastille raus, wo eine Menschenmenge feierte, grillte, kiffte und musizierte.

Danach wurde es privat, intim und unübersichtlich, weshalb ich mit meinem nächsten Reiseziel Freiburg fortfahre. Dort nahm ich mit Björn Peng drei Stücke auf, zu welchem Behufe er das teuerste Mikrofon auftrieb, in das ich je gesungen habe. (Ob es das rausreißt?) Der erste Track, den wir wohl bald einfach frei im Netz verberiten werden, basiert auf “Fire” von Scooter, wobei es textlich jetzt um eine 8.-Mai-Feier geht. Bei der zweiten Nummer, “No competition”, handelt es sich um ein Liebeslied, das sich zunächst an meine Liebste richtet, im weiteren Sinne aber benennt, was ich überhaupt im Zwischenmenschlichen mag. Kommt vermutlich auf die Kullaboration-Scheibe, für die ich wohl noch im Laufe des Sommers mit verschiedenen befreundeten Musikanten weitere Sachen aufnehmen werde. Als drittes schließlich machten wir “Alles muß raus!”, einen von der Stimmung her typischeren Björn-Peng-Track über die kapitalistische Dauerkrise, basierend auf diesem Diskussionsbeitrag des Drummers von Ton Steine Scherben und einem düsteren Star-Wars-Sample.

Feier! Aufnehmen mit Björn Peng Alles muß raus!
(zum Vergrößern Draufklicken)

Am Donnerstagabend sah ich in der KTS Comadre. Die mußten unbedingt im kleinen Raum und vor der Bühne spielen, damit sich alle möglichst dicht an sie herandrückten, was wohl die Trennung von Band und Publikum aufheben soll, aber zumindest hier nicht wirklich klappte. Obwohl allgemein ordentlich abgegangen, genickt und gewackelt wurde, wurde das ganze irgendwie nicht ein Ding. (Naja, letztlich macht ja auch nur die Band die Musik…) Um einiges besser fand ich die Vorband Punch, deren Sängerin auch weniger Pose und mehr Wums hatte. (Spielen diese beiden Bands morgen, also am Mittwoch, wirklich im ://about blank?)

Gekühltes Kapital
Immer gekühltes “Kapital” im Freiburger Kyosk

Schließlich machte ich mich mit kurzem Zwischenhalt bei Entropia in Karlsruhe wieder auf den Rückweg nach Berlin, was sich erst ewig hinzog, dann aber umso schneller ging. Am Rasthof Reinhardshain sagte einer, ja, er fährt nach Berlin, aber er fährt sehr schnell, weil er dort in fünf Stunden einen Zug nach Polen kriegen müßte und vorher noch bei Bekannten vorbei wollte.

Unverständlich, unrhythmisch, Quatsch - die ‘junge Welt’ über unsere CD

July 16th, 2010

>>Vor ein paar Tagen drückt mir ein Kollege in der Redaktion dieses Ding in die Hand. Ein graues, bookletgroßes Heftchen. Die CD ist auf der letzten Seite liebevoll mit Tesafilm befestigt. Er zwinkert mir mit einem Lächeln zu: »Das ist was für dich.« Achso. Zuhause dann der Schock.

Zumindest das Cover von »Wir hatten doch noch was vor« ist vielversprechend. Zu sehen ist eine handgeschriebene To-Do-Liste. »Wäsche waschen« und »Müll runter« sind erledigt, »Kommunismus« und »Weltraum« noch zu tun. Vielleicht hätten classless Kulla & istari Lasterfahrer ihre Ziele gar nicht so hoch setzen müssen. »Verständliche Texte«, »strukturierte Arrangements« oder einfach mal »hörbare Musik produzieren« wären sicher Aufgaben genug gewesen. Das ist nämlich noch lang nicht alles, was der Platte fehlt.

Ein Kulla & Lasterfahrer-Track ist schnell gemacht. Man nehme irgendeinen Song und pitche ihn etwa auf das Dreifache seiner Originalgeschwindigkeit. Dabei sollte einem nichts zu heilig sein. Ob »It won’t be long« von The Beatles, »Jungle Drum« von Emiliana Torrini oder einfach irgendein HipHop-Beat. Einfach den Pitch-Regler hochziehen, ein paar ungetimte Breaks mit rein, und fertig ist zumindest das musikalische Grundgerüst.

Für das Stimmliche ist der Blogger Classless Kulla zuständig, der auf der Platte darauf besteht, nicht auf »Blogger«, »Künstler«, »Hete« oder »Schwuchtel« reduziert zu werden. Schließlich »ist nichts mit sich selbst identisch« – auch er nicht. Ja genau, so muß ein Kulla & Lasterfahrer-Text klingen. »Wer behauptet, eine Identität zu haben, steckt sich selbst in eine Schublade«, »wenn du mir glaubst, dann bist du selbst dran schuld«, oder »too many dicks on the dancefloor«. Weisheiten über Weisheiten, so schnell und unrhythmisch gerappt/gesungen/gestottert, daß niemand mitkommt. Die Texte sind im Booklet abgedruckt. Das meiste wird aber auch hier nicht verständlicher.

Ich sehe es genau vor mir: Die beiden mitten in einem »F’hain«- oder »P’berg«- Schuppen. Am Sampler mit ’ner Pulle Bier in der Hand. Der Laden ist voll von Männern mit Jutebeuteln und halblanger »Mir ist alles egal«-Frisur, und Frauen mit, nun ja, denselben Outfits. Alle versuchen, interessiert zu gucken und den Kopf ganz »crazy« zu schütteln, um im Anschluß über den Inhalt von Songs wie »das Warensubjekt hat immer recht« zu philosophieren. Dabei ist allen klar, daß sich keiner der Anwesenden diesen Quatsch außerhalb der Szenemauern reinpfeifen würde. Dieses Produkt wird auch für professionelle Interesse-Vortäuscher eine wahre Herausforderung.

Luis »Lucry« Cruz: Und fertig ist der Lack. Für Interesse-Vortäuscher: Das neue Ding von Kulla & Lasterfahrer

July 15th, 2010

Fin de zone touristique

Kurze Erholung von der Erschütterung

July 12th, 2010

So sehr die letzten Wochen von der Erschütterung geprägt waren, wieviele Leute - und vor allem auch: welche! - die nationale Besinnungslosigkeit mitmachten und erschreckend wenig Verständnis dafür aufbringen konnten, wenn es jemand anders sah oder kritisierte oder einfach nur nicht damit behelligt werden wollte, so sehr freue ich mich doch über alle, die sich nicht haben kirre machen und von den offenbar zahllosen Verbalattacken nicht haben einschüchtern lassen.

Wenn dazu angemerkt wird, daß es ja wohl keine Überraschung sei, daß Nationalismus alle mitreißt, ist das an der Stelle auch kein Trost und außerdem “well - d’uh!“. Ich weiß, daß ich mich in einer Minderheitenposition befinde, und das nicht nur bei diesem Thema, ich weiß, daß es eher überraschend sein müßte, daß es überhaupt eine nennenswerte Menge von Menschen gibt, die sich dem nationalen Taumel verweigern. Und bei denen freue ich mich, wie gesagt, über jede Einzelne.

Das macht die Wucht des Ausschlusses aber auch nicht weniger heftig, und ändert vor allem nichts daran, daß einem vor Augen geführt wurde, wie schlecht die Bedingungen für das stehen, was irgendwann doch mal anstünde.

Ich fahre jetzt mal ein paar Tage weg; Dauer wird davon abhängig sein, wie lange ich mich davon abhalten kann, mich an die beiden ausstehenden Bücher (mit Torsun “Raven wegen Deutschland” über Egotronic und das Drogen-Buch “Leben im Rausch”) zu machen und wann sich das geplante gute Dutzend Einzeltracks mit verschiedenen Kullaborateuren aufnehmen lassen wird.

Da können sie stolz drauf sein

July 9th, 2010

>>Neonazi-Randale, Sachbeschädigungen, Körperverletzungen und zwei Tote: so die Bilanz des “fröhlichen Partyotismus” bis zum Aus der deutschen Nationalmannschaft im Halbfinale der Fußball-WM. Aus gegebenem Anlaß präsentiert KONKRET diese Spezialausgabe der Chronik aus dem ganz normalen “Fußball-Deutschland”.<<

ZWI local bureau Berlin /KONKRET-Redaktion: No-go-area Deutschland: Fußball-WM-Special

Der Tagesspiegel über die Juden

July 6th, 2010

>>Tagesspiegel!

Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, nannte im Interview mit dem Focus über antisemitische Tendenzen in den Medien auch Dich: “Da wird im Tagesspiegel ein Artikel zu den anstehenden Friedensverhandlungen im Nahen Osten mit dem Foto des amerikanischen Präsidenten gedruckt, der im Gespräch mit orthodoxen Juden in seinem Office gezeigt wird.” Und auf die Frage, was ihn daran störe, antwortete Kramer: “Das Klischee von der jüdischen Lobby, die die amerikanische Politik manipuliert, ist in Bilder gefaßt. Besonders interessant ist, daß das Foto nachweislich ein Jahr zuvor aufgenommen wurde und in keinem Zusammenhang mit dem aktuellen Artikel steht.”

Das klingt ja zunächst recht vernünftig und könnte einer Zeitung, die sich selbst einer liberalen Tradition rühmt, vielleicht Anlaß zu etwas Selbstkritik sein, denn antisemitische Ressentiments, die möchtest Du, Tagesspiegel, ja wohl nicht schüren. Weshalb Du dann auch Deinen Chefmeiner und Kettenhund Malte Lehming losläßt, um jeden Zweifel sicher zu zerstreuen. Und der beginnt seinen Kommentar ganz launig mit einem Anekdötchen: “Chaim Cohen will Radiomoderator werden. Er bewirbt sich beim RBB. Seine Bewerbung wird angenommen, und er darf zum Vorsprechen und zu einer Mikrofonprobe erscheinen. Als er wieder nach Hause kommt, fragt ihn seine Mutter: ‘Na? Hat’s geklappt?’ Chaim schüttelt betrübt den Kopf. ‘Und warum nicht?’ - ‘A-a-al-les An-n-ti-s-s-s-emi-t-ten’, stottert er.” Haha, so ist er halt, der Jude, nicht wahr? Wittert, nur weil ein paar seiner Glaubensbrüder irgendwann mal durch ein paar deutsche Einzeltäter zu Tode gekommen sind und weil deren überlebende Nachkommen heute entweder gleich ganz von der Landkarte getilgt werden sollen (Teheran) bzw. nur unter Polizeischutz ihren Bagel essen können (Berlin), überall Diskriminierung. Obwohl er doch selbst schuld daran ist!

Da stellt sich eine Frage natürlich ganz deutlich: “Was ist bloß aus der guten alten Antisemitismuskeule geworden?” Ja, die gute alte Antisemitismuskeule, jenes Instrument, mit dem die Juden die Deutschen seit Jahrhunderten unterjochen. Doch die Zeiten sind gottlob vorbei: “Deshalb wird der Antisemitismusvorwurf oft nur noch als Teil der jüdischen Folklore wahrgenommen, ein bisschen wie Klezmer-Musik. Der Papst warnt vor Kondom und Pille, die FDP vor ‘anstrengungslosem Wohlstand’, ein Marxist vor dem Privatbesitz an Produktionsmitteln, und die Juden warnen halt vor dem stets zunehmenden Antisemitismus.” Alles also eine Frage der Gewohnheit. Und so gesehen, Tagesspiegel aus Berlin, ist es nur konsequent, wenn du dergestalt vor dem überbordenden Einfluß des Weltjudentums warnst.

Traditionsbewußt:

Titanic<<

Aus “Briefe an die Leser” in der Titanic 07/10; Malte Lehmings “Ein jüdischer Folklorist” findet sich hier.

Entschwörungsvortrag in Berlin

July 6th, 2010

Am Donnerstag (8. Juli) spreche ich im Rahmen der Reihe {NICHT-T3CHNI5CHE-TH3ORIEN} über Verschwörungstheorien. Beginn ist um 18:30 Uhr im Raum B023, Haus Gauß der Beuth Hochschule, Luxemburger Str. 20a, 13353 Berlin-Wedding (U9 Amrumer Str.).

3 Fragen zu Nationalismus, Deutschland und Kommunismus

July 5th, 2010

Unterm letzten Posting hat ein Kommentierender drei Fragen zum Abgleich antinationaler und antideutscher Positionen aus den 90ern mit heutigen Positionen aufgeworfen - ich stelle diese Fragen hiermit noch mal zur Diskussion, weil mich selbst interessiert, wer dazu wie steht:

>>Wird Nationalismus noch als die neben Biologismus, Rassismus und Antisemitismus wirkmächtigste Form des “notwendig falschen Bewußtseins” angesehen und entsprechend als (mit) effektivste Verhinderung zur Entwicklung eines kritischen Bewußtseins, einer rationalen Erkenntnis der eigenen Interessen bekämpft?

Ist das deutsche volksgemeinschaftliche Modell immer noch deshalb Gegenstand besonderer Kritik und Gegnerschaft, weil es in Gestalt des Nationalsozialismus das wichtigste (und bisher unübertroffene) Beispiel für das Ineinanderaufgehen von Staat, Nation, Volk und Kapital hervorbrachte, damit immer wieder Nachahmer zu einer reaktionären Revolte, einer nationalen Revolution, zu einer negativen Aufhebung anstiftet?

Stellen sich die Aussichten auf Kommunismus also immer noch deshalb so trübe dar, weil sich das deutsche Vorbild (in unterschiedlichen konkreten Formen) weltweit so großer Beliebtheit erfreut und Nationalismus (nicht nur der deutsche) nach wie vor als so selbstverständlich gilt?<<

Roter Stern Deutschland

July 4th, 2010

Nicht auf Arbeit, also konnte ich mir überlegen, wo es vor, während und nach dem Viertelfinalspiel Deutschland gegen Argentinien am wenigsten gruselig sein würde. Im BAIZ wurde versprochen, im Falle einer deutschen Niederlage die Getränke billiger auszuschenken, aber ich dachte mir, überfüllter Innenraum in der Innenstadt wäre doch nicht optimal.

Also fuhr ich mit der Tram zum Roter Stern Cup im Stadion Buschallee. Zwar war angekündigt, daß das Spiel dort auch gezeigt werden würde und in den Ankündigungen war nichts davon zu lesen, daß Stimmungsfaschismusscheiß unerwünscht sei. Doch ließ die Anwesenheit einiger des Fahnengeschreis unverdächtiger Teams die Mehrheitsverhältnisse für den Zweifelsfall günstig erscheinen.

Als die Übertragung des Spiels dann losging, waren diese Mehrheiten jedoch genau vertauscht.

In dem Zelt, in dem das Spiel in groß gezeigt wurde, saßen, wie den Jubelschreien nach dem frühen Führungstreffer der deutschen Auswahl deutlich zu entnehmen war, fast nur Anhänger eben dieser deutschen Auswahl, teilweise mit Fan-Devotionalien ausgestattet und sich nicht zu blöd dafür, den Namen ihrer bekloppten Nation zu grölen.

Ein paar Meter entfernt versammelten sich hinterm Merchandising-Tisch um einen kleinen alten Fernseher diejenigen, die vermutlich wie ich davon ausgegangen waren, hier von diesen nationalen Aufwallungen weitgehend verschont zu bleiben.

Der optische Vergleich, wobei zum Zeitpunkt der Aufnahme vorm kleinen Fernseher auch zwei Deutschland-Fans dabeisaßen:

Das Deutschland-Zelt Der Rest
(zum Vergrößern draufklicken)

Überall sonst mit der Ablehnung des Fußballnationalismus in der verschwindenden Minderheit zu sein, ist schlimm, aber nicht eben überraschend. Auf einem Fußballturnier mit linksradikalen Mannschaften aus antinationalen und antideutschen Kreisen ebenfalls in diese Position gedrängt zu werden, ist hingegen bitter.

Was nach dem Spiel passierte, wollte ich lieber gar nicht wissen und suchte mir ein halbwegs ruhiges Plätzchen in Friedrichshain. Auf dem Weg konnte ich eine Gruppe von Deutschland-Fans auf der Kreuzung Frankfurter Allee/Möllendorffstraße dabei beobachten, wie sie ein argentinisches Trikot zerrissen. Später liefen zwei Kerle die Mainzer Straße hinunter, von denen einer einen Affengang nachzuahmen versuchte und sang: “So laufen die Argentinier!” Dann richtete er sich auf und skaniderte mit erhobenem Arm: “So laufen die Deutschen!” Das wiederholte er die ganze Straße hinunter.

Dazu allerorten das mittlerweile übliche Getröte und Gegröle und in Nationalfarben Herumgelaufe.

Realität, du hast es wiedermal verkackt.

“Vielerlei Geschwindigkeiten” - unsere CD rezensiert

July 2nd, 2010

>>Das rundum Schöne an dem in einschlägigen Polit-und Partykreisen bekannten Blogger und Gelegenheitshedonisten Daniel Kulla (Classless Kulla) ist seine erstaunliche Beharrlichkeit in dem Bemühen, dem Leben mehr abzupressen, als der Lohnarbeitsalltag hergibt. Wie hier einer ungetrübt an etwas praktisch Ausgestorbenem wie Ideologiekritik festhält und energisch für seine Vorstellung einer herrschaftsfreien Gesellschaft eintritt, hat heutigentags etwas zutiefst Rührendes.

Seine erfrischend bizarre Homerecording-Disco für heimatlose Linke präsentiert am heimischen Herd hübsch zusammengeschnittene Jungle-, Hiphop- und Breakcore-Beats, viel fröhliches, überdrehtes Bummzackbummzack in vielerlei Geschwindigkeiten und zahlreiche feinfühlig platzierte Sampleschnipsel (”Ich interessier’ mich nicht für Menschen / Ich interessier’ mich für Kunden”).

Bedenkt man, dass man es bei Kulla und dem Lasterfahrer mit Leuten zu tun hat, die sich der außerparlamentarischen Linken zuzählen, fällt umso deutlicher angenehm auf, dass sie die erschütternde Humorlosigkeit und Kunstverachtung dieses Milieus nicht teilen. Statt Klassenkampfparolen und Volksküchenofenwärme werden Identitätsdestruktion und Neodada-Agitprop geliefert. Viele Tracks haben vergleichsweise elaborierte Texte (”Wenn du nicht mehr weiterweißt, sagt dir deine Identität wo’s langgeht”), hie und da begibt man sich leider auch in die dümmstmögliche Wortspielhölle (”Blödsinn / Lötzinn”). Was ernst gemeint und was Ironie ist, ist nicht immer leicht auseinanderzuhalten (”Die Welt vernünftig einrichten / Zu den Sternen aufbrechen / Kommunismus / Wir hatten doch noch was vor”), aber auch das ist ja nur ein Indiz dafür, dass es einem gelingt, seine Hörer zu verstören.<<

Thomas Blum in der Kölner Stadtrevue, 07/10

Die FDP und Israel

July 2nd, 2010

>>»Wir möchten nicht, dass das ganze Maß von Vertrauen und Freundschaft, das Deutschland seit langer Zeit in der mohammedanischen Welt genießt, unüberlegt verspielt wird.« Mit diesen Worten lehnte ein Teil der FDP-Fraktion im Bundestag das deutsch-israelische Wiedergutmachungsabkommen ab, das Deutschland verpflichtete, jüdischen Opfern des Nationalsozialismus rund 3,5 Milliarden D-Mark Entschädigung zu zahlen. 1953 war das. In der Folge haben viele FDP-Politiker an dem guten Ruf Deutschlands in der arabischen Welt gearbeitet, bzw. daran, ihn aufrecht zu erhalten, denn er war schon während der Nazi-Zeit sehr gut.<<

Ivo Bozic: Möllemanns Erben - Dirk Niebels merkwürdiger Auftritt bei seinem Israel-Besuch war kein Fehltritt, sondern muss vor dem Hintergrund der langen Geschichte der FDP-Außenpolitik gesehen werden. (Jungle World)

Überhaupt mal:

>>Was hat Niebel nicht alles für Israel getan! Hat in einem Kibbuz ein Jahr lang Fischzucht und Landwirtschaft betrieben, sich trotz knapp bemessener Freizeit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft als Vizepräsident zur Verfügung gestellt, gegen die Linkspartei und insbesondere Norman Paech gewettert, der Hizbollah den Kampf angesagt und sogar einen „Fight Terror, support Israel“-Aufkleber auf sein Köfferchen gepappt. Er hat das jedoch offenkundig nicht als selbstverständlich betrachtet, sondern anscheinend geglaubt, dafür stehe Israel auf ewig tief in seiner Schuld. Und jetzt: diese Undankbarkeit!<<

Lizas Welt: Um zwölfe wird zurückgeniebelt.

Ökonomischer Gottesdienst, das Große Ganze

June 29th, 2010

Zwei Tage ist das Achtelfinal-Spiel der deutschen gegen die englische Männerauswahl her, und immer noch gibt es unter den Kolleginnen und Kollegen kaum ein anderes Gesprächsthema. So wie sie sonst weit von sich weisen, mit dem historischen nationalen Kollektiv noch was zu tun zu haben, schließlich müsse es ja mal irgendwann gut sein, so selbstverständlich sprechen sie jetzt von “unserer Rache fürs Wembley-Tor”. Überhaupt haben sie alle mitgespielt: “Wir” haben gewonnen, “wir” haben die Tommys verhauen, “wir” werden die Argentinier besiegen, “wir” haben damals ‘66 zu Unrecht verloren.

Nicht mitmachen gibt’s nicht.

Vereinzelte Einwände von Kunden oder Firmenbesuchern, die etwa auf das nicht gegebene Ausgleichstor der Engländer verweisen, beschwören eine Hetzmeute herauf: “Bist du etwa ein Inselaffe?”, “Du bist doch ein verkappter Städtebomber!”, “Dann zieh doch dahin, wenn’s dir da so gefällt!”

Die lieben Landsleute scheinen ihrem Ruf als schlechte Verlierer den als schlechte Gewinner hinzufügen zu wollen.

Die anderen Spiele, die während der Arbeit im Verkaufsraum in der Fernsehabteilung und auf den IPTV-Vorführgeräten zu sehen sind, werden fachkundig begleitet. So erfuhr ich heute, daß die Spieler aus Paraguay und Japan “alle wie Schweine aussehen” und “dreckig sind”. Und überhaupt: “Die Japaner sind aber auch ein häßliches Volk.”

Über “unsere Macht an der Kasse”

June 28th, 2010

>>Unbestreitbar, dem modernen Arbeitnehmer steht heute eine Palette von Gütern zu Gebote, die es in den Anfängen der „Industriegesellschaft“ noch gar nicht gab, schon gar nicht für Arbeiter. Zu bestreiten ist allerdings, dass dieser Umstand den Ehrentitel „Wohlstandsgesellschaft“ rechtfertigt, mit dem sich der Kapitalismus seit mehr als einem halben Jahrhundert schmückt. Automobil, Gefrierschrank oder Plasmafernseher, die in Arbeiterhaushalten gesichtet werden, müssen als Beweisstücke herhalten. Als wäre eine mobile Arbeiterbevölkerung, die den räumlich wie zeitlich flexiblen Einsatz in „atmenden Unternehmen“ abzuleisten hat, ohne fahrbaren Untersatz zu haben. Das schmale Zeitfenster, das nach einem aufreibenden Arbeitstag für die Erledigung der Ernährungsfrage noch bleibt, verlangt zwecks Zeitersparnis nach Vorratshaltung, die ohne Kühl- und andere technische Geräte nicht auskommt. Dass die zu erbringende Leistung an einem modernen Arbeitsplatz seinen Inhaber schafft, ohne dass deswegen ein fürstliches Entgelt winkt, trifft sich hervorragend mit den Angeboten der Industrie für Unterhaltungselektronik. Der Fernseher füllt nämlich den marginalen Rest an Erholungszeit optimal, der nach Erledigung der Notwendigkeiten der Reproduktion für den nächsten Arbeitstag noch verbleibt. Erstens ist das Heimkino im Vergleich zu außerhäusigen kulturellen Großtaten zeitsparend. Zweitens überfordert der passive Konsum bewegter Bilder nicht den Restposten an Kondition und Aufmerksamkeit, den die Leistungsbeanspruchung am Arbeitsplatz allenfalls übrig lässt. (…)

Das führt beispielsweise in der Kunst des Automobilbaus zu der interessanten Frage: Wieviel Auto kann man für 3000 € bauen? Warum angesichts der breiten Palette von Kraftfahrzeugen mit allem Komfort und gediegener Sicherheitstechnik auch noch die 3000-€-Billig-Version her muss, ist kein Geheimnis. (…)

Durchgesetzter Standard beim gehobenen Publikum ist selbstverständlich der Einkauf nur von Bioprodukten, weil diverse Skandale um BSE, Gammelfleisch und Salmonelleneier der großen Supermarktketten und Discounter bis heute nachwirken. Auch das gilt als Triumph gelebter Konsumentenmacht. Dass „gesunde Ernährung“ überhaupt zum speziellen Label der Lebensmittelproduktion werden konnte, spricht schon Bände. Die Selbstverständlichkeit, dass Nahrungsmittel der Gesundheit zu- statt abträglich sein sollten, ist im Kapitalismus offenbar keine. Aber gegen einen gewissen Aufpreis soll sie käuflich sein, in Biomärkten angeblich. (…) Ein ordentlicher Gewinn aus der beschränkten Kaufkraft der angesprochenen Klientel lässt sich selbst im Biosegment herauswirtschaften, wenn nur die Kosten entsprechend gesenkt werden. Also kaufen Bio-Produzenten neuerdings in der Ukraine Hühnerfutter auf, das sich mit seinem sensationell günstigen Preis wohltuend in der Bilanz und mit seinem Dioxin weniger zuträglich in Bio-Eiern bemerkbar macht. So kommt es auch, dass die größten Anbieter von Biogemüsen ihre Produkte von spottbilligen Tagelöhnern in Marokko fertigen lassen und mit dem enormen Wasserverbrauch ihrer Plantagen die ortsansässige Bevölkerung um bezahlbares Trinkwasser bringen.<<

Gegenstandpunkt: Ideologien über Konsum und Konsument in der Marktwirtschaft - Die Veredelung des Kapitalismus zur „Wohlstandsgesellschaft“ und der Einsatz der „Konsumentenmacht“ gegen die „Überflussgesellschaft“ und ihre „Auswüchse“