Deep shit
March 12th, 2010Nach den Hochhäusern kamen die Wolkenkratzer. Dann folgten Tiefenkratzer, Bodenkratzer, Unterkratzer, Greenscrapers und Farmscrapers. Jetzt werden in Malaysia Wasserkratzer entworfen.
(via awesome)
Mit Feinden wie mir - wer braucht da noch Freunde!
Nach den Hochhäusern kamen die Wolkenkratzer. Dann folgten Tiefenkratzer, Bodenkratzer, Unterkratzer, Greenscrapers und Farmscrapers. Jetzt werden in Malaysia Wasserkratzer entworfen.
(via awesome)
Marx to early 20th century:
China:
North Korea:
Letzte Woche in einer sonst immer ausnehmend tollen Bar, die aufgrund ihrer Lage aber auch zuweilen von weniger tollen Gästen frequentiert wird.
Drei Kerle, irgendwo zwischen Mitte 20 und Mitte 30, die sich vorher nicht kannten, setzten sich nacheinander an den selben Tisch und unterhielten sich sofort prächtig.
Erstes Thema: die Barfrau ins Bett kriegen. Zweites Thema: das Insbettkriegen anderer Barfrauen bei anderen Gelegenheiten. Drittes Thema: “Bei den Schwulen ist das so, wer da zum Schluß noch übrig ist…”
Der Tonfall blieb stabil zotig, auch als es dann darum ging, was man denn so mache. Einer studierte im 20. Semester Geschichte und Philosophie, sagte immer noch “vor Christus” und krönte schließlich die bis dahin kaum fünfminütige Kanonade des Schreckens mit diesem Satz: “Ich kann Kleist verstehen - der hat sich erschossen, nachdem er Kant gelesen hatte.”
Na denn…
>>Die Sehnsucht des A nach einem Stuhl muß B also in der Form eines prallen Kartoffelsacks entgegentreten, denn allein in dieser den Leib stärkenden Gestalt ist B dem A gern zu Willen. Die ausgesprochen merkwürdige Metamorphose von As Stuhlbedürfnis in die leibhaftige Kartoffelform ist für das Zustandekommen des Tausches unerläßlich und macht dessen wesentlichen Gehalt aus; das spezifische innere Motiv hingegen, das A dazu treibt, partout in den Besitz dieses Stuhles kommen zu wollen, ist für den Vollzug der Tauschbeziehung irrelevant.<<
Ernst Lohoff: Zur Kernphysik des bürgerlichen Individuums (via Emanzipation oder Barbarei)
Die Demo am Samstag: Langsamer als ein langsamer Spaziergang von der Warschauer Brücke zum Tromsø-Laden. “Als kritische Zivilgesellschaft dürfen wir die Deutungshoheit nicht verlieren.” Juso-Fahnen. SPD-Fahne. DKP-Fahne. Höchstens 150 Leute.
In der Jungle World ist Dresden diese Woche noch mal auf der Disko-Seite gelandet, und irgendwie sind beide Texte merkwürdig. Der erste heißt “Dresden war ganz und gar nicht nazifrei“, und so sehr ich es begrüße, wenn die antifaschistische “Reinigungsmittel- und Kammerjägerrhetorik” (No Tears For Krauts) solcherart gebounct wird, ist es doch albern, nach dem erstmaligen Verhindern des Aufmarschs zu sagen: Ätsch, aber ihr habt die Kundgebung nicht verhindert. Das ist auf einer Ebene mit den Vorwürfen an “Keine Versöhnung mit Deutschland”, sie hätten mit ihren Aktionen beim öffentlichen Gedenken dieses nicht verhindert.
Auch mit den im Text folgenden Behauptungen, die Blockaden seien von der Polizei einfach “stehen- oder sitzengelassen” worden, die Polizei hätte nicht vorgehabt, die Nazis laufen zu lassen oder die Blockaden zu räumen, macht es sich die Verfasserin m.E. zu einfach. Es gab sicherlich polizeiseitig die Bereitschaft, bei entsprechend großer Zahl von Blockierenden an entsprechend vielen Stellen und nach mehreren Räumversuchen irgendwann den Naziaufmarsch abzublasen. Aber ich denke, der Tag hätte auch anders verlaufen können.
Den zweiten Text schrieb Jana Meiser von Avanti, die noch mal einen schönen Eindruck davon gibt, was aus dem Bündnis seit dem 13. Februar so zu hören war. In die Eingangsschilderung der “Dresdner Verhältnisse”, die “den Aufmarsch am 13. Februar zum wichtigsten identitätsstiftenden Event der extremen Rechten” gemacht haben, wird die “linke Szene in Dresden” - “zerstritten und wenig selbstbewusst” - gleich mit einsortiert.
Später wird nochmal betont, “eine Auseinandersetzung mit den Nazis in Dresden und anderswo” könne “nicht allein auf einer theoretischen Ebene vollzogen werden. Politik muss hier praktisch werden.” Ich weiß, ich wiederhole mich, aber sie eben auch: Die zerstrittene linke Szene hatte bis 2008 weitgehend ohne Zugeständnisse an den Opferdiskurs und weitgehend ohne eine Verengung auf den Naziaufmarsch bis zu 1500 Gegendemonstrierende in die Stadt mobilisiert. Das heißt, es hatte eine Praxis gegeben, die nicht irgendwie separat von der rein “theoretischen Ebene” oder über sie hinausgehend funktionierte.
Und “Der Satz »In Dresden ist es anders« ist passé”? Muß die Antifa anderswo auch immer gegen die Stadt und ihre Vertreter agieren? Muß sie die überwiegende Mehrzahl der Leute sonst auch immer selber mitbringen?
Die Wanderung zum Ortsausgang zieht sich durchaus etwas hin, irgendwann kommt aber eine Stelle, die zumindest schon mal wirkt wie Ortsausgang. Dort fahren ein Weilchen lauter zerknirschte Gesichter vorbei, bis eine junge Frau anhält, die erzählt, wie sie praktisch im Wald aufgewachsen ist und wie sie dann als Teenie immer zum Arbeiten und zum Feiern nach Berlin trampte. Nun wohnt sie in Pankow-Rosenthal und empfindet das trotz des dörflichen Charakters schon als krasse Veränderung: es gibt Nachbarn und es ist unüblich, die Tür offenstehen zu lassen.
Ich mochte Helene Hegemann auf Anhieb für einige ihrer Äußerungen; das war vor etwas über einem Jahr. Als nun ihr Buch “Axolotl Roadkill” gehypet wurde, fand ich das größtenteils absurd bis belustigend:
>>Sie zaubert Dialoge wie Mamet, schwärmt von einer Welt jenseits dieser Welt wie Kerouac, halluziniert so sadistisch wie de Sade - und ist am Ende dann doch Helene Hegemann, die ein Deutsch schreibt, das es noch nie gab: suggestiv wie Sowjetpropaganda, himmlisch rhythmisch, zu Hause in der Hoch- und Straßensprache und so verführerisch individuell, dass ab morgen bestimmt hundert andere deutsche Schriftsteller - manche sogar gegen ihren Willen - den Hegemann-Sound nachmachen und dabei natürlich absolut scheitern werden. Wie Hegemann die Schussfahrt einer ganzen - halb echten, halb erfundenen - Lost Generation ins tiefe Tal des Gewaltsex, des schlechten Drogen- und Alkoholrauschs, des Horrorfilm-Wahnsinns, der masochistischen Schlaflosigkeit beschreibt, wie sie Mifti und ihre Mitte-Bande bei ihrem lächerlich defätistischen Kampf gegen die Egoistenwelt der Alten zeigt, hat die Überzeugungskraft jeder großen, kaputten, idiosynkratischen, seherischen literarischen Phantasie. Sollte das Leben der Jugend noch nicht so schrecklich sein wie bei Hegemann - nach diesem Buch wird es das sein.<< (Maxim Biller: Glauben, lieben, hassen)
Auf die ersten Reaktionen nach der Enthüllung von Hegemanns Scham, sie habe zum Teil längere Passagen ohne Quellenangabe aus “Strobo” von Airen (wie übrigens auch mein “Kapitulatus!” bei Sukultur erschienen) übernommen bzw. nur leicht modifiziert (aus dem Gedächtnis wiedergegeben?), reagierte ich meinerseits erstmal mit breitseitigem Beschuß und Cut-up-Propaganda, obwohl mich das Buch wenig reizte.
Nun stellt sich heraus, daß in der nächsten Auflage zusätzlich zu den Stellen aus “Strobo” und Airens Blog laut Tagesspiegel etwa noch einmal so viele Quellen aufgelistet werden sollen:
>>Es folgen weitere Zitate, die gleichfalls schon die Runde machten, aus Büchern von Malcolm Lowry, Rainald Goetz, Kathy Acker, Jim Jarmusch, Jean-Luc Godard, Maurice Blanchot und David Foster Wallace sowie neben dem von Hegemann ins Deutsche übersetzten Song „Fuck You“ der britischen Band Archive der weitere Song einer Band, dessen englische Lyrics Hegemann in ihren Text montiert hat. Der Rest sind private Quellen, modifizierte Leserkommentare zu einem Hegemann-Interview und einer Hegemann-Kurzgeschichte, und „Inspirationen ohne genauere Quellenkenntnis“, unter anderem auch von Kathy Acker, die Hegemann nicht mehr parat hat.<<
Und es wird noch besser:
>>Übermäßig viel Neues ist nicht dazugekommen, wiewohl Verlag und Autorin einräumen, möglicherweise nicht alle Inhaber von Urheberrechten ermittelt zu haben. Deshalb hat man wohlweislich den Zusatz angefügt: „Dieser Roman folgt in Passagen dem ästhetischen Prinzip der Intertextualität und kann daher weitere Zitate enthalten“.<<
Da beschließe ich, mir noch die jetzige Auflage besorgen, weil ein Buch zu lesen, bei dem ich nie weiß, woher die Gedanken und die Formulierungen stammen - das ist ja wie bei Hegel! Yay!
Nach den ersten Seiten: Je mehr nicht von ihr ist, desto besser hat sie’s montiert. Und je länger alle brauchen, bis sie rausgefunden haben, woher alles stammt, desto breiter ist sie basiert. Und überhaupt: Eine Teenager-Bestsellerautorin, die sich möglicherweise einfach nichts dabei gedacht hat, ohne Verweis zu sampeln! Um das Ressentiment mal auf den Punkt zu bringen, gegen das sie damit verstößt:
>>Sich unerlaubt anderer Menschen Kopfarbeit zu bedienen, ist doof, wer mit Copy-Paste jegliche Art von Content erzeugt, ist faul oder ahnungslos, wer das glaubt, was bei Wikipedia steht, ohnehin.<< (Jenny Zylka bei Spon)
In einem Reigen kurzer Äußerungen zogen für den Kölner Stadtanzeiger verschiedene Schriftsteller überwiegend die gleiche Linie: Zitieren ohne Quellenangabe ist Diebstahl, meist unausgesprochen sowohl im Sinne des bürgerlichen Rechts wie universaler moralischer Maßstäbe. Ulrike Draesner: “Da gibt es offenbar gar kein Bewusstsein, dass Inhalte Geld kosten könnten.”
Jetzt erfahre ich, daß Hegemann schon vor der großen Aufregung Airen in die Dankesliste aufgenommen hat und dieser erklärt, er wäre mit der Quellennennung in der nächsten Auflage - die ja bald kommen wird - abgefunden:
>>Da ich meine eigenen Texte natürlich besser kenne als Deef Pirmasens, der als erster über die Parallelen berichtet hat, sind mir schon sehr viel mehr Stellen aufgefallen. Ich habe heute gehört, dass diese Stellen in zukünftigen Ausgaben von „Axolotl Roadkill“ gekennzeichnet werden sollen. Wenn das wirklich geschieht, ist das Thema damit für mich vom Tisch.<<
Gleichzeitig schlägt er in die Authentizitäts-Kerbe:
>>Das ist kein Roman, das ist mein Leben gewesen. Ich habe mir das nicht ausgedacht. Helene Hegemann hat das nicht erlebt. Ich habe das so erlebt.<<
Aber abgesehen davon, daß zum Beispiel die Wiedergabe homosexueller Erlebnisse durch eine junge Frau selbst bei gleichem Wortlaut nicht bloße Übernahme sind, halte ich doch diese tatsächlich wörtliche Übereinstimmung für zentral:
>>Axolotl S.15: Berlin is here to mix everything with everything.
Blog 5.6.09: Berlin is here to mix everything with everything.<<
In "Axolotl Roadkill" folgt nach diesem Sample dieser Wortwechsel:
>>“Ist das von dir?”
“Berlin is here to mix everything with everything, Alter? Ich bediene mich überall, wo ich Inspiration finde und beflügelt werde, Mifti. Filme, Musik, Gemälde, Wurstlyrik, Fotos, Gespräche, Träume…”<<
Sowas sagt Hegemann außerhalb des Buches zum Thema:
>>„Von mir selber ist überhaupt nichts, ich selbst bin schon nicht von mir (dieser Satz ist übrigens von Sophie Rois geklaut)“. Der Roman sei „eher regiemäßig“ entstanden. „Ich bin nur Untermieter in meinem eigenen Kopf.“<< (taz, via oby)
New York Times: Author, 17, Says It’s ‘Mixing,’ Not Plagiarism
>>Although Ms. Hegemann has apologized for not being more open about her sources, she has also defended herself as the representative of a different generation, one that freely mixes and matches from the whirring flood of information across new and old media, to create something new. “There’s no such thing as originality anyway, just authenticity,” said Ms. Hegemann in a statement released by her publisher after the scandal broke.<<
Wolfgang Tischer schreibt im Literatur-Café:
>>So wurde offenbar Helene Hegemann Roman hochgeschrieben, weil eine minderjährige Autorin darin über Drogen und Geschlechtsverkehr mit eindeutigen Worten schreibt, von denen sich die über 30-Jährigen vorstellen, dass das das wahre Leben der Jugend sei, und der fast 50-jährige Maxim Biller warnt kokett in der FAZ in einer lobenden Besprechung die über 30-Jährigen vor der Lektüre.<<
Und:
>>Kein Journalist hat nach tagelanger, genauer Recherche etwas herausgefunden, sondern ein Mensch einer anderen Berufsgruppe hat durch Zufall eine Merkwürdigkeit entdeckt und diese im Internet kundgetan. Es kann ein Arzt, ein Rechtsanwalt oder ein Gabelstaplerfahrer sein, spätestens dann, wenn er seine Entdeckung im Internet kundtut, wird er für Journalisten zum »Blogger«.<<
Gegen einen angeblichen Feuilleton-Mainstream, der "Abschreiben ohne Quellenangabe voll OK" finden soll, essentialisiert auch Tischer wieder den Respekt vorm Privateigentum:
>>Allerdings ist es eine Frage der Ehre, des Anstands und des Respekts gegenüber den anderen Künstlern, dass man sie als Quellen der Inspiration (oder mehr) nennt.<<
Andrea Diener im FAZ-Blog “Ding und Dinglichkeit”: “Das gilt im Übrigen auch für die Hip-Hop-Kultur, die aber ziemlich gerne kenntlich macht, weil das da eine Art der Respektsbezeugung ist.” Aber spricht nicht am ehesten gegen die Kenntlichmachung der Samples, daß sie überhaupt erst dadurch als solche erkannt und dann kostenpflichtig werden?
>>Helene Hegemann ist deshalb echt zerknirscht, aber sie weiß auch, wer schuld ist: “Wenn da die komplette Zeit über reininterpretiert wird, dass das, was ich geschrieben habe, ein Stellvertreterroman für die Nullerjahre ist, muss auch anerkannt werden, dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation.”<< (SZ: Der Ruhm gebührt den Haaren)
Nach der Hälfte des Buches finde ich vieles darin durchsichtig und ein bißchen plump, einiges aber auch sehr gut getroffen.
Das Problem soll sein, daß sie damit Geld verdient, das nach herrschender Rechtsauffassung teilweise anderen zusteht. Doch - auch wenn das albern klingt - sie hat ihr Buch ja nicht viele Tausend mal gekauft. Und sie hat es nicht lektoriert, gedruckt, veröffentlicht und beworben.
Als “Fräulein Hegemann” wird sie immer wieder bezeichnet, und das zeigt noch einmal, wie brutal diese einfache Anrede sein kann. Bloß wegen eines von ihr inszenierten Theaterstücks und eines von ihr gedrehten Kinofilms müsse sie ja jetzt nicht glauben, sie könne sich alles erlauben, wo sie doch noch nicht mal wie ein Star aussieht. Egal, daß sie diesen pädagogischen und projektiven Bedürfnissen mit der Wahl des Titeltieres (siehe Bilder) schon kokett entgegengekommen ist. In den Augen der Rechtsbewußten hat sie eine Dummheit angestellt, die Erwachsene entweder romantisierend verklären oder streng bestraft sehen wollen - oder beides.
P.S. Lyzis’ Welt sieht im Beitrag “Der Autor heute” wenig überraschend sein virtuoses satzgirlandenknotendes Schaffen von den “Cut-up-Punks” in der Tradition des “Drogendealer[s] und Scientologen William S. Burroughs” bedroht, die er gewohnt undifferenziert mit “Textern” und vielem anderen zusammenhaut, was er nicht leiden kann. Diese Angst vor der eigenen Auflösung, vorm Überflüssigwerden, vorm Absurdwerden! Dieser Produktionsfetisch, dieses Haufenmachenmüssen, dieses theoretische Aufpusten eigener literarischer Vorlieben! Dieses Bedürfnis nach Kanon (das, was er mag) und Schändung (das, was er nicht mag)!
Westerwelle: “Wir müssen die Schwachen schützen vor den Starken, aber auch vor den Faulen.”
Angel: “We’re not a team - I’m your boss.”
In dieser Coloradio-Sendung vom Dienstag spricht der famose Moderator mit blumigen Formulierungen einige wunde Punkte an, schafft es aber nur zum Teil, von den Aktivisten von “Dresden Nazifrei” darauf Antworten zu bekommen. Bemerkenswert etwa, wie darauf reagiert wird, als es um die ignorierte Blockade auf der Marienbrücke gehen soll: erst “Ach, du meinst diese 200 Leute da…” und dann die Mutmaßung, das wäre die gleiche Blockade wie an der Ecke Anton-/Leipziger Straße gewesen…
>>Thüringens Linke-Fraktionschef Bodo Ramelow ist nach der Demonstration gegen den Nazi-Aufmarsch am vergangenen Wochenende in Dresden im Internet bedroht worden. Auf der Kurzmeldungs-Plattform «twitter» wurden ihm unter anderem Schläge angedroht, solle er sich noch einmal in Dresden sehen lassen.<< (Südthüringer Zeitung, via)
Aus der Diskussion unter meinem Bericht zum Wochenende möchte ich aus einem Kommentar von Xenu’s Pasta zitieren:
>>Jahrelang (spätestens seit dem “Aufstand der Anständigen”) haben wir uns darüber beschwert, wie beschissen es ist, wenn wir als “Linksradikale” aus Notwendigkeit hauptsächlich damit beschäftigt sind, Anti-Nazi-Aktionen zu machen. Wie fragwürdig es ist, wenn ausser Lippenbekenntnissen einiger öffentlicher Personen niemand sich darum kümmert. Und am Ende wir uns selbst vorwerfen, das Image der Stadt, kein vollkommen braunes Kacknest zu sein, mal wieder ein Stück gerettet zu haben.
No Pasaran/Dresden Nazifrei ist genau die Antwort darauf. Es gibt tatsächlich (inzwischen?) Leute, die sich als ganz normaler Teil der Gesellschaft zu begreifen scheinen, die was gegen Nazis machen. Gut so! Und sie habens sogar gebacken gekriegt. Ganz anständig, (im wesentlichen) unter Wahrung des Gewaltmonopols, mit Liedermacher und Rednerliste. Mein Beifall. Vielleicht lässt sich das ausbauen, Naziaufmärsche gibts nicht nur am 13. Februar.
Der Grundkonsens ist “Gegen Nazis”, sonst nichts weiter. Nur so können Massen (!) von Leuten mobilisiert werden, jedes weitere Vertiefen könnte (und wird) Leute vergraulen. Die Marginalisierung weitergehender Kritik kennen wir aus der Vergangenheit von anderen Bündnisversuchen, die sich gegen Nazievents richteten. Meist darum, weil wesentliche Teile dieser Bündnisse tatsächlich von weitergehender Kritik angegriffen werden.
Warum nicht also einfach No Pasaran / Dresden Nazifrei da stehen lassen, wo sie sind (auf den Blockaden), wenns zeitlich passt auch mitmachen (ging ja dieses Jahr ganz gut). Und jetzt sich selbst wieder ein wenig mehr um die Kritik kümmern, weil der ganze Orga-Kram des Tages eh bei den Leuten ist, die das geil finden. Und siehe, aus der Perspektive: es gab zusätzlich noch die Vorabenddemo, die nämlich genau das kritisierte, was den Naziaufmarsch als Dauerevent erst möglich machte: das Gedenken am 13. Februar als geschichtsrevisionistisches Symbol.<<
And the next thing - Useless: Die Blaupause Dresden. (via besserscheitern)
>>In Sassnitz werden aller Voraussicht nach am 06. März wieder nur die üblichen dreihundert NPD-Anhänger aus dem gesamten Bundesland und vielleicht ein oder zwei Autoladungen angereister Nazis aus Schweden oder Berlin auftauchen. Ihren größeren Erfolg werden sie vielmehr im Transport ihres Totenkultes zu den Gedenkveranstaltungen in den Rathäusern und Kirchen sehen, während kritische Intervention zunehmend unter die Räder der Extremismustheorie gerät.<<
Okay, habter alle fein gemacht! Nach Jahren von Nazi-Triumphzügen mit Rekordbeteiligung und Wunschkulisse (Vorgeschichte 2009 und davor) konnte der angemeldete “Trauermarsch” erstmalig nicht loslaufen und mußte schließlich abgeblasen werden. Weil die bundesweite Antifa-Mobilisierung die erforderliche Menge an Blockierenden in die Stadt geholt hatte, konnte Polizei-Einsatzleiter Danzl ohne Gesichtsverlust verkünden, daß er seine Beamten “außerstande” sehe, “die Blockade zu räumen” und somit für die Sicherheit des Naziaufmarschs nicht mehr garantiert werden könne.
Hier “wehrte” sich allerdings keine Stadt, hier “stemmte” sich kein Dresden erfolgreich gegen die Nazis, wie es der Spiegel formulierte, sondern hier versperrten von im Vorfeld verbotenen Kundgebungen aus (Vorgeschichte dieses Jahr) größtenteils Auswärtige und normalerweise in Dresden nicht Willkommene den Nazis den Weg, während die Offiziellen um Oberbürgermeisterin Orosz auf der anderen Elbseite mit den Einheimischen Händchen hielten, um “an die schrecklichste Stunde Dresdens” (Orosz) zu gedenken, “aber auch daran, wer diesen Krieg angefangen hat”. Nämlich die Nazis.
Aber die blieben ja dieses Jahr auf wundersame Weise dem barocken Innenstadt-Ensemble fern, obwohl zuvor ihr Demonstrationsrecht nochmals vom Verwaltungsgericht bekräftigt worden war. Sie waren auf die Neustädter Seite verwiesen worden, ihr Startpunkt sollte der Deportationsbahnhof Neustadt sein und ihre Route sollte durch den Stadtbezirk gehen, um den sich zahllose ihrer Gewaltphantasien drehen und in dem sie daher immer wieder Angriffe starten. Bis 17 Uhr, dem Zeitpunkt, ab dem es die Demonstrationsauflagen erlaubten, den Naziaufmarsch endgültig abzusagen, versuchte die Polizei wiederholt, wenigstens kürzere Ersatzrouten freizuschaufeln; noch in der letzten Stunde wurden zu diesem Zweck Dammweg, Bischofsweg und Hansastraße gewaltsam geräumt. (Stadtplan)
Aber der Reihe nach. Und mit dem Gedanken im Hinterkopf, daß es ein sehr langer und unübersichtlicher Tag war. (Ich war zum Beispiel überhaupt nicht auf der Altstädter Seite.)
Den Ausschlag gab wohl schon die Blockade an der Hansastraße, der zunächst wahrscheinlichsten Marschroute der Nazis - diese Blockade wäre in ihrer Anfangsgröße und -konstitution leicht zu räumen gewesen. Anfangs genügten hier z.B. fünf wenig offensiv agierende Cops, um Hunderte Aktivisten von der Lößnitzstraße zu vertreiben. Die Polizei schien zunächst an dieser Route festzuhalten und bereitete auch die Leipziger Straße als Rückweg zum Bahnhof vor. Dann wuchs die Blockade aber innerhalb kürzester auf mehr als 2000 Menschen an, da die linken Busse, die von der Autobahn kommend nicht mehr weiter in die Stadt durften, in großer Zahl im Verlauf der Hansastraße ausgekippt wurden. Die Insassen liefen dann einfach die Straße hinunter zum Bahnhof Neustadt, oft mit dem ahnungslosen Vorhaben, zum Albertplatz oder gar zum Altmarkt zu gelangen, und blieben an der Blockade vorm Bahnhof dann schlicht stecken. Dieser Stau von Leuten, die zum Teil ganz woanders hinwollten bzw. -sollten, blockierte dann zusammen mit den Berlinern, die gezielt dorthin geschickt worden waren, durch die schiere Masse den wichtigsten Teil der Naziroute.
Unterdessen bildeten und verstärkten sich auch in anderen Richtungen vom Bahnhof Neustadt aus Blockaden, doch wichtiger war, daß die Nazis bereits an der Anreise gehindert werden konnten. Vor allem das umkämpfte Areal um die Ecke Königsbrücker Straße/Bischofsweg, durch das sich Nazis durchzuprügeln versuchten und in dem auch von der Polizei “ohne Vorwarnung auf die Menschen eingeprügelt und mit Pfefferspray gesprüht”, trotz Frost “sogar Wasserwerfer gegen eine Gruppe Sitzender eingesetzt” wurde, war hierbei zentral und dürfte den Nazis sowohl die meisten Wunden als auch den meisten Sachschaden beschert haben.
>>Polizei-Einsatzleiter Ludwig Gerhardt Danzl sah die Blockaden - zwischenzeitlich waren auch die Bahngleise dicht - offenbar gar nicht so ungern. Es sei «nicht sein Problem», wie die Nazis anreisten, sagte er.<< (yahoo news)
Nazis, die von der Altstädter Elbseite zu Fuß zum Bahnhof Neustadt gelangen wollten, trafen auf die kleine, aber entschlossenen Blockade auf der Marienbrücke, von der sie, sofern sie als Nazis zu erkennen waren, wieder zurückgeschlagen wurden. Diese Blockade, seltsam ignoriert von Infotelefon, Ticker und Berichterstattung, schloß gegen 11 gleichsam den Ring um den Startpunkt der Nazis. Ab diesem Zeitpunkt sah es so aus, als müßten die Blockaden nur noch lange genug halten.
Doch die Nazis, die mit ihren Bussen nicht mehr Stadt hineinkamen, fuhren nun an der Abfahrt Wilder Mann von der Autobahn und sammelten sich dort zu einer Spontandemonstration, die sich durch immer neue hinzukommende Busladungen von anfänglich 1000 auf insgesamt etwa 2000 bis 3000 Teilnehmende vergrößerte. (Daher wohl auch die stark abweichenden Meldungen über die Zahl der Nazis hier.)
Daß dieser Zug nun die Hechtstraße hinunterführen konnte und somit nur eine Querstraße vom az conni, einem der häufigsten Ziele von Naziangriffen in Dresden, entfernt war, und daß dieser Naziaufmarsch für den größten Teil ohne erkennbare Polizeibegleitung durch ein Viertel voller Linker lief, zeigte deutlich die Prioritätensetzung der Staatsgewalt. “Insgesamt sei es jedoch gelungen, beide Lager zu trennen”, ließ die Polizei später verlauten, hier hingegen versuchte sie es offenbar gar nicht.
Dieses Bild von der Ecke Erlenstraße/Hechtstraße zeigt die Nazis ohne jede Demonstrationsbegleitung, während in den Seitenstraßen versprengte Linke von der Blockade am Bischofsweg stehen:

(Zum Vergrößern draufklicken, für alle Fotos hier)
Insgesamt lief dieser Zug etwa eine halbe Stunde unbewacht die Hechtstraße hinunter. Die Polizei ließ sich erst blicken, als es bereits zu schweren Auseinandersetzungen (Holzlatten und Flaschen) gekommen war und in der Erlenstraße ein(e) Antifa-Aktivist(in) schwerverletzt liegengeblieben war.
In diesem Video ist etwa das letzte Drittel der Nazidemo abgefilmt, als sie bereits in den Dammweg einbog und damit fast am Bahnhof Neustadt angekommen war.
Die nun doch 5000 Nazis am Bahnhof Neustadt verlangten von der Polizei, daß sie ihnen die Straße freiräumen soll und drohten andernfalls mit Ausbruchsversuchen. (Was sie versuchten, scheiterte zumeist an den Absperrgittern.) Diese Ansagen wurden von Handgreiflichkeiten und Appellen die Cops begleitet, doch auf die “richtige Seite zu wechseln”. Es kam zu Rangeleien zwischen ausbrechenden Nazis und den eigenen Naziordnern. (Dazu zwei Videos)
Also räumte Polizei ab 16 Uhr die Blockierenden vom Dammweg und verstärkte an der Ecke Königsbrücker/Bischofsweg ihre Absperrung um weitere Wasserwerfer. Hier passierte nun etwas sehr Seltsames. Unter lauten Rufen (”Bullenstaat” usw.) bewegte sich ein sehr entschlossen wirkender Demonstrationszug die Königsbrücker Straße hinauf auf die Polizeifahrzeuge zu. Als in ihre lauten Sprechchöre hinein jedoch die erste Polizeidurchsage zu hören war, die Personen mögen sich doch wieder zum Albertplatz zurückbewegen, machten die Fronttranspi-Tragenden - noch in einiger Entfernung von der Polizei - augenblicklich kehrt und führten die Demo wie verlangt wieder in die entgegengesetzte Richtung. Einige blieben noch ein Weilchen stehen und riefen dabei Dinge, die jetzt wenig souverän klangen. Was war das - no pasaremos?
Schließlich entschied die Einsatzleitung der Polizei, die Nazis nicht mehr laufen zu lassen und auch den geplanten Abmarsch zu den Bussen über den Dammweg nicht mehr zu versuchen. Stattdessen wurden sie mit der S-Bahn nach Klotzsche gefahren und dann aus der Stadt geschafft. (Zumindest die, die nicht ohnehin in Dresden wohnen.)
Am Abend kam es dann mindestens in Leipzig, Gera und Pirna zu Ausschreitungen beim Eintreffen der frustrierten Nazis. Aus Pirna hatten sie ebenfalls vor, nochmals mit einer Buskolonne nach Dresden zurückzukehren und von einer Spontandemo aus Linke jagen zu gehen. Diese Reise beendete die Staatsgewalt allerdings schon auf der Autobahn.
Wer nicht nur die Nazis stoppen wollte, sondern das ganze Opfergebimmel in der Stadt für das Problem hielt, war am Vorabend bereits unter den knapp 1000 bei der Demo von “Keine Versöhnung mit Deutschland” (Bilder) mitten durch die Dresdner Altstadt gewesen, die zu den wenigen Veranstaltungen der letzten Monate zählt, die ich inhaltlich fast vollständig richtig und gut fand. Gleich zu Beginn wurde sich mit der Oppositionsbewegung im Iran solidarisiert, in weiteren Redebeiträgen wurde die Inszenierung Dresdens als Symbol für Frieden und Verständigung kritisiert, die Antifa (f) ging bei der Zwischenkundgebung auf dem Altmarkt auf die nicht mehr primär auf Leugnung basierende deutsche Geschichtspolitik ein (“Staat. Nation. Dresden. Scheiße.”). Dazwischen gab es gewohnt gute Musik und wie immer eine umwerfende Moderation, die auf bestimmte Punkte im Verlauf der Demostrecke und ihre Bedeutung für den Dresdner Opferdiskurs hinwies. Zum Abschluß spielten auf dem Schloßplatz Egotronic (Bilder), die sich gegen Gewaltfreiheit und akzeptierende Jugendarbeit mit Nazis aussprachen. Diese Ansagen bekräftigten sie beim Konzert am Samstagnacht im Puschkin, wo Torsun außerdem eine Büttenrede auf Dresden verlas.
Auf die Methode Fasching wurde auch zurückgegriffen, als am Samstagabend kleine Gruppen von Antifas das öffentliche Gedenken um die Frauenkírche störten. Mit Tröten und Trillerpfeifen, mit Transparenten und Sprechchören wurde versucht, die Dresdner mit dem für sie vollkommen unverständlichen Umstand zu konfrontieren, daß nicht alle mit ihrem Ritual einverstanden sind und daß ihr jahrzehntelang gepflegter Opfermythos die vielleicht wichtigste Einladung an die Nazis war, sich hier jedes Jahr zu Tausenden zu produzieren. Die damit ausgelösten Reaktionen deuten daraufhin, daß es sich durchaus lohnen könnte, im nächsten Jahr stärker ins öffentliche Gedenken einzugreifen und dazu vielleicht auch mehr auf Krawall und Provokation zu setzen. Frei nach Gerhard Hauptmann: Wer das Kotzen verlernt hat, der lernt es wieder in Dresden.
Spiegel: Immer Ärger mit den Deutschen
>>Die Deutschen gälten vielen Deutsch-Schweizern als “laut, wenig einfühlsam, arrogant”, sagt Julia Morais, die Integrationsbeauftragte des Kantons Zürich, selbst eine Deutsche. Sie organisiert jetzt “Begrüßungsabende” für ihre Landsleute. Dort lernen sie, dass man im Restaurant nicht “Zahlen!” brüllt, sondern höflich anfragt, ob man wohl bitte die Rechnung haben dürfte.<<
Anderswo in der Ausgabe wird gleich dreimal klargestellt, was so schlimm an Berlin-Neukölln ist. In der Hausmitteilung: "Der Berliner Stadtteil Neukölln gilt als einer der schlimmsten sozialen Brennpunkte in der Bundesrepublik; über 150 000 Menschen aus mehr als 160 Nationen leben dort." Im Inhaltsverzeichnis: "Tarkan Karaalioglu ist Deutschtürke und für den Bezirksbürgermeister einer von Tausenden Problemfällen in einem Stadtteil, in dem 160 Nationalitäten leben." Und im dazugehörigen Artikel: "Über 150 000 Einwohner hat Neukölln, 55 Prozent von ihnen Migranten, sie stammen aus mehr als 160 Nationen."
Einst als Autor von Texten wie “Keine Träne für Dresden” wichtiger Vordenker für antideutsche Positionen zu den Dresdner Passionsspielen, fällt Jürgen Elsässer heute zum gleichen Thema sowas ein:
>>Die Neonazis konnten sich des Themas ”Dresden” nur bemächtigen, weil die Linke nach 1990 die SED-Tradition vergessen hat und immer antideutscher wurde, also ihre klammheimliche Freude an deutschen Bombenopfern immer weniger verborgen hat. Dabei hat ein Linker wie Jörg Friedrich (“Der Brand”) eigentlich die publizistische Steilvorlage geliefert, es richtig zu machen.<<
Ich war gerade auf der letzten großen Berliner Mobilisierungsveranstaltung im Neuen Deutschland, bei der sich vor gut gefülltem Saal erst die Linkspartei mit sich selbst unterhielt (der tolle 8. Mai 2005 in Berlin), dann jemand von der Verdi-Jugend seine Mobilisierungserfolge abfeierte (”Blockaden sind keine klassische Form der Tarifpolitik”, im DGB gibt es “verschiedene Kulturen”) und sich schließlich ein Anwalt vom RAV bei neuen Klienten empfahl.
Letzterer verwendete Redewendungen wie “von der Polizei entfernt werden” ohne erkennbare ironische Brechung, erklärte Gefangenbefreiungen für aussichtslos und hatte dann aber noch ein paar interessante Details parat: Das Dresdner Verwaltungsgericht hatte der Polizei im Zuge der Verhandlungen um den Naziaufmarsch empfohlen, anderweitig tätig zu werden, etwa die Busanreise von “Störern” zu unterbinden. Des weiteren wurden von der Stadt Blockaden prinzipiell verboten und Kundgebungen nur auf den Bürgersteigen erlaubt, wobei ausdrücklich dafür gesorgt werden müsse, daß Fußgänger, Fahrrad- und Rollstuhlfahrer noch durchkommen. (Zur Busanreise hieß es außerdem übrigens, daß die Polizei Speditionen auffordert, keine Antifas nach Dresden zu fahren, und daß in Thüringen einer Kirchengruppe deshalb schon ein Bus gekündigt wurde.)
Der Vertreter des Dresdner Bündnisses referierte noch einmal, wie es zum Konzept der Massenblockade gekommen war (Aktionskonferenz, Lernen von Köln und Jena), zeigte die insgesamt mehr als ein Dutzend Kundgebungsorte auf der Karte und wiederholte dann mehrfach die üblichen “No Pasaran”-Formeln: “Es wurde aufeinander zugegangen, die Spektren sind nicht mehr getrennt”, “letztes Jahr gingen im Unterschied zu den Vorjahren 5000 Leute auf die Straße” usw.
Angesichts der Massen am Hauptbahnhof und am Neustädter Bahnhof bleibt nun die Frage, ob die Nazis nicht doch ihre ursprüngliche Route vom Landtag/Zwingerteich laufen werden und die Polizei dann versucht, Durchbrüche von den Kundgebungen zu verhindern. Die diesbezügliche Entscheidung wird für morgen erwartet.
Selbstverständlich kein Wort über die Demo am Freitag, bei der ich mich unter die Unverbesserlichen mischen werde, die sich wie in den letzten Jahren sowohl gegen die Nazis als auch gegen die Dresdner Passionsspiele, die deutsche Gesamtscheiße und den Kapitalismus wenden.
Was bisher geschah: Die Polizei hat Pepperball-Pistolen angeschafft, die Nazis dürfen laufen, nachdem es erst nach einer Kundgebung ausgesehen hatte, die das Dresdner Verwaltungsgericht aber nicht für zumutbar hielt; im vergangenen Jahr waren zwar erheblich mehr Antifas nach Dresden gekommen, erstmalig nach drei Jahren wurde die Nazidemo allerdings nicht behindert, was intensive Strategiedebatten ausgelöst hatte. Für den Gesamtkontext sei noch mal auf das Video von uglydresden zu unserem Song “Dresden Calling” verwiesen:
“Bild”: SEK setzt neue Waffen ein.
>>Damit sie in Sachsen eingesetzt werden dürfen, erließ [Innenminister Ulbig] vorige Woche extra eine Pepperball-Vorschrift „VwV PeBa SEK“. (…) Die Pepperball-Pistole (…) verschießt mit Luftdruck rote Plastik-Geschosse, gefüllt mit Pfefferstaub (Inhaltsstoff: Capsaicin II). Gezielt wird auf die Brust, auf der die Kugeln beim Aufprall zerplatzen. Das Innenministerium bestätigt die Waffenlieferung. (…) Mit der neuen Verordnung dürfen in Sachsen SEK-Polizisten (…) die neue Waffe ab sofort gegen „bewaffnete, gewalttätige oder aggressive Personen“ einsetzen. Und die Polizei kündigte an: „Am 13. Februar sind Spezialkräfte im Einsatz!“<<
Ist das PS unter dem Beitrag eigentlich als Tip an die Demonstrierenden zu verstehen?
>>Bei Regen, Wind und mehrlagiger Bekleidung verliert die neue Waffe ihre Wirkung. Denn prallt die Pfefferkugel auf weichen Stoff auf, platzt sie nicht, fällt nur zu Boden.<<
Für manche vielleicht die wichtigere Information:
>>Aktuelle Forschungen von John E. Mendelson am California Pacific Medical Center Research Institute zeigen Effekte zwischen Capsaicin und Kokain, welche die Letalität von Kokain um ein Vielfaches erhöhen.<<
(Hat Tip: Neuro)
>>Das Gericht schrieb zur Begründung, der Staat sei gehalten, angemeldete Versammlungen vor Störungen Dritter zu schützen. Gegen die angemeldete Veranstaltung selbst dürfe nur im Falle des »polizeilichen Notstandes« vorgegangen werden – den sah das Gericht nicht als gegeben.<< (Neues Deutschland)
Die Sächsische Zeitung gibt die Position des Verwaltungsgerichts so wieder:
>>Nach dem, was vorgelegt wurde, könne nicht angenommen werden, dass die Polizei personell oder organisatorisch nicht in der Lage sein werde, die Gefahrenlage zu beherrschen und insbesondere die JLO-Versammlung vor Störungen durch Gegendemonstranten zu sichern. Es bleibe daher bei der angemeldeten Strecke für den Aufzug.<<
Bild berichtet von 46 Einsatzhundertschaften der Polizei und 15000 erwarteten Nazis.
Auch das Ordnungsamt trat diese Woche auf den Plan:
>>Am 30. Januar, dem Tag der so genannten Machtergreifung fungierte Julia Bonk (MdL, Die Linke) als Anmelderin für ein Probesitzen. Nach einigen gerichtlichen Auseinandersetzungen hatte sie das Recht zugesprochen bekommen, sich zusammen mit anderen auf den Platz vor der Synagoge zu setzen. Die Polizei fand nichts zu beanstanden. Nun tritt jedoch das Ordnungsamt nach. Bonk sei unzuverlässig, das haben die Erfahrung mit der Veranstaltung gezeigt, da dort doch Blockaden eingeübt worden wären, meldet die DNN (Dresdner Neueste Nachrichten) in ihrer heutigen Ausgabe. Daher soll ihr verboten werden, als Anmelderin während des 13. Februars bei Protesten aufzutreten. Angemeldet ist von ihr eine Kundgebung am Hauptbahnhof.<<
Am Sonntagabend findet in der K9 eine Diskussionsveranstaltung zu Dresden mit Avanti – Projekt undogmatische Linke (No Pasarán!), ¡Venceremos! Antifa Dresden (Keine Versöhnung mit Deutschland) und TOP B3rlin statt.


Mobilisierung zum größten Naziaufmarsch in Europa - in Gestalt der NPD-Parteizeitschrift direkt im Zeitungsständer der Bahnhofsbuchhandlung in Weinheim
Auch schon von letzter Woche:
>>So wichtig scheint es den Dresdener und den sächsischen Offiziellen zu sein, endlich einmal ungestört ihr deutsches Passionsspiel aufführen zu können. Ihre Mittel sind deshalb so drastisch, da sie keine vernünftigen Argumente auf ihrer Seite haben. Ihnen fehlt eine politisch logische Rechtfertigung, den Nazis das zu verbieten, was sie selber tun, nämlich der deutschen Opfer des Zweiten Weltkriegs zu gedenken und damit die britische und amerikanischen Luftwaffe zu Tätern zu machen. Auf der anderen Seite können sie auch nicht vernünftig erklären, warum der Protest gegen einen so großen Nazi-Aufmarsch an diesem Tag zu verurteilen sei – zumal sie selbst in den vergangenen Jahren den zivilgesellschaftlichen »Aufstand der Anständigen« gegen die Nazi-Demonstrationen noch gepriesen hatten.
Im Aufruf des »No Pasarán«-Bündnisses heißt es, die »Konsequenz von AntifaschistInnen aus der deutschen Vergangenheit« laute: »Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus«. Und durch den folgenden Bezug auf den Schwur der Überlebenden des KZ Buchenwald wird zumindest suggeriert, jene Parole stamme aus dem Schwur, was eine in antifaschistischen Kreisen nach wie vor beliebte Legende ist – eine unwahre. Nicht zitiert wird der wesentliche Teil jenes Schwures, der tatsächlich programmatisch für ein Gedenken an die Bombenangriffe auf Dresden sein sollte:
»Wir danken den verbündeten Armeen, der Amerikaner, Engländer, Sowjets und allen Freiheitsarmeen, die uns und der gesamten Welt Frieden und das Leben erkämpfen. Wir gedenken an dieser Stelle des großen Freundes der Antifaschisten aller Länder, eines Organisatoren und Initiatoren des Kampfes um eine neue demokratische, friedliche Welt, F. D. Roosevelt. Ehre seinem Andenken!«
Der US-Präsident Franklin D. Roosevelt war es, der auf der Konferenz von Casablanca 1943 für einen härteren Kurs im Krieg gegen Deutschland warb. Dort wurde die Verstärkung der Luftangriffe auf deutsche Städte beschlossen und die Kapitulation Deutschlands als Ziel festgelegt.<<
Ivo Bozic: Die Dresdner Passionsspiele
Die “Süddeutsche Zeitung für Kinder” zur Bundestagswahl stammt aus dem letzten Sommer und die Ausgabe des Gegenstandpunkts, in der sie unter Überschriften wie “Die selbstverständlichste Sache von der Welt: Andere über sich entscheiden lassen” oder “Demokratie ist, wenn man sich die Herrschaft selbst bestellt” besprochen wird, auch schon aus dem Dezember. Weil es aber immer viel zu wenige Texte gibt, in denen die Demokratie, die trotz allem Schlimmeren weiterhin eine Herrschaftsform ist und überwunden gehört, so schön eins drüber bekommt, seien hier noch mal zwei Stellen zitiert.
Claus Hulverschmidt von der SZ erklärt: “Deutschland ist eine Demokratie. Das ist ein griechisches Wort und bedeutet, daß alle mitentscheiden dürfen, welche Regeln für alle gelten.” Der GSP darauf: “Der Humanist des süddeutschen Weltblattes kann diesen alten Wert auch noch ins Deutsche übersetzen, ohne sich im entferntesten um das griechische kratein zu scheren. Das Herrschen kürzt sich ganz raus…”
Und zum Prinzip der Delegation:
>>Wie praktisch! Dann braucht man nicht alles selber zu entscheiden. Dafür gibt es ja die Politiker. Man braucht sie bloß noch zu ermächtigen und schon nehmen sie einem die schwere Arbeit ab, über sich selbst zu bestimmen. Man selber muß sich nur noch an deren Gesetze halten; das spart ungeheuer Zeit.<<
Im selben Heft zitiert der GSP eine Meldung von wirtschaft.t-online.de:
>>In den Entwicklungsländern werden dem Landwirtschaftsausblick zufolge zwar künftig mehr landwirtschaftliche Güter hergestellt, gehandelt und verbraucht. Lebensmittelknappheit und Hunger seien aber dennoch ein zunehmendes Problem. Weltweit litten eine Milliarde Menschen Hunger. Langfristig bestehe weniger die Gefahr, dass es nicht genug Nahrungsmittel gebe, sondern dass die Armen nicht ausreichend Zugang dazu hätten. Deshaln müsse die Armut verringert werden und die Wirtschaft wachsen - dazu könne in Entwicklungsländern die Landwirtschaft beitragen.<<
Und kommentiert:
>>Lebensmittel werden immer reichlicher hergestellt, und “dennoch” wächst die Lebensmittelknappheit. Genug Lebensmittel wären für die Hungernden schon da; das einzige, was ihnen fehlt, ist der “Zugang” - dass damit das Geld gemeint ist, ist jedem so klar, dass man es gar nicht explizit aussprechen muss. So zeigt sich, dass Geldverdienen und nicht Versorgung der ausschließliche Zweck der Herstellung von Bedarfsgütern ist; marktwirtschaftliche Armut, Hunger und Elend verdanken sich allein dieser Zweckbestimmung der Produktion. Um sie aus der Welt zu schaffen, muss foglich der herrschende Produktionszweck, das private Geldverdienen, durch eine planmäßige Versorgung der Leute mit Dingen ihres Bedarfs ersetzt werden. Oder?
Der marktwirtschaftliche Sachverstand denkt anders: Wenn schon alles nur gegen Geld zu haben ist - die Lebensmittelknappheit zahlungsunfähiger Menschen gilt ihm als selbstverständlichste Grundtatsache allen Wirtschaftens -, dann brauchen die Armen nichts anderes als Geld. Nur fehlendes Geld verhindert, dass die produzierten Güter dorthin gelangen, wo sie am dringendsten gebraucht werden.; sobald es da ist, ermöglicht es den Zugang. Wenn Hunger in Geldmangel übersetzt ist, dann heißt das erste Bedürfnis der Armen: eine erfolgreiche Geldwirtschaft muss her! Erst einmal müssen mehr Geschäfte laufen, bevor sich der elende Teil der Menschheit Hoffnung machen kann. Milliarden hungernder Menschen beweisen, wie unverzichtbar ein in Geld bilanziertes Wirtschaftswachstum ist.<<
Ansonsten gilt weiterhin: Good Gegenstandpunkt, bad Gegenstandpunkt.
>>Die Vorliebe, mit der einst die Vertreter der »subjektiven Wertlehre« und bis heute die der daraus abgeleiteten Grenznutzentheorie ihre Doktrin am berüchtigten Glas Wasser in der Wüste idealtypisch zu erläutern pflegen, kommt nicht von ungefähr. Dieses Modell gibt in der Tat die Bedingungen optimierter marktwirtschaftlicher Reichtumslogik wieder. Im ökonomischen Sinn darf sich eine Gesellschaft umso reicher schätzen, je perfekter es ihr gelingt, den sozialen Zusammenhang in eine Wüste zu verwandeln, in der die Menschen von allem Lebensnotwendigen und allem, was das Leben lebenswert machen könnte, prinzipiell restlos abgeschnitten sind, auf daß es ihnen allein in der Schrumpfform der Ware und auschließlich über die Teilnahme am Verwertungsbetrieb vermittelt partiell zugänglich werde.<<
Ernst Lohoff: Zur Dialektik und Mangel und Überfluss
(via Emanzipation oder Barbarei & neoprene)








Sammelsurium liest Bini Adamczaks Kommunismus: Teil 1, 2, 3, 4, 5, 6 und 7



























