Verwaltungsgericht läßt Nazis durch Dresden marschieren

February 6th, 2010

>>Das Gericht schrieb zur Begründung, der Staat sei gehalten, angemeldete Versammlungen vor Störungen Dritter zu schützen. Gegen die angemeldete Veranstaltung selbst dürfe nur im Falle des »polizeilichen Notstandes« vorgegangen werden – den sah das Gericht nicht als gegeben.<< (Neues Deutschland)

Die Sächsische Zeitung gibt die Position des Verwaltungsgerichts so wieder:

>>Nach dem, was vorgelegt wurde, könne nicht angenommen werden, dass die Polizei personell oder organisatorisch nicht in der Lage sein werde, die Gefahrenlage zu beherrschen und insbesondere die JLO-Versammlung vor Störungen durch Gegendemonstranten zu sichern. Es bleibe daher bei der angemeldeten Strecke für den Aufzug.<<

Bild berichtet von 46 Einsatzhundertschaften der Polizei und 15000 erwarteten Nazis.

Auch das Ordnungsamt trat diese Woche auf den Plan:

>>Am 30. Januar, dem Tag der so genannten Machtergreifung fungierte Julia Bonk (MdL, Die Linke) als Anmelderin für ein Probesitzen. Nach einigen gerichtlichen Auseinandersetzungen hatte sie das Recht zugesprochen bekommen, sich zusammen mit anderen auf den Platz vor der Synagoge zu setzen. Die Polizei fand nichts zu beanstanden. Nun tritt jedoch das Ordnungsamt nach. Bonk sei unzuverlässig, das haben die Erfahrung mit der Veranstaltung gezeigt, da dort doch Blockaden eingeübt worden wären, meldet die DNN (Dresdner Neueste Nachrichten) in ihrer heutigen Ausgabe. Daher soll ihr verboten werden, als Anmelderin während des 13. Februars bei Protesten aufzutreten. Angemeldet ist von ihr eine Kundgebung am Hauptbahnhof.<<

Am Sonntagabend findet in der K9 eine Diskussionsveranstaltung zu Dresden mit Avanti – Projekt undogmatische Linke (No Pasarán!), ¡Venceremos! Antifa Dresden (Keine Versöhnung mit Deutschland) und TOP B3rlin statt.



Mobilisierung zum größten Naziaufmarsch in Europa - in Gestalt der NPD-Parteizeitschrift direkt im Zeitungsständer der Bahnhofsbuchhandlung in Weinheim

Der Freitagabend in der c-base

February 4th, 2010

Das Lineup bisher:

  • 21:30 Rubberhair
  • 22:30 Kulla & Lasterfahrer
  • 00:00 Mexikoplatz
  • Jungle World zu Dresden

    February 4th, 2010

    Auch schon von letzter Woche:

    >>So wichtig scheint es den Dresdener und den sächsischen Offiziellen zu sein, endlich einmal ungestört ihr deutsches Passionsspiel aufführen zu können. Ihre Mittel sind deshalb so drastisch, da sie keine vernünftigen Argumente auf ihrer Seite haben. Ihnen fehlt eine politisch logische Rechtfertigung, den Nazis das zu verbieten, was sie selber tun, nämlich der deutschen Opfer des Zweiten Weltkriegs zu gedenken und damit die britische und amerikanischen Luftwaffe zu Tätern zu machen. Auf der anderen Seite können sie auch nicht vernünftig erklären, warum der Protest gegen einen so großen Nazi-Aufmarsch an diesem Tag zu verurteilen sei – zumal sie selbst in den vergange­nen Jahren den zivilgesellschaftlichen »Aufstand der Anständigen« gegen die Nazi-Demonstrationen noch gepriesen hatten.

    Im Aufruf des »No Pasarán«-Bündnisses heißt es, die »Konsequenz von AntifaschistInnen aus der deutschen Vergangenheit« laute: »Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus«. Und durch den folgenden Bezug auf den Schwur der Überlebenden des KZ Buchenwald wird zumindest suggeriert, jene Parole stamme aus dem Schwur, was eine in antifaschistischen Kreisen nach wie vor beliebte Legende ist – eine unwahre. Nicht zitiert wird der wesentliche Teil jenes Schwures, der tatsächlich programmatisch für ein Gedenken an die Bomben­angriffe auf Dresden sein sollte:

    »Wir danken den verbündeten Armeen, der Amerikaner, Engländer, Sowjets und allen Frei­heits­armeen, die uns und der gesamten Welt Frieden und das Leben erkämpfen. Wir gedenken an dieser Stelle des großen Freundes der Antifaschisten aller Länder, eines Organisatoren und Ini­tiatoren des Kampfes um eine neue demokratische, friedliche Welt, F. D. Roosevelt. Ehre seinem Andenken!«

    Der US-Präsident Franklin D. Roosevelt war es, der auf der Konferenz von Casablanca 1943 für einen härteren Kurs im Krieg gegen Deutschland warb. Dort wurde die Verstärkung der Luftangriffe auf deutsche Städte beschlossen und die Kapitulation Deutschlands als Ziel festgelegt.<<

    Ivo Bozic: Die Dresdner Passionsspiele

    Der GSP zu Demokratie und Hunger

    February 3rd, 2010

    Die “Süddeutsche Zeitung für Kinder” zur Bundestagswahl stammt aus dem letzten Sommer und die Ausgabe des Gegenstandpunkts, in der sie unter Überschriften wie “Die selbstverständlichste Sache von der Welt: Andere über sich entscheiden lassen” oder “Demokratie ist, wenn man sich die Herrschaft selbst bestellt” besprochen wird, auch schon aus dem Dezember. Weil es aber immer viel zu wenige Texte gibt, in denen die Demokratie, die trotz allem Schlimmeren weiterhin eine Herrschaftsform ist und überwunden gehört, so schön eins drüber bekommt, seien hier noch mal zwei Stellen zitiert.

    Claus Hulverschmidt von der SZ erklärt: “Deutschland ist eine Demokratie. Das ist ein griechisches Wort und bedeutet, daß alle mitentscheiden dürfen, welche Regeln für alle gelten.” Der GSP darauf: “Der Humanist des süddeutschen Weltblattes kann diesen alten Wert auch noch ins Deutsche übersetzen, ohne sich im entferntesten um das griechische kratein zu scheren. Das Herrschen kürzt sich ganz raus…”

    Und zum Prinzip der Delegation:

    >>Wie praktisch! Dann braucht man nicht alles selber zu entscheiden. Dafür gibt es ja die Politiker. Man braucht sie bloß noch zu ermächtigen und schon nehmen sie einem die schwere Arbeit ab, über sich selbst zu bestimmen. Man selber muß sich nur noch an deren Gesetze halten; das spart ungeheuer Zeit.<<

    Im selben Heft zitiert der GSP eine Meldung von wirtschaft.t-online.de:

    >>In den Entwicklungsländern werden dem Landwirtschaftsausblick zufolge zwar künftig mehr landwirtschaftliche Güter hergestellt, gehandelt und verbraucht. Lebensmittelknappheit und Hunger seien aber dennoch ein zunehmendes Problem. Weltweit litten eine Milliarde Menschen Hunger. Langfristig bestehe weniger die Gefahr, dass es nicht genug Nahrungsmittel gebe, sondern dass die Armen nicht ausreichend Zugang dazu hätten. Deshaln müsse die Armut verringert werden und die Wirtschaft wachsen - dazu könne in Entwicklungsländern die Landwirtschaft beitragen.<<

    Und kommentiert:

    >>Lebensmittel werden immer reichlicher hergestellt, und “dennoch” wächst die Lebensmittelknappheit. Genug Lebensmittel wären für die Hungernden schon da; das einzige, was ihnen fehlt, ist der “Zugang” - dass damit das Geld gemeint ist, ist jedem so klar, dass man es gar nicht explizit aussprechen muss. So zeigt sich, dass Geldverdienen und nicht Versorgung der ausschließliche Zweck der Herstellung von Bedarfsgütern ist; marktwirtschaftliche Armut, Hunger und Elend verdanken sich allein dieser Zweckbestimmung der Produktion. Um sie aus der Welt zu schaffen, muss foglich der herrschende Produktionszweck, das private Geldverdienen, durch eine planmäßige Versorgung der Leute mit Dingen ihres Bedarfs ersetzt werden. Oder?

    Der marktwirtschaftliche Sachverstand denkt anders: Wenn schon alles nur gegen Geld zu haben ist - die Lebensmittelknappheit zahlungsunfähiger Menschen gilt ihm als selbstverständlichste Grundtatsache allen Wirtschaftens -, dann brauchen die Armen nichts anderes als Geld. Nur fehlendes Geld verhindert, dass die produzierten Güter dorthin gelangen, wo sie am dringendsten gebraucht werden.; sobald es da ist, ermöglicht es den Zugang. Wenn Hunger in Geldmangel übersetzt ist, dann heißt das erste Bedürfnis der Armen: eine erfolgreiche Geldwirtschaft muss her! Erst einmal müssen mehr Geschäfte laufen, bevor sich der elende Teil der Menschheit Hoffnung machen kann. Milliarden hungernder Menschen beweisen, wie unverzichtbar ein in Geld bilanziertes Wirtschaftswachstum ist.<<

    Ansonsten gilt weiterhin: Good Gegenstandpunkt, bad Gegenstandpunkt.

    Wasser und Wüste

    February 1st, 2010

    >>Die Vorliebe, mit der einst die Vertreter der »subjektiven Wertlehre« und bis heute die der daraus abgeleiteten Grenznutzentheorie ihre Doktrin am berüchtigten Glas Wasser in der Wüste idealtypisch zu erläutern pflegen, kommt nicht von ungefähr. Dieses Modell gibt in der Tat die Bedingungen optimierter marktwirtschaftlicher Reichtumslogik wieder. Im ökonomischen Sinn darf sich eine Gesellschaft umso reicher schätzen, je perfekter es ihr gelingt, den sozialen Zusammenhang in eine Wüste zu verwandeln, in der die Menschen von allem Lebensnotwendigen und allem, was das Leben lebenswert machen könnte, prinzipiell restlos abgeschnitten sind, auf daß es ihnen allein in der Schrumpfform der Ware und auschließlich über die Teilnahme am Verwertungsbetrieb vermittelt partiell zugänglich werde.<<

    Ernst Lohoff: Zur Dialektik und Mangel und Überfluss

    (via Emanzipation oder Barbarei & neoprene)

    Blogstatistik

    February 1st, 2010

    Google Analytics zählt jetzt seit einem Jahr hier mit und ich hab einen Teil des Auszugs mal zu drei Bildchen verarbeitet. Wen’s interessiert, was hier in diesem Zeitraum (seit 29.01.2009) bis jetzt so aufgerufen wurde, einfach jeweils draufklicken.

    classless.org analytics 1 Jahr Top 30 classless.org analytics 1 Jahr 31 bis 65 classless.org analytics 1 Jahr 66 bis 100

    Heute und morgen auf der Bühne

    January 29th, 2010

    Und nächsten Freitag in der c-base!

    Anmerkungen zu Haiti

    January 27th, 2010

    >>Dass die Helfer in einem Land, in dem es auch vor dem Beben kaum staatliche Institutionen und Infrastruktur gab, unter fast vorindustriellen Bedingungen arbeiten müssen und viele der Überlebenden nun wohl zum ersten Mal seit Jahren satt werden, ist jedoch nicht zuletzt die Schuld jener, die sich nun mit Mitleidsbekundungen und Hilfsversprechen gegenseitig überbieten.(…)

    Als im Jahr 2008 die Nahrungsmittelpreise immens stiegen, revoltierten die Haitianer und belagerten den Präsidentenpalast. Die UN-Soldaten schützten Préval, doch musste er sich mit dürftigen zwölf Millionen Dollar Nothilfe begnügen. Ähnlich geringe Beträge flossen für den Aufbau politischer Institutionen und Entwicklungsprojekte. Es ist daher kein Wunder, dass viele Haitianer die Blauhelme als Besatzungsmacht betrachten. Als nach dem Erdbeben die UN-Soldaten wieder Patrouille fuhren, ohne Hilfsgüter zu verteilen, errichteten Protestierende in mehreren Straßen von Port-au-Prince Barrikaden aus Leichen. Dass die Entsendung von Soldaten, nun vorrangig von US-Marines, wieder Prioriät hat, sorgt für Unmut. (…)

    Die Landwirtschaft wurde durch die Freihandelspolitik geschädigt. Die Kleinbauern, noch immer etwa zwei Drittel der Bevölkerung, konnten mit den ausländischen Agrarkonzernen nicht konkurrieren, viele zogen in die Armenviertel der Hauptstadt, wo sie nun unter den Trümmern ihrer Hütten begraben wurden. Da das Geld für Importe fehlt, ist Holzkohle auch für die Armen die einzige Energiequelle geblieben. Wegen der Entwaldung gibt es nach dem Beben »ein extrem großes Risiko von Böschungsbrüchen und Erdrutschen, die sehr ausgedehnt sein können«, sagt der Geophysiker Colin Stark.<<

    Jörn Schulz: Die Stunde der Heuchler

    Der Situationismus „in seiner Zeit“ gegen seine Adepten heute

    January 27th, 2010

    Kleiner Bericht zu einer Bahamas-Veranstaltung, bei der sich Sanftes und Schroffes addiert haben

    Gastposting von Eric Ostrich

    Am Ende schien es Justus Wertmüller dann doch zu prosituationistisch zu werden: Die ‚Aufhebung der Kunst’, wie sie die Situationisten gefordert und partiell vielleicht auch praktiziert haben, stehe in einer Tradition mit den kunst- und damit reflexionsfeindlichen Aktionen der Dadaisten und habe zudem auch die Grundlage geschaffen für die gerade unter postmodernen und poplinken Kulturproduzenten verbreitete Lobhudelei der Situationisten, die mithin Vorläufer und Teil der gegenwärtigen Misere seien, nicht Mittel zu deren Lösung. So in etwa preschte Wertmüller in der Diskussion vor, die sich an den Vortrag Sören Pünjers mit dem Titel „Der Situationismus und seine Adepten“ am Montagabend im Kreuzberger Lokal ‚Max und Moritz’ anschloß.

    Unmittelbarer Anlaß für Wertmüllers Intervention war ein Diskussionssbeitrag von einem der im etwa sechzigköpfigen Publikum anwesenden Situationismus-Experten, der einiges ‚Interessante’ oder auch ‚Spannende’ an diversen als Anti-Filme deklarierten Filmchen ausmachen wollte, die Guy Debord bis Anfang der 1960er Jahre zum Zwecke der Konsternierung der Zuschauermasse gemacht hatte. Doch man konnte sich nicht des Eindrucks erwehren, daß Wertmüllers Beitrag auch an und gegen den vortragenden Bahamas-Autor Pünjer gerichtet war, der in seinem Text überraschend milde und beinahe angetan über die Situationisten sprach, sogar selbst anmerkte, daß er, als er begonnen hatte, sich mit diesen französischen Revolutionären auseinanderzusetzen, erwartet hatte, daß an diesen wohl kaum ein gutes Haar zu lassen sei, um dann aber im Gegenteil bei der Lektüre der Situationisten-Texte zu entdecken, daß diese doch reichlich klug und erstaunlich unlinks seien – gemessen an der zeitlichen Situation, in der sie sich befanden.

    Dieser Verweis auf die geschichtlichen Umstände, in denen die Situationisten wirkten, war auch so etwas wie der rote Faden, der sich durch Pünjers Vortrag zog. Indem er zwar allerlei Positives über diese Situationisten zu berichten hatte, aber dies beinahe immer mit Hinweisen darauf, man müsse die Situationisten eben „in ihrer Zeit“ betrachten, relativierte, kam der etwas eigenartige Eindruck zustande, als ob Pünjer selbst ein wenig erschrocken sei, in Texten von Leuten, die durchaus von Klassen und ihrem Kampf geschrieben und sich recht fundamental dem Vorhaben der Revolution verschrieben haben, Erkenntnisse über die Welt zu finden, in denen zu leben und sich zurechtzufinden ja auch Bahamas-Redakteure und ihr Publikum gezwungen sind. Vielleicht weil es um Frankreich ging, konnte einem beinahe der Film ‚Themroc’ einfallen, in dem Michel Piccoli einen unmittelbar brachial-archaisch zum Paradox der individuellen Revolution schreitenden Arbeiter darstellt, der durch sein kompromißloses Handeln einige der braven Nachbarn gewissermaßen mit dem Virus der Revolution ansteckt, die diese dann schüchtern und zaghaft in kleinen Schritten zu praktizieren versuchen. Einen ähnlichen diffusen Hunger nach Freiheit scheinen auch die Texte der Situationisten bei Sören Pünjer hervorgerufen zu haben, der sichtlich erfreut war, Passagen vorzulesen, bei denen die Situationisten – für Pünjer damit das Gegenbild zu „Berufsrevolutionären“ – anhand des Beispiels einer teils kriminellen Party von französischen Jugendlichen ihre Ideen des revolutionären Potentials des Alltagslebens darlegten, anhand derer durch eine Verweigerung der Befriedung durch den Konsum erlaubten Vergnügens versucht werden sollte, die Leere aufzuheben, die den Alltag der Menschen im Spätkapitalismus erfaßt habe.

    boredom of things and their price

    Solche, linker Politik und Verdinglichung fernen Elemente sah Pünjer auch als Grundlage für zahlreiche Aspekte, in denen sich die Situationisten – „in ihrer Zeit“ – wohltuend qualitativ von ihren die Revolution und den Kommunismus propagierenden Zeitgenossen unterschieden, beispielsweise, wenn sie nicht wie fast die ganze restliche Baggage in Frankreich zu Apologeten und Anhängern des Nasserismus oder anderer „arabischer Sozialismen“ wurden, sondern diese als die emanzipationsfeindlichen Phänomene denunzierten, die sie eben waren. Die Äquidistanz, die sie zur selben Zeit zum Zionismus hielten, rückte für Pünjer demgegenüber, als eine Art qualité négligeable, in den Hintergrund. Überhaupt ging es so gut wie gar nicht um die aktuellen Politikfragen, die die Bahamas und auch weiterhin die restliche Linke oft wort- und positionsreich beschäftigen. Weder Amerika noch der Islamismus wurden auch nur erwähnt, die Frage der Israel-Solidarität den Situationisten nicht nachträglich gestellt und das Fehlen einer expliziten Auseinandersetzung mit dem Holocaust bei den Situationisten – sonst für der Bahamas zumindest phasenweise nicht fernstehende Autoren wie Stephan Grigat oder Horst Pankow letzlich die wichtigsten Maßstäbe im Urteil über die Situationisten – wurde als im französischen Kontext, in dem sich die Situationisten bewegten, nachvollziehbar erklärt. Nicht mal der frühe und auch angemessene Rausschmiß von Dieter Kunzelmann und den anderen Kulturkonsorten der Gruppe Spur aus der Situationistischen Internationalen wurde von Pünjer als Einladung zu einem vernichtenden Urteil über die deutsche Linke genutzt, sondern kam in seinem Vortrag schlicht nicht vor.

    Aktuell wurde der ansonsten um eine Art ‚gerechte Historisierung’ der Situationisten bemühte Vortrag Pünjers nur, wenn es um die Auseinandersetzung mit den „Adepten“ der Situationisten ging, welche offenbar auch der Anlaß waren, warum die Bahamas sich überhaupt mit den Franzosen beschäftigte oder, wie Sören Pünjer einleitend erklärte, warum es zu diesem „längst überfälligen“ Vortrag gekommen war. Die Ausgangsfrage war: Wo kommt dieses seit Jahren in der Linken existierende Bedürfnis her, sich auf die Situationisten ‚positiv zu beziehen’, bei ihnen ‚Anknüpfungspunkte’ zu finden oder wie der in der Linken verbreitete Politiksprech das auch immer ausdrücken mag? Der Gegner waren an diesem Abend hauptsächlich drei (weil die Situationisten erstmal, wie angedeutet, nicht unter dieser Kategorie verhandelt wurden, obwohl sie gerade eines der Lieblingsobjekte der Begierde und Zuneigung in der Linken sind): Die Herausgeber und Autoren eines beim Verbrecherverlag veröffentlichten Sammelbandes zu einem Symposium über die Situationisten 2005 in Wien mit dem Titel „Spektakel - Kunst - Gesellschaft - Guy Debord und die Situationistische Internationale“; die in der theorie.org-Reihe im Schmetterling-Verlag erschienenen Bände zur ‚situationistischen Revolutionstheorie’ von Biene Baumeister und Zwi Negator; sowie ein aktuelles Papier von der Schule nun entwachsenen Hamburger Mitarbeitern der Kulturindustrie unter dem Slogan ‚Recht auf Stadt’.

    Die Bezugnahme auf die Situationisten in allen drei Publikationen stellte für Pünjer eine Vereinnahmung fremden Materials dar, bei der jeder emanzipatorische Gehalt verloren geht, in etwa das, was die Situationisten selbst ‚Rekuperationen’ genannt haben. Im Einzelnen sah Pünjer das Buch zum Wiener Symposium, das laut Buchbewerbung „Debord in seinem revolutionären Anspruch ernst nehmen“ will, genau daran fundamental scheitern, da die Herausgeber schon auf den ersten Seiten betonen, daß es angesichts der Verschiedenheit der Autoren gar nicht beabsichtigt sei, eine kohärente Haltung zu den Situationisten zu vertreten – ein Pluralismus und eine Konfrontations- und Kohärenzscheu, die, Pünjer folgend, der exakte Gegensatz zu Debords revolutionärem Anspruch ist. Baumeister und Negator wiederum weigerten sich, ganz grundsätzliche Erkenntnisse der Situationisten ernstzunehmen, indem sie weiter das „Proletariat“ als „Ort der Auseinandersetzung“ betrachten wollen, das die Situationisten selbst als Teil des integrierten Spektakulären betrachteten und einem solchen Klassenbezug die Befreiung durch die Reflexion subjektiver Erfahrung entgegenstellten, wie Pünjer den Adepten vorhielt. Daß sich Baumeister und Negator zudem auf den „Scharlatan Lacan“ (Pünjer) berufen, hätte ihnen den sofortigen Rausschmiß aus der Situationistischen Internationale gebracht, die, wie Pünjer lobte, Lacan als leeren Obskurantisten Heideggerscher Prägung verdammt hatten, auch hier gegen die Haltung großer Teile der Restlinken damals wie heute. Dem Hamburger Kultur-Bündnis schließlich attestierte Pünjer ebenfalls Mißbrauch oder grobe Unkenntnis situationistischer Überlegungen, sonst würden sie bemerken, daß all ihr Pop-Wirken und ihre „Empörung darüber, daß nach ihnen noch eine Welle der Gentrifizierung kommt“ (Pünjer), nur Teil des Spektakels traditioneller Fabrikarbeit auf erweiterter Stufenleiter sei. Das konstruktive Bemühen der Hamburger, sich in die Stadtpolitik einzubringen beziehungsweise sich ihr aufzudrängen, offenbare zudem ihren Staatsfetischismus, der den Situationisten prinzipiell fernlag, die ihre immanent nicht aufzulösende materielle Eingebundenheit in das bestehende Gesellschaftssystem nüchtern konstatiert hätten, statt für die öffentliche Subventionierung ihrer subversiven Tätigkeiten zu plädieren.

    radical commodities

    Ganz ungeschoren wollte aber auch Sören Pünjer die Situationisten nicht davonkommen lassen. Wenn auch keinesfalls nur zu ihrem Nachteil hing er die Situationisten prinzipiell etwas tiefer, indem er sie nicht als Theoriezirkel verstanden wissen oder anerkennen wollte, so daß beispielsweise ihre Einschätzungen von Lacan wie auch Sartre – der ihnen der „Gangsterboß des Existentialismus“ war – weniger aus Einsicht rührten, sondern, wie Pünjer das mehrfach nannte, eher „intuitiv“ geschahen. Ihr im Vergleich zur Partei- und Organisationslinken äußerst fortschrittlicher Versuch, angelehnt an und angeregt durch Henri Lefebvre, den Marxismus zur kritischen Erkenntnis des Alltagslebens zu nutzen, überhaupt sich in „die Niederungen des Alltags“ (Pünjer) zu begeben, mißlang ihnen nach Pünjer manches Mal, indem ‚Alltag’ bei ihnen eine Art mystische Größe wurde, mit der sie dann überall die selbe Entfremdung sahen und deswegen zum Beispiel Elogen auf die blutigen Unruhen in Watts 1965 verfaßten, in denen sie eine „Revolte gegen die Ware“ und den Ausdruck „echter Begierde“ sehen wollten. Im Übrigen seien sie ihren eigenen Überlegungen nicht stringent gefolgt, sonst hätten sie durchaus auf die Idee kommen können, daß beispielsweise ihre Forderung nach „Aufhebung der Kunst“ ohnehin einer geschichtlichen Bewegung entsprach, die zu jener Zeit schon längst dabei gewesen sei, alle Kunst und die mit dieser verbundenen emanzipatorischen Restbestände in Kunstgewerbe und Kulturindustrie praktisch aufzulösen. So haften den Situationisten, wie Pünjer meinte, doch manche Momente einer Pseudoradikalität an. Aber auch dieses Urteil sprach Pünjer sehr zurückhaltend aus und verband es mit dem Hinweis, daß er rückblickend gar nicht behaupten wolle, solche Erkenntnisse hätten die Situationisten „in ihrer Zeit“ schon erlangen können.

    Eben diese Sanftheit Pünjers im Urteil über die Situationisten war es vielleicht, die die Diskussion im Anschluß zunächst recht harmonisch-dröge und ein wenig im Seminar- oder gar Symposiumsgeist angehen ließ – bis Justus Wertmüller mit seiner erwähnten Intervention dann doch für etwas Schärfe und Kontur sorgte und damit erstmal alle an diesem Abend vielleicht entstandenen Vermutungen, die Bahamas würde sich nun eine Rehabilitierung der Situationisten ins Programm schreiben oder gar selbst sich auf die Suche nach „Anknüpfungspunkten“ begeben, schnell wieder zergehen ließ – wenn er sich dafür dann auch wieder einmal den Vorwurf eines „bürgerlichen Kunstverständnisses“ einhandelte, nur weil er über ein ebensolches und dessen Potential für Emanzipation und Reflexion sprach und es flott daher kommenden Vorstellungen der ‚Aufhebung der Kunst’ schroff entgegensetzte. Offen blieb aber an diesem Abend die Frage – zumal auch Wertmüller und Pünjer sich eben nicht als große Situationisten-Experten darstellen wollten –, ob nicht in Wahrheit eher die Adepten und nicht die Situationisten selbst in der Kunst-Frage getroffen wurden. Immerhin hat Debord selbst die Produktion seiner „Anti-Filme“, die an diesem Abend der Stein des Anstoßes waren, Anfang der 1960er Jahre schon nicht mehr fortgesetzt und sich eher verstärkt an die Reflektion gemacht. Ohnehin ließ der von Sören Pünjer punktuell benannte Erkenntnislevel der Situationisten, die sie manchmal zum Beispiel Adorno verwandt klingen lassen, sie auch zur Kunst manchmal Dinge sagen, die der Bahamas nicht gänzlich fern liegen dürften. So seien zum Abschluß und vor der Veröffentlichung von Pünjers Vortrag, in vielleicht nochmal bearbeiteter Fassung, in der nächsten Bahamas, eingestandenermaßen etwas willkürlich, als Beispiel zwei kurze Thesen aus Guy Debords ‚Gesellschaft des Spektakels’ angeführt, mit denen er unter anderem Bedingungen für die Aufhebung der Kunst und auch aller anderen gegenwärtigen Verhältnisse festschreibt:

    >>204.
    Die kritische Theorie muß sich in ihrer eigenen Sprache mitteilen. Diese Sprache ist die Sprache des Widerspruchs, die in ihrer Form dialektisch sein muß, wie sie es in ihrem Inhalt ist. Sie ist Kritik der Totalität und geschichtliche Kritik. Sie ist kein „Nullpunkt des Schreibens“, sondern seine Umkehrung. Sie ist keine Negation des Stils, sondern der Stil der Negation.

    211.
    In der Sprache des Widerspruchs stellt sich die Kritik der Kultur als vereinheitlicht dar: insofern sie das Ganze der Kultur — ihre Erkenntnis wie ihre Poesie — beherrscht, und insofern sie sich nicht mehr von der Kritik der gesellschaftlichen Totalität trennt. Diese vereinheitlichte theoretische Kritik geht allein der vereinheitlichten gesellschaftlichen Praxis entgegen.
    <<

    Dresden ganz normal?

    January 25th, 2010

    Sieht es nicht so aus, als würde in Dresden das in Gang kommen, was anderswo längst passiert ist? Tausende linke Radikaldemokraten aus dem ganzen Land, die wenigstens die deutsche Urheberschaft des Krieges betonen und diese historische Tatsache gegen den Revisionismus der Nazis verteidigen, wollen den Antifaschismus nicht dem Staat überlassen und sich um die Nazis herum zu einer lebenden Barrikade verknoten, denn die “Demokratie - das sind wir.”

    Dazu aufgebrachte Bürger, die gegen die Verschandelung ihrer Stadt durch die “braune Brut” mindestens ein “Zeichen setzen”, besser noch aber wirklich dafür sorgen wollen, daß die “Rechten” doch bitte nicht mehr in ihrer Stadt rumlaufen und dann auch noch ausgerechnet in der Innenstadt mit der gerade erst wiederaufgebauten Frauenkirche, dem “Ort der Geschichte”. Was sie öffentlich zu gedenken haben, möchten sie gern ohne die lästige Erinnerung daran tun, in welche Nähe sie sich damit begeben. Da diese Erinnerung in Gestalt von Nazis und Antifa einfach nicht von alleine verschwindet, könnten sie sich dieses Jahr vielleicht doch dem breiten linken Bündnis anschließen und so dabei helfen, den größten Naziaufmarsch (”faschistische Bürgerkriegsarmee“) in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg zu stoppen.

    Wäre dem so, wäre das zwar nicht schön, aber doch wirkungsvoll und die ganze Angelegenheit könnte - es braucht sich ja nun wirklich niemand Sorgen zu machen, daß der Antifa deswegen die Arbeit ausgehen würde - fürderhin der Demokratie, dem Staat und so weiter überlassen werden. Danach sieht es aber trotzdem nicht aus. Doch der Reihe nach:

    >>Was bisher geschah: Ein stockkonservativer Dresdener Konsens hatte in den zurückliegenden Jahren, da der Nazi-Event sich zu einem abscheulichen europäischen Großereignis auswuchs, stets ein exklusives Dresdener Opfergedenken postuliert und im Grunde zu verstehen gegeben, dass zwar der Nazi-Großaufmarsch nicht schön, viel schlimmer aber noch der Protest Tausender lauter AntifaschistInnen sei. Lieber ertrug man am Heidefriedhof den Umstand, dass die NPD-Delegation mit Kranz und Glorie kaum 30 Meter hinter Landesregierung und Stadtspitze zu ihrem heuchlerischen Defilee antrat, anstatt Protest nicht nur zu tolerieren, sondern zu ermuntern und zu unterstützen. Man ließ sich seine Dresdener Marotten von rabiaten Uniformierten beschützen. Selbst einem sehr dünnen und mit Promis aufgemotzten Mindestkonsens wie dem »Geh!Denken«-Bündnis mochte die CDU-dominierte Stadt nicht beitreten und ließ den Protest von Zehntausenden ins Leere laufen oder zusammenknüppeln.<<

    (Die Wagenburg der Heulsusen - Warum wir in Dresden nicht willkommen sind und trotzdem dort blockieren werden)

    Mag sich auch das eine oder andere in der politischen Landschaft der Stadt verändert haben, die Spielregeln werden immer noch so aufgestellt, daß sie vor allem die linken Nestbeschmutzer treffen. Das LKA sperrte die Mobilisierungsseite für die Blockaden, die daraufhin auf .com umzog. Bereits vergangene Woche wurden bundesweit Plakate mit Blockadeaufruf konfisziert. (Für diesen Donnerstag, den 28.1., ruft Dresden Nazifrei übrigens erneut dazu auf, die kriminalisierten Plakate zu verkleben.) Und vor Ort sehen sich die zur Blockade Entschlossenen nun dem selben Demonstrationsverbot gegenüber wie die Nazis:

    >>Dazu musste aber erst das Versammlungsgesetz des Freistaats Sachsen geändert werden, um, wie es im Gesetzestext heißt, Aufmärsche zu verbieten, “wenn diese an Orten stattfinden, die an Opfer nationalsozialistischer oder kommunistischer Gewaltherrschaft und Opfer eines Krieges erinnern oder wenn die Demonstration die Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus verharmlost”.<<

    Wie ist das zu verstehen? Venceremos stellt fest: “Erschweren wird es vor allem die antifaschistischen Proteste, wohingegen die Nazis mit ihrer Demonstrationsroute vom Vorjahr von diesem Gesetz nicht betroffen wären.” Wenn die Nazis angesichts der stark angewachsenen Zahl von Gegendemonstrierenden also nicht mehr ungestört mit Fackeln, Trommeln, Wagner und Orff durch die Innenstadt marschieren können, sollen sie sich wenigstens ungestört mit Fackeln, Trommeln, Wagner und Orff in der Innenstadt versammeln können.

    Wie wird das praktisch aussehen? Zwei riesige Menschenaufläufe an den Kundgebungsorten, dazwischen Polizei, die ein - wie heißt das so schön im Beamtendeutsch - “Aufeinandertreffen” zu verhindern versucht? Oder werden dann zügig Vorwände geschaffen, um eine oder beide Kundgebungen von vornherein oder im Verlauf zu unterbinden? Was für eine Einschränkung das Demonstrationsverbot für die Nazis wirklich darstellt, wie ihnen trotzdem auf die Pelle gerückt werden kann und ob es gelingen kann, den enormen Wuppsch im Dresdner Selbstbild dennoch zum Thema zu machen - all das wird sich nur vor Ort herausfinden lassen. Wie ich schon twitterte: Ich will sicher nicht in Dresden blockieren, weil es “unser Recht” oder gar “unsere demokratische Pflicht” ist, ich fahr aber trotzdem hin. Wer will, kann ja am Vorabend bei der Demonstration vom Jorge-Gomondai-Platz klarmachen, “dass allen Formen des [Dresdner] Gedenkens eben dieser gemeinsame geschichtsrevisionistische Kern innewohnt.”

    (Was wird die neue Gesetzeslage in der Zukunft eigentlich noch bescheren? Halbrechte und JF-Nazis, die am 13. Februar gegen “kommunistische Gewaltherrschaft” - z.B. die Anforderung des “Bombenholocaust” durch die Rote Armee - demonstrieren wollen?)

    Die kleinen Korrekturen

    January 25th, 2010

    Der Spiegel Ausgabe 53/09 schilderte in einem Artikel Auseinandersetzungen um Gentrifizierung in Friedrichshain (Wir erinnern uns: Das ist der Stadtbezirk der “Haßbrenner”, der seit Monaten im linksfaschistischen Chaos versinkt.) Nun stellt der dort als Betroffener präsentierte Jörg Meyerhoff in einem Leserbrief klar:

    >>Unsere Baugruppe, die das Klimasolarhaus errichtet hat, wurde nicht von Anfang an sabotiert, es gab keine durchgeschnittenen Kabel am Bagger, keine Farbbeutel an der Fassade, wir wurden an Silvester nicht mit Raketen beschossen, und es wurde auch keine Bewohnerin am Auge verletzt.<<

    Er sieht sich und sein Projekt auch nicht als Opfer, sondern als Teil des Kiezes - womit von der Aussage des Spiegel-Artikels eigentlich kaum noch etwas übrig bleibt.

    Auch nicht schlecht: In einem Artikel in der Ausgabe von letztem Montag, der verschiedene Bürgerinitiativen porträtiert, die sich gegen unterschiedliche Energiegewinnungsanlagen wenden, heißt es von einem Aktivisten, der sich für einen Mindestabstand zwischen Windrädern und Wohnhäusern einsetzt, er wolle nicht als "Windkraft-Gegner" bezeichnet werden - was der Spiegel-Autor wohl vorgehabt hatte.

    Und was steht nun unter seinem Foto? "Windkraft-Skeptiker." Im Unterschied zu Windkraft-Leugnern hat er also nur starke Zweifel an der Existenz von Windkraftanlagen. Nu ja.

    Dresden gegen Aufmärsche

    January 21st, 2010

    Die Sächsische Zeitung verkündet stolz: “Dresden verhindert Neonazi-Marsch am 13. Februar.” Und nicht nur das:

    >>Die Landeshauptstadt wird erstmals sämtliche Aufmärsche in der Innenstadt am 13.Februar verbieten.<<

    Sie übertreffen sich einfach immer wieder selbst.

    Der Rausch under friendly fire Remix

    January 19th, 2010

    Es gibt einen neuen Remix, diesmal von unserem Track “Der Rausch” (im Original auf “Nein, nein, das ist nicht der Kommunismus“), neu abgemischt von Under Friendly Fire aus Basel.

    (Download: mp3, 1.8 MB)

    Anti-Antideutsches als Material oder auch nicht

    January 19th, 2010

    Vielleicht machen wir mal einen Track aus “Der Antideutsche” von Wojnas Bandbreite und schildern darin, wie das für mich und viele andere gelaufen ist, die heute unter das Label fallen: welche Positionen jemand üblicherweise vertrat, bevor es hieß: “Und schon bist du Antideutscher.”

    Nicht mal als Détournement- bzw. Rekuperations-Material (je nachdem, wofür es dann wieder gehalten wird) taugt hingegen diese andere Zurschaustellung eines simplen Gemüts (”vielleicht ist das nicht P.C.”), das sich nur die einfachsten Parolen vornimmt und darin nicht die eigene One-Point-Analyse (”der Nationalstaat ist die Wurzel allen Übels”) erkennt:

    Wer mal wieder dahinter steckt

    January 18th, 2010

    Ankündigungen zu “Iron Sky” habe ich hier ja schon mal unter der Überschrift “Die Außerirdischen sind die Nazis” begrüßt; jetzt geht der Spaß in die nächste Runde: eine viertelstündige Photoshopperei, die ein Hakenkreuz auf der Mondoberfläche zeigt, wurden in einer Diskussion auf der Verschwörungsseite Above Top Secret für ein echtes Foto gehalten und teilweise entsprechend diskutiert. Die meisten Diskutanten wiesen aber auf das Viralmarketing für den Film hin, der dann auch alle zwei Postings verlinkt wurde. Und nun mach ich auch noch mit. Hinter den Kulissen: die Werbung! Überraschung!

    (Hat Tips: Lennart & Paule)

    Gelegenheitsmitfahrerei

    January 17th, 2010

    Des Wetters und des Hustens wegen bin ich nach, in und von Bayern nicht getrampt, sondern fuhr zum Teil per Internet-Mitfahrerei. Das habe ich nun bisher höchstens so oft gemacht, wie die meisten Leute getrampt sind und ähnlich qualifiziert dürfte mein Urteil sein. Zumindest bisher kann ich ja zumindest sagen, daß es bei mir immer - bis auf eben trotzdem eine Viertelstunde in der Kälte warten - funktioniert hat - was bei anderen auch anders gewesen ist (Auto schon weg, kommt gar nicht, fährt doch erst zu spät, ist schon voll, bleibt irgendwo liegen usw.)

    Aber irgendwie funktionierte es eben bloß, im Unterschied zum Trampen war es fast ausschließlich die reine Dienstleistung. Mit den Fahrenden oder den andern Mitfahrenden auf ein persönliches Level zu kommen, gelang mir nicht und gelang auch den anderen untereinander dem Anschein nach nicht. Vermutlich ist das auch gar nicht die Idee. Und es könnte andererseits auch damit zu tun haben, daß ich bisher ausschließlich in Sammelfahrten dabei war, also niemals der einzige Mitfahrende war, was ja beim Trampen eher der Standard ist. Wirklich verblüfft hat mich, wie offen abfällig sich die Fahrenden über bisherige Mitfahrende ausließen, was für eine Zumutung es für sie gewesen sei, wenn mal jemand an der Tanke noch was essen wollte und dergleichen. Und wie nicht verhandelbar die laute Radiobeschallung jedesmal war (z.B auch bei dieser Gelegenheit).

    Ohne Not wird das wohl für mich keine Option bleiben, außer ich versuche mich mal an der Kombination und verwende die Mitfahrgelegenheitler als Zubringer und Fallnetz. Ich könnte mir das Loskommen von Berlin vereinfachen, indem ich immer erstmal für 5 Euro auf die A9 mitfahre. (Reicht das bis Köckern? Oder gar schon bis Osterfeld?) Und ich könnte mir bei kniffligen Strecken für später am Tag eine Mitfahrgelegenheit organisieren - falls ich trampenderweise dann loskomme, kann ich ja immer noch absagen, das scheint ja recht üblich zu sein.

    Aus der Lasterfahrer-Werkstatt

    January 16th, 2010

    [Let's Go] Farts Will Tear Us Apart.

    Mädchen für alles

    January 13th, 2010

    Joss Whedons “Dollhouse” zeigt, was das Kapital von uns will.

    Es ist der feuchte Traum jedes Kapitalisten: auf Wunsch die passende hochspezialisierte, maximal qualifizierte Arbeitskraft, die in ihrer Rolle völlig aufgeht, keine Fragen stellt und sich nach Erledigung des Auftrags an nichts mehr erinnert.


    Die Arbeitskraft bei der Zurichtung

    Die Wirklichkeit zu diesem Traum wird in der seit Februar bei Fox laufenden Serie - erdacht von “Buffy The Vampire Slayer”-Schöpfer Joss Whedon und produziert von Hauptdarstellerin Eliza Dushku - als Neurotechnologie im Einführungsstadium vorgeführt. Der Plot: In einer (ansonsten) heutigen Welt werden Menschen mit mehr oder weniger Zwang dazu gebracht, sich für einen definierten Zeitraum dem “Dollhouse” zu überlassen, das ihre Persönlichkeit löscht und sie für jeden Auftrag mit der passenden neue Identität, dem nötigen Wissen und den gewünschten Charaktereigenschaften, ausrüstet. Nach Ablauf des Vertrags sollen die “Dolls” oder “Actives” dann mit hohen Beträgen abgefunden werden, die gleichzeitig als Schweigegeld dienen.

    “Dollhouse” bringt auf den Punkt, wie die fake-selbständigen De-facto-Lohnsklaven der Dienstleistungsgesellschaft die an sie gestellten Erwartungen wahrnehmen: Sie schlüpfen ständig in möglichst kurzer Zeit oder noch besser ohne Vorbereitungszeit in immer neue Rollen, wenn jemand dafür bezahlt. Sie stellen keine Ansprüche, gerade wenn Übles verlangt wird, weil es im Wettbewerb vor allem anderen auf Bereitschaft ankommt. Trotz aller spezifischen Anforderungen sollen sie dann möglichst geräuschlos entfernbar sein, sobald nicht mehr die richtigen Zahlen in der Kalkulation stehen. Zwischen ihren Einsätzen sind sie recht vollständig mit Reproduktion und Konsum ausgelastet.

    Und die Serie, in der diese Verfügbarkeitshölle der Vertragssklaverei in allem höchst ästhetischen Schrecken ausgemalt wird, zeigt sogleich die von Whedon ausgemachte Widerstandslinie: das letztlich unzerstörbar Menschliche, das sich auch in hundertmal gehirngewaschenen “Actives” findet und schließlich in Form von Liebe, Neugier und Sorge umeinander dem Funktionieren des “Dollhouse” entgegenwirkt, zur Auflehnung treibt und dabei auch die nicht spezialbehandelten Mitarbeiter mitreißt.

    So wie die Serie den Austauschbaren die Illusion ihrer Unersetzbarkeit austreibt und sie zur rücksichtlosen Entfaltung ihrer genuinen Menschlichkeit anzustiften sucht, ist sie auch im Rahmen der Fernsehwelt ein verblüffender Hack. Stand lange zu befürchten, daß die Auflagen, mit denen Fox Whedon vor allem in die Besetzung hineinregierte und Familienuntaugliches entfernen ließ, die Serie ihres Inhalts und Reizes beraubt hätte, sie gar in eine pure Ästhetisierung des Schreckens verwandelt hätte, so ist “Dollhouse” im Laufe des Jahres zu einem besonders guten Beispiel für das geworden, was Douglas Rushkoff als “Media Virus” bezeichnet hat: das Einspeisen subversiven Materials in die Massenmedien, indem es in medienfreundlicher Verpackung versteckt wird.


    Regisseur Whedon und Hauptdarstellerin/Produzentin Dushku

    Einerseits war Whedon selbst ein bißchen der “Doll”, der sich trotz seiner in die Millionen zählenden Fangemeinde gefallen lassen mußte, das die extra zur besseren Einführung gedrehte Pilotfolge nach mehreren vom Sender verlangten Änderungen überhaupt nicht mehr ins Fernsehen kam. Nach den ersten vier Folgen der zweiten Staffel wurde die Serie für einen Monat nicht weiter ausgestrahlt, schließlich wird sie nun zum Ende der Staffel schon wieder abgesetzt. Nach der Einstellung von Whedons letztem TV-Projekt “Firefly” (eine Staffel) und von “Terminator - The Sarah Connor Chronicles” (zwei Staffeln) ist das eine weitere ambitionierte und durchaus populäre Scifi-Serie, die Fox auf ungünstigen Sendeplätzen verheizt, zu verunstalten versucht oder einfach auf die Halde wirft.

    Andererseits gelingt Whedon und seinen Mitstreitenden durch all die offensichtlichen Zugeständnisse an Fox hindurch ein weiteres radikales Plädoyer für Selbstbestimmung und gegen die Totalzurichtung des Menschen zum maßgeschneiderten Universalwerkzeug.

    Spannend, ob die “Dolls” in den restlichen Episoden, die noch bis Ende Januar ausgestrahlt werden, zum Aufstand übergehen oder ob die Möglichkeit der Neuromanipulation weiter ausgreifen wird. Diese Frage könnte auch außerhalb der Serie schon bald interessant werden.

    (Den Artikel habe ich schon vor drei Wochen geschrieben, dachte aber, ich beherzige mal wieder den gelegentlichen Rat, Texte für Printveröffentlichung anzubieten. Angeblich gab es keine passenden Bilder dazu bzw. die Serie läuft ja schon. Da sag ich jetzt mal nichts zu. Ich werde aber sicher noch mal was schreiben, wenn ich alle Folgen gesehen habe - die eine oder andere Ebene habe ich ja noch komplett ausgelassen.)

    Die nächsten Auftritte

    January 11th, 2010
  • Di 12.01.2010 Bayreuth, Glashaus, 20 Uhr: Vortrag Entschwörungstheorie und Zeitgeist the Movie
  • Mi 13.01.2010 Würzburg, Kult, 19 Uhr: Vortrag “1917 - Anfang und Ende des Kommunismus?”
  • Do 14.01.2010 Bamberg, Balthasar: Vortrag Entschwörungstheorie
  • Fr 29.01.2010 Landau, Fatal: Gig mit Istari Lasterfahrer und Björn Peng
  • Sa 30.01.2010 Reutlingen, Zelle: Gig mit Istari Lasterfahrer und Björn Peng
  • Fr 05.02.2010 Berlin, c-base: Gig mit Istari Lasterfahrer
  • Fr 07.05.2010 Weißenfels, Trofa: Gig mit Istari Lasterfahrer
  • Sa 08.05.2010 Halle, Reil 78: Gig mit Istari Lasterfahrer
  • Nachlese zu The Future @ c-base

    January 9th, 2010

    Dokumentation des Vortragsabends am 29.12.09.

    Ein Heldenleben: Die Fassung mit deutschen Untertiteln kann von mir direkt gesaugt (divx avi, 180 MB) oder bei Vimeo angeschaut werden:

    Meinen Vortrag über Leary (die Slides mit Videos, aber ohne Musiksamples) hat Tribble vom Hanfmuseum aus der Froschperspektive gefilmt und ich hab das Resultat bei Youtube als sechsteilige Playlist hochgeladen:

    Future of Sex: Dazu gibt’s bisher nur das Präsentationsfile, das überwiegend aus Bildern besteht.

    Plomlompom hat zu seinen “Identity Wars” ein paar Fotos verlinkt und seine Präsentation bei Slideshare hochgeladen (hier als PDF, hier als ODP). Hier noch ein Foto, das ich gemacht habe:

    plomlompom Christian Heller @ c-base