Die ersten Auftritte 2015

December 19th, 2014
  • Fr, 06.02.2015, Bielefeld, Jugendherberge: Vortrag Entschwörungstheorie bei der Solid-Winterakademie
  • Fr, 20.02.2015, München, Feierwerk: Vortrag zu Lust, Rausch und Zweifel, anschließend Auflegen (Soliparty für Hamadou Dipama)
  • Wer auch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm – ab Februar bin ich wieder im Land.

    Trotzkismus im Grünen

    December 15th, 2014

    Eine Woche nach dem “Acto” der PTS und einen Tag nach den nationalen Feierlichkeiten zum Jahrestag des Endes der letzten argentinischen Militärdiktatur vor 31 Jahren hielt die PO, die größte der drei trotzkistischen Parteien im FIT-Bündnis, ihr großes Jahresendtreffen in Form eines “Picnic” im wohlhabenden Norden von Buenos Aires ab. Zunächst war es ein bißchen lustig, vom Altherrenpodium den Großen Vorsitzenden Altamira sagen zu hören, daß die PO neben allem anderen, was sie und nur sie in den Jahrzehnten ihres Bestehens richtig analysiert, eingeschätzt und vorhergesehen habe, auch die einzige linksradikale Kraft sei, die in der Lage war, den generation gap zu überbrücken. Es wirkte, als wäre eine trotzkistische Version der “konkret” keine Zeitschrift, sondern eine Partei, und Gremliza würde nicht Editorials, Leitartikel und Expresskolumnen schreiben, sondern diese als Parteipolitik von der großen Bühne verkünden.

    Dann trat aber zwischen dem Podium und Altamiras Abschlußansprache (in der es wieder darum zu gehen schien, was er alles einst richtig analysiert und vorhergesagt hat) Miss Bolivia auf, die so ziemlich das Queerste ist, was in Argentinien gerade an Pop läuft – bisexuelle Inszenierung mit viel drastischem Slang zu Slum-Musik – und der Linie und dem Stil der PO ziemlich kraß zuwiderläuft: deutlich pro Cannabis, offen feindselig gegen Cops, die Frauen vorn auf der Bühne. Sie widmete ihr schickes Fuck-Off-Lied “Tomate el Palo” den “Institutionen, die die politische Unabhängigkeit der Arbeiter” bekämpfen und endete mit einer Ansage zu Mexico gegen das “Verschwindenlassen” von Menschen, egal “ob in Diktatur oder Demokratie”.

    Das war möglicherweise der größte denkbare Culture Clash, und irgendwie machte dieses Nebeneinander von großväterlicher, unangenehm kerliger Belehrung und diesem passend-unpassenden musikalischen Auftritt die ganze Veranstaltung insgesamt doch sympathischer weil einfach weniger durchorganisiert und viel widersprüchlicher als die der PTS.

    PO Picnic Miss Bolivia
    Miss Bolivia

    PO Picnic audience
    “Proletarier aller Länder vereinigt euch!”

    PO Picnic Altamira
    Altamira

    Deutschland wohlvertraut und anders

    December 13th, 2014

    Ich schau aus der Entfernung auf die Nachrichten aus Deutschland – die um sich greifende rassistische Mobilisierung ist in all ihrer Gruseligkeit und den leicht aktualisierten Inhalten doch wohlvertraut; aber eine offenbar ernstgemeinte Streikdrohung vom Beamtenbund ist wirklich neu, oder?! Gibt es vielleicht doch noch Hoffnung, daß in Deutschland auch mal richtig bzw. angemessen auf Krise und soziale Zumutungen reagiert wird?

    MSN: Beamtenbund droht Bahn mit ‘einem der schlimmsten Arbeitskämpfe’

    Aber, andere Frage: Streiken dann auch die Cops? (Wer weiß, vielleicht war ihr Gewährenlassen nach Ende der letzten Pegida-Demo schon Dienst nach Vorschrift…? ;-) )

    Villa 31

    December 11th, 2014

    In unmittelbarer Nähe der Innenstadt von Buenos Aires, direkt neben dem zentralen Fernbusterminal Retiro, beginnt die informelle Elendssiedlung Villa 31/31bis. Die Faschisten der letzten Militärdiktatur wollten sie zerstören und ihre Bewohner ins Umland verschleppen, scheiterten jedoch an einem vielfältigen Widerstand, obwohl sie dessen prominenteste Figuren “verschwinden” ließen. Die Demokraten rissen dann in den 90ern einen Teil der Villa für den Bau eines Highways ab und brachen sämtlichen Widerstand, den es dagegen gab. Heute leben hier 40.000 Menschen – in Armut und prekären Wohnbedingungen, aber dicht genug an der City, um von ihr überhaupt und in deutlich weniger prekären Bedingungen als in den anderen (mittlerweile viel größeren) Villas leben zu können.

    retiro villa 31

    Paralleluniversum

    December 10th, 2014

    So sieht es aus, wenn die PTS, nicht mal die größte der drei trotzkistischen Parteien aus dem argentinischen FIT-Bündnis, ein kurzfristig anberaumtes nationales Treffen in Buenos Aires abhält – 6000 Leute, zu einem großen Teil Abordnungen aus streikenden oder besetzten Betrieben, die trommeln und singen: “Wir sind der Tod des Kapitals – Trotzkismus, Vierte Internationale!” und “Wir sind hier und wir bleiben hier – Arbeiter ohne Herrn!”

    Bei allen offenkundigen Haken an der FIT (Machismo, Antizionismus, Trotzki) fand ich das als Kampfversammlung revolutionärer Arbeiter sehr beeindruckend. Es gab auch eine Solidaritätsbekundung für Mexiko: fast alle Anwesenden hielten Bilder der “verschwundenen” Studenten hoch und sangen in Anlehnung an die “Verschwundenen” der letzten argentinischen Diktatur, aber auch aus der Zeit seitdem: “Lebendig wurden sie genommen, lebendig wollen wir sie wieder.”

    Presse zum Event: LinkeKonservativeKirchnerismo

    Kommunisten im Betrieb

    December 9th, 2014

    Es ist nicht der typische Politkader, ihn sich als aufbrausenden Agitator vorzustellen, fällt schwer. Vielleicht liegt das auch daran, dass er nach der Nachtschicht und drei Stunden Schlaf schon wieder vor Ort ist, um an der Verteilung von 10 000 Schulheften für bedürftige Kinder mitzuwirken, die Madygraf im Rahmen eines ersten sozialen Projekts produziert hat. Er fand es schon immer gut, erzählt er, dass die Arbeiter sich organisierten, gegen Entlassungen stellten und für ihre Rechte, einen besseren Lohn und mehr Sicherheit kämpften. Als man ihn vergangenes Jahr darauf ansprach, ob er sich im PTS organisieren wolle, willigte er ein. Er hebt hervor, dass Madygraf kein Parteiprojekt sei. Die meisten Kollegen seien unabhängig, auch wenn sie große Sympathie für die Partei verspürten. Diese wird dadurch verstärkt, dass zwei PTS-Abgeordnete seit einigen Monaten ihre Diäten auf ein in Argentinien sehr niedriges Lehrergehalt kürzen. Die Differenz zu ihrem eigentlichen Gehalt spenden sie unter anderem an den Solidaritätsfonds für die Arbeitenden.

    Übernehmen, in aller Ruhe – Besuch in einer besetzten Fabrik in Argentinien.

    On new UK online porn law

    December 2nd, 2014

    “With these restrictions, distributing images of acts which are legal to consensually practice – such as piss play, bondage and fisting – becomes illegal.”

    Also:

    “It’s interesting that for the most part, femdom sites have been the ones targeted. The restrictions on facesitting and squirting disproportionately censor female sexual expression, female pleasure and female dominance:
    It’s worth noting that facefucking – an activity which, when shown in porn, often involves a man putting his penis in a woman’s mouth hard and fast (so basically, exactly how it sounds) – a staple of mainstream heterosexual (and often deeply misogynistic) porn isn’t on the list. It’s fine to be there on DVDs, and it’s fine online. Meanwhile, facesitting –which usually involves a woman sitting on a man’s face – is banned. So, a representation of female dominance is banned, while a representation of male dominance is perfectly legal.”

    [Porn content!] Online porn: The canary in the coalmine.

    Haßkaßler

    December 1st, 2014

    Statt altem Nazi-Richtungsstreit zwischen Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus schreibt der Initiator der Kasseler Version von Pegida neben seiner Hetze gegen die “Islamisierung des Abendlandes” auch sowas:

    >>Als Angela Merkel im jüngsten Gaza-Krieg das Selbstverteidigungsrecht Israels unterstrich, erging sich Michael V. in antisemitischen Ausfällen gegen das „Judenpack“ und schäumte in Richtung der Bundeskanzlerin: „Man sollte dich steinigen, du Vieh.<<

    Rechte Retter des Abendlandes.

    Asuncion, riverside

    November 17th, 2014

    Last year, some 50,000 people were forcefully relocated from here so that the government got a better view on the river and the city gained this new water front. The remaining 20,000 inhabitants of the shanty town (Barrio Ricardo Brugada, commonly known Chacarita) will have to go soon, as well, so there’s nothing done about their places being flooded and infested by dengue mosquitos.

    Asuncion, remains of the shanty town Chacarita that was cleared away for the new Costanera Asuncion, Costanera for which 50,000 people were forcefully relocated

    Wege zum Spanisch

    November 16th, 2014

    Weil mir das Spanischlernen zu langsam vorangeht, lese ich jetzt einfach spanischsprachige Sachbuecher – lateinische Wortähnlichkeiten und vertraute Textteile sind meine Freunde.

    Am besten ging’s bisher mit einer biographischen Darstellung von Rosa Luxemburg, auch gut war eine Sammlung von Programmtexten und Manifesten der Arbeiterbewegung, jetzt gerade verstehe ich verblüffend viel hiervon (finde es aber zum Heulen, wie genau dort an der Politischen Ökonomie, um die es gehen soll, vorbeigeschossen wird):

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    Rio Paraguay

    November 13th, 2014

    On the riverside in Pilar. Over there is Argentina – just some hundred meters away, but the next bridge is 200 kilometers upstream, and to reach the place on the other side by road you travel almost 600 kilometers.

    Pilar, riverside

    Paraguay-Oz

    November 12th, 2014

    Hamburg-Oz died, I know, Paraguay-Oz is alive, though, and is doing things like painting the walls of this gay community center in Asuncion with political (picture: Harvey Milk), Guaraní-mythological (picture: Kurupi) and just nice themes. The place which hosts a clinic and produces educational publications is well-funded by mostly foreign donations – the government is not as hostile towards homosexuals as it used to be, still it would never fund them.

    Asuncion, community center SOMOSGAY, graffiti by OZ Asuncion, community center SOMOSGAY, graffiti by OZ Asuncion, community center SOMOSGAY, graffiti by OZ

    Wie deutsche Linke auf Argentiniens Linke schauen

    October 14th, 2014

    In der aktuellen “Jungle World” erschien ein von mir übersetzter Text von Magui López zur Linken in Argentinien: “Jenseits der bekannten Linken” – nach mehreren Kürzungen und Änderungen fehlt allerdings die Kritik, die ihr besonders wichtig war, völlig. Ursprünglich begann der Text so:

    «Kürzlich machte die Jungle World Argentinien zum Thema, die Linke sogar in einem Extraartikel. Es muss sehr seltsam sein, die wirtschaftliche, soziale und politische Realität Argentiniens von Europa aus zu analysieren, oder speziell von Deutschland aus. Jede Darstellung scheint durch das vermittelt, was Deutsche sehen können und wollen, und jede Beschreibung begrenzt durch das, was den schreibenden Deutschen vom jeweiligen Szenario ins Bild passt. So werden Widerstand und Militanz in den “villas” (Slumvierteln) so gut wie nie erwähnt, ebensowenig die Bewegungen der Indigenen oder der Landarbeiter in Ländern, in denen diese Gruppen starke und kämpferische Strukturen unterhalten.

    Angesichts der Auswahl des Berichtenswerten wäre es sinnvoll gewesen zu definieren, was “links” überhaupt bedeuten soll. Gegenwärtig einen Artikel über “die Linke” in Argentinien zu schreiben und darin unter anderem die Frente de Izquierda y de los Trabajadores (FIT, Front der Linken und Arbeiter), die “fábricas recuperadas” (die instandbesetzten Betriebe), die organisierten Arbeiter in den “internen Kommissionen” der Betriebe, die “villeros”, die Bauern und die Indigenen zu vergessen, ergibt zusammen eine inakzeptable Auslassung. Diese Menschen kämpfen und bleiben dabei, auch wenn die Staatsgewalt in den Provinzen sie verfolgt und umbringt, wie die Staatsgewalt auch in den Großstädten Leute aus den “villas” oder auf Demos verfolgt und umbringt oder juristisch gegen Arbeiter vorgeht, die gegen die Stillegung ihrer Arbeitsplätze kämpfen.»

    Und das war der Original-Schluß:

    «Mit ihren Kämpfen für bessere Lebensbedingungen, für Arbeitsplätze, Wohnraum und Land, gegen die Willkür von Regierung und Polizei befinden sich all diese Gruppen, in Europa meist unbekannt, links vom politischen Mainstream Argentiniens. Auch wenn sie manche sich nicht als „linke“ Bewegungen verstehen und auch wenn sie von ihren inneren Widersprüchen gezeichnet sind, ringen sie doch alle mit den Bedingungen ihres Überlebens und mit den Auswirkungen des Gesellschaftssystems und zeigen uns, wie viel mehr wir wissen müssen, bevor wir uns ein Bild machen und urteilen können.»

    Nun ja.

    Letzte Stops vor Argentinien

    October 10th, 2014

    Vom bunten Auftrittsherbst stehen jetzt noch Halle (18.10.) und Münster (23.10.) aus – dann bin ich erstmal für drei Monate weg, das heißt: ab Februar bin ich für weitere Veranstaltungen auf der Matte…

  • Sa, 18.10.2014, Halle, Reil78: Vortrag “Am Geld kleben – Antisemitismus und Kapitalismus”, Konzert mit istari Lasterfahrer und anschließend Auflegerei (FB-Event)
  • Do, 23.10.2014, Münster, Don Qijote: Vortrag Lust, Rausch & Zweifel (FB-Event)
  • Wer auch noch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm.

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    Rohentwurf zu meinem EntheoScience-Beitrag: Solidarität, Kritik und Begriffsbildung

    September 12th, 2014

    Ich hätte heute die Konferenz “EntheoScience” in Potsdam eröffnen sollen, kann das aus schwerwiegenden persönlichen Gründen jedoch leider nicht tun. Ich bin auch nicht in der Lage, meinen gesamten Beitrag hier wiederzugeben, hab aber meine Vorüberlegungs-Diktate fürs geneigte Publikum mal abgetippt – ist recht roh und ein bißchen lang, ich weiß.

    Vorrede

    Ich werde hier recht viel Kritik auskippen, werde vielleicht manche von euch damit treffen, manche aufbringen, manche abstoßen. Das ist okay, das soll auch so sein. Aber ich möchte etwas vorausschicken, das mir akut sehr wichtig ist und was auch sonst nicht zu oft gesagt werden kann: Paßt aufeinander auf, haltet zusammen. Ich habe in den letzten zwei Jahren viel Verrat und Imstichlassen und dergleichen erlebt, selbst und um mich herum – wohl weil die Zeiten härter werden, weil es ruppiger und verlogener wird überall, und weil sich manche eben abwenden, wenn es zu kraß wird und es dadurch meist noch viel, viel schlimmer machen. Überhaupt denke ich, daß die Repression und der ganze Ärger deshalb so gut funktionieren, weil sich zu viele abwenden, wenn’s schlimm wird, und die Be- und Getroffenen alleine bleiben. Für viele gab’s dann niemanden mehr, mit dem sie noch wirklich reden konnten, niemanden, der sie nicht vorverurteilt hat – der Faden war durchgerissen und sie haben’s nicht mehr geschafft.

    Also eben gerade die nicht im Stich lassen, bei denen es heißt: Das ist ein ganz schwerer Fall, läßt sich doch nicht helfen, da ist eh alles vorbei usw. Durch diese Grenzziehung werden sie ja entmenschlicht, aus der Gesellschaft der Menschen entfernt, für die man sich noch verantwortlich fühlt, und ans Fachpersonal übergeben, das zwar manchmal auch wem hilft – aber wir wissen, daß die Leute sich trotzdem umbringen, trotzdem kaputtgehen, irgendwo verwahrt werden oder von der Bahnhofssecurity vertrieben.

    Natürlich lassen sich keine Wunder wirken, das ist mir klar. Es geht ja auch nicht darum, jemandem reinzureden oder was aufzuschwatzen. Es geht ja nur darum nicht wegzugehen. Wenn einer getroffen ist, sich nicht wegzudrehen, sondern dazubleiben und zu schauen, ob es nicht irgendwas zu tun oder zu sagen gibt. Oder ob der Umstand, daß jemand da ist und nicht abhaut, allein schon sehr viel ausmacht. Daß die Person wirklich da ist und nicht nur im Internet, ob die Person einen in den Arm nehmen kann.

    Das wäre mir wichtig vorauszuschicken – es können ja alle ihre Auffassungen haben, und darüber soll unbedingt gestritten werden, aber paßt dennoch aufeinander auf, laßt euch mal nicht gegenseitig hängen, laßt diesen Scheiß mal nicht wirken. Meist ging der Verrat oder das Abwenden einher damit, daß bestimmte Differenzen für unüberbrückbar erklärt wurden, und das kann auf politischer oder anderer Ebene ja auch so sein, auf der Ebene persönlicher Solidarität sollte es nicht danach gehen. Wie heißt es so schön? Ketten bilden! Eine Linie ziehen, wo die Gewalt und die Repression und die Ausgrenzung nicht durchkommen. Wenn es irgendwann auf der Welt mal grundsätzlich anders und besser werden soll, wird das auch nur so zustandekommen, daß sich Menschen nicht im Stich lassen, daß sie sich zusammentun und die Scheiße nicht mehr gefallen lassen, daß sie versuchen, die Gesellschaft zusammen so einzurichten, daß wirklich alle mit erwischt werden, daß nicht immer welche hinten runterfallen. Das wäre das, was passieren muß, und das passiert gerade viel zu wenig, eher geht der Zug in die andere Richtung. Umso wichtiger ist es, daß alle, denen das klar ist, zusammenhalten und aufeinander aufpassen.

    Vortrag

    Die Personaldecke ist dünn, nicht nur hier, an vielen anderen wichtigen Stellen auch – bei diesen Veranstaltungen tauchen irgendwie immer die gleichen Leute auf. Ich bin auch nicht jemand, der bei sowas zum ersten Mal rumspringt. Ich darf aber auch endlich mal (wieder) reden – auf der letzten EntheoVision durfte ich nicht reden, dem Vernehmen nach wegen meiner politischen Auffassungen.

    Was das nun wert ist oder was ich davon zu halten hab, daß ich jetzt hier reden darf, weiß ich noch nicht so genau. Das kann auch als Wahllosigkeit oder Beliebigkeit genommen werden oder auf Offenheit auch in unschöne Richtungen hindeuten – wenn ich sehe, daß Mathias Bröckers hier spricht, ohne daß etwa sein Buchkapitel zur “Kosher Conspiracy”, die hinter 9/11 stecken soll, problematisiert zu werden scheint.

    Aber sei’s drum – dann kann ich hier eben sprechen, dann bin ich jetzt eben der Quotenkommunist, und das bin ich glaube ich schon, weil die politischen Positionen, die hier sonst so versammelt sind, sind ja, soweit ich das überblicken kann, eher so “links”. Das wäre auch schon einer meiner Punkte: daß die hier verhandelten Gegenstände und Themen nicht aus dieser linkslilberalen demokratieidealistischen Ecke rauskommen, in der es immer eher darum geht, sich moralisch aufzuspielen, irgendwelche Diskurse zu bedienen und seinen Scheiß verkauft zu kriegen – und dann vielleicht auch als akademisch durchzugehen, ernst genommen zu werden, wichtig wichtig wichtig zu sein, bla bla bla. Das ist mir alles sehr egal und das nervt mich alles sehr, und meiner Meinung nach steht dieser ganze Quatsch einer Reihe von wichtigen Erkenntnissen und möglichen Beiträgen auch schlicht im Weg – daß wir zum Beispiel mehr drüber nachdenken, was insgesamt vor sich geht, was wir wirklich ausrichten können, wie das mit der Gesellschaftsordnung zusammenhängt und den sozialen Kämpfen darin; daß wir mal aus diesem ganzen Begriffssalat und dem Geraune und der Skandalisierung von Tagespolitik rauskommen.

    Damit will ich nicht sagen, daß es blöd ist, sich aktuellpolitisch zu engagieren und Leuten, die gerade jetzt betroffen sind, zu helfen – ich mach ja selbst auch noch andere Sachen als klug daherreden. Mir geht’s darum, was nicht passiert, darum, inwiefern diese verschiedenen Positionierungen zur Ausrede gerinnen, über bestimmte Sachen nicht mehr nachzudenken bzw. inwiefern man dann auf bestimmte “dumme Gedanken” auch erst gar nicht mehr kommt. Das ist die Stelle, wo ich’s niemandem wirklich vorwerfen kann, weil mir klar ist, daß das eben die Welt ist, in der man sich gedanklich und überhaupt bewegt. Und jenseits davon ist noch sehr viel, bei dem wir die Dachpappe gerade höchstens mal vorsichtig angehoben haben.

    Wenn das hier jetzt als Ankacke rüberkommt – ich laß mich furchtbar gern davon überzeugen, daß das nicht stimmt. Schön, wenn ich im Nachhinein noch erfahren sollte, daß Leute sich an die Begriffsarbeit machen, das alles in Zusammenhang mit Klassenauseinandersetzungen und Systemüberwindung stellen, und zwar nicht auf so ‘nem Wir-99%-Lalala-Level, sondern vielleicht wirklich mal so, daß es irgendwann dazu führen könnte, daß alle Menschen kriegen, was sie brauchen, und nicht wieder wie einer dieser Schüsse in den Ofen, die es bisher meistens waren.

    Meine Baustelle ist also, da weiterzudenken, wo sonst immer gern stehengeblieben wird, wo es sonst immer heißt: Das bringt jetzt gerade nix, oder: Da haben wir jetzt gerade nix von, das ist gerade nicht unser Thema, das ist nicht aktuell, damit kann man realpolitisch gerade nichts anfangen usw. usf.

    Ich will mich nicht daran beteiligen, diese schönen und krassen Geschichten zu kolportieren, die immer irgendwie dramatisch und mysteriös klingen und bei denen man sich kraß vorkommen kann, wenn man sie erzählt – es muß nicht jeder Zufall was bedeuten, nur weil er einem auf Trip aufgefallen ist; vieles sieht unerklärlich aus, wenn man den Prozeß nicht kennt (oder ausblendet), der es hervorgebracht hat. Und ich will weg von der Skandalisiererei – es muß nicht immer gleich alles, was einem politisch nicht paßt, totalitär und faschistisch sein, und es ist doch auch völlig überzogen und vor allem falsch, die Forderung dieser Gesellschaft als Abstinenz zu bezeichnen, egal welcher schlaue Mensch das mal gesagt hat. Die Rausch- und Lustkontrolle in dieser Gesellschaft funktioniert doch offenkundig sehr viel selektiver und integrativer – wenn die Frontstellungen so übersichtlich wären wie: hier freiheitsliebende, lustbetonte Menschen gegen: da den grauen, supertotalitären “1984″-Staat, dann wäre die ganze Lage sehr viel einfacher. So sieht’s einfach nicht aus, tut mir leid. Wir sollen ja feiern – und dabei Wernesgrüner trinken und “Deutschland” schreien. Und wir sollen uns doch durchaus so gut berauschen, daß wir die Plackerei aushalten und uns vielleicht manchmal noch was einfallen lassen, damit aus dem Betrieb mehr rauskommt. Wir sollen und wollen doch “faszinierende innere Welten erkunden”, um die Scheißrealität von Ausbeutung, Hunger, Krankheit und Elend, von lauter vermeidbarem Leid auf dieser Welt nicht mitbekommen zu müssen.

    Was ich tun möchte ist zusammenzutragen, was wir über den Rausch aussagen können, und ihn so auf den Begriff bringen, ihn funktionell und historisch bestimmen. Ich habe dazu ein paar Vorschläge zu machen, wie wir den Rausch zu fassen bekommen können und den Horizont weit genug aufbekommen, um nicht mehr nur von den “jahrtausendealten Kulturpflanzen” und den “edlen Wilden” herumzutröten, sondern sowas Schlichtes, aber Großes sagen zu können wie: Rausch ist eine Fähigkeit jedes Lebewesens mit einem Nervensystem seit ein paar Hundert Millionen Jahren. Es ist so banal wie das, da muß keine Dramaturgie eingepflegt werden. Dazu kommen wir gleich noch.

    Das andere, was gesagt werden kann, betrifft den Zusammenprall dieser Fähigkeit Rausch mit Herrschaft – was das miteinander zu tun hat, wie es aufeinander bezogen ist und zurückwirkt. Und da gibt es eben nicht nur so eine schlichte Gegenüberstellung Herrschaft vs. Rausch – dann wär das alles ganz einfach, dann wäre Herrschaft auch sehr viel leichter aus der Welt zu schaffen. Ich mahne also ganz allgemein Dialektik an, das Denken in Widersprüchen – das heißt: wenn es übersichtlich und schwarz-weiß aussieht, wenn ich keine Widersprüche mehr sehe, dann stimmt’s höchstwahrscheinlich nicht, dann liege ich vermutlich falsch, dann hab ich’s vermutlich noch nicht verstanden, mache es mir zu einfach, und das wird sich in irgendeiner Form rächen, nicht zuletzt dadurch, daß ich dann vermutlich auch in der Logik der Herrschaft klebe und diese befördere.

    Wir haben also in der deutschen Sprache das Wort Rausch – vielleicht eine der größten Kulturleistungen dieser Gesellschaft. In anderen Sprachen scheint das so nicht entwickelt worden zu sein. Der Begriff in seiner modernen Bedeutung entstand zu einer Zeit, in der diese Gesellschaft noch nicht so beschissen war, wie sie später wurde und heute noch ist, sondern als sie noch in heftiger revolutionärer Gärung befindlich war und eine revolutionäre Hoffnung für die Welt dargestellt hat – und noch nicht dieser Friedhof der Hoffnungen war, der sie seither fast die ganze Zeit gewesen ist.

    In diesem Wort steckt die Möglichkeit, all diese vielen verschiedenen Zustände zusammenzufassen, und das unter einen relativ neutralen Begriff. Rausch faßt das sogar funktional recht gut, obwohl der Begriff geprägt wurde, als der Zusammenhang mit dem neurologischen Rauschen noch gar nicht so klar war. Es steckt also vom Kaufrausch bis zum Blutrausch alles drin und kann auf einen Nenner gebracht werden, und von da aus kann auch die Frage gestellt werden, die leider seitdem schon wieder nicht mehr so richtig gestellt wurde – was ich mit dem Ende jener revolutionären Gärung und ihren Umschlag in den monströsen, konterrevolutionären Irrsinn der deutschen Volksgemeinschaft in Zusammenhang bringen würde – die Frage nämlich, was all diese Zustände gemeinsam haben, woraus sich ja erst eine funktionelle Bestimmung und ein Begriff bilden lassen.

    Erst mal haben sie das gemeinsam, daß sie, wenn man sie alle mal zusammennimmt, das Leben des Nervensystems, des Menschen, der anderen Lebewesen mit Nervensystem ausfüllen, daß praktisch immer eine Form von Rausch in unterschiedlicher Intensität und meist auch in Kombination mit anderen Formen vorliegt. Es ist also ein Alltagsphänomen, etwas, das immer anzutreffen ist, das ständig vor sich geht. Wir müssen also die Vorstellung fallenlassen, Rausch wäre die Ausnahme, der Sonderfall, überhaupt eine Entscheidung – bezüglich der Art und des Verlaufs von Rausch treffen Menschen Entscheidungen, daß sie sich überhaupt im Rausch befinden, bedarf hingegen wie die allermeisten Formen von Rausch keiner Entscheidung, sondern ist einfach ein Zeichen dafür, daß das Nervensystem lebt. Wenn ich diese Idee von der Ausnahme und der besonderen Kategorie mitmache, geh ich der ganzen Sache schon auf den Leim.

    Dann kommt natürlich die Reaktion: “Was ist denn das noch für ein Begriff, wenn immer Rausch ist?” – Klar, was ist denn das für ein Begriff, wenn immer Atmung ist, wenn immer Verdauung ist? Wie soll ich denn da noch über verschiedene Nahrungsmittel und Rahmenbedingungen Aussagen treffen?

    Ich will den Begriff also mal in dieser umfassenden Weise fassen, wie es ja offenbar geht, und auch den Verlockungen nicht nachgeben, immer schon eher abzubiegen und etwa die Universalität von Rausch wieder nur mit dem winzigen raumzeitlichen Ausschnitt der “alten Kulturpflanzen” und der “indigenen Stämme” zu erklären. Das ist zu eng und deshalb irreführend, außerdem ist es in der Auswahl und Terminologie oft auch ein ganz schöner Haufen romantischer Unfug.

    Rausch ist einfach eine Fähigkeit des Nervensystems, vermutlich jedes Nervensystems, solange es die gibt, seit 3-400 Millionen Jahren nach heutigen Schätzungen – und nach all der Zeit hat sich diese Fähigkeit spezialisiert, ist so automatisch wie vielfältig geworden. So umfassend stellt sich das in etwa dar. Und damit kann ich mich natürlich nicht als der große Kulturverteidiger aufspielen, sondern muß erstmal zur Kenntnis nehmen, daß das die ganze Zeit schon in Betrieb ist – das müssen wir erst mal kapieren, das müssen wir erstmal akzeptieren, das müssen wir dann auch erstmal in die Debatte einspeisen, egal wie sehr das den Erwartungen und Verkaufschancen und Politikfeldern entgegensteht.

    Im weiteren hätte der Vortrag im wesentlichen diesen Slides folgen sollen. Zum Schluß dann noch eine Bemerkung zum Motto der Veranstaltung, wie es auf den Flyern zu lesen war, Günter Amendts Satz, daß Abstinenz als “gesellschaftliche Zielvorstellung … Ausdruck einer totalitären Phantasie” sei.

    Ende

    Diese Idee von Abstinenz, in der Art, wie sie im Veranstaltungsmotto gefaßt wird, ist eben nicht nur wegen des zu schlichten Bildes von gesellschaftlichen Konflikten Unfug, sondern auch, weil Rausch aus Menschen nicht rauszubekommen ist – ein Nervensystem, das nicht im Rausch ist, ist höchstwahrscheinlich tot. Abstinenz wird doch aufgesucht, um bestimmte Rauschzustände herbeizuführen, ob sie nun so genannt werden oder nicht. Und auch wenn das nicht die Absicht ist, stellen sich durch die Abwendung von bestimmten Rauschauslösern dennoch andere Formen von Rausch und andere Präferenzen für Auslöser ein. Ich kann die Art des Rausches ändern, ich kann vielleicht auch die Intensität runterfahren (was für alle, die unter zuviel Rausch leiden, ja auch höchst wichtig ist), aber ich bekomme den Rausch insgesamt nicht weg.

    Ebenso unsinnig ist es zu sagen, Abstinenz wäre nun eine spezifische Forderung totalitärer Herrschaft – jede Form von Herrschaft fordert irgendeinen selektiven Rauschverzicht, der aber in der Regel nicht wirklich durchgesetzt werden kann. Das ist ein konstitutives Merkmal von Herrschaft, ohne das sie einfach nicht funktionieren würde. Da ist keine Veranlassung für “Whoo-hoo, wir sind im Faschismus!” Da ist einfach Veranlassung für die überfällige Überwindung von Herrschaft, und nicht, weil sie irgendwo noch mal besonders schlimm ist, sondern weil sie immer Ausbeutung und Leid bedeutet.

    Meine nächsten Auftritte, quer durch die Botanik

    September 11th, 2014
  • ABGESAGT! Fr, 12.09.2014, Potsdam, Freiland, 18 Uhr: Rausch-Vortrag bei EntheoScience
  • Sa, 13.09.2014, Gotha, JU.W.E.L.: Auflegerei beim Antifa-Solitag der AAGTH (Ankündigung)
  • Do, 18.09.2014, Troisdorf, Jugendkulturcafé: Vortrag Entschwörungstheorie
  • Fr, 19.09.2014, Stuttgart, contain’t: Vortrag Entschwörungstheorie, anschließend Auflegen (FB-Event)
  • Sa, 20.09.2014, Tübingen, Schelling: Vortrag Entschwörungstheorie
  • So, 21.09.2014, Nürnberg, (tba): Vortrag zu Lust, Rausch und Zweifel (FB-Event)
  • Sa, 04.10.2014, Marburg, Trauma: Vortrag Entschwörungstheorie (FB-Event)
  • So, 05.10.2014, Karlsruhe, AKK, 18 Uhr: Vortrag Entschwörungstheorie (FB-Event)
  • Mo, 06.10.2014, Freiburg, Uni, KGI, HS 1098, 20 Uhr: Vortrag Entschwörungstheorie (FB-Event)
  • Sa, 18.10.2014, Halle, Reil78: Vortrag “Am Geld kleben – Antisemitismus und Kapitalismus”, Konzert mit istari Lasterfahrer und anschließend Auflegerei (FB-Event)
  • Do, 23.10.2014, Münster, Don Qijote: Vortrag Lust, Rausch & Zweifel (FB-Event)
  • Wer auch noch was einrühren will, findet hier mein aktuelles Programm – von November bis Januar bin ich allerdings nicht im Land.

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    Wernigerode → Thale

    August 31st, 2014

    Am Busbahnhof von einem Mann mit einem Knüppel bedroht worden (“Die Ausländer müssen alle weg!”, “Ich schlag dir alle Zähne aus!”), dann trotz Regenwetter lieber Richtung Ortsausgang gelaufen und getrampt.

    Schon an der Halberstädter Straße nach weniger als fünf Minuten einen angehalten, der früher im “Stadtgarten” Veranstaltungen gemacht und sich dort um die Technik gekümmert hat, und der mich noch bis aus Blankenburg raus an die Ausfallstraße nach Thale brachte.

    Von dort war’s – wieder nach kurzer Wartezeit – eine überdreht-gutgelaunte Kleinfamilie auf dem Weg nach Neinstedt, in deren Rumgealber ich jetzt sogar schon wieder einsteigen konnte.

    Bibliotheks-Cut-up: Menschheitsprobleme

    August 15th, 2014

    Stadtbibliothek Heinrich Heine, Halberstadt

    Signatur D024

    Bibliothek Halberstadt Regal Signatur D024

    “Man soll nicht die kleinen Leute lehren, was nur die Großen wissen dürfen.” Letztere machen geltend, daß der Weltraum allen gehöre und die Ergebnisse friedlicher Weltraumforschung, unabhängig davon, welches Land sie finanziere, ein “gemeinsames Erbe der Menschheit” darstellen. Insofern überrascht es nicht, daß die Meinungen in Militärkreisen gespalten sind. Stehen die Grünen rechts oder links? Der liebe Gott möge mir wegen des kleinen Tricks verzeihen. Aber Geschäft ist Geschäft. Wenn du dir nicht selbst hilfst, hilft dir niemand.

    Einige hundert ausgesuchte und in den Saal einer Barmbeker Gaststätte beorderte Funktionäre hatten gestaunt, als plötzlich die Tür abgeschlossen worden und die Aufforderung an alle ergangen war, den Raum nicht mehr zu verlassen, da nun der erste Teil des in der Bundesrepublik verbotenen Spielfilms “über den Genossen Teddy” laufen werde. “Was ist das alles für ein Quatsch!” schimpfte der alte Mann. Und im Weggehen rief er noch: “Armes Deutschland!”

    Genau wie das Oberflächenwasser (Seen und Flüsse) ist auch das Wasser unter der Oberfläche, das Grundwasser, ständig in Bewegung. Den Sehnsucht nach der Rückkehr zu einem paradiesischen Urzustand wird in die Zukunft verlegt: “Die Zukunft wird als Projektion der Vergangenheit gesehen, und die Vergangenheit wird im Hinblick auf die Zukunft rekonstruiert.”

    Auch hier gilt es, eine oberflächliche und eine tiefere Ebene zu unterscheiden. Die erste Kategorie war die der “aktiven Konterrevolutionäre”. Oder weshalb stellen sich nun auch die kommunistischen Parteien, wo sie so großen Einfluß besitzen wie in Frankreich und Italien, die Aufgabe, die Staatsmaschine zu erobern statt sie zu zerschlagen? “Mögen Tausende untergehen, die Revolution, der Staat werden gerettet sein.” Hierbei ist der Wandel in der Diktion von Interesse. Jeder kann sein nächstes Opfer werden.

    Menschen, die den Gehorsam verweigerten, gab es immer. In den siebziger Jahren wurde deutlich, daß diese Möglichkeiten weitgehend erschöpft waren. Und sie spielen doch. “Die haben ja nur gewonnen, weil sie Tore schießen wollten.”

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    bisherige Bibo-Cut-ups: Zentral- und Landesbibliotheken-Cut-ups und Royal Holloway College, University of London, Founder’s Library, 830 bis 832

    einige davon kommen auch hier drin vor:

    Halberstadt → Blankenburg

    August 14th, 2014

    Authentisches Paar: aggressiven Autofahrer mit Goslarer Kennzeichen aggressiv als “Wessi” beschimpft, mangelnden Zusammenhalt zwischen den verschiedenen Städten der Gegend beklagt, bei der Ankunft von Nazikumpels begrüßt worden. Für den Rest der Strecke dann doch lieber Bus.

    Wald bei Blankenburg

    Köln → Thale

    July 28th, 2014

    Kaum war ich ein paar Tage in Köln, schon versank die Stadt im Chaos. Mitten in der Nacht irrten Tausende von Menschen zwischen endlosen Autostaus und festsitzenden Straßenbahnen herum, Anzeigetafeln fielen aus, die Polizei und viele, die sich so vorkamen, mahnten inmitten davon herrisch irgendwelche Reste von Regeln an – nachdem ich selbst anderthalb Stunden gebraucht hatte, um aus dem Geschiebe und Genöle herauszukommen, beschloß ich, mich mal wieder auf den Weg zu machen.

    Das tat ich so: ich fuhr mit der U1 bis zur Endstation Bensberg, lief dort bis an die Autobahnauffahrt, die zwar ein Schild erforderlich macht, aber sehr zu empfehlen ist.

    Vom ersten Auto weiß ich nicht mehr sehr viel – ein Pärchen, möglicherweise aus Ungarn, auf dem Weg in die Nähe von Nürnberg, meinetwegen aber via Siegen. Von Katzenfurt fuhr irgendwie niemand in meine Richtung auf die A5, also orientierte ich auf ein Wendemanöver. Als ein weiteres Pärchen auf dem Weg nach Frankfurt anhielt, sagte ich, daß ich in Wetterau die Seiten wechseln will, und sie wußten sofort bescheid – waren beide offenbar selbst schon viel getrampt und schienen sich insgesamt mit den Rändern und Abgründen der Gesellschaft ganz gut auszukennen.

    Der Lieferwagenfahrer, der mich in Wetterau dann einlud, sprach eine Mischung aus Holländisch, Französisch und Moseldialekt und sollte für eine Firma einen auf ebay erworbenen Motor aus einem mir und ihm unbekannten Ort abholen, an den ihn sein antikes Navi lotsen sollte. Er war sich aber sicher, daß sein Ziel grob in Richtung Kassel läge, also fuhr ich zumindest bis nach Reinhardshain mit, es gelang aber kein richtiges Gespräch.

    In Reinhardshain stand ich ganz schön lange rum (vielleicht, weil ich anfing zu singen), dann hielt der Betreiber eines Spätis in Friedrichshain an, was nun leider nicht mehr heißt, daß ich schon zu Hause bin. Da sein Navi der Meinung war, ihn lieber über die A4 als über die A7 nach Berlin zu schicken, ging’s für mich sogar nur bis nach Kirchheim. Das Gespräch drehte sich darum, wie sich Berlin so verändert hat – er meinte, daß vieles nicht mehr funktioniert, wenn es zu viele Leute werden, die selber nichts tun. Er will deshalb bald woanders hingehen, in die Schweiz vielleicht.

    Bensberg Map

    Von Kirchheim bis zur A7-Ausfahrt Rhüden, von der es ins Harzvorland geht, fuhr ich mit einem Kletterlehrer, der mit einem alten Bus mit defektem Turbolader unterwegs war, so daß wir hin und wieder Pause machen mußten. Wir redeten größtenteils über Nazis, aber auch zum Beispiel über einen Bekannten von ihm, der mit Tesla-Geräten herumexperimentiert.

    Zum Schluß dann noch ein älteres Ehepaar in einem Mercedes mit weißer Innenauskleidung, das über Schönebeck weiter in die ostdeutsche Provinz wollte und das als “eine Art Trampen” bezeichnete. Wir unterhielten uns darüber, wie sich der Osten entvölkert hat, was überhaupt noch Leute hier hält, über aufgegebene Dörfer und abgebaute Industrie. Bevor sie mich an der Quedlinburger Ausfahrt absetzten, drängten sie mich noch dazu, mich unbedingt, so bald ich kann, auf der Roßtrappe in den Hufabdruck zu stellen und mir etwas zu wünschen – weil das immer funktioniert. Aber nur, wenn ich’s wirklich glaube.

    Dann mußte ich nach Quedlinburg hineinlaufen, weil an der Ausfahrt niemand anhielt, entdeckte, daß die beste Trampstelle in Richtung Thale nun eine Baustelle ist, und setzte mich dann für die letzten Meter doch noch in den Zug.

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