Gastbeitrag von J. Vingtras
Nachdem mich der Berliner „Club für sich“ in einer Veranstaltungseinladung informiert zu haben glaubte, bei den Jungen Linken handle es sich um „einen niedergegangenen Verein“, der an „gewissen Einseitigkeiten“ kranke, versuchte ich eine Probe aufs Exempel und besuchte mit einigen befreundeten Bekannten das Sommercamp.
Der angebliche Niedergang dieser Vereinigung radikaler Intellektueller kann sich nicht auf deren Mobilisierungsfähigkeit beziehen, als deutlich mehr als 100 Teilnehmerinnen kamen, um einige Tage die jeweils private Existenz mit einem kollektiven Campalltag zu vertauschen und in zahlreichen Workshops sowie bei Musik, Feuerschein und Alkohol über allerlei politische Fragen zu disputieren.
Mit Einseitigkeit kann nicht die Wahl der Themen gemeint sein, da diese so ziemlich die Totalität der gegenwärtigen menschlichen Beziehungen abdeckten: Einführung in die Kritik der politischen Ökonomie, Staatskritik, Homosexualität, Kritik der Reproduktionssphäre, Familie und Monogamie, männlich-bürgerliche Subjektkonstitution, Bioethik, Sozialhygiene am Beispiel Rauchverbot, Biologismus, Freud, Imperialismus, Antizionismus, Zionismus, Ausländerpolitik, Staatsverschuldung, Rußlands Rohstoffe, sexuelle Gewalt, internationale Arbeitsmigration am Beispiel der Schiffahrt, die Geschichte der kommunistischen Bewegung in einigen Aspekten (Rätebewegung, Revisionismus des Parteiprogramms der KPDSU von 1961, Rote Khmer, Arbeiterselbstverwaltung, K-Gruppen, Studentenbewegung, Situationisten), konkrete Fragen der Aneignung und Umbildung des Produktionsprozesses, allgemeine Utopien, Fußball, Fragen der Ernährung, Fragen der Agitation und Propaganda, Verhältnis von Theorie (Adorno) und Praxis (Dutschke, Krahl), Emos, Gentrifizierung, Konsumkritik, Griechenland u.s.f. Dazu sogar Workshops zu sonst abgespalteten oder ignorierten Kulturthemen mit Titeln wie „Hüdelditüdeldie-tweng! Tirelit – Ist die neue Musik politisch?“, „Faust-Kritik“ oder „Männerphantasien und Bürgerängste in ‚Fight Club’“ – und eine stark gekürzte und bearbeitete Faustinszenierung. In Wirklichkeit gab sogar noch mehr und teilweise sehr gutes. Einige der Referentinnen haben dabei dem Andenken von Alexei Grigorjewitsch Stachanow alle Ehre erwiesen, indem sie alleine bis zu sieben von diesen Workshops anboten.
Ich will nicht weiter mit Schilderungen der Wandervogel-Atmosphäre langweilen – es waren sogar sozialistische Falken da – und schon gar nicht mit politischen Inhalten, man findet den Krams im Zweifel alles im Netz. Jedenfalls war diese Weise der kollektiven Diskussion recht angenehm und die Idee, radikale Menschen zwischen 16 und 40+ zusammenzubringen, scheint offensichtlich ein Bedürfnis anzusprechen. Stattdessen einige subjektive Berichte, die einen kleinen Eindruck vermitteln, wenn auch diese Form der oral history natürlich ihre subjektiven Grillen hat.
Josef: Wird Lehrer, ist aber im Prinzip für eine neue Offensivstrategie.
Unter den Campteilnehmern war auch C., ein Seemann. Er sollte laut Seminarprogramm einen workshop mit dem Titel „Arbeit auf See“ halten. Ich freute mich darauf außerordentlich, da ich mir von einem, der, wie ich im Gespräch erfahren hatte, als nautischer Offizier auf großen Containerschiffen die Weltmeere befahren hat und der noch dazu ein kommunistischer Genosse ist, sehr aufschlussreiche Berichte über einen mir völlig unbekannten Bereich der Arbeitswelt erhoffte. Als er jedoch auf dem Plenum seinen workshop vorstellen sollte, zeigte sich, dass der Titel auf einem Missverständnis beruhte: In Wirklichkeit, so C., ginge es ihm um so etwas wie „die volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Arbeitsmigration am Beispiel der Philippinen am Beispiel der Schifffahrtsbranche“.
Aus einer Veranstaltung, die ihren Reiz u. a. daraus bezogen hätte, daß dort individuelle Erfahrungen zur Sprache gekommen wären, über die auf dem Camp nur dieses eine Individuum verfügte, war so eine Veranstaltung geworden, die mit etwas Recherche jeder andere Campteilnehmer genauso hätte bestreiten können. Es scheint, als würde hier wie im offiziellen Wissenschaftsbetrieb die persönliche Erfahrung auf einen zufälligen Anlass reduziert, sich mit einem Thema zu beschäftigen; die „Bestimmung“ des „Gegenstands“ erfolgt dann streng objektiv mithilfe von statistischen Daten und kapitallogischen Überlegungen. Die Sache selbst wird dabei zusätzlich entwertet, indem sie von vornherein als austauschbares Beispiel eines Beispiels eingeführt wird, welches nur herangezogen wird, um die eigentlich interessanten allgemeinen Verhältnisse zu verdeutlichen.
Es zeigt sich wieder einmal die trotz erkennbaren Öffnungstendenzen immer noch vorhandene rationalistische Einseitigkeit der Jungen Linken, deren Ideal eines kommunistischen Kaders implizit verlangt, sich zum Zweck der Agitation zum Argumentenbehälter zu modeln und die eigene Subjektivität durchzustreichen. – Leider konnte ich dann den Workshop nicht besuchen, da ich zur gleichen Zeit eine eigene Diskussionsrunde leitete, so daß ich nicht weiß, ob die Veranstaltung vielleicht doch erfahrungsgesättigter und besser war, als es die Ankündigung erwarten ließ.
An einer anderen Stelle erwies sich die rationalistische Herangehensweise dagegen wiederum als durchaus positiv: Bei einem Workshop über sexuelle Gewalt warf die Referentin die Frage auf, warum Vergehen gegen die sexuelle Selbstbestimmung im Spätkapitalismus als DAS Kapitalverbrechen schlechthin angesehen werden. Dies sei, wie sie mit viel historischer Sachkenntnis aufzeigte, keinesfalls immer so gewesen und müsse folglich auch nicht für alle Zukunft so sein. Ich möchte hier die Erkenntnisse und Überlegungen der Diskussion nicht im Einzelnen ausführen, bemerkenswert scheint mir aber, daß dort eine sehr sachliche, ruhige und produktive Debatte möglich war, was angesichts von Themen wie Vergewaltigung und Kindesmißbrauch, bei denen erfahrungsgemäß die Gemüter hochkochen, nur sehr selten gelingt.
Gustav: Engagiert sich seit einigen Jahren im Berliner „Club für sich“
Atmosphäre war recht offen für Externe, deren Workshops zu den am besten besuchten zählten. Auch fielen mir hier keine abgesprochenen Manöver von Jungen Linken auf, die die externen Positionen wegdiskutieren oder ihrer internen Widersprüche überführen wollten. Also insgesamt irgendwie freundlicher als wir es mitunter im Club für sich sind, aber vielleicht auch etwas gleichgültiger den Bildungsinhalten gegenüber. Möglicherweise ist diese relative Offenheit aber auch ein Effekt der Ausnahmesituation, die von den Organisatoren geschaffen wurde: 7 Tage, zwei Workshops à 3-4 h am Tag, kaum vor vier ins Bett, Trinken, Diskutieren ohne “Privatsphäre”.
An machen Stellen hatte ich den Eindruck, auf eine gewisse Unvorsichtigkeit gegenüber einer praktischen Übernahme der autoritären willentlichen Gleichschaltung der Gesellschaft zu treffen. Ein bißchen beim Essen, weil ich es nicht verstehe, warum alle stets vegan aßen, wenn doch nur ein paar Veganer unter den Teilnehmern waren. Abgesehen von Käse gab’s ja keine Milchprodukte, die ja schon eher zu den Grundnahrungsmitteln gehören. Dann hatte eine Raucherin aus den Reihen der JL es für geboten gehalten, bei einem Workshop unter einem Sonnendach zuvor zu klären, ob es okay sei, daß sie am Tisch rauche. Etwas, was man ja wirklich erst seit dem Rauchverbot macht. Und beim Büffet fand ich Schilder, die mich darauf hinwiesen, die Löffel nicht aus ihren (Nutella oder Marmelade) Behältern zu nehmen, wegen “Lebensmittelallergie”.
Für eine Situation wie dort beim Zelten, wo alles ein bißchen durcheinandergeht, finde ich eine solch allgemeine Warnung vor einer “Allergie” etwas sinnentleert, ebenso wie die zahlreichen Warnschilder, die es sonst so gibt (nicht bei Rot über die Ampel gehen, nicht rauchen …). Es tut mir keinen Abbruch, auf jemanden Rücksicht zunehmen, aber das ist einfacher - und verständlicher - wenn man weiß, worum es geht (ums Nutella wegen der Nüsse? um Milch? Weizen?). Falls es überhaupt eine Rolle spielt, wie sich 150 beim Büffet verhalten, weil die eine oder der andere mit Allergie eh nicht davon ausgeht, daß alle sich daran halten und daher stets eigenes Besteck verwendet.
Nach der langen Party am Samstag gab’s am Sonntagabend passend etwas Unterhaltsames. Gemeinsames Anschauen eine Action-Films (natürlich mit Kritik) oder die Lektüre eines deutschen Klassikers. Goethes Faust war Neuland für denjenigen, der zu diesem Workshop geladen hatte, und es zeugt von Aufrichtigkeit, daß er dies keineswegs zu verbergen suchte. Es ging letztlich nicht so sehr um den Faust, als vielmehr um Sinnsuche als bloß esoterische und bürgerliche bzw. um das Verständnis von Idealismus oder einer gewissen philosophischen Neugier. Faust wurde zuvorderst dafür kritisiert, daß er wissen will, “was die Welt im Innersten zusammenhält”, als daß solches Wissen, wenn er es finden würde, rein kontemplativ bleiben würde. Die Frage nach dem Sinn, selbst dann, wenn sie zur Erkenntnis des Unsinns der eingerichteten Welt führt, wurde auch andernorts auf dem Camp als idealistisch, bürgerlich und esoterisch abgetan.
Die Frage, was die Welt zusammenhält, obwohl sie doch vernünftigerweise augenblicklich auseinanderfallen müßte, steht am Anfang der Philosophie, ebenso wie an einem wichtigen Entwicklungsschritt vieler Teilnehmer des Camps. Wenn verdrängt wird, daß der Materialismus den Idealismus nicht nur abgelehnt, sondern auch aufgehoben hat, dann scheinen hier die idealistischen Phasen und Tendenzen der eigenen Biografien verdrängt zu werden. Angesichts zweier wiederkehrender Eindrücke scheint es hierfür auch Gründe zu geben:
1.) ist die Agitation, wie sie auf dem Camp betrieben wurde, noch eine rein idealistische, sich über die Ideen verbreitende, die davon ausgeht, daß es die Ideen sind, die die Welt verändern werden oder zumindest die Menschen, die irgendwann mal die Welt verändern sollen. Daß es darum geht, die Menschen aufzuklären über das, was das Kapital ist, wird leider als selbstverständlich dargestellt und nicht als eine der wenigen Aktionsformen, auf die sich kritische Geister derzeit aus Ohnmacht reduziert sehen. Zwar wurde mitunter der Idealismus der eigenen Praxis offen eingestanden, aber leider recht wenig in Frage gestellt. Wenn man das getan und die Gründe dafür entwickelt hätte, hätte man vielleicht auch anders über philosophischen Idealismus gesprochen.
2.) In einigen Diskussionen geisterte die Idee von der Freiheit des Willens und der Entscheidungen herum, welche offensichtlich in der Argumentation, die sehr auf Rationalität baut, eine wichtige Rolle spielt. Aber auch hier schien der sonst so kritisierte Idealismus ein wenig unhinterfragt, sind doch die meisten Willen, die sich in Menschen regen nicht frei und die wenigsten werden den Menschen wirklich bewußt. Und nur wenn die körperlichen Regungen oder sonstigen Willen einem Menschen bewußt und Gegenstand von Reflexion werden, kann dieser Mensch beginnen, sich die Konsequenzen auszumalen, abzuwägen und vielleicht zu etwas gelangen, was man idealistisch eine freie Entscheidung nennen könnte. Die eigene Biografie gibt rückblickend ja beredte Auskunft über das Verhältnis von Freiheit und Unbewußtem.
Das Auftauchen dieser Fragen auf dem Camp wie auch das Aufscheinen der inneren Widersprüche an diesen Punkten lassen vermuten, dass hier unter den Teilnehmern des Camps etwas rumort. Die Tatsache jedenfalls, dass die Organisatoren durch die Form des Camps, allseitigen Diskutierens, Trinkens, Schlafmangels und ungeordnetem Tagesablaufs eine Situation geschaffen haben, die für die Teilnehmer außergewöhnlich und vielleicht auch ihrer geistigen Offenheit wohltuend ist, zeigt bereits, daß man sich nicht allein aufs Argumentieren verlassen will, sondern auch den Boden zu bereiten weiß, der notwendig ist, damit sich Menschen überhaupt auf Ideen einlassen können.
Denn hieran war das Camp sehr reich und gab vielen jungen Menschen die Gelegenheit, sie durch Workshops in Vortrag und Diskussion eigener Ideen auszuprobieren. Durch die Form der kontemplativen Kritik in Workshops, die nicht unmittelbar in Praxis umschlagen müssen, konnten zahllose Bereiche der Gegenwart in Frage gestellt werden. Dies ging von veganem Ernährertum, über den falschen Schein der privaten Freiheit, über Männerphantasien, Sterbehilfe, Behindertenpolitik, Schulzwang, Nichtrauchen, Sexismus bis hin zur wissenschaftlichen Biologie. Dabei war ebenso die Geschichte der kommunistischen Bewegung von der Februarrevolution 1917 über die Achtundsechziger, die Situationisten, die KPDSU, Pol Pot, die Antideutschen bis zu den K-Gruppen vertreten und schließlich wurde sogar einigen utopischen Vorstellungen Raum gewährt. Und bei alldem stand stets im Hintergrund, daß es das Eigentum und das Kapital sind, die all dieses zusammenhalten und auf einen Streich, ohne Übergangsstaat, abgeschafft werden müssen.
Puk: Stiller Zeitgenosse, der manchmal für jemanden gehalten wird, der Shakespeare und Kafka liest.
Gustavs und Josefs Einschätzungen zustimmend, fällt mir nicht viel Neues ein. Neben ‘Faust’ scheint mir ‘Fight Club’ erwähnenswert - weil da offenbar die lebenslustige Paeris-Abspaltung mindestens so allergisch auf alles reagiert, was nicht in Traktatform daher kommt. Der Unterschied ist, daß diese Fraktion immerhin schaudernd ihre Faszination eingesteht; dann aber umso schneller das als faschistisch wegschiebt, was sie fasziniert… (und sich nebenbei nicht darum kümmert, dass ein Film nicht alles so meinen muß, wie er es zeigt).
Aber auch das - wie immerhin der kurze Protest, der Seefahrer solle doch auch etwas über das Seefahren erzählen - scheint mir anzuzeigen, daß es, wie Gustav meint, rumort. Ansonsten traf man aber auch einigermaßen viel Schule an. Das mag in einigen Fällen (Jugoslawien-Workshop) immerhin noch inhaltlich gerechtfertigt sein (dort aber mit unerträglichen Lehrer-witzen vermengt), in anderen (Sozialstaat) fällt offenbar gar nicht auf, daß man etliche Leute bei der Hand hätte, die einem so manches über den Sozialstaat erzählen könnten (und dann käme man vermutlich nicht auf die Idee, sich mit - im Endeffekt - langweiligen Sarrazin-Äußerungen zu beschäftigen).
Etwas über den Männlichkeits-Workshop könnte man auch erwähnen - aber da weißt du besser bescheid, Karl, weil du dort warst. Insbesondere die Auseinandersetzung mit dem “männlichen” Zur-Schau-Stellen seiner Bildung (a.k.a. Theoriemackertum) ist aber ja auch in anderen Zusammenhängen auf dem Camp immer wieder zur Sprache gekommen.
Soweit. Puk.
P.S.: Karl, vielleicht solltest du auch etwas über H––––s Augen schreiben…
Karl: Gab zuletzt ein Magazin zur Selbstverständigung einiger kommunistischer Individuen heraus.
Bemerkenswert war das Männerplenum. Als ich ankam, berichtete ein junger Mann von Sprüchen gegen Schwule und Frauen auf dem Camp. Daher solle ein Männerplenum einberufen werden. Ich baute mein Zelt auf und platzte danach in einen Stuhlkreis von Männern, die sich ad hominem über das Geschlechterverhältnis innerhalb der Sphäre der Theorie (Stichwort Meisterschwätzer, Theoriemacker) unterhielten. Es war tatsächlich etwas wie bei den Autonomen, nur unter Intellektuellen. Klingt dumm, war aber eigentlich ok.
Es gab ein Thesenpapier, aber die Debatte hatte kaum einen Faden. Unter anderem erinnere ich mich daran, daß eine vorherrschende, schlechte Form der Theorie kritisiert wurde, der es neben der hähren Wahrheitsfindung auch um Verdrängung der eigenen Ängste ginge, indem sie immer wieder allen Ambivalenzen ihrer Gegenstände ausweiche und das chaotische Material über Gebühr ordne.
Ferner ging es um Gehirnwäsche in Theoriegruppen. Klingt wie ein Witz, aber so war es. Dabei war aber gar nicht nur an die Weise von Scientology gedacht, mit ihren Mitgliedern umzugehen, sondern auch an den Vorgang im Hirn und Körper eines jungen Menschen, der eben noch irgendein Bürger mit diesen oder jenen Reflexionen war und dem plötzlich – von den Kommunisten angestoßen – die alte Welt vollständig abhanden kommt, ohne das sich auch nur die Umrisse einer neuen Welt abzeichnen würden. Es schien dies tatsächlich die Wahrnehmung einiger jüngerer Genossen zu sein und kein leeres Geschwätz. Ich habe die beiden Punkte hier in meiner Sprache wiedergegeben, aber es spiegelt grob einige Redebeiträge, die an sich auch nicht klarer waren. Der Freimaurerorden Ingolstädter Prägung hatte in diesem Männerplenum ein kleines Korrektiv geboren. Ansonsten stand alles unter dem beinahe sokratischem Wahlspruch: „Prüfe das Argument“ und obwohl ich natürlich neugierig auf Gehirnwäscheexperimente war, habe ich so etwas nicht verspürt, es sei denn man zählt die Pädagogik oder die Wirkung schöner Augen darunter. Zu meinem Leidwesen wurden weder mir vulgäre Witze mit Frauen oder Homosexuellen erzählt, noch der Freudianerin, die ich darauf ansprach und die neugierig auf die sich in solchen Witzen äußernde Triebstruktur war.
Dann ist mir ein kollektiver Wille aufgefallen, die eigenen Ideen nicht nur weiterzudenken, sondern auch zu verbreiten, daß sie auch ihren Weg in die Praxis finden. Es wurde über Agitation gestritten und eine Diskussion über Arbeit versuchte sehr detailliert zu klären, wie man eigentlich die subjektiv für richtig erachtete und in theoretischer Form auch schlüssig dargelegte Kritik der Arbeit konkret an die Frau oder den Mann bringen könne, welches die erwartbarsten Widerstände und Ausflüchte sind, wie man ihnen begegne… Immer wieder schlug dabei die zunächst negative Kritik an allen momentanen menschlichen Verkehrsformen in Fragen danach um, was „wir“ eigentlich mit der Welt wollen.
Ah, und dann waren alle Pavillons, Räume, Zelte nach Anarchistinnen und auch einigen Anarchisten benannt.
Gretchen: Beobachtet das politische Geschehen eher mit Skepsis
Von mir nur ein paar schnelle Anmerkung zur kritischen Faust-Inszenierung: Zwar habe ich den Workshop zur ‘Faust-Kritik’ (siehe: Bericht von Gustav) nicht besucht, habe aber die kritische Faust-Aufführung am Freitagabend gesehen.
Die Idee, mit einer Theateraufführung den ‘Camp-Alltag’ aufzulockern, fand ich ziemlich gut und erwartete einigermaßen vorfreudig die 15min-Aufführung am Freitagabend. Das Spiel selbst offenbarte zwischendurch tatsächlich mehr Lustiges, Selbstironisches und Selbstkritisches als die inhaltliche Message, die am Ende sehr bescheiden und ernüchternd im Raum stehen sollte und im Workshop dann offensichtlich dargestellt und diskutiert wurde: Vertrödle deine Zeit nicht wie der alte idealistische Faust mit irgendwelchen Sinnfragen und -suchen! Experimente und Exzesse laß lieber bleiben! Alle Gretchen, die Leidenschaft und Tragik versprechen könnten, streiche vorsichtshalber komplett aus deiner Inszenierung!
Das Schauspiel wird von drei Erzengeln im Himmel eröffnet, es folgt die bekannte Wette zwischen Gott (mit grüner Gießkanne ausgestattet) und Mephistopheles um Fausts Seele. Nach kurzem Bühnenumbau sehen wir in der nächsten Szene Fausts Gelehrtentragödie, in der er grübelnd in seinem Studierzimmer auf und ab geht und die Frage nach dem Zusammenhalt der Welt stellt. Dank der mimischen Begabung des Faustdarstellers sind an dieser Stelle mehrere selbstironische Verweise und Lacher sicher.
Mit dem zweiten Auftritt von Mephistopheles als Agitator (der Jungen Linken) verläßt die Aufführung Goethes Theaterstück und Goethes Sprache. Der abgeklärte Mephistopheles versucht Faust in ‘Junger-Linken-Sprache’ seine Sinnsuchen als rein bürgerlichen und esoterischen Unfug auszureden. Was dann noch übrigbleibt zeigt er Faust am Ende der Aufführung: ab und an mal konkret ein Bier trinken, ‘ne Kippe rauchen und ein Kuß, aber bitte ohne Bedeutung. Anleitung zum nicht-dramatischen Leben!
Aber: Die Erziehungsmaßnahmen Mephistopheles’ fruchten bei Faust nicht so richtig. Faust ist nicht lernfähig/will nicht lernfähig sein und begehrt am Schluß gegen seinen Lehrmeister auf: Der vom Publikum mit Spannung erwartete und dann doch sehr trocken ausfallende Kuß zwischen Faust und Mephistopheles veranlaßt den hoffnungslosen Idealisten Faust sofort zu einer romantischen und sinngeladenen Gegenaktion: einer Liebeserklärung an Mephisto. Agitation fehlgeschlagen!
Bis bald mit schönen Grüßen
Gretchen