Zwei Rückschläge, die erst nach Triumph aussahen.
Der Morgen
Nach einer großen Vorabenddemo fanden sich schon zeitig mehrere Tausend Blockadewillige auf und entlang der Naziroute in Schöneweide ein, doch die Polizei war entschlossen, den Naziaufmarsch mit Reizgas, Wasserwerfern und Knüppeln durchzusetzen (Fotos), so daß die Nazis praktisch unbehindert ihre – wenn auch kurze – Strecke durch den “deutschesten Teil der alten Reichshauptstadt” (Holger Apfel) laufen konnten, komplett mit Zwischenkundgebung, Fahnen, Folklore und Transpi-Posen fürs Foto:

(Mehr dazu, auch über die anderen Antinazi-Aktionen bei publikative.org: Der braune 1. Mai)
Der Abend
Wie immer fast alles verkehrt, was bei Spiegel Online steht: “In Berlin entwickelte sich die Gewalt aus einem Demonstrationszug mit etwa 6000 Teilnehmern heraus, der von Kreuzberg in die Nähe des Brandenburger Tors führte. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit schleuderten Unbekannte Flaschen gegen Polizeiwagen. Die Scheiben einer Sparkassenfiliale wurden eingeworfen. Ein Auto wurde umgekippt, andere demoliert. Auch in den Vorjahren hatten die Demonstrationen immer wieder in Gewalt geendet.”
Die Demo war erheblich schlechter besucht als letztes Jahr, aber so schlecht nun auch wieder nicht. Und letztes Jahr war sie ganz schön groß gewesen. Als eine agile vermummte Gruppe schon frühzeitig die Cops direkt attackierte und diese sich erstmal zurückziehen mußten, war es noch längst nicht dunkel. Und nach diesem Auftakt und einigen Steinen auf eine Tankstelle war die Demo bis zum Schluß und auch nach ihre Auflösung geradezu gespenstisch friedlich. Kurzfassung des Demoverlaufs: erstaunlich klein, ging erstaunlich offensiv los, kam erstaunlicherweise bis Unter den Linden & dort passierte dann – nichts.

Nach der frühen Attacke in der Heinrich-Heine-Straße
Diese seltsame Verlauf scheint mit den Vorabdiskussionen zu tun zu haben: “Einige Gruppen haben in den letzten Wochen zu einem “autonom-anarchistischen Block” auf der Demo aufgerufen und deutlich gemacht, das auch offensive Aktionen auf der Demo möglich seien und man “nicht unbedingt die gesamte Route mitlaufen werde.” Offensiver noch im Aufruf für einen anarchistischen 1. Mai unter der Überschrift Haymarket!:
«Eingeklemmt zwischen Spree und Bullensperren, wird spätestens ab der Köpenickerstr. die Demo gefährlich für alle Teilnehmer_innen.
Überhaupt halten wir das ganze Konzept der 18 Uhr Demo für überholt und es besitzt in unseren Augen nur noch einen rituellen Charakter. Konsum von Demonstrationskultur. Als AnarchistInnen wollen wir weder in das Herz der Regierungsmaschine laufen, um dort bettelnd politische Forderungen zu stellen, noch wollen wir weiterhin Demonstrationen bei denen anmelden, die uns ausbeuten und mit dem Polizeiknüppel unterdrücken. Die Gedenkdemo für Rosemarie und deren gezielte und geplante Zerschlagung auf Höhe der Bürknerstr. in Neukölln, zeigt einmal mehr, dass die Bullen keinen Grund brauchen, um eine friedliche und nicht militante Demo mit brutaler Gewalt aufzulösen. Wir wollen die soziale Frage stellen. Auf den Straßen dieser Stadt, um die der Kampf gerade heiß entbrannt ist und dessen Feuer wir leidenschaftlich anfachen wollen. Wir sind uns voll bewusst, dass wir eine direkte, statische Konfrontation mit den Bullen mit einem enorm hohen Preis bezahlen müssten. Viele würden im Knast landen. Viele würden verletzt werden.
Wir wenden uns auch gegen das Konzept der Latschdemo, die hinter lärmenden Lautis herzieht, wie die Wähler_innen zur Wahlurne. Wir wollen laute Demos, die von den Teilnehmer_innen mit eigenen Parolen lautstarkt und wütend gestaltet werden. Von wenigen wird vorgeben, wo gelaufen wird und das alles im Einklang mit den Bullen, mit denen ja leider kooperiert werden müsste, da die Demo ja schön und brav angemeldet wurde. Wir sagen: Ya, Basta! Es reicht!»

Hier brennt aber auch der Fernsehturm
und nicht das Neuköllner Telegraphenamt…
Das Ziel, endlich mal bis ganz nach Mitte zu laufen, wurde nur um den Preis erreicht, daß die Militanten soweit vergrault wurden, daß sie dort gar nicht mehr dabei waren und all die wundervollen Targets unbeschädigt blieben. Vielleicht ist der ARAB ihre Halbprominenz zu Kopf gestiegen; vielleicht sind es auch mittlerweile wirklich unvereinbare Gegensätze, wenn diejenigen, die dann bis Unter den Linden gekommen waren, gar nicht wußten, was sie dort sollen und zügig und beinahe geräuschlos den Ort wieder verließen. Vielleicht geht es mittlerweile wirklich darum, vor den Türen der Herrschenden demokratisch korrekt seine Anliegen vorzutragen, als darum, dort möglichst wirkungsvoll zu drohen und vielleicht wenigstens ein bißchen sichtbaren Schaden anzurichten.

“Freiraum” an der Demoroute in der Leipziger Straße
Wie immer guter Dinge und guter Hoffnung: die Rennleitung. Tagesspiegel-Ticker, 22.17 Uhr:
«Polizeipräsident Klaus Kandt lobt indirekt die linke Szene: Insgesamt sei die Demonstration wieder politischer geworden und von ritueller Gewalt habe man abgesehen. Er rechne nicht damit, dass in Kreuzberg noch etwas passiere.»