Rohentwurf zu meinem EntheoScience-Beitrag: Solidarität, Kritik und Begriffsbildung

September 12th, 2014

Ich hätte heute die Konferenz “EntheoScience” in Potsdam eröffnen sollen, kann das aus schwerwiegenden persönlichen Gründen jedoch leider nicht tun. Ich bin auch nicht in der Lage, meinen gesamten Beitrag hier wiederzugeben, hab aber meine Vorüberlegungs-Diktate fürs geneigte Publikum mal abgetippt – ist recht roh und ein bißchen lang, ich weiß.

Vorrede

Ich werde hier recht viel Kritik auskippen, werde vielleicht manche von euch damit treffen, manche aufbringen, manche abstoßen. Das ist okay, das soll auch so sein. Aber ich möchte etwas vorausschicken, das mir akut sehr wichtig ist und was auch sonst nicht zu oft gesagt werden kann: Paßt aufeinander auf, haltet zusammen. Ich habe in den letzten zwei Jahren viel Verrat und Imstichlassen und dergleichen erlebt, selbst und um mich herum – wohl weil die Zeiten härter werden, weil es ruppiger und verlogener wird überall, und weil sich manche eben abwenden, wenn es zu kraß wird und es dadurch meist noch viel, viel schlimmer machen. Überhaupt denke ich, daß die Repression und der ganze Ärger deshalb so gut funktionieren, weil sich zu viele abwenden, wenn’s schlimm wird, und die Be- und Getroffenen alleine bleiben. Für viele gab’s dann niemanden mehr, mit dem sie noch wirklich reden konnten, niemanden, der sie nicht vorverurteilt hat – der Faden war durchgerissen und sie haben’s nicht mehr geschafft.

Also eben gerade die nicht im Stich lassen, bei denen es heißt: Das ist ein ganz schwerer Fall, läßt sich doch nicht helfen, da ist eh alles vorbei usw. Durch diese Grenzziehung werden sie ja entmenschlicht, aus der Gesellschaft der Menschen entfernt, für die man sich noch verantwortlich fühlt, und ans Fachpersonal übergeben, das zwar manchmal auch wem hilft – aber wir wissen, daß die Leute sich trotzdem umbringen, trotzdem kaputtgehen, irgendwo verwahrt werden oder von der Bahnhofssecurity vertrieben.

Natürlich lassen sich keine Wunder wirken, das ist mir klar. Es geht ja auch nicht darum, jemandem reinzureden oder was aufzuschwatzen. Es geht ja nur darum nicht wegzugehen. Wenn einer getroffen ist, sich nicht wegzudrehen, sondern dazubleiben und zu schauen, ob es nicht irgendwas zu tun oder zu sagen gibt. Oder ob der Umstand, daß jemand da ist und nicht abhaut, allein schon sehr viel ausmacht. Daß die Person wirklich da ist und nicht nur im Internet, ob die Person einen in den Arm nehmen kann.

Das wäre mir wichtig vorauszuschicken – es können ja alle ihre Auffassungen haben, und darüber soll unbedingt gestritten werden, aber paßt dennoch aufeinander auf, laßt euch mal nicht gegenseitig hängen, laßt diesen Scheiß mal nicht wirken. Meist ging der Verrat oder das Abwenden einher damit, daß bestimmte Differenzen für unüberbrückbar erklärt wurden, und das kann auf politischer oder anderer Ebene ja auch so sein, auf der Ebene persönlicher Solidarität sollte es nicht danach gehen. Wie heißt es so schön? Ketten bilden! Eine Linie ziehen, wo die Gewalt und die Repression und die Ausgrenzung nicht durchkommen. Wenn es irgendwann auf der Welt mal grundsätzlich anders und besser werden soll, wird das auch nur so zustandekommen, daß sich Menschen nicht im Stich lassen, daß sie sich zusammentun und die Scheiße nicht mehr gefallen lassen, daß sie versuchen, die Gesellschaft zusammen so einzurichten, daß wirklich alle mit erwischt werden, daß nicht immer welche hinten runterfallen. Das wäre das, was passieren muß, und das passiert gerade viel zu wenig, eher geht der Zug in die andere Richtung. Umso wichtiger ist es, daß alle, denen das klar ist, zusammenhalten und aufeinander aufpassen.

Vortrag

Die Personaldecke ist dünn, nicht nur hier, an vielen anderen wichtigen Stellen auch – bei diesen Veranstaltungen tauchen irgendwie immer die gleichen Leute auf. Ich bin auch nicht jemand, der bei sowas zum ersten Mal rumspringt. Ich darf aber auch endlich mal (wieder) reden – auf der letzten EntheoVision durfte ich nicht reden, dem Vernehmen nach wegen meiner politischen Auffassungen.

Was das nun wert ist oder was ich davon zu halten hab, daß ich jetzt hier reden darf, weiß ich noch nicht so genau. Das kann auch als Wahllosigkeit oder Beliebigkeit genommen werden oder auf Offenheit auch in unschöne Richtungen hindeuten – wenn ich sehe, daß Mathias Bröckers hier spricht, ohne daß etwa sein Buchkapitel zur “Kosher Conspiracy”, die hinter 9/11 stecken soll, problematisiert zu werden scheint.

Aber sei’s drum – dann kann ich hier eben sprechen, dann bin ich jetzt eben der Quotenkommunist, und das bin ich glaube ich schon, weil die politischen Positionen, die hier sonst so versammelt sind, sind ja, soweit ich das überblicken kann, eher so “links”. Das wäre auch schon einer meiner Punkte: daß die hier verhandelten Gegenstände und Themen nicht aus dieser linkslilberalen demokratieidealistischen Ecke rauskommen, in der es immer eher darum geht, sich moralisch aufzuspielen, irgendwelche Diskurse zu bedienen und seinen Scheiß verkauft zu kriegen – und dann vielleicht auch als akademisch durchzugehen, ernst genommen zu werden, wichtig wichtig wichtig zu sein, bla bla bla. Das ist mir alles sehr egal und das nervt mich alles sehr, und meiner Meinung nach steht dieser ganze Quatsch einer Reihe von wichtigen Erkenntnissen und möglichen Beiträgen auch schlicht im Weg – daß wir zum Beispiel mehr drüber nachdenken, was insgesamt vor sich geht, was wir wirklich ausrichten können, wie das mit der Gesellschaftsordnung zusammenhängt und den sozialen Kämpfen darin; daß wir mal aus diesem ganzen Begriffssalat und dem Geraune und der Skandalisierung von Tagespolitik rauskommen.

Damit will ich nicht sagen, daß es blöd ist, sich aktuellpolitisch zu engagieren und Leuten, die gerade jetzt betroffen sind, zu helfen – ich mach ja selbst auch noch andere Sachen als klug daherreden. Mir geht’s darum, was nicht passiert, darum, inwiefern diese verschiedenen Positionierungen zur Ausrede gerinnen, über bestimmte Sachen nicht mehr nachzudenken bzw. inwiefern man dann auf bestimmte “dumme Gedanken” auch erst gar nicht mehr kommt. Das ist die Stelle, wo ich’s niemandem wirklich vorwerfen kann, weil mir klar ist, daß das eben die Welt ist, in der man sich gedanklich und überhaupt bewegt. Und jenseits davon ist noch sehr viel, bei dem wir die Dachpappe gerade höchstens mal vorsichtig angehoben haben.

Wenn das hier jetzt als Ankacke rüberkommt – ich laß mich furchtbar gern davon überzeugen, daß das nicht stimmt. Schön, wenn ich im Nachhinein noch erfahren sollte, daß Leute sich an die Begriffsarbeit machen, das alles in Zusammenhang mit Klassenauseinandersetzungen und Systemüberwindung stellen, und zwar nicht auf so ‘nem Wir-99%-Lalala-Level, sondern vielleicht wirklich mal so, daß es irgendwann dazu führen könnte, daß alle Menschen kriegen, was sie brauchen, und nicht wieder wie einer dieser Schüsse in den Ofen, die es bisher meistens waren.

Meine Baustelle ist also, da weiterzudenken, wo sonst immer gern stehengeblieben wird, wo es sonst immer heißt: Das bringt jetzt gerade nix, oder: Da haben wir jetzt gerade nix von, das ist gerade nicht unser Thema, das ist nicht aktuell, damit kann man realpolitisch gerade nichts anfangen usw. usf.

Ich will mich nicht daran beteiligen, diese schönen und krassen Geschichten zu kolportieren, die immer irgendwie dramatisch und mysteriös klingen und bei denen man sich kraß vorkommen kann, wenn man sie erzählt – es muß nicht jeder Zufall was bedeuten, nur weil er einem auf Trip aufgefallen ist; vieles sieht unerklärlich aus, wenn man den Prozeß nicht kennt (oder ausblendet), der es hervorgebracht hat. Und ich will weg von der Skandalisiererei – es muß nicht immer gleich alles, was einem politisch nicht paßt, totalitär und faschistisch sein, und es ist doch auch völlig überzogen und vor allem falsch, die Forderung dieser Gesellschaft als Abstinenz zu bezeichnen, egal welcher schlaue Mensch das mal gesagt hat. Die Rausch- und Lustkontrolle in dieser Gesellschaft funktioniert doch offenkundig sehr viel selektiver und integrativer – wenn die Frontstellungen so übersichtlich wären wie: hier freiheitsliebende, lustbetonte Menschen gegen: da den grauen, supertotalitären “1984″-Staat, dann wäre die ganze Lage sehr viel einfacher. So sieht’s einfach nicht aus, tut mir leid. Wir sollen ja feiern – und dabei Wernesgrüner trinken und “Deutschland” schreien. Und wir sollen uns doch durchaus so gut berauschen, daß wir die Plackerei aushalten und uns vielleicht manchmal noch was einfallen lassen, damit aus dem Betrieb mehr rauskommt. Wir sollen und wollen doch “faszinierende innere Welten erkunden”, um die Scheißrealität von Ausbeutung, Hunger, Krankheit und Elend, von lauter vermeidbarem Leid auf dieser Welt nicht mitbekommen zu müssen.

Was ich tun möchte ist zusammenzutragen, was wir über den Rausch aussagen können, und ihn so auf den Begriff bringen, ihn funktionell und historisch bestimmen. Ich habe dazu ein paar Vorschläge zu machen, wie wir den Rausch zu fassen bekommen können und den Horizont weit genug aufbekommen, um nicht mehr nur von den “jahrtausendealten Kulturpflanzen” und den “edlen Wilden” herumzutröten, sondern sowas Schlichtes, aber Großes sagen zu können wie: Rausch ist eine Fähigkeit jedes Lebewesens mit einem Nervensystem seit ein paar Hundert Millionen Jahren. Es ist so banal wie das, da muß keine Dramaturgie eingepflegt werden. Dazu kommen wir gleich noch.

Das andere, was gesagt werden kann, betrifft den Zusammenprall dieser Fähigkeit Rausch mit Herrschaft – was das miteinander zu tun hat, wie es aufeinander bezogen ist und zurückwirkt. Und da gibt es eben nicht nur so eine schlichte Gegenüberstellung Herrschaft vs. Rausch – dann wär das alles ganz einfach, dann wäre Herrschaft auch sehr viel leichter aus der Welt zu schaffen. Ich mahne also ganz allgemein Dialektik an, das Denken in Widersprüchen – das heißt: wenn es übersichtlich und schwarz-weiß aussieht, wenn ich keine Widersprüche mehr sehe, dann stimmt’s höchstwahrscheinlich nicht, dann liege ich vermutlich falsch, dann hab ich’s vermutlich noch nicht verstanden, mache es mir zu einfach, und das wird sich in irgendeiner Form rächen, nicht zuletzt dadurch, daß ich dann vermutlich auch in der Logik der Herrschaft klebe und diese befördere.

Wir haben also in der deutschen Sprache das Wort Rausch – vielleicht eine der größten Kulturleistungen dieser Gesellschaft. In anderen Sprachen scheint das so nicht entwickelt worden zu sein. Der Begriff in seiner modernen Bedeutung entstand zu einer Zeit, in der diese Gesellschaft noch nicht so beschissen war, wie sie später wurde und heute noch ist, sondern als sie noch in heftiger revolutionärer Gärung befindlich war und eine revolutionäre Hoffnung für die Welt dargestellt hat – und noch nicht dieser Friedhof der Hoffnungen war, der sie seither fast die ganze Zeit gewesen ist.

In diesem Wort steckt die Möglichkeit, all diese vielen verschiedenen Zustände zusammenzufassen, und das unter einen relativ neutralen Begriff. Rausch faßt das sogar funktional recht gut, obwohl der Begriff geprägt wurde, als der Zusammenhang mit dem neurologischen Rauschen noch gar nicht so klar war. Es steckt also vom Kaufrausch bis zum Blutrausch alles drin und kann auf einen Nenner gebracht werden, und von da aus kann auch die Frage gestellt werden, die leider seitdem schon wieder nicht mehr so richtig gestellt wurde – was ich mit dem Ende jener revolutionären Gärung und ihren Umschlag in den monströsen, konterrevolutionären Irrsinn der deutschen Volksgemeinschaft in Zusammenhang bringen würde – die Frage nämlich, was all diese Zustände gemeinsam haben, woraus sich ja erst eine funktionelle Bestimmung und ein Begriff bilden lassen.

Erst mal haben sie das gemeinsam, daß sie, wenn man sie alle mal zusammennimmt, das Leben des Nervensystems, des Menschen, der anderen Lebewesen mit Nervensystem ausfüllen, daß praktisch immer eine Form von Rausch in unterschiedlicher Intensität und meist auch in Kombination mit anderen Formen vorliegt. Es ist also ein Alltagsphänomen, etwas, das immer anzutreffen ist, das ständig vor sich geht. Wir müssen also die Vorstellung fallenlassen, Rausch wäre die Ausnahme, der Sonderfall, überhaupt eine Entscheidung – bezüglich der Art und des Verlaufs von Rausch treffen Menschen Entscheidungen, daß sie sich überhaupt im Rausch befinden, bedarf hingegen wie die allermeisten Formen von Rausch keiner Entscheidung, sondern ist einfach ein Zeichen dafür, daß das Nervensystem lebt. Wenn ich diese Idee von der Ausnahme und der besonderen Kategorie mitmache, geh ich der ganzen Sache schon auf den Leim.

Dann kommt natürlich die Reaktion: “Was ist denn das noch für ein Begriff, wenn immer Rausch ist?” – Klar, was ist denn das für ein Begriff, wenn immer Atmung ist, wenn immer Verdauung ist? Wie soll ich denn da noch über verschiedene Nahrungsmittel und Rahmenbedingungen Aussagen treffen?

Ich will den Begriff also mal in dieser umfassenden Weise fassen, wie es ja offenbar geht, und auch den Verlockungen nicht nachgeben, immer schon eher abzubiegen und etwa die Universalität von Rausch wieder nur mit dem winzigen raumzeitlichen Ausschnitt der “alten Kulturpflanzen” und der “indigenen Stämme” zu erklären. Das ist zu eng und deshalb irreführend, außerdem ist es in der Auswahl und Terminologie oft auch ein ganz schöner Haufen romantischer Unfug.

Rausch ist einfach eine Fähigkeit des Nervensystems, vermutlich jedes Nervensystems, solange es die gibt, seit 3-400 Millionen Jahren nach heutigen Schätzungen – und nach all der Zeit hat sich diese Fähigkeit spezialisiert, ist so automatisch wie vielfältig geworden. So umfassend stellt sich das in etwa dar. Und damit kann ich mich natürlich nicht als der große Kulturverteidiger aufspielen, sondern muß erstmal zur Kenntnis nehmen, daß das die ganze Zeit schon in Betrieb ist – das müssen wir erst mal kapieren, das müssen wir erstmal akzeptieren, das müssen wir dann auch erstmal in die Debatte einspeisen, egal wie sehr das den Erwartungen und Verkaufschancen und Politikfeldern entgegensteht.

Im weiteren hätte der Vortrag im wesentlichen diesen Slides folgen sollen. Zum Schluß dann noch eine Bemerkung zum Motto der Veranstaltung, wie es auf den Flyern zu lesen war, Günter Amendts Satz, daß Abstinenz als “gesellschaftliche Zielvorstellung … Ausdruck einer totalitären Phantasie” sei.

Ende

Diese Idee von Abstinenz, in der Art, wie sie im Veranstaltungsmotto gefaßt wird, ist eben nicht nur wegen des zu schlichten Bildes von gesellschaftlichen Konflikten Unfug, sondern auch, weil Rausch aus Menschen nicht rauszubekommen ist – ein Nervensystem, das nicht im Rausch ist, ist höchstwahrscheinlich tot. Abstinenz wird doch aufgesucht, um bestimmte Rauschzustände herbeizuführen, ob sie nun so genannt werden oder nicht. Und auch wenn das nicht die Absicht ist, stellen sich durch die Abwendung von bestimmten Rauschauslösern dennoch andere Formen von Rausch und andere Präferenzen für Auslöser ein. Ich kann die Art des Rausches ändern, ich kann vielleicht auch die Intensität runterfahren (was für alle, die unter zuviel Rausch leiden, ja auch höchst wichtig ist), aber ich bekomme den Rausch insgesamt nicht weg.

Ebenso unsinnig ist es zu sagen, Abstinenz wäre nun eine spezifische Forderung totalitärer Herrschaft – jede Form von Herrschaft fordert irgendeinen selektiven Rauschverzicht, der aber in der Regel nicht wirklich durchgesetzt werden kann. Das ist ein konstitutives Merkmal von Herrschaft, ohne das sie einfach nicht funktionieren würde. Da ist keine Veranlassung für “Whoo-hoo, wir sind im Faschismus!” Da ist einfach Veranlassung für die überfällige Überwindung von Herrschaft, und nicht, weil sie irgendwo noch mal besonders schlimm ist, sondern weil sie immer Ausbeutung und Leid bedeutet.

Meine nächsten Auftritte, quer durch die Botanik

September 11th, 2014
  • ABGESAGT! Fr, 12.09.2014, Potsdam, Freiland, 18 Uhr: Rausch-Vortrag bei EntheoScience
  • Sa, 13.09.2014, Gotha, JU.W.E.L.: Auflegerei beim Antifa-Solitag der AAGTH (Ankündigung)
  • Do, 18.09.2014, Troisdorf, Jugendkulturcafé: Vortrag Entschwörungstheorie
  • Fr, 19.09.2014, Stuttgart, contain’t: Vortrag Entschwörungstheorie, anschließend Auflegen (FB-Event)
  • Sa, 20.09.2014, Tübingen, Schelling: Vortrag Entschwörungstheorie
  • So, 21.09.2014, Nürnberg, (tba): Vortrag zu Lust, Rausch und Zweifel (FB-Event)
  • Sa, 04.10.2014, Marburg, Trauma: Vortrag Entschwörungstheorie (FB-Event)
  • So, 05.10.2014, Karlsruhe, AKK: Vortrag Entschwörungstheorie
  • Mo, 06.10.2014, Freiburg, (tba): Vortrag Entschwörungstheorie
  • Sa, 18.10.2014, Halle, Reil78: Vortrag “Am Geld kleben – Antisemitismus und Kapitalismus”, Konzert mit istari Lasterfahrer und anschließend Auflegerei (FB-Event)
  • Des weiteren in der Pipe: Interview bei The art of being many (24.-28.9., Hamburg), eventuell eine Veranstaltung zu Religionskritik in Wittenberg, noch einmal Entschwörung in Mannheim und einmal “Lust, Rausch und Zweifel” in Münster Ende Oktober.

    Wer auch noch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm.

    Heuschrecken kommen nach Troisdorf lust rauschzweifel nürnberg flyer

    Wernigerode → Thale

    August 31st, 2014

    Am Busbahnhof von einem Mann mit einem Knüppel bedroht worden (“Die Ausländer müssen alle weg!”, “Ich schlag dir alle Zähne aus!”), dann trotz Regenwetter lieber Richtung Ortsausgang gelaufen und getrampt.

    Schon an der Halberstädter Straße nach weniger als fünf Minuten einen angehalten, der früher im “Stadtgarten” Veranstaltungen gemacht und sich dort um die Technik gekümmert hat, und der mich noch bis aus Blankenburg raus an die Ausfallstraße nach Thale brachte.

    Von dort war’s – wieder nach kurzer Wartezeit – eine überdreht-gutgelaunte Kleinfamilie auf dem Weg nach Neinstedt, in deren Rumgealber ich jetzt sogar schon wieder einsteigen konnte.

    Bibliotheks-Cut-up: Menschheitsprobleme

    August 15th, 2014

    Stadtbibliothek Heinrich Heine, Halberstadt

    Signatur D024

    Bibliothek Halberstadt Regal Signatur D024

    “Man soll nicht die kleinen Leute lehren, was nur die Großen wissen dürfen.” Letztere machen geltend, daß der Weltraum allen gehöre und die Ergebnisse friedlicher Weltraumforschung, unabhängig davon, welches Land sie finanziere, ein “gemeinsames Erbe der Menschheit” darstellen. Insofern überrascht es nicht, daß die Meinungen in Militärkreisen gespalten sind. Stehen die Grünen rechts oder links? Der liebe Gott möge mir wegen des kleinen Tricks verzeihen. Aber Geschäft ist Geschäft. Wenn du dir nicht selbst hilfst, hilft dir niemand.

    Einige hundert ausgesuchte und in den Saal einer Barmbeker Gaststätte beorderte Funktionäre hatten gestaunt, als plötzlich die Tür abgeschlossen worden und die Aufforderung an alle ergangen war, den Raum nicht mehr zu verlassen, da nun der erste Teil des in der Bundesrepublik verbotenen Spielfilms “über den Genossen Teddy” laufen werde. “Was ist das alles für ein Quatsch!” schimpfte der alte Mann. Und im Weggehen rief er noch: “Armes Deutschland!”

    Genau wie das Oberflächenwasser (Seen und Flüsse) ist auch das Wasser unter der Oberfläche, das Grundwasser, ständig in Bewegung. Den Sehnsucht nach der Rückkehr zu einem paradiesischen Urzustand wird in die Zukunft verlegt: “Die Zukunft wird als Projektion der Vergangenheit gesehen, und die Vergangenheit wird im Hinblick auf die Zukunft rekonstruiert.”

    Auch hier gilt es, eine oberflächliche und eine tiefere Ebene zu unterscheiden. Die erste Kategorie war die der “aktiven Konterrevolutionäre”. Oder weshalb stellen sich nun auch die kommunistischen Parteien, wo sie so großen Einfluß besitzen wie in Frankreich und Italien, die Aufgabe, die Staatsmaschine zu erobern statt sie zu zerschlagen? “Mögen Tausende untergehen, die Revolution, der Staat werden gerettet sein.” Hierbei ist der Wandel in der Diktion von Interesse. Jeder kann sein nächstes Opfer werden.

    Menschen, die den Gehorsam verweigerten, gab es immer. In den siebziger Jahren wurde deutlich, daß diese Möglichkeiten weitgehend erschöpft waren. Und sie spielen doch. “Die haben ja nur gewonnen, weil sie Tore schießen wollten.”

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    bisherige Bibo-Cut-ups: Zentral- und Landesbibliotheken-Cut-ups und Royal Holloway College, University of London, Founder’s Library, 830 bis 832

    einige davon kommen auch hier drin vor:

    Halberstadt → Blankenburg

    August 14th, 2014

    Authentisches Paar: aggressiven Autofahrer mit Goslarer Kennzeichen aggressiv als “Wessi” beschimpft, mangelnden Zusammenhalt zwischen den verschiedenen Städten der Gegend beklagt, bei der Ankunft von Nazikumpels begrüßt worden. Für den Rest der Strecke dann doch lieber Bus.

    Wald bei Blankenburg

    Köln → Thale

    July 28th, 2014

    Kaum war ich ein paar Tage in Köln, schon versank die Stadt im Chaos. Mitten in der Nacht irrten Tausende von Menschen zwischen endlosen Autostaus und festsitzenden Straßenbahnen herum, Anzeigetafeln fielen aus, die Polizei und viele, die sich so vorkamen, mahnten inmitten davon herrisch irgendwelche Reste von Regeln an – nachdem ich selbst anderthalb Stunden gebraucht hatte, um aus dem Geschiebe und Genöle herauszukommen, beschloß ich, mich mal wieder auf den Weg zu machen.

    Das tat ich so: ich fuhr mit der U1 bis zur Endstation Bensberg, lief dort bis an die Autobahnauffahrt, die zwar ein Schild erforderlich macht, aber sehr zu empfehlen ist.

    Vom ersten Auto weiß ich nicht mehr sehr viel – ein Pärchen, möglicherweise aus Ungarn, auf dem Weg in die Nähe von Nürnberg, meinetwegen aber via Siegen. Von Katzenfurt fuhr irgendwie niemand in meine Richtung auf die A5, also orientierte ich auf ein Wendemanöver. Als ein weiteres Pärchen auf dem Weg nach Frankfurt anhielt, sagte ich, daß ich in Wetterau die Seiten wechseln will, und sie wußten sofort bescheid – waren beide offenbar selbst schon viel getrampt und schienen sich insgesamt mit den Rändern und Abgründen der Gesellschaft ganz gut auszukennen.

    Der Lieferwagenfahrer, der mich in Wetterau dann einlud, sprach eine Mischung aus Holländisch, Französisch und Moseldialekt und sollte für eine Firma einen auf ebay erworbenen Motor aus einem mir und ihm unbekannten Ort abholen, an den ihn sein antikes Navi lotsen sollte. Er war sich aber sicher, daß sein Ziel grob in Richtung Kassel läge, also fuhr ich zumindest bis nach Reinhardshain mit, es gelang aber kein richtiges Gespräch.

    In Reinhardshain stand ich ganz schön lange rum (vielleicht, weil ich anfing zu singen), dann hielt der Betreiber eines Spätis in Friedrichshain an, was nun leider nicht mehr heißt, daß ich schon zu Hause bin. Da sein Navi der Meinung war, ihn lieber über die A4 als über die A7 nach Berlin zu schicken, ging’s für mich sogar nur bis nach Kirchheim. Das Gespräch drehte sich darum, wie sich Berlin so verändert hat – er meinte, daß vieles nicht mehr funktioniert, wenn es zu viele Leute werden, die selber nichts tun. Er will deshalb bald woanders hingehen, in die Schweiz vielleicht.

    Bensberg Map

    Von Kirchheim bis zur A7-Ausfahrt Rhüden, von der es ins Harzvorland geht, fuhr ich mit einem Kletterlehrer, der mit einem alten Bus mit defektem Turbolader unterwegs war, so daß wir hin und wieder Pause machen mußten. Wir redeten größtenteils über Nazis, aber auch zum Beispiel über einen Bekannten von ihm, der mit Tesla-Geräten herumexperimentiert.

    Zum Schluß dann noch ein älteres Ehepaar in einem Mercedes mit weißer Innenauskleidung, das über Schönebeck weiter in die ostdeutsche Provinz wollte und das als “eine Art Trampen” bezeichnete. Wir unterhielten uns darüber, wie sich der Osten entvölkert hat, was überhaupt noch Leute hier hält, über aufgegebene Dörfer und abgebaute Industrie. Bevor sie mich an der Quedlinburger Ausfahrt absetzten, drängten sie mich noch dazu, mich unbedingt, so bald ich kann, auf der Roßtrappe in den Hufabdruck zu stellen und mir etwas zu wünschen – weil das immer funktioniert. Aber nur, wenn ich’s wirklich glaube.

    Dann mußte ich nach Quedlinburg hineinlaufen, weil an der Ausfahrt niemand anhielt, entdeckte, daß die beste Trampstelle in Richtung Thale nun eine Baustelle ist, und setzte mich dann für die letzten Meter doch noch in den Zug.

    “Gravity” & der Unwahrscheinlichkeitsdrive im Hirn

    July 27th, 2014

    (Hab den Film erst Monate nach Kinostart gesehen, und das ist jetzt auch schon wieder Monate her…)

    Das könnte für einen Raumfahrt-Werbefilm gehalten werden: Sandra Bullock, spärlich bekleidet im Orbit, angebaggert von George Clooney, und das in gerade so dolle 3D, daß die meisten im Kino noch nicht kotzen müssen! Die Gravitation, von der hier die Rede ist, ist jedoch die von “Flieg nicht zu hoch, mein kleiner Freund”. Konterrevolutionärer Katzenjammer auch in der Erdumlaufbahn. Nichts mehr mit der “Saturn-V-Rakete im Kopf, die uns irre genug für die Revolution gemacht hatte” (Wolfgang Pohrt) oder “Steige Ikarus, fliege uns voraus!”

    Denn – ob der Film das nun so vollständig erzählt – am Ende herrscht der Eindruck, daß sämtliche Menschen, die sich überhaupt noch im Orbit befunden hatten, tot sind, ihre Ausrüstung und Gefährte zerstört.

    Die einzige Überlebende erreicht nach Nahtoderfahrung zwar die Planetenoberfläche, schwört sich aber, diese nie wieder zu verlassen (außer vermutlich mit Flugzeugen).

    Wir lernen: durch im Grunde kleinere technische Pannen können jederzeit die Weltraumprogramme aller Staaten komplett zerplatzen, wobei auch das Leben einiger der besten Wissenschaftler und Techniker des Planeten riskiert wird. Irgendwie also eher die passende Begleitmusik zum Runterfahren der NASA-Programme – Amerika nimmt dem Anschein nach erstmal Abschied vom Weltraum.

    Aber es ist interessant, bei der Nahtoderfahrung zu bleiben, denn sie ist ein weiteres Beispiel dafür, daß ins Kino die Möglichkeit Einzug hält, aus intensiven endogenen Rauschzuständen Nutzen zu ziehen, etwas zu lernen.

    Während Superman in “Man of Steel” nur dadurch auf der Erde seine Superkräfte entfalten kann, weil er seinen extremen körpereigenen Rausch, die Reaktion seines Körpers auf die atmosphärischen Unterschiede der Erde zu seinem Heimatplaneten, zu meistern lernt, nutzt Sandra Bullock, um ihr Leben zu retten, den Unendlichen Unwahrscheinlichkeitsdrive in ihrem Nervensystem.

    In Douglas Adams’ “Per Anhalter durch die Galaxis” durchfliegt ein Raumschiff mit diesem Antrieb “praktisch jeden Punkt des Universums gleichzeitig; außerdem wird die Reise häufiger von den absurdesten Zwischenfällen begleitet, zum Beispiel löst eine Aktivierung des Antriebs die Entstehung des Lebens aus und eine andere sorgt dafür, dass das Schiff samt Besatzung auf Miniaturgröße geschrumpft wird und in Zaphods Jackentasche landet.” Es “werden unwahrscheinliche Dinge auf einmal wahrscheinlich. Der Effekt hebt sich einige Minuten nach der Deaktivierung des Antriebs langsam selbst auf, die meisten Folgeerscheinungen bleiben jedoch bestehen.”

    Adams beschreibt hier natürlich sehr schön den psychedelischen Trip der ebenfalls Momente aus unterschiedlichen Zeiten aufeinander stapelt (bzw. der das stärker macht als andere Formen von Rausch) und der auch nach Abklingen teilweise weiterwirkt, der aber nicht nur durch die Einnahme von LSD, Pilzen oder DMT herbeizuführen ist, sondern auch “von selbst” startet, wenn die Situation es erfordert oder erlaubt.


    Ob das körpereigene psychedelische System, wie Strassman es annimmt, DMT nutzt, ist bisher nicht geklärt

    Das heißt, im Angesicht des nahenden Endes, bei bereits spürbarer Unterversorgung des Körpers mit Sauerstoff, in völliger Ausweglosigkeit und Verzweiflung, nach bereits eingeleiteter Selbsttötung, blitzt in Sandra Bullocks Gehirn das ganz Unwahrscheinliche auf, in Gestalt von George Clooney und seinem sehr weit hergeholten Rat (den sich ihr Gehirn natürlich selbst zusammensucht), der dann eine riskante, aber letztliche erfolgreiche Lösung bietet – so funktioniert im besten Fall das körpereigene psychedelische System!

    (Passender Link zum Posting.)

    Thale → Köln

    July 23rd, 2014

    Erst mal mit zwei Autos um den Harz wickeln – Gespräche über sehr Naheliegendes – dann kam die Sache langsam in Fahrt. Jemand, der mich eigentlich gar nicht mitnehmen durfte und der sich ausmalt, wie er seinen Job hinter sich läßt, brachte mich von Goslar bis an die Versorgungszufahrt des Rasthofs Seesen und zeigte mir auch sogleich die Stelle mit dem aufgebogenen Zaun.

    Sie sind hier

    Als nächstes ging es auf dem Weg nach Göttingen mit einem Hamburger Arzt unter anderem um das Verhältnis von Staats- und Popantifa zum autonomen und handgreiflicheren Teil, und er schien mir irgendwie zuzustimmen (z.B. darin, daß die “Nazis sind dumm und häßlich”-Variante vor allem auf eingeübte soziale Abwertung baut und diese auch mit verstärkt), bis wir gegen Ende der Fahrt auf die Rolle von Psychiatrisierung als Ausgrenzungsmechanismus zu sprechen kamen und er das ein bißchen als Beleidigung seines ganzen Berufsstands zu nehmen schien.

    Von Göttingen nach Reinhardshain ging es um die Recuperadas in Argentinien (ich kann mich gerade nicht so oft über all das unterhalten und nutze die Gelegenheiten), und irgendwie gab es auch hier überraschend viel Zustimmung (vor allem dafür, daß die Leute sich nehmen, was sie brauchen), bis wir gegen Ende der Fahrt auf meine finanzielle Situation zu sprechen kamen und er das ein bißchen als Beleidigung des Kapitalismus zu nehmen schien – bis zum Aussteigen predigte er nun darüber, daß es ganz leicht sei, im Internet ganz schnell ganz viel Geld zu machen, das könnte jeder, außer den Leuten, die es natürlich nicht besser verdient haben, weil in der Natur ja auch Fressen und Gefressenwerden herrscht.

    Die letzte Fuhre war dann wirklich mal eine angenehme Abwechslung – ein belgischer Pilot, der auf dem Weg von einer geliebten Frau in Tschechien zu seinem nächsten Flug ab Brüssel nach Dubai kurz vor der deutschen Grenze ein trampendes Pärchen auf dem Rückweg nach Schottland aufgesammelt hatte. Und nun auch noch mich. Es ging darum, wie wir alle das Land jeweils nicht mögen, in dem wir leben; auch darum, was an anderen Ländern und Orten so alles furchtbar ist. Es kam die These auf, daß es vielleicht immer noch dort am leichtesten auszuhalten sein könnte, wo man die Sprache nicht kennt und die meisten Sachen, die sich Leute so an den Kopf werfen, einfach nicht versteht. Dann ging es um merkwürdige Formen von Jagd in Neuseeland, schlimme und lustige Erlebnisse bei Grenzübertritten und schließlich auch eine ganze Weile darum, daß dem Piloten angeboten worden war, an einem bemannten Flug zum Mars teilzunehmen. Bis zum Schluß blieb ungeklärt, ob diese ganze Geschichte einfach nur superdubios war oder ob in Sachen Raumfahrt demnächst wieder mehr los sein könnte, als es gerade den Anschein hat.

    Und dann war ich erstmal in Köln.

    Halberstadt → Thale

    July 12th, 2014

    Schon wieder ewig lang am Halberstädter Ortsausgang rumgestanden, dabei sieht der mit der langen Gerade und den Rausfahrnischen so günstig aus.

    Dann auch mit einer sehr freundlichen Immobilienmaklerin im Cabrio zunächst nur bis Harsleben, wo ich seit einem Sonntagmorgen 1995 wohl nicht mehr gestanden hatte. Nach Quedlinburg war’s dann ein Versicherungsvertreter aus Ballenstedt, dessen Söhne in den Neunzigern wie ich donnerstags ins “Mirage” gingen – “die Disko mit Independent-Tag”.

    Der letzte Ride war ein Punker, der seine Freundin besuchen wollte, die in Neinstedt im Cannabis-Entzug ist – er fuhr mich netterweise noch bis nach Thale.

    Wandbemalung Meth Halberstadt
    Wandbemalung in Halberstadt –
    in den Metern drumherum noch ein Hakenkreuz sowie einmal Antifa und Anarchie-A.

    Ein bunter Strauß Auftritte

    July 11th, 2014
  • Mo, 14.07.2014, Potsdam, Campus Neues Palais, 16:15 Uhr: Vortrag im Rahmen eines kulturwissenschaftlichen Seminars zu Rausch (FB-Event)
  • Sa, 09.08.2014, Altdöbern, Wilde Möhre Festival: Vortrag “Leben im Rausch”
  • Fr, 22.08.2014, Simmersfeld, Action, Mond & Sterne: Vortrag “Entschwörungstheorie”
  • Sa, 23.08.2014, Enschede, Zuider Festival: Auflegerei (FB-Event)
  • Fr, 05.09.2014, Leipzig, Libelle: Vortrag zur Bewegung der instandbesetzten Betriebe in Argentinien (“Sin Patrón”)
  • ABGESAGT! Fr, 12.09.2014, Potsdam, Freiland, 18 Uhr: Rausch-Vortrag bei EntheoScience
  • Sa, 13.09.2014, Gotha: Auflegerei beim Antifa-Aktionstag der AAGTH
  • Do, 18.09.2014, Troisdorf, Jugendkulturcafé: Vortrag Entschwörungstheorie
  • Fr, 19.09.2014, Stuttgart, contain’t: Vortrag Entschwörungstheorie, anschließend Auflegen (FB-Event)
  • Sa, 20.09.2014, Tübingen, Schelling: Vortrag Entschwörungstheorie
  • So, 21.09.2014, Nürnberg, (tba): Vortrag zu Lust, Rausch und Zweifel (FB-Event)
  • Sa, 04.10.2014, Marburg, Trauma: Vortrag Entschwörungstheorie
  • Sa, 18.10.2014, Halle, Reil78: Vortrag “Am Geld kleben – Antisemitismus und Kapitalismus”, Konzert mit istari Lasterfahrer und anschließend Auflegerei (FB-Event)
  • Des weiteren in der Pipe: Interview bei The art of being many (24.-28.9., Hamburg) und eine Veranstaltung zu Religionskritik in Wittenberg.

    Wer auch noch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm.

    Heuschrecken kommen nach Troisdorf

    Live fast, die young

    July 8th, 2014

    Crystal Meth ermöglicht, in kurzer Zeit sehr viel zu tun, oder sich für den Kick zu zerstören

    (Diesen Text hat der “Freitag” bei mir kurzfristig bestellt, dann aber doch nicht mehr gebraucht.)

    Ein Politiker wurde erwischt und gab den Konsum von Crystal Meth zu. Politiker koksen, kiffen und saufen also nicht nur wie andere Menschen, mindestens einer von ihnen nimmt auch, was landläufig als Selbstzerstörungsdroge der Unterschicht gilt. Weil das Böse von draußen, vom Rand und von unten kommen muss, ist das traditionelle Mobilmachungsmittel von Wehrmacht (“Pervitin“) und anderem Militär in Medienberichten gar “die neue Modedroge aus Tschechien” – hierzulande war es in den letzten zehn Jahren im Wirkungsbereich von BGS und Bundespolizei an der Grenze zur Tschechischen Republik erheblich leichter zu beschaffen als andere illegale Substanzen. Auch Nazis dealen mit Meth, das einst Wehrmachtssoldaten mit den Möglichkeiten des Kriegsgeräts Schritt halten ließ. Wer sich im Kriegszustand mit dem fremdbeherrschten Staat und einer Regierung sieht, von der er glaubt, dass sie auf Geheiß der Juden handelt, kann auch zum Mittel seiner Vorbilder greifen.

    Pervitin

    Für den Überfall auf Frankreich 1940 bestellte die Heeresleitung 30 Millionen Tabletten davon und konnte so tagelange ununterbrochene Vorstöße planen und durchführen – neben dem Kriegsgerät der Hauptgrund für den Mythos von Rommels “Geisterdivision”, die dem Gegner stets zuvorkam. Nach El Alamein, Moskau und Stalingrad traten die Effekte des Dauergebrauchs (Halluzinationen, Nervenschäden, allgemein körperlicher Verfall) in den Vordergrund und die “Panzerschokolade” wurde aus der Standardverpflegung gestrichen. Gegen die Rote Armee half auch kein Pervitin. Hinter der Front erleichterte den “Einsatzgruppen“ weiter neben Schnaps und Ideologie auch Meth das Vernichtungshandwerk.

    Pervitin, Crystal und Meth sind Namen für Methamphetamine, eine besonders starke Form von Amphetaminen, also Speed. Amphetamine werden seit Jahrzehnten von Millionen Menschen auf der Welt als Medizin, als leistungssteigernde Mittel und fürs riskante Vergnügen genommen. Auch die meisten Armeen der Welt greifen darauf zurück, meist Luftstreitkräfte, Wach- und Spezialeinheiten. Speed und Meth aktivieren das körpereigene Alarmsystem und können eine Euphorie des Funktionierens erzeugen, für Stunden und Tage Schlaf- und Ruhebedürfnis sowie Hunger aussetzen. Die Zeit scheint sich auszudehnen, es passt mehr in sie hinein; sonst ermüdende Wiederholungen können angenehm erlebt werden. Zu häufiger Gebrauch lässt Zähne ausfallen, schädigt Organe, Haut und Nerven.

    Während Meth für Alltag und übliche Feierei zu heftig aufputscht, einen selbst und die Mitmenschen überfordert, gab und gibt es jedoch passende Anwendungsbereiche. Der Arzt Peter Döbler schwamm 1971 mithilfe von Methamphetamin aus den Beständen der DDR-Grenztruppen 48 Kilometer durch die Ostsee, um in die BRD zu fliehen. Die Substanz kann helfen, Ausnahmebelastungen auszuhalten, sehr ambitionierte Vorhaben durchzuziehen, gesellschaftlichen Anforderungen zu genügen oder sie zu übertreffen, wenn andere Aufputschmittel nicht ausreichen – oder nicht verfügbar sind.

    Menschen werden mit Meth mobilisiert und mobilisieren sich selbst, versuchen, der allgemeinen Aktivierung vorauszueilen, oder sie nehmen für heftigste Kicks in Kauf, alles vor die Wand zu fahren. Wie auch sonst bedient eine verbreitete Substanz einen verbreiteten Bedarf und hat vor allem deshalb Konjunktur.

    Das Ende kommt nicht, es muß gemacht werden

    July 2nd, 2014

    «Die Bedeutung der Werttheorie besteht nicht in der okkultistischen Weissagung des Zusammenbruchs. Ihr Sinn liegt in dem Nachweis, daß und warum der Mensch um sein Leben betrogen wird und das System aus diesem Grund beseitigt gehört, gleichgültig, ob es sich gerade besser, schlechter oder gar nicht reproduziert. Die Werttheorie hat ihren Sinn in der Vermittlung der Einsicht, daß die gesellschaftliche Wertproduktion den Menschen Zeit und Lebenskraft raubt und daß die Marktwirtschaft kein Naturgesetz ist, sondern eine historische Form des Austauschverhältnisses mit der Natur, die sich ersetzen ließe.»

    Rainer Trampert: “Der Realität eine Chance! Das kapitalistische Weltsystem ist keineswegs am Ende” (konkret 7/2014)

    Sperrgebiet-Logik: Flucht vor Armut, Verfolgung und Krieg als Sicherheitsproblem

    June 30th, 2014

    «Die größte sicherheitspolitische Herausforderung des 21. Jahrhunderts wird nicht in der Gefährdung von Grenzen durch feindliche Militärverbände, sondern im Überschreiten dieser Grenzen durch gewaltige Flüchtlingsströme bestehen, die, wenn sie massiv auftreten, nicht der wirtschaftlichen Prosperität Europas zugute kommen, sondern die sozialen Sicherungssysteme der europäischen Staaten überfordern und damit die soziale Ordnung in Frage stellen.»

    Herfried Münkler, Professor für Politische Theorie an der Humboldt Universität Berlin: Die gefährliche Kluft zwischen Schein und Tun – Präventive Stabilitätspolitik am Rand Europas

    Thale → Halberstadt → Thale

    June 29th, 2014

    Wie früher abends eine Runde um den Block trampen.

    Erst (zweites Auto hält an) mit jemandem nach Quedlinburg, der aus der anatolischen Provinz stammt und Parallelen zwischen den dortigen Unterschieden zu Istanbul und der heisig provinziellen zu Berlin zog. Dann (sechstes oder siebtes Auto hält an) mit einer Frau aus Vietnam, die lieber Fußball schaut als auszugehen, nach Halberstadt.

    (Dort gab es u.a. in der Zora ein ganz schön gutes Konzert mit Sad Neutrino Bitches und Derbe Lebowski.)

    Der Rückweg zerfiel in drei Teile.

    Der zweite bestand in relativ langem, erst kontemplativen, dann irgendwann entnervendem Herumstehen im nächtlichen Regen, gefolgt von einem 15 Kilometer langen Gesprächsunfall.

    Der dritte bestand in der Rettung vorm nun gegen morgen sehr heftig einsetzenden Regen durch eine sehr sympathische Frau vom Rettungsdienst auf dem Weg zur Schicht – sie erzählte, daß Bereitschaftsärzte nicht mehr wie früher allein zu ihren Einsätzen fahren, sondern von jemandem gefahren werden müssen, seit vor ein paar Jahren im Mansfelder Land ein Arzt im Einsatz erschossen wurde. (siehe)

    Wie und warum die Scheiße passieren kann

    June 26th, 2014

    «Die Bedürfnisse der Flüchtlinge werden solange ignoriert, bis sie sich im Kampf um existenzielle Grundrechte in zermürbende Konflikte verwickeln – intern, und mit den Anwohnern. Sie werden des Krawalls oder der Störung bezichtigt, was als Anlass dazu dient, politische und rechtliche Konsequenzen anzukündigen. In häppchenweisen Kompromissvorschlägen werden sie schließlich in unterschiedliche Interessensgruppen gespalten. Lassen sie sich schließlich angesichts einer weitgehend aussichtslosen Lage und der dargebotenen Drohkulisse (wie etwa 900 Polizisten) auf die Angebote der Politik ein, wird dies als großer Erfolg gefeiert – und als Zeichen sozialer Politik verkauft.» (Juliane Löffler/Freitag: Bleiben oder springen)

    «In diesem Zusammenhang hat sich die gesamte linke Berliner Szene dann auch den Vorwurf gefallen zu lassen, dass sie nicht in der Lage war, einen derart langen und zähen Widerstandskampf ausreichend zu unterstützen. (…) So litten die Menschen in der Gerhart Hauptmann Schule und auch am Oranienplatz in den Monaten vor den Räumungen tatsächlich Hunger, weil nur unzureichend Spenden eintrafen.» (Lower Class Magazine: Grünes Kreuzberg)

    Björn Peng feat. classless Kulla – Contraindications

    June 20th, 2014

    Wer Björn und mich an den letzten Wochenenden in Tübingen oder Halle gesehen hat, hat unser neues überdrehtes Geballer schon gehört – inhaltlich geht es um schlechte Ratschläge aller Art, keineswegs nur auf die Medizin beschränkt. Mußte mal raus.

    lyrics

    thanks for your solutions
    I just lack the proper problem
    I see you’re strictly following the step-by-step how-to guide
    it just doesn’t apply to me
    I’m Mr Anderson, the rules just don’t seem to apply to me
    the rules don’t apply to you or to anyone, really
    just enough and often enough to make you believe they do

    a treatable condition, an appropriate plan of action
    yeah, that would be nice
    but it isn’t like that, it just isn’t like that

    just contraindications,
    intolerances, choices between mistakes

    you say, to not even get better, to just survive
    I need to realize it wasn’t all my fault
    but it’s nobody’s fault but mine

    you say, I need to understand my situation
    but that I need to stop thinking about it
    you say, I have to get over it, snap out of it
    but get over what? snap out of what exactly?
    I won’t complain about the blows
    I just wanna be able to handle it just enough
    to be able to fight, to explain, to create examples
    I know there is no right to fight

    a treatable condition, an appropriate plan of action
    yeah, that would be nice
    but it isn’t like that, it just isn’t like that

    just contraindications,
    intolerances, choices between mistakes

    Rasthof Schönbuch → Halberstadt

    June 16th, 2014

    Nach drei Tagen Vortrag, Diskussion, Auflegen, Aufnahmen im Studio, Demonstration und Gastauftritt auf einer Festivalbühne nur noch schnell nach Hause – und das ging trotz der reichlich 500 Kilometer mit nur drei Autos entspannt durch die Sonne. Die Gespräche in den ersten beiden Autos (Selbstrechtfertigung fürs Arbeiten bei SAP, Einblicke in die Standesunterschiede innerhalb der alten BRD am Beispiel einer Hochzeitsgesellschaft) waren deprimierend und verebbten irgendwann. Im dritten Auto gab es jedoch erfreuliche Sympathie mit der samstäglichen Demo in Halberstadt.

    Der Zweck entheiligt die Rauschmittel

    May 28th, 2014

    Antwort auf Udo Wolters Antwort in der Jungle World

    Schön, wenn mir mal jemand ausführlich antwortet. Umso schöner, wenn es jemand ist, der nach seiner Eingangsformulierung zu urteilen – “Immer, wenn ich Texte von Daniel Kulla über Rausch und Drogen lese…” – mit meinen Auffassungen und Erkenntnissen einigermaßen vertraut zu sein scheint.

    Schade, wenn sich dann herausstellt, daß ich einige der wichtigsten Sachen, die ich über den Rausch herausgefunden zu haben meine, nach wie vor nicht deutlich genug machen konnte. Und auch schade, daß ich in Udo Wolters ganz schön festgefügter Weltsicht nicht mehr auslösen konnte als die leider üblichen Zurechtrückungsreflexe: statt aus dem Rausch (und seinem Genuß) etwas beziehen zu wollen, das möglicherweise zur Veränderung der Welt beitragen könnte, müßten laut Wolter die alten Hippie-Märchen über den Zusammenhang von Rausch und Revolte endlich in der Klamottenkiste verschwinden und Rausch möglichst jedes Zwecks entkleidet werden.

    Also versuche ich hier mal, aus dem “schade” klug zu werden, meine Erkenntnisse zu verdeutlichen und die Reflexe zurückzuweisen.

    Mehr so Erklärteil

    Mit Rausch bezeichne ich die Fähigkeit vermutlich aller Nervensysteme, ihr eigenes “Rauschen”, also die Reibungen, Streuungen, Verluste und vor allem Überlagerungen bei der Signalweitergabe und -verarbeitung auszunutzen, wobei Zeit, Information bzw. Informationsverbindungen und Handlungsoptionen gewonnen werden können. “Fähigkeit” und “können” heißt, das klappt nicht immer. Der mir bekannte Forschungsstand legt nahe, daß es diese Fähigkeit schon solange gibt, wie es Nervensysteme gibt, und daß sie sich demnach seit mehreren Hundert Millionen Jahren immer weiter entwickelt und spezialisiert hat. Rausch ist also universell und alltäglich.

    Ein Nervensystem, das nicht “rauscht”, ist tot; solange es am Leben ist, wird es “rauschen” und dieses “Rauschen” auch die meiste Zeit über in Rausch umsetzen – das heißt, Rausch begleitet uns in unterschiedlicher Form und Intensität durch unser ganzes Leben und ist eine wesentliche Komponente solch alltäglicher Lebensaspekte wie Träumen und Appetit, ist mit unserem gesamten Denken und Erleben vielfältig verflochten.

    Ich habe für die Veranstaltungen zum Buch diese ganz grobe Übersicht zu den wichtigsten Subsystemen des Nervensystems erstellt, die sich im Laufe der Evolution spezialisiert haben und die alle auch gezielt angesprochen werden können (und zusammenwirken):

    Rauschsysteme
    links die zusammenwirkenden Subsysteme,
    in der Mitte grob ihre chemische Vermittlung,
    rechts Möglichkeiten, sie anzusprechen -
    die Slides komplett: als PDF

    Rausch fungiert meist als Reaktion des Nervensystems auf nicht Selbstverständliches, auf Überraschungen, Herausforderungen, Bedrohungen. Art und Intensität des sich einstellenden Rauschs wie auch des zusätzlich aufgesuchten und herbeigeführten Rauschs hängen davon ab, welchen und wievielen Nicht-Selbstverständlichkeiten sich jemand gegenübersieht.

    So wie es sinnvoll sein kann, sich mit den Anteilen von Rausch an seinen anderen Wirkungsbereichen zu beschäftigen, gilt das auch für seinen Anteil an Erkenntnis, Unzufriedenheit und Veränderungswünschen. Wenn Wolter also über die Umstände unter denen Rausch “emanzipative Qualitäten” haben kann, schreibt: “Dass diese Umstände sich einstellen, liegt aber an einer bestimmten, unter anderem eben mit der Be­fähigung zu kritischer (Selbst-)Reflexion verbundenen Erfahrungsfähigkeit, die dem Rausch vorgängig ist und sich nicht auf wundersame Weise durch diesen selbst einstellt. Auch hier würde Kulla sicher zustimmen.” – dann rufe ich laut Nein! Wie soll die Erfahrungsfähigkeit denn dem Rausch vorgängig sein? Sie ist mit ihm lebenslang verbunden! Wolter hat weiterhin den episodischen Rausch vor Augen, der keinen relevanten Anteil an der Herausbildung von Auffassungen und Selbstreflexion hat. (Und eine Befähigung zur Fähigkeit – welcher Fetisch mag diese Blüte wohl hervorgebracht haben?)

    Wie ich mir Wege aus dem allgemeinen abhängigen Dauerrausch vorstelle und wie Rausch ohne Herrschaft aussehen könnte, habe ich in “Leben im Rausch” skizziert und füge hier mal Auszüge davon als PDF ein: Besinnung, Befreiung, allgemeine Verdichtung.

    Mehr so Ärgerteil

    All das ist aber läßlich und nicht weiter verwunderlich, da in dieser Gesellschaft, wie ich in meinem von Wolter beantworteten Text schrieb, der Blick am Rausch vorbeigeht, und das schließt leider eben auch Wolters Blick (bislang) mit ein. Was mich jedoch wirklich ärgert, ist die beschränkte wannabe-bürgerliche Perspektive, die aus Wolters Text spricht, und die ihn dazu bringt, mir allerlei unterzuschieben.

    Es ist ohne Frage angenehm und auch wünschenswert, wenn sich Menschen möglichst weit von Zwängen und Zwecken lösen können. Angesichts der Durchdringung des Lebens der allermeisten Menschen mit Zwängen und Zwecken ist es jedoch schlicht gemein, das als Ideal und Forderung aufzurichten, und zu verlangen, man möge aus dem Rausch am besten nichts als den reinen und wahren Genuß beziehen (wie auch immer der aussehen soll) und bloß nicht versuchen, vielleicht mal auf die ‘dummen Gedanken’ zu kommen, die einem sonst so wirksam und beständig ausgetrieben werden. Im entschlossenen Kampf gegen die Genußfeindschaft wird der Genuß zum autonomen Kunstwerk unter den menschlichen Zuständen erhoben, darf idealerweise überhaupt nichts mehr bedeuten und muß am besten auch unproduziert vom Himmel fallen. (“Wenn aber der Rausch zu einer geglückten Erfahrung mit emanzipatorischem Potential werden soll, muss er sich vielleicht gerade selbst genügen.”)

    Diese Haltung wird m.E. auch an Wolters verständnislosem Abwatschen des “kontrollierten Kontrollverlusts” deutlich, den er schlicht für absurd hält, obwohl er ja meist einfach nur sowas ist wie z.B. sich vorher zu überlegen, wer fährt. In der bürgerlichen, unproduzierten Idylle trübt jeder Rahmen und jede Organisation bereits den reinen und wahren Genuß, während außerhalb dieser ideologischen Phantasie der Wein erstmal angebaut und die Kotze hinterher wieder weggewischt werden muß.

    Während ich die Bemerkungen über “Hippie-Kult” und “die alten Mythen von den ‘bewusstseinserweiternden Drogen’” nicht weiter ernst nehmen kann, weil sich da eine recht typische (bundes)deutsche Perspektive vor wesentliche Teile der Auseinandersetzungen in den USA und die umfangreiche Forschung schiebt und ich nur mit der Verknüpfungsgirlande “zwar… aber dennoch… dann doch… dann eben doch…” für diese Perspektive zurechtgebogen werden kann, finde ich die Unterstellung, ich würde den armen Rausch und vor allem seinen Genuß mit allerlei auf- und überladen und mich so mit den Genußfeinden gemeinmachen, “dann doch” recht ärgerlich.

    Um mich in diese Ecke zu bekommen, verliest sich Wolter mindestens interessiert: “Ständig sollen die Leute bei Kulla was aus ihrem Rausch machen, »Übungen« unternehmen, »erkunden« und etwas »schaffen«. »Rauscherkundung« und »politische Aktion« sollen gar »ständig aufeinander zurückwirken«, auf dass der Rausch nicht etwa zum »Selbstzweck verkomme«.” Niemand soll hier ständig irgendwas – nur zweierlei “sollte” in meinem Text:

    “Niemals sollte die Rauscherkundung dabei [beim Versuch, das revolutionäre Potential des Rauschs zu ergründen] an die Stelle der politischen Aktion treten; im Gegenteil muss beides, wenn es nicht zu Ersatzhandlung und Selbstzweck verkommen soll, ständig aufeinander zurückwirken können. Welche Rauschformen, welche auslösenden Substanzen oder Übungen dafür am besten geeignet sind, sollte nicht einfach aus Vorbildern abgeleitet werden, die aus teilweise grundverschiedenen Bedingungen stammen, sondern muss immer wieder selbst für jede Einzelne erprobt und erkundet werden.”

    Ich hab also nicht die völlig unsinnige Forderung erhoben, der Rausch solle nicht zum Selbstzweck werden – das kann er ja überhaupt nicht und entsprechend ist meine Ermahnung dazu auch nicht nötig – sondern gesagt, daß die Erkundung des Rauschs nicht als Selbstzweck betrieben werden sollte, sofern es dabei um sein gesellschaftliches Veränderungspotential geht.

    Also, Udo: du sollst gar nichts. Wenn du die Gesellschaftsordnung überwinden willst, wäre es meines Erachtens einfach nur schlauer, wenn du aufhörst zu glauben, der Rausch, in dem du wie alle anderen praktisch immer lebst, hätte keine relevanten Auswirkungen auf deine Auffassungen und dein Denken. Wenn du einfach nur ein Bier trinken willst, mach das doch. Und wenn du aus dem Rausch, den du beim Biertrinken hast, einen Gedanken beziehst, ist das auch super. Wenn der Gedanke was taugt, schön, wenn nicht, auch nicht schlimm. No judgment on my part.

    Mehr so Schlüsse

    Es gibt außer Selbstantreiberei und Andere-Antreiberei noch sowas wie lustvolles oder unlustvermeidendes Tätigsein. Sowohl ein Bild von Genuß und Rausch, in dem diese immer irgendwas sollen oder müssen, als auch ein Bild, in dem sie nichts weiter dürfen, wird ihnen nicht gerecht. Beide Bilder formulieren nur komplementäre ideologische Figuren, sozusagen das Gut und Böse in der Gesellschaft der abhängigen Arbeit.

    Ich will nicht Recht haben, will niemanden antreiben und keine alte Mythen aufwärmen (was ich auch nicht mache). Ich versuche rauszufinden, was stimmt, was los ist und was getan werden könnte – und versuche das mit soviel wie möglich Menschen zu teilen. Wenn ich damit nicht durchdringe, stimmt’s vielleicht noch nicht, es fehlt noch etwas, die gesellschaftlichen Bedingungen sind zu beschissen oder ich bin derzeit einfach nicht fit genug, es tauglich zu vertreten. Wenn es aber schon daran scheitert, daß einfach die Reflexe anspringen und ich im ollen Koordinatensystem in die ollen Ecken gesteckt werde, finde ich das blöd und sehr bedauerlich. Und wenn sich weiter zu jeder greifbaren Ausrede gerettet wird, um die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen nicht führen zu müssen, wird sich an den Bedingungen auch wenig ändern.

    Die Erringung eines höheren relativen Freiheitsgrades vom Zwang der Zwecke wird, wenn sie mehr als eine Nischenveranstaltung sein soll, durch die Überwindung der Gesellschaftsordnung möglich, die diesen Zwang systematisch ausübt. Gegen dieses Vorhaben spricht nicht, wie unwahrscheinlich es derzeit ist. Das müßte angesichts des Gesamtlage viel eher ein Grund sein, es zu versuchen. Das Problem statt in Herrschaft und Konkurrenz lieber in “pathische[r] Projektion einer von Produktivitätswahn beherrschten »Leistungsgesellschaft«” zu sehen, den Ausweg statt in Widerstand und Klassenkampf (und damit verbundener Selbstaufklärung) also eher in Psycho- und Pathologie (und damit verbundener Belehrung) zu suchen, ist schon durch diese Gegenüberstellung vielleicht eine der wirksamsten Ausreden unserer Zeit.

    Die abhängige Arbeit kann sich jedoch nicht allein auf der Couch abschaffen, und auch nicht, ohne das Kapital anzurühren.

    Montagsdemo-Interview

    May 26th, 2014

    Das Kotzende Einhorn: “Hinzuschauen ist nicht einfach” – Daniel Kulla im Interview zu den Montagsdemos

    Wenn ich Hetze gegen Banken und Finanzkapital hören will, muss ich doch nur Martin Schulz zuhören, wie er im Europawahlkampf gegen “Spekulanten” und “Zocker” geifert. Münteferings “Heuschrecken” und Möllemanns Kampagne gegen Friedman kamen von Vizekanzlern dieses Staates. Dieses Denken durchzieht in unterschiedlichen Formen und Intensitäten die ganze Gesellschaft, und deshalb müsste auch die ganze Gesellschaft das Thema sein. (…)

    Um auszublenden, dass die Probleme und Konflikte in der Gesellschaft zu einem enormen Teil aus ihrer eigenen politisch-ökonomischen Verfasstheit (kapitalistisches Eigentum, Konkurrenz zwischen Firmen, Arbeitskräften und Staaten) kommen, müssen die Ursachen irgendwo draußen gesucht werden, und wenn doch in der eigenen Gesellschaft, dann bei den anderen, irgendwo da unten oder da oben oder da am Rand.

    Mehr von mir zum Thema: Etwas längere Entschwörung zu Montagsdemos und allem.

    Germans just wanna have fun

    May 15th, 2014

    Den Aufkleber mit der Aufschrift “Bock auf nationalen Sozialismus”, der überall am Harzrand in großer Zahl zu finden ist, hatte ich neulich bereits dokumentiert. Diese Schablonensprüherei, die ich heute entdeckt habe, mag nur die konsequente Fortsetzung davon sein, löst aber auf jeden Fall spontane Bewaffnungswünsche aus:

    Germans just wanna have fun

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